{"id":784,"date":"2005-03-11T10:43:59","date_gmt":"2005-03-11T09:43:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/03\/andersrum.htm"},"modified":"2005-03-11T10:45:20","modified_gmt":"2005-03-11T09:45:20","slug":"andersrum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/03\/andersrum.htm","title":{"rendered":"Andersrum"},"content":{"rendered":"<p>Mal wieder einen meiner Lieblingsfilme gesehen: <i>Good Will Hunting<\/i>. (Ich habe eine gro\u00dfe Schw\u00e4che f\u00fcr das Motiv des unerkannten Genies.) Und pl\u00f6tzlich wurde mir ein Automatismus bewusst, den ich schon immer habe, seit ich denken kann: Wenn mir eine Geschichte (Literatur, Film, Zeitung) gef\u00e4llt, stelle ich sie mir mit umgekehrten Geschlechtern vor. Manchmal ganz, meist einzelne Szenen. Fast immer wird die Geschichte schlagartig grotesk und unrealistisch. Ich glaube, der Trick fiel mir mal als Gradmesser f\u00fcr die Gleichberechtigung der Figuren ein.<\/p>\n<p>Nehmen wir also als Beispiel die Story von <i>Good Will Hunting<\/i>:<\/p>\n<p>Eine junge Frau (Wilma) ist ein mathematisches Genie. Sie stammt aus der Unterschicht und jobbt als Putzfrau im MIT in Boston. Abends lungert sie mit ihren Trash-Freundinnen in Kneipen und Diskos herum. Eines Nachts l\u00f6st sie auf einer Tafel an der Uni ein mathematisches Problem im Vorbeigehen.<br \/>\n<i>Bis dahin funktioniert die Geschichte halbwegs.<\/i><\/p>\n<p>Die arrogante Leiterin des Lehrstuhls, eine preisgekr\u00f6nte Mathematikerin, macht sich mit ihrer leicht verhuschten Assistentin auf die Suche nach der Studentin, die die Aufgabe gel\u00f6st hat.<br \/>\n<i>Hier bekommen wir ein bisschen Schwierigkeiten. Es ist so ungew\u00f6hnlich, in dieser Rolle eine Frau zu sehen, dass wir beim Drehbuchschreiben nicht umhin k\u00e4men, ihr Geschlecht und ihren Familienstand zu thematisieren.<\/i><\/p>\n<p>Die Genie-Frau Wilma hatte schon mehrfach Probleme mit der Polizei, weil sie zu Gewaltt\u00e4tigkeit neigt. Wie vor kurzem mal wieder, sie muss vor Gericht.<br \/>\n<i>Ja, geht.<\/i><\/p>\n<p>Vor Gericht besteht sie darauf, sich selbst zu verteidigen, h\u00e4lt eine leidenschaftliche Grundsatz-Rede \u00fcber Gesetzlichkeit. Die Richterin ist unbeeindruckt und verurteilt sie zu Jugendhaft.<br \/>\n<i>Das Drehbuch k\u00f6nnte vermutlich nicht darauf verzichten, die Richterin etwas \u00fcber die Tatsache sagen zu lassen, dass Wilma als Frau gewaltt\u00e4tig ist.<\/i><\/p>\n<p>Wilma und ihre Freundinnen mischen sich in einer Harvard-Kneipe unter Studenten und Studentinnen. Eine Studentin plustert sich vor einem ausgesprochen attraktiven jungen Mann auf, unter anderem indem sie gro\u00dfe T\u00f6ne \u00fcber die j\u00fcngste amerikanische Geschichte spuckt.<br \/>\n<i>Sowas geh\u00f6rt zwar zu meinem pers\u00f6nlichen Balzrepertoire (nicht g\u00e4nzlich erfolglos, \u00fcbrigens), in einem amerikanischen Film w\u00e4re das automatisch eine Slapstick-Einlage. <\/i><\/p>\n<p>Wilma zeigt ihr, wo die Bartlin den Most herholt und beschimpft die Balze, sie habe f\u00fcr viel Geld nichts anderes gelernt, als anderer Leute Gedanken nachzuplappern. Der h\u00fcbsche junge Mann ist schwer beeindruckt und gibt Wilma beim Rausgehen seine Telefonnummer.<br \/>\n<i>M\u00fcsste man geschickt aufbauen, damit er nicht als Depp r\u00fcberkommt, weil er sie nicht einfach vorher angesprochen hat.<\/i><\/p>\n<p>Die Professorin haut Wilma aus dem Gef\u00e4ngnis raus unter der Auflage, dass sie mit ihr Mathe arbeitet und eine Therapie macht.<br \/>\nWilma nimmt mehrere Therapeutinnen auseinander, indem sie sie pers\u00f6nlich oder fachlich  l\u00e4cherlich macht.<br \/>\n<i>Oh ja, das kann ich mir gut vorstellen.<\/i><\/p>\n<p>Mathe-Professorin bittet als letzte M\u00f6glichkeit ihre Jugendfreundin Sinead, die am Commuity College Psychologie unterrichtet, um Hilfe. Wilma versucht auch bei Sinead ihre aggressive Tour, doch als sie dabei Sineads an Krebs verstorbenen Mann beleidigt, wird die Psychologin handgreiflich.<br \/>\n<i>Hm, erwartetes Verhalten w\u00e4re bei einer Frau sicher der Tr\u00e4nenausbruch, nicht ein einh\u00e4ndiges W\u00fcrgen.<\/i><\/p>\n<p>Ab da funktioniert die Geschichte problemlos mit vertauschten Geschlechtern: Wilma f\u00e4ngt eine Beziehung mit dem h\u00fcbschen Studenten an, stellt ihn auch ihren groben Freundinnen vor. Als es wirklich ernst wird, st\u00f6\u00dft sie ihn zur\u00fcck. Sie \u00f6ffnet sich der Therapeutin, kann nicht glauben, dass diese ein legend\u00e4res Baseballspiel hat sausen lassen, weil ihr der Mann ihres Lebens begegnete (<i>hohum&#8230;<\/i>). Die Mathe-Professorin und die Therapeutin streiten sich darum, was wirklich wichtig ist im Leben und wer welcher was neidet oder nicht.<\/p>\n<p>Wilma bekommt von ihren Freundinnen den Kopf geradeger\u00fcckt und zum 21. Geburtstag ein sch\u00e4biges, selbstgeflicktes Auto geschenkt. Damit f\u00e4hrt sie Richtung Kalifornien zu dem h\u00fcbschen Studenten.<\/p>\n<p>(Am meisten best\u00fcrzt mich im Moment, dass ich mir eben erst dieses Automatismus\u2019 bewusst geworden bin. Ich kenne mich selbst derart garnicht. Erst vor kurzem stolperte ich im Internet \u00fcber Spuren einer Kommilitonin, mit der ich w\u00e4hrend des Studiums viel zu tun hatte. Und erst jetzt bemerkte ich, dass ich sie noch nie leiden konnte.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal wieder einen meiner Lieblingsfilme gesehen: Good Will Hunting. (Ich habe eine gro\u00dfe Schw\u00e4che f\u00fcr das Motiv des unerkannten Genies.) Und pl\u00f6tzlich wurde mir ein Automatismus bewusst, den ich schon immer habe, seit ich denken kann: Wenn mir eine Geschichte (Literatur, Film, Zeitung) gef\u00e4llt, stelle ich sie mir mit umgekehrten Geschlechtern vor. 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