{"id":90605,"date":"2023-09-01T06:17:07","date_gmt":"2023-09-01T04:17:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=90605"},"modified":"2025-09-09T15:58:55","modified_gmt":"2025-09-09T13:58:55","slug":"journal-donnerstag-31-august-2023-ewald-frie-ein-hof-und-elf-geschwister","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2023\/09\/journal-donnerstag-31-august-2023-ewald-frie-ein-hof-und-elf-geschwister.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 31. August 2023 &#8211; Ewald Frie, <i>Ein Hof und elf Geschwister<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Das war nur eine sehr kurze Vorschau auf Wetterbesserung, nachts hatte es wieder ordentlich geregnet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230830_04_Vollmond.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-90656\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/230830_04_Vollmond.jpg\" alt=\"\" width=\"324\" height=\"440\" \/><\/a><\/p>\n<p>Beim ersten Klogang bekam ich aber noch den Vollmond zu sehen.<\/p>\n<p>Ich ging unter dunkeld\u00fcsterem Himmel und in warmer Jacke in die Arbeit, zumindest regnete es jetzt nicht.<\/p>\n<p>Emsiger Vormittag, gegen die B\u00fcrok\u00e4lte brauchte ich wieder Strickjacke \u00fcber Pulli. Statt Mittagscappuccino huschte ich f\u00fcr Obstk\u00e4ufe auf den Markt am Georg-Freundorfer-Platz &#8211; wobei das Huschen an der Schlange am G\u00e4rtnerei-Stand j\u00e4h endete: Die drei Kundinnen vor mir hatte vielf\u00e4ltige Erz\u00e4hlungen, W\u00fcnsche, Anliegen, denen die Verl\u00e4uferin sehr herzlich und sorgf\u00e4ltig entgegen kam. Mit dem Ergebnis, dass ich meinen Kauf auf ein Kilo Zwetschgen f\u00fcr Wochenend-Kuchen beschr\u00e4nkte, um meine Mittagspause nicht zu sehr zu \u00fcberziehen.<\/p>\n<p>Zu essen gab es am Schreibtisch einen Kanten selbst gebackenes Brot, au\u00dferdem Mango (aromatisch aber Strickprojekt-inspirierend fasrig) mit Sojajoghurt.<\/p>\n<p>Mittel-gesch\u00e4ftiger Arbeits-Nachmittag. Auf dem Heimweg (kalt, aber trocken, am Himmel blaue Flecken) steuerte ich wie geplant einen Weinladen in der Westendstra\u00dfe an (zuf\u00e4llig entdeckt beim Vorbeilaufen, eine deutlich sichtbare Lieferung vom burgenl\u00e4ndischen Weingut Pittnauer hatte damals die Ausrichtung des geschlossenen Gesch\u00e4fts verraten): <a href=\"https:\/\/www.wir2liebenwein.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wir 2 lieben Wein.<\/a> In deren Sortiment hatte ich n\u00e4mlich online sowohl den Pittnauer Dogma Ros\u00e9 als auch den roten Preisinger KalkundKiesel entdeckt. Ich nahm je zwei Flaschen mit und traf dabei auf die namensgebenden 2, Sabine und Tina; eine erfreuliche Begegnung, ich komme wieder.<\/p>\n<p>Daheim erstmal die schon wieder ausgefallene <i>S\u00fcddeutsche<\/i> auf der Website moniert (mache ich erst abends, wenn ich wirklich, wirklich sicher bin, dass sie nicht mehr kommt), mich noch mehr ge\u00e4rgert, als ich f\u00fcr die Reklamationssseite zustimmen musste, dass meine Daten f\u00fcr Werbezwecke verwendet werden, ohne Opt-out-M\u00f6glichkeit (gleich mal per Kontaktformular gemeckert).<\/p>\n<p>Dann die Abschlussfolge Yoga-Gymnastik Adriene &#8220;Move&#8221; geturnt &#8211; ich hatte sie vom 30. auf den 31. August verschoben. Abendessen aus frisch geholtem Ernteanteil: Blattsalat, Tomaten, Gurke mit Haselnussmus-Dressing (ein gro\u00dfartiger Kniff). Zum Sattwerden noch gekochte Eier und ein wenig von der Schinkenkrakauer, die uns einer unserer beiden polnischen Putz-Herren mitgebracht hatte. Nachtisch Schokolade.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_frie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-90505\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_frie.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"235\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ewald Frie, <i>Ein Hof und elf Geschwister<\/i>, nach drei autofiktionalen &#8220;Romanen&#8221; dieses Jahr also die Familiengeschichte eines universit\u00e4ren Historikers, Fakten- und Quellen-basiert &#8211; sehr gerne gelesen.<\/p>\n<p>Bei allem Historikertum schafft Frie erst einmal einen menschlichen, pers\u00f6nlichen Bezug: Er steigt mit den einzigen drei Familienfotos ein, von 1947, 1960 und 1969, inklusive Geschichte der Aufnahmesituation.<\/p>\n<p>Seine Methodik macht Ewald Frie anfangs transparent:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Frie_Hof.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-90607\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Frie_Hof.jpg\" alt=\"\" width=\"725\" height=\"582\" srcset=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Frie_Hof.jpg 725w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Frie_Hof-600x482.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 725px) 100vw, 725px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das ist ihm gelungen: Genau diese Mischung macht das Buch in meinen Augen so einzigartig und charmant.<\/p>\n<p>Die Struktur, die Frie seiner Erz\u00e4hlung durch Gro\u00dfkapitel gibt:<br \/>\n&#8211; &#8220;Familie, Bauernschaft und Dorf&#8221;<br \/>\n&#8211; &#8220;Die Jahre meines Vaters&#8221; (der deutlich \u00e4lter als die Mutter war)<br \/>\n&#8211; &#8220;Die Jahre meiner Mutter&#8221;<br \/>\n&#8211; &#8220;Auszug&#8221;<br \/>\n&#8211; &#8220;Nachwelten&#8221;<\/p>\n<p>Vieles in den historischen Beschreibungen des Hof-Alltags sagte mir etwas, zum Beispiel die Fachsprache des Viehhandels &#8211; ich habe in meinen Lokalredaktionszeiten Ende der 1980er, Anfang der 1990er immer gerne die Landwirtschaftsspalte verantwortet.<\/p>\n<p>Doch am spannendsten waren f\u00fcr mich die Unterschiede zu dem Wenigen, was ich an landwirtschaftlicher Struktur kenne: Bayern unterscheidet sich v\u00f6llig von Westfalen. So konnte mich \u00fcberraschen, dass es im M\u00fcnsterland einen Unterschied zwischen Hof und Dorf gab: Die titelgebenden elf Kinder wuchsen auf einem von vielen alleinstehenden H\u00f6fen auf, kamen kaum in Kontakt mit anderen Familien, ins Dorf musste eigens gefahren werden, und das geschah nur zum Kirchgang am Sonntag. In meinem Bayern waren Landwirtschaft und Dorf deckungsgleich, eine Ansammlung von H\u00f6fen ergab ein Dorf, Einsiedlerh\u00f6fe waren eine so gro\u00dfe Ausnahme, dass sie eine eigene Bezeichnung bekamen. Doch so wie ich das in der Vergangenheitsform schreibe (D\u00f6rfer bestehen auch in Bayern nur noch zu einem Bruchteil aus Landwirtschaft), beschreibt Frie eine vergangene Struktur: Schon die j\u00fcngeren der elf Geschwister (unter anderem er selbst) mussten dank technischem Fortschritt nicht mehr so viel auf dem Hof arbeiten und sein, engagierten sich in Gemeinde und Vereinen, hatten eine Gemeinschaft au\u00dferhalb der Familie. Auch war mir nicht bewusst, wie neu die Selbstorganisation der Jugend in Verb\u00e4nden und Vereinen ist: Sie begann erst im Nachkriegs-Deutschland.<\/p>\n<p>Frie beschreibt und analysiert die strukturellen wie die sozialen Ver\u00e4nderungen seiner Herkunftsgegend, ihre gesellschaftlichen und politischen Ursachen (u.a. h\u00e4tte ohne die Einf\u00fchrung von BAf\u00f6G Anfang der 1970er niemand von den elfen mehr als Volksschule und Ausbildung absolvieren k\u00f6nnen, keiner und keine studieren; ohne staatliche F\u00f6rderprogramme g\u00e4be es den Frie-Hof seit Jahrzehnten nicht mehr), aber auch die menschlichen und ganz individuellen Auswirkungen auf die Familienmitglieder.<\/p>\n<p>Viel Raum nimmt die sich ver\u00e4ndernde Rolle von Frauen auf dem Hof ein, die mir in diesen Details neu war. (Passt hervorragend zu dem Buch, <a href=\"https:\/\/www.faber.co.uk\/product\/9780571370603-the-farmers-wife\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">das von Helen Rebanks gestern erschien: <i>The Farmer&#8217;s Wife<\/i><\/a>, und das ich seit Bekanntwerden auf meiner Leseliste habe.)<\/p>\n<p>Im letzten Kapitel &#8220;Nachwelten&#8221; denkt Frie dar\u00fcber nach, ob diese Bildungs-Entwicklung der Kinder einen &#8220;Aufstieg&#8221; darstellt &#8211; er bezweifelt das: Er besitze &#8220;kein Land, kein Haus, keine Tiere, keine Apfelb\u00e4ume, keine Feuerstelle&#8221; wie seine Eltern. Und auch nicht das Fachwissen seines Vaters zu Vererbungsqualit\u00e4ten von Bullen, nicht dessen Ansehen auf DLG-Schauen, k\u00f6nne nicht das Wetter aus dem Zug der Wolken und der Farbe des Sonnenuntergangs ablesen. Sein Vorschlag: &#8220;Umstieg statt Aufstieg?&#8221;<\/p>\n<p>Ein zeitspezifisches Detail in der Danksagung:<\/p>\n<blockquote><p>Die Idee zu diesem Buch gab es schon lange. Die Zeit, es zu schreiben, gab es, als coronabedingte Reise-, Kontakt- und Archivbeschr\u00e4nkungen ein anderes, bereits auf dem Weg befindliches Forschungsprojekt stoppten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist dann das zweite mir bekannte Werk, das es nur wegen Corona gibt. Das andere ist der gestern erschienene Roman <i>Prophet<\/i> von Helen Macdonald und Sin Blach\u00e9, gemeinsam im Corona-Lockdown geschrieben. (Ebenfalls auf meiner Leseliste.)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Annette Dittert, Leiterin des ARD-Studios in London, fasst die aktuelle Lage Gro\u00dfbritanniens f\u00fcr <i>Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/i> zusammen, sachlich und belegt. Wieder keine \u00dcberraschung dabei, dennoch wichtig.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2023\/august\/geisterschiff-grossbritannien-verdraengen-ohne-ende\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Geisterschiff Gro\u00dfbritannien: Verdr\u00e4ngen ohne Ende&#8221;.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/9b52b1f62ea64cbe897a8c92b943aa2e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das war nur eine sehr kurze Vorschau auf Wetterbesserung, nachts hatte es wieder ordentlich geregnet. Beim ersten Klogang bekam ich aber noch den Vollmond zu sehen. Ich ging unter dunkeld\u00fcsterem Himmel und in warmer Jacke in die Arbeit, zumindest regnete es jetzt nicht. Emsiger Vormittag, gegen die B\u00fcrok\u00e4lte brauchte ich wieder Strickjacke \u00fcber Pulli. 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