{"id":84018,"date":"2023-01-29T09:04:08","date_gmt":"2023-01-29T08:04:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=84018"},"modified":"2023-01-29T09:53:52","modified_gmt":"2023-01-29T08:53:52","slug":"journal-samstag-28-januar-2023-gabrielle-zevin-tomorrow-and-tomorrow-and-tomorrow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2023\/01\/journal-samstag-28-januar-2023-gabrielle-zevin-tomorrow-and-tomorrow-and-tomorrow.htm","title":{"rendered":"Journal Samstag, 28. Januar 2023 &#8211; Gabrielle Zevin, <i>Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Aufwachen zu bleiernem Himmel und k\u00fcmmerlichen Schneeflecken, auch dieser Tag wurde nie wirklich hell. (Aber selbst ich traue mich nicht, bereits im Januar am Winter rumzumeckern, ich sehe die Grenze beim Faschingswochenende. Aber dann.)<\/p>\n<p>Brotbacken, das <a href=\"https:\/\/www.ploetzblog.de\/2015\/09\/05\/im-schoko-rausch-schokoladenbrot-sechzig-prozent-roggenbrot\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Schokoladenbrot Sechzig Prozent<\/a> geht am Backtag angenehm flott. Denn ich hatte Schwimmpl\u00e4ne.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Herr Kaltmamsell seine Laufrunde absolvierte (im Sabbathjahr sogar zweimal w\u00f6chentlich), beobachtete ich ein Eichh\u00f6rnchen im Baum vorm Wohnzimmer, das einen trockenen Ast in Splitter zersplei\u00dfte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230128_11_Eichhoernchen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230128_11_Eichhoernchen.jpg\" alt=\"\" width=\"303\" height=\"369\" class=\"alignnone size-full wp-image-84030\" \/><\/a><\/p>\n<p>Hier mit meiner Handy-Kamera eingefangen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/DSC_7779.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/DSC_7779.jpg\" alt=\"\" width=\"345\" height=\"424\" class=\"alignnone size-full wp-image-84034\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als Herr Kaltmamsell vom Laufen zur\u00fcckkam, z\u00fcckte er seine Spiegelreflex-Superduperkamera.<\/p>\n<p>Mir wurde nicht klar, was das Eichkatzerl mit den Sprei\u00dfln vorhatte: Das Maul voll nahm es keinewegs mit, sondern stopfte es in die n\u00e4chstgelegene Astgabel, spang dann davon.<\/p>\n<p>Jetzt waren die Brote fertig gebacken.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230128_15_Schokoladenbrot.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230128_15_Schokoladenbrot.jpg\" alt=\"\" width=\"293\" height=\"382\" class=\"alignnone size-full wp-image-84031\" \/><\/a><\/p>\n<p>Radeln ins Olympiabad war weniger unangenehm als bef\u00fcrchtet: Luft k\u00fchl, Boden feucht und nicht rutschig.<\/p>\n<p>Es war nicht so viel los wie Anfang Januar und die Temperatur im Becken erschreckte mich nicht. Fr\u00f6steln setzte erst ab 1.000 Metern ein, war aber nicht so schlimm, dass ich gelitten h\u00e4tte. Also kam ich zu meinen 3.000 Metern in guter Zeit, auf meiner Bahn nur wenige Ger\u00e4teschwimmer<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230128_16_Olympiabad.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230128_16_Olympiabad.jpg\" alt=\"\" width=\"274\" height=\"347\" class=\"alignnone size-full wp-image-84032\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Himmel beim Heimradeln drohte dunkel und grau mit heftigem Schnee &#8211; doch der trat nicht ein. Fr\u00fchst\u00fcck um halb drei war Schokoladenbrot (gut!) mit ein wenig Butter und ein paar Cranberrys, die letzte Crowdfarming-Orange (diesmal haben wir die 10 Kilo in 10 Tagen geschafft), ein paar Mandarinen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230128_18_Schokoladenbrot.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230128_18_Schokoladenbrot.jpg\" alt=\"\" width=\"429\" height=\"333\" class=\"alignnone size-full wp-image-84033\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Brot war nicht perfekt. Ich h\u00e4tte es wahrscheinlich im K\u00f6rbchen l\u00e4nger gehen lassen m\u00fcssen (St\u00fcckgare), hatte aber meiner Wahrnehmung nicht getraut, dass es sich f\u00fcrs Backen noch zu wenig vergr\u00f6\u00dfert hatte. Um wirklich ein Gef\u00fchl f\u00fcr die einzelnen G\u00e4rschritte zu bekommen, backe ich dann doch zu selten.<\/p>\n<p>Nachmittags \u00fcbte ich gerade das neu Erlernte im Lindy Hop mit Herrn Kaltmamsell, als mich wieder Kreislaufturbulenzen mit Schwindel erwischten. F\u00fcr die Phase Schwei\u00dfausbruch legte ich ich mich ins Bett, nickte feucht geschwitzt ein wenig ein. Doch als ich danach aufstand, kam gleich die n\u00e4chste Welle Schwindel und Schwei\u00dfausbruch, so kurz hintereinander hatte ich das noch nie.<\/p>\n<p>Ich turnte die n\u00e4chste Folge Yoga in Adrienes 30-Tage-Programm &#8220;Center&#8221;. Jetzt war mir pl\u00f6tzlich eiskalt, ich schl\u00fcpfte in die ganz dicke Hauskleidung. Was sollte das bitte?! Ich war sehr ungehalten. Dann sa\u00df ich da in Nickianzug mit dicken Wollpulli dr\u00fcber, m\u00fcffelte nach einer Mischung aus Chlor und Schwei\u00df.<\/p>\n<p>Nachtmahl war auf meinen expliziten Wunsch ein Garnelen-Curry mit Kurkuma, Herr Kaltmamsell kombinierte diese beiden Zutaten mit Kokosmilch und roter Paprika, ein wenig frischer Chili, servierte mit Reis. Dazu gab es ein Glas Wei\u00dfwein Feinstrick Gemischter Satz, danach Schokolade.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_zevin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_zevin.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"232\" class=\"alignnone size-full wp-image-83744\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gabrielle Zevin, <i>Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow<\/i> ausgelesen, gro\u00dfe Empfehlung.<\/p>\n<p>Ein wundersch\u00f6ner und hervorragend gemachter Roman \u00fcber Freundschaft und Liebe, auch \u00fcber die schwierige Abgrenzung und Vermischung von beidem.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt wird die Geschichte von Sam und Sadie (und Marx). Sie setzt in den fr\u00fchen 1990ern ein, zeitlich markiert durch Magic-Eye-Plakate und B\u00fccher, vor denen auch ich damals stand (allerdings nie das Bild dahinter sah). Von dort aus gibt es R\u00fcckblicke auf die Kindheit, in der sich Sadie und Sam kennenlernten, die fortlaufende Handlung der n\u00e4chsten 30 Jahre schafft zudem Anl\u00e4sse, weitere wichtige Ereignisse in der Vergangenheit zu erz\u00e4hlen, zum Beispiel den Tod von Sams Mutter.<\/p>\n<p>Das Setting ist die Welt von Computerspielen, sowohl die der Spieler*innen als auch die der produzierenden Industrie. Mit nichts davon hatte ich je zu tun, mich interessieren Computerspiele schlicht nicht. Ein wenig wusste ich allerdings aus den Erz\u00e4hlungen von Herrn Kaltmamsell: Als ich ihn Anfang der 1990er kennenlernte (es gibt ein Foto von ihm, wie er ein Bild in einem Magic-Eye-Buch anstarrt), ging er noch gezielt in Spielhallen, weil die dortigen Videospiele die fortschrittlichste Computergrafik verwendeten &#8211; was sich mit dem Siegeszug der PC-Spiele bald \u00e4nderte. Solche Sachen wei\u00df ich halt von ihm, er weist mich auch immer wieder darauf hin, wenn ein Kinofilm auf einem Computerspiel basiert. Doch <i>Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow<\/i> ist so gut erz\u00e4hlt, die Figuren sind so rund und fesselnd, dass man den Roman auch ohne selbst diese Kenntnisse erfassen und genie\u00dfen kann.<\/p>\n<p>Wir begleiten die drei Hauptfiguren bei der Entwicklung ihrer ersten Computerspiele, die wie auch die sp\u00e4teren ausf\u00fchrlich skizziert werden und den jeweiligen technischen Fortschritt spiegeln. Weil untrennbar damit verbunden, wird auch der Verlauf ihrer Freundschaft erz\u00e4hlt &#8211; immer wieder gest\u00f6rt durch Missverst\u00e4ndnisse und Streit, die in ihrer Willk\u00fcrlichkeit an Hindernisse und Aufgaben in Computerspielen erinnern.<\/p>\n<p>Auch erz\u00e4hltechnisch spielt das Thema des Romans eine gro\u00dfe Rolle: Es gibt zwei Kapitel, die aus dem realistischen Erz\u00e4hlen der restlichen Geschichte ausscheren. Eins ist aus der Computerspiel-Perspektive eines Sterbenden geschrieben und versucht sich an einer immersiven Schilderung &#8211; allerdings weiterhin nur mit dem Kommunikationsmittel Buchstaben (anders als die immersiven Multimedia-Kunst- und -Museums-Shows, die derzeit popul\u00e4r sind). Das andere vermischt realistisches Erz\u00e4hlen mit fantastischen Elementen, wieder \u00e4hnlich einem Computerspiel (oder wie ich es bei der <i>speculative fiction<\/i> von Ursula Le Guin erlebt habe). In diesem zweiten Beispiel dauert eine menschliche Schwangerschaft halt zwei Jahre, und es tauchen sowohl erfundene W\u00f6rter auf als auch werden exisitierende W\u00f6rter in neuer Bedeutung verwendet. Oder <i>&#8220;Skip!&#8221;<\/i> schneidet langatmige Monologe ab.<\/p>\n<p>Als Leserin hatte ich von einigen Figuren erfahren, wie wichtig es in schwierigen Zeiten ihres Lebens gewesen war, in die Welt eines Spiels zu fliehen. Dieses zweite Kapitel am Ende des Romans stellt sich als solch ein Spiel heraus, ich werde als Leserin mitgenommen &#8211; und mich begeisterte, wie das einfach nur mit geschriebenen W\u00f6rtern funktionierte (gleichzeitg weit entfernt von Text-Adventure). Im Grunde ist der Roman ein Triumph der Literatur \u00fcber alle Medien: Er beweist, dass es keine Bilder, Kamerafahrten, T\u00f6ne und Farben f\u00fcr ein Eintauchen in eine reiche fiktive Welt braucht.<\/p>\n<p>Man muss, da bin ich \u00fcberzeugt, keine Ahnung von Computerspielen f\u00fcr die Lekt\u00fcre von <i>Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow<\/i> haben. Doch der Roman verwendet immer wieder technische, vor allem Computertechnik-Metaphern, um die Welt zu erkl\u00e4ren, Menschen und ihre Gef\u00fchle. Das sprach mich sehr an, auch ich sortiere meine Wahrnehmungen und Analysen oft durch solche Vergleiche.<\/p>\n<p>Wenn ich \u00fcberhaupt etwas zu meckern habe an diesem Roman, ist es sein zu geschmeidiges, rundes Ende. Aber das ist nun wirklich mein ganz pers\u00f6nlicher (und wahrscheinlich momentaner) Geschmack.<\/p>\n<p>F\u00fcr 24. Februar ist bei Eichborn <a href=\"https:\/\/www.luebbe.de\/eichborn\/buecher\/literarische-unterhaltung\/morgen-morgen-und-wieder-morgen\/id_8942809\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">die deutsche \u00dcbersetzung von Sonia Bonn\u00e9 angek\u00fcndigt: <i>Morgen, morgen und wieder morgen<\/i><\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/thomas_magic_eye.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/thomas_magic_eye.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"308\" class=\"alignnone size-full wp-image-84036\" \/><\/a><\/p>\n<p>Herr Kaltmamsell mit Magic Eye in Brighton 1994.<\/p>\n<p>In seiner lesenswerten Besprechung von <i>Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow<\/i> schildert Tom Bissel in der <i>New York Times<\/i> das Ph\u00e4nomen des <i>Literary Gamer<\/i>, &#8220;someone for whom reading and playing are, and always have been, the same voyage&#8221; &#8211; ich glaube, mit so einem bin ich verheiratet:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2022\/07\/08\/books\/review\/tomorrow-and-tomorrow-and-tomorrow-gabrielle-zevin.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;How to Design a Beautiful, Cruel Universe&#8221;.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/d58d8e72ee674da1b105297c1e101701\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufwachen zu bleiernem Himmel und k\u00fcmmerlichen Schneeflecken, auch dieser Tag wurde nie wirklich hell. 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