{"id":99146,"date":"2024-06-28T08:10:38","date_gmt":"2024-06-28T06:10:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=99146"},"modified":"2024-06-28T08:10:38","modified_gmt":"2024-06-28T06:10:38","slug":"journal-donnerstag-27-juni-2024-bachmannpreislesen-tag-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/06\/journal-donnerstag-27-juni-2024-bachmannpreislesen-tag-1.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 27. Juni 2024 &#8211; Bachmannpreislesen, Tag 1"},"content":{"rendered":"<p>Das eine oder andere wendete sich gestern dann doch zum Guten.<\/p>\n<p>Mittelgute Nacht, die missliche Unterkunft, vor allem das fehlende WLAN beunruhigte mich ziemlich. Kurz nach sechs beschloss ich, dass genug war.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_01_Ferienwohnung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_01_Ferienwohnung.jpg\" alt=\"Edelstahl-K\u00fcchenblock, im Vordergrund zwei Herdplatten, auf einer steht eine kleine Cafetera, auf der anderen ein Suppentopf mit ein wenig Milch\" width=\"315\" height=\"396\" class=\"alignnone size-full wp-image-99149\" \/><\/a><\/p>\n<p>Milchkaffee mit mitgebrachter Cafetera &#8211; die Milch bodenbedeckend erhitzt im einzigen verf\u00fcgbaren Topf. Beneiden Sie mich nicht zu fr\u00fch um diesen Urlaubsluxus: An der Sp\u00fcle gibt es kein warmes Wasser.<\/p>\n<p>Wieder \u00fcber Smartphone-Hotspot brachte ich meinen Laptop online und finalisierte Blogtext sowie Fotos. Ich war sehr gefasst darauf, dass es auch in der Dusche kein warmes Wasser geben w\u00fcrde &#8211; doch hier lief es problemlos! Man muss das Gesamtniveau einer Unterkunft nur genug absenken, dann l\u00f6st sowas echte Begeisterung aus. Nach dem Duschen wurde mir auch der Sinn des bereitgestellten Abziehers in einer gemauerten Dusche mit Vorhang klar: Der Abfluss der Duschwanne liegt nicht am tiefsten Punkt, ich musste das Wasser hinschubsen, wenn es nicht stehen sollte.<\/p>\n<p>Durch das fr\u00fche Aufstehen war ich sehr zeitig bereit f\u00fcr den Aufbruch und traf in Milde, aber unter bedecktem Himmel so fr\u00fch am ORF-Theater ein, dass ich einen Sitzplatz im Studio bekam (es ist mir weiterhin das Liebste, live dabei zu sein; ich habe kein Bed\u00fcrfnis, mich bereits w\u00e4hrend des Vorlesens und der Jury-Diskussion dar\u00fcber auszutauschen).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_03_ORF_Studio.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_03_ORF_Studio.jpg\" alt=\"Kleines Fernsehstudio vom Zuschauerbereich aus, unten Tische und St\u00fchle noch unbesetzt, aber ein paar Zuschauerk\u00f6pfe\" width=\"484\" height=\"363\" class=\"alignnone size-full wp-image-99161\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Lesetag startete mit Sarah Elena M\u00fcller und ihrem Text <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3257401\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Wen ich hier seinetwegen vor mir selbst rette&#8221;<\/a>. Ich h\u00f6rte eine recht verr\u00e4tselte Paar-\/Drogen-Geschichte aus Ich-Perspektive mit sprechenden Gegenst\u00e4nden und inneren Stimmen, die zu Personen werden. Nicht so mein Geschmack, auch wenn ich das originelle Element N\u00e4hen mit N\u00e4hmaschine, F\u00e4den, Stoffe sch\u00e4tzte.<\/p>\n<p>Die Jury war sich \u00fcberraschend einig in ihrem positivem Urteil (wie es eigentlich den ganzen Tag \u00fcber keine tiefen Unterschiede in der Einordnungen der Texte gab): <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3080454\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Mara Delius<\/a> sch\u00e4tzte die Schwelle als \u00dcbergangsmarker, mochte viele der Bilder. <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3183750\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Thomas Str\u00e4ssle<\/a> nannte ihn einen &#8220;gro\u00dfartigen Text&#8221; und hob die doppelte Codierung von Stoff und Nadeln hervor. Auf <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3234295\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Laura de Weck<\/a> hatte die Handlung spannend wie ein Thriller gewirkt, <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3045206\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Philipp Tingler<\/a> sah im Vordergrund die Ambivalenz des Sorgens und K\u00fcmmerns, des sich selbst suspekten Inneren und war froh, dass der Text nicht mit einer Leseanweisung komme. <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3185959\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Mithu Sanyal<\/a> freute sich \u00fcber das &#8220;produktive R\u00e4tsel&#8221;, dass viele Fragen offen bleiben, sich Ebenen \u00fcberlagern. <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3045209\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Brigitte Schwens-Harrant<\/a> wies darauf hin, wie sp\u00e4t das &#8220;Ich&#8221; auftauche, dass der Text im Unklaren lasse, wer da locke, suche, wem eigentlich geholfen werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Nur am Schluss bekannte der neue Vorsitzende der Jury, der vertraute <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3046955\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Klaus Kastberger<\/a> (nachdem er den vorherigen Punkten der Jury zugestimmt hatte): &#8220;Ich kann Texte nicht ausstehen, in denen Gegenst\u00e4nde sprechen.&#8221; Das geh\u00f6re f\u00fcr ihn in Kindergeschichten. Ah, <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2021\/03\/journal-freitag-26-maerz-2021-sharon-dodua-otoo-adas-raum-plus-containerschiffhumor.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">geht also nicht nur mir so.<\/a><\/p>\n<p>Zweiter Text des Bewerb-Tages: <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3257389\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Schwestern&#8221; von Ulrike Haidacher<\/a>. Ein Standard beim Bachmannpreislesen: Die Begleitung eines sterbenden alten Menschen. In diesem Fall wird aus der Perspektive der Enkelin erz\u00e4hlt, die zusammen mit ihrer Mutter die letzten Stunden im Sterben der Gro\u00dfmutter erlebt; alle drei, so stellt sich heraus, sind gelernte Krankenpflegerinnen. Aus meiner Sicht sauber erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Sanyal gestand ihr anf\u00e4nglichen Vorbehalte, weil der Text nach einer einfachen Erz\u00e4hlung ausgesehen habe, doch sie entdeckte einen neuen Blick auf Bekanntes: Es werde elegant viel mehr verhandelt (z.B. Grenzen). Kastberger wies darauf hin, dass letzte Momente in Klagenfurt oft thematisiert w\u00fcrden, hier aber in total neuer Weise. Er habe sehr viel gelernt (was ich halt 2018 aus dem <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/gesundheit\/wie-sterben-ablaeuft-ganz-am-ende-1.3032650\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">ausf\u00fchrlichen und epochalen Artikel &#8220;Ganz am Ende&#8221;<\/a> im <i>SZ-Magazin<\/i> \u00fcber die Abl\u00e4ufe beim Sterben schon wusste). Str\u00e4ssle gestand dem Text Zartheit zu, sah darin Konflikte nur angerissen, nicht ausgetragen. Delius fand bemerkenswert, wie hier der Moments des Abschieds sprachlich verhandelt worden sei, Schwens-Harrant hielt es f\u00fcr mutig, wenn sich jemand \u00fcberhaupt der ganz gro\u00dfen Themen wie Tod oder Liebe annehme. Tingler \u00e4u\u00dferte sich ein wenig entt\u00e4uscht, dass nach dem Vorstellungsfilm (Haidacher ist Kabarettistin und hatte von ihrer Begeisterung f\u00fcr B\u00fchnenlautst\u00e4rke gesprochen) ein so vorsichtiger Text gekommen sei. Und er werde seinen beiden Motiven Pflegeberufe und Generationenkonflikt nicht gerecht. De Weck bem\u00e4ngelte, dass alles auserz\u00e4hlt werde, die Sprache nur eine Ebene habe. Sanyal widersprach, aus ihrer Sicht war die Sprache nur scheinbar einfach: Es werde durchgespielt, wie eine einzelne Person mit der Situation umgehe.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3257390\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Von Jurzcok kam als N\u00e4chstes &#8220;Das Katangakreuz&#8221;<\/a>, eine konventionell erz\u00e4hlte Geschichte \u00fcber ein Elternpaar aus der Sicht ihres Sohnes: Der Vater sammelt und bestimmt M\u00fcnzen, doch sobald die Mutter eine Rolle spielt, wird klar, dass es um ihre typische unerz\u00e4hlte Geschichte geht.<\/p>\n<p>Delius hob den scheinbar dr\u00f6gen Einstieg hervor, sah dann Heimatsuche, das Motiv Tausch, den Versuch des Sohns, seinen Vater zu fassen &#8211; doch dann die eigentliche Geschichte der Mutter. Sie fand &#8220;extrem interessant&#8221; mit welchen Mitteln der Text der Geschichte der Frau Raum gab. Raum nahm de Weck auf, ihr fehlte aber die Haltung des Kindes zu diesen Eltern. Sanyal sah die Perspektive des Kindes widergegeben, sah einen \u00fcberm\u00e4chtigen Vater, hinter dem ein zerbrechlicher Mann stehe, fand das elegant gemacht. Auch f\u00fcr Str\u00e4ssle steuerte der Text auf die Mutter zu; er erkannte typisch Schweizer Motive der Enge. Tingler kritisierte, dass viel zu viel expliziert werde, zu ausf\u00fchrlich geschildert, au\u00dferdem sei fragmentarische Erinnerung technisch ein wenig einfach. Schwens-Harrant wies auf Inkonsistenzen der Erz\u00e4hlweise hin: Mal sei es eine Kindersicht, dann wieder eine offensichtlich r\u00fcckblickende. Kastberger fand den Text sprachlich sauber gearbeitet, aber auch, er habe zu wenig Raum gehabt, die vorgegebenen 25 Minuten nicht gut erf\u00fcllt; er w\u00fcnschte sich mehr &#8220;erhellende Momente&#8221; wie die Autofahrt.<\/p>\n<p>Mittagspause. Ich traf eine sehr sp\u00e4t angekommene Erst-Schlachtenbummlerin (die ich schon immer aus dem Internet kenne), die es am Vorabend wegen Bahnversp\u00e4tung aus Berlin nur bis Salzburg geschafft hatte. F\u00fcr meinen Mittagscappuccino ging ich unter \u00fcberraschend blauem Himmel wenige hundert Meter Richtung Innenstadt; beim Zeittotschlagen am Vortag hatte ich die eine oder andere Stelle gesehen, die nach schnellen Cappuccino im Stehen aussah. Bekam einen, der ok schmeckte.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Nachmittag setzte ich mich auf die andere Seite ins Publikum, die beiden anderen Frauen aus dem Internet, die ich kannte, neben mir.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_07_ORF_Studio.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_07_ORF_Studio.jpg\" alt=\"Zuschauerbereich eines kleinen TV-Studios, an der Wand gezeichnete Portraits vor rotem Hintergrund\" width=\"485\" height=\"332\" class=\"alignnone size-full wp-image-99162\" \/><\/a><\/p>\n<p>Studio-Deko sind diesmal Portraits aller Bachmannpreis-Gewinner*innen. Zwei davon kenne ich, Kathrin Passig h\u00e4tte ich ohne Beschriftung allerdings nicht erkannt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_04_ORF_Studio.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_04_ORF_Studio.jpg\" alt=\"Zeichnung eines Frauenkopfs vor rotem Hintergrund, am oberen Rand &quot;2006&quot; unter der Zeichnung &quot;Kathrin Passig&quot;\" width=\"292\" height=\"433\" class=\"alignnone size-full wp-image-99163\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_05_ORF_Studio.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_05_ORF_Studio.jpg\" alt=\"Zeichnung eines M\u00e4nnerkopfs vor rotem Hintergrund, am oberen Rand &quot;2014&quot; unter der Zeichnung &quot;Tex Rubinowitz&quot;\" width=\"327\" height=\"326\" class=\"alignnone size-full wp-image-99164\" srcset=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_05_ORF_Studio.jpg 327w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_05_ORF_Studio-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_05_ORF_Studio-144x144.jpg 144w\" sizes=\"auto, (max-width: 327px) 100vw, 327px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3257410\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Tijan Sila las seinen Text &#8220;Der Tag, an dem meine Mutter verr\u00fcckt wurde&#8221;<\/a>, in dem es genau darum ging: Wie seine Mutter, mit der und seinem Vater er vor &#8220;dem Krieg&#8221; geflohen war, kippt in Verfolgungswahn. Eine bedr\u00fcckende und gleichzeitig lakonische Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Kastberger wies gleich auf die Parallelen zum Text vor der Pause hin. Er lobte, wie hier \u00fcberzeugend auf den Moment des Titels hingearbeitet werde. Hier fand er das 25-Minuten-Format hervorragend genutzt. Sanyal war &#8220;extrem beeindruckt&#8221;, wie hier dar\u00fcber geschrieben werde: &#8220;Der Krieg ist vorbei, aber er ist nicht vorbei.&#8221; Delius nahm sich wieder die Form vor, sah einen autofiktionalen Text mit einzigartiger Erz\u00e4hl\u00f6konomie, de Weck lobte ihn daf\u00fcr, dass die psychische Erkrankung gerade <i>nicht<\/i> analysiert werde, sondern einfach geschildert. Schwens-Harrant mochte den t\u00e4uschenden Charakter des Titels, denn tats\u00e4chlich gehe es um ganz andere Verr\u00fccktheiten und um den Wunsch, alles reparieren zu k\u00f6nnen. Str\u00e4ssler sprach von einem au\u00dferordentlich guten Text, mochte vor allem die darin auftauchenden Gleichnisse. Tingler wiederum lobte die realistsiche Ambivalenz, die den Protagonisten sogar kurz verf\u00fchrt, mit in den Wahnsinn der Eltern einzusteigen. Sanyal wies auf die eingearbeitete Migrationsgeschichte hin. (Kurzer Zank in der Jury, ob die verweigerte Anerkennung der Doktortitel beider Elternteile rassistisch sei oder nicht.)<\/p>\n<p>Der erste Lesetag endete mit <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3257394\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Nylfrance&#8221; von Christine Koschmieder<\/a>. Innerhalb weniger S\u00e4tze waren wir bei einer Frauenfigur in der westdeutschen Nachkriegszeit, die als Unternehmerin das personalisierte Wirtschaftswunder abgab. Mir gefielen Setting und Geschichte, die Zeitmarkierungen (Atrix-Werbung, Vertriebene, Gardinen, Quick) waren mir ein paar zu viel.<\/p>\n<p>Str\u00e4ssler mochte die Generalmetapher des Titels und das historische Kolorit, kritisierte aber die Figur des Ehemanns Harry als adrettes Abziehbild; die Hauptfigur habe eine besseren Gegenspieler verdient. Sanyal begeisterte sich an der sinnlich nachvollziehbaren Zeitkapsel, sah Harry im Gegenteil als eben besondere Figur, die kein Krieger sein wolle. Sie unterstrich die Geschichte, die eben nicht die eigene sei. Kastberger fand sie handwerklich hervorragend gemacht und faktisch gut hinterlegt, erinnerte daran, dass die 50er und 60er heute ja gerne eine Patina der Fr\u00f6hlichkeit bek\u00e4men. Tingler mochte vor allem den Anfang und wie er einen Bogen zum Ende spanne, fand sie aber manchmal zu konventionell. (Ich war fast erschrocken, dass ich Tingler gestern in fast allem zustimmte. Ist er kaputt oder bin ich es?) Schwens-Harrant lobte die Ambivalenz der Frauenfigur und dass sie nicht gewertet werde, unterstrich die &#8220;Verformungsbereitschaft&#8221; als Motiv f\u00fcr Charakter, Deutschland, Gesellschaft. Auch de Weck fand gut, dass die Frau hier nicht als Opfer der M\u00e4nnergesellschaft geschildert werde, sondern vielschichtig und mit durchaus dunklen Stellen. Delius verwendete f\u00fcr die Stimmung des Textes den Begriff &#8220;BRD noir&#8221;. Nicht erkl\u00e4ren konnte sich die Jury, warum die Hauptfigur nun ihren Mann verlie\u00df.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen regnete es inzwischen; ich stellte mich unter und fr\u00fchst\u00fcckte um drei meinen mitgebrachten Pumpernickel mit Frischk\u00e4se. In den letzten Tropfen spazierte ich zur Ferienwohnung. Schon vormittags hatte mich eine Nachricht der Vermieterin erreicht: Sie schickte mir Zugangsdaten zu einem anderen WLAN. Beim Eintreffen in meinem Zimmer konnte ich verifizieren: Das klappte, hurra.<\/p>\n<p>Also verbloggte ich den Lesetag, hatte aber bis zur Abendessensverabredung (weil ja kein B\u00fcrgermeisterempfang auf Maria Loretto, buhuhu!) noch reichlich Zeit zum Zeitunglesen.<\/p>\n<p>Mit meiner Verabredung ging ich dann ein Lokal suchen, das ihrer Lust auf Lamm entgegen kam. Den Tipp daf\u00fcr bekamen wir vom Wirt einer Osteria: Als wir vor der Tafel seiner Tageskarte standen, wies er darauf hin, dass er noch viele weitere Gerichte biete. Ich fragte nach Lamm: Das hatte er nicht, beriet sich aber mit einer Kollegin &#8211; und schickte uns zum Restaurant Oscar inklusive detaillierter Wegbeschreibung, ganz bezaubernd. Wir gingen ein paar Minuten unter vielstimmigem Mauersegler-Schrillen, und mir fiel wie heuer immer wieder auf, wie viele vielspurige Stra\u00dfen man in Klagenfurt st\u00e4ndig kreuzt: Die Stadt ist so deutlich auf Autoverkehr ausgerichtet wie kaum eine.<\/p>\n<p>Am <a href=\"https:\/\/oscar-restaurant.at\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">empfohlenen Restaurant Oscar<\/a> setzten wir uns auf die Au\u00dfenterrasse und a\u00dfen ganz ausgezeichnet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_12_Oscar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_12_Oscar.jpg\" alt=\"Wei\u00df gedeckter Restauranttisch, darauf zwei wei\u00dfe tiefe Teller, darin gr\u00fcner Salat mit hellen W\u00fcrfelchen und ein Ei in einer Kruste, au\u00dferdem Bestecl, eine kleine Etagere, ein Rotweinglas\" width=\"349\" height=\"371\" class=\"alignnone size-full wp-image-99170\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wir begannen beide mit dem Vogerlsalat, Speck, Kartoffeln, K\u00fcrbiskern, Landei: Hervorragend, das Ei in einer Br\u00f6sel-Kr\u00e4uter-Kruste gebacken. Davor hatte es schon frische Semmerl mit Butter und Salami gegeben. Dazu lie\u00df ich mir einen Blaufr\u00e4nkisch aus dem Burgenland einschenken, hervorragend.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_13_Oscar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240627_13_Oscar.jpg\" alt=\"Gedeckter Restauranttisch, im Vordergrund ein Teller mit einer Fleischrolle auf Salat, im Hintergrund eine Fleischspeise mit dunkler Sauce\" width=\"333\" height=\"444\" class=\"alignnone size-full wp-image-99184\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gegen\u00fcber wurde mit Genuss das ersehnte Lamm gegessen, ich hatte mich f\u00fcr das Ochsen-Paillard auf ger\u00fchrter wei\u00dfer Polenta entschieden, ebenfalls ausgezeichnet &#8211; ein weiteres Achtel Blaufr\u00e4nkisch dazu. Die Begleitung bestellte noch Topfenkn\u00f6del zum Dessert und Digestiv. Ich freute mich \u00fcber diese Restaurant-Entdeckung f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Sp\u00e4t, es war schon ganz dunkel, spazierten wir in wenig n\u00e4chtlicher Frische in unsere respektiven Unterk\u00fcnfte.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<blockquote><p>Sterben kann nicht so schlimm sein, sonst dadn&#8217;s net so viele machn.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist nicht aus dem Text von Haidacher, sondern vom wunderbaren Fredl Fesl. <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/kulturszene-trauert-um-fredl-fesl-ein-echter-bayerischer-held,UGskA7u\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Der jetzt gestorben ist.<\/a> Er fehlt.<br \/>\n(Eine Bemerkung auf Mastodon erinnerte mich daran, dass die allererste Kassette in meiner Familie <a href=\"https:\/\/www.fredl-fesl.de\/discography.php\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">mit seiner ersten LP<\/a> bespielt war und entsprechend oft geh\u00f6rt wurde. &#8220;F\u00fcr Geld, da kann man Vieles kaufen, auch Leute, die dem Ball nachlaufen.&#8221;) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/2391bd0347f44e41bb0f1464e51bd143\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das eine oder andere wendete sich gestern dann doch zum Guten. 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