Journal Mittwoch, 3. Juni 2020 – Monothematischer Beifang aus dem Internetz: George Floyd

Donnerstag, 4. Juni 2020 um 6:00

In vielen Städten der USA wird seit dem gewaltsamen Tod des Black American George Floyd durch weiße Polizisten in Minneapolis vor über einer Woche gegen Rassismus demonstriert, teilweise mit gewalttätigen Ausschreitungen. (Donald Trump hat erwartbar reagiert: Mit ordentlich Benzin ins Feuer.) Der ohnehin schreiende Rassismus in den USA war in den Wochen davor durch die Corona-Pandemie in Zahlen sichtbar geworden: Dreimal so viele Todesopfer waren nicht weiß.

Für mich ist die Nachrichtenlage in diesem Fall besonders, denn auf der einen Seite bekomme ich auf Twitter durch zahlreiche US-amerikanische Accounts Augenzeugenmeldungen in die Timeline retweetet – die natürlich immer eine subjektive Momentaufnahme darstellen (und deren Authentizität ich nicht prüfen kann), dazu aktuelle Meldungen englischsprachiger Medien zu diesem Thema. Auf der anderen Seite sehe ich täglich in der Tagesschau und der Süddeutschen (die Kanäle meiner Wahl, weil sie weniger als die meisten anderen auf Aufmerksamkeitserregung angewiesen sind), wie Berichterstatterinnen vor Ort und Journalisten in den Redaktionen die verschiedenen und zum Teil widersprüchlichen Meldungen, Verlautbarungen, Bilder einordnen. Gestern zum Beispiel:

Bislang waren es Gedankenspiele, von denen wir hofften, sie lediglich auf akademischer Basis durchzudenken: Wird eine mögliche Wahlniederlage Trumps im November dazu führen, dass er seinen – schwer bewaffneten – Anhängerinnen und Anhänger Wahlbetrug einredet und sie zu gewalttätigem Widerstand aufruft? Jetzt sieht es völlig unakademisch so aus, als würde genau dafür der Boden bereitet.

Eine gute Gelegenheit, sich mit strukturellen Rassismus zu beschäftigen, auch in Deutschland.

Sehr hilfreicher Weißen-Test für strukturellen Rassismus:
„If you, as a White person, would be happy to receive the same treatment that our Black citizens do in this society, please stand.“

Oder schauen Sie sich die Antwort des Schriftstellers James Baldwin an, als er vor 50 (!) Jahren in einer sonst nur weiß besetzten Talk-Runde angemault wird, warum man die Hautfarbe eines Schriftstellers stäääändig thematisieren müsse.

Emmanuel Acho erklärt freundlich in einem kurzen Video ein paar Basics der Rassendiskrimierung in den USA und warum es gerade als Protest Krawalle gibt:
„Uncomfortable Conversations With a Black Man Pt:1“.
(Und ja: sehr ungemütlich, ich musste mehrfach Pausen einlegen. Acho macht indirekt auch den gründsätzlichen Unterschied zu extremistischen Steinewerfern in Demos hierzulande klar.)

Auch Marga Stochowkski macht sich Gedanken zur Art des Protests:
„Die ursprüngliche Eskalation“.

Man muss es nicht gut finden, wenn Gegenstände im Zuge von Protesten beschädigt werden, aber die Frage ist, worauf man den Fokus seiner Kritik legt.

Ausgerechnet ein Eiscreme-Hersteller dröselt in einem schriftlichen Statement auf seiner Website kurz und allgemeinverständlich auf, woher der US-amerikanische Rassismus kommt und stellt konkrete politische Forderungen (die nicht neu sind, sondern über Jahrzehnte von der Forschung erarbeitet), wie er abgeschafft werden muss: Ben&Jerry’s.
„We must dismantle white supremacy“.

Mehr deutsche Perspektive gefällig? Hier Aminata Touré, der Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtags:
„Es fehlt nicht an Schwarzen, die sprechen, sondern an Weißen, die zuhören“.

(Und dann bin ich Spenden gegangen.)

§

Heute kein launiger Rausschmeißer.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 2. Juni 2020 – 17 Stockwerke

Mittwoch, 3. Juni 2020 um 5:54

Der Wecker klingelte schon arg früh.

Eine Runde Yoga: Diese Folge Adriene konzentriert sich zwar auf die Hüfte, bringt aber kein Gewicht auf die Hüftgelenke – ich konnte fast alle Übungen ausführen und genoss das sehr.

Das Wetter war warm und sonnig geblieben, zum ersten Mal brauchte ich keine Jacke für den morgentdlichen Arbeitsweg.

Es blieb auch den ganzen Tag sonnig und warm, soweit ich das über all der Arbeit mitbekam.

Mittags Quark und Dickmilch mit Orange und Pfirsich, nachmittags eine Scheibe vom am Wochenende gebackenen Brot.

Nachmittags führten einige entfernt Pandemie-bedingten Umstände dazu, dass ich erstmals zu Fuß vom Erdgeschoß bis in den obersten 17. Stock des Bürogebäudes stieg, unterbrochen auf jedem Geschoß durch Blick um die Ecke auf den Vorraum des Aufzugs. Ich stellte fest, dass mich das zum Schwitzen gebracht hatte, dass ich aber praktisch nicht außer Atem war. Wahrscheinlich habe ich trotz Sportbehinderung noch nicht viel von meiner Kondition eingebüßt. (Vielleicht war’s aber einfach nur das Adrenalin.)

Auf dem Heimweg Einkaufsstopp beim Vollcorner für Obst, Gemüse und sonstiges Brotzeitmaterial für die nächsten Tage.

Zum Abendessen hatte Her Kaltmamsell Wurstsalat mit gehobelten Mairübchen aus Ernteanteil gemacht, passte sehr gut zusammen. Nachtisch waren Erdbeeren.

Ich war schon den ganzen Nachmittag sehr müde gewesen, legte mich früh ins Bett und las noch.

die Kaltmamsell

Journal Pfingstmontag, 1. Juni 2020 – Naturkosmetik und sonniges Draußen

Dienstag, 2. Juni 2020 um 6:00

Wunderbar und bis sieben geschlafen.

Sport gestern wieder Crosstrainer, wenn schon mal durch Feiertag genug Zeit für eine ausführliche Runde ist.

Danach Naturkosmetik: Meine Hautpflege ist ja einfach, weil ich zum einen zur offensichtlich absoluten Minderheit der Bevölkerung mit normaler, unproblematischer Haut gehöre, zum anderen nicht an die Versprechen der Kosmetikunternehmen glaube. (Wirklich etwas für lang junge und schöne Haut hätte ich tun können, indem ich mich konsequent von Sonnenlicht ferngehalten und nie geraucht hätte. Auch ein anderer Genpool hätte geholfen.) Doch hin und wieder ein Gesichtspeeling hätte ich schon gerne, sagen wir: einmal im Monat, wirklich einfach nur zum Abtragen der fühlbar schuppigen Schicht. Der Massagehandschuh, mit dem ich hin und wieder meinen Körper abrubble, hatte sich als zu derb erwiesen. Auf Kosmetikprodukte hatte ich keine Lust, unter anderem, weil die ja doch immer in Plastik kamen. Also recherchierte ich, welche Körndeln die Rubbelfunktion im Gesicht übernehmen konnten. Kristalle wie Zucker, Salz oder Sand haben zu scharfe Kanten, gemahlene Mandeln oder Haselnüsse wiederum sind zu weich. Und so stieß ich auf den Tipp, aufgebrühtes Kaffeepulver zu verwenden, mit Olivenöl vermischt.

Gestern machte ich das zum dritten Mal (oben ein Bild vom zweiten Einsatz vor gut zwei Wochen). Olivenöl hatte beim ersten Mal einen unangenehmen Film hinterlassen, also rührte ich das Kaffeepulver mit ein wenig Duschgel an. Funktionierte wunderbar, Resultat war wieder superweiche Gesichtshaut – und eine enorme Sauerei, ich empfehle Einsatz in der Dusche.

Das Wetter hatte sich nach meiner sonntäglichen Nörgelei ins Zeug gelegt, neben Sonne (und ein wenig Wind) gab es Wärme. Nach dem Frühstück (Karottensalat, Quark mit Joghurt und Obst) radelte ich in Bermudas, T-Shirt und Sandalen an die nördliche Isar, stellte das Rad am Föringer Wehr ab und spazierte ein Stück meiner einstigen Lieblings-Laufstrecke.

Sonne im Gesicht, Wind in den Haaren, Blätterrauschen im Ohr.
Es war sehr viel los, die Menschen radelte (davon eine Frau mit anmontiertem Surfboard, peak München), elektrorollerten, rasten, spazierten, picknickten, sonnten sich, badeten, doch ich konnte mich gut damit abfinden. Ich hatte sehr auf die erste Schwalbensichtung der Saison gehofft – was sich erst am Schluss erfüllte, als ich zurück am Föringer Wehr welche sah. Davor hatte ich aber schon einen Kormoran fliegen sehen, einen auf dem Isarkanal landen und dann darin fischen, Enten, Krähen, Meisen, Blesshühner, Tauben. Die Isar stand erschreckend niedrig, der Regen der vergangenen Wochen war sichtlich viel zu wenig gewesen.

Gemütliches Heimradeln, die Radwege so stark genutzt, dass nur Kolonnenfahren möglich war (mal wieder Visionen davon, den Platz am Isarufer, der bislang dem Autoverkehr gehört, dem Fahrradverkehr zu widmen).

Daheim setzte ich mich auf den Balkon, aß Nusskuchen, sah den Vögeln (die Kohlmeisen, die den Knödel anflogen, schienen schier einen Herzinfarkt bei meinem Anblick zu bekommen – HEH WER MEINT IHR HÄNGT EUCH DEN KNÖDEL ÜBERHAUPT HIN?!) und Eichhörnchen zu. Die Jungmeise hat jetzt war zwar gelernt, selbst am Knödel fressen, hat dafür aber den Bettelruf noch nicht abgeschaltet.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den nächsten Gang des glücklichen Gockels: Buttered Chicken aus dem Brustfleisch. Der Rest des Tiers war zu Brühe gekocht worden.

Schmeckte ausgezeichnet.

Dass ich die SITUATION und mein verkacktes Hüftgelenk so durchweg gleichmütig wegstecke, lässt mich befürchten, dass sich im unzugänglichen Hintergrund meiner Seele mords was zusammenbraut. Gestern öffnete sich kurz ein kleines Fenster zu echter Angst, nämlich davor, dass die OP nicht hilft und ich hernach immer noch nicht gehen, schmerzfrei aufstehen und hinsetzen oder Sport treiben kann, weil dann doch das krumme Kreuz samt blöder Nerven oder das Knie zicken. Dass die 15 Jahre mit seligem Laufen, Langhanteln, Gymnastikmorgen, Wanderurlauben nur eine Episode war, um mir zu beweisen, wie viel Spaß mir das macht.
Zumindest gestern endlich anhand von YouTube-Filmchen Krückengehen gelernt und ein wenig geübt.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 31. Mai 2020 – Zu kühl für draußen

Montag, 1. Juni 2020 um 8:36

Wieder sehr gut ausgeschlafen.

Teig für das 7-Pfünder-Brot gekneten. (Das Sauerteig-Anstellgut hatte so lange ungefüttert im Kühlschrank gestanden, dass ich es zweimal auffrischen musste, bis es ausreichend treibstark wurde.)

Während ich ausführlich bloggte, klingelte mein Mobiltelefon (zur Erinnerung: Mein Telefon klingelt durchschnittlich einmal im Monat, meist weil ich eine beauftragte Ware irgendwo abholen kann oder sich ein Arzt-/Friseurtermin verschiebt, private Anrufe sind davon ca. 20 Prozent): Völlig überraschend meldete sich meine Freundin in Nordengland. Wir tauschten uns zur SITUATION aus, Arbeitsleben, Familie, sonstige Gesundheit, aber auch Wetter (in Nordengland mit Regenfluten im Februar und Dürre seit Anfang März).

Der Brotteig bekam dadurch doppelt so lange Stockgare, doch das Telefonat war mir wichtiger – allerdings beendete ich es tatsächlich mit der Begründung „I got some bread dough proofing“ und wurde aufgefordert, dann aber bitte auch Fotos vom Ergebnis zu schicken.

Ich verkürzte die Stückgare, das Ergebnis war dann völlig in Ordnung:

Während das Brot im Ofen war, machte ich ausführlich Gymnastik und strampelte auf dem Crosstrainer. Zum Frühstück föhnte Herr Kaltmamsell panierten Tofu im Air Fryer, es gab ihn mit süß-scharfer Soße aus der Flasche. Außerdem Obst und Haselnusskuchen.

Vielen Dank für Ihre Hinweise auf das klassische Dr.-Oetker-Rezept! Stellt sich heraus: Das verwendete ist genau dieses, nur halt mit 100 Gramm Schokolade zwischen den Teighälften.

Von oben war es nachmittags bis tief in die Nacht laut, Nachbars hatten wohl die erste große Feier seit Ausgangsbeschränkung. Das hieß am Ende des Tages (also dem echten, abends): Schlaf nur mit geschlossenen Fenstern und Ohorpax möglich.

Am späteren Nachmittag ausführliches Videotelefonat mit den Schwiegers, allen geht es gut. Wir verabredeten uns in Echt für das nächste Wochenende.

Den ganzen Tag über war Remmidemmi am Meisenknödel: Meisen, Buchfinke, Spechte, Kleiber, Tauben, ich sah immer wieder lange zu. Am Wasserschälchen wurde auch getrunken: Anscheinend picken alle Vögelchen das Wasser tropfenweise auf, nur die Tauben hängen sich sekundenlang rein – bei einer begann ich bereits zu fürchten, sie wolle sich ertränken.

Ich überlegte, ob ich nicht doch raus wollte, es war trocken und nicht zu düster. Doch die Luft blieb sehr kühl, ich las in Wolljacke und mit zwei paar Socken, also beschloss ich, dass sich das Wetter erst noch ein bisschen mehr anstrengen muss.

Das Abendessen bauten wir um das frische Brot: Es gab dazu gesalzene Butter, Käse, Räucherlachs, Karottensalat, zum Nachtisch Schokolade. Als Abendunterhaltung im Fernsehen O Brother, Where Art Thou – während ich den Sountrack komplett mitsingen kann (der wohl schon vor dem ersten Drehtag stand), hatte ich den Film selbst nur seinerzeit (oh Gott, schon wieder 20 Jahre her) im Kino gesehen. Ich wurde daran erinnert, wie attraktiv ich es finde, wenn ein schöner Mann kein Problem damit hat, sich komplett zum Hirschen zu machen (siehe Cary Grant und hier George Clooney, der wirklich sensationell blöd schauen kann).

§

Formschub bloggt über seinen Einrichtungs-Farbfimmel und den beeindruckenden Klopapierfimmel von Juli Gudehus.
„Fimmel“.

die Kaltmamsell

Twitterliebe Mai 2020

Sonntag, 31. Mai 2020 um 18:29

Der Monat, in dem uns langsam dämmerte, dass dieses Corona-Dings keine Ausnahmesituation ist, sondern bis auf Weiteres das neue Normal.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 30. Mai 2020 – Kathrin Passig, Aleks Scholz, Handbuch für Zeitreisende

Sonntag, 31. Mai 2020 um 10:19

Mit Blick auf die Vögelchen auf dem Balkon das Handbuch für Zeitreisende von Kathrin Passig und Alex Scholz ausgelesen, mich bis zuletzt daran gefreut: Die beiden haben eine ausgezeichnete Idee zum Transport für eine Menge unerwartete Zusammenhänge und Einsichten gefunden. Dabei überspringen sie die sonst zentrale Diskussion, ob und wie Zeitreisen funktionieren könnten, nehmen sie einfach mal als gegeben an und widmen sich all den Detailfragen, die dann konkrete Zeitreisen aufwerfen: Was (wann) sind die reizvollsten Destinationen, welche sollte man aus welchen Gründen meiden, was sollte man beachten, wie muss man sich vorbereiten. So schaffen sie es implizit deutlich zu machen, welche unhinterfragten Vorstellungen unhaltbar sind – oder in Konsequenz höllisch komplex.

Ähnlich wie das Lexikon des Unwissens ist das Handbuch für Zeitreisende ein originelles und sehr praktisches Gerüst für eine Menge der faszinierendsten Fakten und Zusammenhänge der Welt (eine weitere ist die britische Show QI – für quite interesting, die diese in eine Fernseh-Quizshow mit höchst undurchsichtigen Regeln und Punktevergaben sowie viel Möglichkeit zum witzigen Brillieren der Gäste einbettet.)

Beispiele für Unerwartetes: Sie wollen zu den Dinosauriern reisen? Wundern Sie sich nicht, dass Sie in ihren ganzen drei Urlaubswochen keinen einzigen zu sehen bekommen: Die stehen nämlich nicht so geballt und adrett platziert auf Wiesen herum wie in der Illustration des Was-ist-was-Bands Ihrer Kindheit.

Oder: Sie wollen die Menschheit damit beglücken, bahnbrechende Erfindungen vorzuziehen? An Penicillin und dem Fahrrad spielen Kathrin und Aleks durch, was alles nötig war, damit es dazu kommen konnte – unter anderem die ungeheuer komplexe Herstellung von Penicillin in relevanten Mengen und die Werkstoffe, die Bearbeitungsmaschinen und die Infrastruktur, die Fahrradfahren überhaupt alltagstauglich machten. Oder wenn es nur kleine Wissensstupser sein sollen, die berühmte Denkerinnen und Denker früher und schneller in die richtige Richtung bringen könnten: Seien Sie sehr sicher, dass Sie wissen, wovon Sie reden und alle Fragen drumrum beantworten können: „Viel Spaß beim Erklären, was Radioaktivität ist.“

Was sich ebenfalls lohnte, mal konkret zu durchdenken: Wenn ich so berühmte Persönlichkeiten wie Galileo Galiei oder Emmy Noether kennenlernen möchte – an welchen Punkt und Ort ihres Lebens reise ich da am besten, um am meisten von der Begegnung zu haben?

Der praktische Teil befasst sich unter anderem damit, wie man in einer Vergangenheit mit Menschen möglichst nicht auffällt, welche Impfungen man braucht (auf die man sich aber je nach Vergangenheit nicht verlassen sollte: Viren mutieren begeistert), wie man herausfindet, an welchem Datum man sich befindet und wie man in der Vergangenheit zu Geld (oder einem Äquivalent) kommt. Auch das: wirklich, wirklich schwierig. Hier wie auch bei einigen anderen Themen im Buch weisen Aleks und Kathrin auf ethische Aspekte hin: Was Sie in Ihrer Gegenwart für verwerflich halten, sollten Sie auch nicht in der Vergangenheit tun.

Leider auffallend: Es kommen Frauen im Handbuch für Zeitreisende vor, und nicht zu knapp, ob historische Persönlichkeiten oder in Wortformen. Warum es nicht mehr sind, erklärt einer der ebenfalls sehr interessanten Lesetipps am Ende des Buchs, Mary Beards Frauen und Macht. Ein Manifest.

Erheitert und mit Belehrung gelesen.

§

Ausgeschlafen, lediglich ein wenig erweiterte Gymnastik getrieben (der beleidigte Hüftbeuger ließ mich ausnahmsweise Ruder-Crunches machen). Ein paar Einkäufe in der Innenstadt: Handcreme, Milchprodukte, Tonic Water, Spezialöl und -essig, Erdbeeren, Semmeln.

Immer wieder schön: Entdeckungen auf oft gelaufenen Wegen.

Mittags backte ich erst mal Kuchen: Ich hatte Lust auf Haselnusskuchen und war in meiner Zettelsammlung auf ein Brigitte-Rezept von 1981 gestoßen, ein schlichter Kastenkuchen mit Schokoladenschicht innen. Es kam aus der Epoche, in der die Brigitte Butter aus scheinbaren Gesundheitsgründen konsequent durch Margarine ersetzte und zum Energiesparen Gebäck in den kalten Ofen schob, erst dann einschaltete. Beides ließ sich einfach korrigieren. Das Ergebnis war ein wenig zu lange gebacken (fünf Minuten früher war er aber beim Stäbchentest innen noch nass gewesen), schmeckte gut, ist aber nicht der ideale Nusskuchen, nach dem ich suche.

Zum Frühstück gab’s die Pfingst-SZ. Besonders freute ich mich über den Artikel auf Seite Drei, inklusive Kalauer-Überschrift.

Endlich einen re:publica-Vortrag hintergergeschaut:
„Alles am Internet ist super“ von Kathrin Passig und Leonhard Dobusch.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/dwZYuUSql-o

Die beiden jammern gleich am Anfang ein bisschen, dass der Vortragstitel noch wenige Monate früher echt total provokativ gewesen wäre, weil selbst auf den letzten re:publicas die Kritik am Internet überwog, man sich zumindest fast einig war, dass es immer schlechter wurde. Doch nun hatten die Pandemie und die damit verbundenen Bewegungseinschränkungen dazu geführt, dass selbst eingefleischte Internetschlechtfinderinnen die positive Seiten sehen. Oh ja, in der Wochenend-SZ gibt es gleich ein ganzes Buch Zwei darüber, welch Segen Internettechnik in der SITUATION ist:

Das Leben ist durchaus weitergegangen, an einer Stelle, an der diese Gesellschaft mindestens so vibriert wie der Berliner Alexanderplatz an einem ganz normalen Samstag im Juli. Es war laut und unübersichtlich und wuselig. Aber halt nur im Internet.
Wobei: Streichen wir das „nur“.

Dass ich das nach 25 Jahren im Internet noch erleben darf! Danke Corona!

Herr Kaltmamsell hatte einen glücklichen Gockel besorgt, den wir übers Wochenende in mehreren Mahlzeiten verspeisen werden. Zum Nachtmahl gab’s die Schenkel als ungarisches Paprikahuhn, zum Nachtisch Erdbeeren (Herr Kaltmamsell scheint nicht ganz zu verstehen, dass es in der Erdbeersaison so oft wie möglich Erdbeeren gibt).

Abendunterhaltung war eine zweiteilige Doku auf Bayern alpha von 2017:
„Architektonische Visionen und Protest
Unsere Städte nach ’45“.

Sehr informativ und interessant – mir fehlte allerdings die Reflexion, dass auch unsere Sicht auf die damalige Stadtplanung (fast durch die Bank negativ) zeitgebunden ist und unsere heutigen Prioritäten später ebenso kritisch gesehen werden könnten. U.a. prangert die Doku die Zerstörung alter Stadtviertel in West- und Ostdeutschland an, doch ebenso das Abreißen des Lloyd-Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert in Bremen, von dem es dann lediglich en passant heißt, dafür sei seinerzeit ein ganzes Stadtviertel platt gemacht worden – da das Ergebnis aus der Sicht von 2017 schön und erhaltenswert war, offensichtlich weniger verwerflich.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 29. Mai 2020 – Bahnhofsviertelliebe

Samstag, 30. Mai 2020 um 8:30

Gestern Morgen gab’s wieder ein halbes Stündchen Crosstrainern, hätte gerne mehr sein können. Es blieb kühl und grau, ich griff wieder zu Winterkleidung, um im Büro nicht zu frieren.

Auf dem Weg ins Büro stieg ich beim Bäcker Zöttl im Westend ab, um mir ein Laugenzöpferl zu holen. Beim Schlangestehen vor dem Eingang (Abstandsgebot verlängert Schlangen extrem) sah ich den Mauerseglern zu, die in großer Zahl zu und von ihren Nestern unter den Hausdächern flitzten.

In der Arbeit reichlich Arbeit, von der einige einen Grad an Konzentration erforderte, der mir an einem Freitagnachmittag nur mit größere Mühe möglich ist. Außerdem zeichnete sich ab, dass die nächste Arbeitswoche besonders unangenehm wird.

Mittags das Zöpferl und Quark mit Aprikosen. Weiterhin kein Signal, ob und wann die stufenweise Rückkehr zu Präsenzarbeit die Wiedereröffnung der Cafeteria ermöglicht.

Auf dem Heimweg holte ich erst ein Packerl an einer DPD-Station in einem der herrlich höhlenartigen IT-Schrauberläden in der Schillerstraße ab, dann schlängelte ich mich durch die vielen Baustellen zum Süpermarket Verdi für den ersten Einkauf dort sein Monaten (es war mir dort in der SITUATION zu eng und voll). Auf den Lebensadern des südlichen Bahnhofsviertels Goethe-, Landwehr- und Schillerstraße wuselte das bunte Leben in Dutzenden Sprachen und Herkunftskulturen – ich hatte die Gegend Münchens, in der ich lebe, ganz arg lieb.

Abendessen war nach einem Gin Tonic zum einen der Liebling Artischocken mit Aioli, zum anderen ein Abenteuer: Wir haben einen neuen Hausgefährten, einen Air Fryer. Frittieren musste der sehr abenteuerlustige Koch Herr Kaltmamsell als Zubereitungsart bislang auslassen, denn eine Fritteuse wäre dann doch ein zu selten genutztes Gerät, zudem scheuten wir Ölverbrauch und Geruchsentwicklung. Doch dann entdeckten wir hymnische Berichte vom Air Frying mit ganz wenig Öl, überzeugenden Frittierergebnissen, zudem fiel uns eine Verstauungsmöglichkeit des Viechs ein. Gestern gab es als erstes Produkt daraus Pommes.

Vielleicht ein bisschen zu lange gebacken, aber sie schmeckten eher wie aus dem Backofen als aus der Fritteuse (Herr Kaltmamsell spricht seither von „geföhnte Pommes“).

§

Warum hat COVID-19 Italien besonders schwer erwischt und da vor allem die Lombardei? Kurzfassung der Antwort aus einer Analyse von n-tv: Das Gesundheitssystem, profitorientiert und korrupt.
„Klinik-System und Lega-Politiker
Italiens Corona-Katastrophe hat Verantwortliche“.

via @goncourt

§

Die wundervolle Judi Dench ist mit 85 das älteste Cover-Modell der britischen Vogue geworden. Wundert mich überhaupt nicht: Ich dachte schon vor 15 Jahren erst „wenn ich mal so alt bin, will ich so großartig aussehen“, um sofort zu erkennen „ach was, ich will jetzt so großartig aussehen“. Neben Fotos gibt es ein hinreißendes und ausführliches Portrait von Dame Judi, inklusive Links auf sehenswerte Bilderstrecken:
„The Judi Dench Interview: ‚Retirement? Wash Your Mouth Out'“.

§

Dr. Julia Riede ist Physikerin, die derzeit auf medizinische Frau Doktor studiert.1 Auf Twitter gibt es von ihr, was sie „Wortcomic“ nennt, als Erklärung von Impfung.

  1. Sagt man das eigentlich nur in Bayern? „Auf“ etwas studieren? Also auf Lehrerin, auf Doktor, auf Anwältin? Was natürlich nur bei Studiengängen funktioniert, an deren Ende ein klarer Beruf steht, was bei so geistewissenschaftlichem Geschmeiß wie mir nach Nennung meines Studienfachs regelmäßig zur Frage führte: „Und was bist na‘ dann?“ Nur als meine ehemalige Kinderärztin das fragte, reagierte ich ein einziges Mal passend mit der Antwort: „Eine schöne, kluge Frau.“ []
die Kaltmamsell

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