Journal Sonntag, 4. Dezember 2022 – Neblig trüb

Montag, 5. Dezember 2022 um 6:21

“Neblig trüb” – der Standard-Wettervorhersagenausdruck wurde genau für das gestrige Münchenwetter geprägt.

Erfrischt und munter früh aufgewacht. Nach Morgenkaffee und noch vor Veröffentlichung des Blogposts arbeitete ich an der nächsten Runde Thüringer Weihnachtsstollen weiter.

Um halb elf war ich damit fertig und konnte raus zu meiner Laufrunde. Diesmal war ich wirklich überrascht, wie gut das lockere Traben tat: Bei diesem Wetter hatte ich keine Wirkung erwartet und freute mich umso mehr, dass sich schon nach zehn Minuten die Düsternis über meinem Gemüt lichtete, dass ich leicht und gelassen wurde.

Und das trotz der ärgerlichen Anfahrt per U-Bahn. Da ich die wochenendlichen Behinderung wegen des Umbaus Sendlinger Tor inzwischen kenne, guckte ich extra in der MVG-App nach, wie sie heute aussehen würden: Kaum, es wurden Verbindungen nach Thalkirchen ohne Umsteigen angezeigt – zwar nur alle 20 Minuten, aber das konnte ich ja einrichten. Doch als ich mit abgestempelter Streifenkarte pünktlich am U-Bahn-Gleis stand, lautete die Anzeige: “Pendelverkehr zwischen Odeonsplatz und Goetheplatz alle 15 Minuten”. Statt ungewiss lange zu warten, joggte ich, bereits leicht vergnatzt, zum Goetheplatz.

Auf die Rückfahrt musste ich 15 Minuten warten, auch hier stimmten die Abfahrtzeiten der App nicht, ich begann vom Sport verschwitzt zu frösteln. Hätte ich diese Informationen vorher gehabt, wäre meine Wahl sicher auf eine andere Laufstrecke gefallen. Eine, bei der nicht 1:40 Stunden Lauf netto einen Ausflug von fast drei Stunden brutto nach sich zogen.

Denn das ist mittlerweile der Hauptgrund, aus dem ich so lange Strecken laufe. In San Sebastián merkte ich, wie viel besser es mir tut, öfter, dafür aber nur eine gute Stunde zu laufen: Ich hatte danach praktisch keine Beschwerden – konnte aber halt fast gleich von der Haustür aus loslaufen. Doch wenn zu meiner Strecke eine halbe Stunde Anreise gehört, soll sie sich auch lohnen: Ich laufe mindestens anderthalb Stunden, bezahle dafür mit ein bis zwei Tagen (mittleren bis leichten) Schmerzen in der Achillessehne und/oder Oberschenkelrückseite und im Kreuz.

Zum Frühstück um halb drei (Semmeln hatte ich in Thalkirchen gekauft) musste ich bereits wieder das Licht anschalten: Es gab zwei Semmeln mit Marmelade, zwei Orangen.

Kristine Bilkau, Nebenan ausgelesen. Das Buch gefiel mir anfangs erleichternd gut, mich interessierte das norddeutsche Einfamilienhausleben, die Personen darin kamen mir nah. Dann allerdings dominierte das Thema Fortpflanzungswunsch immer mehr, entwickelte sich zum Thema unerfüllter Fortpflanzungswunsch – und ich musste wieder an die vielen Menschen denken, die sich nicht für Essen interessieren und wie sie sich anstrengen müssen, die ständigen Fotos von Mahlzeiten und Lebensmitteln aus ihren Internet-Kanälen zu filten, weil sie mit diesen halt wirklich, wirklich, wirklich nichts anfangen können. Im letzten Viertel kriegte mich der Roman aber wieder, die Autorin merke ich mir. Unter anderem begrüßte ich sehr, dass fast alle angefangenen Erzählfäden (verschwundene Nachbarsfamilie, Fortpflanzung, immer gebrechlichere alte Tante, anonyme Drohbriefe) offen blieben.

Ich hätte Lust auf eine Runde Yoga gehabt, doch einige Stellen meines Körpers (siehe oben) signalisierten mir: Besser nicht. (Vielleicht verstehe ich meinen Körper irgendwann doch noch.)

Zum Nachtmahl wurde ich wieder luxusverwöhnt: Herr Kaltmamsell servierte Boeuf Bourguignon nach dem durch und durch durchdachten Rezept von Astrid Paul (das ich ihm unauffällig über Twitter-DM zugesteckt hatte). Der Herr hatte sich nahezu sklavisch an die Vorgaben gehalten, ich durfte den burgundischen Kochwein probieren – Pinot noir mag ich wirklich.

Das Ergebnis schmeckte mir ausgezeichnet. Dazu gab es ein Glas Lemberger, Nachtisch Schokolade. Dann stolperten wir im Fernsehen auch noch über den Film Last Christmas, sehr schön zum Nebenher-Laufenlassen.

§

Ellen Barry in der New York Times zu neuer Forschung über zwanghaftes Lügen. Mit einem Protagonisten, der die Flucht nach vorn angetreten hat, um nicht im Suizid zu enden.
“Can This Man Stop Lying?”

Psychiatry, they argue, has long misidentified this subset of patients. Rather than “dark, exploitative, calculating monsters,” they argue, pathological liars are “often suffering from their own behavior and unable to change on their own.”

(…)

These liars were, as a whole, needy and eager for social approval. When their lies were discovered, they lost friends or jobs, which was painful. One thing they did not have, for the most part, was criminal history or legal problems. On the contrary, many were plagued by guilt and remorse. “I know my lying is toxic, and I am trying to get help,” one said.

(…)

This was a common observation among researchers who have spent time with prolific liars: That it was difficult to build functioning relationships.

“You can’t trust them, but you find yourself getting sucked into trusting them because, otherwise, you can’t talk to them,” said Timothy R. Levine, a professor at the University of Alabama Birmingham who has published widely on deception.

“Once you can’t take people at their word, communication loses all its functionality, and you get stuck in this horrible place,” he said. “It puts you in this untenable situation.”

(…)

This fall, Mr. Massimine made his first tentative re-entry into the public eye, publishing a column in Newsweek that attempted to explain his lying.

“As part of my diagnosis, when I am in mental distress, I create fabrications to help build myself up, since that self-esteem by itself doesn’t exist,” he wrote. “I compensated in the only way I knew how to: I created my own reality, and eventually that spilled into my work.”

(…)

The diagnosis will not resolve this problem. For much of recorded history, lying has been counted among the gravest of human acts.

This is not because of the damage done by particular lies, but because of what lying does to relationships. To depend on a liar sets you on queasy, uncertain ground, like putting weight on an ankle you know is broken.

via @katzentratschen

§

Praxishilfe von den Öffentlich Rechtlichen:
“Klatschen im klassischen Konzert – so geht’s”.

via @Croco

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 3. Dezember 2022 – Augsburg-Ausflug zu Familien-Mittag

Sonntag, 4. Dezember 2022 um 8:36

Nach gutem Schlaf um sechs aufgewacht, nach Klogang energisch wieder ins Bett gelegt. Doch statt Schlaf kamen Sorgen und Ängste, ich stand lieber ins Wache auf.

Gemütlicher Morgen, doch erst um neun wurde es langsam hell genug für Lichtausschalten. Vor dem Ausflug zur Augsburger Familie wäre noch Zeit für eine Laufrunde gewesen, doch das Draußen lockte mich nicht. Statt dessen sportelte ich eine inzwischen seltene Runde Hanteltraining, Rumpfstärkung mit Fitnessblender. Ich kam ganz schön ins Schwitzen: Auch wenn ich kein Problem mit Durchhalten hatte, war das schon eine andere Nummer als Yoga – diese Einheit war mir in der Vergangenheit schon mal einfacher gefallen.

Corona-Selbsttest wie vor allen Geselligkeiten – ich möchte der Verwandtschaft nichts unfreiwillig anhängen.

Ein Zug um halb zwölf brachte uns nach Augsburg – wo die Dezember-Düsternis auch noch neblig war. Die lieben Schwiegers luden Herrn Kaltmamsell und mich zum Mittagessen ins Traditionsgasthaus Settele.

Ich hatte die Entenbrust mit Wintergemüse und Serviettenknödel, war sehr zufrieden.

Bei Schwiegers daheim gab es noch Espresso und Plätzchen, wir wurden zudem mit einer Kiste Weihnachtsplätzchen und dem legendären Quittengelee ausgestattet. Außerdem Austausch von Neuigkeiten und bislang unbekannten Details zu alten Geschichten.

Auf den Zug nach Hause warteten wir am Bahnhof Augsburg Haustetter Straße ungeplant deutlich länger als eine halbe Stunde: Streckensperrung wegen “Personen im Gleis”, gegen Idioten hilft keine noch so gute Organisiertheit.

Daheim in München hatte ich Lust auf noch ein wenig Yoga. Das weniger anstrengend ausgefallen wäre, hätte diese Runde nicht ausgerechnet die anstrengenden Übungen für die seitlichen Bauchmuskeln wiederholt (Seitstütz, Bankstütz mit abwechselndem Knie-Anziehen), aus denen die Kraftrunde am Morgen bestanden hatte.

Zum Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell nochmal richtig auf: Es gab die Sellerie-Knolle aus Ernteanteil mit asiatischer Barbecue-Kruste, dazu Pakchoi aus Ernteanteil mit Scharf aus der Pfanne. Beides sehr gut. Als Nachtisch eine Orange und nochmal ordentlich Plätzchen.

Aus dem Maschinenraum: Ich habe das Blog-Heinzelmännchen gebeten, die Schrift der Blogposts ein wenig zu vergrößern. Als ich mich dabei ertappte, wie ich die Schrift beim Lesen des eigenen Blogs im Browser vergrößerte (bei gedrückter Mouse-Taste über Scroll-Rädchen), nahm ich an, dass nicht nur ich dieses Bedürfnis haben würde.

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Kurt Kister schreibt in seinem Abonnenten-Newsletter, der seit zwei Wochen auch in der Süddeutschen erscheint, über die aktuelle und doch ewig gleiche Diskussion zur Einbürgerung von Nicht-Deutschen (€):
“In diesem mühsamen Nirgends”.

Ich denke mir, dass es nicht schlecht wäre, wieder einmal, immer wieder darüber nachzusinnen, was „Staatsangehörigkeit“ heute bedeutet. Ja, Deutschland ist ein Einwanderungsland. Und nein, das Blut bestimmt nicht, wer oder was deutsch ist. Aber bei der Innenministerin und dem Kanzler klingt es so, als gehe es eigentlich um kaum viel mehr als um die Zugehörigkeit zur Firma Deutschland, weil man ja Arbeitskräfte braucht und die sich, sagt Scholz, am besten über die Arbeit integrieren. Ist Deutschland also eigentlich nur so etwas wie ein noch größerer Siemens-Konzern und sind Deutsche, vielleicht ein paar Ebenen höher oder seitwärts, so was wie Siemensianer?

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Stephan Noller wiederum macht sich nachvollziehenswerte Gedanken über die politische Vermittlung von Realität, vor allem wenn sie unangenehm oder unsicher ist.
“Der Deal stimmt nicht mehr”.

Warum sind die Leute so fasziniert von Habeck? Weil er einen fundamental neuen Politik-Stil probiert, der vor allem durch eines geprägt ist: das Bemühen um Wahrhaftigkeit. Will damit nicht sagen, dass PolitikerInnen lügen – keinesfalls. Aber es ist schon so, dass sich in den letzten 50 Jahren da auch so eine Art Deal etabliert hat, der sich bis ins Reden der PolitikerInnen reingezogen hat. Bestimmte Dinge sagen wir nicht, machen wir aber trotzdem. Andere Dinge sagen wir, machen wir aber eh nicht. Und überhaupt ist vieles, was wir tun zu komplex für Euch, da simulieren wir vielleicht ein bisschen Diskurs aber dann ist auch gut. Zu den Dingen, die z.B. nicht gesagt wurden gehörte die unglaubliche Abhängigkeit unseres wundersamen Wohlstands-Wachstums von ein paar dreckigen Faktoren wie billiges russisches Gas, gnadenloses Ausschlachten von Absatzmärkten, ekelhafter Niedriglohnsektor usw. – wir haben alle heimlich unserer Frieden damit gemacht, weil es war ja alles irgendwie gut.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 2. Dezember 2022 – Erb-Stellvertretung für Tischwäsche

Samstag, 3. Dezember 2022 um 7:55

Ein weiterer dunkelgrauer Dezembertag. Gedämpfte Freitagsfreude: Am Montag geht’s ja weiter.

Verfrorene Büroarbeit in Langarm-Shirt unter Wollpullover, Wolltuch um die Schultern, dennoch mit hell-lila Fingernägeln. In meiner 80er-Jahr-Jugend waren Fingerhandschuhe mit halben Fingern ein beliebtes Styling-Element. Ob ich das wiederaufnehme? Nachmittags schlüpfte ich zusätzlich in meine Büro-Notstrickjacke, dann war’s mir endlich warm

Gegen elf wurde es kurzzeitig so hell draußen, dass ich das Deckenlicht ausschaltete. Hielt aber nicht mal eine Stunde an.

Vormittag mit viel Datenbank-Kram und einer Katastrophen-Minimierung, die durch eine menschliche Fehleinschätzung nötig geworden war.

Mittagessen Apfel, Pumpernickel mt Butter, Orangen.

Nachmittags setzte auch noch Regen ein, es war richtig supergreislich. Bei Feierabend nieselte es aber nur wenig, ich kam ohne Schirm nach Hause. Und zu meiner Erleichterung setzte sogar echte Wochenendefreude ein.

Zu Hause gab es Prosecco mit selbstgemachtem Waldmeistersirup aus dem Frühsommer, der richtig intensiv nach frischem Waldmeister schmeckte. Als Nachtmahl stellte Herr Kaltmamsell einen plato combinado zusammen:

Ruccola und Bratkartoffeln aus Ernteanteil, dazu Spiegelei (warum auch nicht?), und wir teilten uns ein Entrecôte. Nachtisch viel Schokolade und Weihnachtsgebäck.

Abendunterhaltung war auf Tele5 Die Hexen von Eastwick: Ich hatte den Film seinerzeit sehr geliebt, die Musik kann ich dank oftmaligem Hören auswendig. So richtig gut gealtert ist er allerdings nicht. Als in einer Eingangszene mal wieder behauptet wird, Freundinnen unterhielten sich bei Treffen vor allem über Männer, schlug ich Drehbuchautor und Vorlage nach: Michael Cristofer und John Updike, wenig überraschend zwei Männer.

§

Ein Erbe durchzubringen kann ja verschieden aussehen. Ich habe das Glück, dass eine meiner ältesten Web-Bekanntschaften, noch aus der Blog-Phase, ihres mit mir teilt, nämlich die Weißwäsche aus Familienerbe.

Sie hatte auf meine Frage reagiert, wo man in der Münchner Innenstadt am besten Tischdecken bekommt: Ob ich Interesse an Stücken aus dem Überseekoffer voller Weißwäsche hätte, an den sie aus familiärem Nachlass gekommen sei und für die sie keine Verwendung habe? Oh ja, hatte ich mit großer Dankbarkeit: Schon als Studentin hatte ich Tischdecken aus dem Erbe der Vorfahren von Mamas Freundinnen gerettet und damit eingedeckt – nur dass die für unseren jetzigen Tisch zu klein sind.

Das Paket war schon am Mittwoch eingetroffen, doch ich wollte auf einen ruhigen Moment zum Auspacken warten. Was eine gute Idee war, denn ich war völlig überwältigt.

Die Schenkerin hatte sogar noch ganze Stapel Servietten und Geschirrtücher beigelegt: Monogrammierte Geschirrtücher? How posh does it get?! Sie konnte mir sogar ein Foto von der prächtigen Hochzeit zeigen, zu der diese Aussteuer gehörte, der Bräutigam in Frack und mit Zylinder.

Webmuster in Elfenbein sind so ziemlich das Edelste, was ich mir an Tischwäsche vorstellen kann – und diese floralen Muster gefallen mir ausgezeichnet. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich dieses Erbe antreten darf. Die Tischdecken haben ein paar Gilb-Flecken; für die suche ich mir eine Wäscherei mit Heißmangel, im deutschen Zentrum der Poshizität München wird es ja wohl sowas geben (die Tischdecken tragen sogar noch alte Wäschemarken).

§

Anklicken auf eigene Ohrwurm-Gefahr.

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https://youtu.be/QTXyXuqfBLA

Brian Jay Jones hat herausgefunden, woher diese Musik urspünglich war und wie Jim Henson sehr wahrscheinlich darauf stieß.

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Jetzt bin auch ich an der Live-Kamera einer Wasserstelle in der namibischen Wüste hängen geblieben (nachdem ich gestern bei Christian las, dass er sie seit zehn Jahren als Startseite hat).

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https://www.youtube.com/watch?v=ydYDqZQpim8

Als ich gestern draufklickte, stand eine Herde Oryx-Anthilopen drumrum, von der ein Tier gerade trank. Von rechts kam ein Strauß ins Bild, spreizte seine Flügel und stolperte über die eigenen Füße.

Kurz darauf sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Strauße trinken: Runterbeugen, zwei bis drei Mal mit offenem Schnabel Wasser anschaufeln, Hals aufrichten (ich nehme an um zu schlucken).

INTERNET IST TOLL!

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 1. Dezember 2022 – Dunkelgraue Geselligkeit

Freitag, 2. Dezember 2022 um 6:07

Obwohl ich mich mit nichts beeilte, kam ich gestern besonders früh von daheim los. Fußmarsch in die Arbeit unter Dunkelgrau, das den ganzen Tag nicht richtig hell wurde, selbst ohne Regen.

Zackiger Arbeitsvormittag, wenig Spaß dabei. Zeit der weihnachtlichen Teambuildings und sonstigen beruflichen Kuscheleien, in den Gängen und Büros herrschte viel Betrieb.

Mein Mittagessen fand aushäusig als Team zu sechst statt.1 In dem rustikalen italienischen Lokal, das ich wegen seiner interessanten Speisekarte und der herzlichen Wirtsleute wirklich mal entspannt und abends ausgiebig besuchen möchte, aß ich ein Salätchen und Brennnessel-Gnocchi von der Tages-Tafel – waren gut, aber weniger spannend, als ich sie mir vorgestellt hatte.

Zackiger Arbeitsnachmittag, so geht Geldverdienen halt (das Novembergehalt hatte das Weihnachtsgeld mitgebracht). Ich spürte den inneren Dezember aufziehen.

Nach Feierabend mit der U-Bahn zum Odeonsplatz, Adventeinkäufe in einer nicht allzu übervölkerten Innenstadt.

Stimmung weiterhin dunkelgrau. Daheim schickte ich Herrn Kaltmamsell vorsichtshalber in sein Zimmer, räumte erst mal für mich und vor mich hin, turnte eine Runde Yoga. Eigentlich hatte ich keine Lust irgendwas zu müssen, und allein hätte ich einfach Käse und Orangen gegessen. Aber ich bin nicht allein, es gab Ernteanteil, also richtete ich aus dem Asiasalat und aus vorhandenem Käse für uns beide Abendessen an, schälte mir zwei Crowdfarming-Orangen dazu. Nachtisch Schokolade.

Seit ein paar Tagen haben wir Spaß mit unseren Rauchmeldern. Bereits am Wochenende hörte ich in unserem Wohnhaus entfernt Piepsen, hielt es zunächst für einen minder wichtigen Alarm des Aufzugs, den ich nie benutze. Doch Sonntagabend piepste es plötzlich auch ganz nah: Wir identifizierten den Rauchmelder vor der Bibliothek. Herr Kaltmamsell kramte die Gebrauchsanweisung hervor, wir fanden für dieses Piepsen und Blinken: “Ursache: Störung/Batterie schwach”, stellten es durch Drücken der angegebenen “Testtaste” ab. Nur dass der Rauchmelder 24 Stunden später wieder zu piepsen begann – wieder brachten wir ihn durch die Testtaste zum Schweigen. Wieder hielt das nur 24 Stunden. Herr Kaltmamsell setzte sich mit den Vermietern in Verbindung, gestern wurde der Rauchmelder ersetzt. Jetzt piepst es wieder nur noch in anderen Wohnungen.

  1. Zur Erinnerung: Mein Problem ist nicht, dass ich berufliche Geselligkeiten nicht mag; ich mag mich auf beruflichen Geselligkeiten nicht, bis zur Unerträglichkeit. []
die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 30. November 2022 – #Lindwurmessen mit Vorstadtahnungen

Donnerstag, 1. Dezember 2022 um 6:10

Wecker 20 Minuten später, den ich hatte ja bereits am Vorabend geduscht und körpergepflegt.

Aufwändige Inbetriebnahme des neuen Wintermantels. Ich hoffe, ich habe alle zugenähten Falten und Taschen erwischt.

Fußmarsch in die Arbeit unter bleigrauem Himmel, der es gestern höchstens bis Silber schaffte. Zumindest blieb ich trocken, doch die Sonnenschein-freie Düsternis soll sich laut Vorhersagen bis nach dem Wochenende halten. Das Wetter möchte uns die kürzesten Tage des Jahres schmackhaft machen: Gibt eh nix zu sehen.

Ich holte mir trotzdem ein wenig vom vorhandenen Tageslicht und ging mittags raus auf einen Cappuccino, diesmal testete ich das Café Notting Hill im Theresie-Block, ehemals San Francisco Coffee Company (einst die erste Münchner Starbucks-artige Café-Kette, jetzt anscheinend nach Sylt ausgewandert).

Der Cappuccino war gut, vor allem aber gefiel mir das Lokal: Liebevoll eingerichtet, es serviert neben Gebäck (selbst gemacht aussehend) auch Mahlzeiten von Falaffel bis Bowls, das Publikum war richtig Westend-gemischt, die Atmosphäre angenehm und heimelig.

Zurück im Büro gab’s Sahnequark mit Joghurt, vorgeschnippelte Orangen.

Anstrengender Arbeits-Nachmittag, der schier nicht enden wollte. Auf dem Heimweg bog ich noch für Einkäufe in den Vollcorner ab. Zu Hause nur kurzes Auspacken, ich war mit Herrn Kaltmamsell zum nächsten #Lindwurmessen verabredet.1

An der Reihe war das Café Blue jenseits der #Lindwurmbrücke. Wir hatten Lust auf einen Spaziergang dorthin (wir hätten auch die U-Bahn nehemen können, mittlerweile essen wir zwei Haltestellen von daheim entfernt).

Vom Vorbeispazieren wusste ich, dass es weitläufige Räumlichkeiten hat, ich fand sie angenehm eingerichtet. Besonders anheimelnd fand ich die sanfte Vorstadt-Anmutung von Einrichtung und Publikum, hier spürt man bereits Sendling.

Die Speisekarte hat 16 Seiten und biete ALLES: Schnitzel und Burger und Pasta und Pizza und Curry und Schweinsbraten und Fisch (fehlen eigentlich nur Sushi) – das lässt Convenience vermuten. Zumal vier Gerichte auf der Karte (drei Suppen, die Gnocchi) eigens als “hausgemacht” gekennzeichnet waren. Ohne #Lindwurmessen wäre es ausgesprochen unwahrscheinlich, dass ich hier essen würde.

Herr Kaltmamsell entschied sich für den Veggie-Burger mit Süßkartoffel-Pommes (Pattie aus Gemüse und Kürbis, er war zufrieden), ich nahm die Tagliatelle mit Lachs (sehr dick eingekochte Sahnesauce, saftige Fischwürfel). Zu trinken gab es Apfelsaft (er) und frischen Ingwer-Minz-Tee für mich. Wir wurden angenehm satt.

Auch der Spaziergang nach Hause tat gut; in meiner derzeitig trüben Stimmung liefe ich am liebsten den ganzen Tag herum. Daheim noch Schokolade.

Da ich mich fürs Büro jetzt wärmer anziehen muss, überlege ich an Unterkleidung herum: T-Shirts, Rollis. Was mir gestern nach Jahrzehnten wieder einfiel: Unterhemden! Als Kind trug ich Unterhemden! Das hörte in dem Moment auf, in dem ich Unterwäsche-autark wurde, ab da ging es nur noch um Schönheit und Komfort. Denn Wärme sicherte ich mir durch die Kleidunng darüber. Werde mich mal umsehen, wie sich das Unterhemden-Angebot in den vergangenen 40 Jahren entwickelt hat, ich starte meine Recherche bei Ski-Unterwäsche.

  1. Wir futtern uns nacheinander durch alle Lokale an der Südseite der Lindwurmstraße von Sendlinger Tor westwärts bis Stemmerhof, dann an der Nordseite wieder zurück. []
die Kaltmamsell

Lieblingstweets/-tröts November 2022

Mittwoch, 30. November 2022 um 18:33

Erst mal Lieblingstweets. Möchte sich noch jemand darüber lustig machen, dass ich meine Lieblingstweets immer als Screenshots veröffentliche statt mit einer Software, die sie sich aus Twitter zieht? Na? NA? (Nur dadurch kann ich sowas wie die Best-of-the-best-Sammlung zusammenstellen.)

Erste Male: Nun auch Lieblinge von Mastodon (wobei auffallend oft uralte Tweet-Späße recyclet werden, die kennen Sie ja schon). Ich hoffe, ich war sorgfältig genug beim Beachten der verschiedenen Öffentlichkeitsstufen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 29. November 2022 – Der Bruch mit John Irving

Mittwoch, 30. November 2022 um 6:37

Ein regnerischer Morgen, ich marschierte unterm Schirm in die Arbeit – auch wenn es nur tröpfelte, wollte ich nicht feucht werden.

Mittags gab es Äpfel und Geflügelsalat (immer noch der Truthahn), der mir ausgezeichnet schmeckte.

Emsiger Arbeitstag ohne Überwältigendes.

Ich hatte Sportzeug dabei: Da Herr Kaltmamsell abends aushäusig verabredet war, plante ich eine Sporteinheit auf dem Crosstrainer des Vereins. Auf dem Weg dorthin nieselte es immer noch, richtig unangenehmes Wetter. Die Wege in dem historischen MTV-Gebäude zu Umkleide und von dort auf die “Fitnessgalerie” sind für mich immer noch verwirrend, zurück gleich wieder – ich bilde mir nie wieder ein, einen guten Orientierungssinn zu haben. Die Stunde Strampeln war ok, Musik auf den Ohren, in der Halle unter mir Badminton-Training, aber ich kam nicht so richtig in Schwung.

Eine der Jugendstiltore von Umkleiden zu Sporthalle.

Dafür ließ ich es daheim krachen: Ich gönnte mir fast eine halbe Stunde Heizung im Bad zu Duschen und Körperpflege. Abendessen: Rest Kimchi-Suppe vom Montag, Rest Süßkartoffel-Bake vom Samstag, der ist jetzt auch weg. Nachtisch Schokolade.

Mein erster Ernteanteil vom adoptierten Crowdfarming-Orangenbaum war eingetroffen: Ich sichtete die zehn Kilo, um Exemplare mit weichen Stellen zum schnellen Verzehr auszusortieren (alle in Ordnung). Es sind wohl drei verschiedene Sorten, zum Glück wird das mit der “Adoption” eines Baums nicht wörtlich genommen (ist halt solidarische Landwirtschaft, in der die Verbraucherin sich bereits an den Produktionskosten beteiligt und eine Abnahmegarantie gibt).

Gestern beschloss ich, die Lektüre des neuen Irving The Last Chairlift nach gut drei Wochen abzubrechen: Keine einzige Figur interessiert mich wirklich, und passieren wird nach gut der Hälfte des Romans ohne interessante Begebenheiten sehr wahrscheinlich auch nichts Interessantes. Die schludrige (nicht im guten Sinn) Geschichte aus der Sicht von Adam, einem Schriftsteller (echt jetzt? schon wieder?) über ihn in den USA der 50er bis 80er (danach hörte ich auf) mit seiner Mutter und ihrer Partnerin, seiner Kusine und deren Partnerin, seinem Stiefvater, der zur Frau transitioniert, mit seinen skurrilen Sex mit skurrilen Frauen – las sich lieblos zusammengewürfelt. Ganze Passagen bis Absätze tauchten mehrfach auf, die Beschreibungen und Handlungen ergingen sich seitenweise in irrelevanten Details, der Roman hätte dringend ein Lektorat benötigt.

Das war’s für mich dann wohl mit John Irving – über den ich einst meine Magisterarbeit schrieb, Thema “John Irving in der Erzähltradidion von Charles Dickens”, darin bearbeitet alle seine Romane bis 1994.
Erst kürzlich stieß ich auf dieses Foto:

Ich 1994 bei der Arbeit an meiner Magisterarbeit an meinem ersten PC, geerbt von einem befreundeten Physikstudenten, der ihn selbst zusammengebaut hatte, schon damals sehr veraltet (286er?). In der schönsten Wohnung der Welt.

Wobei der eigentliche Rechner gar nicht auf dem Bild ist: Den hatte ich wohl auf den Boden gestellt, die Kabel aus dem Bildschirm legen das nahe (ich habe keine Erinnerung daran). Ich weiß noch, dass er eine ca. 15 cm hohe Kiste war, halb so groß wie der Tisch, darin mit viel Platz dazwischen die eigentlichen Bestandteile des Computers (man konnte die Kiste mit zwei Druckknöpfen einfach öffnen). Draufgestellt wäre der Bildschirm viel zu hoch gewesen. Die Tastatur sieht so schwebend aus, weil ich sie etwas tiefer auf die ausgezogene Schublade des Tischs stellte, einen alten Küchentisch. Wenig später richtete ich mir mit Ziegelsteinen und Brettern am Fenster (rechts außerhalb des Fotosausschnitts) einen halbwegs ergonomischen Arbeitsplatz ein. An dem ich unter anderem nächtelang Lemmings spielte, das einzige Computerspiel, dass mich je packte.

Neue Lektüre im Bett: Kristine Bilkau, Nebenan.

§

Im Guardian nutzt Laura Spinney ein deutsches Phänomen um zu recherchieren, welche Mechanismen Gesellschaften und Individuen zur Verarbeitung schlimmer Vergangenheit oder Erlebnisse anwenden: Nämlich den Umstand, dass die meisten Menschen, über die es Stasi-Akten gibt, diese nicht einsehen wollten.
“If the secret police had a file on you, why wouldn’t you want to see it? Ask the Germans spied on by the Stasi”.

§

Sind Sie auch mit dem Verfluchen von “Industriezucker” aufgewachsen, Kampfbegriff der 1980er-Vollwert-Bewegung? Dabei muss man das Zuckerherstellen aus unserem guten heimischen Zuckerrüben (ich erinnere mich an die Waggons voll Zuckerrüben in meiner Kindheit; wenige hundert Meter von meinem Elternhaus entfernt wurden die stillgelegten Gleise der Rübenbahn zu Spazierwegen ausgebaut) gar nicht der Industrie überlassen: Aus Zuckerrüben kann man Zucker selbst herstellen. (Schönes selbstgemachtes Weihnachtsgeschenk?)

die Kaltmamsell

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