{"id":78296,"date":"2022-07-19T07:45:21","date_gmt":"2022-07-19T05:45:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=78296"},"modified":"2022-07-19T07:45:21","modified_gmt":"2022-07-19T05:45:21","slug":"journal-montag-18-juli-2022-wie-ich-als-kind-wegen-leseverbots-fast-in-eine-sekte-geraten-waere-und-wie-mein-stumpfsinn-mich-davor-bewahrte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2022\/07\/journal-montag-18-juli-2022-wie-ich-als-kind-wegen-leseverbots-fast-in-eine-sekte-geraten-waere-und-wie-mein-stumpfsinn-mich-davor-bewahrte.htm","title":{"rendered":"Journal Montag, 18. Juli 2022 &#8211; Wie ich als Kind wegen Leseverbots fast in eine Sekte geraten w\u00e4re und wie mein Stumpfsinn mich davor bewahrte"},"content":{"rendered":"<p>Lese auf vielen Ebenen interessiert Hannah Gadsby, <i>Ten Steps to Nanette: A Memoir Situation<\/i>, unter anderem weil Gadsby typisch f\u00fcr sie beim Schreiben den Schreibprozess reflektiert. Zum Beispiel l\u00e4sst sie immer wieder einflie\u00dfen, wie eine Ghostwriterin das Material sortiert und priorisiert h\u00e4tte. Auch warum sie das nicht tut. Unter anderem erz\u00e4hlt sie distanziert \u00fcber die jahrelange sexuelle Gewalt, die ihr als Kind widerfahren ist und die sehr nachvollziehbare Langzeitverletzungen hinterlassen hat &#8211; doch sie m\u00f6chte dem bittesch\u00f6n aus guten Gr\u00fcnden nur eine Nebenrolle zugestehen.<\/p>\n<p>Es kann schon ein Akt der \u00dcberwindung sein, eine Autobiografie zu verfassen: All dieses Nachdenken \u00fcber sich selbst und die vielen Scham-besetzten Momente. Gadsby hat diese \u00dcberwindung allerdings bereits durchlaufen, als sie <a href=\"https:\/\/www.netflix.com\/de\/title\/80233611\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">ihr Programm <i>Nanette<\/i><\/a> schrieb, das sie in Weltruhm katapultierte: Dabei machte sie den schmerzhaften, selbstzerfleischenden Prozess durch sich klarzuwerden, was ihr in ihrem Leben alles angetan wurde, was das mit ihr gemacht hat. Bis dahin war es einfacher gewesen, nur die Resultate Selbstironie bis Zynismus und regelm\u00e4\u00dfige Flucht in R\u00fcckzug f\u00fcr ihre B\u00fchnenshows zu verwenden. Was halt irgendwann nicht mehr ging.<\/p>\n<p>Die allerwenigsten Menschen kommen jemals in die Lage, dass sie ihr Leben als eine Gesamtgeschichte erz\u00e4hlen. Die meisten ganz normalen Lebensgeschichten setzen sich aus m\u00fcndlichen Einzelanekdoten zusammen, die meist nicht mal alle bei denselben Zuh\u00f6rer*innen landen, sondern verstreut werden.<\/p>\n<p>Mir fiel nach Langem eine wieder ein, als mir beim morgendlichen Gang in die Arbeit (wolkenloser Sonnenschein, Strickj\u00e4ckchen-K\u00fchle) drei Personen entgegenkamen, denen ich an Gep\u00e4ck, Kleidung und Richtung ansah, dass sie sich als Verk\u00fcnder ihrer Gottesbotschaft am Georg-Freundorfer-Platz im Westend platzieren w\u00fcrden; dort sehe ich immer wieder solche. Die Publikationen der Zeugen Jehovas, <i>Wachtturm<\/i> und <i>Erwachet!<\/i>, kenne ich n\u00e4mlich wahrscheinlich besser als fast alle, die den Zeugen Jehovas selbst nie angeh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p>Die Ursache liegt darin, dass ich von meiner Mutter &#8220;so knapp gehalten&#8221; wurde &#8211; in diesem Fall aber nicht mit Essen allgemein und S\u00fc\u00dfigkeiten speziell (nein, das Vorenthalten von Nahrung in meiner Kindheit und Jugend wegen Dauerdi\u00e4t lasse ich nicht als Trauma-Material gelten, weil meine Mutter es ja nur gut meinte) (Hannah Gadsby, da bin ich \u00fcberzeugt, w\u00fcrde diese Argumentation verstehen), sondern ab einer bestimmten Zeit auch mit Lesematerial. Sobald ich lesen konnte, also sp\u00e4testens ab der zweiten Schulklasse, war ich uners\u00e4ttlich. Meine Hauptquelle f\u00fcr Lesestoff, zu Hause gab es kaum B\u00fccher, war die Pfarrbibliothek. Allerdings \u00f6ffente die nur zweimal die Woche, und der halbe Meter B\u00fccher, den ich sonntags nach der Messe mit heim nahm, war meist schon Montagabend niedergelesen. Ab etwa der dritten Klassen wurde mein komplettes Verschwinden in B\u00fcchern daheim nicht mehr gern gesehen: Ich sollte statt dessen rausgehen und &#8220;mich bewegen&#8221; (es sei kein Wunder, dass ich so dick sei)<sup><a href=\"#footnote_1_78296\" id=\"identifier_1_78296\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Spoiler: Ich war gar nicht dick. Ich war lediglich nicht d&uuml;nn.\">1<\/a><\/sup> oder f\u00fcr die Schule lernen oder im Haushalt helfen &#8211; Geschichtenlesen war in dieser Sicht ledigliche eine Variante von Faulheit.<\/p>\n<p>Ich hatte eine Klassenkameradin, mit der ich in diesen Grundschuljahren besonders viel spielte. Sie wohnte praktischerweise in der N\u00e4he, ich mochte sie, die ebenerdige Wohnung ihrer Eltern verf\u00fcgte in unserem Wohnblockviertel \u00fcber einen eigenen Garten. Doch vor allem gab es darin einen Raum (B\u00fcro? zumindest stand ein Schreibtisch mit Schreibtischstuhl darin) mit Regalen voller Geschichtenhefterl, in denen ich beliebig lang und viel lesen durfte. Also ganz entspannt und ohne schlechtes Gewissen &#8211; zu Hause war ich in dieser Zeit bereits dazu \u00fcbergegangen, B\u00fccher in der Schmutzw\u00e4schekiste auf dem Klo zu verstecken (wie so &#8216;ne Alkoholikerin) oder unter meinen Heften und aufgeschlagenen Schulb\u00fcchern, wenn ich eigentlich Hausaufgaben machen oder lernen sollte. Bei meiner Schulfreundin durfte ich hemmungslos lesen: Die Geschichten waren meiner Erinnerung nach alle sehr dramatisch, irgendwer starb immer fast. Gro\u00dfe Gef\u00fchle! Ungl\u00fccke! Viele farbige Adjektive! Dass darin sehr h\u00e4ufig \u00e4rztlich verordnete Bluttransfusionen abgelehnt wurden, Patient*in dennoch \u00fcberlebte &#8211; das fiel mir erst mal nicht gro\u00df auf.<\/p>\n<p>Durch die Einleitung wird Sie nicht \u00fcberraschen, dass die Familie dieser Freundin Zeugen Jehovas waren und es sich bei den vielen Jahrg\u00e4ngen Hefterl, durch die ich mich las, um <i>Wachtturm<\/i> und <i>Erwachet!<\/i> handelte. Als Kind fand ich nicht mal besonders seltsam, dass die Kinder des Hauses beim Abendessen auswendig Gelerntes abgefragt wurden, das alles irgendwie religi\u00f6s war (ich glaube, f\u00fcr Kinder ist so viel neu, dass die Seltsamfind-Schwelle hoch ist). Es handelte sich um ein hochritualisiertes Frage-Antwort-Spiel, in dem es halt immer irgendwie um Gott ging; ich habe es als fr\u00f6hlich in Erinnerung.<\/p>\n<p>Im Nachhinein ist mir klar, dass die Eltern dieser Schulfreundin annahmen, mich auf diese Weise im Sinne der Zeugen Jehovas beeinflussen, wenn nicht sogar akquirieren zu k\u00f6nnen. Doch schon damals gingen sowohl Menschlich-Befindliches als auch heimliche Hintergedanken gr\u00fcndlich an mir vorbei. Ich bedauerte die Schulkameradin allerdings, weil sie keinen Geburtstag feiern durfte. Sie durfte nicht mal zu meinen Geburtstagsfeiern kommen. Wohl zum Ausgleich gab es einmal im besagten Garten der Eltern ein gro\u00dfes Sommerfest, einfach so, mit Aufblas-Wasserbecken und Wasserschlauch-Gespritze &#8211; was ich sehr super fand.<\/p>\n<p>Metaebene: Obwohl das eine lustige Geschichte hergibt und sie mir als autobiografische Episode durchaus pr\u00e4sent ist, habe ich sie heute zum ersten Mal als Geschichte formuliert.<\/p>\n<p>Die zitierte Formulierung &#8220;knapp gehalten&#8221; basiert auf einer weiteren biografischen Anekdote. An diese erinnere ich mich allerdings nicht selbst, sondern kenne sie nur als eine m\u00fctterliche Standarderz\u00e4hlung \u00fcber meine Kleinkindheit. Im Kindergartenalter soll ich mal in unserem Wohnblock bei einer Nachbarin geklingelt haben, die ich von Besorgungen mit meiner Mutter kannte, und sie gefragt haben, ob sie S\u00fc\u00dfigkeiten\/Schokolade f\u00fcr mich habe, denn: &#8220;Meine Mutter h\u00e4lt mich so knapp.&#8221; Selbst meine Mutter wei\u00df davon nat\u00fcrlich nur, weil diese Nachbarin petzte &#8211; zu ihrer Entschuldigung aber weil sie meinen fr\u00fchreifen Wortschatz so erz\u00e4hlenswert fand. (Ob ich damit erfolgreich an Schokolade kam, verschweigt die \u00dcberlieferung allerdings.)<\/p>\n<p>Uff, genug \u00dcberwindung und Abstieg in Schamgef\u00fchle. Es ist so viel unbelasteter, meinen schlichten Alltag heute aufzuschreiben: Zu Mittag gab es Walnussbrot und ein gro\u00dfes Glas vorgeschnittener Pfirsiche (bei den Temperaturen nach Steinobst viel Wasser getrunken -> Bauchweh). Lebensmitteleink\u00e4ufe auf dem Heimweg, jetzt war es tats\u00e4chlich wie angek\u00fcndigt hei\u00df geworden. Daheim Yoga, Nachtmahl von Herrn Kaltmamsell: Mangold-Quiche aus Ernteanteil.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220718_01_Nachtmahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220718_01_Nachtmahl.jpg\" alt=\"\" width=\"332\" height=\"330\" class=\"alignnone size-full wp-image-78323\" srcset=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220718_01_Nachtmahl.jpg 332w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220718_01_Nachtmahl-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220718_01_Nachtmahl-144x144.jpg 144w\" sizes=\"auto, (max-width: 332px) 100vw, 332px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Schmeckte sehr gut, weil immer noch komischer Bauch danach nur noch wenig Schokolade. Wegen Bauchweh fr\u00fch ins Bett.<\/p>\n<p>Tag vorbei, wieder einen rumgebracht, nur noch ca. 13.000 zu schaffen. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/66dd387f811b4f5a890afcc54925bb59\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_78296\" class=\"footnote\">Spoiler: Ich war gar nicht dick. Ich war lediglich nicht d\u00fcnn.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_78296\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lese auf vielen Ebenen interessiert Hannah Gadsby, Ten Steps to Nanette: A Memoir Situation, unter anderem weil Gadsby typisch f\u00fcr sie beim Schreiben den Schreibprozess reflektiert. Zum Beispiel l\u00e4sst sie immer wieder einflie\u00dfen, wie eine Ghostwriterin das Material sortiert und priorisiert h\u00e4tte. Auch warum sie das nicht tut. 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