{"id":938,"date":"2005-07-11T11:09:33","date_gmt":"2005-07-11T09:09:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=938"},"modified":"2009-09-02T14:36:16","modified_gmt":"2009-09-02T12:36:16","slug":"familienalbum-3-meine-yaya","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/07\/familienalbum-3-meine-yaya.htm","title":{"rendered":"Familienalbum &#8211; 3: Meine <i>Yaya<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Yaya_1.jpg' title=Sevilla 1971'' \/><\/p>\n<p>Agustina Alonso Mart\u00edn, geboren 8.2.1914 El Olmo, gestorben 27.10.2003 Valdemoro.<\/p>\n<p>Das Foto ist 1970 auf der Giralda in Sevilla aufgenommen. Meine Eltern hatten die Mutter \/ Schwiegermutter in den Andalusienurlaub mitgenommen. Ich war drei Jahre alt.<\/p>\n<p>Oma hei\u00dft auf Spanisch <i>Yaya<\/i>. Meine spanische Gro\u00dfmutter hie\u00df Agustina Alonso Mart\u00edn und wurde 1914 in einem kleinen Zeilendorf namens El Olmo geboren (etwa 100 Kilometer n\u00f6rdlich von Madrid, ganz in der N\u00e4he der <a href=\"http:\/\/www.segovia-sp.com\/sepulveda\/\" target=_new>Stadt Sep\u00falveda<\/a>).<\/p>\n<p>Sie starb vor anderthalb Jahren. Bei dieser Gelegenheit wurde mir klar, dass ich \u00fcber diese Frau kaum etwas wei\u00df. Jetzt endlich habe ich mich aufgerafft, mir zumindest die paar Details abzuholen, an die sich mein Vater, also ihr Sohn, erinnert. Viel ist es nicht. In dieser Familie wurden keine Geschichten erz\u00e4hlt, keine \u00dcberlieferungen oder Traditionen gepflegt; im Grunde fehlte jede Form von Kultur. Und der kastilische Menschenschlag ist ohnehin so trocken und karg wie die Landschaft.<\/p>\n<p>Die Landschaft um El Olmo ist karstig, staubig, unwirtlich und war \u2013 wie damals ohnehin der gr\u00f6\u00dfte Teil Spaniens \u2013 bitter arm. Agustina war eines von sieben Kindern (chronologisch): Demetrio (ein kleiner, dicker, vergn\u00fcgter Bauer; er lie\u00df mich als Kind gerne auf seinem Esel reiten), Pepe, Casimiro, Vitoria (eine freundliche, feine Dame), Agustina, Florencio (genannt Flores; ein schlanker, hochgewachsener Bauer, der es mit seiner Landwirtschaft sogar zu ein wenig Wohlstand brachte), Valeriano. Zu essen gab es nie genug, und so ging Augustina mit 17 Jahren nach Madrid, als Dienstm\u00e4dchen, ebenso wie ihre Schwester Vitoria.<\/p>\n<p>Wenige Jahre sp\u00e4ter heiratete sie dort Jes\u00fas, einen Hilfsarbeiter aus <a href=\"http:\/\/usuarios.lycos.es\/puentearzobispo\/\" target=_new>El Puente del Arzobispo<\/a> bei Toledo.<\/p>\n<p>Agustina arbeitete ihr ganzes Leben als Putzfrau bei der Reinigungsfirma <i>M\u00f3stoles<\/i>, ihr Mann auf dem Bau oder als Lastwagen-Beifahrer. In ihrer Wohnung in der Calle Fernando el Cat\u00f3lico kam 1940 der erste Sohn zur Welt, Felix. Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde dort mein Vater, Jes\u00fas, geboren. Als 1944 das dritte und letzte Kind zur Welt kam, meine Tante Luc\u00eda, wohnte die Familie schon in der Calle de Legan\u00e9s. In dieser Erdgescho\u00df-Wohnung an einem angenehm k\u00fchlen Hinterhof \u00fcbernachtete viel sp\u00e4ter auch ich als Kind w\u00e4hrend unserer Madrid-Besuche.<\/p>\n<p>Da beide Eltern arbeiteten, waren die Kinder ziemlich auf sich allein gestellt. Nur die Protektion von Onkeln und Tanten, die ein wenig besser gestellt waren, verschaffte ihnen eine solide Schulbildung, meinem Vater und seinem Bruder sogar eine Berufsausbildung (Elektriker und Dreher). Halbwegs gut bezahlte Arbeit gab es Ende der 50er in Madrid dennoch nicht, und so gingen die beiden Br\u00fcder nach Deutschland: Felix im August 1960, am 14.11.1960 mein Vater. Als ich meinen Vater gestern fragte, ob seine Mutter wohl traurig gewesen sei, dass sie ihre S\u00f6hne ziehen lassen musste, noch dazu so jung, zuckte er mit den Achseln: \u201eNein, sie war froh, dass sie uns los hatte.\u201c Zwei junge M\u00e4nner weniger durchzuf\u00fcttern, und endlich war Platz in der kleinen Wohnung. Das Durchf\u00fcttern hatten in den Jahren zuvor ohnehin oft die Verwandten \u00fcbernommen, vor allem im Sommer: F\u00fcr Juli, August, September hatte meine <i>Yaya<\/i> ihre S\u00f6hne jedes Jahr aufs Land zu ihren Geschwistern geschickt, wo sie auf den Bauernh\u00f6fen der Onkel Knochenarbeit leisten mussten, aber wenigstens genug zu essen bekamen.<\/p>\n<p>Von seinem ersten in N\u00fcrnberg verdienten Geld kaufte mein Vater seiner Mutter ein goldenes Marienmedaillon, in das er auf der R\u00fcckseite ihren Namen und ihren Geburtstag gravieren lie\u00df. Vor vielen Jahren schenkte sie es mir \u00fcberraschend. Finanziell unterst\u00fctzt hat mein Vater die <i>Yaya<\/i> bis zu ihrem Tod.<\/p>\n<p>Am 29. Juli 1975 wurde meine <i>Yaya<\/i> Witwe: Ihr Mann Jes\u00fas starb an Lungenkrebs. Ihr \u00e4ltester Sohn war mit Familie nach Madrid zur\u00fcck gekehrt, die Tochter war gut verheiratet. Kurz bevor sie in Rente ging, konnte Agustina sich endlich eine eigene Wohnung kaufen, in einem \u00e4lteren Wohnblock in der Trabantenstadt Moratalaz. Mir tat es um die Wohnung an der Calle de Legan\u00e9s leid, die in einer alten, gewachsenen Gegend gelegen hatte. Aber meine <i>Yaya<\/i> war sehr stolz auf die neue Wohnung. Mehrmals die Woche traf sie sich mit Freundinnen zum Kartenspielen, <i>a la brisca<\/i> oder <i>al tute<\/i> spielten sie.<br \/>\nIn dieser Zeit wurde sie immer mehr vom Geiz verschlungen: Das Geschirr und die Gl\u00e4ser in ihren Schr\u00e4nken fassten sich klebrig an, da sie aus Sparsamkeit nur mit kaltem Wasser und fast ohne Sp\u00fclmittel absp\u00fclte. Mein j\u00fcngerer Bruder und ich wurden als verw\u00f6hnt getadelt, weil wir jeden Tag duschen wollten.<\/p>\n<p>Vor etwa zehn Jahren verschlechterte sich ihre Altersdiabetes, zudem wurde sie zunehmend dement, so dass sie in ein Altersheim in Valdemoro umzog, s\u00fcdlich von Madrid. Vor allem ihre Tochter k\u00fcmmerte sich jetzt um sie. In den letzten Jahren ihres Lebens war sie verwirrt und nahm nichts mehr von ihrer Umwelt wahr.<\/p>\n<p>Meine <i>Yaya<\/i> war eine unzug\u00e4ngliche und kalte Frau. Ihr Neid und ihre Missgunst f\u00fchrten dazu, dass wir auf den Spanienbesuchen meiner Kindheit immer die Geschenke f\u00fcr die Verwandtschaft verstecken mussten, die nicht f\u00fcr meine Gro\u00dfmutter bestimmt waren \u2013 sie h\u00e4tte sonst nicht aufgeh\u00f6rt, sich zu beschweren und zu lamentieren. Wir hatten uns nichts zu sagen, sie interessierte sich nicht f\u00fcr mich. Bei unserer letzten Begegnung vor 14 Jahren sahen wir uns erstmals, ohne dass mein Vater dabei war, und sie beschimpfte mich ein paar Tage am St\u00fcck wegen allem und jedem. Dass wir uns seither nie mehr gesehen haben, war ziemlich sicher weder f\u00fcr sie noch f\u00fcr mich ein Verlust.<\/p>\n<p><i>Nachtrag:<br \/>\n<img src='https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Yaya_Vitoria.jpg' alt='' \/><\/p>\n<p>Agustina (rechts) und ihre Schwester Vitoria Alonso Mart\u00edn 1989 in El Olmo.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Agustina Alonso Mart\u00edn, geboren 8.2.1914 El Olmo, gestorben 27.10.2003 Valdemoro. Das Foto ist 1970 auf der Giralda in Sevilla aufgenommen. Meine Eltern hatten die Mutter \/ Schwiegermutter in den Andalusienurlaub mitgenommen. Ich war drei Jahre alt. Oma hei\u00dft auf Spanisch Yaya. 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