Journal Mittwoch, 20. Juni 2018 – Ein einzelner Hochsommertag und Beifang aus dem Internetz

Donnerstag, 21. Juni 2018 um 6:07

Ein astreiner Hochsommertag. Den es zu feiern galt, weil die Wettervorhersage für den darauffolgenden Tag einen Umschwung ankündigte.

An sich hatte ich früh Feierabend machen wollen und mir auf dem Heimweg ein Eis holen. Doch erst wurde es dann doch ein bisschen später, auf dem Heimweg nahm mein Kreislauf die stechende Hitze übel und wackelte, und dann war ich mit Herrn Kaltmamsell für Biergarten verabredet – ich ließ das mit dem Eis erst mal.

Wir radelten zum Flaucherbiergarten – zu meiner Begeisterung eine fußballfreie Zone.

Man kommt nur mit dem Fahrrad oder zu Fuß hin (allerdings auf Kinderwagen- und Rollstuhl-freundlichen Wegen). Und so war er trotz dem Meer an Fahrrädern vor dem Biergarten auch nicht voll: Es fehlten die Autofahrer.

Zurück daheim holte ich mir noch ein Eis von der nächstgelegenen Eisdiele zum Nachtisch.

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Kommen wir doch bitte zu den belegbaren Problemen in unserer Gesellschaft, zu denen, die einen großen Teil der Bevölkerung betreffen, strukturelle Ursachen haben und nicht lediglich aus Hass und Resentiments wachsen. Zum Beispiel:
„Altenpflege:
Das schlechte Gewissen arbeitet immer mit“.

Einer Studie des Inifes-Instituts zufolge können sich drei Viertel der Altenpflegerinnen und Altenpfleger nicht vorstellen, ihren Beruf bis zum Renteneintritt auszuüben. Nach zehn Jahren ist nur noch jede Dritte in der Altenpflege tätig, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) festgestellt.

(…)

Nach der Einführung der Pflegeversicherung 1995 kamen immer mehr private Träger auf den Markt. Das sei die Wende gewesen, sagt Jutta Meyer. Die 50-Jährige arbeitet seit fast 30 Jahren als Altenpflegerin. Mit den Privaten sei das Profitdenken in die Pflege gekommen, sagt die examinierte Pflegerin. Zugleich seien durch verschiedene Gesetzesänderungen die Anforderungen an das Personal gestiegen. „Aber nicht bei der Pflege, sondern vor allem bei der Bürokratie“, sagt Meyer.

Mittlerweile müssen die Pflegenden fast jeden Arbeitsschritt dokumentieren. Das soll eigentlich die Qualität der Pflege verbessern. Immerhin werden die Einrichtungen und Dienste vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) regelmäßig geprüft. Doch die Dokumentation hat Auswüchse erreicht, die – so die Kritik vieler Pflegenden und Experten wie dem Pflegekritiker Claus Fussek – eher zulasten der Qualität geht.

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„One Epic Supercut Edits Together Nearly 300 Movie Dancing Scenes“.

via @stephenfry

Und jetzt hätten wir gerne die extended version davon, in der die Szenen doppelt so lang sind.

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Laudatio auf die 99-jährige Epigraphie-Spezialistin Joyce Reynolds – als Twitterfaden.

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Mely Kiyak übersetzt das Merkel-Seehofer-Problem in der Zeit:
„Kiyaks Deutschstunde:
Isch mach jetz‘ Innen-Abi“.

Was soll er denn machen, der Ärmste? Ständig entscheidet sie, ohne ihn vorher zu fragen. Selbst in den allerehrenwertesten Familien läuft es so, dass die kleine Schwester erst zum Abi geht und fragt: „Abi, isch hol mir Ayran aus dem Späti, willst du auch?“ Dann kann Horst Abi antworten: „Bring Prringels mit.“ Oder: „Halt die Fresse, setz dich hin.“

Sie fragt ihn aber nicht. Sie geht alleine in den Späti und überhaupt überall hin. Er kriegt es nur über die Fotos in der Zeitung mit. Auch das damals, 2015. Da stand sie an der Grenze und winkte alles durch: „Hier, bitte schön, komm rein, du auch, und du auch, vallah, kommt alle.“ Er rief sie an und sagte: „Kızım, bist du verrückt geworden? Bist du jetzt Lady Angela, oder was? Erst Sachleistung, dann Piccolo oder was, tövbe tövbe?!“

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Anne Schüssler hat Urlaub mit einem Camperbus gemacht und blogt jetzt:
„Campingerkenntnisse“.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 19. Juni 2018 – Vor-der-Arbeit-Lauf

Mittwoch, 20. Juni 2018 um 6:53

Weil ich sonst auch diese Woche nicht ausreichend zu sportlicher Bewegung käme, weckte mich der Wecker um kurz nach fünf. Nach kurzem Bloggen und einem Glas Wasser radelte ich an die Wittelsbacherbrücke zu einem milden Isarlauf. War leider anstrengend, ich hatte schwere Beine.

Marienklausenbrücke: Schöne neue Warnschilder!

Mit dem Rad in die Arbeit, ein Tag voller Besprechungen.

Nach der Arbeit zum Friseur: Der Abstand von acht bis neun Wochen zwischen den Haarschnitten hat sich als perfekt erwiesen, vor dem Termin (den ich immer schon beim vorherigen vereinbare) erlebe ich höchsten ein paar Tage, in denen mein Spiegelbild mir dringend einen Haarschnitt anrät. Diesmal war mir nichts Neues eingefallen, jetzt sind sie lediglich wieder schön kurz und ausgedünnt (mir würde ja durchaus mal diese Cameron Esposito-Frisur gefallen, doch ich fürchte, dass mein Kopf dazu zu groß ist und ich außerdem von den Haarsträhnen im Gesicht wahnsinnig würde).

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Sezuan-Auberginen.

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Klar nervt Werbung auf instagram allgemein ganz besonders (weil sie den gesamten Bildschirm einnimmt und mich aus der Erwartung reißt, selbst gewählte Bilder/Infos zu sehen – ich würde wirklich gerne für ein werbefreies instagram Geld zahlen, aber ichweißichweißichweiß: das ist halt nicht deren Geschäftsmodell). Höchst irritiert bin ich aber immer wieder über die Werbung von Arztpraxen – auch wenn ich weiß, dass Ärzte und Ärztinnen mittlerweile werben dürfen.

Gestern zwang mir instagram die Werbung einer örtlichen Zahnarztpraxis auf, die eine bestimmte ärztliche Leistung als Sonderangebot mit exaktem Preis und Laufzeit der Sonderangebotsaktion anpries. Da sah ich doch mal genauer nach, Schweinebauchanzeigen von Medizinern waren mir neu. Und siehe da:

2. Verboten sind irreführende und insbesondere aufdringliche Werbemethoden, mit denen ein rein geschäftsmäßiges ausschließlich am Gewinn orientiertes Verhalten zum Ausdruck kommt.

Beim nächstem solchen Fall setze ich Zitat und Link in die Kommentare.

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Ich bewundere alle, die sich auf Twitter die Mühe konstruktiver Diskussionen machen. Einen Orden möchte ich für dieses Engagement @miriam_vollmer verleihen, die immer wieder nachfragt, statt sich (wie ich) mit einem „Idiot.“ wegzudrehen.

Und aktuell einen an @jensscholz, der am Montag (mal wieder) Stück für Stück die üblichen Argumente eines EU- und Fremdenfeinds auseinander nahm.

die Kaltmamsell

1000 Fragen 21-40

Dienstag, 19. Juni 2018 um 5:41

21. Ist es wichtig für dich, was andere von dir denken?
Kommt drauf an, was es ist.

22. Welche Tageszeit magst du am liebsten?
Morgen- und Abenddämmerung.

23. Kannst du gut kochen?
Mittel.

24. Welche Jahreszeit entspricht deinem Typ am ehesten?
Ist das diese Farbenlehre? Der gemäß wäre ich der Wintertyp.

25. Wann hast du zuletzt einen Tag lang überhaupt nichts gemacht?
Als ich Ostermontag krank im Bett lag.

26. Warst du ein glückliches Kind?
Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich glücklich sein sollte.

27. Kaufst du oft Blumen?
Nein.

28. Welchen Traum hast du?
Keinen, das ist einer meiner zentralen Schmerze.

29. In wievielen Wohnungen hast du schon gewohnt?
1. 1967-1968
2. 1968-1975
3. 1975-1977
4. 1977-1983
5. 1983-1986
6. 1986-1987
7. 1987-1988
8. 1988-1989
9. 1989-1997 (10. 1991-1992 Auslandsstudium)
11. 1997-1999
12. 1999- heute

30. Welches Laster hast du?
Wenn damit die Todsünden gemeint sind:
Stolz, Neid, Völlerei, Faulheit, Zorn, Wollust.

31. Welches Buch hast du zuletzt gelesen?
Granta 143, After the fact.

32. Warum hast du die Frisur, die du jetzt trägst?
Weil ich mit ihr am meisten identifiziere: Sie bringt mein Gesicht, meine Kopfform und meine Haarfarbe zur Geltung, passt auch gut zu den Gesamtproportionen meines Körpers.

33. Bist du von deinem Mobiltelefon abhängig?
Ja.

34. Wie viel Geld hast du auf deinem Bankkonto?
Stand 18.6.2018: 2773,50 Euro.

35. In welchen Laden gehst du gern?
Süpermarket Verdi.

36. Welches Getränk bestellst du in einer Kneipe?
Das, auf das ich gerade Lust habe; abends fast immer ein alkoholisches.

37. Weißt du normalerweise, wann es Zeit ist, zu gehen?
Wahrscheinlich nicht, weil ich dann schon eine Weile weg bin.

38. Wenn du dich selbstständig machen würdest, mit welcher Tätigkeit?
Klugscheißen.

39. Willst du immer gewinnen?
Nein, wirklich nicht.

40. Gehst du in die Kirche?
Wenn damit Gottesdienste gemeint sind: Nur auf Einladung zu einem konkreten Anlass.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 18. Juni 2018 – Genutzte Fußballpausen

Dienstag, 19. Juni 2018 um 5:39

Morgens eine Runde Krafttraining. Ich schaffte es, mich dazu zu bringen, zehn Minuten später als meine sonst späteste Ankunftszeit in der Arbeit zu sein – eine Leistung, weil ich damit gegen mein inneres Pflichbewusstsein verstieß: Außer mir macht das niemandem etwas aus.

Ein milder Tag, auf meinem Nach-Hause-Weg stellte ich sogar fest, dass er in der Sonne richtig warm war. Herr Kaltmamsell hatte ein fußballfreies Stündchen am Abend recherchiert, in diesem huschten wir zum Abendessen in den Schnitzelgarten.

Die Übertragung lief zwar weiter und zeigte statt Fußballspiel auf zwei Bildschirmen Menschen, die über Fußball redeten, aber wir konnten verhältnismäßig unbelästigt Schnitzel essen und Radler trinken.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 17. Juni 2018 – Generalversammlung Kartoffelkombinat

Montag, 18. Juni 2018 um 6:28

Das Münchner Kartoffelkombinat gibt es jetzt seit sechs Jahren, seit fast fünf bin ich Genossin. Als der Vorstand auf der gestrigen Generalversammlung kurz auf den Weg zur jetzigen eigenen Gärtnerei zurückblickte, wurde mir klar, dass ich fast gesamt dabei war: Von den Anfängen in der Gärtnerei in Eschenried über die Jahre im Franziskuswerk Schönbrunn bis zum Kauf der eigenen Gärtnerei vergangenes Jahr in Spielberg aus eigenen Mittel, also über Genossenschaftsanteile.

Das Kartoffelkombinat steht hervorragend da: Die Finanzen sind stabil, die Ernte 2017 war gut, bislang läuft auch 2018 der Anbau zufriedenstellend, Logistik und Personal sind im grünen Bereich. Ein spannendes aktuelles Projekt ist im Tierpark Hellabrunn die Bewirtschaftung des Bauerngartens im neu ausgebauten Mühlendorf des Bereichs Europa.

Laut Vorstandbericht ist das Kartoffelkombinat mit Stand Ende 2017 auf 1170 Haushalte und 130 Verteilerpunkte gewachsen, 2017 wurden 50.799 Ernteanteile gepackt. In dieser Größe und in seiner Kombination von Solidarischer Landwirtschaft mit Genossenschaftsstruktur sind wir einmalig – in Deutschland ganz sicher, vermutlich auch in Europa. Ich war gestern mal wieder völlig geflasht, was aus dieser Idee von Vorstand Simon und Daniel geworden ist, dass das trägt, funktioniert und ausstrahlt. Umso weniger verstand ich, dass diesmal zur Generalversammlung sogar nur halb so viele Genossenschaftlerinnen und Genossenschaftler gekommen waren wie vergangenes Jahr – gerade mal über hundert von derzeit 1340 (nicht alle Mitglieder beziehen Ernteanteile).

Dabei galt es Interessantes und Wichtiges zu besprechen und beschließen: Die Pläne für die bereits 2017 vorgestellte Lagerhalle sind detaillierter geworden – wir wollen uns zum einen mit unserem Winter-(=Lager-)gemüse unabhängig machen, zudem braucht es für die mittlerweile 22 Angestellten und zum Kistenpacken anständige Arbeitsbedingungen.

Und dann war bereits in der diesjährigen Mitgliederumfrage die Haltung zu einem „Soli-Anteil“ abgeklopft worden: Auch wenn unsere Satzung festlegt, dass die monatlichen Kosten für die breite Bevölkerung bezahlbar sein sollen, sind diese derzeit 68 Euro für Familien eine Strapaze, die wirklich jeden Euro umdrehen müssen – wir schließen einige Interessierte aus. Gestern beschlossen wir, dass es einen „Soli-Anteil“ geben soll: Wer dazu bereit ist (und die Umfrage hatte ergeben, dass das mehr als 200 Genossenschaftlerinnen sind), zahlt monatlich mehr, dafür zahlen Haushalte mit wenig Geld weniger. Mich freut sehr, dass es diese Möglichkeit ab 2019 gibt.

Wenn Sie zu uns ins Kartoffelkombinat kommen wollen: Nur zu, wir wollen noch ein wenig wachsen. Wenn Sie sowas oder sowas Ähnliches woanders in Deutschland aufbauen möchten: Wenden Sie sich gerne an unseren Vorstand Daniel und Simon – wir verstehen uns als Leuchtturmprojekt und freuen uns, wenn unser Beispiel Schule macht.

Das Wetter war gestern tagsüber stabil und warm, erst abends begann es zu regnen. Zur Generalversammlung radelte ich, danach bloggte ich ausführlich über die Kirche meiner Kindheit, St. Pius in Ingolstadt. Ein bisschen zog es mich noch raus: Für Frischluft, schönes Grün und Pokémon dreht ich eine Runde über den Alten Südfriedhof.

§

Warum ich bei Internet-Ausfall nie wieder Brieftaubenwitze machen werde.

die Kaltmamsell

St. Pius in Ingolstadt, die Kirche meiner Kindheit

Sonntag, 17. Juni 2018 um 17:31

Die Kirche St. Pius prägte meine Kindheit und Jugend: Ein moderner Bau aus den 50ern für das neu entstehende Wohnblockviertel im Norden Ingolstadts, in dem vor allem Angestellte des neuen Audi-Werks wohnten.

In letzter Zeit dachte ich oft an die freistehende Halbkugel aus Backstein mit Kupferdach, aus der die Betonfenster wie die Zacken einer Krone ragten, an den freistehenden Backsteinturm mit Zifferblatt. Vor allem aber erinnerte ich mich an die riesigen Glasfenster von St. Pius: Sie bestanden aus bunten, grob geschlagenen Glasbrocken, die von der Ferne Bilder ergaben (Kreuzweg plus Einzelbilder hinter dem Altar) – allein das schon inspirierender Anblick für ein Kind, das sich während der Predigt furchtbar langweilte. Ihr eigentlicher Zauber aber waren die einzelnen, unregelmäßigen Glassteine. Wenn ich zur musikalischen Umrahmung einer Messe beitrug, stand ich direkt daneben und konnte mich in ihre Schönheit versenken: Mir als Kind erschienen sie kostbar wie Juwelen, gleichzeitig brachen sie das Licht zu einem magischen Blick nach draußen wie durch ein Kaleidoskop.

Und so hatte ich das Bedürfnis, die Kirche St. Pius nach vielen, vielen Jahren mal wieder zu besuchen und sie genauer anzusehen. Erst aus diesem Anlass recherchierte ich den Architekt und den Künstler, der die Glasfenster geschaffen hatte. Der Architekt von St. Pius war Josef Elfinger, hier ein Artikel im Donaukurier zu seinem 100. Geburtstag – die Piuskirche scheint sein größter Wurf gewesen zu sein. Die Bauzeit betrug wenig mehr als ein Jahr.

Die Fenster sind ein Werk des Prieners Max Wendl: Die 20 Betonglasfenster sind auch sein größtes Werk, und er führte sie in zwei Jahren selbst handwerklich aus.

Diese Fenster hatten bei meinem gestrigen Besuch nichts von ihrer Faszination verloren. Ich kenne nichts Vergleichbares – was natürlich überhaupt nichts bedeutet, da ich mich nie besonders mit Glasfenstern beschäftigt habe. Allein schon ihre Materializität: Wendl hat jeden einzelnen Glasstein bearbeitet und zurecht geschlagen. Und so strahlt jeder eine ungeheure Lebendigkeit aus. Verbunden sind die bunten Brocken mit Beton – die Kombination mit dem dicken Glas hat für mich eine gewaltige Kraft und Energie.

Ich glaube mich zu erinnern, wie enttäuscht ich später von berühmten alten Kirchenfenstern war: Die hatte man ja zum Teil bemalt! Das fand ich ausgesprochen unsportlich im Vergleich zur Gestaltung nur mit groben Steinen.

Die Ästhetik der Kirche St. Pius, in der ich Taufen, sonntägliche Messen, Schulgottesdienste, Kommionfeiern, Jugendmessen, Oster- und Weihnachtsgottesdienste erlebte, hat mich ähnlich geprägt wie die Architektur des Ingolstädter Stadttheaters, in dem ich nicht nur Theaterstücke sah, sondern auch selbst auf der Bühne stand, im Festsaal Faschings- und Abschlussbälle feierte: Ich finde bis heute schöne Betonbauten attraktiv, bin fasziniert von den Formen und Kontrasten, die dieses Baumaterial ermöglicht.

Diese Außenaufnahme muss kurz nach Fertigstellung 1958 entstanden sein.

Hier ging ich zum ersten Mal und alle folgenden Male zur Beichte. Wie unangenehm und belastend die vorherige Gewissensprüfung war! Mir war ja im schulischen Religionsunterricht beigebracht worden, welch grundschlechter Mensch ich war. Dass mir jetzt immer nur als Sünde einfiel, dass ich meinen Eltern nicht gefolgt hatte – das konnte ja nur bedeuten, dass ich noch viel, viel schlechter war, weil ich meine Sündigkeit nicht mal bemerkte.

Beschriftung der Beichstühle.
H.H. = Hochwürdiger Herr, nur falls es Sie mal in eine bayerische Dorfredaktion verschlägt und sie sich in den Berichten der Freien Mitarbeiter über diese Abkürzung vor einem Namen wundern.
Im Loch unter dem Namensschild war ein Licht eingebaut, an dem man sehen konnte, ob der Beichtstuhl gerade besetzt war.

Die Glasfenster:

Hier noch St. Pius im Familienalbum der Kaltmamsells:

Die Hochzeit meiner Eltern im Juli 1966. Fahnenspalier, weil meine Mutter in der CAJ (christliche Arbeiterjugend) aktiv war.

Die Taufe meines Bruders 1973.
Hintere Reihe (von links): Mein Vater, meine Mutter, Taufpatin Christa mit Täufling, meine Oma, meine Taufpatin Irmi.
Vordere Reihe (von links): Taufpatintochter Daniela, ich (Kleid von Mutter genäht), die Kinder meiner Taufpatin, Isabel und Peter.
Das wuchtige Taufbecken steht seit 1983 nicht mehr in der Seitenkapelle, sondern wurde an die Seite des Altars verlegt.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 16. Juni 2018 – Auf den Spuren meiner Kindheit

Sonntag, 17. Juni 2018 um 8:32

Ausgeschlafen, Morgenkaffee im wunderbaren Garten meiner Eltern, mit Eltern und Herrn Kaltmamsell.

Ich schickte Herrn Kaltmamsell zum Arbeiten nach München, selbst hatte ich geplant, mich vormittags in der Gegend Ingolstadts umzusehen, in der ich Kind gewesen war.

Ich spaziert über die Adresse meiner vor elf Jahren verstorbenen polnischen Großmutter: Brucknerstraße 3 (die einzige Anschrift, die ich als kleines Kind neben der eigenen auswendig wusste). Noch zu ihren Lebzeiten war die ganze Wohnblocksiedlung, nach dem Krieg und in meiner Kindheit „Polackenviertel“ genannt, aufwendig saniert worden.

So sah der Eingang 1966 am Hochzeitstag meiner Eltern aus.

Genossenschaftswandkunst ein paar Häuser weiter (unter anderem mit der Information, dass die Siedlung 1951-56 gebaut wurde). Auch am Kindergarten St. Johannes sah ich vorbei: Meine eigentlich katholisch-engagierte Mutter hatte mich nicht zu den Nonnen des Pius-Kindergartens geben wollen und mich lieber ein Stück weiter in den evangelischen gebracht.

Mein eigentliches Ziel war die Pfarreikirche St. Pius, die dem ganzen Viertel zwischen Ettinger-, Richard-Wagner- und Waldeysenstraße den Namen gegeben hat: dem Piusviertel. Dazu gibt es aber einen eigenen Post.

Lange blieb ich an diesem für mich zentralen Ort stehen:

Die Pfarrbibliothek (links), die zweimal in der Woche geöffnet war: Ich las die Kinderabteilung leer, viele Bücher mehrmals, bis ich in die damals frisch im Herzogskasten eröffnete Stadtbücherei wechselte.

Innen scheint sich in den vergangenen über 40 Jahren nichts verändert zu haben: Links die Kinderbücher, kein Computer weit und breit.

Am Nordbahnhof kaufte ich mir für die Rückfahrt Frühstück, doch ich kam nicht dazu: Am Bahnsteig sprach mich ein entfernter Arbeitskollege an und grüßte begeistert. Ich erkannte ihn erst nicht, weil ich Ingolstadt nicht mit dieser völlig anderen Welt in Verbindung brachte, freute mich dann aber sehr über die Begegnung – bislang hatten wir einander immer nur von Ferne gegrüßt. Und so unterhielten wir uns auf dem Weg nach München unter anderem über Gambia, Geschwister, Neffen und Nichten, über Ingolstadt, München, Bayern, Festivals mit afrikanischer Musik, Waisenheime und über Großmütter, die die neun Kinder ihrer verstorbenen Tochter großziehen, hart arbeiten, um ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen, und wie diese Kinder sie stolz machen wollen.

Das Frühstück holte ich daheim nach, bevor ich meiner Erschöpfung nachgab und nochmal ins Bett ging. Zwei Stunden schlief ich tief und fest. Ich wachte etwas benommen auf und mit der Enttäuschung, diesen wundervollen warmen Sommertag nicht zu etwas GENUTZT zu haben.

Beim Abendessen („Reste“, wie Herr Kaltmamsell den Teller Käse, den Gurkensalat und gebratenen Mangold aus Ernteanteil nannte, zum Nachtisch Erdbeeren mit Sahne) fiel mir draußen das ausdauernde Alarmgeschrei aus drei verschiedenen Amselkehlen auf. Ich sah vom Balkon aus nach der Ursache und entdeckte in der Kastanie ein Sperbermännchen (über taubengroß, die Weibchen sind fast doppelt so groß), das offensichtlich Beute gemacht hatte. Mit dem Fernglas sah ich, dass der Sperber einen Buntspecht geschlagen hatte; er fraß mindestens eine Stunde daran, wechselte dabei immer wieder den Ast in der Kastanie.

§

Diese Geschichten kannte ich bislang nur aus Spanien und Irland. Doch es stellt sich heraus: Auch in Deutschland wurden Säuglinge unverheirateten Müttern weggenommen und verkauft.
„Entbindungsheime
Die gefallenen Mädchen“.

In den bayerischen Heimverzeichnissen steht, dass es bis Mitte der siebziger Jahre 27 solcher Einrichtungen gegeben hat. Mütter- oder Entbindungsheime nannte man diese Einrichtungen. Hausschwangere oder „gefallene Mädchen“ die Frauen, die sich in ihnen versteckten und ihre Kinder dort gebaren.

Oh ja, Schwangerschaft außerhalb der Ehe als die so ziemlich schlimmste Schande für eine Frau (und natürlich nur für sie): Damit bin auch ich noch groß geworden, das ist wirklich noch nicht lange her.

die Kaltmamsell

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