{"id":95404,"date":"2024-02-21T08:27:10","date_gmt":"2024-02-21T07:27:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=95404"},"modified":"2024-02-21T13:56:20","modified_gmt":"2024-02-21T12:56:20","slug":"journal-dienstag-20-februar-2024-dankbarkeiten-nach-delphine-de-vigan-im-kleinsten-theater-der-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/02\/journal-dienstag-20-februar-2024-dankbarkeiten-nach-delphine-de-vigan-im-kleinsten-theater-der-stadt.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 20. Februar 2024 &#8211; &#8220;Dankbarkeiten&#8221; nach Delphine de Vigan im kleinsten Theater der Stadt"},"content":{"rendered":"<p>Eine deutlich bessere Nacht (nach drei kurzen\/schlechten war ich sehr fr\u00fch eingeschlafen), der Schlaf h\u00e4tte meinetwegen l\u00e4nger dauern k\u00f6nnen. Der Wecker klingelte wieder zu Regenger\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Also wieder unterm Regenschirm in die Arbeit, zum Gl\u00fcck mit besserer Laune als am Montag.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend emsiger Vormittag, meinen Mittagscappuccino nahm ich deshalb wieder bei Nachbars (der war diesmal aber besonders gut). Sp\u00e4tes Mittagessen Avocado, Granatapfelkerne, viele Orangen &#8211; ich bef\u00fcrchtete Zuckerschock. Tats\u00e4chlich fiel ich lediglich ins Fresskoma und konnte die Augen kaum aufhalten.<\/p>\n<p>\u00dcberfr\u00fcher Feierabend, weil ich abends ins Theater wollte &#8211; nein, diesmal nicht Kammerspiel-Abo, sondern ein kleines Westend-Theaterchen, <a href=\"https:\/\/mathilde-westend.de\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Mathilde Westend<\/a>, das sich als &#8220;kleinstes Theater der Stadt&#8221; bezeichnet. Ich hatte bei einem Mittagscappuccino im Caf\u00e9 Colombo Werbek\u00e4rtchen <a href=\"http:\/\/mathilde-westend.de\/dankbarkeiten\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">f\u00fcr die Inszenierung &#8220;Dankbarkeiten&#8221;<\/a> gesehen, daheim recherchiert, und da sich St\u00fcck und Theater interessant lasen, eine Karte f\u00fcr die gestrige Vorstellung gekauft. Schlie\u00dflich hatte ich mir ohnehin gw\u00fcnscht, auf meinem inneren Kulturtracker mehr Punkte mit Abseitigem zu machen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240220_05_MathildeWestend.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240220_05_MathildeWestend.jpg\" alt=\"\" width=\"263\" height=\"289\" class=\"alignnone size-full wp-image-95413\" \/><\/a><\/p>\n<p>Heimweg unter trockenem, hellen Himmel mit gr\u00f6\u00dferer Besorgungsschleife: Ich holte in einer Arztpraxis ein Rezept, l\u00f6ste es gleich ein. Zu Hause Yoga-Gymnastik, zum besonders fr\u00fchen Abendessen servierte Herr Kaltmamsell auf der Basis von Ernteanteil-Wei\u00dfkraut ein Okonomiyaki, das wir uns teilten. Und dann machte ich mich auf den Fu\u00dfweg ins Westend an ein Ende der Gollierstra\u00dfe, das ich noch nicht kannte.<\/p>\n<p>Beim Betreten des Mathilde Westend war ich ohne jeden Beweis bereit zu glauben, dass es das kleinste Theater der Stadt ist: 17 Klappst\u00fchle, B\u00fchne, Toilette, Bar f\u00fcllten einen Raum etwa halb so gro\u00df wie mein &#8211; zugegeben gro\u00dfz\u00fcgiges &#8211; Schlafzimmer. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240220_03_MathildeWestend.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240220_03_MathildeWestend.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"477\" class=\"alignnone size-full wp-image-95414\" \/><\/a><\/p>\n<p>Teil des B\u00fchnenbilds gleich bei der Eingangst\u00fcr.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240220_04_MathildeWestend.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240220_04_MathildeWestend.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"384\" class=\"alignnone size-full wp-image-95415\" \/><\/a><\/p>\n<p>B\u00fchnenbeleuchtung.<\/p>\n<p>Eine Frau servierte gerade bestellte Getr\u00e4nke an die bereits besetzten Pl\u00e4tze, hakte mich dann von ihrer Liste der Zuschauer*innen ab, bat mich auf einen einzelnen freien Stuhl, damit die restlichen von Gruppen belegt werden konnten. Sie begr\u00fc\u00dfte kurz vor der Vorstellung auch das Publikum und verschwand dann: Das war Christina Matschoss, die im St\u00fcck gleich darauf die Marie spielte.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/mathilde-westend.de\/dankbarkeiten\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Im Mittelpunkt von &#8220;Dankbarkeiten&#8221;<\/a>, inszeniert von Theresa Hanich, steht eine alte Frau, Michka (Elisabeth Rass), die nicht mehr allein zurecht kommt und in ein Heim zieht. Die junge Marie hilft ihr dabei, besucht sie immer wieder. Michka, die in ihrem Berufsleben vor allem von ihrem Wortschatz profitierte, verliert jetzt die W\u00f6rter, sie leidet unter Aphasie. Der Logop\u00e4de Jerome (Florian Hackspiel) versucht im Heim, diesen Prozess zu verz\u00f6gern, kommt dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch mit Michka. In diesen Austauschen und in Mischkas Tr\u00e4umen erfahren wir St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, welcher Mensch Michka ist und war, wie sich diese Gegenwart im Alter und das Leben davor unterscheiden. Mit Humor und in einleuchtenden Beispielen erz\u00e4hlt &#8220;Dankbarkeiten&#8221;, was diese letzte Lebensphase im h\u00f6chsten Alter aus Menschen machen kann, wie sie irgendwann nur noch Fertigkeiten und Freiheiten verlieren, keine neuen hinzukommen, Zwangsende der Selbstoptimierung. Das fand ich ber\u00fchrend, aber auch trostlos, selbst wenn das St\u00fcck ein tr\u00f6stliches Ende anbietet.<\/p>\n<p>Die Hauptrolle der Inszenierung aber hatte das Theater selbst, n\u00e4mlich durch den Umgang mit all seinen Einschr\u00e4nkungen. F\u00fcr Jeromes Auftritte und Abg\u00e4nge wurde das Klo genutzt, Marie kam von und ging auf die Stra\u00dfe (das k\u00f6nnte bei heftigem Regen oder Schneefall abenteuerlich sein). Ein angedeutetes Bett, ein Stuhl, ein Hocker, ein Schr\u00e4nkchen &#8211; mehr war an Requisiten nicht n\u00f6tig. Und die (handlungsbedeutenden) Traumsequenzen wurden als Film auf die Wand hinter der B\u00fchne projiziert, untermalt von einem Musikthema in Abwandlungen, je nach dem, in welche Stimmung Michka gef\u00fchrt wurde. Ich stelle mir ja vor, dass diese Theatersituation eine reizvolle Herausforderung f\u00fcr Regisseur*innen sein m\u00fcsste. Und frage mich, ob <a href=\"https:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/de\/programm\/22311-wow-word-on-wirecard\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\"><i>WoW &#8211; Word on Wirecard<\/i><\/a>-Folterregisseur \u0141ukasz Twarkowski auch daraus etwas machen k\u00f6nnte. Dann wieder: Ist das f\u00fcr die Schauspieler*innen nicht auch seltsam, derart dicht am Publikum zu spielen?<\/p>\n<p>Nach gut anderthalb Stunden und heftigem Applaus stand ich wieder auf der Stra\u00dfe und ging zur U-Bahn, dem St\u00fcck hinterher sinnend (und meine gegen die Sitzsituation protestierenden Lendenwirbel zur\u00fcckrenkend). Ich bin schon sehr gespannt auf weitere Inszenierungen in dieser Winzel-Umgebung.<\/p>\n<p>Zu Hause merkte ich, dass das Abendessen nicht gehalten hatte und a\u00df noch ein Sch\u00fcsselchen Haferflocken, um nachts nicht von Hunger geweckt zu werden. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/b39db36d53d44e46b7942d0bd5633bac\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine deutlich bessere Nacht (nach drei kurzen\/schlechten war ich sehr fr\u00fch eingeschlafen), der Schlaf h\u00e4tte meinetwegen l\u00e4nger dauern k\u00f6nnen. Der Wecker klingelte wieder zu Regenger\u00e4uschen. 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