{"id":88352,"date":"2023-06-20T06:36:28","date_gmt":"2023-06-20T04:36:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=88352"},"modified":"2023-06-20T06:47:50","modified_gmt":"2023-06-20T04:47:50","slug":"journal-montag-19-juni-2023-hitze-regler-hoch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2023\/06\/journal-montag-19-juni-2023-hitze-regler-hoch.htm","title":{"rendered":"Journal Montag, 19. Juni 2023 &#8211; Hitze-Regler hoch"},"content":{"rendered":"<p>D\u00fcsterer Morgen, doch im Warm-Schw\u00fclen konnte ich Morgenkaffee auf dem Balkon trinken.<\/p>\n<p>Auf dem Weg in die Arbeit sp\u00fcrte ich ein paar Nieseltropfen, weit entfernt von dem dringend n\u00f6tigen Regen.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Montag begann der Arbeitstag milde, leider dr\u00fcckte mich bleierne M\u00fcdgikeit nieder.<\/p>\n<p>Nach einigen Besprechungen ging ich auf einen Mittagscappuccino zur Nachbarfirma &#8211; ohne ein Foto davon aufzunehmen, ob er dann \u00fcberhaupt wirkt?<\/p>\n<p>Die Kreuzschmerzen der letzten Tage wurden schlimmer, f\u00fchlten sich mittlerweile wie ein gesamtverkrampfter Becken- und Unterleibsg\u00fcrtel an.<\/p>\n<p>Sp\u00e4tes Mittagessen nach einer einer weiteren, mitt\u00e4glichen Besprechung: Pumpernickel mit Butter und \u00fcberraschenderweise nachgereifte Aprikosen.<\/p>\n<p>Dazu Zeitungslekt\u00fcre. In der <i>S\u00fcddeutschen<\/i> besprach gestern Kristen Roupenian launig die Picasso-Ausstellung in New York, die Hannah Gadsby zusammengestellt hat: &#8220;die von einer Stand-up-Komikerin kuratiert wird, deren einzige Qualifikation darin besteht, Picasso zutiefst zu hassen&#8221;.<br \/>\nIch h\u00f6rte umgehend auf zu lesen, denn Hannah Gadsby ist nicht nur studierte Kunsthistorikerin, sondern <a href=\"https:\/\/www.imdb.com\/title\/tt10122710\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">machte eigene (kom\u00f6diantische) Kunstgeschichte-Dokus im Fernsehen<\/a>, was man beides <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hannah_Gadsby\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">durch einen einzigen Blick in ihre Biografie herausbringen kann<\/a>.<br \/>\nMontagsausgaben selbst anst\u00e4ndiger Zeitungen sind oft schlimm, weil die Sonntagsdienst-Notbesetzungen in der Redaktion gern mal mangels Fachkenntnis Mist durchwinken.<br \/>\nDer ganze Artikel (\u20ac): <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/pablo-picasso-pablomatic-brooklyn-museum-hannah-gadsby-kunst-ausstellung-1.5943973?reduced=true\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Im Haus der steilen Thesen&#8221;.<\/a><br \/>\n(Gadsbys TV-Kunstgeschichte-Shows sind \u00fcbrigens ausgesprochen sehenswert und lehrreich, <a href=\"https:\/\/youtu.be\/Eqq0B21fhAA\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">wenn Sie mal ein Beispiel gucken m\u00f6gen<\/a>?)<\/p>\n<p>\u00dcberraschung nach Feierabend: Es war nicht nur richtig sonnig, sondern hei\u00df geworden, ich mied auf dem Heimweg die Sonne.<\/p>\n<p>Nach Heimkommen (in eine sehr saubere Wohnung, Montag ist Putzmanntag &#8211; es ist SO toll in eine geputzte Wohnung heimzukommen, die man nicht selbst putzen musste!) befasste ich mich erstmal  mit dem Abendessen: Kurz vor Ende der Saison sollte es dann doch mal Spargel geben. Ich sch\u00e4lte die von Herrn Kaltmamsell besorgten Stangen (nach denen er bereits suchen musste, lag aber vielleicht am Montag), packte sie mit Salz, Zucker, gehackter Salzzitrone und Butterflocken in Alufolie, schob die P\u00e4ckchen in den Ofen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Spargel garte, turnte ich eine Runde Yoga-Gymnastik, bereitete dann die Sauce zu (Majo, Essiggurken, Ei). Die Kr\u00e4uterkartoffeln kochte Herr Kaltmamsell, die neuen Kartoffeln waren sogar heimisch aus unserem Ernteanteil (allerdings nicht von unserem Kartoffelkombinat-Acker, unsere wurden gerade erst gesetzt).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230619_04_Nachtmahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230619_04_Nachtmahl.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"444\" class=\"alignnone size-full wp-image-88376\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zum Nachtisch gab es Flachpfirsiche und Schokolade.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Veronika Kracher schreibt Interessantes \u00fcber<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.54books.de\/autoritaere-revolte-rammstein-rock-und-frauenhass\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Autorit\u00e4re Revolte \u2013 Rammstein, Rock und Frauenhass&#8221;.<\/a><br \/>\nVia <a href=\"https:\/\/twitter.com\/pinguinverleih\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">@pinguinverleih<\/a><\/p>\n<blockquote><p><strong>Rockstar-M\u00e4nnlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Fans gitarrenlastiger Musikrichtungen sehen sich gerne als irgendwie rebellisch, selbst wenn die von ihnen verg\u00f6tterten K\u00fcnstler Multimillion\u00e4re sind, die in ausverkauften Stadien das Standard-Programm jedes Radiosenders mit den \u201ebesten Hits der Achtziger, Neunziger und von heute\u201c abspielen. Vielleicht wohnte Rock noch subversives Potential inne, als K\u00fcnstler*innen daf\u00fcr Sanktionen erfuhren, sich gegen den Krieg in Vietnam zu stellen. Aber dem Kapitalismus und seiner Kulturindustrie ist es immanent, alles auch nur ansatzweise Bedrohliche aufzusaugen, sich einzuverleiben und zum systemkompatiblen Hochglanzprodukt zu machen, dessen kritisches Moment mehr Schein als Sein ist.<\/p>\n<p>Wie die Autor*innen Joy Press und Simon Reynolds in dem lesenswerten \u201eSex Revolts \u2013 Gender, Rock und Rebellion\u201c, das gerade jetzt das Buch der Stunde sein sollte, ausf\u00fchren, wurde die Rebellen-Inszenierung \u201ealternativer\u201c Musik immer schon auf dem R\u00fccken von Frauen ausgetragen. Rock-Rebellen hatten sich seit den 1950er und 60er Jahren damit gebr\u00fcstet, alle erdenklichen \u2013 aber vermutlich auch deshalb selten konkret benannten \u2013 Repressionen kaputt schlagen zu wollen. US-Regierung, Elternhaus, Polizei, schlicht alles von dem Kr\u00e4nkungen und Einschr\u00e4nkungen ausgingen. Ein Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnis blieb jedoch seit jeher au\u00dfen vor: das Geschlechterverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Wie Press und Reynolds darstellen, werden im Rock und seinen ideellen Vorg\u00e4ngern wie der Beat-Literatur Frauen, trotz der brutalen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung, die sie im kapitalistischen Patriarchat erleiden, weniger als dessen Opfer gesehen. Stattdessen gelten sie als diejenigen, von denen eine Einschr\u00e4nkung und Unterdr\u00fcckung ausgeht, gegen die rebelliert werden muss. M\u00fctter, Lehrerinnen, Partnerinnen. Anstatt unsere Rock-Rebellen einfach ziehen und sich selbst entdecken zu lassen, verlangen diese Spie\u00dferinnen von ihnen die \u00dcbernahme von Verantwortung und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Und einen Job annehmen, um eine Familie zu ern\u00e4hren, anstatt mit der Gitarre auf dem R\u00fccken durchs Land zu reisen, ist dem musikalischen M\u00e4nner-Genie schlicht unw\u00fcrdig. Die Zuschreibung an Frauen, Teil der Herrschaft zu sein, ist eigentlich eine projektive T\u00e4ter-Opfer-Umkehr, die den Zweck hat,  die konkrete patriarchale Gewalt, die Stars mit Rebellen-Attit\u00fcde immer und immer wieder aus\u00fcben, zu verschleiern.<\/p>\n<p>Eigentlich, so argumentieren die Autor*innen von \u201eSex Revolts\u201c, geht es in gro\u00dfen Teilen des Phallus-Rock maximal um eine infantile Rebellion mit dem Ziel, eine diffuse Unzufriedenheit zu artikulieren, sich die H\u00f6rner abzusto\u00dfen und f\u00fcr ein paar Jahre lang eine Gegenposition zu einem selten wirklich benannten Establishment zu performen. Mit einem tats\u00e4chlich revolution\u00e4ren Anspruch, der eine radikale Kritik an den herrschenden Verh\u00e4ltnissen \u00fcbt, hat diese Attit\u00fcde wenig gemein. Und: Es ist bezeichnend, dass diese musikalische Trotzphase bei so vielen Musikern inzwischen mehrere Jahrzehnte  anh\u00e4lt. Zusammenfassend: Das Establishment ist weiblich, Rebellion hingegen m\u00e4nnlich konnotiert.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Ob Fans nun die Vorw\u00fcrfe an Lindemann und seinem Umfeld glorifizieren oder sie verleugnen und die zahlreichen betroffenen Frauen als L\u00fcgnerinnen, rachs\u00fcchtige Groupies oder naive Dummchen darstellen: Sie glauben, auf der \u201erichtigen Seite\u201c der Geschichte zu stehen. Denn ihre Idole sind ja Rebellen, die gegen das \u2013 mit Frauen assoziierte \u2013 Establishment antreten. Deswegen, so der gedankliche Kurzschluss, sind all jene, die sich gegen diese Idole stellen, Vertreter*innen der verhassten Spie\u00dfergesellschaft.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Einen Ausl\u00e4ufer dieser Diskussion hatte ich in der B\u00fcrgerversammlung 2022 meines Wahlbezirks 2 Ludwigsvorstadt \u2013 Isarvorstadt mitbekommen, im <i>SZ-Magazin<\/i> schildert Henriette Kuhrt sie ausf\u00fchrlich &#8211; als Beispiel, warum das mit der urbanen Verkehrswende in Deutschland so schnell nichts wird. (Leider schon wieder \u20ac.)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/leben-und-gesellschaft\/verkehr-umbau-parkplaetze-gehweg-kinder-92803?reduced=true\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Auto-Korrektur&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>In einem M\u00fcnchner Stadtviertel sollen Stra\u00dfen umgebaut werden, da\u00admit Kinder und behinderte Menschen sicherer unterwegs sind. Doch sofort regt sich Widerstand \u2013 denn 48 Parkpl\u00e4tze \u00adw\u00fcrden wegfallen. Die \u00adGeschichte eines Krampfs.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Argument der Autorin finde ich wichtig: Aber sicher gibt es hier Menschen, die aufs eigene Auto angewiesen sind. Und genau denen machen die r\u00fccksichtlosen Beharrer auf eigenem Auto, die nicht darauf angewiesen sind, das Leben schwer.<\/p>\n<blockquote><p>Es beginnt ganz harmlos, mit einem Zettel, der innen an die Glasscheibe eines Bio-Supermarkts geklebt ist. \u00bbDer Glockenbach soll einen neuen Stra\u00dfenbelag erhalten\u00ab, steht dort. Gehwege w\u00fcrden verbreitert, die Ecken in den Kreuzungsbereich vorgezogen. Es w\u00fcrden 17 B\u00e4ume gepflanzt und B\u00e4nke vor den H\u00e4usern aufgestellt. Au\u00dferdem k\u00e4men viele Fahrrad- und Lastenfahrradst\u00e4nder hinzu. 38 Parkpl\u00e4tze fielen weg. Ob wir das wollten?<\/p>\n<p>Mein erster Gedanke: Nat\u00fcrlich will ich das. Denn wir leben hier nicht nur am gr\u00f6\u00dften Spielplatz des M\u00fcnchner Glockenbachviertels, wir leben auch in einem gigantischen Open-Air-Autohaus. Wohn\u00admobile, Jeeps, Bullis, E-SUVs \u2013 sie alle quetschen sich an den Stra\u00dfenrand rund um den dreieckigen Spielplatz. Abgesenkte Fu\u00dfg\u00e4ngerquerungen gibt es nur zwei, und die sind regelm\u00e4\u00dfig zugeparkt. So m\u00fcssen sich die Kinder zwischen den Autos hindurchquetschen, um auf den Spielplatz zu gelangen. Rollstuhl- oder Rollatorfahrern sind die Wege versperrt. Und wer k\u00f6nnte im Jahr 2022 etwas gegen zus\u00e4tzliche B\u00e4ume haben? Anderseits: 38 Parkpl\u00e4tze fallen weg \u2013 da denke ich: Das gibt Stress. Und so kommt es.<\/p><\/blockquote>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/b46065115c3d4ed899f936b6ca5b9dbc\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D\u00fcsterer Morgen, doch im Warm-Schw\u00fclen konnte ich Morgenkaffee auf dem Balkon trinken. Auf dem Weg in die Arbeit sp\u00fcrte ich ein paar Nieseltropfen, weit entfernt von dem dringend n\u00f6tigen Regen. F\u00fcr einen Montag begann der Arbeitstag milde, leider dr\u00fcckte mich bleierne M\u00fcdgikeit nieder. 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