{"id":95664,"date":"2024-03-02T08:41:41","date_gmt":"2024-03-02T07:41:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=95664"},"modified":"2026-03-19T16:10:08","modified_gmt":"2026-03-19T15:10:08","slug":"journal-freitag-1-maerz-2024-kurze-haare-und-ursula-krechel-landgericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/03\/journal-freitag-1-maerz-2024-kurze-haare-und-ursula-krechel-landgericht.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 1. M\u00e4rz 2024 &#8211; Kurze Haare und Ursula Krechel, <i>Landgericht<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Bis drei gut geschlafen, nach Klogang dann nicht mehr so.<\/p>\n<p>Das Schlafzimmerfenster schloss ich morgens zu mitteldickem Nebel, keine guten Aussichten aufs Tageswetter. <\/p>\n<p>Bei der Morgentoilette s\u00e4uberte ich meine Ohren innen und au\u00dfen besonders sorgf\u00e4ltig: Ich hatte abends einen Friseurtermin, hoffte auf freigeschnittene Ohren und wollte nicht, dass der Friseur sich grausen musste.<\/p>\n<p>Also wieder ein hochneblig kalter Start, B\u00fcroarbeit im Wolljanker. Zumindest war der Aufgabendruck nicht mehr so hoch wie in den Tagen zuvor, kein Stress.<\/p>\n<p>Mittagscappuccino im Westend, unterwegs eine unerwartete Begegnung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240301_04_Gollierstr.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240301_04_Gollierstr.jpg\" alt=\"\" width=\"349\" height=\"465\" class=\"alignnone size-full wp-image-95681\" \/><\/a><\/p>\n<p>Erneute Trauer und Wehmut um das Fr\u00e4ulein. Wie konnte etwas, jemand sich nur so furchtbar verirren. Diese schreckliche Vergeudung von Begabung f\u00fcr so Vieles.<\/p>\n<p>Mittagessen zur\u00fcck am Schreibtisch: Pumpernickel mit Butter, Orangen.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlicher Feierabend weil Friseurtermin. Dieser Herr, dem ich freie Hand lie\u00df (&#8220;alles au\u00dfer Farbe&#8221;), gab sich besonders viel M\u00fche, die Haarans\u00e4tze im Nacken und vor den Ohren verschwinden zu lassen, &#8220;da sieht man nicht, wo das Haar anf\u00e4ngt&#8221;.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240301_08_Haarschnitt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240301_08_Haarschnitt.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"330\" class=\"alignnone size-full wp-image-95682\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich war mit dem Ergebnis zufrieden.<\/p>\n<p>Freit\u00e4glich festliches Nachtmahl: Guacamole aus den restlichen Crowdfarming-Avacados (Herr Kaltmamsell), riesige Artischocken mit Knoblauchmajo (von mir), dazu zwei verschiedene Wei\u00dfbrote aus der Balkanb\u00e4ckerei (ein besonders schweres, saftiges Fladenbrot sowie ein klassischer heller Laib, ebenfalls besonders saftig &#8211; beide sehr gut), als Wein italienischer Pecorino. Wir a\u00dfen sehr gut, Nachtisch S\u00fc\u00dfigkeiten.<\/p>\n<p>Oktoberfestflucht nach Mallorca endg\u00fcltig gebucht, jetzt geht&#8217;s an An- und Abreise.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_krechel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_krechel.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"179\" class=\"alignnone size-full wp-image-95349\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ursula Krechel, <i>Landgericht<\/i>. Im Mittelpunkt des 2012 erschienenen Romans steht Richard Kornitzer. Er kehrt 1947 aus dem Exil nach Deutschland zur\u00fcck, war von den Nazis als Jude von seinem Beruf als Richter in Berlin ausgeschlossen worden. Am Bodensee trifft er sich nach zehn Jahren Trennung mit seiner Frau Claire, sucht nach einem neuen Leben, das ihn zu einem neuen Richteramt in Mainz bringt. Das Buch schildert, wie sehr nichts wiedergutzumachen ist.<\/p>\n<p>Von Anfang an faszinierten mich die Sprache und der Duktus des Romans: Sie lesen sich aus der Zeit gefallen, aber in die Zeit, in der die Handlung spielt. Sehr heutige Perspektiven und Erkenntnisse in einer Sprache, die ich von Romanen der 1920er und 1930er kenne (z.B. von Grete Weil). Diese Mischung gefiel mir ganz ausgezeichnet.<\/p>\n<blockquote><p>Claire und Richard Kornitzer hatten Meinungen und Vorstellungen ausgetauscht, die sich entwickelt hatten in der Zeit ohne den Ehepartner, sie waren besorgt, wenn diese sich nicht miteinander in \u00dcbereinstimmung bringen lie\u00dfen. Sie hatten mit Empfindungen und Worten wie mit Schneckenf\u00fchlern aufeinander zu getastet, und wenn die Worte sich nicht erreichten, schwiegen sie, um den jeweils anderen nicht zu verletzen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Als die Handlung sich nach Mainz verlagert, fand ich seltsam, dass ich noch nie eine so detaillierte Schilderung einer zerbombten Stadt gelesen hatte. Die zeitgen\u00f6ssischen Geschichte, ich denke an Heinrich B\u00f6ll, gingen wohl davon aus, dass jeder eh die Details zerbombter St\u00e4dte vor Augen hatte. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Screenshot-2024-02-21-152001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Screenshot-2024-02-21-152001.jpg\" alt=\"\" width=\"710\" height=\"316\" class=\"alignnone size-full wp-image-95445\" srcset=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Screenshot-2024-02-21-152001.jpg 710w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Screenshot-2024-02-21-152001-600x267.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 710px) 100vw, 710px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nur der Satz &#8220;Es sah aus wie die Kulisse eines Filmes, der morgen im hellen Licht gedreht werden w\u00fcrde.&#8221; verr\u00e4t die Sicht der Erz\u00e4hlinstanz aus dem Abstand vieler Jahrzehnte (in denen man solche Szenerien nur aus Filmen kennt).<sup><a href=\"#footnote_1_95664\" id=\"identifier_1_95664\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Herr Kaltmamsell wies mich auf die Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert hin, f&uuml;r die das Szenario der zerbomten Stadt und der Kriegs- und Nachkriegsnot in Deutschland typisch ist, zum Beispiel &ldquo;Nachts schlafen die Ratten doch&rdquo; &ndash; mein Eindruck ist wahrscheinlich einfach Unkenntnis geschuldet.\">1<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Gegen Ende der ersten Buchh\u00e4lfte wechselt der Roman in eine Au\u00dfenschilderung des Paares Anfang der 1930er, also vor der Machtergreifung, vor Richards Berufsverbot als Jurist. Und jetzt zieht die Erz\u00e4hlstimme explizite Vergleiche zu sp\u00e4teren Ereignissen, bis in die 1990er. Danach erfahren wir die Geschichte von Kornitzers Exil in Kuba, farbig und lebendig. Was Claire in dieser Zeit in Deutschland widerfahren ist, ergibt sich nur vage und indirekt aus Bruchst\u00fccken.<\/p>\n<p>Im letzten Viertel wechselt Krechel dann das Genre: Aus dem Roman wird historisches Feuilleton. Ich ging einem Verdacht nach: Ja, die Geschichte des Buches basiert auf einer realen Akte eines realen Landgerichtsrats, die Krechel gefunden hat <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/eine-welt-aus-transitorischen-existenzen-100.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">(Quelle)<\/a> &#8211; soll sein, soll sein. Doch gegen Ende besteht die Handlung haupts\u00e4chlich aus Zitaten schriftlicher Quellen, aus Briefen, Aktenvermerken, Amtsberichten. Diese werden verkn\u00fcpft durch spekulatives Psychologisieren dar\u00fcber, was im Protagonisten vorgegangen sein mag, was ihn wohl zu diesen Schriftwechseln motivierte.<\/p>\n<p>Es bleibt das Bild eines Menschen, der sich als junger alles gefallen lie\u00df und jetzt im Alter verbissen und unnachgiebig mit den Waffen der B\u00fcrokratie und des Gesetzes k\u00e4mpft, eine erb\u00e4rmliche Gestalt.<\/p>\n<p>Insgesamt gefiel mir Krechels Mischung von imagnierter Handlung und staubiger B\u00fcrokratie: Sie macht eine bestimmte Zeit deutscher Geschichte auf eigenwillige Weise lebendig.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Chris Kurbjuhn erinnert sich an seine erste Ber\u00fchung mit aktiver Politik in den 1970ern und an die Erkenntnisse, die ihn bis heute pr\u00e4gen:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/?p=10350\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Kopfw\u00e4sche von Herrn Flach&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Eine gute Nachricht, die mir fast durchgerutscht w\u00e4re:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/duerre-deutschland-1.6401722\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Forscher: D\u00fcrre hat sich bundesweit aufgel\u00f6st&#8221;.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/b9108fc1f62a47a786dd4146ee32adaa\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_95664\" class=\"footnote\">Herr Kaltmamsell wies mich auf die Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert hin, f\u00fcr die das Szenario der zerbomten Stadt und der Kriegs- und Nachkriegsnot in Deutschland typisch ist, zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/borchert\/andiedie\/chap016.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Nachts schlafen die Ratten doch&#8221;<\/a> &#8211; mein Eindruck ist wahrscheinlich einfach Unkenntnis geschuldet.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_95664\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis drei gut geschlafen, nach Klogang dann nicht mehr so. Das Schlafzimmerfenster schloss ich morgens zu mitteldickem Nebel, keine guten Aussichten aufs Tageswetter. Bei der Morgentoilette s\u00e4uberte ich meine Ohren innen und au\u00dfen besonders sorgf\u00e4ltig: Ich hatte abends einen Friseurtermin, hoffte auf freigeschnittene Ohren und wollte nicht, dass der Friseur sich grausen musste. 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