{"id":8036,"date":"2010-06-24T16:56:57","date_gmt":"2010-06-24T14:56:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=8036"},"modified":"2010-06-24T16:56:57","modified_gmt":"2010-06-24T14:56:57","slug":"bachmannpreislesen-tag-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2010\/06\/bachmannpreislesen-tag-1.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreislesen, Tag 1"},"content":{"rendered":"<p>Richtig schlecht fand ich keinen der f\u00fcnf Texte von heute. Ich konnte lediglich mit einem \u00fcberhaupt nichts anfangen (allerdings fallen mir zwei Leser ein, denen er gefallen k\u00f6nnte) und musste mich \u00fcber sprachliche Ungelenkheiten eines anderen aufregen.<\/p>\n<p>Aus der Jury spricht mir am ehesten <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/2\" target=_new>Burkhard Spinnen<\/a> aus dem Herzen. Immer interessant ist, was Literaturwissenschaftlerin <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/821\" target=_new>Hildegard Elisabeth Keller<\/a> zu sagen hat &#8211; und was sie gerne viel \u00f6fter tun k\u00f6nnte. <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/819\" target=_new>Meike Fe\u00dfmann<\/a>, von der es in der Vorstellung hie\u00df, sie schreibe haupts\u00e4chlich f\u00fcr die <i>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/i>, deren Namen ich darin aber in 22 Jahren Abo nie wahrgenommen habe, ist am weitesten von meiner Wahrnehmung der Texte entfernt, will hei\u00dfen: Sagt f\u00fcr meine Ohren nur Bl\u00f6dsinn.<\/p>\n<p>Meinen ersten Tag endlich vor Ort beim Bachmannpreislesen verbrachte ich im Veranstaltungsstudio selbst (f\u00fcr die letzten drei der f\u00fcnf Texte von heute erjagte ich sogar einen Stuhl). Ich kann mir gut vorstellen, dass es im Garten vor dem ORF-Geb\u00e4ude und im Pressecaf\u00e9 lustiger zugeht und vermisste es durchaus, mich \u00fcber Texte und Diskussionen sofort austauschen zu k\u00f6nnen, aber noch \u00fcbt das In-Echt-Dabeisein den gr\u00f6\u00dferen Reiz aus.<\/p>\n<p>Die Texte wurden direkt vor dem Vorlesen als Ausdrucke verteilt. Ich las dennoch nicht mit, sondern h\u00f6rte nur den Autorinnen und Autoren zu (was meine Wahrnehmung sicher beeinflusst hat). Die Texte sind jeweils in meinen \u00dcberschriften verlinkt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/2569\" target=_new><b>Sabrina Janesch, \u201eKatzenberge\u201c<\/b><\/a> (vorgeschlagen von <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/8\" target=_new>Alain Claude Sulzer<\/a>)<br \/>\nDas filmische Kurzportrait hatte sich um Janeschs deutsch-polnischen Familienhintergrund gedreht. Die Geschichte erz\u00e4hlt entlang einem \u201eGro\u00dfvater sagte\u201c, beschreibt aber streckenweise auch einen Janeczko. Beim Zuh\u00f6ren brauchte ich eine Weile um zu begreifen, dass die beiden M\u00e4nner identisch waren.<br \/>\nMir gefiel die Geschichte sehr gut, den zugeh\u00f6rigen Roman will ich lesen. Ich fand zwar, dass der Wechsel zwischen direkter und indirekter Rede manchmal holperte, sah aber genau darin die Erz\u00e4hlerstimme, die die Jury gerne deutlicher gehabt h\u00e4tte. Dass die Jury unoriginelle Metaphorik und Erz\u00e4hltechnik zum Evozieren der Schrecken bem\u00e4kelte, zielte meiner Meinung nach v\u00f6llig am Umstand vorbei, dass das die Techniken und Erz\u00e4hlmuster des Gro\u00dfvaters sind.<br \/>\nMehr Enkelin als Filter und Kanal der Gro\u00dfvatergeschichte h\u00e4tte ich mir aber auch gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/2531\" target=_new><b>Volker H. Altwasserx, \u201eLetzte Fischer\u201c<\/b><\/a> (vorgeschlagen von Meike Fe\u00dfmann)<br \/>\nFand ich reizvoll in genau dieser Lesereihenfolge: Nach einer historischen Situation ein brandaktuelles Setting. Doch dann kam gleich eine erz\u00e4hlerische Unbeholfenheit, die sich durch die ganze Geschichte zog: Beschreibungen der Figuren durch <i>telling<\/i> statt <i>showing<\/i>: \u201eDer junge, ehrgeizige Mann&#8230;\u201c Das will ich vorgef\u00fchrt bekommen, nicht behauptet. Die folgenden detaillierten und ziemlich langweiligen Fischbeschreibungen erinnerten mich an <i>Moby Dick<\/i> weit bevor der Name Ishmael gefallen war. Kein gutes Zeichen (mich hat der Roman bei beiden Leseversuchen in den Schlaf gelangweilt). Au\u00dferdem leidet Altwasser an schwerer Synonymitis: \u201eDas aufgeregte Gesicht seines jungen Verwandten\u201c f\u00fcr Enkel, und um nicht immer den Namen eines der Protagonisten R\u00f6sch zu verwenden, geht es von \u201eVerarbeiter\u201c \u00fcber \u201eSeefledermausspezialist\u201c bis zu \u201eder Kurznasenseefledermausspezialist\u201c. Und die zeitgen\u00f6ssische und eigenartige Kostruktion \u201evon xy her\u201c ist nun auch im Roman angekommen: \u201eVom Verstand her&#8230;\u201c<br \/>\nDiese sprachliche Unzul\u00e4nglichkeit machte die gesamte Geschichte f\u00fcr mich uninteressant. Hat aber Potenzial zum Flughafen-Bestseller.<br \/>\nDie Jury sprach davon nichts an, vielleicht handelt es sich um meinen pers\u00f6nlichen Knacks.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/2585\" target=_new><b>Christopher Kloeble, \u201eEin versteckter Mensch\u201c<\/b><\/a> (vorgeschlagen von Alain Claude Sulzer)<br \/>\nIch mochte von Anfang an die elegante indirekte Informationsvermittlung, mit der die Geschichte ihr Setting aufbaute. Weil dieses sich als ausgesprochen abgefahren herausstellte, hatte ich allerdings eine Zeit lang Probleme herauszufinden, ob nun Fred oder Albert der \u00e4ltere war &#8211; was zur Geschichte wiederum passte, die sich angenehm langsam entfaltete. Ich konnte beide Figuren gut nachvollziehen, fand die sprachlichen Mittel zur\u00fcckhaltend und angebracht. Auch hieraus soll ja ein Roman werden &#8211; will ich lesen.<br \/>\nDass ausgerechnet Fe\u00dfmann, die den sprachlich herausgeforderten Altwasser als Kandidaten vorgeschlagen hatte, Kloeble vorwarf, er habe sich \u201everkrampft\u201c ausgedr\u00fcckt, fand ich frech. Zudem konnte ich (zumindest beim Zuh\u00f6ren) keine Verkrampftheit entdecken.<br \/>\nErstaunt war ich \u00fcber die wiederkehrende Diskussion der Jury \u00fcber die Wirklichkeits\u00fcbereinstimmung sachlicher Inhalte (hier: Kann ein geistig Kind gebliebener Mann Lexikoneintr\u00e4ge lesen?). Im Pr\u00e4zisen kann man von einem Autor schon Sorgfalt erwarten, doch f\u00fcr die gro\u00dfen B\u00f6gen muss er auf die <i>suspension of disbelief<\/i> bauen k\u00f6nnen, die man zum Lesen von Fiktion einfach braucht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/2593\" target=_new><b>Daniel Mezger, \u201eBleib am Leben\u201c<\/b><\/a> (vorgeschlagen von Burkhard Spinnen)<br \/>\nDer Texteinstieg lie\u00df mich \u201eOh nein, Kunst\u201c denken, doch das war nach sp\u00e4testens einer Seite dieser <i>soliloquy<\/i> vorbei. Am Ende standen mir Tr\u00e4nen in den Augen. Ich fand die Textsorte (Spinnen beschrieb <i>soliloquy<\/i> korrekt als \u201ePosition am Rande der B\u00fchne\u201c, \u201eaus der Situation herausgetreten\u201c) ideal, impressionistisch die Tragik und Pein dieser Beziehungssituation darzustellen. Dass f\u00fcr Fe\u00dfmann schwere Depressionen gleichzusetzen sind mit Erpressung der Umwelt, hat mich scharf Luft einziehen lassen. Keller merkte an, dass die Wirkung des Textes beim H\u00f6ren eine sehr andere als beim Selbstlesen sei &#8211; kann ich mir vorstellen. <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/820\" target=_new>Fleischanderl<\/a> vermisste Originalit\u00e4t in den Bildern, Beschreibungen, Vergleichen &#8211; nun gut, ein ordentlicher <i>conceit<\/i> h\u00e4tte den Text vielleicht verbessert. Vielleicht aber falsche Aufmerkamkeit erregt. Als Fe\u00dfmann zum wiederholten Male kritisierte: \u201eWenn jemand gehen m\u00f6chte, wird er nicht flehen!\u201c wurde zum einzigen Mal heute das Publikum h\u00f6rbar protestierend unruhig.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/2552\" target=_new><b>Dorothee Elmiger, Einladung an die Waghalsigen<\/b><\/a> (vorgeschlagen von <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/822\" target=_new>Paul Jandl<\/a>)<br \/>\nDas war der eine Text, der v\u00f6llige Ratlosigkeit bei mir hervorgerufen hat. Allerdings dachte ich sofort an <a href=\"http:\/\/modeste.twoday.net\/\" target=_new>Frau Modeste<\/a>: Das k\u00f6nnte ihr gefallen. Und dem Mitbewohner. Nicht, dass ich ihn schlecht fand &#8211; ich wusste nur nicht, wohin mit all den explodierenden Fragmenten. Sulzer sprach mir aus der Seele, als er den drei Jurykollegen, die sich bis dahin begeistert \u00fcber die Geschichte ge\u00e4u\u00dfert hatten, herzlich dankte: \u201eIch bin froh, das mir der Text erkl\u00e4rt wurde.\u201c Wenn er das bedeutet, was Fle\u00dfmann sagte (\u201eApokalypse als Spielfeld\u201c), was <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/2156\" target=_new>Winkels<\/a> lobte (Kontextualisierung der Inhalte der aufgelisteten B\u00fccher), was Fleischanderl gefiel (Zeitdiagnose in apokalyptischer Situation, junges M\u00e4dchen auf der Suche) &#8211; dann ist er vermutlich ziemlich gut. Hilfreich war f\u00fcr mich auch Spinnens Beobachtung, dass der Text Techniken der Computerspielprogrammierung aufweist. Er interessiert mich trotzdem nicht.<\/p>\n<p>Und jetzt schaue ich, was der Rest meiner Internetwelt \u00fcber die heutige Leserei geschrieben hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richtig schlecht fand ich keinen der f\u00fcnf Texte von heute. Ich konnte lediglich mit einem \u00fcberhaupt nichts anfangen (allerdings fallen mir zwei Leser ein, denen er gefallen k\u00f6nnte) und musste mich \u00fcber sprachliche Ungelenkheiten eines anderen aufregen. Aus der Jury spricht mir am ehesten Burkhard Spinnen aus dem Herzen. 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