
(1982. Ich habe den Herrn rechts lieber mal anonymisiert; ich wette, er schaut heute noch genau so aus und wäre wiedererkennbar.)
Wie so viele Religionsgegner habe ich eine religiöse Vergangenheit. Und zwar ziemlich aktiv. Das Foto oben zeigt mich bei einer dieser Aktivitäten: Im Alter von 15 bis 17 tingelte ich sonntags mit einer Kirchenklampfenband über vor allem fränkische Dörfer und machte Musik. Dauerhafte Folge: Ich kenne mich in der katholischen Liturgie aus (das Drehbuch für katholische Zeremonien). Und ich kriege Krampfanfälle beim Erklingen ökumenischer Gassenhauer wie „Ins Wasser fällt ein Stein“ oder „Liebe ist nicht nur ein Wort“ (Sie kennen Michael Mittermeiers „Kumbaya“-Nummer?).
Im Nachhinein weiß ich ja auch nicht so recht, wie ich da mit 15 reingeraten bin. Einflussfaktoren, die mir einfallen:
– Ich war bei den Pfadfindern meiner Pfarrei, und der Bassist sowie der Gitarrist der Band waren Pfadfinder eines befreundeten Stammes – doch, das heißt so.
– Der Leiter der Band war Pater bei den örtlichen Redemptoristen und Religionslehrer in meiner Schule. Seinem Kloster war ein Internat angeschlossen, in dem regelmäßig Besinnungstage für Jugendliche stattfanden, an denen wiederum ich mit Freundinnen teilnahm. Außerdem rekrutierte die Band aus dem Internat den Schlagzeuger, einen hin-und-wieder Saxofonisten sowie die Knabenschola.
– Ich war in den Keyboarder verliebt, der zwei Klassen höher in dieselbe Schule wie ich ging (nicht der Herr auf dem Foto links; das ist mein damaliger Griechisch-Nachhilfelehrer).
– Der Redemptoristenpater hatte mich als Querflötistin und Sängerin hinzugebeten.
– Für meine superbehüteten Ohren klangen „Bandprobe“ und sonntägliche Fahrten auf die Dörfer nach verlockenden Abenteuern. (Nie vergessen: I was born uncool.)
Mit unserer Musik mischten wir kleine Landgemeinden auf, viele davon im diasporischen, weil überwiegend evangelischen Franken. In den meisten waren bis in die 80er Jahre noch nie Jugendgottesdienste gehalten worden. Wir spielten immer zur besten Sendezeit, sprich vormittags zur Sonntagsmesse. In meiner Erinnerung waren diese Kirchen allesamt barock, unbeheizt und eine akustische Katastrophe. „Nicht zu laut!“ war der wichtigste Hinweis des Pfarrers, weswegen das Schlagzeug ausschließlich mit Besen bedient wurde. Im Anschluss luden uns entweder der Pfarrer oder Gemeindemitglieder zum Mittagessen ein; es gab immer Schweinsbraten mit Glöß (fränkisch für „Knödel“).
Doch erst mal mussten wir ja in die zu beschallenden Gemeinde kommen. Da keiner von uns Musikanten ein Auto hatte, fuhren wir gemeinsam im VW-Bus des Internats, der Pater am Steuer. Der Mann hatte möglicherweise seinen Führerschein in der Weihnachtslotterie des Vatikans gewonnen, fuhr auf jeden Fall wie eine gesengte Wildsau. Eine Mitfahrt auf dem vorderen Mittelsitz war eine echte Mutprobe: Da ein VW-Bus keine Motorhaube hat, sah man der Stoßstange des Vorderwagens, der knapp verpassten Hauswand, der Leitplanke, kurz: dem Tod direkt ins Auge. Zudem betete der Pater gerne mit uns weiteren Insassen während der Fahrt Rosenkranz oder hob zu singen an, die meiste Zeit mit Blick nach hinten, um seinen Mitfahrern herzerfrischend und beseelt zuzulächeln. Ich hatte auf jeder Fahrt die Vision einer himmlischen GSG9 aus gepanzerten Engeln, die losgeschickt wurde, sobald sich der VW-Bus in Bewegung setzte. Anders konnte ich mir nicht erklären, dass der Pater nie verunfallte.
In der Gastkirche angekommen, bauten wir zusammen „die Anlage“ auf; Strom gab’s meistens aus der Sakristei (der Umkleide). Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich meine Begabung, über Kabel zu stolpern, selbst wenn ich sie selbst gezogen hatte. Was schlecht war, denn diese Kabel waren teuer. Als mein Vater, Elektriker und damit Kabel-Heavy-User, erfuhr, wie viel diese Anlagenkabel kosteten, war er sicher, dass man uns über den Tisch zog. Er ließ sich von mir eines mitbringen, besorgte meterweise Billigkabel sowie Stecker und baute uns welche nach. In der darauf folgenden Jugendmesse, ich glaube im idyllischen Roßtal, lernten wir dann alle, warum die Kabel sonst so teuer waren: Die handgemachten spielten uns Radiosender auf unsere Verstärker. Wir traten an diesem Sonntag lieber unplugged auf (und wussten noch nicht mal, dass das so hieß).
Ein paar Mal nahm mich der Pater auch einzeln zu so genannten Besinnungsabenden in irgendwelche entlegenen Gemeindehäuser mit, bei denen ich ihn und seine Wandergitarre mit Flöte und Stimme unterstützte. Wenn ich mich recht erinnere, versuchte ich ihn auf einer dieser Fahrten zu einer Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau in der katholischen Kirche zu bringen. Doch bereits meine Beobachtung, dass den Frauen in der Kirche nur die Drecksjobs überlassen würden und keine in irgend einer Weise entscheidende Position, brachte ihn derart aus der Fassung, dass ich es bleiben ließ.
Mein Engagement in Sachen Happy Clappy tröpfelte aus, als ich zum einen aufs Abitur zusteuerte, zum anderen Mitglied eines sehr rührigen Jugendchores wurde.
(„Mehr Respekt vor Gott“, hörte ich Dr. Joseph Ratzinger am Sonntag in der TV-Berichterstattung fordern, als ich nicht flink genug wegschaltete. Diese Forderung ist zwar genau sein Job, aber: Wie bitte? Den Herren, die am 11.9.2001 fast 3000 Menschen im World Trade Center ermordeten, fehlte es sicher nicht am Respekt vor Gott. Auch nicht den IRA-Bombern, den Bahn-Attentätern vor zwei Jahren in Madrid, der italienischen Mafia oder George W. Bush. Vielleicht muss man ja wie ich ungläubig sein, um in erster Linie mehr Respekt vor den Menschen einzufordern?)