{"id":93460,"date":"2023-12-13T06:23:55","date_gmt":"2023-12-13T05:23:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=93460"},"modified":"2023-12-13T11:15:45","modified_gmt":"2023-12-13T10:15:45","slug":"journal-dienstag-12-dezember-2023-grete-weil-der-weg-zur-grenze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2023\/12\/journal-dienstag-12-dezember-2023-grete-weil-der-weg-zur-grenze.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 12. Dezember 2023 &#8211; Grete Weil, <i>Der Weg zur Grenze<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_weilgrenze.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_weilgrenze.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"230\" class=\"alignnone size-full wp-image-93406\" \/><\/a><\/p>\n<p>Grete Weils Roman <i>Der Weg zur Grenze<\/i>, geschrieben 1944\/45 im niederl\u00e4ndischen Versteck\/Exil, erstver\u00f6ffentlicht erst 2022, also 23 Jahre nach Weils Tod, hat mich in vielerlei Hinsicht \u00fcberrascht.<br \/>\n(Dass Weil &#8211; <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/grete-weil-sie-ueberlebte-den-holocaust-und-legte-zeugnis-ab-ld.1702388\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">hier ein sch\u00f6nes Altersfoto<\/a> &#8211; darin auch eigene Erlebnisse verarbeitet, halte ich f\u00fcr den literarischen Wert f\u00fcr irrelevant, er geh\u00f6rt ganz klar nicht zum Genre Autofiktion. Ich finde es deshalb auch schlecht, dass ein Foto der Autorin f\u00fcr den Titel verwendet wurde.)<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt die Geschichte von Monika Merton, einer M\u00fcnchnerin, die sich als junges M\u00e4dchen nach dem Ersten Weltkrieg in ihren gleichaltrigen Cousin Klaus verliebt. Die Geschichte dieser Liebe ist auch die von Monikas politischem Bewusstwerden, die Geschichte der historischen Ereignisse bis ins Dritte Reich &#8211; die dazu f\u00fchren, dass die J\u00fcdin Monika mit Skiern \u00fcber die Grenze nach \u00d6sterreich fliehen muss.<\/p>\n<p>Allein schon die Rahmengeschichte dieser Flucht nahm mich f\u00fcr den Roman ein: Monika, Anfang 30, begegnet im Zug in die Berge dem jungen Lyriker Andreas, die beiden sind fl\u00fcchtig bekannt. Da er seine Skikameraden verloren hat und sie ihm ihre Pl\u00e4ne erz\u00e4hlt, schlie\u00dft er sich ihr an &#8211; und ist k\u00f6rperlich komplett \u00fcberfordert. Die gut trainierte, kr\u00e4ftige Monika muss ihn geradezu zu ihrer Skih\u00fctte tragen. Wie in vielen anderen Details des Romans l\u00e4sst die Erz\u00e4hlstimme nicht erkennen, dass sie sich des Stereotypenbruchs bewusst w\u00e4re. Diesem naiven Andreas erz\u00e4hlt sie auf der H\u00fctte die eigentliche Romangeschichte.<\/p>\n<p>Doch der Romantitel ist auch Metapher: Er beschreibt den Weg zur Grenze des unmenschlichen nationalsozialistischen Terror-Regimes, auch das \u00dcberschreiten dieser Grenze. Schaupl\u00e4tze von Monikas Erwachsenwerden und ihrer Beziehung zu Klaus sind unter anderem M\u00fcnchen, das Voralpenland, Berlin &#8211; Weil schafft es immer wieder, mit wenigen S\u00e4tzen Atmosph\u00e4re und Zeit lebendig zu machen.<\/p>\n<p>In immer neue Gegenden nahm mich der Roman mit, einmal f\u00fcr einige Seiten in ein S\u00fcdfrankreich, das es &#8211; wie nat\u00fcrlich alles andere in dem Roman &#8211; l\u00e4ngst nicht mehr gibt.<br \/>\nWieder ein paar Pinselstriche Hintergrund: Sommer, das Paar in kurzen grauen Hosen, der gut ausgestattete Weinkeller des einfachen Landhotels, die \u00dcberraschung \u00fcber den &#8220;t\u00e4glichen Capucine, einen besonders hellen Kaffee, mit schaumig geschlagener Milch&#8221;.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Screenshot-2023-12-08-160556.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Screenshot-2023-12-08-160556.jpg\" alt=\"\" width=\"689\" height=\"236\" class=\"alignnone size-full wp-image-93465\" srcset=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Screenshot-2023-12-08-160556.jpg 689w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Screenshot-2023-12-08-160556-600x206.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 689px) 100vw, 689px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Was mich \u00fcberraschte: Es werden gesellschaftliche Themen besprochen, mit denen wir bis heute ringen, wir gerne als <i>woke<\/i> beschimpften. Zum Beispiel die Privilegiertheit der Hauptperson, derer sie sich zwar bewusst ist (eine so beg\u00fcterte Studentin, dass sie in Berlin ohne nachzudenken Taxis herbeiwinkt), die dennoch in einer Szene detailiert analysiert wird von einem eng befreundeten Kommilitonen, der sich aus der v\u00e4terlichen Schmiede in Abendkursen zum Abitur und Studium k\u00e4mpfen musste.<\/p>\n<p>Die Zeitgebundenheit zeigt sich dann wieder zum Beispiel in als Fakt genommenen Juden-Stereotypen: In der Welt des Romans sieht man Menschen ihr Judentum an Nase oder Teint an. Oder die Verwendung von &#8220;Rasse&#8221; als unhinterfragtes Konzept.<\/p>\n<p>Gut nachvollziehbar fand ich &#8211; wie bei vielen \u00e4hnlichen Geschichten -, wie Juden in Deutschland die Flucht ein ums andere Mal aus subjektiv bestens nachvollziehbaren Gr\u00fcnden verschoben. Weil das alles doch einfach l\u00e4cherlich war und nicht sein konnte. Bis die Flucht nicht mehr m\u00f6glich war, weil das halt doch sein konnte. \u00dcberraschend fand ich hier, dass die Erz\u00e4hlstimme sich deshalb Vorw\u00fcrfe macht: In der Rahmenhandlung betont Monika, sie (und viele andere Juden sowie andere politisch Engagierte) habe selbst Schuld an ihrer heiklen Situation, sie habe so viele M\u00f6glichkeiten zur Flucht gehabt, zum Auswandern, habe aber die Katastrophe einfach nicht wahrhaben wollen, sei blind gewesen.<\/p>\n<p>Ebenfalls treffend beschrieben: Wie der Mensch sich auch im Wissen um entsetzliches Leid bei lieben Menschen und um Bedrohung an Sch\u00f6nem und an Kleinigkeiten freuen kann.<\/p>\n<p>Indirekt wird auch erz\u00e4hlt, wie weit die Assimilierung der meisten deutschen Juden damals war: In der Handlung kommt kein Judentum au\u00dfer der Nennung vor. Die Familie Merton feiert keine j\u00fcdischen Feiertage, keinen Sabbath, kein Rosh Hashana, daf\u00fcr Weihnachten, und der M\u00fcnchner Fasching spielt eine gro\u00dfe Rolle in ihrem Leben.<\/p>\n<p>Was ich glaubte, dem Roman anzusehen: dass er vor dem Ende des Dritten Reichs geschrieben wurde. Grete Weil wusste beim Verfassen nichts vom Ausma\u00df der Grauen des Holocausts.<\/p>\n<p>Die editorische Notiz und das ausf\u00fchrliche Nachwort von Manuskript-Entdeckerin (eigentlich Typoskript) und Herausgeberin Ingvild Richardsen betonen, dass die teilweise sehr eigenwillige Sprache des Original-Manuskripts erhalten werden sollte. Das begr\u00fc\u00dfe ich, doch wie bereits erw\u00e4hnt w\u00fcnsche ich mir eine Zeitreise zur lebenden Grete Weil, um mit ihr den Roman nochmal lektorierend durchzugehen. So manche der schw\u00fclstig gef\u00fchligen Passagen h\u00e4tte ich abgemildert, sie passen nicht in die Reflektiertheit, die aus dem Rest spricht. Und einige bis zur H\u00f6lzernheit antiquierte Sprache (vor allem im Vergleich zu Zeitgenoss*innen wie Vicki Baum oder Thomas Mann) h\u00e4tte ich versucht ihr auszureden: &#8220;Als ihm Zustimmung geworden war&#8221; passt nicht zum Rest.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde das Buch sehr gerne mit einer Leserunde gelesen haben, es war ein Erlebnis und ich habe das seltene Bed\u00fcrfnis, dar\u00fcber zu reden.<\/p>\n<p>Hier ein Interview mit Herausgeberin Richardsen \u00fcber die Ver\u00f6ffentlichungsgeschichte, meiner Ansicht nach interessanter als ihr Nachwort (Vorsicht Spoiler).<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.literaturportal-bayern.de\/journal?task=lpbblog.default&#038;id=2748\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Einzigartig und hellsichtig&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>(Einmerker: Beim n\u00e4chsten Wandern auf dem Tegernseer H\u00f6henweg das Grab von Grete Weil in Rottach-Egern besuchen, vielleicht auch ihr Elternhaus finden.)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Eine Nacht mit richtig gutem Schlaf, das Weckerklingeln st\u00f6rte ihn. Drau\u00dfen gemischter Himmel Richtung d\u00fcster, die Luft weiter deutlich \u00fcber Null mild.<\/p>\n<p>In der Arbeit weihnachtsnahe Stimmung, gespiegelt im allgemeinen Motivationsniveau.<\/p>\n<p>Mittags verlie\u00df ich das Haus f\u00fcr einen Mittagscappuccino, wieder in erster Linie um der Bewegung willen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/231212_02_CafeColombo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/231212_02_CafeColombo.jpg\" alt=\"\" width=\"363\" height=\"484\" class=\"alignnone size-full wp-image-93570\" \/><\/a><\/p>\n<p>Kurz nach meiner R\u00fcckkehr ins B\u00fcro begann es zu regnen, jetzt hatte der Tag endg\u00fcltig Dezemberbeleuchtung.<\/p>\n<p>Mittagessen Pumpernickel mit Butter, Mango mit Joghurt.<\/p>\n<p>Sowas wie Tageslicht gab es eh nur bis ca. drei Uhr.<\/p>\n<p>Nicht zu sp\u00e4ter Feierabendend, mit dem B\u00fcroschubladenschirm raus in den Regen. Eink\u00e4ufe f\u00fcrs Abendessen.<\/p>\n<p>Zu Hause Yoga-Gymnastik, wieder mit \u00dcberspringen der ersten Minuten Besinnlichkeit. Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den Chinakohl aus Ernteanteil als unser Standard-Nudelgericht mit R\u00e4ucherlachs, sehr gut. Nachtisch Schokolade.<\/p>\n<p>Abendunterhaltung: <a href=\"https:\/\/youtu.be\/9LjZYzJ-NdU?si=WQakqxKlXjGf-8QJ\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Die Graham Norton Show vom 1. Dezember<\/a> mit Cher UND Julia Roberts UND Tom Hanks UND Timoth\u00e9e Chalamet (Letzterer definitiv keine Talkshow-Naturbegabung, die anderen hinrei\u00dfend).<\/p>\n<p>Sowohl Herr Kaltmamsell als auch ich bemerken dieses Jahre eine Heilig-Abend-Paralyse: Weder bei ihm noch bei mir regen sich W\u00fcnsche oder Ideen. Ich habe bereits angeboten, dass wir ihn dieses Jahr auch einfach ausfallen lassen k\u00f6nnen, n\u00e4chstes Jahr gibt&#8217;s schlie\u00dflich schon wieder einen. Doch das m\u00f6chte Herr Kaltmamsell dann doch nicht. Mittlerweile habe ich sogar eine Idee.<\/p>\n<p>Neue Lekt\u00fcre im Bett: Robert Seethaler, <i>Ein ganzes Leben<\/i>. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/7448e7ef0b5a41f38256a8ca7a6a7638\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grete Weils Roman Der Weg zur Grenze, geschrieben 1944\/45 im niederl\u00e4ndischen Versteck\/Exil, erstver\u00f6ffentlicht erst 2022, also 23 Jahre nach Weils Tod, hat mich in vielerlei Hinsicht \u00fcberrascht. 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