{"id":8054,"date":"2010-06-26T16:17:36","date_gmt":"2010-06-26T14:17:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=8054"},"modified":"2010-06-28T13:42:07","modified_gmt":"2010-06-28T11:42:07","slug":"bachmannpreislesen-tag-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2010\/06\/bachmannpreislesen-tag-3.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreislesen, Tag 3"},"content":{"rendered":"<p>Noch scheue ich mich, \u00fcber das Drumherum des Bachmannpreislesens zu sprechen (Reiz\u00fcberflutung, nehme ich an) und bleibe bei den Teilen, die man auch im Fernsehen mitbekommt. Den Rahmen hebe ich mir f\u00fcr einen Abschlusstext auf. Bis dahin empfehle ich <a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1651837\/\">die Beobachtungen von Martin Fritz<\/a>, unter anderem, weil ich drin vorkomme.<\/p>\n<p>Noch ein Hinweis: Die Zeit hat als Klagenfurterkl\u00e4rung <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2010-06\/klagenfurt-passig\" target=_new>Katrin Passigs Text<\/a> online gestellt, der das Vorwort zu Angela Leinens <i>Wie man den Bachmannpreis gewinnt<\/i> ist. Aus dem Frau Passig \u00fcbrigens in der Er\u00f6ffnungsveranstaltungsrede zitiert wurde.<\/p>\n<p>Ich setzte mich wieder ins Studio, die B\u00fchnenatmosph\u00e4re formt meine Rezeption der Texte sehr mit. Wieder h\u00f6rte ich nur zu. Heute war tats\u00e4chlich ein durch und durch ungen\u00fcgender Text dabei &#8211; so sehr, dass sich Publikum (ich eingeschlossen) und Jury einig waren. Die anderen drei interessierten mich, wenn auch nicht so sehr, dass ich mehr davon haben m\u00f6chte. Im Einzelnen:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/2633\" target=_new><b>Peter Wawerzinek, \u201eIch finde dich\/Rabenliebe\u201c<\/b><\/a> (vorgeschlagen von Meike Fe\u00dfmann)<br \/>\nIm Vorstellungsfilm ging es um Vergangenheit und Erinnerung, gedreht in einem verfallenden Kinderheim. Und auf der B\u00fchne begann Herr Wawerzinek in freier Rede mit einer Widmung der Lesung, und zwar einer Dame, die die \u201egute Seele des Alfred-D\u00f6blin-Heims\u201c gewesen sei und jetzt im Krankenhaus liege. Wenn sein Text irgendwo anders gespielt h\u00e4tte als in einem DDR-Kinderheim, h\u00e4tte Wawerzinek den Verbl\u00fcffer des Tages erreicht.<br \/>\nSein Erinnerungen sind kunstfertig formuliert, bedienen sich verschiedener Sprachebenen bis hin in den Duktus Grimm\u2018scher M\u00e4rchen. Das Fragmentarische des R\u00fcckblicks erinnerte mich an das Beckett-St\u00fcck <i>Das letzte Band<\/i>, das ich k\u00fcrzlich in den Kammerspielen gesehen hatte. Eingemischt sind Zeitungsmeldungen \u00fcber misshandelte Kinder und ein Radio-Eriwan-Witz. Die Geschichte rollt den Mechanismus der Verarbeitung unangenehmer Erinnerungen auf, \u201eErinnerung gegen jede Vernunft\u201c. Das gefiel mir sehr gut und nahm mich mit, ich begann mich f\u00fcr den Roman zu interessieren, aus dem dieses St\u00fcck Text stammt. Doch dann endete er mit einem Lexikon- oder Schulbuchtext \u00fcber die Entstehung von Lauten beim menschlichen Sprechen und h\u00f6rte damit gar nicht mehr auf. Wenn sowas \u00f6fter im Roman vorkommt, will ich ihn doch nicht lesen.<br \/>\nDie Jury war sich nicht einig, ob sie die Vielfalt der erz\u00e4hlerischen Mittel gut oder schlecht fand. Fleischanderl diagnostizierte wieder Kitsch (mich w\u00fcrde interessieren, ob es \u00fcberhaupt eine vergleichende Gef\u00fchlsschilderung gibt, die vor ihr Gnade findet), stie\u00df sich auch daran, dass ihre literarische Welt von Schilderungen von Kindsmisshandlung \u00fcberflutet wird. Fe\u00dfmann hielt dagegen, dass, was Fleischanderl als Kitsch bezeichnet, Leitmotive seien (Schnee, Nebel, Kr\u00e4hen) &#8211; Fleischanderl dankte f\u00fcr die Lehrstunde. Nachdem Keller darauf hinwies, dass die Bilder in erster Linie Kinderwelten evozieren, meldete sich der Autor zu Wort und betonte, das Schreiben dieses Buches sei nicht einfach gewesen, er habe Jahrzehnte gebraucht, um seine Erlebnisse schriftstellerisch aufarbeiten zu k\u00f6nnen. Ich sehe mich in meiner Grundhaltung best\u00e4tigt, dass mich der Autor bei der Rezeption und Wertung eines Textes ausgesprochen wenig interessiert.<br \/>\nDas Publikum war ganz auf der Seite Wawerzineks und wurde bei fast jeder Kritik an seinem Text protestierend unruhig.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/2617\" target=_new><b>Iris Schmidt, \u201eSchnee\u201c<\/b><\/a> (vorgeschlagen von Hildegard Elisabeth Keller)<br \/>\nVon Frau Schmidt gab es keinen Vorstellungsfilm, sie las gleich los und ich hatte den Eindruck, vielleicht irgendetwas Wichtiges am Anfang nicht mitbekommen zu haben. Denn diese banale Holzschnittschilderung einer Autofahrt und \u00dcbernachtung in einer Pension konnte ja wohl nicht alles sein. Doch ich hatte nichts verpasst, und es kam noch schlimmer: Die Banalit\u00e4t nahm eine \u00fcberraschende Wendung in eine Horrorgeschichte &#8211; mit Erinnerungen an unz\u00e4hlige klassische Gruselgeschichten, die wir uns im Handarbeitsunterricht erz\u00e4hlt hatten (tut mir leid, die klassische Lagerfeuersituation habe ich daf\u00fcr nie erlebt). Aufsatzauftrag \u201eErlebniserz\u00e4hlung mit dramatischer Wende\u201c brav ausgef\u00fchrt, eine schlichte Schreib\u00fcbung.<br \/>\nDie Jury vernichtete das Werk mit ihrer sch\u00e4rfsten Waffe: Schweigen. Spinnen bat eingangs: \u201eIch hoffe, dass die Besprechung des Textes kurz und sachlich verl\u00e4uft.\u201c Jandl versuchte zwar noch eine Kafka-Situation zu entdecken, Vorschl\u00e4gerin Keller hatte ein augenzwinkerndes Entlangschreiben an Klischees gelesen, doch Winkels sprach von einem \u201eStephen King f\u00fcr Arme\u201c. Insgesamt bekam der Text h\u00f6chstens zehn Minuten Aufmerksamkeit der Juroren. Niederschmetternd.<br \/>\nIn der anschlie\u00dfenden Pause beobachtete die Frau hinter mir in der Kloschlange (wir sind schlie\u00dflich alle Juroren) treffend: Das war Verrat. Da bekommt eine Autorin durch die Einladung nach Klagenfurt das Gef\u00fchl, sie werde willkommen gehei\u00dfen und geh\u00f6re dazu, und dann signalisiert man ihr in wenigen S\u00e4tzen, dass sie hier nichts verloren hat.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/2561\" target=_new><b>Christian Fries, \u201eHutmacher, privat\u201c<\/b><\/a> (vorgeschlagen von Paul Jandl)<br \/>\nHerr Fries las nicht am Tisch, sondern auf Hocker und an Notenst\u00e4nder. Erst mal versorgte er das Publikum mit Fu\u00dfnoten zum Text, erkl\u00e4rte dessen Aufbau und lieferte die Wikipedia-Information zum im Text auftauchenden Wilhelm Reich, weil man den ja heute nicht mehr kenne, \u201eaber es ist kein gelehrter Text, keine Angst\u201c. Damit hatte er bei mir schon mal verschissen: Ein Autor soll in den Text schreiben, was er sagen will, auf welche Weise auch immer. Die Rezeption und Interpretation soll er bitte uns Lesern \u00fcberlassen.<br \/>\nFries schauspielte seinen Text eine halbe Stunde lang \u201enach allen Regeln der Kunst\u201c, wie es der Rezensent vom Hinterkloifflinger Lokalblatt ausdr\u00fccken w\u00fcrde: Er sprach leise und laut bis zum Br\u00fcllen, er setzte seine vielen, vielen Pointen mit Gef\u00fchl f\u00fcr Timing. Das war schon eine sehenswerte Show, wie sie sich ganz ausgezeichnet f\u00fcr eine Fernsehsendung eignet. Und den launigen Text aus dem Schauspielsch\u00fclermilieu mit einem Protagonisten, dessen Eltern sich gerade haben scheiden lassen, kann ich mir als vergn\u00fcgliche Lekt\u00fcre in einer Gazette vorstellen (ich mochte auch <i>Kleine Haie<\/i> sehr). Nur war es in meinem Ohren ein billiges Lachen, das durchs Publikum ging, die belachten Figuren der Geschichte waren mir egal.<br \/>\nSo warf ihm die Jury auch billige Mittel und Witze vor, Winkels vermisste einen Bezugspunkt all der Kalauer und Pointen, des Slapsticks. Fe\u00dfmann meinte sogar, beim Selbstlesen habe sie hinter dem Text eine Ebene gesehen, die im Vortrag v\u00f6llig verschwunden sei. Was Winkler \u201emisslungenen Versuch, uns Humor einzubl\u00e4uen\u201c nannte, bezeichnete Fleischanderl als \u201eWuchtldruckerei\u201c. Laut Keller bot der Ich-Erz\u00e4hler den Blick auf \u201eviele aktuelle Elemente der Gesellschaft\u201c &#8211; vermutlich musste ich deshalb sofort an Lifestyle-Magazine denken.<br \/>\nSpinnen \u00e4u\u00dferte die Hoffnung, dass diese Highlights in Romanform in einen ruhigeren Erz\u00e4hlfluss eingebettet sein w\u00fcrden. Diese wurde ihm aber umgehend vom Autor selbst genommen: Nein, eigentlich sei der ganze Roman so.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/2601\" target=_new><b>Verena Rossbacher, \u201eschlachten. Ein Alphabet der Indizien.\u201c<\/b><\/a> (vorgeschlagen von Burkhard Spinnen)<br \/>\nIch hatte den Anblick von Frau Rossbacher in den letzten Tagen immer genossen: Die Dame kleidete sich auffallend und bunt, in schlanke, exotische Gew\u00e4nder, \u00fcber dem R\u00fccken ihr langer Zopf &#8211; eine mit Selbstbewusstsein auffallende Erscheinung.<br \/>\n\u00dcber ihren Vorstellungsfilm hatte ich schon viel geh\u00f6rt, meist von Kopfsch\u00fctteln begleitet. Selbst fand ich das Gebl\u00f6del, in dem sie selbst gar nicht auftauchte, erfrischend.<br \/>\nGanz in Schlicht und Schwarz, das Haar zu einem kindskopfgro\u00dfen Knoten im Nacken gebunden, sa\u00df Verena Rossbacher dann am Tisch und las &#8211; wie ich es noch nie in einer Lesung geh\u00f6rt hatte. Fast ohne Wortgrenzen s\u00e4uselte und raunte sie mit einem L\u00e4cheln im Gesicht und mit Ganzk\u00f6rpereinsatz &#8211; eine beschw\u00f6rende Priesterin.<br \/>\nDer Text klang magisch. Assoziationsketten aus dem Moment und seinem Handeln wie in <i>Ulysses<\/i>. Andere Ketten und Bilder, die sich aus dem Blick aus dem Zugfenster ergaben. Sie f\u00fchrten scheinbar in beliebige Befindlichkeiten, ergaben dann aber doch in vielen Mosaiksteinen die Erinnerung an ein Gem\u00e4lde, in das tief eingetaucht wurde, dann schlugen die Fragmente eine Br\u00fccke zur griechischen Mythologie und alles wieder zur\u00fcck. Irgendwann sch\u00e4lte sich heraus, dass diese Welle an Assoziationen nur eine ganz besonders unangenehme und schuldbeladene Erinnerung \u00fcberdecken sollten, und so entstand zus\u00e4tzlich eine gewisse Spannung. Eine \u00fcberbordende, barocke F\u00fclle an Eindr\u00fccken und Erinnerungketten entfaltete sich in Rossbachers Beschw\u00f6rung, und mir machte erstaunlicherweise gar nichts aus, dass ich keine Geschichte erz\u00e4hlt bekam. Mir gefiel das hemmungslose Weiterdenken von Bildern (ich werde wohl nie wieder den roten Faden verwenden k\u00f6nnen), das dennoch eine Struktur hatte, und sei es nur die \u00e4u\u00dferliche des Alphabets, dessen Einzelbuchstaben immer wieder Abs\u00e4tze bildeten.<br \/>\nAndererseits: Diese Textsorte ohne Grammatik ist beim Selbstlesen ein Gewaltakt; ich h\u00e4tte ihn, wie ich beim anschlie\u00dfenden Blick in den Ausdruck feststellte, nicht l\u00e4nger als drei Seiten lang durchgehalten. W\u00fcrde mir aber jederzeit und mit Vergn\u00fcgen mehr davon vorraunen und -s\u00e4useln lassen.<br \/>\nDas Publikum applaudierte lange. Fleischanderl bezeichnete den Text als \u201eeine auf Hochtouren laufende Sprachmaschine\u201c, die aber nicht greife, praktisch im Leerlauf sei. Sie warf Spinnen vor, an seiner Wahl sei wie auch in den vergangenen Jahren zu sehen, dass Deutsche kein Gesp\u00fcr f\u00fcr \u00f6sterreichische Tonf\u00e4lle h\u00e4tten und sich deshalb von Texten wie dem Rossbachers blenden lie\u00dfen. Fe\u00dfmann verurteilte den \u201egrauenhaft manierierten Text\u201c, der br\u00fclle \u201eich bin Kunst\u201c. Zu meinem Erstaunen war wohl doch mehr Handlung darin gesteckt, als ich mitbekommen hatte; Fe\u00dfmann hatte sie zumindest gefunden. Sulzer hatte sich nach dem ersten gescheiterten Leseversuch doch noch aufgerafft und ein Kaleidoskop gesehen, das st\u00e4ndig gedreht wird &#8211; sah diesen Effekt aber durch Rossbachers Vortrag zerst\u00f6rt. Jandl fand alles zu viel, es habe ihm \u201ebald gelangt\u201c. Aus Spinnens Sicht war der Text ein \u201eVersuch, Denken abzubilden\u201c, und das gehe nicht mit Realismus. Keller stellte den Vortrag selbst in den Vordergrund, der der Verk\u00fcndigungsszene ein zus\u00e4tzliches Element zur Seite gestellt habe: Den Heiligen Geist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch scheue ich mich, \u00fcber das Drumherum des Bachmannpreislesens zu sprechen (Reiz\u00fcberflutung, nehme ich an) und bleibe bei den Teilen, die man auch im Fernsehen mitbekommt. Den Rahmen hebe ich mir f\u00fcr einen Abschlusstext auf. Bis dahin empfehle ich die Beobachtungen von Martin Fritz, unter anderem, weil ich drin vorkomme. 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