{"id":97874,"date":"2024-05-15T06:00:28","date_gmt":"2024-05-15T04:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=97874"},"modified":"2024-05-15T13:58:56","modified_gmt":"2024-05-15T11:58:56","slug":"journal-dienstag-14-mai-2024-didier-eribon-sonja-finck-uebers-eine-arbeiterin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/05\/journal-dienstag-14-mai-2024-didier-eribon-sonja-finck-uebers-eine-arbeiterin.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 14. Mai 2024 &#8211; Didier Eribon, Sonja Finck (\u00dcbers.), <i>Eine Arbeiterin<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Wieder eine gute Nacht, doch wieder endete sie in einer unangenehmen Angstphase.<\/p>\n<p>Nochmal Sonnen-Power drau\u00dfen, ich marschierte in kurzen \u00c4rmeln in die Arbeit (eine Jacke w\u00e4re wirklich angenehm gewesen, doch ich war wieder zu faul zum Heimschleppen).<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung meines Problems mit der Handyzahl-App (VIMPay \u00fcbrigens, mit der meine Bank, die Sparda, zusammenarbeitet), von der eine erforderliche und angeblich abgeschickte TAN nie eintraf, nicht bei Dutzenden Versuchen und \u00fcber mehrere Tage: Ich hatte am Sonntag an die Service-Adresse geschrieben, die am Montag zur\u00fcckschrieb, &#8220;richte die PushTAN-Verbindung bitte nochmals anhand der folgenden Anleitung ein&#8221;. Stellte sich heraus: Ich hatte diese Funktion nie eingerichtet. Und wie ich bei neuerlichem Aufruf der App herausfand, ist sie auch gar nicht erforderlich, jetzt gab es eine M\u00f6glichkeit, auch ohne weiterzukommen. UX-H\u00f6lle in Lehrbuch-Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Emsiger Vormittag, aber ich hatte Zeit f\u00fcr einen Mittagscappuccino im Westend.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240514_05_Stray.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240514_05_Stray.jpg\" alt=\"Cappuccinotasse auf einem Holztresen vor einem Fenster, durch das man eine sonnenbeschienene Stra\u00dfe und ein altes Haus sieht\" width=\"363\" height=\"484\" class=\"alignnone size-full wp-image-97889\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zu Mittag gab es einen Kanten selbstgebackenes Brot und Mango mit Sojajoghurt.<\/p>\n<p>Der Nachmittag war z\u00e4h, doch ich schaffte Dinge weg (und fand nicht heraus, wie ich f\u00fcr Outlook-Besprechungen Agenda und Protokolle in OneNote bastle, die nicht nur zu meinem pers\u00f6nlichen OneNote f\u00fchren). Au\u00dferdem plagten mich Schw\u00e4che und Schwindel &#8211; wie ich aus meinem Blog wei\u00df, bekomme ich den besonders h\u00e4ufig im Mai.<\/p>\n<p>Nach Feierabend nahm ich eine U-Bahn in die Innenstadt, lie\u00df mir bei einer \u00c4rztin ein Rezept auf die Krankenkassenkarte laden, kaufte ein wenig im Kaufhaus ein und im Drogeriemarkt, kurz vor daheim noch Erdbeeren am Standl.<\/p>\n<p>Ernteanteil war aufgegessen, Herr Kaltmamsell hatte Nachtmahl beim (deutschen) Traditionschinesen Shanghai am Stachus beschlossen. Da gingen wir hin.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240514_09_Shanghai.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240514_09_Shanghai.jpg\" alt=\"Restauranttisch am Fenster im 1. Stock, drau\u00dfen ein Schild &quot;Chiina Restaurant Shanghai&quot;, drinnen am Tisch liest ein Mann die Speisekarte\" width=\"484\" height=\"363\" class=\"alignnone size-full wp-image-97890\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240514_10_Shanghai.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240514_10_Shanghai.jpg\" alt=\"Eine wei\u00dfe Sch\u00fcssel mit gebratenen Auberginenst\u00fccken, rechts davon eine Servierplatte mit Gr\u00fcnem Stengelgem\u00fcse\" width=\"444\" height=\"333\" class=\"alignnone size-full wp-image-97891\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240514_11_Shanghai.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240514_11_Shanghai.jpg\" alt=\"Oben ein wei\u00dfer Teller mit Tofust\u00fcckem in roter Sauce, unten eine Schalte Reis\" width=\"347\" height=\"428\" class=\"alignnone size-full wp-image-97892\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wir teilten uns Wasserspinat mit Knoblauch, Aubergine mit wenig Hack, Mapu Tofu &#8211; sehr sch\u00f6n unterschiedlich und aromatisch.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck daheim gab es noch reichlich Erdbeeren und ein wenig Schokolade.<\/p>\n<p>Im Bett begann ich neue Lekt\u00fcre: Joseph Roth, <i>Hiob<\/i>.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_eribonarbeiterin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_eribonarbeiterin.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"251\" class=\"alignnone size-full wp-image-97690\" \/><\/a><\/p>\n<p>Didier Eribon, Sonja Finck (\u00dcbers.), <i>Eine Arbeiterin<\/i>.<br \/>\nDidier Eribon schreibt \u00fcber die letzte Lebensphase seiner Mutter, der titelgebenden Arbeiterin. Diesmal belustigte es mich beinahe, wie Eribon zutiefst menschliche und zwischenmenschliche Dinge mit den Werkzeugen der Soziologie analysiert (<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2018\/04\/montag-9-april-2018-didier-eribon-tobias-haberkorn-uebers-rueckkehr-nach-reims.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">das tat er ja schon in <i>R\u00fcckkehr nach Reims<\/i>, hier besprochen<\/a>). Zum Beispiel seine Schilderung, wie seine Eltern, die einander nicht ausstehen konnten, all die Jahrzehnte ihrer Ehe ein Bett teilten: Das sei halt durch ihre Zugeh\u00f6rigkeit zur Arbeiterklassen bedingt, in der Alternativen undenkbar gewesen seien. (<del>Purzelchen<\/del>Cherie: Die Alternative ist in praktisch allen Klassen undenkbar.)<\/p>\n<p>Aber auch so bewegte es mich zutiefst, wie seine Mutter am Umzug ins Pflegeheim zerbricht. Ebenso wie Eribon damit hadert, ob das durch einen Umzug in ein offeneres Wohnen f\u00fcr Alte ein paar Jahre zuvor h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen, den seine Mutter im letzten Moment verweigerte. Eribon erkennt, wie m\u00fc\u00dfig diese Frage ist, denn seine Mutter wollte halt einfach nicht.<\/p>\n<p>So vieles l\u00e4uft darauf hinaus, dass Menschen nun mal auch im hohen Alter und mit schwindender Kontrolle \u00fcber ihren K\u00f6rper immer noch eigenverantwortliche und m\u00fcndige Menschen sind. Selbst wenn ihre eigenen Entscheidungen ihnen schaden. So kommt es oft zu tragischen Situationen, in denen nicht abzusehen ist, was gr\u00f6\u00dferen Schaden anrichtet: Der selbstverantwortliche Beschluss, allein in der eigenen Wohnung zu bleiben (auch wenn die Selbstversorgung nicht mal mit externer Pflegehilfe gesichtert werden kann, auch wenn jede Erkrankung, jeder Sturz schwerwiegende Folgen haben kann). Oder der Umzug ins Seniorenheim unter dem noch so liebevollen Druck der Angh\u00f6rigen (&#8220;Es ist besser f\u00fcr dich.&#8221;), der mit Aufgabe der Selbstbestimmung einher geht, mit komplettem Wechsel von Alltag, Kontakten, Gewohnheiten &#8211; dem Verlust der eigenen Welt.<\/p>\n<p>Und dem ultimativen Verlust von Zukunftsaussichten: Ohne Zukunft gibt es kaum ein Konzept von Selbstwirksamkeit, in einem Pflegeheim ist die Zukunft zu Ende.<\/p>\n<blockquote><p>Die Zeit ist stehen geblieben. Es ist kein auf die Zukunft gerichteter Entwurf mehr m\u00f6glich, nicht einmal auf die unmittelbare Zukunft.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wichtig ist in meinen Augen Eribons Hinweis darauf, dass den Pflegeheim-Bewohnenden die M\u00f6glichkeit zur Gruppenbildung, Solidarit\u00e4t, zum Protest gegen das System genommen ist, sollten sie mit den Umst\u00e4nden unzufrieden sein: Immobil und aus dem Bett heraus, ohne selbstbestimmte Kontakte l\u00e4sst sich keine Revolte anzetteln. (Oder m\u00fcssen wir uns auf den ersten \u00fcber WhatsApp organisierten Aufstand der Patient*innen im Pflegeheim gefasst machen?) Eribon schildert, wie seine Mutter ihm und seinen Br\u00fcdern aus dem Pflegeheim-Bett Nachrichten auf den Anrufbeantworter sprach:<\/p>\n<blockquote><p>Meine Mutter weinte und beschwerte sich, aber sie konnte nicht f\u00fcr sich selbst sprechen, konnte sich kein Geh\u00f6r verschaffen, zumindest nicht \u00f6ffentlich. Ihre Klage gelangte nicht aus ihrem Zimmer nach au\u00dfen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Wie sollen alte Menschen, vor allem, wenn sie ihre k\u00f6rperlichen und manchmal auch einen Teil ihrer geistigen F\u00e4higkeiten verloren haben, sich versammeln, sich als Gruppe mobilisieren, sich als &#8220;Wir&#8221; begreifen, und sei es nur, indem sie ihre Interessen an eine Gewerkschaft oder Partei deligieren?<\/p><\/blockquote>\n<p>Und doch stolperte ich \u00fcber die soziologische Analyse der Verbindung Eribons mit seiner Mutter:<\/p>\n<blockquote><p>Man darf die sozialen Beziehungen &#8211; einschlie\u00dflich der sich im Lauf der Zeit ver\u00e4ndernden innerfamili\u00e4ren Beziehungen &#8211; nicht psychologisieren, sondern muss sie im Kontext von Klassenverh\u00e4ltnissen betrachten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mir scheint dieser Satz unvollst\u00e4ndig: Wenn man was erreichen\/erkennen will? Oder es fehlt: Sonst&#8230;<br \/>\nDa ich weder Psychologin bin noch Soziologin, kann ich mir die feuilletonistische Ansicht leisten, dass eine Mischung von beiden Erkl\u00e4rungssystemen den gr\u00f6\u00dften Erkenntnisgewinn verspricht.<br \/>\nKann es sein, dass Eribon seine Trauer soziologisieren m\u00f6chte und dabei herzzerbrechend scheitert?<\/p>\n<p>Doch Eribon kn\u00f6pft sich auch seine eigenen philosophischen Lehrmeister*innen vor (u.a. Sartre) und weist ihnen nach, dass viele ihrer gesellschaftlichen Konzepte, gar Forderungen alte Menschen als Protagonist*innen ausschlie\u00dfen, mit alten Menschen vor Augen einfach nicht mehr funktionieren. Er beschlie\u00dft sein Buch mit einem leidenschaftlichen Appell, greise Menschen nicht zu \u00fcbersehen und denen eine Stimme zu leihen, die sich in ihrer letzten Lebensphase nicht mehr selbst Geh\u00f6r verschaffen k\u00f6nnen. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/fd9f750ca03a48c0ae9fef3792f3773e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder eine gute Nacht, doch wieder endete sie in einer unangenehmen Angstphase. Nochmal Sonnen-Power drau\u00dfen, ich marschierte in kurzen \u00c4rmeln in die Arbeit (eine Jacke w\u00e4re wirklich angenehm gewesen, doch ich war wieder zu faul zum Heimschleppen). 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