{"id":95121,"date":"2024-02-10T07:51:10","date_gmt":"2024-02-10T06:51:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=95121"},"modified":"2024-02-10T07:51:10","modified_gmt":"2024-02-10T06:51:10","slug":"journal-freitag-9-februar-2024-muscheln-nach-familienart-und-ewald-arenz-der-grosse-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/02\/journal-freitag-9-februar-2024-muscheln-nach-familienart-und-ewald-arenz-der-grosse-sommer.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 9. Februar 2024 &#8211; Muscheln nach Familienart und Ewald Arenz, <i>Der gro\u00dfe Sommer<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Weiterhin tapfer ohne Ohropax geschlafen, das geht eigentlich ganz gut &#8211;  allerdings schlie\u00dfe ich in den fr\u00fchesten Morgenstunden beim Klogang das Fenster, um nicht von Vogel- oder Stra\u00dfenreinigungsl\u00e4rm geweckt zu werden.<\/p>\n<p>Es tagte eher tr\u00fcbe, auf meinem Weg in die Arbeit bekam ich vereinzelte Regentropfen ab. Und ich begegnete in dieser D\u00e4mmerung einem hochgewachsenen, als Punk gekleideten Mann wie aus dem Bilderbuch: Riesiger, perfekt coiffierter Irokesenschnitt in zwei Farben, Bomberjacke, schwarze Schn\u00fcrstiefel bis fast hoch zum Knie, schwarze Hose reingesteckt, \u00fcber dem Po hingen Hosentr\u00e4ger, das alles mit schlurfendem Gang und Bierflasche in der Hand. So viel M\u00fche w\u00fcrde sich doch niemand f\u00fcr Fasching machen?<\/p>\n<p>Vormittags wechselnd tr\u00fcber Himmel, mittags fand ich Zeit f\u00fcr einen Cappuccino im Westend. Mittagessen am Schreibtisch: Quark mit Joghurt, Apfel, Mandarinen.<\/p>\n<p>Der Nachmittag blieb drau\u00dfen tr\u00fcbe, aber trocken und sehr mild. Ich konnte einige Dinge erledigen.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg nach p\u00fcnktlichem Feierabend Wochenendeink\u00e4ufe beim Vollcorner, weil ich dort keine Petersilie f\u00fcrs Abendessen bekam, ging ich auch beim S\u00fcpermarket Verdi vorbei (und erfuhr, in welchem Lokal meine vertrauteste dort Angestellte Geburtstage feiert).<\/p>\n<p>Daheim eine Runde Yoga-Gymnastik, nach der heftigen <a href=\"https:\/\/youtu.be\/w7GSmtiDUJ4?si=UhU8StRdG8LIOwhD\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">H\u00fcftdehnung der Folge 20 aus Adrienes Flow<\/a> gab es diesmal wieder Bewegung.<\/p>\n<p>Die Zubereitung des Abendessens \u00fcbernahm ich: Ich hatte Miesmuscheln vorgeschlagen, die Herr Kaltmamsell besonders gern isst. Er hatte sich f\u00fcr das Rezept aus meiner Familientradition entschieden, also mit Knoblauch, Petersilie, Tomate, von meiner Mutter hatte ich mir bei einem Telefonat am Nachmittag noch den Tipp abgeholt, die Dosentomatenst\u00fccke erst am Ende dazuzugeben, sonst w\u00fcrde das Muschelfleisch gerne mal z\u00e4h. Die Muscheln selbst hatte Herr Kaltmamsell besorgt; sie waren sehr klein, aber bereits so sauber geputzt, dass ich fast nichts zu tun hatte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240209_02_Nachtmahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240209_02_Nachtmahl.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"444\" class=\"alignnone size-full wp-image-95140\" \/><\/a><\/p>\n<p>Davor gab&#8217;s Martini-Cocktails zu reichlich N\u00fcsschen aus der Landwehrstra\u00dfe, zu den Muscheln Baguette und baskischen Wei\u00dfwein Txakoli. Danach Schokolade.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_arenzsommer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_arenzsommer.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"247\" class=\"alignnone size-full wp-image-95015\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ewald Arenz, <i>Der gro\u00dfe Sommer<\/i> ausgelesen &#8211; und zwar recht \u00fcberraschend: Das E-Book aus der Stadtbibliothek war bei 82 Prozent pl\u00f6tzlich aus. Der Rest, so stellte sich heraus, bestand aus Werbung und Leseproben. F\u00fcr meinen Leseprozess ist sowas verheerend: Wenn ich noch 20 Prozent Papier auf der rechten Seite des aufgeklappten Buchs sehe oder eben noch vor mir auf dem Leseger\u00e4t zu haben glaube, sch\u00e4tze ich die Handlung entsprechend ein: Da kommt noch was, eine Aufl\u00f6sung, eine Episode, vielleicht taucht eine Figur nochmal auf. Ich grolle dem Verlag.<\/p>\n<p>Insgesamt fand ich den Roman eher mittel. Der gro\u00dfe Sommer des Titels wird aus der Ich-Perspektive des jugendlichen Friedrich erz\u00e4hlt, der in der gesch\u00e4tzten ersten H\u00e4lfte der 1980er im Gymnasium sitzengeblieben ist (wohl in der 10. Klasse, denn in der 11. w\u00e4re es damals bereits um Leistungskurswahl gegangen). Deshalb f\u00e4hrt er nicht mit seiner Familie in den Sommerurlaub, sondern verbringt ein paar Wochen bei seinen Gro\u00dfeltern, um sich auf die Nachpr\u00fcfung vorzubereiten.<\/p>\n<p>Der Roman erz\u00e4hlt das in einer Collage aus ganz besonderen Einzelszenen, die sich aber in meinen Augen nicht recht zu einem Ganzen verbinden: Gro\u00dfe Liebesgef\u00fchle, das Entdecken des Vorlebens der Gro\u00dfeltern (das in den 1980ern noch von Krieg und Nachkriegszeit gepr\u00e4gt ist), ein Erlebnis im Tigerk\u00e4fig des Zoos, au\u00dfer Kontrolle geratener Schabernack mit einem Bagger. Auch nervte mich das (meiner Ansicht nach unn\u00f6tige) regelm\u00e4\u00dfige <i>foreshadowing<\/i>: &#8220;Das war der Tag, an dem sich alles \u00e4ndern w\u00fcrde&#8221; etc. Da traute Arenz seiner eigenen Erz\u00e4hlkunst nicht.<\/p>\n<p>Aber ich mochte auch einiges: Die Schilderungen erinnerten mich sehr realistisch ans Jungsein, an die Zeit, in der ich Fl\u00fcgel bekam und ein eigenes Leben mit eigenen Pl\u00e4nen begann. Mich irgendwo mit Freundinnen und Freunden traf, alles daran spannend und neu war, nichts schonmal gemacht und gesehen mit anderen. Das konnte ein Treffen am eigentlich vertrauten Baggersee sein, aber halt ohne Eltern, selbst eine Verabredung zum Stadtfest am Nachmittag, aber eben ohne Eltern. Nichts daran war noch selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Und auch hier mochte ich wie schon in seinem <i>Alte Sorten<\/i>, wie Arenz zwischenmenschliche Kommunikation beschreibt und schreibt. Anders als in Fernsehserien-Drehb\u00fcchern wird n\u00e4mlich in der Realit\u00e4t fast nie etwas direkt ausgesprochen oder gefragt. Das meiste sind Annahmen, Vermutungen im eigenen Kopf &#8211; und auch das beschreibt Arenz gut im Kopf seines Protagonisten. (Ich habe ja aus der Evolutionsforschung gelernt, dass der st\u00e4ndige Energieaufwand, das Innenleben anderer Menschen zu entschl\u00fcsseln, kein Hindernis f\u00fcr Fortschritt ist, sondern sehr wahrscheinlich der Erfolgsfaktor der menschlichen Art.) In einem Roman kann man auch realistisch schildern, dass man Leuten eben meist nicht ansieht, was in ihnen vorgeht (im Film muss man Inneres auch \u00e4u\u00dferlich zeigen). Auf Unerwartetes reagiert kaum jemand gro\u00df und sichtbar.<\/p>\n<p>Der dritte Pluspunkt: Das offene Ende. Es wird ein Spannungsbogen aufgebaut, indem hin und wieder der Ich-Erz\u00e4hler in kursiv gesetzten Abschnitten und offensichtlich in einer Gegenwart Jahrzehnte nach der Haupthandlung auf dem Friedhof nach einem Grab sucht, das durchaus auch in der Haupthandlung auftaucht: Was genau hat es damit auf sich?<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Sandra Bosetti sagt mal wieder kluge Sachen, diesmal zu den Demos gegen rechts:<\/p>\n<div class=\"video-wrapped\" style=\"width: 500px; height: 281px; background-image: url('https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-content\/plugins\/video-embed-privacy\/preview\/ABhZmUAJeZI.jpg')\" data-embed-frame=\"&lt;iframe title=&quot;Demos gegen die AfD - f\u00fcr guten Streit auf die Stra\u00dfe | Bosetti will reden!&quot; width=&quot;500&quot; height=&quot;281&quot; src=&quot;https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ABhZmUAJeZI?feature=oembed&quot; frameborder=&quot;0&quot; allow=&quot;accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share&quot; referrerpolicy=&quot;strict-origin-when-cross-origin&quot; allowfullscreen&gt;&lt;\/iframe&gt;\" data-embed-play=\"Abspielen&lt;div class=&quot;small&quot;&gt;Das Video wird von Youtube eingebettet abespielt. Es gilt die &lt;a href=&quot;https:\/\/www.google.com\/intl\/de\/policies\/privacy\/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Datenschutzerkl\u00e4rung von Google&lt;\/a&gt;&lt;\/div&gt;\">\n<div class=\"video-wrapped-nojs\">Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.<br \/><a href=\"https:\/\/youtu.be\/ABhZmUAJeZI?si=EG_82mN7FBZNmJpH\">https:\/\/youtu.be\/ABhZmUAJeZI?si=EG_82mN7FBZNmJpH<\/a><\/div>\n<\/div>\n<p>&#8220;Die eigentliche Forderung einer Demo f\u00fcr die Demokratie ist also: Lasst uns vern\u00fcnftig streiten.&#8221; <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/00e3e5aa875c4baf8f63ae578c0f1e8f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiterhin tapfer ohne Ohropax geschlafen, das geht eigentlich ganz gut &#8211; allerdings schlie\u00dfe ich in den fr\u00fchesten Morgenstunden beim Klogang das Fenster, um nicht von Vogel- oder Stra\u00dfenreinigungsl\u00e4rm geweckt zu werden. 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