{"id":89717,"date":"2023-08-23T07:57:37","date_gmt":"2023-08-23T05:57:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=89717"},"modified":"2023-08-23T07:57:37","modified_gmt":"2023-08-23T05:57:37","slug":"journal-dienstag-22-august-2023-josephine-tey-the-daughter-of-time","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2023\/08\/journal-dienstag-22-august-2023-josephine-tey-the-daughter-of-time.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 22. August 2023 &#8211; Josephine Tey, <i>The daughter of time<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/1975.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/1975.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"340\" class=\"alignnone size-full wp-image-89718\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese Aufnahme von mir als knapp Achtj\u00e4hrige macht etwas mit mir. Ich mag dieses M\u00e4dchen und ich frage mich, wo die Frau ist, die dieser Blick, dieses K\u00f6rperbewusstsein versprachen einmal zu werden. Selbst bin ich irgendwann in eine andere Richtung abgebogen, aus jedem Kind k\u00f6nnen ja die unterschiedlichsten Erwachsenen werden. Aber irrationalerweise vermisse ich diese Frau schmerzlich, ich h\u00e4tte sie gern kennengelernt.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ein sehr anstrengender Tag. Den ich wie jedes Jahr am liebsten \u00fcbersprungen h\u00e4tte, aber so funktioniert das Leben nicht, genau das nehme ich ihm ja \u00fcbel.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230822_02_Balkonkaffee.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230822_02_Balkonkaffee.jpg\" alt=\"\" width=\"314\" height=\"436\" class=\"alignnone size-full wp-image-90370\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nochmal Balkonkaffee in der D\u00e4mmerung, die Luft bereits bedrohlich warm. Wie geplant nahm ich das Rad in die Arbeit, um bei Bewegung im Freien meinen Kreislauf nicht zu sehr mit der Hitze zu strapazieren.<\/p>\n<p>Emsiger Arbeitsvormittag, der Aufbruch zum Mittagstermin w\u00e4re mir gem\u00e4chlicher gelungen, h\u00e4tte ich ihn nicht 30 Minuten zu fr\u00fch gestartet. Musste also diese Zeit vorm Enthaarungsladen totschlagen, kaufte halt und a\u00df zu Mittag ein Laugenz\u00f6pferl, die 30 Minuten reichten leider nicht, um den \u00c4rger \u00fcber meine eigene Bl\u00f6dheit zu veratmen. Vielleicht sollte ich dankbar sein, dass so meine Grundgereiztheit des Tages wenigstens ein Ziel hatte. Grundgereiztheit plus Hitze nahmen mir Appetit: Als mein Magen gegen f\u00fcnf doch schon wieder knurrte, wurde ich b\u00f6se.<\/p>\n<p>Das Wachs war diesmal sehr hei\u00df gewesen, meine Beine brannten noch bis in den sp\u00e4ten Feierabend. An dem ich mit vollverkrampftem Gem\u00fct durch F\u00f6hn-hei\u00dfe Sonne nach Hause radelte, Zwischenstopp im Vollcorner f\u00fcr n\u00f6tige Eink\u00e4ufe.<\/p>\n<p>Daheim Herrn Kaltmamsell mit kurzem Anknurren signalisiert, dass Abstand ratsam war. Jetzt galt es noch, den Abend rumzukriegen. Der Ernteanteil war weggegessen, absichtlich schnell und effizient, damit wir die letzten Sommerabende f\u00fcr Drau\u00dfengastronomie nutzen konnten. Bei Lokalsondierung am Vorabend hatten wir festgestellt, dass drei Stationen auf unserer Wunschliste f\u00fcr unter der Woche gerade wegen Urlaubs geschlossen waren: Schnitzelgarten, Melina, Pizza bei Il Ritrovo an der Lindwurmstra\u00dfe. Ich hatte also in meine umfassendere Restaurantliste &#8220;Mal ausprobieren&#8221; geklickt und in der fu\u00dfl\u00e4ufig erreichbaren <a href=\"http:\/\/www.goldmarie-muenchen.de\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Goldmarie<\/a> reserviert (wundervoller Name, Speisekarte erfreulich Gem\u00fcse-lastig).<\/p>\n<p>In meiner gestrigen Verfassung hatte ich darauf \u00fcberhaupt keine Lust, hatte aber die Reservierung per automatischer E-Mail-Nachfrage bereits best\u00e4tigt und wollte mich GEF\u00c4LLIGST NICHT SO ANSTELLEN (das ist der Tonfall, den ich in dieser Verfassung mir gegen\u00fcber drauf habe).<\/p>\n<p>Bis dahin (es war nur noch ein sp\u00e4ter Tisch nach acht zu haben gewesen) schlug ich die Zeit mit Manik\u00fcre, Yoga-Gymnastik, Romanlesen tot. Mit Herrn Kaltmamsell spazierte ich die Lindwurmstra\u00dfe entlang zum Restaurant, er lenkte mich mit Beobachtungen zu seiner derzeitigen Lekt\u00fcre ab, Bov Bjergs <i>Der Vorweiner<\/i>; es stellte sich zu meiner \u00dcberraschung heraus dass, Bov und Herr Kaltmamsell viel gemeinsame Lese-Vergangenheit haben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Ablenkung: Alkohol.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230822_04_Goldmarie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230822_04_Goldmarie.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"444\" class=\"alignnone size-full wp-image-90360\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich suchte uns einen burgenl\u00e4ndischen Gemischten Satz Aus den D\u00f6rfern von Rosi Schuster aus der kleinen, ausgesuchten Weinkarte aus: Wundervoll w\u00fcrzig und rauchig. Tat seine medizinische Wirkung (endlich ein St\u00fcckchen Entspannung) &#8211; und passte \u00fcberraschend gut zu meiner Vorspeise, einer m\u00e4chtigen Artischocke (die ber\u00fcchtigt schwer mit Wein zu kombinieren ist &#8211; merken).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230822_05_Goldmarie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230822_05_Goldmarie.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"444\" class=\"alignnone size-full wp-image-90361\" \/><\/a><\/p>\n<p>Herr Kaltmamsell a\u00df gebratene Semmelstoppelpilze auf Sauerteigbrot.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230822_06_Goldmarie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230822_06_Goldmarie.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"444\" class=\"alignnone size-full wp-image-90362\" \/><\/a><\/p>\n<p>Hauptgang war f\u00fcr Herrn Kaltmamsell ein Bollito misto (Tafelspitz, Polpette und Zunge vom Rind), ich a\u00df sehr gute Linguine alla Norma.<\/p>\n<p>Daheim nur noch ein wenig Schokolade und kurze Planung des n\u00e4chsten Tags: Ich hatte mir frei genommen, um einen der letzten Sommertage f\u00fcr einen Ausflug auf den Chiemsee zu nutzen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_tey.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_tey.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"222\" class=\"alignnone size-full wp-image-90205\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein ganz hinrei\u00dfender britischer Krimi, ver\u00f6ffentlicht 1951. In Josephine Teys f\u00fcnftem Roman aus der Reihe um einen Inspector Grant beschr\u00e4nkt sie seinen Wirkungsradius auf ein Zimmer: ein Krankenzimmer, in dem der Inspector nach einem Unfall liegt. Ihm ist schrecklich fad, so versorgt ihn eine Freundin, Marta, von Beruf Theaterschauspielerin, mit Drucken historischer Portraits: Grant ist besonders gut darin, Menschen ihre Pers\u00f6nlichkeit am Gesichtsausdruck abzulesen &#8211; und bleibt an einem Portait von Richard III. h\u00e4ngen; er sieht in seiner Wahrnehmung so ganz anders aus, als was Briten sofort zu ihm einf\u00e4llt. Und so beginnt er zu ermitteln, woher diese Diskrepanz kommt, ob die schlimmen Dinge, die man sich \u00fcber Richard erz\u00e4hlt (u.a. Bruder und zwei kleine Neffen umgebracht), \u00fcberhaupt stimmen.<\/p>\n<p>Das ist ganz gro\u00dfartig erz\u00e4ht: In Zeiten vor Internet muss der Ermittler auf B\u00fccher zur\u00fcckgreifen und vergleicht einige Darstellungen des relevanten historischen Abschnitts, von Zeitgenossen \u00fcber historischen Roman bis Kindergeschichten. Er befragt mit nahezu derselben Erntshaftigkeit wie Zeugen anfangs das Krankenhaus-Personal, wie diese die Zusammenh\u00e4nge aus dem Schulunterricht in Erinnerung haben &#8211; und was sie von dem Portraitierten halten. Einges davon widerspricht sich, manches widerspricht belegbaren Fakten.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzung bekommt er von einem Doktoranden am British Museum, der f\u00fcr Grant Quellen sucht und pr\u00fcft. Schnell geht es nicht nur um Richards Geschichte, sondern \u00fcberhaupt um die Diskrepanz zwischen wirkm\u00e4chtigen Geschichten, die als &#8220;historisch&#8221; angesehen werden, und \u00fcberpr\u00fcfbaren Fakten. Indirekt f\u00fchrt der Roman wundervoll vor, wie Quellenarbeit in der Geschichtswissenschaft funktioniert. Oder investigativer Journalismus.<\/p>\n<p>Die wenigen Live-Figuren des Romans sind lebendig und glaubw\u00fcrdig gezeichnet, allerdings auch \u00fcber die personale Erz\u00e4hlweise und Grants Sicht mit Hang zum Misogynem. Als <i>Easter Egg<\/i> l\u00e4sst Josephine Tey sich selbst auftauchen: Marta berichtet bei ihren Besuchen immer wieder von einer Theaterautorin, die sie dazu bekommen m\u00f6chte, ein St\u00fcck f\u00fcr sie zu schreiben, die aber schon wieder statt dessen irgendeinen Krimi schreibt. (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Josephine_Tey\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Josephine Tey ist das Pseudonym von Elizabeth Mackintosh, die unter einem anderen Pseudonym Theaterst\u00fccke verfasste.<\/a>)<\/p>\n<p>Und wie so oft in Genre-Literatur erf\u00e4hrt man Zeithintergrund eher aus Versehen, unter anderem:<br \/>\n&#8211; Dass in damaligen Krankenh\u00e4usern das Pfegepersonal im Haus wohnte (und es keine verheirateten Krankenschwestern gab).<br \/>\n&#8211; Dass in den Patientenzimmern geraucht wurde.<br \/>\n&#8211; Dass Patient*innen damals im Krankenhaus geheilt wurden und erst dahezu genesen entlassen. (Das hatte ich tats\u00e4chlich vergessen: Dass die &#8220;blutige Entlassung&#8221; Folge der letzten Gesundheitsreformstufe mit ihren Fallpauschalen war.)<\/p>\n<p>Der Titel des Romans bezieht sich \u00fcbrigens auf ein Sprichwort, das ihm vorangestellt ist:<\/p>\n<blockquote><p>Truth is the daughter of time.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Ganz sch\u00f6n optimistisch.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2020\/06\/josephine-tey-the-daughter-of-time.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Herr Kaltmamsell hatte den Krimi schon vor drei Jahren gelesen und dazu gepostet<\/a>, mit v\u00f6llig anderen Schwerpunkten als ich.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Zuguck-Fu\u00dfball interessiert mich auch weiterhin nicht, egal von wem gespielt. Aber mich interessieren Mechanismen, die Frauen unterdr\u00fccken. Zum Beispiel der \u00dcbergriff gegen eine spanische Nationalspielerin. Nora Hespers analysiert f\u00fcr sportschau.de:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.sportschau.de\/fussball\/fifa-frauen-wm\/kommentar-frauen-wm-spanien-machtgefaelle-100.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Fu\u00dfball-WM: Ein Kuss als Machtdemonstration&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>&#8230;warum sie sich nicht gewehrt h\u00e4tte? Ihre Antwort: &#8220;Was h\u00e4tte ich denn tun sollen?&#8221; Ja, was h\u00e4tte sie tun sollen? Rubiales, dem Verbandschef vor den Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit eine Ohrfeige verpassen? H\u00e4tte sicherlich f\u00fcr ein gro\u00dfes Hallo gesorgt.<\/p>\n<p>Aber wahrscheinlich ging es ihr, wie es vielen Frauen in diesen Situationen geht: Sie war schlicht \u00fcberrumpelt. Denn eigentlich, so k\u00f6nnte man meinen, sollten Frauen gerade im Rampenlicht vor derartigen \u00dcbergriffen sicher sein. Sind sie aber nicht. Und das sagt viel dar\u00fcber aus, was M\u00e4nner f\u00fcr &#8220;normal&#8221; halten, was sie sich erlauben k\u00f6nnen &#8211; und Frauen eben nicht.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcberrumpelung gemischt mit dem innigem Wunsch, das sei gerade einfach nicht passiert. Und wenn ich so tue, als sei es nicht passiert, geht es vielleicht weg.<\/p>\n<blockquote><p>Weil ein gro\u00dfer Teil der Menschen immer noch denkt, das sei &#8220;ja nicht so schlimm&#8221; und &#8220;nur ein Kuss, da muss man kein Drama draus machen&#8221;. Es geht nicht um den Kuss. Es geht um das Machtgef\u00e4lle. Und in diesem Machtgef\u00e4lle ist dieser Kuss ein Akt der Gewalt. Allein schon deshalb, weil der Kopf von Hermoso so festgehalten wird, dass sie dem gar nicht ausweichen kann.<\/p><\/blockquote>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/afbd9eb859334ebd9f9928af1b45ea78\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Aufnahme von mir als knapp Achtj\u00e4hrige macht etwas mit mir. Ich mag dieses M\u00e4dchen und ich frage mich, wo die Frau ist, die dieser Blick, dieses K\u00f6rperbewusstsein versprachen einmal zu werden. Selbst bin ich irgendwann in eine andere Richtung abgebogen, aus jedem Kind k\u00f6nnen ja die unterschiedlichsten Erwachsenen werden. 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