{"id":96749,"date":"2024-04-10T06:37:00","date_gmt":"2024-04-10T04:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=96749"},"modified":"2025-04-01T16:13:38","modified_gmt":"2025-04-01T14:13:38","slug":"journal-dienstag-9-april-2024-caroline-wahl-22-bahnen-und-die-hollywoodisierung-des-themas-armut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/04\/journal-dienstag-9-april-2024-caroline-wahl-22-bahnen-und-die-hollywoodisierung-des-themas-armut.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 9. April 2024 &#8211; Caroline Wahl, <i>22 Bahnen<\/i> und die Hollywoodisierung des Themas Armut"},"content":{"rendered":"<p>Unruhige Nacht, ganz erstaunlich, was sich mein Stoffwechsel als Anl\u00e4sse f\u00fcr \u00c4ngste und Sorgen suchte. Ich wachte recht zermatscht auf.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen war es d\u00fcsterdiesig und schw\u00fcl. Da f\u00fcr den sp\u00e4teren Tag ein Temperatursturz angek\u00fcndigt war, ging ich zwar in T-Shirt in die Arbeit, steckte aber eine warme Jacke in meinen Arbeitsrucksack.<\/p>\n<p>Recht r\u00fchriger Vormittag, weniger Kolleg*innen als sonst dienstags pr\u00e4sent, weil auf einer Veranstaltung.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/flaeming-wetter.bplaced.net\/Synoptik\/Sahara-Staub.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Der Saharastaub sorgte auch gestern f\u00fcr die tr\u00fcbe Diesigkeit<\/a>, in der ich zu meinem Mittagscappuccino ging. Ich hatte eine weitere Quelle ganz in der N\u00e4he wahrgenommen, die ich ausprobierte. Der Cappuccino war in Ordnung, vor allem aber war das Lokal sehr lokal und uncool &#8211; f\u00fcr mich ein Plus.<\/p>\n<p>Im warmen Wind wirbelten die Bl\u00fctenbl\u00e4tter der Zierapfelb\u00e4ume, <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/C5igXknsxQG\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">ich filmte diese Variante des Sakura<\/a>.<\/p>\n<p>Erst packte ich noch einen gr\u00f6\u00dferen Job an, dann gab&#8217;s Mittagessen: Karottensalat, Orangen &#8211; am Montag war die letzte 10-Kilo-Kiste der Saison des adoptierten spanischen Orangenbaums angekommen.<\/p>\n<p>Den Nachmittag verbrachte ich mit heftigem Korrekturlesen (manchmal habe ich dann doch das Gef\u00fchl, dass ich mein Geld wert bin) und Crispy-Chili-Oil-R\u00fclpserchen. Ich merkte, dass es drau\u00dfen k\u00e4lter wurde, weil ich das Bed\u00fcrfnis hatte, das gekippte Fenster zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter Feierabend, mittlerweile hatte es zu regnen begonnen. Und ich war froh um die eingesteckte Jacke: Es war schlagartig kalt geworden.<\/p>\n<p>Auf meinen Wegen achtete ich genauer auf Flieder: Wie vermutet sehen die verbliebenen B\u00fcsche arg mitgenommen aus und haben nur ein Drittel der \u00c4ste vom Vorjahr; deren Kreuz- und Querheit deutet auf unfreiwilligen Abbruch des Rests durch den heftigen Schnee Anfang Dezember 2023 hin.<\/p>\n<p>Zu Hause W\u00e4scheaufh\u00e4ngen und Pedik\u00fcre, dann nahm ich mir doch noch die Zeit f\u00fcr Yoga-Gymnastik &#8211; nochmal die sportliche Folge von Montag, die besonders gut lief.<\/p>\n<p>Herr Kaltmamsell servierte als Nachtmahl schnelle Krautfleckerl: Er hatte die H\u00e4lfte des daf\u00fcr gebrateten Krauts bei der letzten Zubereitung eingefroren. Nachtisch Schokolade, schon wieder zu viel.<\/p>\n<p>Im Bett begann ich die n\u00e4chste Lekt\u00fcre, ich hatte meine Wunschliste wieder mit dem Bestand der Stadtbibliothek abgeglichen und gefunden: Reinhard Kaiser-M\u00fchlecker, <i>Wilderer<\/i>.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_wahlbahnen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_wahlbahnen.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"235\" class=\"alignnone size-full wp-image-96731\" \/><\/a><\/p>\n<p>In <i>22 Bahnen<\/i> l\u00e4sst Caroline Wahl die junge Frau Tilda erz\u00e4hlen: Wie sie in einer deutschen mittelgro\u00dfen Stadt ohne Namen an der Supermarktkasse jobbt, sich um ihre kleine Schwester Ida im Grundschulalter k\u00fcmmert, auch um ihre schwer alkoholkranke Mutter, wie sie im Mathematik-Studium kurz vor ihrem Master steht. Als Hintergrund des Handlungsstrangs in der Gegenwart erinnert sie sich an vorherige Geschichten: Wie sie als einziges armes Kind in einer wohlhabenden Einfamilienhaussiedlung gro\u00df wurde, wie ihre Altersgruppe nach dem Abitur nach und nach Richtung Berlin verschwand, jetzt nur hin und wieder auftaucht. Und wie sie in der Zeit nach dem Abitur ihren besten Freund verlor. So oft es geht, schwimmt sie in einem ebensowenig n\u00e4her bezeichneten Freibad 22 Bahnen; die Romanhandlung setzt ein, als am Anfang des Sommers dort der gro\u00dfe Bruder des verstorbenen besten Freundes auftaucht.<\/p>\n<p>Das ist alles s\u00fcffig und gut weglesbar geschrieben, wir bekommen junge Leute, gro\u00dfe Gef\u00fchle, soziale Ungerechtigkeit, das Thema Armutsbetroffenheit trifft auch auf Zeitinteresse. Doch genau dieses Thema stie\u00df mir beim Lesen immer st\u00e4rker auf: Weil es in meinen Augen durch riesige Auslassungen str\u00e4flich unrealistisch beschrieben wird.<\/p>\n<p>Menschen in Armut rechnen ununterbrochen Kosten mit, das ist ein Grund, warum Armut so viel Kraft zehrt &#8211; nicht einfach, dass sie sich keine Markenprodukte leisten k\u00f6nnen. Doch hier: Die Kosten f\u00fcr Busfahrkarten, Schwimmbadeintritt, Ida kommt in die 5. Klasse Gymnasium und braucht neues Schulzeug und vermutlich neue Kleidung &#8211; an nichts davon denkt die Ich-Erz\u00e4hlerin, obwohl sie uns sonst sehr detailliert ihre Sorgen, Gedanken und N\u00f6te schildert. Sie hat auch nicht im Blick, wann das n\u00e4chste Geld eintrifft. Was ist zudem mit Rechnungen, die gezahlt werden m\u00fcssen? Die alkoholkranke Mutter wird als zu nichts Alltagstauglichem in der Lage beschrieben, sie k\u00fcmmert sich sicher auch nicht um Rechnungen &#8211; doch sie werden mit keinem Wort erw\u00e4hnt. Auch nicht als Tilda \u00fcberlegt, ob ihre kleine Schwester alt genug ist, nach einem Wegzug Alltag ohne sie zu bew\u00e4ltigen.<br \/>\nDass diese Ida beim Einkaufen das Geld abgez\u00e4hlt dabei hat, wirkt dadurch wie eine weitere ihrer Schrullen &#8211; und nicht wie das notgedrungene Verhalten armer Menschen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird lediglich immer wieder der Unterschied erz\u00e4hlt, den Tilda beim Gro\u00dfwerden im Vergleich zu ihrem Freundeskreis erlebte, der in Eigenheimen wohnte, tolle Urlaube machte, jetzt Zweit- und Drittstudium von den Eltern finanziert bekommt. Gar keine Rolle aber spielt die Gesellschaft, in der sich Tilda seit vielen Jahren mit ihrem Supermarktjob bewegt: Was ist mit den Kolleg*innen dort? Mit der Chefin? Nicht mal Schicht-Absprachen werden erz\u00e4hlt. Soll durch das Hervorheben der Umgebung, die reicher ist als die Protagonistin, ihre Isolation unterstrichen werden? Mir schien, dass in diesem Roman die Gesellschaftsschicht der Supermarktangestellten, in der man halt wenig Geld hat und sich st\u00e4ndig arrangieren muss, schlicht keine Ausschm\u00fcckung wert ist, nicht ernst genommen wird &#8211; mal wieder (warum wohl war der Film <i>In den G\u00e4ngen<\/i> mit Sandra H\u00fcller solch eine auffallende Ausnahme?).<\/p>\n<p>Weitere merkw\u00fcrdige Auslassung: Das Internet und seine M\u00f6glichkeiten zu menschlichen Verbindungen. In einer Romanwelt, in der es sehr wohl WhatsApp gibt, hat Tilda keinerlei Kontakte auf Online-Plattformen. Sie sagt nur einmal zu ihrer kleinen Schwester, dass sie von Social Media nichts h\u00e4lt. Soll dieser dramaturgische Kniff rechtfertigen, dass sich Mathe-\u00dcberfliegerin Tilda nie um ein Stipendium beworben hat? Weil sie von dessen Existenz nichts mitbekommt? (Im Hinterkopf hatte ich eine \u00dcberflieger-Freundin aus Studientagen, die mit ihren Stipendien auch ihren armen Vater ern\u00e4hrte.)<\/p>\n<p>Das Set-up des Romans hinkt auf beiden Beinen, und das nehme ich beim untererz\u00e4hlten Thema Armut besonders \u00fcbel.<\/p>\n<p>Aber mir gefiel auch einiges: Zum Beispiel dass wir immer wieder Tildas Perspektive an der Supermarktkasse erz\u00e4hlt bekommen. Ihre Unsicherheit gegen\u00fcber dem gro\u00dfen Bruder ihres Jugendfreunds. Die in meinen Augen realistische Schilderung des Alkoholikerinnenverhaltens von Idas und Tildas Mutter, inklusive Krankheitsleugnung und immer neuen Besserungsversprechen. Und ich mochte die Beschreibung von Idas Entwicklungsspr\u00fcngen, viele sehr atmosph\u00e4rische Beschreibungen (Filmrechteverkaufambitionenverdacht).<\/p>\n<p>Dass mir Details zum titelgebenden Schwimmen fehlten, gestehe ich meinem pers\u00f6nlichen Interesse zu. Anscheinend handelt es sich um ein normales Freibadbecken: Gibt es beim Bahnenziehen nie St\u00f6rungen durch lediglich planschende Kinder? Welche ist Tildas Schwimmart? F\u00fchlen sich die geschwommenen Bahnen nie unterschiedlich an?<\/p>\n<p>In Summe: Eine verpasste Gelegenheit f\u00fcr einen wirklich guten Roman. Vielleicht war der Verlag schuld und hat ihn Caroline Wahl nicht schreiben lassen, weil er deutlich weniger <i>feel good<\/i> geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrliches und spannendes Interview in <i>Journalist<\/i> mit Mai Thi Nguyen-Kim \u00fcber ihren Wissenschaftsjournalismus:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.journalist.de\/startseite\/detail\/article\/als-wissenschaftlerin-komme-ich-mit-hass-gut-klar\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Als Wissenschaftlerin komme ich mit Hass gut klar'&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Unsicherheiten sind fester Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens. Manchmal sind sie gr\u00f6\u00dfer, manchmal kleiner, wie bei der Schuld des Menschen am Klimawandel zum Beispiel. Da gibt es einen derart gro\u00dfen Berg an wissenschaftlichen Belegen, dass man von einem Fakt spricht. Wer das anzweifelt, muss ebenso viele Belege auf den Tisch legen. Ansonsten darf man nicht erwarten, ernstgenommen zu werden. Fakt ist Fakt.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Das hier k\u00f6nnte f\u00fcr UX-Designer*innen jenseits der Ertr\u00e4glichkeitsgrenze sein, <a href=\"https:\/\/hachyderm.io\/@inthehands\/112239054564819974\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">f\u00fcr den Rest von uns ist es sehr, sehr lustig<\/a>. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/8fefd70105594788907f826f0efab874\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unruhige Nacht, ganz erstaunlich, was sich mein Stoffwechsel als Anl\u00e4sse f\u00fcr \u00c4ngste und Sorgen suchte. 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