{"id":920,"date":"2005-06-26T15:57:33","date_gmt":"2005-06-26T13:57:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=920"},"modified":"2005-12-17T18:27:28","modified_gmt":"2005-12-17T17:27:28","slug":"louis-de-bernieres-birds-without-wings","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/06\/louis-de-bernieres-birds-without-wings.htm","title":{"rendered":"Louis de Berni\u00e8res, <i>Birds without Wings<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/BWW.jpg' alt='' \/><\/p>\n<p><i>(Wenn ich \u00fcber B\u00fccher oder Filme schreibe, gebe ich mir immer M\u00fche, m\u00f6glichst wenig von der Handlung zu verraten.)<\/i><\/p>\n<p>Gro\u00df ist er, der neue Roman <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/0436205491\/qid=1119794093\/sr=1-7\/ref=sr_1_10_7\/302-6089896-7663205\" target=_new><i>Birds without Wings<\/i><\/a> von Louis de Berni\u00e8res, das auf jeden Fall. Gro\u00df im Sinne von umfassend, dick, inhaltsreich. Da dieser Umfang aus Mosaiksteinchen besteht, also aus vielen Handlungsstr\u00e4ngen und Episoden, dauerte es aber bis fast ans Ende des Romans, bis er f\u00fcr mich zu einer Einheit wurde.<\/p>\n<p>Das historische Gitter sind das untergehende osmanische Reich, der Gallipoli-Feldzug, die erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Griechen und T\u00fcrken im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht ein kleiner Ort in S\u00fcdwest-Anatolien, in dem Christen und Muslims jahrhundertelang nebeneinander und verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig friedlich ihre Traditionen und Religionen lebten, manchmal sogar verbanden. Wir lernen unter anderem Iskander den T\u00f6pfer kennen, Philotei, ein christliches M\u00e4dchen von atemberaubender Sch\u00f6nheit, Ibrahim den Ziegenhirten, die Freunde Karatavuk und Mehmet\u00e7ik, den orthodoxen Popen Kristoforos und den muslimischen Gemeindevorsteher Abdulhamid Hodja, den Gro\u00dfgrundbesitzer Rustem Bey und den Lehrer Daskalos Leonidas, einen gl\u00fchenden Anh\u00e4nger der neo-hellenistischen Bewegung.<br \/>\nParallel wird das Leben von Mustafa Kemal berichtet, dem sp\u00e4teren Atat\u00fcrk. <\/p>\n<p>Die Stimme ist immer dieselbe, die erz\u00e4hlt, auch wenn einer der Protagonisten als Ich auftritt. So breitet sich das Schicksal aller Protagonisten \u00fcber die Jahrzehnte vor uns aus, angereichert durch eine F\u00fclle historischen Hintergrunds.<\/p>\n<p>Das Buch kann sich nicht so recht entscheiden, ob es eine umfassende historische Aufarbeitung sein will (dann br\u00e4uchte es aber f\u00fcr viele, oft recht gewagte Darstellungen Quellenhinweise) oder ein Roman, der sich mit Menschen, Charakteren, Gef\u00fchlen besch\u00e4ftigt. Das f\u00fchrt dazu, dass mir das Lesen von <i>Birds without Wings<\/i> zu weiten Strecken vorkam wie eine BBC-Dokumentation \u2013 die ja bei historischen Themen gerne mal Spielszenen mit geschichtswissenschaftlichen Er\u00f6rterungen mischt.<\/p>\n<p>Eine ungeheure Menge Material steckt in dem Roman \u2013 die ungew\u00f6hnlich langen elf Jahre seit seinem Vorg\u00e4ngerroman, <i>Captain Corelli\u2019s Mandolin<\/i> hat de Berni\u00e8res dann wohl mit gr\u00fcndlicher Recherche verbracht \u2013 und wenn er sich schon so viel M\u00fche gegeben hat, unterstelle ich ihm als Gedankengang, dann muss auch alles rein ins Buch. Mir w\u00e4re es lieber gewesen, er h\u00e4tte sich darauf konzentriert, eine gute Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Dem Buch scheint es sehr wichtig, gerade diejenigen Details zu betonen, die der derzeit \u00fcblichen Wahrnehmung dieser geschichtlichen Epoche widersprechen. Das Erw\u00e4hnen dieser Details w\u00e4re an sich genug gewesen, aber immer wieder wedelt un\u00fcbersehbar der erhobene Zeigefinger des Erz\u00e4hlers \u2013 auf Kosten der Geschichte. Dabei schrammt er zum Beispiel ganz knapp daran vorbei, den Genozid an den Armeniern zu rechtfertigen. <\/p>\n<p>Sonst sind mir ja Autor \/ Autorin von Romanen recht nebens\u00e4chlich. Doch selbstverst\u00e4ndlich wird mein Lesen durch das Wissen beeinflusst, das ich \u00fcber sie habe. Wenn ich einen Autor dann auch noch pers\u00f6nlich kenne, kann ich es gar nicht abschalten, dass ich Schl\u00fcsse vom Werk auf ihn ziehe.* Louis de Berni\u00e8res habe ich ca. 1995 bei seinem Besuch an unserer Uni zwei Tage mitbetreut, und wir haben uns das eine oder andere erz\u00e4hlt. Deshalb schlie\u00dfe ich aus der gro\u00dfen Rolle, die Milit\u00e4r, Waffen, Hierarchien, Schlachten, Strategie, Logistik, Kriegsalltag spielen, dass Louis vielleicht inzwischen Frieden mit seiner Herkunft geschlossen hat: Er kommt aus einer britischen Milit\u00e4rfamilie (also <i>middle class<\/i>) und hat lange damit gehadert und dagegen rebelliert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*Wie verheerend es sein kann, einen Autor kennen zu lernen, habe ich an einer englischen Freundin gesehen, die Mitte der 90er in russischer Literatur \u00fcber Cingiz Ajtmatov und sein Sch\u00f6pfen aus der kirgisischen Kultur promovierte (in England war er damals erheblich weniger bekannt als in Deutschland). Auf einer seiner Lesereisen hatte sie Gelegenheit zu einem Gespr\u00e4ch mit Ajtmatov: Sie brachte sehr schnell heraus, dass der Mann ein opportunistischer Wendehals ist, der marktorientiert haupts\u00e4chlich f\u00fcr deutsche Leser schrieb und denen einfach gab, was sie lesen wollten \u2013 Steppenromantik. Sie war v\u00f6llig desillusioniert und warf ihre Promotion hin.<br \/>\n(Von dieser Frau stammt die wunderbare Definition von literarischem <i>socialist realism<\/i>: \u201eBoy meets girl meets tractor.\u201c)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Wenn ich \u00fcber B\u00fccher oder Filme schreibe, gebe ich mir immer M\u00fche, m\u00f6glichst wenig von der Handlung zu verraten.) Gro\u00df ist er, der neue Roman Birds without Wings von Louis de Berni\u00e8res, das auf jeden Fall. Gro\u00df im Sinne von umfassend, dick, inhaltsreich. 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