{"id":80032,"date":"2022-09-17T09:56:04","date_gmt":"2022-09-17T07:56:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=80032"},"modified":"2022-09-17T10:06:00","modified_gmt":"2022-09-17T08:06:00","slug":"journal-freitag-16-september-2022-eine-klaffende-luecke-in-der-bloggosphaere-von-paris-nach-san-sebastian","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2022\/09\/journal-freitag-16-september-2022-eine-klaffende-luecke-in-der-bloggosphaere-von-paris-nach-san-sebastian.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 16. September 2022 &#8211; Eine klaffende L\u00fccke in der Bloggosph\u00e4re \/ Von Paris nach San Sebasti\u00e1n"},"content":{"rendered":"<p>M\u00fchsames Bloggen mit langsamem Hotel-Internet, den Download meiner Zeitung brach ich irgendwann ab.<\/p>\n<p>Der Morgen begann mit der schrecklichen Nachricht vom pl\u00f6tzlichen Tod einer meiner \u00e4ltesten Internet-Bekanntschaften aus Blogs: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/journelle\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">@journelle<\/a>, Elena. Beim Morgenkaffee im Nachbarschafts-Caf\u00e9 erinnerte ich mich an so Vieles, was ich von Elena wei\u00df, mit ihr erlebt habe &#8211; mal von Ferne durchs Lesen ihres Blogs, mal n\u00e4her. Auf der Blogmich 2005 lernten wir uns pers\u00f6nlich kennen und unterhielten uns erstmal \u00fcber schwere Maschinen und Lastwagen. Sp\u00e4ter erfuhr ich, dass sie an diesem Wochenende ein Paar mit Blogger Sebas wurde &#8211; den ich ebenfalls vom Lesen kannte (ihre Blogpost \u00fcber die erste Zeit dieser beiden sehr unterschiedlichen Verliebtheitskonzepte waren hochkomisch und hinrei\u00dfend &#8211; sie hat ihr Blog sp\u00e4ter geschlossen). Wie viel ich \u00fcber ihre Familie wei\u00df, ihre Karneval-Begeisterung, Body Positivity, Sex Positivity, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/journelle\/status\/1188864018531966977\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">ihre Schwimmleidenschaft<\/a>! Ich habe alle ihre Vortr\u00e4ge auf der re:publica gesehen, von &#8220;<a href=\"https:\/\/youtu.be\/hEz-Y6y8jwM\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Beyond Porn oder Die digitale sexuelle Revolution<\/a>&#8221; \u00fcber &#8220;<a href=\"https:\/\/youtu.be\/Ji8JrpeuHfM\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Fremd gehen immer nur die anderen \u2013 Liebe und Beziehung in Zeiten der Digitalit\u00e4t<\/a>&#8221; bis &#8220;<a href=\"https:\/\/youtu.be\/xblghB3bdLM\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Das Internet hat mich dick gemacht!<\/a>&#8221; Und jetzt zerriss es mir das Herz, weil ich nat\u00fcrlich auch von ihren zwei Kindern mit Sebas wei\u00df, beide noch in der Schule.<\/p>\n<p>Die Erinnerungen an diese feministische Urgewalt begleiteten mich den ganzen Tag, ich konnte und kann ihren Tod mit gerade mal Mitte 40 einfach nicht fassen. Elenas Bruder kenne ich ja <i>noch<\/i> l\u00e4nger. Wie w\u00fctend und klug und leidenschaftlich sie war. Ich erinnerte mich an immer mehr Einzelheiten. <a href=\"https:\/\/youtu.be\/ARX6L9AZF3w\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Dass sie im Musikvideo &#8220;Courage&#8221; von Wahnschaffe die Hauptrolle spielte<\/a>, passt hunderprozentig zu Elena.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen checkten wir aus dem Hotel aus, nahmen eine U-Bahn zum Bahnhof Montparnasse: Von dort fuhr unser Zug nach San Sebasti\u00e1n.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220916_02_Covisart.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220916_02_Covisart.jpg\" alt=\"\" width=\"338\" height=\"465\" class=\"alignnone size-full wp-image-80046\" \/><\/a><\/p>\n<p>Noch ein verbreitetes U-Bahn-Zeichen.<\/p>\n<p>Der Bahnhof, ein weiterer der Sorte Shopping Mall mit Gleisanschluss, verwirrte mich, doch wir waren mit so reichlich Zeit unterwegs, dass wir uns umsehen und orientieren konnten. Diesmal waren unsere TGV-Pl\u00e4tze im oberen Stockwerk. Wie auch bei den Autofahrten nach Spanien: Hinter Paris wurde es erstmal flach und langweilig.<\/p>\n<p>Ihre Bilder auf instagram erinnerten mich daran, dass ich <i>fast<\/i> <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/celestebarber\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Celeste Barber<\/a> gesehen h\u00e4tte: Sie war am Donnerstagabend auf ihrer Welt-Tournee in Paris aufgetreten, doch als ich das am Dienstag mitbekam, war die Vorstellung l\u00e4ngst ausverkauft.<\/p>\n<p>Diesmal hatte ich am fr\u00fchen Nachmittag auch mal Hunger und a\u00df eingesteckte \u00c4pfel und N\u00fcsse (eigentlich f\u00fcr die Fahrt M\u00fcnchen-Paris gedacht).<\/p>\n<p>In San Sebasti\u00e1n kamen wir an einem anderen Bahnhof an, als Google Maps ausgeworfen hatte, doch das Rollkoffern zur Ferienwohnung war nicht entscheidend l\u00e4nger. Temperaturen mit ca. 24 Grad angenehm; dass es eben noch deutlich w\u00e4rmer gewesen war, schloss ich daraus, dass die meisten Frauen Sandalen an den nackten F\u00fc\u00dfen trugen.<\/p>\n<p>Uns empfing eine sehr herzliche Vermieterin in der Ferienwohnung, mir fielen zum Gl\u00fcck fast alle erforderlichen spanischen W\u00f6rter ein (aber die Dame war ohnehin ungeheuer erleichtert, dass ich Spanisch sprach). Die Wohnung hat einen noch sch\u00f6neren Ausblick als erwartet (das war das entscheidende Kriterium gewesen): 7. Stock mit Dachterrasse in zwei Richtungen &#8211; zu genau solchen hatte ich in Urlauben immer sehns\u00fcchtig hochgesehen und mich gefragt, wie es wohl w\u00e4re, dort zu wohnen. Jetzt finde ich es heraus.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220916_11_Ferienwohnung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220916_11_Ferienwohnung.jpg\" alt=\"\" width=\"505\" height=\"376\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220916_17_Ferienwohnung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220916_17_Ferienwohnung.jpg\" alt=\"\" width=\"437\" height=\"325\" class=\"alignnone size-full wp-image-80048\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zur Kaffeebereitung stellt die K\u00fcche klassische Kaffeemaschine und French Press zur Verf\u00fcgung &#8211; das ist nicht das Spanien, das ich kenne. Als mir klar wurde, wie sehr mir gewohnter Milchkaffee die Tagesanf\u00e4nge der n\u00e4chsten knapp drei Wochen versch\u00f6nen w\u00fcrde, entschied ich mich kurzerhand, dann doch endlich eine Cafetera f\u00fcr Induktionsherd zu kaufen. Wir hatten ohnehin einen Abstecher in die Innenstadt vor (meine K\u00f6rperlotion war geplant ausgegangen, ich kaufte Nachschub im \u00f6rtlichen Body Shop), in einer &#8220;Tienda del Caf\u00e9&#8221; entschied ich mich nach k\u00fcrzester Beratung (auf Augenh\u00f6he, die Dame empfahl die g\u00fcnstigste, &#8220;las m\u00e1s econ\u00f3mica&#8221;) f\u00fcr eine Cafetera und lie\u00df mir nach meinen Vorgaben auch gleich Espressobohnen dazu mischen und mahlen (auf meinen Wunsch &#8220;dunkel und kr\u00e4ftig f\u00fcr Milchkaffee&#8221; gab die Angestellte eine Hand voll <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Torrefacto\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\"><i>torrefacto<\/i><\/a> zur Hausmarke). Also kann ich zur\u00fcck daheim die Adapter-Platte verr\u00e4umen, die mir den Weitergebrauch meiner alten Alu-Cafetera auf dem Induktionsherd erm\u00f6glicht hatte.<\/p>\n<p>Es best\u00e4tigte sich, was wir schon auf dem Weg vom Bahnhof gesehen hatte: Hier sind noch mehr Leute mit Surfboards unterwegs als in M\u00fcnchen!<\/p>\n<p>Zum Abendessen folgten wir Empfehlungen f\u00fcr Bars mit Pintxos in der Altstadt. Auf dem Weg dorthin passierten wir die Er\u00f6ffnung der Filmfestspiele von San Sebasti\u00e1n mit \u00fcbersichtlichem Menschenauflauf.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220916_22_Filmfestival.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220916_22_Filmfestival.jpg\" alt=\"\" width=\"484\" height=\"363\" class=\"alignnone size-full wp-image-80049\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Pintxos-Bars in den Altstadtg\u00e4sschen waren alle voll, die Kellner wirkten angespannt (lag vielleicht an der Anstrengung der Kommunikation mit haupts\u00e4chlich Fremdsprachler*innen). Es gab fast keine Ablage- oder Tischfl\u00e4che f\u00fcr Getr\u00e4nk\/Pinxtos &#8211; und wenn ich sowas endlich ergattert hatte, f\u00fchlte ich mich unter Druck, so schnell wie m\u00f6glich zu trinken und zu essen, um Platz f\u00fcr die anderen Wartenden zu machen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220916_23_Pintxos.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/220916_23_Pintxos.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"407\" class=\"alignnone size-full wp-image-80051\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, das ist f\u00fcr mich ganz pers\u00f6nlich eine zu unentspannte und gehetzte Art der Mahlzeit (wieder entspreche ich nicht meinem Wunschbild, diesmal dem der gelassenen, fr\u00f6hlichen und feierlaunigen Frau, die sich halt mit Menschenmengen arrangiert und mit Fremden smalltalkt). Nach der zweiten Bar gaben wir auf, ohne wirklich satt zu sein. Zumindest lernte ich, dass mir der heimische junge Wein Txakoli sehr gut schmeckt.<\/p>\n<p>Den Heimweg legte ich \u00fcber unser Wohnviertel auf der anderen Seite des Flusses Urumea, und sieh an: Hier gibt es auch Bars mit Pinxtos und Raciones, unempfohlen, aber gut besucht von m\u00f6glicherweise Einheimischen, mit Au\u00dfentischen. Denen gebe ich die weitere Chance f\u00fcr Abendessen mit Pinxtos. In einem kleinen Supermarkt holten wir uns S\u00fc\u00dfigkeiten zum Sattwerden, a\u00dfen sie in der Wohnung zu spanischem Fernsehen (spannend, vor allem die Werbung!).<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Auf der viereinhalb-st\u00fcndigen Zugfahrt bis zur spanischen Grenze (dort Umsteigen n\u00f6tig, weil die spanische Bahn eine andere Spurweite f\u00e4hrt) las ich <i>S\u00fcddeutsche<\/i> und <i>SZ-Magazin<\/i>, empfehle daraus jeweils eine Geschichte:<br \/>\nSogar gratis zu lesen ist der Artikel \u00fcber die Recherchen von Historiker*innen und Archivar*innen \u00fcber die NS-Zeit auf lokaler Ebene am Beispiel von Berg am Starnberger See und von Herrsching am Ammersee.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/projekte\/artikel\/muenchen-starnberg\/starnberg-nationalsozialismus-aufarbeitung-archive-ehrenamt-e671231\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Ich mache die h\u00e4sslichen Sachen'&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Auf den meterlangen Tischen in ihrem Archiv liegen gleich mehrere hohe Papierstapel. Friedrike Hellerer, die Archivarin in Herrsching, sitzt seit rund zehn Jahren an ihnen, weil immer etwas anderes dazwischenkommt \u2013 hier eine Chronik, da eine Ausstellung. Sie zieht Papiere aus den Stapeln: Statistiken aus der NS-Zeit, Rundschreiben, Rechnungen, Volksz\u00e4hlungen.<\/p>\n<p>Alles, was auf diesen Tischen liegt, wurde jahrzehntelang im Leichenhaus auf dem Dachboden gelagert. Urspr\u00fcnglich lagen die Papiere im Rathaus der Gemeinde, sie wurden als das Geb\u00e4ude in den Sechzigern umgebaut wurde in das Leichenhaus gebracht und dort f\u00fcr ein halbes Jahrhundert aufbewahrt. Man k\u00f6nnte auch sagen: aus dem Weg ger\u00e4umt. Dann, vor rund zehn Jahren, kam man auf die Archivarin zu. Weil das Dach im Leichenhaus undicht war, sei man auf den Speicher gegangen und habe dort lauter Papier gefunden. F\u00fcr sowas sei doch sie zust\u00e4ndig.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Der zweite Artikel ist die Titelgeschichte des aktuellen <i>SZ-Magazins<\/i>. Patrick Bauer und Roland Schulz schreiben \u00fcber das Giesinger Br\u00e4u, offensichtlich seit Jahren begleitet und recherchiert.<\/p>\n<p>Ich habe ja noch ein paar Flaschen Giesinger Erhellung in der Garage gekauft, als ich vor \u00fcber zehn Jahren in der Arbeit eine Runde ausgab und auch f\u00fcr die Biertrinker etwas Besonderes anbieten wollte: Die Mini-Brauerei kannte ich, weil ein Freund gegen\u00fcber wohnte, und der verwuschelte, alkoholisiert wirkende Kauz in gr\u00fcner Latzhose und Gummstiefeln, der mir die Flaschen verkaufte, war dann wohl Steffen Marx.<\/p>\n<p>Als ich mit der Lekt\u00fcre des sehr, sehr ausf\u00fchrlichen und gr\u00fcndlichen Artikels durchwar, immer wieder ungl\u00e4ublig aufgelacht hatte, schloss ich mit: &#8220;Vareck.&#8221; (Bayerische Respektsbekundung.) Kostet Geld, ist aber <a href=\"https:\/\/service.sueddeutsche.de\/lesermarkt\/digitale-sz\/tagespass.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">die 2,99 Euro eines Tagespasses der <i>S\u00fcddeutschen<\/i><\/a> absolut wert.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/giesinger-braeu-oktoberfest-wiesn-brauerei-91896?reduced=true\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Ein Quantum Prost&#8221;.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/085adad5b72f4e11b655dfe7cdd89b7e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00fchsames Bloggen mit langsamem Hotel-Internet, den Download meiner Zeitung brach ich irgendwann ab. Der Morgen begann mit der schrecklichen Nachricht vom pl\u00f6tzlichen Tod einer meiner \u00e4ltesten Internet-Bekanntschaften aus Blogs: @journelle, Elena. 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