Journal Freitag, 5. März 2021 – Umzugstag, es gibt Überlebende – #WMDEDGT

Samstag, 6. März 2021 um 7:33

Zwar kein Alltag, aber trotzdem ein Beitrag zu Frau Brüllens Initiative #WMDEDGT – Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, mit der sie an jedem 5. des Monats Tagebuch-Blogposts sammelt.

Gemein schlechte Nacht, das Sorgen- und Angstkarussell war mit tausend Unwägbarkeiten und Problemen des Umzugs gut besetzt. Um fünf erklärte ich die Nacht für beendet, duschte, zog mich wieder in Sportkleidung an, veröffentlichte den Blogeintrag, sah, dass es draußen tatsächlich zum ersten Mal seit Wochen regnete.

Räumen und Tragen, bis die Umzugsfirma pünktlich kurz vor sieben eintraf, fünfköpfig. Herr Kaltmamsell übernahm oben in der neuen Wohnung die Richtungsweisung, ich war unten in der alten ansprechbar und erklärte dem Chef Grundsätzliches (was muss hoch, was ins Lager, was bleibt erstmal und wird selbst umgezogen), das er gleich an seine Truppe weitergab.

In den folgenden Stunden war wenig für mich zu tun, ich machte vor allem sauber, wo Möbel und Kisten gestanden hatten. Gerne hätte ich mit Herrn Kaltmamsell Kontakt per Walkie Talkie gehalten, doch er reagierte auf mein Ansinnen mit: „Sind wir 12?“ (JA! Meine innere Zwölfjährige ist sehr lebendig, und „over!“ habe ich schon seit viel zu vielen Jahren nicht mehr gesagt!) (Für die App hätten wir Internet gebraucht, waren aber genau gestern zwischen Internetzugängen, weil auch die umzogen.) Ging natürlich auch so.

Eine schnelle Scheibe Brot, damit ich nicht schon um zehn umfiel. (Ich hatte morgens völlig benebelt nach der schlimmen Nacht Herrn Kaltmamsell gefragt: „Du sagst mir, wann ich zusammenbrechen darf?“ Er antwortete bedauernd: „Auf jeden Fall nicht vor Mittag.“)

Den meisten Aufwand erzeugte wie erwartet das Zerlegen der Küche. Der Profi, der sich hauptsächlich darum kümmerte, machte immer wieder Zwischenmeldung („Den Spritzschutz werden Sie wahrscheinlich nicht mehr verwenden können.“ „Die alten Küchen waren einfacher abzubauen, aber so eine neue, teure macht Arbeit.“) Ich las hin und wieder Twitter und war komplett überfordert mit Markus Söders Wortgeburt „atmende Öffnungsmatrix“.

Gegen halb zwölf war das meiste, das nach oben kam, hochgetragen, und die erste Ladung Küche war im Transporter verstaut. Der Regen hatte sich vor einer Weile in Schnee verwandelt, für meine 3/4-Laufhose war es eigentlich zu kalt. Ich traf mich mit den Umziehern bei den Freunden, die die Küche im Keller einlagern. Während die Herren arbeiteten, plauderte ich im Warmen mit den Freunden.

Und so war es gerade mal zwei, als wir uns am Lager von der emsigen und freundlichen Truppe verabschiedeten. Auf dem Heimweg stoppte ich mit Herrn Kaltmamsell beim Bäcker, daheim gab es nachgeholten Milchkaffee und Kuchen.

Gerne ging ich auf dem Vorschlag von Herrn Kaltmamsell ein, mich ein Stündchen hinzulegen (für Bettbeziehen war Zeit gewesen).

Mein altes Schlafzimmer, ausgeräumt.

Neues Schlafzimmer, erst mal alles irgendwie reingestellt, weil der Wandschrank noch gebaut werden muss.

Danach war ich munter genug für Einräumen, zumindest ein Geschirrschrank war nun wieder bestückt. Ich fühle mich ein wenig lächerlich, dass ich um einen einfachen Umzug, noch dazu im selben Haus, so viel Gewese mache, andere ziehen ständig um, zwischen Städten, und das auch noch mit Kind und Kegel. Aber seit den Studienjahren, in denen ich darauf achtete, immer nur so viel Zeugs zu besitzen, dass ich es jederzeit im Keller meiner Eltern hätte unterstellen können, um ganz weit weg zu gehen, sind offensichtlich ein paar Leben vergangen.

Man hört die Kirchglocken lauter (ich mag Kirchenglocken, das konnten selbst die 9 Monate mit Schlafzimmerfenster 30 Meter von den Glocken der Augsburger Barfüßerkirche nicht ändern), dafür die klavierspielende Nachbarin leiser. Und jetzt gucken wir aus der richtigen Höhe aus dem Wohnzimmerfenster, um die Distelfinken nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen.

Herr Kaltmamsell stürzte sich trotz der Anstrengungen des Tages ins Kochen und servierte Wirsinggemüse mit Manouri, ich steuerte als Nachtisch Grapefruitjoghurt bei.

Früh und erschöpft zu Bett. Für die erste Übernachtung in neuer Wohnung ließ ich den Rollladen oben, um den Ausblick vom Bett aus genießen zu können. Und ich wollte ohnehin so früh aufstehen, dass mich das erste Morgenlicht nicht stören würde.

§

Schnellstartenden Brummfolk suche ich manchmal, in bluesiger, aber eben nicht in hysterischer Stimmung, also gerne tendenziell traurig, aber robust. Ich will mich ja nicht aufgeben, ich will nur einen gewissen Unfrohsinn passend untermalen und mich dabei grob verstanden fühlen. Aber kann man danach vielleicht bei Spotify suchen, nach diesen ganz schlichten, sicher nachvollziehbaren und auch leicht zu fassenden Kriterien? Natürlich kann man das nicht.

Ich weiß verlässlich, dass sich unter meinen Leser*innen musikhörendes Volk befindet, vielleicht kann jemand Herrn Buddenbohm mit Folk-Tipps unter die Ohren greifen?

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 4. März 2021 – Endspurt zum Umzug

Freitag, 5. März 2021 um 5:58

Recht gute Nacht, eine Erleichterung.

Morgens gönnte ich mir zwei gemütliche Stunden, dann duschte ich und zog leichte Sportkleidung an – der Tag würde sehr körperlich werden. Herr Kaltmamsell musste gestern in die Schule, ich arbeitete mich vom Wintergarten in Uhrzeigersinn vor: Leergeräumte Schränke putzen, Dinge hochtragen, weiterputzen.

Der Umgang mit bereits grundgereinigten Küchenteilen (Kühlschrank, Spüle – jede Gebrauchsspur sofort wegputzen) erinnerte mich an meine Kindheit mit Jahreswagen. Mein Vater arbeitete bei Audi, das Prinzip Jahreswagen basiert auf den vergünstigtem Autopreisen für Mitarbeitende, die an die Bedingung geknüpft waren, dass der Wagen erst nach zwölf Monaten weiterverkauft werden durfte. Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen hatte mein Vater das Ziel, das Auto möglichst gut weiterzuverkaufen und ständig ein ganz neues Auto zu fahren. Die Folge: Autos waren bei uns nie Gebrauchsgegenstände oder gar Familienmitglieder, sondern wurden mit Glacéhandschuhen und auf Zehenspitzen genutzt: Fahren war ok, doch um Gottes Willen vor Einsteigen Schuhe abputzen, nichts anfassen, auf keinen Fall jemals darin essen oder trinken, denn selbstverständlich war das Ziel, den Wagen nach zwölf Monaten wie ungenutzt anbieten zu können. (Mit welcher Herzenslust ich mein erstes eigenes Auto zumüllte!)

Dazwischen holte ich ein UPS-Paket ab, dass einen Tag früher als angekündigt geliefert worden war – als folglich niemand zu Hause war. Ich holte mir auch gleich Frühstück beim Bäcker: Die erste Mahlzeit in der neuen Küche, mit Zeitunglesen.

Dann ging’s weiter mit Räumen, Putzen, Tragen, um halb zwei verzeichnete mein Smartphone 63 gestiegene Stockwerke.

Leerer Wintergarten, leere Küche.

Ausgeräumter Flur.

Wohnzimmer in Kisten. Herr Kaltmamsell war mittlerweile heimgekommen.

Allerdings protestierte meine Lendenwirbelsäule immer schmerzhafter, ich setzte mich eine Runde. Dann haute es mir ein bisschen das Gestell zusammen: Ich wurde steinmüde und legte mich ins Bett, schlief fast eine Stunde tief – das hatte ich zuletzt in der Reha kurz nach Hüft-Op, wenn ich mich überanstrengt hatte.

Nach dem Schläfchen war ich fit für die nächsten Runden Fegen, Putzen, Packen, Tragen, Einsortieren, Absprechen, Planen. Herr Kaltmamsell baute die speziellen Kleider-Umzugskisten auf, die bis zur Fertigstellung des Einbauschranks in meinem neuen Zimmer meine Kleidung aufbewahren werden, auch die füllte ich noch.

Kurz nach sieben strich ich die Segel, ich konnte nicht mehr. Zum Abendessen gingen wir in die neue Wohnung, in der neuen Küche gab es den köstlichen Räucherfisch aus der Familie mit Vollkornbrot vom Bäcker und wachsweichen Eiern. Und zwei Gläsern Rosé, ich hatte große Lust auf Alkohol.

(Das andere Zeug auf dem Küchentisch hat noch keinen endgültigen Platz gefunden.)

Das waren laut Smartphone 87 Stockwerke und knapp 15.000 Schritte.

Was am eigentlichen Umzugstag spannend wird:
– Klappt das mit dem Internet-Umzug?
– Bringt die Umzugsfirma einen Fachmann mit, der die Küche zerlegen und tranportieren kann?
– Haben wir alles richtig vorbereitet?
– Wird es allen Ernstes nach Wochen Trockenheit ausgerechnet da regnen?

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Zusammenfassung von Peter Wittkamp des weiteren offiziellen Umgangs mit der Corona-Pandemie in Deutschland laut Länderkonferenz. Etwa so war das auch bei mir angekommen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 3. März 2021 – Erste Impfung in der Familie

Donnerstag, 4. März 2021 um 6:43

Recht gut geschlafen, aber mit 5 Uhr zu früh aufgewacht.

Letzte Maschine Wäsche (Bettwäsche) vor dem Umzug gefüllt und eingeschaltet (die Waschmaschine nehmen wir mit). Sensationelles Morgenrosa draußen überm Morgenkaffee. Der Tag selbst wurde bedeckt und kühl.

Arbeit in der Arbeit. Mittags gab es neben Käse und Birne die letzte Bio-Avocado aus dem Paket aus Málaga – das waren halt doch die besten Avocados meines Lebens. Sofortige Nachbestellung habe ich mir wegen Umzug verkniffen, aber ich hoffe, das klappt in dieser Saison nochmal.

Nach der Arbeit direkt nach Hause, um noch eine Weile Geschirr und Gläser zu verpacken, ein paar Dinge nach oben in die neue Wohnung zu bringen. Und mit Herrn Kaltmamsell die Pläne für den nächsten Tag abzusprechen, den ich mir zu Umzugsvorbereitung frei genommen habe.

Das Nachtmahl holte diesmal Herr Kaltmamsell, es gab vom Vietnamesen Reisnudeln mit frischen Kräutern, Gemüse und Erdnusshühnchen.

Herr Kaltmamsell hat von seinem Arbeitgeber ein iPad gestellt bekommen. Das ist super, denn dazu gehört ein magnetischer Stift, mit dem wir prüfen konnten, welche unserer Töpfe auf dem Induktionsherd funktionieren werden. (Wenige. Mist. Zum Glück haben wir reichlich Töpfe und werden nicht in Not geraten, für den Übergang außerdem eine Adapterplatte.)

Vor dem Schlafengehen letzter Durchgang der Geschirrspülmaschine vor Ausbau: Maschinenreinigung.

Ich merke, dass mich die Beschlüsse der Länderkonferenz zu weiteren Lockerungen der Anti-Pandemiemaßnahmen trotz gestiegener Fallzahlen nicht besonders interessieren: Mein Verhalten ist bis Impfung weiterhin auf Schutz ausgerichtet.

Gute Nachricht: Auch Frau Schwieger bekam gestern ihre erste Impfung!

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Seit Monaten wird in meiner Wahrnehmung zu viel über die Not durch den Pandemieschutz, und zu wenig über die Not durch Covid-19-Erkrankungen berichtet. Deshalb halte ich diese Bilder aus dem Krankenhausalltag auf dem Höhepunkt der zweiten Welle für wichtig:
„Das passiert hinter den Türen einer Covid-Intensivstation“.

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Dolly Parton macht Werbung für die Impfung gegen Covid-19. Ich hatte noch nie so viel Spaß, jemandem beim Geimpftwerden zuzusehen (sie singt auch). Spritzen-Phobiker (hallo Papa!) bitte nur bis Minute 3:10 gucken.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 2. März 2021 – Kino-Erinnerungen

Mittwoch, 3. März 2021 um 6:37

Nochmal eine Nacht Schlaf nachholen können, mit nur wenigen kurzen Löchern.

In der Arbeit kurz vor Mittag ein kurzer Ausbruch in Aktionismus, weil scheinbar akute Notlage – entpuppte sich dann doch als Missverständnis.

Nochmal ein sonniger Tag, mittags gab’s eine Breze sowie Blutorangen mit Hüttenkäse, außerdem einen Hofgang mit milder Frischluft.

Nach Feierabend kurze Einkaufsrunde für Milch, Brotzeit, Drogeriemarkt. Daheim traf ich auf einen erschöpften Herrn Kaltmamsell, der den Tag über in Arbeitspausen gepackt und geschleppt hatte. Eine gute Stunde packte auch ich noch: Gläser aus Geschirrschränken. Die Versuchung ist groß, den Inhalt der Geschirrschränke Tablett für Tablett einfach so nach oben zu tragen – aber wohin dann damit? Es muss also alles in Kisten, damit die Schränke vom Umzugsunternehmen transportiert werden können, dafür sammle ich ja seit vielen Wochen meine Zeitungen.

Abendessen gab’s nochmal von Servus Habibi, ich holte es ab und freute mich über die kurze Draußenrunde. Wir wurden mit Genuss satt.

Chris Kurbjuhn verlinkt einen Artikel über die 50 Kinos, die Time out für die schönsten der Welt hält (in dreien davon war ich schon). Doch die schönsten Kinoerlebnisse waren für mich andere, meine drei schönsten Kinos der Welt werde sicher nie in irgendwelchen Rankings auftauchen.

Das erste schöne Kino meines Lebens war der Zeichensaal des Gymnasiums, das ich neun Jahre lang besuchte und in dem mit einem Betttuch als Leinwand eines heißen Sommernachmittags Kino gespielt wurde. Ich habe das Erlebnis hier erzählt.

Das zweite schönste Kino meines Lebens war ebenfalls improvisiert, aber unter freiem Himmel. Es lag in der Ferienhaussiedlung bei Madrid, in der meine tíos Felix und Rosi ihre parcela hatten. Im Sommerurlaub, als ich 15 (?) war, wurde eines Nachts mit dem Frontón als Projektionsfläche (den wir tagsüber mit Tennisspielen bearbeiteten) der Superman von 1978 mit Christopher Reeve gezeigt – unvergesslich.

Das dritte schönste Kino lag auf Malta. Ich machte dort über Weihnachten und Silvester 1994 mit einer Freundin nach meinen Magisterprüfungen Urlaub, zwei verregnete Wochen lang. Wir waren in Sliema untergekommen und hatten dort ein altes Kino entdeckt, das wir eines Abends besuchten. Es war in ernsthaftem Verfall begriffen, hatte ein Loch in der Decke, durch das es hereintröpfelte, die Sitze waren so schmutzig und zerschlissen, dass wir auch ohne fehlende Heizung unsere Mäntel nicht ausgezogen hätten. Ich weiß nicht mal mehr, welchen Film wir sahen – so sehr ist meine Erinnerung von Bildern der Schlussszenen von Cinema Paradiso überlagert.

(Supermärkte, Kinos, Schwimmbäder gehören zu den untouristischen Orten, die ich auf Reisen sehr gerne besuche. Egal in welcher Sprache.)

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Bei Croco entdeckt und amüsiert mit aufgerissenen Augen angesehen: Die großartige Mai Thi Nguyen-Kim erklärte 2017, warum Asiaten kein Alkohol vertragen und führte den Effekt mit einem Gläschen Weißwein an sich selbst vor.

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https://youtu.be/XTMIomsXxKM

die Kaltmamsell

Journal Montag, 1. März 2021 – Umzugsberuhigung

Dienstag, 2. März 2021 um 6:29

Fast durch und fast gut geschlafen – welch ein Unterschied! Auch der abgeschlossene Küchenumzug erleichterte mich (Zucker für Milchkaffee und Müesli für das Frühstück von Herrn Kaltmamsell musste ich flugs im Schlafanzug von oben holen), draußen zog ein blauhimmliger Sonnentag herauf, beim morgentlichen Seitstütz sah ich einen aufgeplusterten Sperber vorm untergehenden Mond sitzen – mich ergriff sowas wie Zuversicht.

Bild: Herr Kaltmamsell.

Kalter, sonniger Arbeitsweg, ich ging eine Ecke lang, durch die ich dabei noch nie gekommen war.

Vormittags merkte ich doch noch den Schlafmangel vom Wochenende, doch zum Glück hatte ich nichts allzu Forderndes auf dem Tisch.

Mittags ein Laugenzöpferl und eine große Avocado, jetzt sind von den vier Kilo aus Málaga nur noch drei kleine Exemplare üblich – ohne dass wir damit groß experimentiert hätten, all die gesammelten Rezepte blieben ungenutzt, weil die Avocados einfach so aus der Schale schon so gut schmeckten.

Erkenntnis, warum mich die Pandemie derzeit besonders schafft: Bislang bedeutete Mitarbeit am Schutz für alle in erster Linie, Dinge nicht zu tun, also nicht verreisen, keine Treffen, nicht Rausgehen, keine Restaurant-/Theater-/Kinobesuche. Man konnte aber nichts aktiv tun, wenn man nicht gerade medizinisches Personal oder Forscherin in relevanten Fächern war (außer Maskentragen). Jetzt gibt es einen Impfstoff und ich könnte durch Zum-Impfen-gehen aktiv werden, denn je schneller möglichst viele Menschen geimpft sind, desto langsamer verbreitet sich das Virus (siehe Infektionskurven in Israel, UK und USA). Aber ich darf noch nicht! Und die schlechte Organisation der Impfkampagne verlangsamt sie auch noch! Das stresst mich wirklich.

Nach Feierabend ging ich direkt nach Hause, daheim holte ich Bügeln nach und eine Einheit Yoga.

Herr Kaltmamsell hatte weiter am Umzug gearbeitet: Erste Bücherkisten in Regale geräumt, Kruscht aus alter in die neue Wohnung getragen. (Außerdem hatte er schon vor einiger Zeit den Stadtwerke- und Internet-Teil des Umzugs organisiert.) Ich besprach telefonisch die Unterstützung durch meine Eltern, die am Wochenende nach Umzug zu uns kommen werden.

Nachtmahl war die zweite Hälfte Rübeneintopf vom Sonntagabend.

§

Eva Menasse schwärmt in der NZZam Sonntag, dass Wissenschaftler wie Christian Drosten gegen eine dauererregte Öffentlichkeit auf Tugenden wie Besonnenheit, Präzision, Reflexion, Selbstkritik, begründeten Zweifel setzen:
„Eine Form geistiger Rettung“.

Sie haben sich manchmal innerhalb eines Tages drastisch korrigiert. Ohne jedes schlechte Gewissen: «Ich habe gestern Nacht noch ein paar Studien gelesen, und daher …» Die Arbeit eines Wissenschafters strebt nicht danach, die eigenen Annahmen einzubetonieren, sondern sie hart zu überprüfen. Wie ein Schachspieler, der gegen sich selbst spielt, wie ein Hacker, der die eigene Firewall attackiert: Wie kommt man rein, wo ist mein Leck?

Ausgesiebt wird, was fehlerhaft oder nicht gut genug ist; das Übrige ist vorläufig richtig. Schon am nächsten Tag kann es falsch sein. Und das ist die kühle Schönheit und zwingende Sinnhaftigkeit wissenschaftlichen Denkens, maximal entfernt von all dem entsicherten Meinen, grundlosen Schreien und Beleidigtsein, das die Welt erfüllt. Wir schauen der Wissenschaft so gespannt zu wie früher den Läufern und Kugelstossern all der vielen Sportveranstaltungen, die inzwischen abgesagt sind. Sport und Wissenschaft sind Disziplinen, die im Nachhinein überprüfbar sind, aber daher auch Vorhersagen erlauben: Wie weit ist die Kugel geflogen? Wie viele Geimpfte sind an Covid-19 erkrankt?

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 28. Februar 2021 – Ein Tag Küchenumzug

Montag, 1. März 2021 um 6:51

3.30 Uhr: Klogang.
4.30 Uhr: Es ist klar, dass ich nicht mehr einschlafen kann, Küchensorgen treiben mich um, weil die neue Küche höchstens 60 Prozent des Stauraums unserer jetzigen bietet. Ich mache das Licht an und lese Anke Stellings Bodentiefe Fenster aus.
5.30 Uhr: Zum Glück ist Sonntag und ich kann noch eine Runde schlafen, wochentags wäre ich aufgestanden.

Den Vormittag verbrachte ich allerdings mit dem Gefühl eines fetten Katers (Erinnerung an Zeiten mit Dinner Parties, lautem Gelächter mit lustigen Menschen, Alkohol und einer so späten U-Bahn heim, dass ich die einzige im ganzen Wagen bin), nur halt ohne den vorhergehenden Spaß. Und ohne die Ruhe für ein paar Stunden Blödschauen, weil Umzug.

Gestern gehörte zum Umzug die Tiefenreinigung des Kühl-/Gefrierschranks, wir merken uns fürs nächste Mal: Dauert gut zwei Stunden. Auch diesmal dachte ich daran, die Inneneinteilung des Kühlschranks vor dem Ausbau zu fotografieren, und wieder war ich beim Zurückbauen froh um die Aufnahmen. Praktischerweise war es nach den warmen Tagen recht frisch geworden, ich konnte kühlbedürftige Lebensmittel auf dem Balkon aufbewahren (Gefriere war gezielt leergegessen worden).

Duschen und Anziehen, gestern machte ich mir geläutert keine Illusionen über irgendeine Sportmöglichkeit. Semmelholen, Semmelfrühstück.

Das Nachmittagsprogramm bestand aus Leerräumen der alten Küche und Umziehen der Inhalte in die neue, damit der Putzmann am Montag die alte Küche lagerfertig putzen kann. Das machte ich gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell, was eine wirklich gute Sache war. Zwar hätte wir beide die Ordnungs-Entscheidungen des/der anderen akzeptiert, aber zusammen waren sie leichter. Die wichtigste Entscheidung: Wir übernehmen dann doch die bestehenden Kühlschrank/Gefriere und bauen sie nicht samt Nebenschrank zu Gunsten unseres Einzelteils aus der Einbauküche aus. Dazu besprachen wir uns ungewohnt eingehend und systematisch, inklusive der gegenseitigen Ermahnung, die Wünsche des/der anderen nicht vorwegzunehmen (dazu neigen wir beide), sondern wirklich die eigenen Pros und Contras vorzubringen. Ergebnis: Wir stellen den frisch geputzten großen Kühlschrank zusammen mit der restlichen Küche unter und bieten ihn den Nachmietern an.

Schublade für Schublade für Schrankfach räumten wir die alte Küche aus und suchten nach passenden neuen Plätzen für den Inhalt. Wir brachten dann doch fast alles unter, weil wir die wirklich selten gebrauchten Geräte (Fleischwolf, Sandwichtoaster, Nudelmaschine etc.) in ihren Kartons auf die Hängeschränke stellten. Und nochmal ein Menge Zeug aussortierten.

Freude über den neuen Küchenbalkon.

Kurz vor sechs brauchten wir aber eine Pause: Herr Kaltmamsell musste das Abendessen kochen, außerdem hatte ich beim Bäcker Himbeerschnitten für Kuchenpause gekauft.

Der Rest war schnell erledigt: Mehlschrank ausräumen – den nehmen wir mit, da er nach der Sanierung keinen Platz mehr hat – und Töpfe (mit Abschied von den beiden größten, die nicht Induktions-geeignet sind). Anschließend entspannte Herr Kaltmamsell mit Kochen, ich damit, die Lieblingstweets des Februars zusammenzustellen.

Das Abendessen war dann ein englischer Sellerie-Eintopf mit Rotwein (und weiteren Rüben), obendrauf Sellerie-Knödel.

Was neben Sport noch flach fiel an diesem Umzugswochenende: Zeitunglesen, Bügeln, Sonne draußen genießen.

Früh ins Bett mit neuem Buch: Amitava Kumar, Immigrant, Montana.

Zum vorherigen Roman:

Ich fand Anke Stellings Bodentiefe Fenster sehr gut geschrieben, die Not der Ich-Erzählerin nachvollziehbar. Die Beschreibung des Alltags im Mehrgenerationenhaus und in welchen ständigen Konflikten die Hauptperson Sandra darin lebt, sind gar nicht mit Wertungen verbunden (die ich anfangs meinte finden zu müssen). Menschen sind halt so, Sandra kann den Hintergrund und die Motivation von jedem und jeder nachvollziehen. Ihre Biografie entspricht dem Westberlin-Klischee meiner Generation: Kinderladenkind, ihre Mutter ist die beste Freundin der Kinderladen-Betreiberin. Sandra wächst auf mit Liedern und Spielen, die eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel haben, die alle Kinder zu freien, solidarischen und engagierten Menschen machen wollen und fest davon ausgehen, alle gleich zu behandeln. Doch sie merkt mit ihrer angeborenen besonders großen Empathie von klein auf, dass auch in dieser Gesellschaft Menschen ausgeschlossen werden, dass Glück, Veranlagung und Zeitgeist den einen bevorzugen, die andere hängen lassen. Und sie leidet darunter, auch als Erwachsene, weil sie einerseits keine Lösung dagegen hat, sich aber dazu verpflichtet fühlt (Kinderladen-Erziehung), etwas zu tun. Ebenso wenig wird uns Leserinnen am Ende eine Lösung geboten, so ist das Leben, so sind die Menschen halt. Da muss man durch, selig diejenigen, die sich ihre Illusionen erhalten.

die Kaltmamsell

Lieblingstweets im Februar 2021

Sonntag, 28. Februar 2021 um 21:01

die Kaltmamsell

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