{"id":71901,"date":"2021-11-06T08:16:53","date_gmt":"2021-11-06T07:16:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=71901"},"modified":"2022-11-04T14:08:32","modified_gmt":"2022-11-04T13:08:32","slug":"journal-freitag-5-november-2021-sehnsucht-nach-2g","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2021\/11\/journal-freitag-5-november-2021-sehnsucht-nach-2g.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 5. November 2021 &#8211; Sehnsucht nach 2G"},"content":{"rendered":"<p>Vor Wecker aufgewacht. Emsiger Morgen daheim, strammer Marsch in frostiger K\u00e4lte in die Arbeit.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/211105_01_Theresienwiese.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/211105_01_Theresienwiese.jpg\" alt=\"\" width=\"449\" height=\"603\" class=\"alignnone size-full wp-image-71912\" srcset=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/211105_01_Theresienwiese.jpg 449w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/211105_01_Theresienwiese-447x600.jpg 447w\" sizes=\"auto, (max-width: 449px) 100vw, 449px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Linden um die Theresienwiese sind bereits kahl.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/211105_02_Bavariapark.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/211105_02_Bavariapark.jpg\" alt=\"\" width=\"497\" height=\"407\" class=\"alignnone size-full\" \/><\/a><\/p>\n<p>In der Arbeit sofort Hochdruck &#8211; die Tasse Tee, die ich geschickt dazwischen eingef\u00e4delt aufgebr\u00fcht hatte, wurde kalt. Und das, wo ich wusste, dass es ein langer Arbeitstag werden w\u00fcrde (durch Einfl\u00fcsse, die deutlich schlechter prognostizierbar sind als das Wetter). Ich musste abarbeiten, was sich physisch durch meinen Homeoffice-Tag aufgeh\u00e4uft hatte &#8211; mein Job ist nunmal nur zu einem kleinen Teil kompatibel mit dem Konzept Telearbeit. Was mir bei der Entwicklung der Infektionszahlen bei gleichzeitig steigendem Leichtsinn immer egaler wird.<\/p>\n<p>Erst um halb zwei kam ich zum Mittagessen: Pumpernickl, Rest Fenchel-Mandarinen-Salat, Weintrauben.<\/p>\n<p>Am Nachmittag konnte ich strukturierter arbeiten, doch der ohnehin sp\u00e4te Berufstermin verschob sich wie bef\u00fcrchtet immer weiter nach hinten. Es wurde spannend, ob ich es rechtzeitig zur Abendverabredung mit Herrn Kaltmamsell schaffen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es klappte dann ganz exakt, ich kam genau um die verabredeten 19 Uhr am Restaurant an, in dem ich uns einen Tisch reserviert hatte. Doch der Abend wurde angespannt: Unsere Impf-Zertifikate wurden nur mit Seitenblick gepr\u00fcft, der Laden war gesteckt voll ohne Abstand zwischen den Tischen, und das Personal konnte keine Nachfragen zum kulinarischen Angebot beantworten. Wir wurden satt, schauten aber, dass wir da schnell wieder rauskamen.<\/p>\n<p>Spaziergang nach Hause und Beschluss, bis Ende Pandemie h\u00f6chstens noch in Gastronomie mit ernsthaft \u00fcberpr\u00fcfter 2G-Regelung einzukehren, also nur unter verl\u00e4sslich Geimpften\/Genesenen (dass es 2G-Lokale in M\u00fcnchen gibt, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-nachtleben-ausgehen-clubs-corona-2g-1.5456473?reduced=true\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">wei\u00df ich aus dem Lokalteil der <i>S\u00fcddeutschen<\/i><\/a> &#8211; eigentlich sehe ich da auch ein lukratives Gesch\u00e4ftsmodell).<\/p>\n<p>Aber der Zweck der Verabredung hatte sich erf\u00fcllt: Wir waren dazu gekommen, einander von den vergangenen beiden Wochen zu erz\u00e4hlen. Daheim noch ein wenig S\u00fc\u00dfes und ein Limoncello, fr\u00fch ins Bett.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Adrian Daub, Germanist und Professor f\u00fcr vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University in Kalifornien, schreibt \u00fcber die Verdrehung und Instrumentalisierung eines US-amerikanischen Begriffs in deutschsprachigen Medien:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2144\/essay\/der-kurze-weg-von-der-lappalie-zur-cancel-culture\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Der kurze Weg von der Lappalie zur Cancel Culture&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Gruselige Anekdoten f\u00fcr die Boomerseele: Unter dem Schlagwort \u00abCancel Culture\u00bb ist in den deutschsprachigen Feuilletons ein regelrechtes \u00d6kosystem entstanden. <\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Cancel Culture reiht sich in ein Muster ein: Aufregung unter Rechten in den USA wird Futter f\u00fcrs liberale deutschsprachige Feuilleton. Man f\u00fchlt sich an den alten Marx-Satz erinnert, Deutschland habe die Restaurationen gehabt, selbst wenn es die Revolutionen \u00fcbersprungen habe. Europa mag Entwicklungen unter US-Campus-Linken \u2013 wie die Gender Studies und Critical Race Theory \u2013 zwar verschlafen haben. F\u00fcr die \u00c4ngste seitens Konservativer \u00fcber Gendern ist es aber hellwach.<\/p>\n<p>Der britische Soziologe Stanley Cohen hat daf\u00fcr schon in den siebziger Jahren den Begriff der moralischen Panik gepr\u00e4gt: Moralische Panik ist immer ein St\u00fcck Aufmerksamkeits\u00f6konomie, eine Art kollektiver Konzentration auf scheinbar marginale Dinge, von denen auf eine gesamtgesellschaftliche Gefahr geschlossen wird. Bestimmte Ereignisse sollen pl\u00f6tzlich viel mehr Aufmerksamkeit verdienen als andere, \u00e4usserlich sehr \u00e4hnliche. Moralische Panik macht uns hypersensibel f\u00fcr die einen und blind f\u00fcr andere. Cohen hat auch darauf hingewiesen, dass bei moralischer Panik immer irgendeine Form der Jugendkultur im Zentrum der Projektion stehe: Mods, Rocker, Heavy-Metal-Fans \u2013 und jetzt eben \u00abwoke\u00bb Student:innen. Die Angst vor der jeweiligen Nichtigkeit ist immer auch eine Angst davor, selber obsolet zu werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Immer wieder werde ich von europ\u00e4ischen Kolleg:innen mit angehaltenem Atem gefragt, was ich mich denn \u00fcberhaupt noch trauen w\u00fcrde. Ganz so, als fl\u00fcsterte ich meine Vorlesungen zu Stefan George nur noch und als w\u00fcrde ich meine Kant-Gesamtausgabe irgendwo vor studentischen Spitzeln verstecken. Interessant ist aber auch, dass mir diese Frage genau so, im gleichen besorgten Ton, seit ungef\u00e4hr f\u00fcnfzehn Jahren gestellt wird. Die Fragesteller:innen scheinen auf einen neuen McCarthyismus von links in den USA zu warten wie Estragon und Wladimir auf Godot.<\/p>\n<p>Die Tendenz, anhand einer kleinen Anzahl Vorg\u00e4nge an Liberal Arts Colleges und Ivy-League-Universit\u00e4ten eine angebliche Welle linker Intoleranz diagnostizieren zu wollen, ist mittlerweile sogar vierzig Jahre alt, fast so alt wie ich. Die Warnung vor drohenden Denkverboten und so viel anderem mehr wurde schon 1985 von Allan Bloom in seinem Bestseller \u00abThe Closing of the American Mind\u00bb ausgebreitet, 1990 von Roger Kimball in \u00abTenured Radicals\u00bb, 1991 von Dinesh D\u2019Souza in \u00abIlliberal Education\u00bb und 1992 von Robert Hughes in \u00abCulture of Complaint\u00bb. 1995 prangerte auch Peter Thiel in \u00abThe Diversity Myth\u00bb die \u00abpolitische Intoleranz\u00bb an US-Unis an. Und das sind nur die erfolgreicheren Titel. Jedes Jahr bringt ein weiteres Dutzend solcher Menetekel.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig vom Erscheinungsdatum hatten diese B\u00fccher alle dieselbe Masche. Die dystopische Zukunft, die sie entwarfen, erf\u00fcllte sich nie. Alles, was man \u00abbald\u00bb nicht mehr w\u00fcrde unterrichten d\u00fcrfen: Man unterrichtet es noch heute. Diese historische Dimension f\u00e4llt bei der Aufbereitung im Feuilleton weg: Von den genannten wurden offenbar nur die B\u00fccher von Allan Bloom und Robert Hughes \u00fcberhaupt ins Deutsche \u00fcbersetzt. Das Zeitungswesen ist schnelllebiger als die akademische Welt. Was sich in den USA also als jahrzehntelange Kampagne pr\u00e4sentiert, wird im deutschsprachigen Feuilleton als immer wieder neue Erregung erlebt.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>ABBA hat wieder gemeinsam Musik ver\u00f6ffentlicht und eine neue Show vorbereitet. Ein ausf\u00fchrliches Interview mit den beiden ABBA-Komponisten Ulvaeus and Andersson im <i>Guardian<\/i>:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/music\/2021\/oct\/27\/abba-reunion-interview-voyage-younger-selves\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Super troupers! Abba on fame, divorce, ageing backwards \u2013 and why they\u2019ve returned to rescue 2021&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Erst dadurch habe ich mich daran erinnert, dass ABBA Anfang der 1990er eigentlich Vergangenheit waren; auch ich kannte sie vor allem als ein Detail, mit dem ich als Teenager nichts anfangen konnte: ABBA war was f\u00fcr Pferdem\u00e4dchen. Doch dann:<\/p>\n<blockquote><p>A jokey Australian tribute band, Bj\u00f6rn Again, began to do surprisingly good business, progressing from playing colleges to performing at Reading festival at the behest of headliners Nirvana: today, Bj\u00f6rn Again is a global franchise, with umpteen versions of the band performing in different territories.<\/p><\/blockquote>\n<p>Genau diese Band spielte auf dem Summer Ball der Swansea University, den ich 1992 besuchte &#8211; und auf dem ich mich \u00fcberraschenderweise leidenschaftlich zu ABBA mitgr\u00f6hlend und tanzend in der Menschenmenge wiederfand.<\/p>\n<blockquote><p>Both [Ulvaeus and Andersson] profess bafflement as to what happened \u2013 \u201cIt\u2019s difficult to fathom, you know, I really don\u2019t get it,\u201d Andersson shrugs \u2013 but the truth is probably quite prosaic: a generation who had grown up with Abba\u2019s music as young children, at an age when the alleged coolness or otherwise of music has no bearing on your tastes, had come of age.<\/p><\/blockquote>\n<p>Richtig lieb gewonnen habe ich ABBA-Schlager dann durch den herzzerrei\u00dfenden Film <i>Muriel&#8217;s Wedding<\/i>. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/df246b501fed46f2b41552153b05822d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Wecker aufgewacht. 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