{"id":955,"date":"2005-07-26T12:54:52","date_gmt":"2005-07-26T10:54:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=955"},"modified":"2007-03-12T08:30:15","modified_gmt":"2007-03-12T07:30:15","slug":"die-abgrunde-hehrer-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/07\/die-abgrunde-hehrer-kunst.htm","title":{"rendered":"Die Abgr\u00fcnde hehrer Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Gestern auf der Bahnfahrt nach Hause die Lekt\u00fcre der \u201eSZ am Wochenende\u201c nachgeholt. Beim Artikel \u201eGrabenk\u00e4mpfe\u201c von Stephan Handel \u00fcber die gesellschaftliche Struktur von Symphonieorchestern sehr oft sehr gelacht und schr\u00e4ge Nachbarsblicke auf mich gezogen.<\/p>\n<p>Zwar habe ich selbst nie in solchen Orchestern gespielt; meine Querfl\u00f6tenk\u00fcnste brachten mich grade mal in halbscharige Holzbl\u00e4serquintette und ins Schulorchester. Aber ich kenne viele klassische Musiker und habe mich in den beschriebenen Zirkeln aufgehalten. \u00dcber das Gezicke und Gezerre der Literaturwelt liest man ja regelm\u00e4\u00dfig, die Abgr\u00fcnde hinter den Kulissen der Filmkunst waren bereits selbst Filme wert. Doch Musik, gerade die klassische, ist immer noch mit Heiligenschein und seligem L\u00e4cheln umgeben. B<del datetime=\"2005-07-26T14:28:23+00:00\">u<\/del>ollocks.<\/p>\n<p>Leider, leider gibt es den Text nicht online. Deshalb hier meine Lieblingsstellen:<\/p>\n<blockquote><p>Wer so wunderbare Musik zustande bringt, so denken die meisten, der wird sicher auch au\u00dferhalb des Konzertsaales ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Verh\u00e4ltnis zueinander haben, voller Freundschaft und Sensibilit\u00e4t. Und gewiss k\u00f6nnte sich <i>[die Geschichte einer orchesterinternen Aff\u00e4re]<\/i> theoretisch auch im Finanzamt zutragen, nicht vorhandene Orchestergr\u00e4ben dort einmal vernachl\u00e4ssigt. Doch w\u00e4hrend durchschnittliche Finanzbeamte wahrscheinlich wenig Zeit darauf verwenden, ihre Kollegen zu hassen, sieht es im durchschnittlichen Symphonieorchester anders aus: Es ist ein Hauen und Stechen, ein Gemobbe und eine Intriganz, von der sich selbst die karrieres\u00fcchtigste BWL-Studentin etwas abschauen k\u00f6nnte.<br \/>\nHarmonie gibt\u2019s nur im Musikalischen \u2013 zwischenmenschlich sind die Fronten ungef\u00e4hr so verh\u00e4rtet wie jene zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern, mit einem Unterschied: Im Nahen Osten gibt\u2019s noch Hoffnung.<br \/>\n(&#8230;)<br \/>\nIn den Instrumentengruppen gibt es wohl so etwas wie Solidarit\u00e4t, die sich bei den Blechbl\u00e4sern vor allem in Schafkopf- und Skatrunden niederschl\u00e4gt, w\u00e4hrend die Streicher sich zu kammermusikalischen Quartetten zusammentun. Die Fronten verlaufen zwischen den Registern &#8211; und wer die Landkarte der Verwerfungen einmal gezeichnet hat, der wundert sich, dass diese 60 oder 90 oder 120 Leute \u00fcberhaupt noch einen Takt gemeinsam zustande bringen, geschweige denn eine ganze Symphonie. (&#8230;)<\/p>\n<p>Es gibt eine Hauptfront, die eine Erbfeindschaft, gegen die die fr\u00fchere Abneigung der Deutschen und Franzosen ein laues L\u00fcftchen war. Die Grundthese ist: Bl\u00e4ser hassen Streicher, Streicher hassen Bl\u00e4ser. (&#8230;) Woher kommt das? Nun, nichts ist einfacher zu erkl\u00e4ren: Streicher brauchen relativ lange, bis sie ensemblef\u00e4hig sind, was an den komplizierten Intonations-Problemen auf den markierungslosen Griffbrettern liegt. Wer jemals einem Geigen-Anf\u00e4nger beim \u00dcben zugeh\u00f6rt hat, wei\u00df, wovon die Rede ist. Die meisten Bl\u00e4ser hingegen, die Blechbl\u00e4ser vor allem, haben in einem Musikverein zu spielen begonnen, der Interesse daran hatte, den Nachwuchs schnell in die Blaskapelle zu integrieren. So haben praktisch alle Bl\u00e4ser Bierzelt-Erfahrung, was zwei Folgen nach sich zieht: zum einen eine gewisse Toleranz alkoholischen Getr\u00e4nken gegen\u00fcber. Zum anderen eine L\u00e4ssigkeit, den Umgang mit der Musik betreffend \u2013 wer jemals eine rauschige Meute n\u00e4chtelang mit dem Zillertaler Hochzeitsmarsch und dem Ententanz beschallt hat, macht sich \u00fcber das Wesen der Kunst keine gro\u00dfen Illusionen mehr.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen sitzen die Geiger in Streichquartett-Proben, von denen die Bl\u00e4ser sagen: Ein Streichquartett ist, wenn ein guter Geiger, ein schlechter Geiger, ein ehemaliger Geiger und ein Tenorgeiger zusammenkommen, um sich \u00fcber den Komponisten zu beschweren. Kurz gesagt also: Die Bl\u00e4ser halten die Streicher f\u00fcr verkopfte, arrogante K\u00fcnstleridioten. Die Streicher halten die Bl\u00e4ser f\u00fcr besoffene Ignoranten, die von Musik keine Ahnung haben. Nat\u00fcrlich haben beide Recht.<br \/>\n(&#8230;)<br \/>\nWenn das Blech einsetzt, dann wird es geh\u00f6rt, da ist jeder Solist. Die Streicher an den hinteren Pulten hingegen spielen, wenn alle anderen auch spielen, und wenn sie abends mal in sich gehen, m\u00fcssten sie sich eingestehen: Es ist eigentlich ziemlich egal, was sie spielen. Im Orchester-Jargon hei\u00dfen sie \u201eTutti-Schweine\u201c. Das Tutti-Schwein ist der Sachbearbeiter unter den Musikern \u2013 mach Dein Zeug, fall nicht auf, hab\u2019 deine Ruhe.<br \/>\nEin Trompeter, der nicht auffallen will, hat seinen Beruf verfehlt.<br \/>\n(&#8230;)<br \/>\nDas Blech h\u00e4lt jedenfalls zusammen \u2013 auch wenn die Trompeter auf alle herabschauen und zum Beispiel die Posaunisten als \u201eHin-und-Her-Trompeter\u201c bezeichnen. Die wehren sich, indem sie auf den wahnsinnig komplizierten Umgang mit Zug und Quartventil verweisen. Andererseits: So furchtbar viel zu tun haben sie nicht; wenn jemand im Kurkonzert W\u00fcrstchen br\u00e4t f\u00fcr die Pause, dann sind das sicher die Posaunisten mit Hilfe der Schlagzeuger. Die Hornisten werden von ihren Blech-Kollegen mit Argwohn betrachtet. Denn zum einen fraternisieren sie gelegentlich mit den Holzbl\u00e4sern. Zum anderen (&#8230;) ist ihr Instrument \u201egef\u00fcrchtet wegen seiner zahlreichen Unf\u00e4lle. Greift ein Hornist zum Instrument, so verbreitet sich Nervosit\u00e4t im Orchester.\u201c Nicht umsonst hei\u00dft das Horn im Musikerjargon auch \u201eGl\u00fccksspirale\u201c.<\/p>\n<p>Das sind aber nur kleinere Frotzeleien im Vergleich zum gro\u00dfen Antagonismus Bl\u00e4ser \u2013 Streicher. Merkw\u00fcrdigerweise haben jedoch die Cellisten einen Hang zum Blech \u2013 dass sie von ihren Streicher-Kollegen f\u00fcr irgendwie absonderlich gehalten werden, erkl\u00e4rt die Sache nicht, denn die eigentlichen Au\u00dfenseiter sind die Bratschen, \u00fcber die es mehr Witze gibt als \u00fcber die \u00d6sterreicher. Cellisten hingegen, obschon mit wichtigen Rollen und wunderbaren Stellen in der Orchesterliteratur ausgestattet, scheinen sich selbst als die Parias der Bogenk\u00fcnstler zu verstehen. Wenn\u2019s nach dem Konzert zum Trinken geht jedenfalls, sind sie als Einzige am Bl\u00e4ser-Tisch geduldet, und sie bleiben auch meistens bis zum Schluss.<\/p>\n<p>Damit sich Streicher und Blech beim Spielen nicht an den Kragen gehen, sitzen als menschlicher Puffer die Holzbl\u00e4ser dazwischen. Die geh\u00f6ren eigentlich auch zur Anti-Streicher-Fraktion. Aber aus Sicht der Trompeter sind sie, nun ja: verdorben. Denn sie, meistens ebenfalls mit Blasmusik-Vergangenheit, leugnen ihre Wurzeln und wollen auch K\u00fcnstler sein. Die Fl\u00f6tisten glauben, sie seien die Gr\u00f6\u00dften, weil ihr Instrument in der Partitur ganz oben steht. Die Oboen denken von sich dasselbe, nur weil sie im Besitz des Kammertons sind und vorm Konzert, beim Stimmen, alle auf sie h\u00f6ren m\u00fcssen.<br \/>\nDass alles auf gro\u00dfer Selbstt\u00e4uschung beruht, wird erkennen, wer den Holzbl\u00e4sern zusieht: Sie bekommen einen unansehnlich roten Kopf (Oboe) oder machen ein Gesicht, als w\u00fcrden sie eine Kieferkorrektur ben\u00f6tigen (Klarinette). Das Fagott wird von den anderen Musikern \u201eSpuckstock\u201c genannt \u2013 das sagt alles.<\/p>\n<p>Wird die Querfl\u00f6te von einer Frau gespielt \u2013 was bitte so sein m\u00f6ge, kein Mann sollte Querfl\u00f6te spielen \u2013, dann ergibt sich eine erstaunliche Verwandtschaft mit dem Einzelkind des Orchesters: der Harfe. Auch sie wird meist von Frauen bedient, die ebenso wie die Fl\u00f6tistinnen oft feengleich sind, esoterisch, d\u00fcnnfingrig, mit gro\u00dfen Vorbehalten gegen\u00fcber dem Trinkgebaren der Blechbl\u00e4ser. (&#8230;) Fl\u00f6tistinnen und Harfenistinnen sind sozusagen die Sozialp\u00e4dagogen unter den Musikern, leise Instrumente, leise Frauen, zart: Tu niemandem weh, dann wird dir nicht wehgetan.<\/p>\n<p>Ein b\u00f6ses Schicksal jedoch hat der Harfe einen Platz ganz hinten im Orchester zugewiesen, nahe beim Schlagzeug, und das ist eine eigene Bande. Von den Streichern werden Schlagzeuger fast noch mehr verachtet als die Blechbl\u00e4ser, denn: Kann es Musik sein, irgendwo draufzuhauen? (Dass ein Pianist im Grunde nichts anderes macht, wird dabei vergessen.) Das Problem der Schlagzeuger ist, dass sie nach einer unglaublich komplexen Ausbildung an allen Instrumenten des Schlagwerks \u2013 Pauken, Trommeln, Triangeln, aber auch Drumset, Xylophon, Vibraphon \u2013, nach dem auch k\u00f6rperlich anstrengendsten Training aller Musikstudenten, sp\u00e4ter im Orchester rumsitzen und nichts zu tun haben.<br \/>\n(&#8230;) Ein einziger Ton w\u00e4hrend eines ganzen Konzerts: Da muss man sich nicht wundern, dass sie Ausgleich in der Freizeit suchen und Erg\u00f6tzen daran finden, Werke zu spielen, in denen sie mit den F\u00fc\u00dfen Siebenachtel-Takte trommeln, mit der linken Hand Elfachtel und mit rechten Neunsechzehntel. Die anderen Musiker halten sie deswegen zu Recht f\u00fcr schrullig.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit der Geige habe ich es durchaus auch mal probiert. Als meine Eltern nach \u00fcber einem Jahr \u00dcbens immer noch regelm\u00e4\u00dfig unter Vorsch\u00fctzung von Erledigungen das Haus verlie\u00dfen, wenn ich \u00fcbte, ich aber inmitten dieser scheu\u00dflichen Kl\u00e4nge stehen musste, warf ich den Bogen hin. Zur echten Querfl\u00f6tistin fehlte mir (neben Talent und Ausdauer) die feengleiche Gestalt.<\/p>\n<p>Am n\u00e4hesten von allen Orchestermusikern kannte ich eine Cellistin, von der an geeigneter Stelle noch zu berichten sein wird. Es kostete mich Monate, bis ich ihre Berichte vom abendlichen \u201eQuartettspielen\u201c nicht mehr mit Kartentischen in Verbindung brachte. Sie hatte tats\u00e4chlich einen Hang zum Blech, \u00e4hnlich wie \u00fcbrigens die Kontrab\u00e4sse, die eigenartigerweise in dem Artikel gar nicht vorkommen, obwohl sie in ihrer traditionellen Grobschl\u00e4chtigkeit den Bl\u00e4sern am n\u00e4chsten kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern auf der Bahnfahrt nach Hause die Lekt\u00fcre der \u201eSZ am Wochenende\u201c nachgeholt. Beim Artikel \u201eGrabenk\u00e4mpfe\u201c von Stephan Handel \u00fcber die gesellschaftliche Struktur von Symphonieorchestern sehr oft sehr gelacht und schr\u00e4ge Nachbarsblicke auf mich gezogen. 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