{"id":726,"date":"2005-01-27T20:42:57","date_gmt":"2005-01-27T19:42:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/01\/altgriechisch-heute.htm"},"modified":"2005-01-27T20:45:03","modified_gmt":"2005-01-27T19:45:03","slug":"altgriechisch-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/01\/altgriechisch-heute.htm","title":{"rendered":"Altgriechisch heute"},"content":{"rendered":"<p>\u201eMeine Tochter m\u00f6chte unbedingt Altgriechisch lernen\u201c schreibt mir ein Leser Stefan und bittet mich, den Fragebogen, <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/03\/teinete-toxa.htm\">den ich hier mal erfunden habe<\/a>, selbst zu beantworten.<\/p>\n<p>Aber gerne!<\/p>\n<p>Zuvor: Stefan, bitte knutschen Sie mir Ihre Tochter ganz fest. \u201eM\u00f6chte unbedingt Altgriechisch lernen\u201c! Guuuute Tochter!<\/p>\n<p><i>&#8211; Wie beurteilst Du im Nachhinein Deine Kurswahl? Gut \/ schlecht \/ irrelevant<\/i><br \/>\nAltgriechisch war das beste an meiner gesamten Schulzeit. Ich tauchte in eine Welt der Intellektualit\u00e4t ein, die mein geistiges und ethisches Heranwachsen pr\u00e4gte. Von den Begr\u00fcndern unserer abendl\u00e4ndischen Kultur lernte ich zu fragen und zu hinterfragen.<\/p>\n<p><i>&#8211; Hast Du in Deinem weiteren Leben von diesem Kurs profitiert? Nein \/ ja, privat, n\u00e4mlich \u2026 \/ ja, beruflich, n\u00e4mlich \u2026<\/i><br \/>\nJa, ja.<br \/>\nPrivat durch die Freude am Debattieren und Nachdenken. Und ich behaupte immer noch, dass wir Altgriechen uns bereits nach wenigen S\u00e4tzen gegenseitig erkennen.<br \/>\nBeruflich: Bereits in meinem ersten Semester Nebenfach-Geschichte bot mir der Lehrstuhl Alte Geschichte einen Hiwi-Job an. Zudem wei\u00df ich, dass in manchen Manager-Seminaren mit Platos H\u00f6hlengleichnis gearbeitet wird. Scheint also was f\u00fcr die Karriere herzugeben.<\/p>\n<p><i>&#8211; W\u00fcrdest Du Deinen Kindern Altgriechisch empfehlen? Ja \/ nein \/ egal.<\/i><br \/>\nIch habe keine Kinder und w\u00fcrde diese Empfehlung sehr vom einzelnen Kind abh\u00e4ngig machen. Einem Menschen, der am gl\u00fccklichsten ist, wenn er aus Metallabf\u00e4llen einen Hubschrauber baut, w\u00fcrde ich es nicht empfehlen. Wohl auch keinem, der sich noch nie f\u00fcr die Hintergr\u00fcnde dessen interessiert hat, was er so sieht und h\u00f6rt.<br \/>\nAber jemandem, der schon als Kind fragt: \u201eMama, warum IST was?\u201c &#8211; ja. Einem Menschen, der \u201eunbedingt Altgriechisch lernen\u201c m\u00f6chte &#8211; ja!<\/p>\n<p><i>&#8211; Gibst Du Altgriechisch im F\u00e4cherkanon bayerischer Gymnasium langfristig eine Chance? Ja \/ nein.<\/i><br \/>\nIch f\u00fcrchte nein. Wenn von Bildung immer mehr ein direkt wahrnehmbarer praktischer Nutzen erwartet wird, steht ein Fach, das im Endeffekt Grundlagen des lebenslangen Lernens vermittelt, auf verlorenem Posten.<\/p>\n<p>In welchem Umfang (Grund- oder Leistungskurs) wei\u00df die angehende Altphilologin dann selbst am besten.<\/p>\n<p>Warum habe ich selbst damals eigentlich Altgriechisch statt Franz\u00f6sisch genommen? Zum einen sicher, weil der gute alte Herr Gra\u00dfl, Fachbetreuer Altgriechisch, heftig daf\u00fcr warb, bei Sch\u00fclern und Eltern. Seine Argumente gingen wohl in die Richtung, dass man mit Altgriechisch-Kenntnissen viel besser Medizin studieren und \u00fcberhaupt ganz viele Fremdw\u00f6rter aufschl\u00fcsseln k\u00f6nne. Halte ich f\u00fcr Bl\u00f6dsinn, aber das kapierten die Leute wenigstens.<br \/>\nZum anderen war es vermutlich blanker Snobismus. Altgriechisch war etwas Besonderes, das lernte so gut wie niemand, au\u00dferdem hatte es eine Geheimschrift. Die Faszination der griechischen Mythologie mag f\u00fcr mich auch eine Rolle gespielt haben. Und ich sagte mir, dass ich Franz\u00f6sisch sp\u00e4ter auch noch lernen k\u00f6nne, Altgriechisch aber jetzt oder nie. Wie schon bei der Wahl des Gymnasiums lie\u00dfen meine Eltern mir freie Wahl.<\/p>\n<p>Habe ich schon die Geschichte von der Altgriechisch-Enthusiastin in Madrid erz\u00e4hlt? Erst in Spanien lernte ich vor 15 Jahren endlich mal coole Altphilologen kennen. Was ich bis dahin an deutschen Lehrst\u00fchlen gesehen hatte, lag an Verstaubtheit nur knapp \u00fcber Priesterseminaristen. Die Gruppe Studenten von der Madrider Complutense, auf die ich w\u00e4hrend eines \u00dcbersetzungsjobs traf, brachten ihrem Fach die gleiche Leidenschaft entgegen, mit der ich Englische Literatur studierte. Au\u00dferdem konnten sie singen. Da war diese Nacht in C\u00e1ceres, als wir mit einer Gitarre unterwegs waren und aus einem Fenster ein Saxophon erklang. Wir sangen hoch, und die Sax-Spielerin sah aus dem Fenster\u2026.. andere Geschichte.<\/p>\n<p>Unter diesen Altphilologen war eine junge Frau von der Sch\u00f6nheit einer persischen Prinzessin; nennen wir sie Isabel. Sie kam aus \u00e4rmsten Verh\u00e4ltnissen, war aber eine so \u00fcberragende Studentin, dass sie auch ihren Vater mit ihren Stipendien durchf\u00fcttern konnte.<br \/>\nNach ersten Abschlusspr\u00fcfungen unterrichtete Isabel ein Jahr an einer Schule Latein, zus\u00e4tzlich Altgriechisch als rege besuchtes Wahlfach. Doch dann strich die Schulleiterin das Griechisch-Angebot zugunsten eines moderneren Faches und behauptete, die Nachfrage sei zu gering gewesen. Isabel begann, um ihr Lieblingsfach zu k\u00e4mpfen. Im Lateinunterricht nahm sie griechische Mythologie durch und lockte mit mehr. Als aufgrund dessen Eltern die Schulleitung um eine Wiedereinf\u00fchrung des Faches baten, verbot die Direktorin Isabel, Werbung f\u00fcr Altgriechisch zu machen. Daraufhin lie\u00df Isabel T-Shirts mit altgriechischen Zitaten drucken und trug sie in der Schule. -\u00bfEsto que quiere decir?- fragten die Sch\u00fcler sie auf den G\u00e4ngen, \u201ewas hei\u00dft das?\u201c. Isabel sagte es ihnen, erkl\u00e4rte die Buchstaben und woher das Zitat stammte. Doch die Schulleitung blieb hart, und so bot Isabel Altgriechisch unentgeltlich in der Mittagspause an &#8211; vor vollen B\u00e4nken.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Altphilologen.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Spanische Altphilologen 1989 (ohne Isabel)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMeine Tochter m\u00f6chte unbedingt Altgriechisch lernen\u201c schreibt mir ein Leser Stefan und bittet mich, den Fragebogen, den ich hier mal erfunden habe, selbst zu beantworten. Aber gerne! Zuvor: Stefan, bitte knutschen Sie mir Ihre Tochter ganz fest. \u201eM\u00f6chte unbedingt Altgriechisch lernen\u201c! 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