{"id":98496,"date":"2024-06-06T08:50:26","date_gmt":"2024-06-06T06:50:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=98496"},"modified":"2024-06-06T09:11:07","modified_gmt":"2024-06-06T07:11:07","slug":"journal-mittwoch-5-juni-2024-elfriede-jelinek-asche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/06\/journal-mittwoch-5-juni-2024-elfriede-jelinek-asche.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch, 5. Juni 2024 &#8211; Elfriede Jelinek, <i>Asche<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Das Weckerklingeln war gestern sehr wenig willkommen, ich freute mich aufs Ausschlafen am Samstag. Und erinnerte mich an die n\u00e4chtliche Krampfattacke: Nach Monaten ohne hatten linker Fu\u00df und linke untere Wade gekrampft, ich hatte mich ein paar Mal in die Vorw\u00e4rtsbeuge dehnen m\u00fcssen, um das wegzukriegen (jede Dehnung an Fu\u00df oder Bein hatte lediglich andere Muskeln in Kr\u00e4mpfe gejagt).<\/p>\n<p>Der Tag wurde sonnig hell, ich musste mich aber aktiv daran erinnern, dass ich jetzt die l\u00e4ngsten Tage im Jahr genie\u00dfen sollte. Diese Hochwassersache schl\u00e4gt mir wirklich aufs Gem\u00fct, irgendwas in mir hat sich noch nicht von der existenziellen Ersch\u00fctterung durch die Pandemie (ja, wir verdr\u00e4ngen das gesunderweise, aber es war wirklich, wirklich schlimm) erholt und l\u00e4sst die Fl\u00fcgel h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Weg in die Arbeit lie\u00df ich die Jacke daheim, um sie bei angek\u00fcndigt warmem Feierabend nicht heimtragen zu m\u00fcssen. Ich fror nicht mal.<\/p>\n<p>Im B\u00fcro geordnete Emsigkeit, der St\u00f6rfaktor Hochwasser war bereits eingeplant.<\/p>\n<p>\u00dcberraschung: Ein richtiger Spam-Anruf auf mein Handy, von D\u00fcsseldorfer Festnetz-Nummer aus (bei den extrem seltenen Anrufen auf mein Handy gehe ich immer erstmal von einem Notfall aus &#8211; oder verw\u00e4hlt). Der Anrufer erz\u00e4hlte mit Schweizer Akzent irgendwas von einer Schweizer Firma, von der er anrufe, irgendwas mit THC. Erst unterbrach ich ihn und erkl\u00e4rte ihm, er m\u00fcsse sich verw\u00e4hlt haben, ich sei eine Privatperson und h\u00e4tte nichts mit diesen Dingen zu tun. Erst als er widersprach, begriff ich den Spam-Charakter des Anrufs, legte auf und sperrte die Nummer. Nun ja: Daf\u00fcr, dass ich meine aktuelle Mobilnummer seit fast 15 Jahren nutze, ist das Spam-Aufkommen nun wirklich gering.<\/p>\n<p>Mittagscappuccino bei Nachbars, die Au\u00dfentemperatur perfekt f\u00fcr Wandern, nicht Baden &#8211; so geh\u00f6rt sich fr\u00fcher Juni.<\/p>\n<p>Emsiges Wegschaffen, dann sp\u00e4tes Mittagessen: Banane, eingeweichtes Muesli mit Joghurt.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher Feierabend, weil ich abends den letzten Theater-Termin dieser Spielzeit hatte. Ich f\u00fchlte mich ein wenig als Kameradenschwein bei meinem vorzeitigen Abgang, weil eigentlich gerade Hochdruck herrscht &#8211; aber meine Aufgaben waren erf\u00fcllt, ich f\u00fchlte mich lediglich verpflichtet, f\u00fcr Notf\u00e4lle parat zu stehen (das kriege ich in diesem Arbeitsleben nicht mehr weg).<\/p>\n<p>Daheim nutzte ich die Zeit f\u00fcr offene Fenster in der Wohnung und Pedik\u00fcre (gna), turnte eine Runde Pilates. Herr Kaltmamsell servierte fr\u00fches Abendessen: Spaghetti mit selbst gemachtem Pesto. Dieses schmeckte intensiv nach frischem Basilikum und ganz anders als jedes gekaufte Pesto &#8211; zu unserer \u00dcberraschung, denn das Resultet der vorhergehenden Versuche war gewesen: Gut, aber auch nicht besser als gutes aus dem Supermarkt.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchlingskleid spazierte ich ein letztes Mal in dieser Spielzeit zu dem Kammerspielen &#8211; um schnell festzustellen, dass ich zu fr\u00fch dran war: Die 19:30 Uhr, die ich mir als Beginn notiert hatte, galten f\u00fcr die Einf\u00fchrung zum St\u00fcck, nicht f\u00fcr die Vorstellung. Das irritierte Verhalten anderer weniger Besucher:innen nahm ich als Beleg: Ich war nicht allein mit diesem Irrtum. Werde aber k\u00fcnftig genauer hinsehen.<\/p>\n<p>Gespielt wurde <a href=\"https:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/de\/programm\/22435-asche\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\"><i>Asche<\/i> von Elfriede Jelinek<\/a> (Urauff\u00fchrung, inszeniert von Falk Richter). Dem Gespr\u00e4ch der Menschen in der Reihe hinter mir vor Beginn, die wohl die Einf\u00fchrung geh\u00f6rt hatten, entnahm ich, dass das St\u00fcck in ihren Augen &#8220;ohne Erkl\u00e4rung nicht zu verstehen&#8221; war, und die Kernaussage &#8220;alles kaputt&#8221;. Na ja, &#8220;verstehen&#8221; ist nicht das, worauf ich bei einem Theaterbesuch aus bin, weil halt Kunstwerk &#8211; mit dem ich etwas anfangen kann oder nicht.<\/p>\n<p>In den folgenden knapp zwei Stunden wurde auch nichts zu verstehen angeboten, keine Geschichte. Sondern durchaus plakative Aussagen um die Themen Zerst\u00f6rung der Erde (vor allem durch Plastikm\u00fcll, der bald bergeweise in Wei\u00df, Orange und Blau auf der B\u00fchne lag) sowie Trauer und Elend nach dem Verlust des liebsten Menschen. Der Text dazu bestand aus Fragmenten, meist impressionistischen, und Zitaten. Er griff immer wieder in die antike Kosmogonie zur\u00fcck, manche Textteile tauchten im Wortlaut immer wieder auf oder wurden mehrfach gesprochen, gleichzeitig von mehreren oder einmal auch versetzt im Kanon wie ein Chorst\u00fcck. Darin aber auch Schabernack wie &#8220;Der einzige Mensch, der f\u00fcr mich z\u00e4hlte, manchmal sogar bis drei.&#8221;<\/p>\n<p>Die Schauspieler:innen agierten in oft wechselnden Kost\u00fcmen und Masken mal explosiv aktionistisch, mal nur Text ins Publikum sprechend, dieses aber immer bis zur Karikatur expressiv spielend &#8211; sie stellten ganz klar keine Individuen dar, sondern waren Platzhalter f\u00fcr menschliches Verhalten (Schauspieler:innen dabei gro\u00dfartig). Ausnahme: Ulrike Willenbacher als nachvollziehbare und ganz eigene Autorinnenfigur, die trocken und realistisch spielte und sprach in ihrer Einsamkeit und Verlorenheit.<\/p>\n<p>Eine zentrale Rolle spielten in der Inszenierung Videoprojektionen auf einen Bildschirm und den B\u00fchnenhintergrund: Computer-generierte Bilder der Realit\u00e4t (derzeit KI genannt) mit ihrer ganzen Fehlerhaftigkeit in der Darstellung. Ich habe einige Bekannte, die genau damit spielen und das Neue und Kreative sehen, davon fasziniert sind &#8211; das eigentliche Vergn\u00fcgen daran haben herauszufinden, was an den Resultaten ihrer Prompts eben <i>nicht<\/i> stimmt, unerwartet ist: Hier war das B\u00fchnenbild (Katrin Hoffmann) einer ganze Theaterinszenierung davon getrieben. Bei mir kam das als Hoffnungsschimmer an: So wie wir Menschheit immer wieder in unserer Kurzsicht Zerst\u00f6rung und Irrsinn schaffen, entstehen ebenso unbeabsichtigt Neuanfang und Auswege.<\/p>\n<p>\u201eWelche Anzahl von Welten nehmen wir an? Wie viele habe allein ich schon verbraucht?\u201c, hei\u00dft es immer wieder im St\u00fcck. Die Inszenierung bewies die schiere Unersch\u00f6pflichkeit vorstellbarer Welten. <\/p>\n<p>Ein durchaus anstrengender Abend (das hatte aber auch mit den wirklich unbequemen Sitzen in den Kammerspielen zu tun &#8211; seit der Wohltat der Volkstheater-Sessel sind sie mir noch bewusster), beim Heimmarsch durch milde Abendluft verschob ich die Verarbeitung auf den n\u00e4chsten Morgen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ich merkte, dass ich eigentlich keine Lust hatte, im Blog auf dieses Interview hinzuweisen, weil: Ist ja eh wurscht, h\u00f6rt ja keiner drauf, Hauptsache Autos. Dann erinnerte ich mich an meinen Vorsatz (soweit ich zu Vors\u00e4tzen in der Lage bin): <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/projekte\/artikel\/kultur\/holocaust-margot-friedlaender-tv-e211744\/?reduced=true\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Man muss es doch wenigstens versuchen.&#8221;<\/a> Hier also das Interview von Lena Rauschecker:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/utopia.de\/zukunftsforscher-keine-deutsche-stadt-braucht-eine-strasse-mit-mehr-als-einer-spur-pro-richtung_688870\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Zukunftsforscher: &#8216;Keine deutsche Stadt braucht eine Stra\u00dfe mit mehr als einer Spur pro Richtung'&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Wie m\u00fcssen deutsche St\u00e4dte aussehen, um Hitze und Hochwasser trotzen zu k\u00f6nnen? Wie bewegen wir uns in einer nachhaltigen Stadt der Zukunft? Welche St\u00e4dte k\u00f6nnen Vorbild sein und wie fangen wir beim Umbau am besten an? Ein Gespr\u00e4ch mit dem renommierten Stadtgeograf und Zukunftsforscher Stefan Carsten.<\/p><\/blockquote>\n<p>via <a href=\"https:\/\/muenchen.social\/@stadtneurotikr\/112564038800090131\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">@stadtneurotikr<\/a><\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/troet.cafe\/@ralphruthe\/112558698491054781\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Voll gemein gegen uns arme Bayern.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/f13f82d7789b49349e744363336cabd7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Weckerklingeln war gestern sehr wenig willkommen, ich freute mich aufs Ausschlafen am Samstag. 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