{"id":9,"date":"2003-09-21T11:04:42","date_gmt":"2003-09-21T09:04:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2003\/09\/provinz-muenchen.htm"},"modified":"2006-02-01T11:42:47","modified_gmt":"2006-02-01T10:42:47","slug":"provinz-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2003\/09\/provinz-muenchen.htm","title":{"rendered":"Provinz M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p>Ein ganz normaler Donnerstag im September. Auf der Rolltreppe eines M\u00fcnchner Kaufhauses unterhalten sich zwei Frauen Mitte 40 von der eher hausbackenen Sorte. Im Gespr\u00e4ch greift die blondere der beiden in ihre Handtasche und zieht eine kleine runde Dose heraus. Ohne hinzuschauen streut sie sich etwas vom Inhalt des D\u00f6schens auf die Daumenseite des Handr\u00fcckens. Das wiederum f\u00fchrt sie zur Nase und schnauft es ruckartig ein: Schnupftabak, hierzulande \u201eSchmalzler\u201c genannt.<\/p>\n<p>Wegen solcher Erlebnisse liebe ich M\u00fcnchen. All die Erscheinungen, die viele Bewohner dieser Stadt regelm\u00e4ssig zu geh\u00e4ssigen Ausf\u00e4llen bewegen, geh\u00f6ren f\u00fcr mich genau zu den Dingen, die meine Liebe nur verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Allein schon mal die elit\u00e4ren und schicken Zirkel. Ich habe ja den Verdacht, dass nur diejenigen \u00fcber Schicki-Mickis schimpfen, die dazu geh\u00f6ren oder geh\u00f6rten. Leute wie ich erkennen die einfach nicht: Es kam schon oft genug vor, dass ich Kolleginnen von Restaurant-Entdeckungen vorschw\u00e4rmte \u2013 nur um mich abkanzeln zu lassen \u201eAch neee, da sitzen doch nur so Schickis rum!\u201c. Ich hatte nur gut gekleidete und wohlerzogene G\u00e4ste um mich herum wahrgenommen.<\/p>\n<p>Und wenn Leute wie ich die Schickis erkennen, freue ich mich eher daran. Zum Beispiel an dem Paar in der Feinkost-Abteilung des Kaufhofs am Marienplatz. Er in feinstem Tuch und mit Seidekrawatte, handgen\u00e4hte Schuhe, regelm\u00e4\u00dfig geschnittene Haare. Sie zierlich am Rande der Anorexie, streng hochgestecktes Blondhaar, im Edelkost\u00fcmchen (ich tippe auf Escada), passende Prada-Slingpumps, darauf abgestimmtes T\u00e4schchen, dezenter Goldschmuck. Und genau dieses Paar lieferte sich zwischen dem Regal mit Oliven\u00f6len und der Fischtheke eine Beziehungsschlacht. Leider konnte ich nicht mith\u00f6ren, was der Streitpunkt war, denn das Paar war wohlerzogen genug sich nicht anzubr\u00fcllen, sondern auf schneidenden Fl\u00fcsterton zu schalten. Aber K\u00f6rpersprache und Blicke lie\u00dfen keinen Zweifel daran, dass fr\u00fcher oder sp\u00e4ter einer von beiden erz\u00fcrntest den Laden verlassen w\u00fcrde. Welch Schauspiel!<\/p>\n<p>Ich genie\u00dfe den Anblick aufgestylter Menschen um mich herum. Auch fr\u00fchmorgens um 8.30 Uhr in der U-Bahn (in M\u00fcnchen beginnen B\u00fcrozeiten im Durchschnitt eine Stunde nach denen in D\u00fcsseldorf) ist jede sorgsam hergerichtet \u2013 nicht immer mit Erfolg, aber ich sehe, dass \u00dcberlegung hinter der Abstimmung von Ohrringen und Haarklammer steht.<\/p>\n<p>Das Nachtleben M\u00fcnchens kenne ich nur aus Erz\u00e4hlungen \u2013 als Queen of Uncool gehe ich eigentlich nur aus, um mich in angenehmer Umgebung mit Menschen zu unterhalten, die ich schon kenne. Aber ich bin Expertin im Fr\u00fchst\u00fccksleben M\u00fcnchens! Und genie\u00dfe es, dass ich Sonntags bis sp\u00e4t in den Abend kreative Fr\u00fchst\u00fcckskarten vorgesetzt bekomme, dass ich auch um 14 Uhr noch einen Tisch reservieren muss, wenn ich mit mehr als zwei Personen in einem Caf\u00e9 aufkreuze. Bis in den Nachmittag sitze ich dann zwischen sch\u00f6nen Menschen in schicker Kleidung, Familien und Studienanf\u00e4ngern.<\/p>\n<p>Die h\u00e4ufigste Klage \u00fcber M\u00fcnchen lautet, hier herrsche Provinz. Ach? Da bin ich nun wirklich eine Koryph\u00e4e: Ich bin in der Provinz geboren und aufgewachsen, habe in einer weiteren Provinz meine Ausbildung gemacht, in einer dritten Provinz ging ich zur Uni, jetzt habe ich einen Arbeitsplatz in einer weiteren Provinz. Wenn das hier in M\u00fcnchen Provinz ist, dann ist es eben meine Lieblingsprovinz.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir uns darauf einigen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein ganz normaler Donnerstag im September. Auf der Rolltreppe eines M\u00fcnchner Kaufhauses unterhalten sich zwei Frauen Mitte 40 von der eher hausbackenen Sorte. Im Gespr\u00e4ch greift die blondere der beiden in ihre Handtasche und zieht eine kleine runde Dose heraus. 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