Journal Montag, 26. September 2022 – San Sebastián 11: Essen im Schulrestaurant des Basque Culinary Center

Dienstag, 27. September 2022 um 9:00

Wegen Tagesprogramm vorsichtshalber den Wecker gestellt, der mich um halb acht auch wirklich weckte.

Denn vor dem Hauptprogrammpunkt des Tages wollte ich noch genügend Zeit zum Bloggen und Joggen haben (“Blogg&Jogg” als Titel für eine Veranstaltung schützen lassen?).

Der Himmel sah bedrohlich düster aus, doch der Regenradar zeigte erst mittags Niederschläge an.

Der Lauf entlang der Concha war dann auch ganz herrlich und zum Teil sonnig. Bei niedrigster Ebbe traute ich mich erstmals statt den Tunnel zur Bucht Ondarreta den Weg untenrum über Strand und Felsen zu nehmen, der nur bei Ebbe passierbar ist.

Letzter Check an der Bushaltestelle vorm Haus nach Abfahrtszeiten des Busses, der uns zum Mittagessen bringen sollte – Erkenntnis, dass das so nicht stimmen konnte: Laut Plan würde der Bus anderthalb Stunden und viele Umwege für eine Strecke brauchen, die Google als eine gute Stunde Fußweg anzeigte. Ich gab auf und bat Herrn Kaltmamsell um eine neue Recherche von Null: Wie kommen wir zum Basque Culinary Center, sodass wir unsere Restaurant-Reservierung um 13.45 Uhr wahrnehmen können? Er fand über die Routenplanung von Google Maps innerhalb kürzester Zeit eine bessere Busverbindung.

Dieses Basque Culinary Center hatte ich bei der Urlaubsvorbereitung entdeckt, als ich nach den baskischen Männerkochclubs suchte, von denen ich schon viel gehört hatte. Etwas versteckt stieß ich auf das Restaurant der Studierenden, in dem auch Externe essen können, Reservierungsmöglichkeit immer am Anfang des Monats. Und so guckte ich Anfang September täglich danach, doch immer hieß es, das Restaurant sei noch in den Ferien. Erst als ich vergangene Woche hier in San Sebastián nachsah, war der Reservierungslink aktiv. Es gibt nur Mittagstermine, das Restaurant ist ja Teil des Unterrichts.

Das mit der Busverbindung war relevant, weil das Basque Culinary Center ziemlich weit draußen im Süden von San Sebastián in einem Technologiepark liegt: Dort passt es mit seinem akademischen und Forschungsanspruch auch hin.

Das Gebäude aus dem Jahr 2011 macht was her (sieht aber wie so viele zeitgenössischen Bauten nach wenigen Jahren an einigen Stellen bereits renovierungsbedürftig aus). Die englische Wikipedia bietet weitere Hintergrundinformationen zur Einrichtung.

Von hinten.

Von vorne. Ich musste an der Information einen jungen Mann in Laborkittel nach dem Weg fragen, um zum Restaurant zu finden.

Wir wurden an unseren Platz gebracht, unsere Bedienung stellte sich vor. Und dann aßen wir interessant und gut – am gefesselsten aber war ich von all den jungen Leuten um uns rum, von den Student*innen. Ich versuchte nicht zu sehr zu starren, hätte aber am liebsten von allen den persönlichen Hintergrund erfahren.
(Wenn die Anblicke gestern repräsentativ waren, sind flächendeckende Tätowierungen und viele Piercings bei ambitionierten Nachwuchsköchen aus der Mode gekommen. Allerdings bot Herr Kaltmamsell die Erklärung an, dass Männer mit Körperschmuck die Stationen des Kochenlernens markieren und Tätowierungen folglich erst bei älteren Köchen voll ausgebildet sind.)

Die Speisekarte war über QR-Code aufs Handy zu holen, aus Vor-, Haupt, und Nachspeise suchten wir uns jeweils eine aus – und wurden gebeten, möglichst nicht das Gleiche wie die Begleitung zu wählen.

Als Wein ließen wir uns einen Txakoli empfehlen, einen Itsasmendi 7: Frisch, viel Säure, Zitrusnoten, mit ein wenig Luft aber noch viel mehr.

(Ich habe Herrn Kaltmamsell bereits um Verzeihung für die Veröffentlichung dieser unvorteilhaften Aufnahme von ihm gebeten – aber es ist die einzige, die den Restaurant-Raum zeigt.)
Aperitivo waren für uns beide: Entenpastete (gleich mal mein Favorit), sowie Blumenkohl und Karotten in Sahnesauce mit ein wenig roter Paprika.

Als Vorspeise hatte Herr Kaltmamsell Reis mit Schnecken und Lamm bestellt, er wurde mit Minzschaum serviert. Ich hatte Linsen mit Bacalao. Wir konnten aus dreierlei Brot dazu wählen: Brioche, traditionelles Bauernbrot (das nahm ich: wirklich guter Weizensauerteig) und Vollkorn.

Hauptspeise: Bei mir gegrillte Lachsforelle mit Fenchel (sehr gut, nur die Haut etwas widerspenstig fest), bei Herrn Kaltmamsell gegrilltes Rind (Lende?) mit Kartoffelgratin und gegrilltem Chicoree.

Als Dessert hatte ich Baba al ron (bei dem mir Rum und Saftigkeit etwas fehlten) mit Pfirsich und – zweiter Favorit des Menüs – Schafsmilcheis. Herr Kaltmamsell hatte ein Apfeldessert bestellt: Apfeleis, Apfelkaltschale, Apfelstücke.

Zum abschließenden Café gab es Pralinen, ganz hervorragend. Zur Rechnung wurden wir gebeten, auf der QR-Code-verlinkten Site einen Fragebogen auszufüllen, als Feedback für die Studierenden, die gekocht hatten und im Service geübt. Zur Ausbildung gehört ja auch der Umgang mit den Gästen inklusive Smalltalk (ich kenne das von der Friseurausbildung), und so hatte der eine freundlich mit uns gescherzt, die andere sich erkundigt, woher wir kommen – gut gemacht!

Und ein schönes Klo hat’s da auch.

Wir verließen den Ort ausgesprochen vergnügt, ich kann das Erlebnis empfehlen.

Zurück in der Stadtmitte gingen wir auf ein paar Einkäufe in den Supermarkt, Urlaub in der Ferienwohnung machen auch Aufstocken von Kaffee, Klopapier, Küchenrolle nötig. Beim Feigenkauf in einem Obstladen wurde ich von der Besitzerin sowohl mit cariño als auch mit reina tituliert, die Liste ist abgehakt, ich kann beruhigt heimfahren.

Zeitunglesen in Decken gewickelt.

Abendessen: Apfel, Tomatensalat mit Zwiebeln, Käse mit Feigen und Brot, Schokolade und süße Gummis.
In den Nachrichten dazu: Überflutungen wegen extremer Regenfälle, in der Region Múrcia die stärksten seit den Wetteraufzeichnungen, auf den kanarischen Inseln halten die Regenfälle an.
Die Kampagne zur vierten Anti-Covid19-Impfung hat begonnen, erst mal für die Ü-80-Jährigen, Risikogruppen, Gesundheitspersonal: Spanien hat offensichtlich gewartet, bis ein Impfstoff zugelassen war, der auch Omikron abdeckt. Grippeimpfung empfohlen für alle über fünf Jahren.

§

Kennte ich den aktuellen Moderator nicht, hätte ich natürlich nie von diesem TV-Format erfahren, bin jetzt aber sehr angetan: Im Luxemburger Fernsehen gibt es die Show Generation Art, in der junge Künstler*innen gegeneinander in Challenges antreten und von einer Fachjury bewertet werden, in jeder Folge muss eine*r gehen. In dieser Staffel sind das Fotograf*innen, die erste Folge kann man in der Mediathek sehen:
“Déi éischt Episod mat engem kreativen Challenge”.

(Auf Luxemburgisch, mal ein anderes europäisches Sprachbad.)
Das Format ist sehr zackig und knapp, nichts riecht nach scripted reality, mich hätten oft noch mehr Details und Hintergründe interessiert – welch angenehmer Gegensatz zu all den internationalen Koch-, Back- und Dinnershows im Fernsehen, die ich nie durchhalte, weil sie mir viel zu detailreich, gestellt, und geschwätzig sind.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 25. September 2022 – San Sebastián 10: Baskische Schweinshaxe und Monte Igueldo

Montag, 26. September 2022 um 9:01

Ausgeschlafen aufgewacht.

Langes Bloggen zu Milchkaffee und leichtem Frieren trotz einiger Schichten Kleidung. Vorm Fenster der Ferienwohnung kam vormittags immer wieder ein Regenduscher runter, dann aber beruhigte sich das Wetter, die Sonne schien immer energischer.

Mir war weiter kalt; vor meiner Yoga-Runde wärmte ich mich erst mal mit sportlichem Hopsen auf, um nicht zähneklappernd zu starten. Die anschließende heiße Dusche machte mir dann richtig warm.

Ich ging raus auf einen café von leche mit Herrn Kaltmamsell. Machen wir uns nichts vor: Natürlich fallen wir in diesem Nachbarschafts-Café als Fremde auf. Fürs Mittagessen besorgte ich eine Stange Brot in einer kleinen Panadería, die nur bis zur Siesta-Zeit offen hat (wie in meiner Kindheit alle kleinen Panaderías): Neben der Tür zum Laden hatte ich durch eine offene Tür gesehen, dass direkt dahinter die Backstube liegt, dass hier wirklich selbst gebacken wird.

Das Mittagessen holten wir uns wie geplant zu spanischer Zeit nach zwei: Gleich ums Eck hatten wir Sonntag vor einer Woche gesehen, dass die Leute Schlange standen am Lokal Ama-Lur, weil dort Grillhänhchen, -wachteln (codorniz) und -schweinshaxen (codillo) verauft wurden. Wachteln waren leider schon aus (wir hätten reservieren sollen), wir kauften eine baskische Schweinshaxe.

Sie war nicht frisch vom Grill, deshalb mussten wir sie erst in der Mikrowelle aufwärmen, dann schmeckte sie gut: Anscheinend ein wenig gepökelt, keine Kruste (die Kartoffeln dazu waren aber nix). Nachtisch war restliche tarta de queso.

Sonntägliche Gemütlichkeit mit Lesen, bei dem überraschend schönen Wetter wollten wir aber doch raus: Besteigung des zweiten Bergs von San Sebastián, den westlichsten Monte Igueldo (der mit dem Turm, Vergnügungspark und Hotel auf dem Gipfel).

Unterwegs Nachholen des Solls an Pärchen-Selfies.

Die Flut war gerade am höchsten Punkt, es gab viel zu gucken.

Auf den Igueldo geht zwar auch eine Standseilbahn hoch, doch wir hatten mehr Lust auf Fußweg. Der Stadtplan führte uns in Serpentinen nach oben, wir bekamen solche Ansichten und Ausblicke:

Doch wir gelangten nicht an den Gipfel mit Hotel und parque de atracciones, der Weg war sehr gründlich und energisch gesperrt – wovor weder der Stadtplan noch ein Schild unten gewarnt hatte.

Die Alternative war eine nackige Autostraße, die von unten direkt zum Hotel führt – oder, dafür entschieden wir uns, die Standseilbahn. Also wieder runter.

Es lohnte sich, wie auch immer hochzukommen: Sensationelle Aussicht.

Der parque de atracciones war niedlich, aber durchaus von Familien genutzt.

Hinunter wieder mit dem schönen alten Funicular.

Kachel in der Talstation.

Schöner Spaziergang die Concha entlang zurück in die Wohnung.

Abendessen als Gegengewicht zum Mittagessen eine Schüssel Salat mit Zwiebel und Tomate. Und restlichen Gateau basque / pasteles vascos.

Im Bett startete ich meine nächste Lektüre: Die Handlung des oft empfohlenen Patria von Fernando Aramburu, Willi Zurbrüggen (Übers.) begann gleich mal in San Sebastián auf Straßen, die wir gestern entlanggegangen waren.

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Aus Interviews ging ja bereits hervor, dass Alan Rickmann intelligent, gebildet und wortgewandt war (für einen Weltklasse-Schauspieler durchaus ungewöhnlich – einen britischen vielleicht nicht ganz so, die haben traditionell und bis heute familiären Bildungshintergrund). Jetzt erfuhr ich, dass er auch Tagebuch führte – und der Guardian hat seine Tagebucheinträge zu den Harry-Potter-Drehs zusammengestellt (blöde, reißerische Überschrift):
“Alan Rickman’s secret showbiz diaries: the late actor on Harry Potter, politics and what he really thought of his co-stars”.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 24. September 20022 – San Sebastián 9: Markt im Regen, baskische Kultur und Kunst

Sonntag, 25. September 2022 um 10:08

Zu einem Regentag aufgestanden.

Nach Bloggen mit Morgenkaffee (es war eine wirklich gute Idee, die Cafetera zu kaufen) und Internetlesen machte ich mich fertig zu einer Laufrunde. Es regnete zwar immer wieder leicht, und ich hatte zur Schirmmütze keine Laufjacke dafür eingesteckt, doch dann würde ich halt nass.

Ernsthaft angeregnet wurde ich dann nur auf dem ersten Abschnitt – was bei Temperatur knapp unter 20 Grad wirklich nicht schlimm war. Ich machte mir lediglich um mein Smartphone etwas Sorgen, weil ich es mit kurzen Ärmeln nicht schützen konnte (bei langen lasse ich den Ärmel einfach über Hand und Telefon fallen).

Beim Vorbeilaufen sah ich, dass an diesem Samstag keine Marktstände auf der Plaza bei der Kirche San Ignazio aufgestellt waren, wie schade.

“Und was hast du auf Filmfestival in San Sebastián gemacht?”
“Ich bin dreimal morgens über den roten Teppich gejoggt.”
(Gestern Abend wurden die Preise verliehen.)

Folge des schlechten Wetters: Wenig Leute unterwegs, herrlich.

Herr Kaltmamsell recherchierte nach mercadillos in San Sebastián, also Märkten mit Ständen im Gegensatz zu denen in Gebäuden, wurde aber erst fündig, als er der Spur des großartigen Käsekuchens folgte und Verkaufsstellen fand, außerdem auf den Überblick eines Hotels stieß: Die paar Marktstände, die wir am Samstag zuvor an der Kirche San Ignazio gefunden hatten, wandern samstagsweise (“Mercado Itinerante de Productos”): Gestern fand der mercadillo auf der anderen Seite von San Sebastián statt, im Stadtteil Antiguo. Also marschierten wir zackig La Concha entlang eine halbe Stunde dorthin (Markt nur bis 14 Uhr).

Dass ich mit dem Regen bei meinem Lauf Glück hatte, merkte ich, als wir zu Einkäufen aufbrechen wollten: Es schüttete aus Kübeln, wir warteten lieber zehn Minuten.

Ein Schwarm Stehpaddler*innen.

Am Gemüsestand erkannten die Standler mich grinsend wieder, ich bekam einen Salatkopf dazugeschenkt, bat um Tomaten (grüne zum Nachreifen hatte er diesmal keine mitgenommen), milde Zwiebeln. Verabschiedet wurde ich mit “chavala” (in etwa “Burschin”), nahm ich einfach mal als Sympathiebekundung.

Foto: Herr Kaltmamsell.

Am Kuchenstand orderte ich neben tarta de queso auch pastel vasco, ein Viertel klassisch mit Creme gefüllt, ein Viertel mit Schokolade.

Foto: Herr Kaltmamsell.
(Ja, ich hatte die Papiertüte vom letztwöchigen Einkauf dabei.)

Herr Kaltmamsell kaufte Chistorra zum Braten fürs Abendessen.

An einem Stand mit Äpfeln, der die Woche zuvor nicht dabei war, sah ich interessante Sorten. Unter anderem war das Centerpiece ein gigantisches Exemplar mit einer mir unbekannten Apfelform. Auf den deuteten wir als Erstes – und bekamen vom Standler gleich mal eine Wette angeboten: Wenn wir das Gewicht des Apfels korrekt schätzten, bekämen wir ihn geschenkt. Wir schätzten, Standler und seine junge Mitarbeiteriin schätzten ebenfalls – die Waage ergab 540 Gramm, der Standler hatte am nächsten gelegen. Auf meine Frage erzählte er, dass es sich um die französische Sorte Jumbo handle, er habe die jungen Bäume zum Einpflanzen selbst aus Frankreich geholt. Die Bäume seien klein und pflegeleicht, trügen riesige Früchte. Er griff hinter sich nach einem weiteren solchen Kawenzmann und schnitt Schnitze zum Probieren runter: Ausgezeichneter Geschmack. Von dem guten Dutzend weiterer Sorten in seinem Angebot kaufte ich dann noch ein Kilo Renetten.

Das war alles sehr aufregend, ich fühle mich bei solchen Transaktionen auf Spanisch alles andere als souverän.

Im jetzt wieder heftigen Regenguss huschten wir unter unseren Schirmen in ein nahe gelegenes Café auf einen café con leche. Die Dame hinter der Theke begrüßte mich gleich mal als bonita – ich habe hier ohnehin ständig Brighton-Flashbacks, dort wird man als Kund*in ja gerne mal mit “love” angesprochen. (Nein, das würde im Deutschen nicht funktionieren.) Um uns herum war das dominante Smalltalk-Thema das Wetter, dass es so regnerisch und kalt bleiben soll, nächste Woche tendenziell noch schlechter.

Zurück in die Ferienwohnung spazierten wir gemütlicher, gingen auch neugierig nach links oder rechts zum Gucken. Schirm brauchten wir aber für die ganze Strecke, zum Teil kübelte es heftig. Wir kamen entsprechend nass trotz Schirm an.

Ich hängte erst mal Wäsche auf, nach drei gab es Frühstück für mich: Roggenbrot mit Butter, die restlichen Feigen aus Saint Jean de Luz (wunderbar) mit Joghurt.

Trocknend und eingemümmelt in eine Decke gelesen.

Programm für den späteren Nachmittag war das Museo San Telmo, das zum einen baskische Geschichte zeigt, zum anderen eine viel beachtete Sonderausstellung, die Werke der Basken Jorge Oteiza and Eduardo Chillida aus den 1950ern und 1960ern einander gegenüberstellt.

Trocken angekommen.

Wir starteten mit der Sonderausstellung (in der man nicht fotografieren durfte). Unter anderem gelernt:
– Wer in den spanischen 1950ern abstrakte Kunst mit religiösen Themen begann, tat sich einfach mit Reduktion – die christliche Ikonografie war so bekannt und Teil der Kultur, dass ein erkannbares Detail genügte, um verstanden zu werden.
– Zwei Künstler kamen aus komplett unterschiedlichen Absichten und Haltungen (wenn die hochintellektuellen bis verquasten Erklärungen in der Ausstellung zutrafen) zu verwechselbar ähnlicher Kunst.

In der einstigen Klosterkirche sahen wir die Dauerausstellung “Von Kloster zu Museum”: 1932 war das damals schon lange aufgegebene Kloster als Ausstellungsort für die Auftragsarbeiten von José María Sert wiedereröffnet worden, riesige, in den Kirchenraum eingepasste Ölbilder.

Sie alle zeigen Errungenschaften des Baskentums (darin exakt eine Frau: im Bild Hexenprozesse), ich fand dieses unhinterfragte Denkmal für Nationalismus sehr seltsam.

Das obere Stockwerk stellte sich als Heimatmuseum für baskische Geschichte und Traditionen heraus – das wiederum hochinteressant, der Bogen wurde bis zu erfolgreichen baskischen Marken wie die Limonade Kas geschlagen. Gelernt: Frauen gab es in der baskischen Geschichte erst ab ihrer Einforderung des Wahlrechts, vorher ausschließlich Männer.

Wir kamen erst nach acht zurück in die Ferienwohnung, wieder trocken. Abendessen bestand aus Salat mit Tomate, Zwiebel und einer roten Paprika, gebratener Chistorra. Dessert war das lokale Kuchen-Trio.

Die baskischen Kuchen kein Vergleich mit dem Gateau basque aus Saint Jean de Luz (gute Hausmacher-Qualität vs. Spitzen-Patisserie), aber die tarta de queso war auch diesmal exzeptionell.

Dazu guckten wir wieder Fernsehen. Festhaltenswert ist die aktuelle TV-Kampagne der Regierung, die Zukunft nicht immer nur negativ zu sehen und sie sich wieder besser vorzustellen:
#Bastalasdistopías

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/oqv_P-QU7sA

(Kann ich in keiner Weise einordnen, dazu kenne ich mich in spanischen Regierungs- und Kommunikationsgewohnheiten viel zu wenig aus.)

§

Katatonik gibt Einblicke in universitäre, in akademische Welten, die sich dann doch sehr vom Planeten Freie Wirtschaft unterscheiden. (Und mir unter anderem klarer machen, warum in meiner Arbeitsumgebung an der Schnittstelle zwischen beiden Systemen so viele ganz eigene Spannungen entstehen.)
“Wochensprünge”.

Stelle mir jetzt eine Gesprächsrunde aus @Hystri_cidae, katatonik, @adelhaid und @2or8isok vor – alle vier sehr verschiedene Menschen, verschiedene Fachgebiete – aber alle vier Geisteswissenschaftlerinnen und Bewohnerinnen dieser deutschsprachigen Uni-Welt. Dabei wäre ich sehr gern Mäuschen unterm Tisch.

§

Es gibt eine Branche, die in dieser Covid19-Pandemie minutiös mitverfolgt, welche Maßnahmen gegen Infektion/Verbreitung am effizientesten sind, und sie beinhart und konsequent umsetzt – nicht aus wissenschaftlichem, sondern aus kaltem kapitalistischen Interesse, weil so richtig viel Geld auf dem Spiel steht. Also eben nicht die Gesundheitsbranche, sondern – die Film- und Fernsehindustrie: Schauspieler*innen dürfen wirklich, wirklich nicht ausfallen. Ein Twitter-Thread mit Details und Beispielen.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 23. September 2022 – San Sebastián 8: Saint Jean de Luz, Regen in San Sebastián

Samstag, 24. September 2022 um 9:04

Aufgewacht in einer wunderschönen, frisch renovierten und eingerichteten Ferienwohnung – ich freue mich immer ganz arg davon zu profitieren, dass andere Menschen Geschmack haben.

Ich hatte tapfer meinen Badeanzug eingesteckt (tapfer, weil ich ja eigentlich zwei Themen mit Schwimmen im Meer habe: 1. Salz, 2. Sand), doch der Himmel hatte zugezogen, es war sehr kühl, nicht mal die fast täglich schwimmende (ja, auch im Winter) Gastgeberin war in Wasserlaune.

Wir spazierten zur Markthalle, tranken in einem angrenzenden Café unsere verschiedenen Morgenkaffees.

Marktspaziergang, besonders interessierten mich die Stände der Gemüseanbauer und sonstigen Selbsterzeuger, die dienstags und freitags ihre Ware um die Markthalle anbieten. Zu meiner großen Freude bekam ich endlich heimische Feigen, klein und fast schwarz.

In der Chocolaterie Henriet (in der selbst die Luft Schokoladen-haltig ist) kaufte ich einen Gateau basque mit Kirschen, außerdem eine absolut abgefahrene Spezialität, die ich aber geheim halte, um Mitlesende damit überraschen zu können.

Abschied von Gastgeber und Gastgeberin, Herr Kaltmamsell besorgte Zugtickets für die Rückfahrt – mit ein wenig Komplikationen, die einen Besuch des Schalters erforderten (die supernette Bahn-Angestellte kam extra nochmal raus, um uns zu zeigen, wo genau der Zug zum letztendlich gekauften Ticket abfahren würde). Die Fahrt selbst verlief ereignislos, der Himmel blieb düster.

Auf dem Weg vom Bahnhof zur Ferienwohnung besorgte ich Brot: Eine winzige Biobäckerei bot auch dunkle Laibe Roggenbrot an.

Zurück in der Wohnung Bloggen über nochmal café con leche. Frühstück kurz vor drei war dann ein Apfel, Roggenbrotscheiben (dicht und sauer wie Selbstgebackenes, offensichtlich 100 Prozent Roggen, wahrscheinlich darin auch Vollkorn-Roggen) mit Queso fresco de Burgos und mit Nocilla.

Während daheim in Deutschland die Frage “Heizt ihr schon?” eine noch nie dagewesene Bedeutungsschwere hatte, war mir in der Ferienwohnung kalt. Bei Außentemperatur von 19 Grad am Apothekenthermometer unten an der Straße wahrscheinlich nicht so sehr wie daheim, aber ich entsann mich der bereitgestellten Flauschdecken.

Draußen setzte Regen ein, leicht, aber ausdauernd. Wir mümmelten uns also beide ein und lasen. Am späten Nachmittag turnte ich ein Runde Yoga, die besonders gut tat. Ich verließ das Haus noch für ein paar Lebensmitteleinkäufe in einem kleinen Bio-Supermarkt (auffallend viele deutsche Produkte), spazierte bei der Gelegenheit auch mal den Surferstrand Zurriola zu Ende, der Regen machte gerade Pause.

Ich genieße sehr, dass die Küche dieser Ferienwohnung überraschen viele Vorräte bereit hält, unter anderem offenen Roibush- und Früchtetee, die dem Geruch nach sogar frisch sind. Nach meinem Spaziergang konnte ich mir eine Tasse Tee kochen. (Außerdem gibt es Zucker, Essige, Olivenöl, Salz, ein paar Gewürze – wir können tatsächlich kochen.)

Zum Abendessen gab es restlichen Käse mit frischen Feigen, rote Paprika und Roggenbrot mit Butter, außerdem ein Glas Wein Habla del Silencio (eine gefällige Cuvée).

Nachtisch war der Gateau basque.

Ja, der Mürbteigkuchen mit Marmeladenfüllung hatte etwas von Crostata, doch enthielt der besonders köstliche Mürbteig Mandeln und bestand die Füllung aus den heimischen schwarzen Kirschen.

Dazu Bildungsprogramm: Spanisches Fernsehen, Schwerpunkt Nachrichten.
– Durchaus interessant, mal anderssprachige Korrespontentinnen aus der Ukraine zu sehen und zu hören.
– Thema Rechtsruck in Schweden: Es scheint nicht schwer zu sein, des Spanischen mächtige Politologen zu finden, die Schlaues in die Kamera sagen können. Einfacher wohl als in Italien (Wahlen mit voraussichtlich rechtsextremem Ausgang auch hier Thema).
– “Luz” (Licht) sagt also nicht nur meine alte spanische Tante für elektrische Energie: Wenn der aktuelle Preis für luz in kW/h eine eigene Meldung war, ist das wohl die offizielle Bezeichnung für Strom.
– Überschwemmungen nach heftigen Regenfällen in Tarragona sind mittlerweile nur noch hintere Nachrichtenplätze.
– Kurz vor dem Bericht über die gestrigen Fridays-for-future-Aktionen, hier heißt die Bewegung Juventud Por El Clima.

(Nebenbei: Durchaus interessant, welche spanischen Ausdrücke ich mich so sagen höre, deren Kenntnis ich vorher bestritten hätte. Über den Brexit oder aktuelle Energiepolitik möchte ich mich mangels Sprachgewalt bitte auch weiterhin nicht auf Spanisch unterhalten müssen, aber beim Einkaufen laufe ich mich eindeutig warm.)

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 22. September 2022 – San Sebastián 7: Saint Jean de Luz

Freitag, 23. September 2022 um 14:50

Früh aufgewacht. War mir recht, denn ich hatte Einiges wegzubloggen.

Gestern waren wir im französischen Baskenland verabredet, in Saint Jean de Luz. Vor unserer Abfahrt war aber noch genug Zeit für einen Morgenlauf – die Strecke donnerstags deutlich leerer als am Sonntag, klar.

In der Bucht La Concha lag ein sehr malerisches Segelschiff vor Anker – ich gehe von einem instagram-Service aus.

Also gleich mal eine verkünstelte Perspektive gesucht.

Ich lief leicht und mit Genuss, hoffe auf noch einige Wiederholungen (die mir unter anderem ermöglichen zu verifizieren, dass hier unter Läuferinnen nicht gegrüßt oder auch nur gelächelt wird – was mich ein bisschen traurig macht).

Kurz nochmal raus auf einen café vcon leche, dann Spaziergang zum Bahnhof Amara, weil wir mit Euskotren reisten (nicht mit Renfe vom Hauptbahnhof). Mit dem Zug kamen wir gegen halb drei in Saint Jean de Luz an. Seit Jahren schwärmt Joël davon, jetzt lud er uns in die Ferienwohnung der D. ein, die sich ebenfalls Zeit für uns genommen hatte.

Wir sahen uns in dem entzückenden Ort um, besichtigten den ungewöhnlichen Innenraum der Kirche Saint Jean Baptiste.

Kleine Geschäfte mit Köstlichkeiten (Gateaux! Schokolade!) und interessanten Dingen (u.a. Kleidung, Strandtücher), vor allem aber ein wunderschöner Strand. Und die Häuser sehen deutlich anders aus als auf der spanischen Seite des Baskenlands. (Wenig Fotos, weil ich mit Geselligkeit beschäftigt war.)

Spaziergang entlang der Promenade in herrlichem Sonnenschein (der ganz schön wärmte, wegen abweichender Wettervorhersage war ich mit langen Ärmeln zu warm angezogen), ein Getränk auf der Terrasse des Grand Hotels mit wunderbarer Aussicht, mehr Spaziergang durch die Gässchen, Aperitif auf dem Rathausplatz (ich lernte den bitteren Enzian-Likör Suze kennen und mögen).

Fürs Nachtmahl hatte Joël einen Tisch in seinem aktuellen Liebling Bidaian reserviert, einem winzigen Lokal (das Personal bestand aus 1. Koch und Wirt sowie 2. einem Kellner). Wir aßen und tranken ganz ausgezeichnet.

Tomate gefüllt und Tomaten-Essenz.

Schwertmuschel.

Hühnchen mit eingelegten Kirschen (sehr gute Kombi) in Filoteig.

Seehecht und herrliches Gemüse.

Dazu einen Weißwein Bourgogne Aligoté aus dem Burgund von Fanny Sabre: Fruchtig und blumig in der Nase, am Gaumen dann aber supertrocken rass und animalisch, entwickelte sich mit Luft auch noch interessant, vertrug sich besonders gut mit dem gedämpften Fisch.

Als Dessert gebratene Zucchiniblüte und gesalzenen Ziegenfrischkäse mit Feige und Feigenmarmelade (gegenüber ein Kastanien-Dessert).

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 21. September 2022 – San Sebastián 6: Bilbao mit Guggenheim-Museum

Donnerstag, 22. September 2022 um 8:47

Wieder Wecker gestellt, um vor dem gestern aber wirklich stattfindenden Ausflug nach Bilbao fertigbloggen zu können.

Ich sah der Stadt vorm Fenster wieder beim Erwachen zu.

Wir machten uns auf zum 9:45-Uhr-Bus nach Bilbao – und fanden erst mal den Busbahnhof nicht. Laut Karte lag er direkt gegenüber vom Bahnhof, aber da war nichts. Wir fragten einen Linienbusfahrer bei der Rauchpause, der uns freundlich informierte: Der Busbahnhof liegt unterirdisch – wenn man das mal weiß, ist er ganz leicht zu finden.

Bilbao hatte ich auf Spanienfahrten meiner Kindheitsurlaube beim Passieren kennengelernt, ich erinnerte mich an nass, dunkel, Industrieanlagen. In den Medien hatte ich interessiert die Verwandlung der Stadt durch die Ansiedlung des europäischen Guggenheim-Museums verfolgt, gestern sah ich, dass es 2022 bereits 25 Jahre Bestehen feiert.

Eine gute Stunde Fahrt im voll besetzten Doppeldeckerbus (WLAN, reichlich Steckdosen, an jedem Sitz ein Bildschirm mit Medienangebot und Browser, kontrollierte Maskenpflicht), draußen grüne Landschaft mit Eseln, Schafen, Kühen und beeindruckenden Bergen. Vom Busbahnhof in Bilbao waren es 25 Minuten Fußweg durch herrliche Herbstsonne (frisch!), vorbei an einigen Baustellen und am Fußballstadtion, bis die ikonische Silhouette vor uns auftauchte.

Und wir kamen hinter das Geheimnis, wie die Fotos von fotografierenden Instagrammerinnen entstehen, #boyfriendsofinstagram.

Unkomplizierter Einlass, ein Audio-Guide per QR-Code aufs Handy (mit nur mittelbequemer Navigation). Ich wollte erst mal das gigantische Werk The Matter of Time von Richard Serra sehen, das Auftragswerk, für das der größte Raum des Museums erbaut worden war, aus Stahl, dem Material, das wie kein anderes für die Industriegeschichte des Baskenlandes steht. Den Audioguide stellte ich gleich mal ab. Vorschlag: Kunsthistoriker*innen, die in Museumstexten zu Kunstwerken emotionale Reaktionen vorschreiben, wird umgehend der Uni-Abschluss entzogen.

Ich verbrachte eine gute halbe Stunde mit The Matter of Time, erst störrisch wegen des Überfalls mit Riesigkeit (Überwältigungskunst), doch als ich durch jede Passage ging, jede Seite der Stahlplatten besah (nichts davon verankert, fällt trotzdem nicht um), überwog immer mehr der Charakter eines riesigen Spielplatzes: Wie viele Wege es gab! Wie unterschiedlich die Oberflächen desselben Materials aussahen! (Auf instagram habe ich einige zusammengestellt.) Und wie viel Vergnügen die Besuchenden offensichtlich daraus zogen, zum Beispiel die Räume auf Echo testeten.

Am besten zum Titel des Werks passte für mich dieser Anblick:

Staubflusen oben auf einer Schräge. Ich ließ sie tanzen durch kräftiges Pusten zwei Meter in die Höhe.

Wir gingen durch die weiteren Stockwerke des Hauses. Die Ausstellung ist übersichtlich, der Richard Serra als Centre Piece kann sich voll entfalten. Und die Übersichtlichkeit macht Auswahl und Entscheidungen überflüssig, in drei Stunden lässt sich alles würdigen (wenn man, wie wir, einen Bogen um die zeitraubende Multimediakunst macht, derzeit The Otolith Group. O Horizon).

Fast schon rührend der wiederholte Hinweis des Audio Guides, wie viel Arbeit und Forschung hinter den Tulips von Jeff Koons stecken – ein bisschen Rechtfertigungsgefuchtel. Hier wurde mir klar, wie sehr die Besuchenden im Guggenheim Bilbao Teil der Kunstwerke sind.

Und das zentrale Kunstwerk dieses Museum ist das Gebäude. Wir besahen es abschließend ausführlich rundum.

Unser Bus zurück fuhr erst am Abend, wir hatten reichlich Zeit, uns noch in Bilbao umzusehen. Die Altstadt mussten wir auf der Karte erst mal suchen, fündig wurden wir mit der Eingabe “Kathedrale” – und stellten fest, dass sie ein ganzes Stück entfernt liegt, eine halbe Stunde Fußweg entlang dem Fluss Nervión (schöner Geh- und Fahrradweg). Das muss man wissen, zufällig gerät nach dem Besuch des Guggenheims niemand dorthin – so fürchte ich, dass die Bekannte, die vor meiner Reise über das restliche Bilbao sagte, es sei eher untineressant, dort gar nicht war.

Nach meinem Dublin-Besuch erkannte ich als Urheber dieser Fußgängerbrücke Santiago Calatrava von selbst.

Die Altstadt um die Kathedrale erwies sich als sehr hübsch renoviert und malerisch, allerdings sahen wir viele leer stehende und aufgegebene Läden – das kann damit zu tun haben, dass die Besucher*innen des Guggenheim nicht herfinden. (Und kann natürlich ebenso eine Auswirkung der Corona-Schließungen sein.)

Wir ließen uns vor einem Café nieder, nach einem Apfel unterwegs brotzeitete ich hier ein Stück Tortilla (ohne Zwiebel!) mit Brot. Ich las Zeitung, Herr Kaltmamsell beobachtete Umgebung und Menschen.

Den Rückweg zum Busbahnhof spazierten wir in einer großen Schleife, wir hatten noch reichlich Zeit.

Abfahrt nach San Sebastián mit Verspätung, der Bus war verspätet eingetroffen.

In San Sebastián kam ich sehr hungrig an. Ich wollte dem Pinxtos-Essen in der Altstadt nochmal eine Chance geben. Wir steuerten im Marschschritt die Straße 31 de Agosto an, von der es hieß, hier sei jede Pinxtos-Bar verlässlich gut. Was man offensichtlich allen, allen Besuchenden erzählt hatte, wir hörten praktisch kein Spanisch oder Baskisch. In einem einladenden Bar bekamen wir sofort einen Tisch und Wein, auch Pinxtos.

Schmeckten gut! Herr Kaltmamsell holte eine zweite Runde, ich bestellte nochmal Wein. Weil ich sie in der Auslage gesehen hatte, bat ich als Dessert um tarta de queso.

Hatte eine ganz andere Textur als die vom Markt am Samstag, nämlich gar nicht cremig, schmeckte auch ganz anders, nämlich intensiv nach Butter. Die tarta de queso vom Markt mochte ich lieber, das ist aber schlicht persönlicher Geschmack.

Doch auch hier und auch im Sitzen fühlte ich mich ein wenig gehetzt und auf dem Sprung – und ich esse einfach so viel lieber ganz in Ruhe. Leider fürchte ich: Diese Art der Nahrungsaufnahme wird nie meine präferierte werden.

Außerdem erscheint es mir eine gute Idee, die Altstadt künftig für Essengehen möglichst zu meiden: Dorthin werden offensichtlich derart konsequent und überzeugend Touristen geschickt, alle für dieselbe Spezialität jeweils zum selben Lokal, dass das für mich (ganz persönlich! keine Wertung!) nichts mehr Genuss und Neugier zu tun hat, sondern wie eine Vorführung wirkt (Assoziationen mit der Show im Moulin Rouge). Dass wir vor dem Restaurant La Viña eine achtköpfige Touristengruppe älteren Semesters (also unseren Alters) stehen sahen, die um neun Uhr abends alle Käsekuchen auf ihren Tellern hatten, weil halt in jedem verdammten Kulinarik- und Reiseführer steht, dass der in La Viña “der beste” ist (im Vergleich zu welchen zum Beispiel?), fand ich grotesk.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 20. September 2022 – San Sebastián 5: Ruhetag mit Rumgucken

Mittwoch, 21. September 2022 um 7:51

Wieder gut geschlafen, erfrischt aufgewacht.

Bloggen mit den Hühnern, hier wird es erst um acht hell. (Liegt ja auf der Breite von Wales, aber in einer anderen Zeitzone.)

Ich hatte Tickets fürs Guggenheim-Museum in Bilbao besorgt, und zwar für den Zeit-Slot 13.30 Uhr – genug Zeit für einen gemütlichen Vormittag und für Buchen eines Busses nach Bilbao (es gibt keine direkte Zugverbindung), dachte ich. Was sich aber als Irrtum herausstellte, als Herr Kaltmamsell auf meine Bitte die Busverbindungen recherchierte: Wir hätten um 9.45 Uhr vom Busbahnhof abfahren müssen, denn die zahlreichen Überlandbbusse überall hin, die ich auf der Basis von Erfahrungen vor 30 Jahren vorausgesetzt hatte, gibt es wohl nicht mehr.

Wir entschieden uns dagegen, alles liegen und stehen zu lassen, um diesen Bus zu erreichen, und dafür, die Museum-Tickets verfallen zu lassen (innerlich als Spende für Kultur verbucht). Statt dessen zogen wir den für Mittwoch geplanten Ruhetag vor. Ich brauchte allerdings eine Weile, um über mein planerisches Versagen hinweg zu kommen.

Also gemütlicher Vormittag, an dessen Ende wir raus in die Sonne gingen (wolkenlos, aber es wird ganz langsam kühler).

Ein café von leche im Viertel (nur je 1,50 €, die Münchnerin schluchzt auf – ein kleines Craft Bier kostet aber wie in München 3,50 €), dann versuchten wir, einen bestimmten Bar wiederzufinden, an dem die Anwohnenden am Sonntagmittag Schlange für Mitnehmessen gestanden waren, unter anderem für gegrillte Wachteln. Gefunden, dann weiterspaziert zu einem möglichst großen Supermarkt hinterm Bahnhof, in dem wir gründlich Landeskunde betrieben.

Unter anderem lernten wir, dass auch hier Buchweizen gegessen wird (trigo sarraceno), dass es Nocilla (hiesige Hauptquelle für Trinkgläser) jetzt auch aus dunkler Schokolade gibt und dass man einen Frischkäse “queso fresco de Burgos” kaufen kann, der Lab als Zutat aufführt. Letzteren nahmen wir neben weiteren Lebensmitteln gleich mal mit.

Mein Frühstück um halb drei zurück in unserer Ferienwohnung: Die letzte Markttomate mit Salz und Olivenöl, Maisbrot, Burgos-Frischkäse – der mir wie eine Mischung aus Ricotta und Manouri vorkam und gut schmeckte.

Wir lasen beide eine Weile, bis wir nochmal zu einer Runde Frischluft und Kultur rausgingen. Auf dem Weg kamen wir in der Altstadt an wunderbar altmodischen Geschäften vorbei, vorgemerkt für die abschließende Runde Einkäufe vor Heimfahrt (die perfumeria mit riesigen Flaschen Duftwasser! der Schokoladenladen mit selbst gemachten turrones!).

Kultur war dann das Diözesanmuseum, in dem mittelalterliche, moderne und zeitgenössische religiöse Kunst aus zehn Jahrhunderten nebeneinandergestellt wird: Gut gemacht und genau der Bruch mit Sehgewohnheiten, den ich an Kunst mag.

Nachdenken über Materializität von Kunstwerken und darüber, was von der Ausstellungsumgebung dazugehört (nur der Rahmen? auch die Staffelei?).

Heiliger Sebastian.

Das Kirchenschiff wurde volle Kanne beschallt von wechselnder sakraler Musik vom Band (als “Richte Mich, Gott” von Felix Mendelssohn Bartholdy ertönte, sang ich halt ein bissl mit).

Auf dem Rückweg eine zeitgenössische Pietá an der Kirche San Vicente entdeckt, der ältesten in San Sebastián.

Stein am Urumea.

Wir kehrten in einem Bar in unserem Viertel auf ein Pale Ale / ein lokales IPA ein.

Abendessen kochte Herr Kaltmamsell und beseitigte damit mein schlimmes Linsen-Defizit. Er verwendete Wammerl, das er am Samstag auf dem Markt gekauft hatte, Lauch und Aubergine – das Resultat schmeckte ausgezeichnet. Für Nachtisch war noch genug Schokolade da.

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Gestern fotografierte ich den ganzen Tag gezielt Typografie: Es gibt nämlich eine baskische Schriftart, die wollte ich festhalten. Ich habe einige Aufnahmen in einer instagram Story zusammengestellt, schaun Sie mal ob der Klick darauf funktioniert. Nachtrag: Ich heiße auch auf instagram Kaltmamsell.

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Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach platzt der Kragen:

Ich bin es so satt. Immer, wenn es um Veränderungen im Öffentlichen Verkehr (Bus, Bahn etc.) geht oder um ein preiswertes Ticket wie aktuell, werden wir Menschen auf dem Land in Geiselhaft genommen von denen, die möglichst nichts daran ändern wollen, dass unsere gesamte Infrastruktur für eine Kostenloskultur und Gratismentalität rund ums private Auto ausgelegt ist.

Der ganze Text:
“Lasst uns Landmenschen da raus”.

die Kaltmamsell

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