{"id":95996,"date":"2024-03-15T06:32:14","date_gmt":"2024-03-15T05:32:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=95996"},"modified":"2024-03-15T12:29:33","modified_gmt":"2024-03-15T11:29:33","slug":"journal-donnerstag-14-maerz-2024-wolf-haas-eigentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/03\/journal-donnerstag-14-maerz-2024-wolf-haas-eigentum.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 14. M\u00e4rz 2024 &#8211; Wolf Haas, <i>Eigentum<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Nicht wirklich gut geschlafen, nach dem sp\u00e4ten Heimkommen auch zu fr\u00fch aufgewacht, benommen aufgestanden. Ich nutzte die zus\u00e4tzliche Zeit f\u00fcr Bloggen \u00fcber das Theaterst\u00fcck am Vorabend.<\/p>\n<p>Strammer Marsch in die Arbeit, ich wurde von der Milde der Luft \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Zackiges Arbeiten &#8211; na ja, die Zackenspitzen ein wenig durch meine m\u00fcde Benommenheit abgerundet. Immer wieder hatte ich das Bed\u00fcrfnis nach einem Gegencheck, ob ich nicht gerade Mist gebaut hatte, immer wieder fiel mein Blick verloren auf den Bildschirm: Was wollte ich hier gerade?<\/p>\n<p>Mittagscappuccino bei Nachbars, danach ging das mit der Konzentration eine Weile besser. Auch die paar Schritte durch fast Sonne hatten mir gut getan.<\/p>\n<p>Mittagessen: Bananen, eingeweichtes Muesli mit Joghurt. Jetzt gesellte sich Kopfweh zur M\u00fcdigkeit. Dass es auch mit einer Ibu nicht wegging, lie\u00df mich zusammen mit der Benommenheit eine mindere Migr\u00e4ne vermuten (wenn sie nur so aussieht, geht&#8217;s ja noch). Im Verlauf des Nachmittags Konzentrationsf\u00e4higkeit nahe Null, es mussten dennoch Dinge weggearbeitet werden, zefix. Aber drau\u00dfen bem\u00fchte sich milde Sonne durch den Wolkenschleier, das war sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Den Heimweg ohne M\u00fctze und Handschuhe genoss ich, nach Eink\u00e4ufen in Balkanb\u00e4ckerei, Drogeriemarkt und Vollcorner \u00f6ffnete ich auf dem letzten St\u00fcck sogar den Mantel.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240314_05_Bavariaring.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full \" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240314_05_Bavariaring.jpg\" alt=\"\" width=\"548\" height=\"385\" \/><\/a><\/p>\n<p>Blo\u00df weil ich diese Zierkirsche am Bavariaring schon x Mal fotografiert habe, hei\u00dft ja nicht, dass ich sie nicht zum x+1sten Mal fotografieren kann.<\/p>\n<p>Zu Hause ein wenig Yoga-Gymnastik, Brotzeitvorbereitung, dann richtete ich das Abendessen her: Salat aus aromatischem Ernteanteil-Feldsalat, Ofen-Feta, ein sch\u00f6ner alter niederl\u00e4ndischer K\u00e4se aus Friesland (ganz erstaunlich, wie ganz anders als ein lokaler Bergk\u00e4se er schmeckte), Balkan-Fladenbrot. Nachtisch Schokolade.<\/p>\n<p>Im Bett begann ich die n\u00e4chste Lekt\u00fcre, diesmal wieder auf Papier und mit frisch geladener Halslampe: Granta 166, <i>Generations<\/i>.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_haaseigentum.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-95953\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_haaseigentum.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"242\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wolf Haas, <i>Eigentum<\/i> k\u00f6nnte wie der autofiktionale Roman von Oskar Maria Graf auch <i>Das Leben meiner Mutter<\/i> hei\u00dfen (beides als &#8220;Roman&#8221; verkauft &#8211; warum sch\u00e4mt sich das deutschsprachige Verlagswesen so sehr, ein Buch mit biografischen Erz\u00e4hlungen <i>nicht<\/i> so zu nennen?). Wie jede Biografie erz\u00e4hlt diese indirekt Geschichte: Weltgeschichte, Gesellschaftsgeschichte, die Geschichte des Erz\u00e4hlers.<br \/>\nAber weil dieses Buch Haas geschrieben hat und nicht Graf, ist es nat\u00fcrlich ganz anders &#8211; unter anderem viel, viel k\u00fcrzer.<\/p>\n<p>Das Buch setzt drei Tage vor dem Tod der greisen Mutter ein mit der \u00dcberraschung des Ich-Erz\u00e4hlers, dass seine Mutter sagt, es gehe ihr gut. Das hat er bis dahin noch nie von ihr geh\u00f6rt, immer war alles schlimm und schlecht. <\/p>\n<p>Die erz\u00e4hlte Zeit bleibt bei den drei Tagen, nimmt sich noch zwei zus\u00e4tzliche bis zur Beerdigung. Darin wechselt Haas unmarkiert zwischen seinem eigenen Erleben (Besuch der Mutter im Heim, Spazierg\u00e4nge ins Dorf und zu dem Haus, in dem er aufgewachsen ist) und den Erz\u00e4hlungen seiner Mutter (auch ohne Markierung klar am mundartlichen Duktus erkennbar und an den immer wieder eingeflochtenen &#8220;nit&#8221; und &#8220;gell&#8221;). Er gibt ihre Lebenserinnerungen so wieder, wie sie sie wieder und wieder erz\u00e4hlt hat, offensichtlich ohne eigene Nachrecherche oder Verifizierung, oft sagt sie &#8220;wei\u00df ich nicht genau&#8221;: Arme Kindheit in \u00d6sterreich unter vielen Geschwistern, Versuch einer Ausbildung, Unterbrechung durch Krieg, danach Beruf, Arbeit in der Schweiz, Schwangerschaft, R\u00fcckkehr ins Dorf &#8211; vieles kann sie nicht einordnen, kennt keine Hintergr\u00fcnde. Dadurch bleibt viel offen. Klar zutage kommt der schwierige Charakter dieser Frau, ihr Eigenbr\u00f6tlertum, ihre Menschenfeindschaft. Sich selbst ordnet Haas als Kind darin kaum ein, l\u00e4sst die Erz\u00e4hlung die Geschichte seiner Mutter sein.<\/p>\n<p>Es ist der erwachsene Haas um die 60, der in der Echtzeit-Erz\u00e4hlebene sichtbar wird: Dessen Gedanken immer wieder zu der bl\u00f6den Poetik-Vorlesung zur\u00fcckkehren, die er noch vorbereiten muss. Der sich in linguistischen \u00dcberlegungen verliert, sich fragt, warum er eigentlich B\u00fccher schreibt (Au\u00dfen- und Innencover der Hardback-Ausgabe geben Hinweise, <a href=\"https:\/\/www.literaturcafe.de\/ungewoehnlich-anruehrend-eigentum-von-wolf-haas\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolfgang Tischer hat sie f\u00fcr die Besprechung in seinem Literaturcaf\u00e9 fotografiert<\/a>), der sich nicht allzu ernst nimmt &#8211; eine typisch Haas&#8217;sche Stimme.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist ein B\u00fcchlein, das Zeit einf\u00e4ngt, Orte und ein paar Menschen darin. Und das mir mal wieder bewiesen hat, dass Typisierung und Einordnung von Menschen immer l\u00f6chriger werden, wenn man sich mit einer ganz konkreten Biografie besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>(Und wie wenig ich bei genauerer Betrachtung das Leben meiner Mutter erz\u00e4hlen k\u00f6nnte.)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Markus Beckedahl verabschiedet sich von der Plattform netzpolitik.org, die er vor 20 Jahren gegr\u00fcndet hat &#8211; und damit Internetgeschichte geschrieben:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2024\/abschied-danke-netzpolitik-org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Danke, netzpolitik.org!&#8221;<\/a><\/p>\n<p>Sch\u00f6ne Gelegenheit, mal wieder die Geschichte zu erz\u00e4hlen, wie ich vor 14 Jahren in einem Taxi in \u00d6sterreich sa\u00df, es lief Radio, und die Redakteurin f\u00fchrte gerade ein Interview zu irgendeinem Internetthema &#8211; mit Markus Beckedahl. Meine erste Reaktion: Hahaha, jetzt m\u00fcssen sie schon <i>uns<\/i> zum Internet fragen. (Im Sinne von: uns komische Blogger*innen.) Dann aber die Einsicht: Einen Besseren als Markus h\u00e4tten sie nicht fragen k\u00f6nnen, irgendwer in dieser Redaktion kennt sich offensichtlich aus.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Auch hier mal ein Gedicht!<br \/>\n<a href=\"https:\/\/boomerang2nd.blog\/2024\/03\/11\/der-bahlauch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Der B\u00e4hlauch&#8221;.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/6ca38e3dde784e288b5d3833f205a488\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht wirklich gut geschlafen, nach dem sp\u00e4ten Heimkommen auch zu fr\u00fch aufgewacht, benommen aufgestanden. Ich nutzte die zus\u00e4tzliche Zeit f\u00fcr Bloggen \u00fcber das Theaterst\u00fcck am Vorabend. Strammer Marsch in die Arbeit, ich wurde von der Milde der Luft \u00fcberrascht. 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