{"id":92382,"date":"2023-10-29T13:41:24","date_gmt":"2023-10-29T12:41:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=92382"},"modified":"2023-10-29T13:41:43","modified_gmt":"2023-10-29T12:41:43","slug":"vom-gastgeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2023\/10\/vom-gastgeben.htm","title":{"rendered":"Vom Gastgeben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_praeauer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_praeauer.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"254\" class=\"alignnone size-full wp-image-92266\" \/><\/a><\/p>\n<p>Angesto\u00dfen hat das Erinnern an mein Gastgeben der Roman <i>Kochen im falschen Jahrhundert<\/i> von Teresa Pr\u00e4auer. Darin hat ein Hetero-Paar jenseits der 40 in einer \u00f6sterreichischen Gro\u00dfstadt zum ersten Mal G\u00e4ste zum Abendessen. Das wird in mehreren Versionen erz\u00e4hlt, in einer Mischung von personalem und auktorialem Erz\u00e4hler, mit unterschiedlicher zeitlicher Abfolge. Immer wieder fragt diese Erz\u00e4hlstimme &#8220;Erinnerst du dich daran&#8221; &#8211; und das mag mein Erinnern ausgel\u00f6st haben. <\/p>\n<p>Die G\u00e4ste des Romans bleiben in allen Versionen gleich, das sind immer ein Ehepaar mit recht frischem Baby und ein Schweizer Freund. Es wird schnell klar: Das soll keine realistische Schilderung sein, sondern ein Sittengem\u00e4lde mit bestimmten gesellschaftlichen Typen (es gibt keine einzige wirklich charakterisierte Figur, sie haben nicht einmal Namen). Das allerdings in meinen Augen nur offene T\u00fcren einrennt, die Instagramisierung des Lebens samt Hashtags, zeitgen\u00f6ssische Distinktion mit Statussymbolen und Markennamen etc. etc. (Warum sich die Gastgeberin &#8220;im falschen Jahrhundert&#8221; dabei f\u00fchlt, wurde mir allerdings nicht klar, dazu h\u00e4tte sie eine Pers\u00f6nlichkeit gebraucht.) Daniela Strigl <a href=\"https:\/\/www.buecher.de\/shop\/internet\/kochen-im-falschen-jahrhundert\/praeauer-teresa\/products_products\/detail\/prod_id\/66658972\/#reviews-more\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">nennt den Roman in der <i>FAZ<\/i><\/a> &#8220;ein St\u00fcck Popliteratur und dessen satirische Verfremdung&#8221;, damit trifft sie am ehesten.<\/p>\n<p>Doch selbst f\u00fcr Freude an der Satire muss ich die Pr\u00e4missen nachvollziehen k\u00f6nnen, muss ich einen Bezug zum Satirisierten haben. Der fehlt mir in diesem Fall v\u00f6llig, ich kenne die Umst\u00e4nde, die verzerrt werden, nur aus zweiter Hand, n\u00e4mlich aus der Fiktion und aus Feuilleton-Essays dar\u00fcber. M\u00f6glicherweise erkl\u00e4rt sich eine Minderheit, die zuf\u00e4llig besonders h\u00e4ufig Was Mit Medien arbeitet, f\u00fcr repr\u00e4sentativ &#8211; und ist es in Wirklichkeit gar nicht?<\/p>\n<p>Das beginnt mit dem Umstand, dass jemand jenseits der 40 zum ersten Mal Abendessensg\u00e4ste hat, das erw\u00e4hnte ich bereits. Oder die Haltung: Den guten Cr\u00e9mant trinkt das einladende Paar voher selbst, die G\u00e4ste bekommen den aus dem Supermarkt.<\/p>\n<p>Auf die Gefahr, kitschig zu klingen (<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2017\/05\/journal-freitag-5-mai-2017-wmdedgt-berlinreise.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">ich geh\u00f6re zu den von Max Scharnigg geschm\u00e4hten M\u00fcnchner Hausmeisterinnen, unten im Text<\/a>): Ich kenne das halt anders herum. Wenn man etwas besonders Gutes hat, l\u00e4dt man sich dazu G\u00e4ste ein, eine besonders edle Flasche oder aus dem Urlaub mitgebrachte, ferne Spezialit\u00e4ten l\u00e4sst man Freunde mitkosten. So kenne ich es von daheim, so kennt es Herr Kaltmamsell.<\/p>\n<p>Hier also mein Gastgeben &#8211; das sich sicher ebenso satirisieren l\u00e4sst, nur kommen darin keine f\u00fcr den Pop-Roman so essenziellen Markennamen vor.<\/p>\n<p>Zum Attrakivsten an der eigenen Wohnung geh\u00f6rte bei meinem Auszug aus dem Elternhaus mit 19 Jahren: Leute einladen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Unter anderem lud ich schon als Volont\u00e4rin die drei Kolleg*innen und den Chef der Lokalredaktion in die mitbenutzte Wohnk\u00fcche meine Dachk\u00e4mmerchens in Eichst\u00e4tt ein. Ich kochte zum ersten Mal selbst <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/rezepte\/cocido-madrileno.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">spanischen Cocido<\/a> und erinnere mich vage an ein furchtbares Gemetzel mit dem gekochten Huhn, da ich a) noch keine Gefl\u00fcgelschere besa\u00df und b) sehr wahrscheinlich noch nie Gefl\u00fcgel zerteilt hatte.<\/p>\n<p>Es kamen ja alle auf meine Einladung &#8211; wie h\u00e4tte ich denn herausfinden sollen, dass daran irgendwas nicht angemessen war? Wie \u00fcberhaupt praktisch immer fast alle kamen, die ich einlud. R\u00fcckblickend wird mir klar, wie unkonventionell so manche meiner Einladungen gewesen sein muss. Doch dann geriet ich mit 25 Jahren auch noch an einen Partner (den heutigen Herrn Kaltmamsell), der mich darin unterst\u00fctzte und eine \u00e4hnliche Auffassung vom Gastgeben hat. Auch lernte ich sehr sp\u00e4t, dass es unter Erwachsenen wohl eine Gesamtrechnung an Einladung und Gegen-Einladung gab, die zumindest mittelfristig ausgeglichen sein musste, sonst schlechtes Benehmen. Ich w\u00e4re nie auf die Idee gekommen, dass meine G\u00e4ste von einer Verpflichtung zur Gegeneinladung ausgehen k\u00f6nnten. (Dass ich auch in vieler anderer Hinsicht \u00fcberhaupt kein Gesp\u00fcr f\u00fcr Menschliches habe, wurde mir erst Jahrzehnte sp\u00e4ter klar.)<\/p>\n<p>Selbst r\u00fcckblickend irrelevant waren solche Mechanismen zu Studienzeiten: Ich lud immer wieder Freunde und Freundinnen zu mir zum Essen ein &#8211; bei welcher Gelegenheit h\u00e4tte ich sonst spannende neue Rezepte ausprobieren sollen? Oder mich mal an einen ganzen gro\u00dfen frischen Fisch wagen? (Den man mir am Augsburger Stadtmarkt ungeschuppt verkauft hatte, was ich erst nach dem Garen merkte, es war ein sehr fieseliges und anstrengendes Essen.)<\/p>\n<p>Dazu kamen ausgedehnte und reichhaltige Fr\u00fchst\u00fccke, Essenkochen f\u00fcr und mit \u00dcbernachtungsbesuch, Partys. Ich lehnte jedes Angebot ab, Speisen beizusteuern &#8211; war das doch wieder eine Gelegenheit, ganz Vieles auszuprobieren oder thematische Buffets zu gestalten, ich erinnere mich an ein rotes Buffet zum Roten Fest und an eines, f\u00fcr das ich ein neu erworbenes israelisches Kochbuch durchkochte. Zu anderer Leut&#8217; Partys brachte ich aber gerne etwas mit, wenn gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Und zwischendurch zum Geburtstag <i>open house<\/i>, das ich einmal wegen akuten Geldmangels mit gro\u00dfen Mengen frisch gekochter Maiskolben bestritt &#8211; es wurden alle satt. Wie ich ohnehin seit Auszug von Elterns meine Vorratshaltung in erster Linie daran bema\u00df, dass ich vier \u00dcberraschungsg\u00e4ste damit satt bekam. Inklusive Wein und Saft.<\/p>\n<p>Meine wilde Studienzeit (war \u00fcberhaupt nicht wild und) fand nicht in Kneipen und Discos statt (oder hie\u00dfen die schon damals Clubs?), sondern in den Wohnungen meiner Freundinnen und Freunde. Von Frank lernte ich die westerw\u00e4lder K\u00fcche seiner Gro\u00dfmutter, Gisi konnte besonders gut Fleischgerichte und servierte k\u00f6stliches Boeuf Bourguignon und Chili con carne (Fleisch in winzigen St\u00fccken, mit Schokolade abgeschmeckt), bei Lisa (Eltern mit Gem\u00fcsegarten) a\u00df ich meine erste K\u00fcrbissuppe und stellte fest, dass ich Rhabarber wirklich, wirklich scheu\u00dflich finde, bei Max machte ich erste Bekanntschaft mit Fenchel, Andrea brachte mir nach ihrem Thailand-Urlaub <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/rezepte\/tom-kha-gai.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Tom Kha Gai<\/a> bei, in Annes Lindenstra\u00dfen-WG wurde Besuch immer herzlich mitverk\u00f6stigt (u.a. mit <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/rezepte\/annes-chicoreekartoffeln.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Sahne-Chicoree mit Kartoffeln<\/a>). So sah meine kulinarische Bildung vor Einstieg ins Berufsleben aus. Wir trafen uns nat\u00fcrlich nicht nur zum Essen, sondern auch zum Filmschauen, Spielespielen &#8211; oder einfach so. Unter anderem, weil wir alle wenig Geld hatten und Ausgehen teuer war.<\/p>\n<p>Ich bekam schon mit, dass manche nie zu sich einluden, doch ich ging davon aus, dass das denen halt nicht so viel Spa\u00df machte wie mir oder sie nicht autark genug wohnten.<\/p>\n<p>Zuletzt lebte ich solch einen gro\u00dfen und wohl unkonventionellen Einladungs-Impuls aus, als ich 2007 einen Job in der Zentrale eines Dax-Unternehmens antrat und mich dort sofort sehr wohl f\u00fchlte: Ich lud alle ca. 20 Kolleginnen und Kollegen der Abteilung samt Chef zu mir zum Essen ein, st\u00fcckelte einen gro\u00dfen Esstisch zusammen, lieh mir bei Nachbarn St\u00fchle aus, es gab mit gro\u00dfer Unterst\u00fctzung von Herrn Kaltmamsell Spanisches in mehreren G\u00e4ngen, \u00fcber Tage vorbereitet.<\/p>\n<p>Was ich bei aller Blindheit f\u00fcr Menschliches nur wenig zu sp\u00e4t bemerkte: Manche G\u00e4ste f\u00fchlten sich durch den Aufwand eingesch\u00fcchtert, in den ich mich gerne f\u00fcr Einladungen warf &#8211; nach Eintritt in die freie Wirtschaft gesteigert durch neue finanzielle Freir\u00e4ume. Mangels Talent versuchte ich mich zwar nie an Tisch-Deko, doch anst\u00e4ndig gedeckt war die Tafel bei mir auch zu Studienzeiten (frische und gleiche Teller f\u00fcr jeden Gang, passendes Besteck, passende Gl\u00e4ser, Servietten), und besonders elaborierte Speisenfolgen schrieb ich schon auch mal auf Karten f\u00fcr den Tisch. Um dann einmal besonders deutlich zu merken, wie zwei erstmalige G\u00e4ste v\u00f6llig versch\u00fcchtert und steif auf ihren St\u00fchlen sa\u00dfen. Gro\u00dfen Aufwand gibt es seither nur f\u00fcr vertrautere G\u00e4ste und mit deren vorherigem Einverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Aber sp\u00e4testens seit der Lekt\u00fcre von <i>Kochen im falschen Jahrhundert<\/i> bin ich auf der Hut: Vielleicht ist, was ich f\u00fcr Gastfreundschaft hielt, ja doch nur Habitus und Distinktion und ich vergesse lediglich, die Hersteller von Geschirr und Tischw\u00e4sche zu nennen.<\/p>\n<p>Illustrierende Fotos habe ich in meinen Alben nur zwei gefunden. Damals wurde halt fast nie fotografiert &#8211; ich kann das nicht besser finden als den heutigen Foto-Schatz, der mir zu praktisch jeder Erinnerung zur Verf\u00fcgung steht, aus mir wird nie eine Feuilletonistin.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/1992_NovemberGaeste.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/1992_NovemberGaeste.jpg\" alt=\"\" width=\"483\" height=\"328\" class=\"alignnone size-full wp-image-92399\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Album vermerkt lediglich:<br \/>\n&#8220;November &#8217;92<br \/>\nEssen bei mir&#8221;<br \/>\nDas im Vordergrund bin ich, das um mich herum ist meine geliebte Wohnung am Augsburger Elias-Holl-Platz, im Hintergrund das Fenster zur K\u00fcche, die wohl einst eine R\u00e4ucherkammer war.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/1995_AugustIsraelisches_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/1995_AugustIsraelisches_1.jpg\" alt=\"\" width=\"603\" height=\"414\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p>Israelisches Buffet zu meiner riesigen Geburtstagsfeier 1995, f\u00fcr die ich eine Schnitzeljagd durch Augsburg organisiert hatte. Das Foto ist praktisch der Gegenschuss zum vorherigen, es zeigt eben diese K\u00fcche. (Und ich bin sehr froh dar\u00fcber, erinnere mich dadurch an viele l\u00e4ngst vergessene Ausstattungsdetails und Werkzeuge.) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/82bef570cd0e47d6b80d0bbff19ece9a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesto\u00dfen hat das Erinnern an mein Gastgeben der Roman Kochen im falschen Jahrhundert von Teresa Pr\u00e4auer. Darin hat ein Hetero-Paar jenseits der 40 in einer \u00f6sterreichischen Gro\u00dfstadt zum ersten Mal G\u00e4ste zum Abendessen. Das wird in mehreren Versionen erz\u00e4hlt, in einer Mischung von personalem und auktorialem Erz\u00e4hler, mit unterschiedlicher zeitlicher Abfolge. 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