{"id":811,"date":"2005-03-30T15:55:08","date_gmt":"2005-03-30T13:55:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/03\/die-fabrik.htm"},"modified":"2005-03-30T17:14:31","modified_gmt":"2005-03-30T15:14:31","slug":"die-fabrik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/03\/die-fabrik.htm","title":{"rendered":"Die Fabrik"},"content":{"rendered":"<p>Ich behaupte gerne, ich sei ein Fabrikkind und buchst\u00e4blich im Schatten der gr\u00f6\u00dften Fabrik meiner Geburtsstadt aufgewachsen. Das stimmt nicht ganz, auch wenn es sich gut anh\u00f6rt: Die ersten sieben Lebensjahre verbrachte ich zwar in einem Genossenschafts-Wohnblock dieser Fabrik, aber einen Kilometer von den Werkshallen entfernt. Nur in den ersten beiden dieser Jahre war die Sicht aufs Werkstor unverbaut.<\/p>\n<p>Aber ein Fabrikkind bin ich doch. Mein Vater arbeitete in der Fabrik, Schichtarbeit, als Elektriker in der Instandhaltung. Wenn er Fr\u00fchschicht hatte, war er weg, bevor ich aufwachte. Meine Mutter war mit ihm aufgestanden und betonte gerne, wie viel mehr sie in der Fr\u00fchschichtwoche wegschaffte (all die pusselige Hausarbeit, von der sie die H\u00e4lfte als bescheuert erkannte, als sie sp\u00e4ter selbst wieder eine Arbeitsstelle annahm). Wenn mein Vater nachmittags um drei aus der Fr\u00fchschicht heimkam, hatten wir schon zu Mittag gegessen. Meine Mutter w\u00e4rmte ihm das Essen nochmal auf oder bereitete seine Portion frisch zu. Dann legte er sich auf dem Sofa im Wohnzimmer \u201eein St\u00fcndchen aufs Ohr\u201c, und meine Mutter, mein Bruder und ich mussten leise sein.<\/p>\n<p>Hatte mein Vater Sp\u00e4tschicht, so schlief er noch, wenn ich das Haus Richtung Schule verlie\u00df. Dann a\u00dfen wir aber alle zusammen zu Mittag. Bevor er sich mit dem Fahrrad (immer mit dem Fahrrad) auf den Weg zur Arbeit machte, las er meist noch ein wenig Zeitung. <\/p>\n<p>H\u00e4usliche Spuren dieses Arbeitertums waren zum einen die dazu n\u00f6tigen Kleidungsst\u00fccke, die meine Mutter immer separat wusch und oft flickte. Blaumann-blau waren sie allerdings nie, die Autofabrik hatte immer schon ihre eigenen Farben; ich erinnere mich an die Epoche der beigen Kittel, dann kamen weinrote, sp\u00e4ter gr\u00fcne (Elektriker tragen anscheinend keine Overalls oder Anz\u00fcge, sondern eine Art Hausmeisterkittel). Fester Bestandteil der Kluft waren auch Nylon-Socken in fahlen Farben und Mustern, die wohl damals am billigsten waren, zudem einfache karierte Baumwollhemden. Waren gute Hosen oder Hemden unansehnlich geworden, trug mein Vater sie in der Arbeit auf.<br \/>\nDie Arbeitskleidung hatte selbst nach dem Waschen einen typischen Geruch, den ich auf immer mit Fabrik verbinden werde. Es war der Geruch, der mir auch in die Nase zog, wenn ich an der Fabrik vorbeiradelte. Erst als ich vor ein paar Jahren als Kunden einen Hersteller f\u00fcr Zerspan-Maschinen hatte, fand ich die Quelle heraus: So riecht die Wasser-Maschinen\u00f6l-Emulsion von Metall bearbeitenden Maschinen.<\/p>\n<p>Eine weitere Spur war die kunstlederne Brotzeittasche meines Vaters, die immer in der Diele stand, wenn er zu Hause war. Sie verstr\u00f6mte ebenfalls durchdringenden Fabrikgeruch. Jetzt wo ich mich erinnere, f\u00e4llt mir auf, dass es eine ganz normale Aktentasche war, in der mein Vater Kleidung und Brotzeit mitnahm. Eigentlich unpraktisch; ich muss meinen Vater mal fragen, warum er sich nie einen Rucksack oder zumindest eine Tasche mit Schulterriemen daf\u00fcr zugelegt hat.<\/p>\n<p>Typisch Fabrik ist f\u00fcr mich auch der L\u00e4rm der Maschinen. M\u00f6glicherweise ist die Arbeit heute durch die fortschreitende Automatisierung leiser, aber bei meinen ersten Ferienjobs in der Fabrik Mitte der 80er toste und rumpelte und schepperte es noch in den Hallen. Am schlimmsten war es im Presswerk, also in der Werkshalle, in der gro\u00dfe Metallteile in Form gepresst wurden. Zwar mussten dort alle Ohrst\u00f6psel tragen, doch bei meinem Job am Brotzeitkiosk sollte ich ja die Bestellungen der Leute verstehen. Nach meiner Schicht war ich immer heiser und bl\u00f6d im Hirn.<br \/>\nMaschinen erzeugten aber auch in allen anderen Werkshallen einen konstanten L\u00e4rmpegel, der bei mir Dauerstress verursachte. Kein Wunder, dass mein Vater beim Heimkommen nach der Sp\u00e4tschicht immer erst mal den Fernseher anmachte, um den L\u00e4rm aus dem Kopf zu bekommen.<\/p>\n<p>In einer der <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/03\/the-factory.htm\"><i>Granta<\/i>-Geschichten<\/a> wird beschrieben, dass sich so mancher Arbeiter gegen die Abstumpfung wehrt, indem er auf den Maschinen Nicht-Berufliches herstellt. Auch daf\u00fcr kenne ich Beispiele, denn mein Vater brachte regelm\u00e4\u00dfig Dinge heim, die befreundete Dreher nebenher gemacht hatten. Ein St\u00fcck habe ich sogar noch in meiner K\u00fcchenschublade: einen massiven Siebzehner aus Messing, der Kronkorken wie von selbst von Flaschen lupft.<\/p>\n<p>Doch mein Vater war kein Bandarbeiter. In der Instandhaltung musste er selbstst\u00e4ndig L\u00f6sungen f\u00fcr St\u00f6rungen finden, und das schnell: Der Stillstand einer Maschine bedeutete immer Produktionsausfall und musste so kurz wie m\u00f6glich gehalten werden. T\u00fcchtig wie er war, hatte er bald Personalverantwortung und dirigierte seinen eigenen Trupp aus Instandhaltern; er war \u201eGruppenmeister\u201c.<\/p>\n<p>Eine Fabrikarbeiterin wie aus dem Bilderbuch hingegen war <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/04\/dampfnudeln-nach-fremdarbeiterinnen-art.htm\" target=_new>meine polnische Oma<\/a>, aber in einer anderen Fabrik der Stadt, bei \u201eD\u00e4l\u00e4fungen\u201c (= Telefunken). Sie arbeitete Akkord, von dem sie jammerte, der mache einen kaputt (der einzige deutsche Reim, den sie sich merken konnte: \u201eAkkord is te Mord\u201c). Sie interessierte sich nicht, wof\u00fcr die Teile gedacht waren, die aus ihrer Stanze purzelten. Sie wusste nicht mal genau, was in dieser Fabrik hergestellt wurde. Sie jammerte unentwegt, aber fragte nicht, wer wozu welchen Akkord vorgab &#8211; und genauso wenig nach M\u00f6glichkeiten, ihre Arbeitssituation zu verbessern. Die Frau hat sich ihr ganzes Leben nie gegen irgend etwas gewehrt.<\/p>\n<p>Es stand immer au\u00dfer Frage, dass ich nie in einer dieser Fabriken arbeiten w\u00fcrde. Zwar gaben meine Eltern mir keinen Beruf vor, keinen Wunsch, was ich mal werden sollte. Doch es war unausgesprochen klar, dass ich keine Fabrikarbeiterin w\u00fcrde. Dass ich auch niemals in irgend einer anderen Position in diesen Fabriken w\u00fcrde arbeiten wollen, war dann meine ureigene Abneigung nach diversen Ferienjobs.<\/p>\n<p>Und doch bin ich in einer Fabrik gelandet. Schon in den PR-Agenturen, in denen ich arbeitete, schoss ich mich immer mehr auf Fertigungsprozesse in der Industrie ein, auf Automatisierung, Beschaffungsketten. Ich verstand nicht so recht, dass das allgemeine Interesse gering war, wie die Dinge gemacht werden, die uns umgeben. Oder welche komplexen \u00dcberlegungen es erfordert, Dinge in Serie zu produzieren.<\/p>\n<p>Fabrikgeschichten erz\u00e4hlen &#8211; das ist jetzt im Grunde mein Job. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich behaupte gerne, ich sei ein Fabrikkind und buchst\u00e4blich im Schatten der gr\u00f6\u00dften Fabrik meiner Geburtsstadt aufgewachsen. Das stimmt nicht ganz, auch wenn es sich gut anh\u00f6rt: Die ersten sieben Lebensjahre verbrachte ich zwar in einem Genossenschafts-Wohnblock dieser Fabrik, aber einen Kilometer von den Werkshallen entfernt. 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