{"id":8454,"date":"2010-08-02T10:23:51","date_gmt":"2010-08-02T08:23:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=8454"},"modified":"2010-08-02T13:13:22","modified_gmt":"2010-08-02T11:13:22","slug":"michael-chabon-the-yiddish-policemens-union","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2010\/08\/michael-chabon-the-yiddish-policemens-union.htm","title":{"rendered":"Michael Chabon, <i>The Yiddish Policemen&#8217;s Union<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/100801_Chabon_Yiddish_Policemen.jpg\" alt=\"\" title=\"100801_Chabon_Yiddish_Policemen\" width=\"311\" height=\"415\" class=\"alignnone size-full wp-image-8455\" \/><\/p>\n<p>Hoffentlich kann ich mir jetzt endlich die Bezeichnung f\u00fcr diese Art von Geschichten merken: Kontrafaktische Literatur, laut meinem in-house Experten eine Untergruppe der fantastischen, wenn nicht sogar Science-Fiction-Literatur. Darunter werden Geschichten zusammengefasst, die historisch alternative Szenarien erfinden, wie Robert Harris mit <i>Fatherland<\/i> (Hitler hat den zweiten Weltkrieg gewonnen) oder Stephen Fry mit <i>Making History<\/i> (Was, wenn Hitler nie geboren worden w\u00e4re?). Das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg haben ganze Regalmeter an kontrafaktischer Literatur inspiriert, naturgem\u00e4\u00df von h\u00f6chst unterschiedlicher Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Zu kontrafaktischer Literatur z\u00e4hlt auch <i>The Yiddish Policemen&#8217;s Union<\/i> des Pulitzerpreisgewinners Michael Chabon, und zwar zur hervorragend gemachten. Die m\u00f6rderische Judenverfolgung im Dritten Reich hat in seinem 2007 ver\u00f6ffentlichten Roman nicht zur Gr\u00fcndung des Staates Israel gef\u00fchrt, sondern zur Auswanderung der europ\u00e4ischen Juden nach Alaska. Die USA haben ihnen dort ein zeitlich befristetes Bleiberecht zugestanden, es hat sich eine j\u00fcdische Gesellschaft gebildet, die Stadt Sitka, mit eigener Verwaltung und semistaatlicher Struktur. Eingebettet wird das ganze in das Genre <i>hard boiled<\/i>, <i>noire<\/i> Krimi &#8211; eine Nebenfigur hei\u00dft sogar Spade. Der Roman beginnt so:<\/p>\n<blockquote><p>Nine months Landsman&#8217;s been flopping the Hotel Zamenhof without any of his fellow residents managing to get themselves murdered. Now somebody has put a bullet in the brain of the occupant of 208, a yid who was calling himself Emanuel Lasker.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist deswegen so hervorragend, weil Chabon eine ganze j\u00fcdische Gangster- und Polizeiwelt erfunden hat: Die Jargon der Gangstersprache ist Jiddisch (z.B. f\u00fcr Knarre <i>sholem<\/i>), die Stra\u00dfen und Geb\u00e4ude tragen deutsch klingende Namen. In der fiktiven Sprache steckt besonders viel Liebe zum Detail \u2013 und viel Komik: W\u00e4hrend die im S\u00fcden des nordamerikanischen Kontinents lebenden Juden den Spitznamen &#8220;Mexicans&#8221; tragen, werden die Juden in Alaska von den Mexicans als &#8220;the frozen chosen&#8221; bezeichnet. (Ich finde das lustig.)<\/p>\n<p>Dazu kommen 60 Jahre alternative Geschichte, die zum Teil erz\u00e4hlt wird, zum Teil auch nur durchscheint. Zum Beispiel ist in dem alten, heruntergekommenen Hotel, in dem der Protagonist Landsman lebt, alles in Esperanto ausgeschildert: Die ersten Siedler hatten erwartet, dass das die gemeinsame Sprache w\u00fcrde. Teil der Handlung ist immer wieder das schwierige Verh\u00e4ltnis mit den Indianern, die in Alaska leben und die mit dem Umstand fertig werden mussten, dass die USA ihnen einfach ein paar Hundertausend Europ\u00e4er in ihr Wohn- und Siedlungsgebiet setzte. Oder die strengreligi\u00f6se Gemeinschaft der Verbover Jews mit ihren Mafia-\u00e4hnlichen Strukturen. Nur angedeutet wird, dass auch im Rest der Welt der Krieg ab 1941 einen anderen Verlauf genommen hat, als wir ihn kennen. Das Ganze bildet eine bei aller Tristesse dichte, lebhafte und fesselnde Welt.<\/p>\n<p>Ich mochte auch die (wenigen, zugegeben) Frauen, die in der Geschichte vorkommen. Wir haben zwar die Genre-typische hei\u00dfe Rothaarige \u2013 doch diese Bina ist zum einen Landsmans Ex-Frau, zum anderen seine Chefin. Eine gro\u00dfe Rolle, wenn auch in Abwesenheit, spielt Landsmans Schwester Naomi:<\/p>\n<blockquote><p>Naomi was a tough kid, so much tougher than Landsman ever needed to be. She was two years younger, close enough for everything that Landsman did or said to constitute a mark that must be surpassed or a theory to disprove. She was boyish as a girl and mannish as a woman. When some drunken fool asked if she was a lesbian, she would say: &#8220;In everything but sexual preference.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Plot des Romans ist sauber durchkonstruiert, dass der harmlos wirkende Mordfall vom Anfang zur Aufdeckung von immer abgefahreneren und weitreichenderen Verstrickungen f\u00fchrt, ist gut aufgebaut. Und wenn es mal gar zu pathetisch wird, gibt es ja immer den schnoddrigen Tonfall der <i>noire<\/i>-Vorbilder, in den sich der Roman retten kann. Ich nehme an, als Christian Kracht Anlauf nahm <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/09\/der-neue-kracht.htm\">zu seinem missgl\u00fcckten <i>Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten<\/i><\/a>, hat er sich das K\u00f6nnen ertr\u00e4umt, das in <i>The Yiddish Policemen&#8217;s Union<\/i> resultierte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hoffentlich kann ich mir jetzt endlich die Bezeichnung f\u00fcr diese Art von Geschichten merken: Kontrafaktische Literatur, laut meinem in-house Experten eine Untergruppe der fantastischen, wenn nicht sogar Science-Fiction-Literatur. 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