{"id":6932,"date":"2010-05-21T06:06:47","date_gmt":"2010-05-21T04:06:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=6932"},"modified":"2021-05-23T08:24:35","modified_gmt":"2021-05-23T06:24:35","slug":"heute-ist-wieder-rosentag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2010\/05\/heute-ist-wieder-rosentag.htm","title":{"rendered":"Heute ist wieder Rosentag"},"content":{"rendered":"<p><strong>Oder: Wie ich den Mitbewohner kennen und lieben lernte<\/strong><\/p>\n<p>Oh, ich war sehr gerne Single, damals, mitten im Studium, und das erz\u00e4hlte ich oft. Beziehungen bedeuteten meiner Erfahrung nach und nach dem, was ich so um mich herum beobachtete, in erster Linie Einschr\u00e4nkungen und Komplikationen, kurz: eine deutliche Verschlechterung der durchschnittlichen Lebensqualit\u00e4t. Seit gut vier Jahren hatte es keinen Partner in meinem Leben gegeben, daf\u00fcr hatte ich einige sehr gute Freunde und Freundinnen. Kleinere Verliebtheiten waren ohne Folgen an mir vor\u00fcber gegangen. Eben hatte ich mich mal wieder auf eine Aff\u00e4re eingelassen, mit einem sympathischen Herrn. Doch entgegen seiner urspr\u00fcnglichen Unabh\u00e4ngigkeitsbeteuerungen war er zum einen offensichtlich getroffen, als ich auf seine mit tiefem Blick in meine Augen gestellte Frage \u201eUnd was wird jetzt aus uns?\u201c fr\u00f6hlich antwortete: \u201eWas soll denn werden?\u201c Zum anderen musste ich mich schlie\u00dflich doch mit Befindlichkeiten, Verletzungen und Eitelkeiten besch\u00e4ftigen, die ich nicht mit der Leichtigkeit einer Aff\u00e4re in Verbindung brachte.<\/p>\n<p>Dennoch gab es eine L\u00fccke in meinem entspannten Singleleben, damals im Herbst und Winter 1991\/92, nach meinem Auslandsjahr in Wales: Ein Freund mit angenehm merkw\u00fcrdigen Interessen, mit dem ich meine Zeit ganz besonders gern verbrachte, war f\u00fcr wiederum sein Auslandsstudienjahr abwesend. Allerdings schien eine Art Ersatz aufzutauchen: Der M., den ich als Mit-Hiwi am Lehrstuhl f\u00fcr Englische Literaturwissenschaft kennengelernt hatte und mit dem ich hin und wieder eine rauchen ging, kannte sich mit alten Hollywoodfilmen und MGM-Musicals aus und besa\u00df auch sonst seltsames Fachwissen, unter anderem zu Superheldencomics. Vielleicht w\u00fcrde ich ja auch mit ihm tiefe Gespr\u00e4che f\u00fchren k\u00f6nnen, die nahezu ausschlie\u00dflich aus Asterix-Zitaten bestanden.<\/p>\n<p>Als ich im Fr\u00fchjahr mal wieder zu einem Sonntagsfr\u00fchst\u00fcck zu mir lud, fiel mir ein, dass M. doch ganz gut in meine Freundesrunde passen k\u00f6nnte. Ich rief ihn an und lud ihn dazu &#8211; nur um bei diesem Fr\u00fchst\u00fcck festzustellen, dass ich mit meiner Einsch\u00e4tzung wohl falsch gelegen hatte: M. fr\u00fchst\u00fcckte zwar mit und guckte aufmerksam, sprach aber praktisch kein Wort, beteiligte sich nicht mal durch Lachen an der regen Unterhaltung. Ich verga\u00df das Ganze schnell. Zumal der vermisste Freund inzwischen von seinem Auslandsjahr zur\u00fcckgekehrt war.<\/p>\n<p>Einige Wochen sp\u00e4ter fragte M. mich w\u00e4hrend unseres gemeinsamen Hiwi-Dienstes, ob ich wohl Lust h\u00e4tte, Pokern zu lernen. Ein Doktorand vom Nachbarlehrstuhl, den ich vom Sehen kannte, sei Experte darin und habe sich erboten, Interessenten eine Einf\u00fchrung zu geben. An einem Donnerstagabend bei ihm, M., zu Hause. Obwohl ich mir weder aus Karten etwas machte noch aus Gl\u00fcckspiel, klang Pokern faszinierend \u2013 eben nach alten Hollywoodfilmen. Ich sagte sofort zu. Eingeladen waren neben mir der vermisste Freund sowie eine Hiwi-Kollegin, wir fuhren gemeinsam im Auto des Freundes hinaus in den Vorort.<\/p>\n<p>M. wohnte noch bei seinen Eltern, so pokerten wir am gro\u00dfen Familienesstisch. Der Gastgeber trug pokergem\u00e4\u00df Weste und hatte ein abwechslungsreiches und wohlschmeckendes Buffet bereitgestellt. Pokern zu lernen und zu spielen war sehr aufregend. Der einweisende Doktorand hatte sch\u00f6ne Jetons mitgebracht, so lag stilgerecht kein Geld auf dem Tisch herum. Und er baggerte mich den ganzen Abend und die ganze Nacht an, dieser einweisende Doktorand, unverhohlen. Ich wusste nicht recht damit umzugehen: Angebaggertwerden war und ist f\u00fcr mich sehr ungew\u00f6hnlich. Wir spielten bis ins Morgengrauen, ich erinnere mich aber nicht mehr daran, wer mit dem gr\u00f6\u00dften Gewinn heimging.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Freitage hielt ich mir w\u00e4hrend meiner gesamten Studienzeit von Veranstaltungen frei. An diesem Tag kaufte ich ausf\u00fchrlich ein, las, r\u00e4umte herum, verabredete mich. Am Freitag nach der Pokernacht schlief ich zudem sehr lange aus.<\/p>\n<p>Nachmittags klingelte es \u00fcberraschend an der T\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/03\/ein-foto-das-mich-glucklich-macht.htm\">meiner 200 Jahre alten, krummen, schiefen Altbauwohnung<\/a>. Davor stand M., anscheinende Eink\u00e4ufe in der Hand. In meinem Hirn machte etwas sehr deutlich: \u201eOh oh.\u201c Ich bat M. herein &#8211; er trug das gr\u00fcne Hemd, das so gut zu seinen Augen passte &#8211; und kochte uns Tee. An meinem einzigen Tisch sitzend plauderten wir \u00fcber dieses und jenes, bis M. sagte: \u201eWir k\u00f6nnen uns gleich weiterunterhalten,\u201c zu seinen Eink\u00e4ufen ging, die gr\u00f6\u00dfte rote Rose daraus hervorholte, die ich je gesehen hatte, mir diese \u00fcberreichte und sagte: \u201eSolltest du jemals des Single-Daseins \u00fcberdr\u00fcssig werden \u2013 denk an mich.\u201c<\/p>\n<p>Welch furchtbar peinliche Situation! Ich hastete in die K\u00fcche, \u201eVase!\u201c, versorgte die Rose, versuchte tief durchzuatmen und kehrte, den Blick fest auf die Vase in meinen H\u00e4nden geheftet, zum Tisch zur\u00fcck. Wo M. die Unterhaltung an genau dem Punkt wiederaufnahm, an der er sie unterbrochen hatte. Bald verabschiedete er sich, meiner Erinnerung nach v\u00f6llig gelassen.<\/p>\n<p>Ich war f\u00fcr den fr\u00fchen Abend mit einer Freundin in einer Bar verabredet, hielt es dort aber nicht lange aus: Ich musste dringend mit dem vermissten Freund \u00fcber den ungeheuren Vorfall sprechen und lief durch die Altstadtgassen zu seiner winzigen Wohnung. \u201eIch habe heute Nachmittag einen Antrag bekommen,\u201c platzte ich heraus, gleich nachdem er mich hereingebeten hatte. Der Freund \u00e4u\u00dferte sich \u00fcberrascht, dass es M. gewesen war, der seine Aufwartung gemacht hatte und nicht der baggernde Doktorand. Nun bat ich ihn um Hilfe: Irgendwie musste ich ja wohl auf diesen Antrag reagieren (ich kannte M. nicht mal gut genug um einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, ob er sowas nicht alle Monate machte) \u2013 doch sollte die Form der Absage zumindest Stil haben. Noch dazu eilte eine Reaktion: Ich w\u00fcrde wenige Tage sp\u00e4ter eine Reise nach England antreten. Der Freund besa\u00df eine umfangreiche Sammlung Filmmusik: Ob es vielleicht eine sch\u00f6ne Musicalnummer \u201eThanks, but no thanks\u201c gab? Wir h\u00f6rten eine Weile alles m\u00f6gliche durch und kamen zu dem Ergebnis: Diese Art der h\u00f6flichen, freundschaftlichen Zur\u00fcckweisung war in Musicals nicht vorgesehen.<\/p>\n<p>Erst am n\u00e4chsten Tag am B\u00fcgelbrett kam mir eine Idee, die meinen Anspruch an eine Reaktion auf M.s Erkl\u00e4rung erf\u00fcllte: ein goldener Korb. Ich besorgte in einem Bastelladen ein schlichtes K\u00f6rbchen sowie ein goldenes Lackspray. Um die Absage zu vers\u00fc\u00dfen, stellte ich als F\u00fcllung Erdbeerkonfekt her (Erdbeeren mit Gr\u00fcn in Kuvert\u00fcre getunkt und kaltgestellt) \u2013 es war schlie\u00dflich Mai und damit Erdbeersaison. Dazu schrieb ich ein K\u00e4rtchen \u2013 an dem Text schraubte ich endlos herum. Ich glaube, das Ergebnis war: \u201eBei einer solch stilvollen Geste muss der Korb zumindest golden sein.\u201c Das Ganze verpackte ich. Und wunderte mich tats\u00e4chlich keine Sekunde lang dar\u00fcber, dass mich die ganze Sache derart mitnahm.<\/p>\n<p>Nun galt es noch, die extrem peinliche Situation der n\u00e4chsten Begegnung mit M. und die \u00dcbergabe des P\u00e4ckchens zu meistern. Ich wusste, dass wir beide am Montag Hiwi-Dienst hatten, also nahm ich das K\u00f6rbchen mit. Als wir einander im Hiwi-B\u00fcro begegneten \u2013 M. war auch an diesem Montag die Gelassenheit und Ruhe selbst -, gab ich ihm das Paket und wies ihn lediglich darauf hin, er m\u00f6ge es nicht in der Sonne stehenlassen. Puh, \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>In England aber hatte ich M. so konstant im Kopf, als w\u00e4re er mitgefahren: Ich w\u00fchlte in Antiquariaten nach B\u00fcchern, von denen er \u00fcber den gemeinsamen Zigaretten erz\u00e4hlt hatte. Ich erz\u00e4hlte meinen Freundinnen von ihm. Er war praktisch st\u00e4ndig in meinem Kopf. Doch erst nach meiner R\u00fcckkehr, als ich den Korridor zum Hiwi-B\u00fcro entlang ging und ihn in der Raucherecke sitzen sah, traf mich wie ein Hammerschlag die Erkenntnis, dass ich mich verliebt hatte.<\/p>\n<p>Das brachte mich in eine dumme Situation: Schlie\u00dflich hatte ich dem Herrn einen Korb gegeben. Wie sollte ich ihm nun bedeuten, dass die Lage sich ver\u00e4ndert hatte? Zumal M. im Umgang mit mir die Unbefangenheit selbst war, als w\u00e4re nie etwas gewesen? Ich bat M. um Verabredungen, ging mit ihm ins Kino, in Kneipen, ich versuchte zu flirten (auf der Liste der Dinge, in denen ich schlecht bin, ganz oben), machte Andeutungen \u2013 er sprang auf nichts davon an.<\/p>\n<p>Nach einem literaturwissenschaftlichen Abendseminar, das wir beide besuchten, lie\u00df ich mich von ihm im Auto nach Hause bringen und fasste mir ein Herz. Im Aussteigen, wir hatten uns schon verabschiedet, wandte ich mich kurz zu ihm um und sagte: \u201eDir ist schon klar, dass ich mich in dich verliebt habe?\u201c M. lehnte \u00fcber dem Lenkrad und antwortete: \u201eIch hatte es gehofft.\u201c Ich l\u00e4chelte ihn an und ging von <del datetime=\"2010-05-22T13:48:44+00:00\">hinnen<\/del>dannen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag trafen wir in der Uni-Cafete wieder aufeinander. Und verabredeten uns zu unserem ersten richtigen Date.<\/p>\n<p><i>Letztes Jahr hat der Mitbewohner <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/05\/heute-ist-rosentag.htm\">seine Version der Ereignisse<\/a> notiert. Und heute bekam er von mir 17 Rosen.<\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/a48a47e281284b89a81ca9a798603b2d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder: Wie ich den Mitbewohner kennen und lieben lernte Oh, ich war sehr gerne Single, damals, mitten im Studium, und das erz\u00e4hlte ich oft. Beziehungen bedeuteten meiner Erfahrung nach und nach dem, was ich so um mich herum beobachtete, in erster Linie Einschr\u00e4nkungen und Komplikationen, kurz: eine deutliche Verschlechterung der durchschnittlichen Lebensqualit\u00e4t. 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