{"id":9665,"date":"2010-11-02T07:36:38","date_gmt":"2010-11-02T05:36:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=9665"},"modified":"2010-11-02T09:27:32","modified_gmt":"2010-11-02T08:27:32","slug":"unter-triathleten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2010\/11\/unter-triathleten.htm","title":{"rendered":"Unter Triathleten"},"content":{"rendered":"<p>Von der Eingangshalle des Erlebnisschwimmbades aus nahmen uns Herr Trainer und Frau Trainerin mit in ein kleines Besprechungszimmer (vorbei an einem Plakat, das einen \u201eSauna-Abend Las Vegas!\u201c ank\u00fcndigte). Ein Blick in die Runde ergab: f\u00fcnf M\u00e4nner und mit mir vier Frauen. Die Vorstellungsrunde best\u00e4tigte alle meine Ahnungen: Einer nach der anderen z\u00e4hlte auf, an welchem Triathlon sie mit welchem Ergebnis teilgenommen hatten: \u201eAber gefinisht, das ist ja das wichtigste.\u201c &#8211; \u201eBlo\u00df sechs Sekunden haben gefehlt, und ich w\u00e4re in Hawaii dabei gewesen!\u201c &#8211; \u201eWir haben uns doch im Mai in Weiden kennengelernt, oder?\u201c &#8211; \u201eWar ziemlicher Aufwand, den zu veranstalten, aber f\u00fcr n\u00e4chstes Jahr habe ich schon wieder ein paar Sponsoren.\u201c &#8211; \u201eMei, bei mir ist halt wie bei den meisten\u201c &#8211; verbr\u00fcdernder Blick in die Runde &#8211; \u201eSchwimmen die schw\u00e4chste Disziplin.\u201c Bei solchen Gelegenheiten h\u00e4lt sich \u00fcblicherweise eine ganze Brigade an Teufeln bereit mich zu reiten, gl\u00fccklicherweise machte diesmal ein harmloser das Rennen. Als die Reihe an mir war, f\u00fchrte ich also wahrheitsgem\u00e4\u00df als Referenz den Babyschwimmkurs an, den ich im Alter von einem halben Jahr im \u00f6rtlichen Steylerbad absolviert hatte, und dass ich seither praktisch nicht mit dem Schwimmen aufgeh\u00f6rt h\u00e4tte. Dass ich dieses aber bitte gerne verbessern wolle.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Kraulschwimmen hat mir in den vergangenen Monaten immer mehr Spa\u00df gemacht, am liebsten schw\u00f6mme ich meine w\u00f6chentlichen 3.000 Meter ausschlie\u00dflich kraulend. Doch nach sp\u00e4testens 1.000 Metern schmerzt meine linke Schulter, was ich auf unsymmetrischen Bewegungsablauf zur\u00fcckf\u00fchre, sehr wahrscheinlich bedingt durch den Umstand, dass ich nach jedem zweiten Schlag atme, und zwar immer nach rechts. Versuche ich nur alle drei Schl\u00e4ge zu atmen, bekomme ich nicht genug Luft, atme ich ausschlie\u00dflich nach links, geht es mir ebenso. Meinem \u00e4hnlich bewegungsfreudigen Bruder hatte ich dieses Dilemma vor einigen Monaten geklagt, und so hatten er und meine Eltern mir zum Geburtstag Ende August einen zweit\u00e4gigen Kraulschwimmkurs geschenkt. Wor\u00fcber ich mich sehr freute.<\/p>\n<p>Allerdings schwante mir schon bald, dass ich in diesem Kurs von lauter jungen, knackigen Triathleten umgeben sein w\u00fcrde: Wer sonst als diese Hobbyleistungssportler m\u00f6chte dringend sein Kraultempo erh\u00f6hen (Schwimmen ist tats\u00e4chlich die schw\u00e4chste Disziplin der meisten Triathleten, die fast alle vom Radfahren und vom Laufen kommen) und ist bereit, zwei Tage daf\u00fcr zu investieren?<\/p>\n<p>Ich habe w\u00e4hrend dieses Wochenendes eine Menge gelernt, nicht nur, wie ich meinen Kraulstil verbessern kann. Im Folgenden meine Erkenntnisse in komplett unzul\u00e4ssiger Verallgemeinerung.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen hatten dann entspannenderweise alle etwa mein Alter, ich war allerdings die einzige, die ganz einzeln und ohne Freunde \/ Partnerin da war. Vielleicht steckt hier schon die erste Erkenntnis: Hobbyleistungssportler tun Dinge gerne zu mehreren. Alle waren warm und freundlich zu mir und schlossen mich trotz meiner absonderlichen Herangehensweise ans Schwimmen in ihre Gespr\u00e4che und ihren Austausch ein. Auffallend und angenehm war auch, dass w\u00e4hrend der beiden Tage nie die Berufst\u00e4tigkeit der Schwimmsch\u00fcler angesprochen wurde, das interessierte einfach nicht. Die Ausnahme waren die Trainer: In ihrem Fall deckten sich nunmal Leistungssport und Beruf.<\/p>\n<p>Zweitens: Hobbyleistungssportler lieben Zahlen. Nicht nur einer hatte Vergn\u00fcgen daran, die bei den \u00dcbungen geschwommenen Meter zusammenzuz\u00e4hlen und regelm\u00e4\u00dfig den Zwischenstand zu melden. Und als der Trainer f\u00fcr die Videoanalyse (wir wurden an beiden Tagen \u00fcber sowie unter Wasser gefilmt) seinen Rechner startete, prangte auf seinem Desktop das Programm \u201eLaktatanalyse\u201c. Was direkt f\u00fchrt zu<\/p>\n<p>Drittens: Hobbyleistungssportler lieben Gadgets. Ein Teilnehmer stand minutenlang im Zentrum des Neids, als er seinen Bahnenz\u00e4hler in Form eines Rings f\u00fcr den Zeigefinger vorzeigte: Bei jeder Bahn dr\u00fcckt man mit dem Daumen auf einen Knopf und bekommt anschlie\u00dfend umfangreiche Auswertungen. Oder all das Spielzeug, mit dem wir an den beiden Tagen \u00fcbten: Flossen, Schwimmbretter, Polster, Zugseile. Auch ich bekam wertvolle Gadget-Tipps. Als ich n\u00e4mlich durch eine entsprechende \u00dcbung festgestellt hatte, dass mein Bewegungsablauf beim Kraulen nahezu perfekt ist, wenn ich gar nicht atme, scherzte ich, dass ich also lediglich einen passenden Schnorchel finden m\u00fcsse. Den gibt es nat\u00fcrlich l\u00e4ngst, wie mich die Trainerin informierte, f\u00fcr Langstrecken im freien Wasser: Eine Schwimmbrille mit Mundst\u00fcck und einem Luftrohr, das nicht wie beim Tauchen seitlich, sondern \u00fcber der Nasenwurzel nach oben f\u00fchrt. Sie nannte mir auch zwei Sportgesch\u00e4fte, in denen ich solch eine Apparatur kaufen k\u00f6nne. Ich merkte mir diese erst gar nicht, war ich doch sicher, dass das Internet sowas ebenfalls hergibt. Nur dass ich jetzt nirgends eine finde.<\/p>\n<p>Viertens: Hobbyleistungssportler brauchen Veranstaltungen als Bewegungsanreiz. Ausma\u00df, Frequenz und Art der Bewegung werden auf die Teilnahme an Wettbewerben abgestimmt, nicht etwa auf Wetter, Laune, Umgebung. Mein reines Genusssporteln war den anderen Schwimmsch\u00fclern fremd. Es half ihnen, mich als Langstreckenschwimmerin einzuordnen. Und ihr Wohlwollen \u00e4u\u00dferte sich darin, mir auch daf\u00fcr Veranstaltungstipps anzubieten: Es gebe doch am Chiemsee und an weiteren bayrischen Seen See-\u00dcberquerungen als Wettbewerbe, das w\u00e4re doch was f\u00fcr mich. Ich dankte f\u00fcr den Hinweis, zumal ich es mir durchaus sch\u00f6n vorstelle, einen gro\u00dfen See schwimmend zu \u00fcberqueren. Nur, musste ich den Tippgebern bescheiden, w\u00fcrde ich zu diesem Zweck halt zu dem See fahren und r\u00fcberschwimmen. Am wenigsten gern t\u00e4te ich dieses gleichzeitig mit mehreren Hunderten weiteren Schwimmern.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens: Hobbyleistungssportler tragen ihren Lesestoff auf T-Shirts bei sich. Die Schwimmsch\u00fcler trugen au\u00dferhalb des Beckens \u00fcber der Badehose Leibchen, die sie f\u00fcr die Teilnahme an einem Triathlon bekommen hatten. (Ich hatte einen Bademantel mitgebracht: ganz falsch.) Auf diesen standen nicht nur Titel und Datum der Veranstaltung, sondern auch einige Dutzend Sponsoren. Diese Aufschriften lasen sie einander vor und unterhielten sich dann dar\u00fcber &#8211; der Text auf dem Leibchen eines Neuank\u00f6mmlings am zweiten Tag bot Gespr\u00e4chsthemen f\u00fcr eine ganze halbst\u00fcndige Kaffeepause.<\/p>\n<p>Sechstens: Hobbyleistungssportler sind nicht sehr belastbar. Bis dato hatte ich angenommen, dass diese Menschen ununterbrochen mit den Hufen scharren und sich m\u00f6glichst viel bewegen wollen. Dass sie sich zudem am liebsten als harte Hunde geben. Doch die Schwimmsch\u00fcler und -sch\u00fclerinnen begannen schon nach wenigen \u00dcbungen Ersch\u00f6pfung zu markieren und verhandelten um die Anzahl weiterer Wiederholungen; es wurde \u00fcber ein Ziehen hier und ein Schmerzchen dort geklagt. Am Morgen des zweiten Tages h\u00e4tte man meinen k\u00f6nnen, die Truppe habe einen kompletten Ironman-Triathlon absolviert, so geschunden und wund gab sie sich. Na gut, eventuell war ich tats\u00e4chlich diejenige Teilnehmerin, die in den vergangenen Monaten am meisten geschwommen ist. Dennoch passte das Verhalten nicht recht zum Brusttrommeln in der Vorstellungsrunde.<\/p>\n<p>Siebtens: Hobbyleistungssportler benutzen nicht nur Fachw\u00f6rter, sondern auch Fachaussprachen. Fachw\u00f6rter geh\u00f6ren selbstverst\u00e4ndlich zu jedem Nerdtum, und die der Sportelnerds sind nicht mal besonders abstrus. \u201e<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_C6aZzuzb9Y\" target=_\"new\">Abschlagschwimmen<\/a>\u201c kann man sich zum Beispiel fast selbst erschlie\u00dfen. Der Ehrentitel \u201eFirst out of Water\u201c hingegen erheiterte mich sehr &#8211; ich wollte gar nicht wissen, was das genau ist. Sonderaussprachen kenne ich ja bereits aus der Aerobicstunde (z.B. den V-f\u00f6rmigen \u201eWe-Step\u201c). Das Gegenst\u00fcck im Schwimmtraining ist die <a href=\"http:\/\/www.wolf-schwimmsport.de\/Zeigen,0,Bestnr,95056,Group,110.htm\" target=_\"new\">Pull Buoy<\/a> (also Zieh-Boye): Dieses Kissen, das man zwischen den Oberschenkeln festklemmt, wird ausgesprochen als handle es sich um einen Schwimmbecken-Burschen, also \u201eder Pool Boy\u201c.<\/p>\n<p>Achtens: Hobbyleistungssportler haben eine bessere Koordination als ich. Zumindest war ich die einzige, die es fertigbrachte, so heftig mit der Stirn gegen den Beckenrand zu schwimmen, dass ich anschlie\u00dfend vorsichtshalber die Vollst\u00e4ndigkeit meiner Z\u00e4hne pr\u00fcfte. Jetzt Beule.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Nach etwa neun Stunden im Wasser, vier Videoauswertungen und von anderen gez\u00e4hlten gut 6.500 Metern \u00dcbungen habe ich jetzt eine lange Liste mit Details, die ich an meiner Kraulerei verbessern kann &#8211; inklusive der \u00dcbungen, mit deren Hilfe ich sie hoffentlich verinnerliche. Ich kann kaum erwarten, damit anzufangen. Ehrlich!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Eingangshalle des Erlebnisschwimmbades aus nahmen uns Herr Trainer und Frau Trainerin mit in ein kleines Besprechungszimmer (vorbei an einem Plakat, das einen \u201eSauna-Abend Las Vegas!\u201c ank\u00fcndigte). Ein Blick in die Runde ergab: f\u00fcnf M\u00e4nner und mit mir vier Frauen. 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