{"id":77468,"date":"2022-06-24T08:46:33","date_gmt":"2022-06-24T06:46:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=77468"},"modified":"2022-06-24T22:31:53","modified_gmt":"2022-06-24T20:31:53","slug":"journal-donnerstag-23-juni-2022-bachmannpreislesen-tag-1-buergermeisterempfang-auf-maria-loretto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2022\/06\/journal-donnerstag-23-juni-2022-bachmannpreislesen-tag-1-buergermeisterempfang-auf-maria-loretto.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 23. Juni 2022 &#8211; Bachmannpreislesen, Tag 1, B\u00fcrgermeisterempfang auf Maria Loretto"},"content":{"rendered":"<p>Guter und ausreichender Schlaf in der Klagenfurter Ferienwohnung. Nach Duschen, Anziehen und n\u00f6tigsten Reha-\u00dcbungen setzte ich mich mit Milchkaffee auf den Balkon (die Mitbewohnerin war so aufmerksam gewesen, eine Ferienwohnung mit dieser M\u00f6glichkeit auszuw\u00e4hlen) und machte den Blogpost fertig, las noch ein wenig Twitter nach. Auf der Tonspur ein Gemisch aus Spatzen-Tschilpen und Mauersegler-Schrillen.<\/p>\n<p>Die Ferienwohnung rumpelt und klappert. Was auch immer man anfasst, vor allem T\u00fcren und M\u00f6bel, macht L\u00e4rm. Erst dadurch wurde mir bewusst, wie sorgf\u00e4ltig wohl alles in meiner eigenen Wohnung mit Dichtungen und Stoppern etc. ged\u00e4mpft ist.<\/p>\n<p>Zum ORF-Theater brach ich fr\u00fch durch den milden Morgen auf, um mir durch eine vordere Position in der Schlange vorm Fernsehstudio m\u00f6glichst einen Platz darin zu sichern. Doch alles war anders: Vor dem Eingang zum ORF-Theater wartete gar keine Schlange, und als wir paar Leute eingelassen wurden, musste ich mir zum ersten Mal unter vielen freien St\u00fchlen einen aussuchen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_08_ORFTheater.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_08_ORFTheater.jpg\" alt=\"\" width=\"584\" height=\"442\" class=\"alignnone size-full wp-image-77489\" \/><\/a><\/p>\n<p>Beim Start der Lesungen war immer noch ein Viertel leer, ich nutzte die Sitzfl\u00e4che neben mir zur Ablagen von Zeugs.<\/p>\n<p>Die erste Geschichte von <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3156055\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Hannes Stein, &#8220;Die k\u00f6nigliche Republik&#8221;<\/a>, war f\u00fcr mich eine New Yorker Matt-Ruff-Fanfiction, vielleicht ein wenig Michael Chabon drin &#8211; insgesamt aber ein m\u00fcder Abklatsch. <\/p>\n<p>Die Jury, aus der ich live bislang nur <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3046955\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Klaus Kastberger<\/a> kannte, urteilte wohlwollender, sah &#8220;Schr\u00e4gheit&#8221; (<a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3080454\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Mara Delius<\/a>), au\u00dfereurop\u00e4ische Nuancen (Kastberger), die Flucht eines einsamen in Ausgedachtes (<a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3080457\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Vea Kaiser<\/a>), bem\u00e4ngelte aber dramaturgische Ungenauigkeit (<a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3046962\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Insa Wilke<\/a>), st\u00f6rende Informationsvermittlung (<a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3045209\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Brigitte Schwens-Harrant<\/a>), die alt-onklig br\u00e4sige Erz\u00e4hlstimme mit angestaubten W\u00f6rtern (<a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3045206\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Philipp Tingler<\/a> &#8211; auch mich hatte der Ausdruck &#8220;Anno Schnee&#8221; in <del datetime=\"2022-06-24T20:31:07+00:00\">Kuhlemkamp<\/del>Kulenkampff-Zeiten versetzt, auf unangenehme Weise).<\/p>\n<p>Es folgte mein Tages-Favorit: <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3156048\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Der K\u00f6rper meiner Gro\u00dfmutter&#8221; von Eva Sichelschmidt<\/a>. Ein pr\u00e4ziser, durchkomponiert rhythmischer Text aus der Sicht einer Enkelin \u00fcber das Sterben ihrer \u00fcber 100-j\u00e4hrigen Gro\u00dfmutter und gleichzeitig \u00fcber ein einfaches Frauenleben.<\/p>\n<p>Die Diskussion der Jury drehte sich viel um die Strukturiertheit des Textes, das <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3046957\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Michael Wiederstein<\/a> allerdings als &#8220;hohles Konstrukt&#8221; sah. Auch die Rolle des K\u00f6rpers als rotem Faden des Texts wurde viel Raum gegeben. L\u00e4ngere Uneinigkeit \u00fcber die Funktion der Plattit\u00fcden \u00fcbers Sterben, die immer wieder auftauchen.<\/p>\n<p>Leon Engler las <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3156037\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Liste der Dinge, die nicht so sind, wie sie sein sollten&#8221;<\/a>, den Gedankenstrom eines jungen Schauspielers, der nur aus Unsicherheit besteht und sich an der Entt\u00e4uschung \u00fcber sich selbst entlang hangelt (ich konnte Vieles nachvollziehen). Wilke sah einen &#8220;furchtbar simplen Text&#8221;, der gleichzeitig aber eine ganze Sprachlandschaft an Anspielungen transportiere, die folgende Diskussion war uneins, was \u00fcberwog &#8211; und ob die Selbstironie des Texts manche Themen verschone.<\/p>\n<p>In der Mittagspause hatte ich keinen Appetit auf das mitgebrachte Brot, also gab&#8217;s nur einen Cappuccino (den ich nicht wiederholen werde, uiuiui).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_09_ORFTheater.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_09_ORFTheater.jpg\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"345\" class=\"alignnone size-full wp-image-77490\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zu den Nachmittagslesungen waren die Publikumsst\u00fchle im Studio dann nur noch zur H\u00e4lfte besetzt. Ich lie\u00df mich auf der anderen Seite der Jury nieder.<\/p>\n<p>Es startete <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3156035\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Alexandru Bulucz mit &#8220;Einige Landesgrenzen weiter \u00f6stlich, von hier aus gesehen&#8221;<\/a>, praktisch ohne jede Handlung, aber dicht und poetisch mit Erinnerungen. Nebengedanke: Wie lange wird es wohl dauern, bis Eingewanderte erster Generation in Klagenfurt mit anderen Themen als ihrem Eingewandertsein auftauchen? Und bei denen nicht als erstes \u00fcber die &#8220;Sprachgenauigkeit&#8221; gesprochen wird, vor allem f\u00fcr jemanden, dessen Muttersprache nicht Deutsch sei?<\/p>\n<p>Kastberger erw\u00e4hnte, dass f\u00fcr die Rezeption des Textes ein &#8220;Sinn f\u00fcr Lyrik&#8221; f\u00f6rderlich sei, Wiederstein arbeitete als roten Faden die &#8220;Kreismetapher&#8221; heraus, Tingler m\u00e4kelte, dass sich ihm nicht erschlossen habe, warum in dieser Innerlichkeit immer noch eine Ebene hinzugekommen sei, Schwens-Harrant mochte die st\u00e4ndigen Schwingungen des Nachdenkens.<\/p>\n<p>Den Abschluss bildete <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3156047\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Der Silberriese&#8221; von Andreas Moster<\/a>, die Geschichte eines alleinerziehenden Baby-Vaters und Leistungssportlers. In der Diskussion fragte sich die Jury von Anfang an, wie dieselbe Geschichte aus Muttersicht rezipiert worden w\u00e4re, und war sich (mit Ausnahme der Einreicherin Vea Kaiser: &#8220;Gro\u00dfe politische Bedeutung!&#8221;) einig: Dann w\u00e4re sie konventionell, platt und an vielen Stellen kitschig (Wilke: &#8220;Holzschnittartig.&#8221;). Uneinigkeit herrschte aber \u00fcber die Glaubw\u00fcrdigkeit der Leistungssportlerfigur (Kastberger: &#8220;Ich glaub dem Text kein Wort.&#8221;).<\/p>\n<p>Fragen, die der erste Lesetag unter anderem offen lie\u00df: Warum waren so wenige Menschen ins (sch\u00f6n k\u00fchle) TV-Studio gekommen, wo doch die Magic happens? Waren mehr der Ansicht, dass die Magic drau\u00dfen bei den Lesenden happens? Sind tats\u00e4chlich einfach so viel weniger Bachmannpreisinteressierte angereist? Und: Wird das seit zweieinhalb Jahren real dominierende Thema Corona in irgendeinem Text auftauchen?<\/p>\n<p>Ich spazierte durch tr\u00fcbe, schw\u00fcle Sonne r\u00fcber zum Lendhafen, wo die Internet-Leute meiner Bekanntschaft Lesungen und Jury-Diskussion verfolgt hatten, traf auf einen besonders lieben Internet-Menschen, den ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte.<\/p>\n<p>Nun brauchte ich aber wirklich etwas zu essen. Ich holte mir in der Innenstadt ein gro\u00dfes Eis.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_10_Eisbecher.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_10_Eisbecher.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"444\" class=\"alignnone size-full wp-image-77491\" \/><\/a><\/p>\n<p>Und schob die Brotzeit-Scheibe Brot hinterher.<\/p>\n<p>Ausruhen in der Ferienwohnung, Aufarbeitung des Gesehenen mit der Mitbewohnerin (die am Lendhafen gesessen hatte), Zusammenfassung hier im Blog. In meinem Internet \u00fcberwog Entt\u00e4uschung \u00fcber den ersten Tag der Lesungen &#8211; wie immer, an dieser Stelle war alles in Ordnung. Vor dem Fertigmachen f\u00fcr die abendliche Einladung (ich trug reichlich M\u00fcckenspray statt Parfum auf) war sogar noch Zeit f\u00fcr eine Einheit Yoga.<\/p>\n<p>Klagenfurts B\u00fcrgermeister Christian Scheider hatte ins Schloss Maria Loretto zum Empfang eingeladen. Ich nutzte den Shuttle-Service vom Neuen Platz und lie\u00df mich im Sonderbus rausfahren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_12_MariaLoretto.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_12_MariaLoretto.jpg\" alt=\"\" width=\"605\" height=\"454\" class=\"alignnone size-full wp-image-77497\" srcset=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_12_MariaLoretto.jpg 605w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_12_MariaLoretto-600x450.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_13_MariaLoretto.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220623_13_MariaLoretto.jpg\" alt=\"\" width=\"482\" height=\"519\" class=\"alignnone size-full wp-image-77498\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die traumhafte Kulisse kannte ich ja schon, und es waren wohl wirklich weniger Menschen angereist. B\u00fcrgermeister Scheider reagierte in seiner Begr\u00fc\u00dfung ausf\u00fchrlich auf die <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3160840\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Rede zur Literatur von Anna Baar<\/a> vom Er\u00f6ffnungsabend und z\u00e4hlte auf, welche Initiativen Klagenfurt in den vergangenen Jahrzehnten zur Verarbeitung von grausamer Vergangenheit ergriffen habe inklusive dem Umgang mit Stra\u00dfenbenennungen nach Nazi-Gr\u00f6\u00dfen.<\/p>\n<p>Reichliches warmes Buffet, ich a\u00df gro\u00dfe Mengen Braten, Serviettenkn\u00f6del, Beilagengem\u00fcse, dann einen ausf\u00fchrlichen Teller vom Dessertbuffet (Kaiserschmarrn, Apfelkuchen, Eaton Mess mit roten Johannisbeeren &#8211; letzteres schmeckte so gut, dass ich es nachbauen m\u00f6chte). Dazu Hugo, Wei\u00dfweinschorle, Plaudern mit lang nicht getroffenen Internetmenschen.<\/p>\n<p>Als sich der Garten leerte, ging ich gegen elf wie geplant zu Fu\u00df zur\u00fcck: Auf dieses St\u00fcndchen entlang dem n\u00e4chtlichen Lendkanal hatte ich mich nach dem Bewegungsmangel des Tages sehr gefreut. Es war dann auch sehr sch\u00f6n; am Hotel Seepark blieb ich mit einer eben per Rad \u00fcberholenden Internetfreundin stehen und lauschte eine Weile einem \u00fcberraschend vielstimmigen Froschkonzert. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f226a61d125e40c088cd868f5c611810\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guter und ausreichender Schlaf in der Klagenfurter Ferienwohnung. 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