Journal Donnerstag, 2. Februar 2023 – Windig und nass ohne weitere Ereignisse

Freitag, 3. Februar 2023 um 6:22

Eine Stunde zu früh aufgewacht, bis Weckerklingeln unbezahlt Arbeitsprobleme gewälzt, Lösungen gefunden, mit der resultierenden Jobliste in die Arbeit marschiert (düster, windig, Regenspritzer), die ich in der ersten Stunde am Schreibtisch zum großen Teil abarbeitete. Das schlaflose Wälzen hatte mich außerdem auf zusätzliche Arbeitsprobleme gebracht, deren Lösung recherchierte ich anschließend, zum größten Teil erfolgreich.

Das Wetter blieb konsequent düster und windig, ich ließ die letzte Möglichkeit auf einen Emilo-Cappuccino sausen und blieb im Haus. Mittagessen: Mango mit Joghurt und gemischten Körndln.

Über den Tag trank ich viel heißes Ingwerwasser, ich hollte alles aus den Scheiben raus.

Seltener Anfall von Nachmittagshunger UND -appetit: Genau dafür habe ich Flapjacks in der Büroschublade, einer davon musste dran glauben.

Nach Feierabend Heimweg durch Wind und ein paar Regentropfen und über eine Runde Einkäufe fürs Abendessen und für den Freitag, an dem Herr Kaltmamsell einen Schwung Kolleg*innen zum Essen eingeladen hat. Wegen Letzterem zu Hause auch erst Mal Wohnungräumen und Bügeln, ansonsten werde ich ihm wegen Arbeit und einer Familieneinladung am Nachmittag bei den Vorbereitungen nicht helfen können.

Dazwischen eine flotte Runde Yoga, nicht wirklich Ruhe bringend. Nachtmahl bereitete ich arbeitsteilig mit Herrn Kaltmamsell zu: Feldsalat aus Ernteanteil, dazu hatte ich Champignons und karamellisierte Pecannüsse besorgt, Herr Kaltmamsell briet Butternusskürbiswürfel.

Schmeckte sehr gut.
Nachtisch reichlich fiese Süßigkeiten, die mir beim Einkaufen in den Korb gesprungen waren.

Früh ins Bett zum Lesen: Meine aktuelle Lektüre, Mick Herrons Slow Horses, bereitet mir Vergnügen, obwohl es sich um einen Geheimdienstroman handelt und mir John le Carré zu diesem Genre das Kraut gründlich ausgeschüttet hatte (klassische Spionage = alberne Männereitelkeiten). Aber das Set-up ist einfach herrlich und wunderbar britisch: Es geht um Geheimdienstangestellte, die etwas so gründlich verbockt haben, dass sie im Dienst untragbar sind – doch aus irgendeinem Grund, bei jedem und jeder ein anderer, muss man sie weiterbeschäftigen und sammelt sie an einem Standort. Wo sie sich und einander gründlich auf die Nerven fallen, auch als sich eine Möglichkeit auftut, doch nochmal an einen echten Einsatz zu kommen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 1. Februar 2023 – Lebensabzweigungen, Selbstoptimierung, #Lindwurmessen bei Thang Long

Donnerstag, 2. Februar 2023 um 6:26

Kurz vor Weckerklingeln aufgewacht, blöderweise aber von einem Angst-Schub.

Januar rum. Diesmal war mir von Anfang an bewusst, dass das der längste Monat des Jahres ist, und ich litt nicht darunter. Aber die Rückkehr aus der Schweiz am 2. Januar fühlte sich gestern an, als hätte sie in einer anderen Jahreszeit stattgefunden.

Heftiger Wind. Schon auf dem Weg in die Arbeit fegte er beißend über die Theresienwiese, doch als ich vormittags beruflich auf die Straße musste, machte ich ungewollt erst mal einen ordentlichen Schritt zur Seite.

Mittagessen: Eine Portion Avocado-Gurken-Eiersalat vom Vorabend, ein Laugenzöpferl.

Nachmittags zackige Arbeit unter Einsatz von einiger menschlicher Energie, bereits weit vor Arbeitsende fühlte ich mich durch und durch erledigt und knochenweh. (Was meine Mutter in meiner Kindheit und Jugend mit “Wachstumsschmerzen” erklärte. Wenn man wie ich 55 ist, handelt es sich folglich um Schrumpfungsschmerzen?)

Nach Feierabend ging ich direkt nach Hause, turnte dort erstmal eine kurze Runde Yoga (eher meh). Dann zog ich mit Herrn Kaltmamsell zur nächsten Folge #Lindwurmessen:1 Der dritte von drei Schnellimbissen an der Kreuzung Poccistraße war dran.

Das Thang Long ist ein Asialaden mit einem Küchen-Kabuff (links) und ein paar Tischen, jeder freie Quadratzentimeter Wand und Fenster wird als bebilderte Speisekarte genutzt. Schon bei den letzten beiden Malen Vorbeispazieren hatten wir Gäste darin gesehen, gestern aß an einem großen Tisch eine fröhliche Gruppe junger Leute.

Nach ein paar Gyoza mit Kimchi-Füllung (ok) gab es ein Banh Mi mit Satefleisch und Erdnusssauce für Herrn Kaltmamsell, anständiges Pho Hanoi für mich. Unter Neonlicht, zwischen Regalen und Kasse. In einer Welt, in der Lokale damit werben „instagramable“ zu sein, hatte uns das #Lindwurmessen zum exakten Gegenteil geführt. Die Getränke nahmen wir uns aus dem Kühlschrank: ein Aloe-vera- und ein Roasted-Coconut-Drink (letzterer wirklich abgefahren). Insgesamt ein originelles Lokal, inklusive Personal fast schon Filmkulisse (die Durchreiche zur Küche besteht aus einem sehr tiefen Brett; da das abgestellte schmutzige Geschirr der Gäste meist für die Köchin von innen unerreichbar ist, angelt sie mit einem zurechtgebogenen Draht danach).

Zu Hause die gewohnten Süßigkeiten zum Nachtisch.

§

Jawls beantwortet in seinem Blog Leser*innenfragen. Diesmal:

Nehmen wir mal an, es gäbe Paralleluniversen und in einem anderen wärest Du an irgendeiner Stelle anders abgebogen. Wie wäre Dein Leben dort realistischerweise verlaufen? (keine Idealwunschvorstellungsbeschreibung)

Das ist eine spannende Frage.

Mir fallen zwei Momente ein, an denen eine andere Entscheidung möglich gewesen wäre (alle anderen Lebensentscheidung waren im Entscheidungsmoment alternativlos, z.B. Abbruch Promotion 1999, Aufgeben von Karriere 2012), die mein Leben in ein Paralleluniversum geführt hätten. (Und die mich aussehen lassen wie jemand, aus der eigentlich etwas hätte werden können. Ich habe da die Omma in Billy Elliot vor Augen: “I could have been a professional dancer!”)

1. Wie ich kein Radio-Star wurde
Am Ende des Rundfunk-Teils beim Ingolstädter Privatsender Radio IN meines Zeitungs- und Rundfunk-Volontariats, ich war 20, machte mir der Chef von Radio IN das Angebot, mein Volontariat abzukürzen und gleich als Angestellte bei diesem Radiosender einzusteigen, er halte mich für eine große Radio-Begabung. Ich lehnte ab.
(Viele Gründe, in diesem konkreten Moment vor allem der Umstand, dass der Mann bis zu diesem Angebot nur auf mir herumgehackt hatte, nie auch nur ein Detail gelobt, mir das Arbeiten dort so unangenehm gemacht hatte, dass ich die Tage bis zum Wechsel zurück in die Zeitungsredaktion runterzählte. Außerdem wollte ich nach dem Volontariat ja noch studieren.)
Mehrere Kolleg*innen aus dem Sender landeten später beim Bayrischen Rundfunk – woraus ich zwingend schließe, dass ich bei gegenteiliger Entscheidung im Radio ganz! groß! rausgekommen wäre.

2. Wie ich keine Professorin wurde
Am Ende meines Magister-Grundstudiums an der Uni Augsburg bot mir ein Gastprofessor von der Emory University, Atlanta, an, mit ihm nach Atlanta zu gehen und bei ihm zu promovieren; die Zwischenprüfung gehe dort als Graduation durch. Ich hatte in zwei seiner Proseminare Hausarbeiten verfasst, die sich seiner Meinung nach zu Dissertationen erweitern ließen. Ich sagte ab, weil ich a) von dem Angebot komplett überfordert war, b) gerade ein Stipendium des Lehrstuhls für Englische Literaturwissenschaft für ein Auslandsstudienjahr im walisischen Swansea bekommen hatte.
Sonst lebte ich jetzt in den USA – mehr Paralleluniversum kann ich mir nicht vorstellen.
(Möglicherweise wäre ich bei gegenteiliger Entscheidung durch diesen Professor allerdings nicht ganz groß rausgekommen.)

§

@dasnuf hat Kluges zu der Meldung gebloggt, dass auch Marie (Aufräumkönigin) Kondo mit drei Kindern das Thema Aufräumen anders sieht:
“Does it spark toy? Kids: Yes”

Den zentralen Satz daraus hat sie auf meinen Wunsch als wiederverwendbares inspirational quote ausgekoppelt (danke!).

  1. Wir futtern uns nacheinander durch alle Lokale an der Südseite der Lindwurmstraße von Sendlinger Tor westwärts bis Stemmerhof, dann an der Nordseite wieder zurück. []
die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 31. Januar 2023 – Spaß mit Lindy Hop, Nachdenken über Erzähltechnik

Mittwoch, 1. Februar 2023 um 6:21

Krähendeko im Bavariapark.

Ein Vormittag mit echtem, unbestreitbaren, Büro-wärmenden Sonnenschein.

Viel Arbeit in der Arbeit, viel Unerwartetes, viel Unangenehmes. Aber dafür kriege ich halt Geld: fürs Aushalten, fürs Trotzdem.

Mittags ein weiterer letzter Cappuccino-Ausflug zum Emlio. Nun ist das Café doch bis Ende dieser Woche offen, die Regale werden immer leerer, die Ware wird abverkauft. Aber es gab frische Nussecken.

Ab Mittag geschlossene Wolkendecke, aber der Schnee schmolz weiter.
Mittagessen am Schreibtisch: Birchermuesli mit Joghurt, Birne.

Gestern war auch das Getränk des Bürotags interessant: Ich hatte frischen Ingwer dabei und trank nach meinem Morgen-Roibusch über den Tag viele Tassen heißes und besonders wärmendes Ingwerwasser.

Nach Feierabend kam ich so zeitig nach Hause, dass ich vor dem eigentlichen Abendprogramm noch Zeit für die Wiederholung der Yoga-Runde vom Montagabend fand.

Das eigentliche Abendprogramm: Die letzte von vier Tanzkursstunden Lindy Hop (Block A des Anfängerkurses). Wir waren so rechtzeitig auf der Tanzfläche, dass wir vor dem Unterricht noch ein wenig üben konnten – die neuen Schritte/Figuren der Vorwoche hatten wir aber bereits daheim rekapituliert, Unklarheiten durch Nachdenken geklärt, bis alles funktionierte (nichts davon stellte sich als Irrtum heraus, den ich durchaus einkalkuliert hatte).

Die Tanzstunde enthielt wieder zahlreiche Partnerwechsel, mittlerweile gab es aber fast ein Drittel Paare, das sich nicht am Tauschen beteiligte. Gleichzeitig hatte die Gruppe gestern einen deutlichen Frauenüberhang, von denen fast alle Follower tanzten – als Follower musste ich also mehrfach nach dem Wechseln aussetzen. Doch ich freute mich einmal an einem besonders geschickten Leader, der offensichtlich eine Gaudi hatte und souverän auch außerhalb des Gelernten variierte. Geriet aber auch an einen Leader, der überhaupt nichts vom Gezeigten der Vorstunden behalten hatte – ich versuchte ihn dazu zu überreden einfach mal zu machen, ich würde dann mitmachen, aber er blieb stehen. Gleichzeitig kostete es mich gestern besonders viel Energie, mich mit fremden Menschen zu beschäftigten, innerlich hatte ich durchgehend die Schultern hochgezogen. Geht mir weg mit dem angeblich so viel Energie und persönliche Entwicklung freisetzenden Verlassen der comfort zone – das muss ich täglich für schlichtes Funktionieren. Allerdings habe ich das Glück, dass ich mal anders war und aus dieser Zeit Einblick in Vergnügen habe, für die sich dieses Unbehagen lohnt.

Zum ersten Mal kam ich am Ende der Stunde wieder bei Herrn Kaltmamsell an, mit dem ich begonnen hatte. Diesen Kurs machen wir weiter.

Herr Kaltmamsell hatte das Nachtmahl bereits vorbereitet: Den Kartoffelauflauf wärmte er in der Mikrowelle auf, dazu gab es einen Avocado-Eier-Gurkensalat (der mir gut schmeckte, noch besser allerdings mit Zitronensaft abgeschmeckt).

Zum Nachtisch Pralinen.

§

Erzählperspektive finde ich wie alle Erzähltechniken sehr spannend: Welche sprachlichen Mittel erreichen welche Wirkung beim Lesen? Und gestern fragte ich mich, ob die mittlerweile regelmäßig auftretende Du-Erzählhaltung, die ich eben erst wieder in einem Kapitel von Tomorrow, and tomorrow, and tomorrwo erlebt hatte, nicht überhaupt aus dem Computerspiel kommt? Zum ersten Mal begegnete sie mir in Ian Banks, The Wasp Factory von 1984: Sie erfüllt dort eine wichtige Funktion, denn nur damit kann die Geschichte zentrale Seiten der Hauptfigur offen lassen. Und der viel zu früh verstorbene Ian Banks war tief verwurzelt in Computerspielen, er erfand auch Computerspiele für die Handlung seiner Romane (u.a. in Complicity), mindestens eines davon mit technischen Voraussetzungen, die es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab.

die Kaltmamsell

Lieblingstweets/-tröts Januar 2023

Dienstag, 31. Januar 2023 um 18:19

Die Aufregung um Twitter hat sich gelegt, immer neue Erschwernisse und Fehlfunktionen dort werden achselzuckend hingenommen. Gleichzeitig ist es ruhiger geworden in meiner Timeline dort – ohne dass sich meine Timeline auf Mastodon im gleichen Maß belebt hätte. Möglicherweise haben einige interessante Accounts insgesamt die Schnauze voll vom Mikrobloggen.

Aber es gab immer noch genügend Tweets und Tröts zum Liebhaben.

Auf Twitter:

Auf Mastodon:

die Kaltmamsell

Journal Montag, 30. Januar 2023 – Unerheblicher Wochenstart

Dienstag, 31. Januar 2023 um 6:21

Beim nächtlichen Klogang sah ich vorm Fenster Sterne am Himmel und dachte noch gereizt: Super, nachts macht Wolkenlosigkeit den Tag auch nicht heller.

Doch auch am Morgen gab es große Löcher in der Wolkendecke, der Tag begann nicht schon wieder dunkelgrau.

Am Vormittag zog ich im Büro nach Langem mal wieder die Jalousien runter, erst mittags kehrte das Wintergrau zurück.

Mein Mittagessen bestand aus Karottensalat, einer Scheibe Schokoladenbrot, Clementinen.

Ein voller Arbeitstag, doch für ein drückendes Problem ergab sich eine vorläufige Lösung. Außerdem hatte ein Work-around um einen dysfunktionalen Teil des IT-Systems funktioniert, ein seit Anfang Dezember brach liegener Job konnte endlich angepackt werden.

Nach Feierabend auf dem Heimweg Einkäufe beim Vollcorner.

Und dann kam ich heim, wurde in Arme genommen und gefüttert. (Davor eine Folge Yoga: Day 17 in Adrienes “Center” zielt auf den oberen Rücken und war genau das, was ich gestern brauchte – die mache ich nochmal. Sonst ist mir das diesjährige 30-Tage-Programm deutlich zu fad.)

Zum Nachtmahl gab es einen Lauch aus Ernteanteil als Pastagericht mit Ricotta, danach Äpfel aus Ernteanteil als kleinen Strudel. Abschließend Schokolade.

Im Bett begann ich meine nächste Lektüre. Ich hatte mich nach Langem mal wieder für einen Roman eines Manns entschieden: Mick Herron, Slow Horses.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 29. Januar 2023 – Laufen, Romanelesen, Bügeln und Kochen im Winterdüster

Montag, 30. Januar 2023 um 6:15

Gut und lang geschlafen, mittelmunter aufgestanden.

Wieder ein kalter Tag mit bleiernem Himmel. Trotzdem zog es mich nach draußen, ich wollte joggen. Dazu lief ich über den Alten Südfriedhof an die Isar. Schon auf dem Friedhof waren die Wege überraschen eisig: Der Schnee vom vorherigen Wochenende war festgepappt und überfroren. So ging es auch an der Isar Richtung Thalkirchen weiter, Streugut half nur wenig. Das machte das Laufen ziemlich anstrengend, ich musste mich immer wieder daran erinnern zu atmen. Doch der Körper spielte mit, ich kam zu einer 90-Minuten-Runde.

Vom Marienklausensteg nach Süden – heller wurde es gestern nicht.

Am Westermühlbach blühten bereits die Winterlinge.

Nach dem Duschen bereitete ich erst mal den ersten Gang des Abendbrots und meine Montagsbrotzeit zu: Karottensalat mit Koriander, diesmal enthielt der Ernteanteil lila Purple Haze Mohrrüben. Frühstück bestand dann aus zwei dicken Scheiben Schokoladenbrot, eine mit Preiselbeermarmelade und Käse (sehr gut), eine mit Butter und bitterer Orangenmarmelade (match made in heaven), außerdem gab es Clementinen.

Nachmittag mit Romanelesen (warmgehalten von heißem Ingwerwasser, das mir Herr Kaltmamsell anreichte), Bügeln (macht eh warm), Yoga.

Die gelesenen Romane waren die beiden Büchlein von Claire Keegan. Foster las sich in einer Stunde als nette Novelle um ein armes kleines Mädchen in Irland weg, größtenteils aus ihrer unzuverlässigen und naiven Kinderperspektive geschrieben, diese gefiltert durch eine einsortierende implizite Autorenhand. Nachmittags und abends im Bett dann gleich noch Small things like these, auch nicht viel länger: Sauber geschrieben, eine sprachliche und erzählerische Zeitreise in eine prämoderne Epoche; die emotionale Leseransprache erinnerte mich an den mehrfach erwähnten Charles Dickens. Irland wird noch Einiges an Vergangeheitsbewältigung um die Magdalenenheime betreiben müssen, in denen unverheiratete Mütter gefangengehalten und ausgebeutet wurden, solche Romane aus den eigenen Reihen helfen hoffentlich dabei. Beide Themen habe ich allerdings auch literarisch anspruchsvoller verarbeitet gelesen: Ersteres zum Beispiel in Trezza Azzopardi, The Hiding Place (Wales statt Irland, na gut), zweiteres in Dervla McTiernan, The Ruin.

Auch das hauptsächliche Nachtmahl bereitete ich zu: Es gab Kaiserschmarrn mit Zwetschgenröster und Apfelmus. Er gelang mir diesmal besonders gut, ich war besonders sorgfältig und aufmerksam gewesen. Zum Magenschließen noch ein wenig Schokolade.

§

Die Financial Times schloss ihre Mastodon-Instanz wieder, als sie feststellte, dass sowas mit viel technischer, vor allem aber Moderations-Arbeit verbunden ist. (Ach.)

Sollte sich also jemand (natürliche oder juristische Person) mit dem Plan einer eigenen Instanz tragen, hier ein paar Tipps und Warnungen VORHER:
“Mastodon Maschinenraum
chaos.social-Admin Leah Oswald berichtet über ihre Erfahrungen”.

§

“‘Eine kleine motivierte Gruppe kann eine Gesellschaft ändern'”.

Soziale Kippelemente können gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Welche das im Kontext der Klimakrise sein können, hat die Soziologin Ilona Otto erforscht. Ein Gespräch über Werte von Gesellschaften, „committed minorities“ und die Rolle der Wissenschaftskommunikation im sozialen Wandel.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 28. Januar 2023 – Gabrielle Zevin, Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow

Sonntag, 29. Januar 2023 um 9:04

Aufwachen zu bleiernem Himmel und kümmerlichen Schneeflecken, auch dieser Tag wurde nie wirklich hell. (Aber selbst ich traue mich nicht, bereits im Januar am Winter rumzumeckern, ich sehe die Grenze beim Faschingswochenende. Aber dann.)

Brotbacken, das Schokoladenbrot Sechzig Prozent geht am Backtag angenehm flott. Denn ich hatte Schwimmpläne.

Während Herr Kaltmamsell seine Laufrunde absolvierte (im Sabbathjahr sogar zweimal wöchentlich), beobachtete ich ein Eichhörnchen im Baum vorm Wohnzimmer, das einen trockenen Ast in Splitter zerspleißte.

Hier mit meiner Handy-Kamera eingefangen.

Als Herr Kaltmamsell vom Laufen zurückkam, zückte er seine Spiegelreflex-Superduperkamera.

Mir wurde nicht klar, was das Eichkatzerl mit den Spreißln vorhatte: Das Maul voll nahm es keinewegs mit, sondern stopfte es in die nächstgelegene Astgabel, spang dann davon.

Jetzt waren die Brote fertig gebacken.

Radeln ins Olympiabad war weniger unangenehm als befürchtet: Luft kühl, Boden feucht und nicht rutschig.

Es war nicht so viel los wie Anfang Januar und die Temperatur im Becken erschreckte mich nicht. Frösteln setzte erst ab 1.000 Metern ein, war aber nicht so schlimm, dass ich gelitten hätte. Also kam ich zu meinen 3.000 Metern in guter Zeit, auf meiner Bahn nur wenige Geräteschwimmer

Der Himmel beim Heimradeln drohte dunkel und grau mit heftigem Schnee – doch der trat nicht ein. Frühstück um halb drei war Schokoladenbrot (gut!) mit ein wenig Butter und ein paar Cranberrys, die letzte Crowdfarming-Orange (diesmal haben wir die 10 Kilo in 10 Tagen geschafft), ein paar Mandarinen.

Das Brot war nicht perfekt. Ich hätte es wahrscheinlich im Körbchen länger gehen lassen müssen (Stückgare), hatte aber meiner Wahrnehmung nicht getraut, dass es sich fürs Backen noch zu wenig vergrößert hatte. Um wirklich ein Gefühl für die einzelnen Gärschritte zu bekommen, backe ich dann doch zu selten.

Nachmittags übte ich gerade das neu Erlernte im Lindy Hop mit Herrn Kaltmamsell, als mich wieder Kreislaufturbulenzen mit Schwindel erwischten. Für die Phase Schweißausbruch legte ich ich mich ins Bett, nickte feucht geschwitzt ein wenig ein. Doch als ich danach aufstand, kam gleich die nächste Welle Schwindel und Schweißausbruch, so kurz hintereinander hatte ich das noch nie.

Ich turnte die nächste Folge Yoga in Adrienes 30-Tage-Programm “Center”. Jetzt war mir plötzlich eiskalt, ich schlüpfte in die ganz dicke Hauskleidung. Was sollte das bitte?! Ich war sehr ungehalten. Dann saß ich da in Nickianzug mit dicken Wollpulli drüber, müffelte nach einer Mischung aus Chlor und Schweiß.

Nachtmahl war auf meinen expliziten Wunsch ein Garnelen-Curry mit Kurkuma, Herr Kaltmamsell kombinierte diese beiden Zutaten mit Kokosmilch und roter Paprika, ein wenig frischer Chili, servierte mit Reis. Dazu gab es ein Glas Weißwein Feinstrick Gemischter Satz, danach Schokolade.

§

Gabrielle Zevin, Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow ausgelesen, große Empfehlung.

Ein wunderschöner und hervorragend gemachter Roman über Freundschaft und Liebe, auch über die schwierige Abgrenzung und Vermischung von beidem.

Erzählt wird die Geschichte von Sam und Sadie (und Marx). Sie setzt in den frühen 1990ern ein, zeitlich markiert durch Magic-Eye-Plakate und Bücher, vor denen auch ich damals stand (allerdings nie das Bild dahinter sah). Von dort aus gibt es Rückblicke auf die Kindheit, in der sich Sadie und Sam kennenlernten, die fortlaufende Handlung der nächsten 30 Jahre schafft zudem Anlässe, weitere wichtige Ereignisse in der Vergangenheit zu erzählen, zum Beispiel den Tod von Sams Mutter.

Das Setting ist die Welt von Computerspielen, sowohl die der Spieler*innen als auch die der produzierenden Industrie. Mit nichts davon hatte ich je zu tun, mich interessieren Computerspiele schlicht nicht. Ein wenig wusste ich allerdings aus den Erzählungen von Herrn Kaltmamsell: Als ich ihn Anfang der 1990er kennenlernte (es gibt ein Foto von ihm, wie er ein Bild in einem Magic-Eye-Buch anstarrt), ging er noch gezielt in Spielhallen, weil die dortigen Videospiele die fortschrittlichste Computergrafik verwendeten – was sich mit dem Siegeszug der PC-Spiele bald änderte. Solche Sachen weiß ich halt von ihm, er weist mich auch immer wieder darauf hin, wenn ein Kinofilm auf einem Computerspiel basiert. Doch Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow ist so gut erzählt, die Figuren sind so rund und fesselnd, dass man den Roman auch ohne selbst diese Kenntnisse erfassen und genießen kann.

Wir begleiten die drei Hauptfiguren bei der Entwicklung ihrer ersten Computerspiele, die wie auch die späteren ausführlich skizziert werden und den jeweiligen technischen Fortschritt spiegeln. Weil untrennbar damit verbunden, wird auch der Verlauf ihrer Freundschaft erzählt – immer wieder gestört durch Missverständnisse und Streit, die in ihrer Willkürlichkeit an Hindernisse und Aufgaben in Computerspielen erinnern.

Auch erzähltechnisch spielt das Thema des Romans eine große Rolle: Es gibt zwei Kapitel, die aus dem realistischen Erzählen der restlichen Geschichte ausscheren. Eins ist aus der Computerspiel-Perspektive eines Sterbenden geschrieben und versucht sich an einer immersiven Schilderung – allerdings weiterhin nur mit dem Kommunikationsmittel Buchstaben (anders als die immersiven Multimedia-Kunst- und -Museums-Shows, die derzeit populär sind). Das andere vermischt realistisches Erzählen mit fantastischen Elementen, wieder ähnlich einem Computerspiel (oder wie ich es bei der speculative fiction von Ursula Le Guin erlebt habe). In diesem zweiten Beispiel dauert eine menschliche Schwangerschaft halt zwei Jahre, und es tauchen sowohl erfundene Wörter auf als auch werden exisitierende Wörter in neuer Bedeutung verwendet. Oder “Skip!” schneidet langatmige Monologe ab.

Als Leserin hatte ich von einigen Figuren erfahren, wie wichtig es in schwierigen Zeiten ihres Lebens gewesen war, in die Welt eines Spiels zu fliehen. Dieses zweite Kapitel am Ende des Romans stellt sich als solch ein Spiel heraus, ich werde als Leserin mitgenommen – und mich begeisterte, wie das einfach nur mit geschriebenen Wörtern funktionierte (gleichzeitg weit entfernt von Text-Adventure). Im Grunde ist der Roman ein Triumph der Literatur über alle Medien: Er beweist, dass es keine Bilder, Kamerafahrten, Töne und Farben für ein Eintauchen in eine reiche fiktive Welt braucht.

Man muss, da bin ich überzeugt, keine Ahnung von Computerspielen für die Lektüre von Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow haben. Doch der Roman verwendet immer wieder technische, vor allem Computertechnik-Metaphern, um die Welt zu erklären, Menschen und ihre Gefühle. Das sprach mich sehr an, auch ich sortiere meine Wahrnehmungen und Analysen oft durch solche Vergleiche.

Wenn ich überhaupt etwas zu meckern habe an diesem Roman, ist es sein zu geschmeidiges, rundes Ende. Aber das ist nun wirklich mein ganz persönlicher (und wahrscheinlich momentaner) Geschmack.

Für 24. Februar ist bei Eichborn die deutsche Übersetzung von Sonia Bonné angekündigt: Morgen, morgen und wieder morgen.

Herr Kaltmamsell mit Magic Eye in Brighton 1994.

In seiner lesenswerten Besprechung von Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow schildert Tom Bissel in der New York Times das Phänomen des Literary Gamer, “someone for whom reading and playing are, and always have been, the same voyage” – ich glaube, mit so einem bin ich verheiratet:
“How to Design a Beautiful, Cruel Universe”.

die Kaltmamsell

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