{"id":78356,"date":"2022-07-22T06:58:44","date_gmt":"2022-07-22T04:58:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=78356"},"modified":"2022-08-06T20:54:51","modified_gmt":"2022-08-06T18:54:51","slug":"journal-donnerstag-21-juli-2022-verblueffenderweise-immer-noch-krank-colson-whitehead-the-underground-railroad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2022\/07\/journal-donnerstag-21-juli-2022-verblueffenderweise-immer-noch-krank-colson-whitehead-the-underground-railroad.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 21. Juli 2022 &#8211; Verbl\u00fcffenderweise immer noch krank, Colson Whitehead, <i>The Underground Railroad<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Ich wachte morgens sehr fr\u00fch auf und erkl\u00e4rte mich f\u00fcr arbeitsf\u00e4hig. Das Wetter war wolkig und k\u00fchl geworden, das kam mir recht.<\/p>\n<p>Den Fu\u00dfweg in die Arbeit ging ich dann lieber doch eher langsam. Es erleichterte mich sehr, dass ich einige Kl\u00f6pse abarbeiten konnte, ein weiterer, der mir schwer im Magen gelegen hatte, erwies sich dann als doch nicht so dringend (Wutschnaub-Emoji).<\/p>\n<p>Beim instagram-Druchscrollen gemerkt, dass andere Menschen an den vergangenen Hochsommertagen sich die Zeit deutlich interessanter vertrieben hatten als mit Bettliegen: \u00dcberall herrliche Sommerfarben, Blumen, buntes Gem\u00fcse und Obst auf Tellern und in Gl\u00e4sern.<\/p>\n<p>\u00dcber den Vormittag ganz neue Beschwerden: Heftige R\u00fcckenschmerzen im oberen linken Bereich, teilweise inklusive Brustkorb. Ich wechselte in kurzen Abst\u00e4nden zwischen Arbeit im Stehen und im Sitzen, nichts davon schmerzfrei. Mittags l\u00f6ffelte ich einen Rest Karottensuppe, a\u00df eine Banane &#8211; die Schmerzen wurden nicht besser, Bauchweh gesellte sich dazu. Nach einer letzten Besprechung um zwei gab ich auf: Ich meldete mich &#8220;mir geht&#8217;s schei\u00dfe, sorry&#8221; ab (Hilfsbereitschaft und Zuspruch von allen Seiten), packte zusammen und nahm einen Bus nach Hause.<\/p>\n<p>Daheim messen von Vitalparametern: Coronatest eines dritten Fabrikats ebenfalls negativ, kein Fieber, Blutdruck sowie Puls normal &#8211; und Googlen nach den R\u00fcckenschmerzen ergab als eine m\u00f6gliche und gestern wirklich naheliegende Ursache Darmbeschwerden. Ich legte mich ins Bett, h\u00f6rte Herrn Kaltmamsell mit Ernteanteil heimkommen, d\u00f6ste.<\/p>\n<p>Bis ich um halb sechs deutlich Hunger sp\u00fcrte, zum ersten Mal seit drei Tagen, zudem riesigen Appetit auf Salat. Also machte ich aus Ernteanteil gr\u00fcnen Salat mit Gurke, zugekauften Tom\u00e4tchen in einem Joghurt-Balsamico-Walnuss\u00f6l-Dressing und a\u00df mit Genuss bis zur letzten Gabel eine gro\u00dfe Portion davon &#8211; durchaus gespannt, was mein Bauch dazu sagen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Mir ging&#8217;s SO gut, dass ich kurz mit den Gedanken an Yoga spielte. Bis mir einfiel, dass ich ja einen vollen Bauch hatte und sich das bei mir \u00fcberhaupt nicht mit Yoga vertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der Bauch war durch meine Beherztheit eingesch\u00fcchtert, lie\u00df sp\u00e4ter sogar noch eine Handvoll Salzstangen und noch sp\u00e4ter ein Butterbrot zu.<\/p>\n<p>Nachricht vom (schon l\u00e4nger absehbaren) Tod eines Mitabiturienten, mit dem ich zu Schulzeiten besonders viel zu tun hatte, unter anderem waren wir zusammen SMV-Sprecher*in. Oder erstellten zusammen die Dia-Show der Griechenland-Studienreise. Und organisierten nach dem Abitur die ersten Klassentreffen zusammen. Ich war Gast auf seiner Hochzeit. Beim Erinnern fallen mir immer mehr St\u00fccke Lebensweg ein, die uns verbinden. Sehr traurig.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_wehitehead.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-78186\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_wehitehead.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"228\" \/><\/a><\/p>\n<p>Schon vor ein paar Wochen habe ich Colson Whitehead, <i>The Underground Railroad<\/i>, ausgelesen und m\u00f6chte den Roman empfehlen.<\/p>\n<p>Einen Pulitzer Prize bekam er 2016, und diesen kann ich (im Gegensatz zu manch anderem) gut nachvollziehen. Whitehead nimmt den Mythos einer unterirdischen Tunnelanlage in den Vereinigten Staaten Mitte des 19. Jahrhunderts, die Sklaven per Bahn die Flucht erm\u00f6glichte (<a href=\"https:\/\/www.pbs.org\/wnet\/african-americans-many-rivers-to-cross\/history\/who-really-ran-the-underground-railroad\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier eine Zusammenfassung der Legenden und der Faktenlage dahinter<\/a>, Kurzfassung: &#8220;the underground railroad&#8221; war eine Metapher f\u00fcr ein Befreiungsnetzwerk, das in erster Linie von befreiten Sklaven betrieben wurde, selbst Tunnel spielten dabei eine lediglich sehr kleine Rolle) und konstruiert daraus die teils m\u00e4rchenhafte, teils historische Geschichte von Cora, einer als Sklavin gefangen gehaltenen jungen Frau auf einer Plantage im Georgia des 19. Jahrhunderts. Cora wurde als Kind von ihrer Mutter verlassen und ist auch unter den Sklaven der Plantage als verr\u00fcckt marginalisiert. An ihr werden die Grausamkeit und Menschenverachtung der Sklavenhaltung durchgespielt, an ihrer Flucht die zeitgen\u00f6ssischen Spielarten von Rassismus in Nordamerika &#8211; es stellt sich heraus, dass auch so manche Abolitionists ihre ganz eigene hatten.<\/p>\n<p>Mir gefiel, dass es keine klaren Grenzen zwischen Gut und B\u00f6se gibt und dass die sich schon gar nicht decken mit wei\u00dfer und nicht-wei\u00dfer Hautfarbe. Hilfreiches oder sch\u00e4dliches Verhalten ist in <i>The Underground Railroad<\/i> allerdings fast immer motiviert durch die gesellschaftliche Stellung, die wei\u00dfe und nicht-wei\u00dfe Hautfarbe automatisch verschafft (einige Zwischenkapitel erz\u00e4hlen die Biografien von Nebenpersonen). Die Handlung vermittelt viele Details und Hintergr\u00fcnde (zum Beispiel \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge des Sklavenwirtschaft), die Schilderungen sind lebendig, auch Abolitionists zeigen manchmal lediglich eine andere Spielart von Rassismus (<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2016\/08\/03\/books\/review-the-underground-railroad-colson-whitehead.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die <i>New York Times<\/i> nannte den Roman &#8220;dynamic&#8221;<\/a>).<\/p>\n<p>Ein wenig gef\u00e4hrlich f\u00fchlte sich f\u00fcr mich die romantisch-m\u00e4rchenhafte Seite an. Zwar erinnerte sie mich an das Schweben zwischen Surrealismus und Realismus im Weltliteratur-Meilenstein <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/01\/journal-donnerstag-9-januar-2020-ich-gehe-huefte-und-toni-morrison-beloved.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>Beloved<\/i> von Toni Morrison<\/a>; doch verf\u00fchrt sie ein wenig dazu, auch die realistischen brutalen Seiten des Lebens in Sklaverei in diese M\u00e4rchenhaftigkeit zu schieben. Gleichzeitig sorgen die phantastischen Noten des Romans f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Lebendigkeit.<\/p>\n<p>Entt\u00e4uscht war ich vom Ende: Es las sich (wie so oft bei besonders lebendig erz\u00e4hlten Roman) wie ein hastiges Aufr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Neben der in der Besprechung in der <i>New York Times<\/i> (<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2016\/08\/03\/books\/review-the-underground-railroad-colson-whitehead.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Review: \u2018Underground Railroad\u2019 Lays Bare Horrors of Slavery and Its Toxic Legacy&#8221;<\/a>) empfehle ich auch die Besprechung des Buchs im <i>Guardian<\/i>:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2016\/oct\/09\/the-underground-railroad-colson-whitehead-revie-luminous-furious-wildly-inventive\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;The Underground Railroad by Colson Whitehead review \u2013 luminous, furious and wildly inventive&#8221;.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f546f462479c44108ec7c8cd28a58f25\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wachte morgens sehr fr\u00fch auf und erkl\u00e4rte mich f\u00fcr arbeitsf\u00e4hig. Das Wetter war wolkig und k\u00fchl geworden, das kam mir recht. Den Fu\u00dfweg in die Arbeit ging ich dann lieber doch eher langsam. 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