{"id":7725,"date":"2010-05-18T09:39:25","date_gmt":"2010-05-18T07:39:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=7725"},"modified":"2010-05-18T09:39:25","modified_gmt":"2010-05-18T07:39:25","slug":"angela-leinen-wie-man-den-bachmannpreis-gewinnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2010\/05\/angela-leinen-wie-man-den-bachmannpreis-gewinnt.htm","title":{"rendered":"Angela Leinen, <i>Wie man den Bachmannpreis gewinnt<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Leinen_Bachmannpreis_klein.jpg\" alt=\"\" title=\"Leinen_Bachmannpreis_klein\" width=\"230\" height=\"320\" class=\"alignnone size-full wp-image-7736\" \/><\/p>\n<p>Es gibt Leute, die die Klagenfurter \u201eTage der deutschsprachigen Literatur\u201c, vulgo den Bachmannpreis, leben und feiern wie andere Leute (viel, viel mehr Leute) die Fu\u00dfballweltmeisterschaft &#8211; ein mir ausgesprochen sympathisches Spinnertum. Seit 2004 geh\u00f6rt auch Angela Leinen dazu, die ich als Autorin des Blogs <a href=\"http:\/\/sopranisse.de\/\" target=_new>Sopranisse<\/a> kenne. Aus ihrem Blog wei\u00df ich unter anderem, dass sie ganz besonders gerne und viel liest und dass es in ihrer jugendlichen Vergangenheit <a href=\"http:\/\/sopranisse.de\/2006\/03\/18\/aus-dem-archiv-kempowski-walter-betrgt-mich-mit-susanne\/\" target=_new>Walter Kempowski gab<\/a>.<\/p>\n<p>Das Ergebnis dieser beiden Interessen, Bachmannpreis und Lesen, ist ein Buch: <i>Wie man den Bachmannpreis gewinnt<\/i>. Angela Leinen hat eine Art Poetik geschrieben, aus der Perspektive einer Leserin und erfahrenen Bachmannpreisbesucherin. Und zwar in einem Tonfall, der gerade durch Leichtigkeit und Ironie verr\u00e4t, mit wie viel Leidenschaft sie f\u00fcr diese Themen brennt.<\/p>\n<p>Zwar richten ihre Tipps sich tats\u00e4chlich vor allem an dem Ziel aus, den Bachmannpreis zu gewinnen, doch formuliert sie durchaus allgemeine Handreichungen, wie und wor\u00fcber sich gute Geschichten schreiben lassen. Hilmar Klute hat das Buch im Aufmacher der j\u00fcngsten Wochenendbeilage der <i>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/i> (leider nicht online) als Beispiel f\u00fcr die Umtriebe der Nichtexperten als Rezensenten genannt: \u201eAn der Entzauberung der Kunst wird also nicht allein im Internet gearbeitet.\u201c Was lediglich belegt, dass Herr Klute das Buch nicht gelesen hat: Es geht nicht um Entzauberung, sondern um Reflexion. Die Autorin bezieht sich dabei auf eine ganze Reihe namhafter Werke, die sich \u00fcber das Entstehen von Geschichten Gedanken machen.<sup><a href=\"#footnote_1_7725\" id=\"identifier_1_7725\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Andererseits steht Hilmar Klute mit seiner Anmerkung in der guten deutschen Tradition des romantischen Geniekults: Sobald Kunst K&ouml;nnen erkennen l&auml;sst, ist sie keine Kunst mehr.\">1<\/a><\/sup> Und wenn ich an so manche ungelenke Inhaltsangabe denke, die die <i>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/i> als Buchrezensionen verkauft, ist mir eine Angela Leinen mit ihrer ungeheuren Belesenheit und Analysefertigkeit deutlich lieber.<\/p>\n<p>Angela Leinen schreibt \u00fcber geeignete Stoffe f\u00fcr Bachmannpreisgeschichten, von A f\u00fcr \u201eArbeit, gute ehrliche\u201c \u00fcber E f\u00fcr \u201eEx, Abrechnung mit der\/dem\u201c und K f\u00fcr \u201eKrankheit und Siechtum\u201c bis X f\u00fcr \u201eXY ungel\u00f6st\u201c &#8211; z\u00e4hlt Folgen der und Beispiele f\u00fcr die Behandlung dieser Themen auf und schlie\u00dft dies jeweils mit Stichpunkten zu Reizen und Risiken der Sujets ab. Sie l\u00e4sst sich ebenso aus \u00fcber die Perspektiven beim Erz\u00e4hlen und deren Auswirkungen, \u00fcber Schaupl\u00e4tze, Motive und die Sorgfaltspflicht von Autoren. Dazwischen stehen Gastbeitr\u00e4ge von Menschen aus dem Literaturbetrieb, die also beruflich Kriterien f\u00fcr die Beurteilung von Geschichten haben, nicht nur als Leser. Kathrin Passig hat das Vorwort geschrieben und macht sich darin Gedanken \u00fcber die Messbarkeit literarischer Qualit\u00e4t und die besondere Rolle, die dabei der Bachmannpreis spielt. (Wenn allein schon der Versuch einer Objektivierung von Beurteilungskriterien Entzauberung ist, dann hat Hilmar Klute allerdings doch recht. Aber dann ist die gesamte Literaturwissenschaft eine einzige Entzauberung.)<\/p>\n<p>Ich hatte mich sehr auf das Buch gefreut und las es mit Genuss und Belehrung. Passagen bekam der Mitbewohner vorgelesen, und beide glichen wir Angela Leinens Ansichten mit unseren eigenen Leseerfahrungen ab. Sehr sch\u00f6n fand ich unter anderem das Kapitel \u00fcber Schaupl\u00e4tze (Venedig geht nur noch mit wirklich originellem Twist) und das kluge Nachdenken dar\u00fcber, warum welche Sexszenen funktionieren und andere nicht. Manchmal passten die \u00dcberlegungen allerdings nicht ganz zum Buchtitel &#8211; vielleicht w\u00e4re das Buch runder geworden, wenn es die Gedanken zum Geschichtenschreiben v\u00f6llig unabh\u00e4ngig vom Bachmannpreis formulieren h\u00e4tte k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Anhang stehen auszugsweise die Kriterien f\u00fcr die Automatische Literaturkritik der Riesenmaschine, mit der die Texte des Bachmachmannwettbewerbs beurteilt werden und die aufs Wunderbarste belegen, dass sich die literarische Qualit\u00e4t von Texten zwar nicht absolut messen l\u00e4sst, in einem ganz bestimmten Umfeld dann aber doch nach wissenschaftlichen Ma\u00dfst\u00e4ben. (<a href=\"https:\/\/docs.google.com\/View?docid=d3nxxvf_1073tr8nfmdq&#038;pageview=1&#038;hgd=1\" target=_new>Hier die vollst\u00e4ndige Liste.<\/a>)<\/p>\n<p>Nebenher tauchen die ganzen 190 Seiten \u00fcber als positive Beispiele st\u00e4ndig B\u00fccher auf, die ich noch nicht kannte und umgehend lesen wollte. Seien Sie also gewarnt: Wenn Sie auf Angela Leinens Sicht anspringen, beenden Sie die Lekt\u00fcre des Buches nicht nur mit einem L\u00e4cheln in den Augenwinkeln, sondern auch mit einer ziemlich langen Wunschliste. <\/p>\n<p><i>W\u00e4hrend ich ihr Buch las, wurde Angela Leinen \u00fcbrigens zu meiner ganz pers\u00f6nlichen guten Bachmannpreis-Fee: Sie verschaffte mir kurz vor knapp noch eine Unterkunft in Klagenfurt, und so werde ich dieses Jahr erstmals meinen Traum verwirklichen, den Bachmannwettbewerb vor Ort zu verfolgen.<\/i><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_7725\" class=\"footnote\">Andererseits steht Hilmar Klute mit seiner Anmerkung in der guten deutschen Tradition des romantischen Geniekults: Sobald Kunst K\u00f6nnen erkennen l\u00e4sst, ist sie keine Kunst mehr.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_7725\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Leute, die die Klagenfurter \u201eTage der deutschsprachigen Literatur\u201c, vulgo den Bachmannpreis, leben und feiern wie andere Leute (viel, viel mehr Leute) die Fu\u00dfballweltmeisterschaft &#8211; ein mir ausgesprochen sympathisches Spinnertum. 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