{"id":77509,"date":"2022-06-25T07:59:36","date_gmt":"2022-06-25T05:59:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=77509"},"modified":"2023-06-12T17:11:54","modified_gmt":"2023-06-12T15:11:54","slug":"journal-freitag-24-juni-2022-bachmannpreislesen-tag-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2022\/06\/journal-freitag-24-juni-2022-bachmannpreislesen-tag-2.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 24. Juni 2022 &#8211; Bachmannpreislesen, Tag 2"},"content":{"rendered":"<p>Tag der Akzente, Tag der Performances.<\/p>\n<p>Ich lie\u00df mir morgens mehr Zeit, und auch an diesem zweiten, schon fr\u00fch hei\u00dfen Lesetag war der Publikumsbereich im ORF-Studio nur locker besetzt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220624_03_ORFTheater.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full \" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220624_03_ORFTheater.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"438\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zwei meiner Fragen vom Donnerstag wurden durch die Lesungen des Vormittags beantwortet:<br \/>\n1. Wie lange wird es wohl dauern, bis Eingewanderte erster Generation in Klagenfurt mit anderen Themen als ihrem Eingewandertsein auftauchen?<br \/>\nBis gestern, als Ana Marwan mit ihrem extremen slowenischen Akzent meinen bislangen Favoritentext vorlas: <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3156045\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Wechselkr\u00f6te&#8221;.<\/a><br \/>\n2. Wird das seit zweieinhalb Jahren real dominierende Thema Corona in irgendeinem Text auftauchen?<br \/>\nJa, n\u00e4mlich in genau diesem Text, durch die Erw\u00e4hnung einer FFP2-Maske und Nachdenken \u00fcber die Frage, ob man noch ein Gesicht hat, wenn es keiner sieht.<\/p>\n<p>Schon <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3155804\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Marwans Vorstellungsfilm<\/a> hatte den Ton gesetzt mit seinem wirklich witzigen Sarkasmus, jetzt h\u00f6rten wir die Gedanken einer jungen Frau in einem abgelegenen Haus. Ich mochte die Beobachtungen, Reflexionen, das Changieren von Erlebtem und Ausgedachtem &#8211; auch die Sprache unter anderem wegen ihrer Austriazismen wir &#8220;Gelsen&#8221; und &#8220;M\u00fcllsackerl&#8221;. (Liebevolle Erinnerung an meinen Vater, der Bayrisch mit spanischem Akzent spricht. W\u00e4re eine sch\u00f6ner Forschungsgegenstand: Der Einfluss des Lokalen auf Einwanderer- und Exilliteratur.)<\/p>\n<p>Delius hatte ein feinsinniges Portrait einer Au\u00dfenseiterin gelesen, sah das klassisch feministische Motiv einer Frau, die sich zur\u00fcckzieht, um sich selbst denken h\u00f6ren zu k\u00f6nnen. Sie fand den zweiten Teil mit dem imaginierten Leben eines potenziellen Kinds allerdings weniger gut gearbeitet. Um diese verschiedenen Teile des Texts (manche sahen zwei, andere drei) und ihr Verh\u00e4ltnis zueinander drehte sich dann der Hauptteil der Jury-Diskussion: F\u00fcr Kastberger erzeugten diese Teile Spannungen, Tingler sah sie disparat und unverbunden sowie mit Niveaugef\u00e4lle, Wilke aber diagnostizierte eine &#8220;Sogwirkung&#8221;.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes bekamen wir eine Art Text, der m\u00f6glicherweise in Klagenfurt immer dabeisein muss: Einen M\u00e4nnertext, und zwar vom Berliner <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3156043\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Behzad Karim Khani, &#8220;Vae victis&#8221;<\/a>.<\/p>\n<p>Gleich Insa Wilkes Eingangskommentar entsprach meiner Wahrnehmung: Die Geschichte aus der Perspektive eines Mannes, der seine Haft antritt, und seiner ersten Monate im Gef\u00e4ngnis, also eine &#8220;Knastgeschichte&#8221;, war ein Genrest\u00fcck. Zwar assoziierte ich nicht wie sie TV-Serien (die kenne ich alle nicht), auch fand ich sie nicht wirklich &#8220;gut erz\u00e4hlt&#8221;. Aber sie verlief erwartbar, sobald man das Thema erkannte. Viele Jury-Mitglieder kritisierten, was auch mir sofort als Technikfehler aufgefallen war: Den Perspektivenwechsel (Gef\u00e4ngnischef, kleiner Bruder), der nicht zur sonst konsequenten Innensicht des Protagonisten passte.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter glich ich mit der Mitbewohnerin unser Wissen \u00fcber Gef\u00e4ngnisleben ab: Bei mir basierend auf der Besuch des Gef\u00e4ngnisses in Landsberg als Teil der Sch\u00f6ffenschulung samt Gespr\u00e4chen mit dem dortigen Personal, bei ihr basierend auf Kursen, die sie eine Zeit lang f\u00fcr Inhaftierte gegeben hatte. Wir waren uns einig: Das tats\u00e4chliche Gef\u00e4ngnisleben mit seinem sozialen Geflecht h\u00e4tte viel interessantere Episoden und Details geliefert als die Klischees in Khanis Text.<\/p>\n<p>Die Jury hatte viel \u00fcber die Glaubw\u00fcrdigkeit des Texts gesprochen und hatte dabei unterschiedliche Ansichten &#8211; ich sah sie nicht.<\/p>\n<p>Nochmal ein starker Akzent, der wie bei Marwan auf mich einen intensiven V-Effekt hatte: <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3156023\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Usama Al Shahmani und sein &#8220;Portr\u00e4t des Verschwindens&#8221;<\/a>. Eine Kinderperspektive im Irak von 1979, dagegengeschnitten dieses Kind als Erwachsener im Exil &#8211; durchaus anregend anzuh\u00f6ren (mit sch\u00f6nen Helvitismen wie &#8220;Stube&#8221; f\u00fcr Wohnzimmer), aber halt nichts Neues.<\/p>\n<p>Die Jury (Kastberger und Schwens-Harrant) lobte zun\u00e4chst die Behandlung der Themen Heimat und Exil, auch die Kinderperspektive, doch Tingler lie\u00df das platzen mit dem Hinweis, der Text habe &#8220;alles, was man erwarten w\u00fcrde&#8221;, er sei schlicht konventionell. Dem pflichteten Delius und Kaiser bei. Die Diskussion endete in Zank dar\u00fcber, ob es f\u00fcr verschiedene Erz\u00e4hlkulturen verschiedene literarische Wertungssysteme geben k\u00f6nne &#8211; der genau in dem Moment ausbrach, als Moderator Christian Ankowitsch zum Abmoderieren ansetzte; er tat es dann halt \u00fcber den Zank hinweg, ein zauberhafter Moment.<\/p>\n<p>In der Mittagspause hatte ich wieder keinen Appetit, holte mir nur einen schlechten Cappuccino (bekam aber einen guten Tipp f\u00fcr Samstag). Im Studio war es angenehm k\u00fchl im Gegensatz zum hei\u00dfen Garten, nicht nur deshalb setzte ich mich f\u00fcr den Nachmittag wieder hinein.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3156058\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Barbara Zeman las &#8220;Sand&#8221;<\/a>, der fast komplett an mir vorbei ging &#8211; das mag aber durchaus an meiner (irrationalen) Aversion gegen solche zarten Empfindlichkeitspfl\u00e4nzchen liegen, wie es hier im Mittelpunkt der Venedig-Geschichte (also auch Genre) steht und deren Empfindsamkeit ich als tyrannisch empfinde (ich muss an Friedrich Torbergs Begriff &#8220;Filigrantrampel&#8221; denken).<\/p>\n<p>Denn im Gegensatz zu mir war die Jury ausgesprochen angetan, sah Zeichen und Symbole (Kaiser), einen Reichtum an literarischen Referenzen, dramaturgische Spannung (Kastberger), eine ganze feministische Geschichte (Wilke &#8211; die gestern nicht nur in diesem Text Feminismus aus allem und jedem konstruierte), dahinter etwas D\u00e4monisches (Schwens-Harrant), &#8220;\u00fcber- und untersp\u00fclt&#8221; (Wiederstein). Nur Tingler \u00e4u\u00dferte sich erleichtert, dass diese Art von Geschichten mit ihrem &#8220;assoziativen Befindlichkeitsstil&#8221; aus der Mode gekommen sei.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220624_07_ORFTheater.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full \" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220624_07_ORFTheater.jpg\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"446\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3156040\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mara Genschel las ihr &#8220;Das Fenster zum Hof&#8221;<\/a> mit aufgeklebtem Schnurrbart und mit einem amerikanischen Akzent, wie ihn Harald Juhnke nicht besser hinbekommen h\u00e4tte, einen Text \u00fcber die Erstellung eines Textes und \u00fcber die anderen Bachmannpreis-Kandidat*innen. Und genau das ist f\u00fcr mich Klagenfurt: Ich kr\u00fcmmte mich zwar fast durchgehend vor Peinlichkeit, begr\u00fc\u00dfte aber sehr, dass es auch sowas im Rennen auf den Bachmannpreis gibt. Das Publikum im Garten vor der Leseb\u00fchne war begeistert und lachte sich schepps.<\/p>\n<p>Die Jury tat in der Diskussion, was sie muss: Sie spielte das Spiel der Performance als Jury weiter und stritt, ob das nun gut oder schlecht war, hielt fest, dass es solche Versuche der Thematisierung des Bachmannpreisgeschehens in Texten immer wieder gebe. Erstes Mal: Die Autorin schaltete sich in die Diskussion ein. Sie betonte, dass nicht sie eine Performance behauptet habe, &#8220;ich habe mich nur schick gemacht&#8221;.<\/p>\n<p>Gestern verschob ich die Zusammenfassung des Gesehenen f\u00fcrs Blog, ich wollte an den See zum Baden. Auf dem Weg zur Ferienwohnung a\u00df ich die mitgenommene Brotzeit in Form eines Apfels und eines Kantens Brot, zog mich in der Wohnung aus, sonnencremte mich, zog Badesachen an. Und schritt zum ersten Mal zum Ausleihen eines Nextbikes f\u00fcr die Fahrt zum Strandbad! Aber: Alles ging glatt (mit App QR-Code einscannen, aus der App vierstelligen Code am Rad eingeben, losfahren), keine Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220624_08_Strandbad.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full \" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220624_08_Strandbad.jpg\" alt=\"\" width=\"636\" height=\"392\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Bad Maria Loretto traf ich auf vertraute Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen, k\u00fchlte mich im See, plauderte, schwamm, sa\u00df in der Sonne &#8211; und merkte, dass mein letzter Schwimmwasserkontakt au\u00dferhalb von k\u00fcnstlichen Becken viele Jahre her war. Gegen sieben radelte ich zur\u00fcck, begegnete einem weiteren lieben Internetmenschen beim Entgegenradeln, stieg zu einer Umarmung und einem Austausch von Neuigkeiten ab.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in der Ferienwohnung war ich sehr hungrig. Es gab selbstgebackenes Brot mit dick Butter, rote Paprika und K\u00e4sew\u00fcrfel, Joghurt mit Zucker, wei\u00dfe Mozartkugeln. Jetzt machte ich mich an die Zusammenfassung des Lesetags f\u00fcrs Blog.<\/p>\n<p>Niederschmetternde Nachricht des Tages: Der Supreme Court der USA hat das Recht auf Abtreibung gekippt (in einem Land, das nicht mal Mutterschutz hat). <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/ecfe0edb85654102b0df75d32c3287ab\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag der Akzente, Tag der Performances. 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