Journal Freitag, 18. September 2020 – Geschöfft und Geburtstag

Samstag, 19. September 2020 um 8:28

Ich hatte mir den Tag frei genommen: Morgens ein Einsatz als Schöffin, außerdem hatte Herr Kaltmamsell Geburtstag – da ließ ich doch mal ein paar Überstunden so springen, statt sie mir auszahlen zu lassen.

Nach gemischter Nacht stand ich früh auf, um Herrn Kaltmamsell Geburtstags-Milchkaffee servieren zu können, bevor er in die Arbeit musste. Und für eine Runde Crosstrainer.

Chronistinnenpflicht: So sehen die Kastanien vorm Haus heuer um die Zeit aus, also nur mittel niedergefressen von Miniermotten.

Das Radeln zum Gericht dauerte doppelt so lang wie von Google Maps veranschlagt: In der Rush Hour waren so viele Fahrräder unterwegs in einer weiterhin nicht auf Radverkehr ausgerichteten Infrastruktur, dass nicht nur jede Ampel bei Ankunft auf Rot stand, sondern auch so viele Fahrräder davor warteten, dass einmal nicht alle bei einer Grünphase durchkamen. Statt Tempo zu versuchen, schwamm ich in der Radlmasse mit, um mich nicht zusätzlich in Gefahr zu bringen.

Corona-Maßnahmen am Eingang des Justizzentrums: Meine Schöffinnen-Ladung hatte ein vorausgefülltes Formular mit Kontaktangaben umfasst (Service!), das musste ich nur noch unterschreiben und abgeben.

Den Sitzungssaal fand ich erst mal nicht – ein erstes Mal, denn die Bezeichnung der Säle folgt eigentlich einem nachvollziehbaren System. Ein freundlicher Polizist vor einem anderem Saal konnte mir helfen und die Richtung weisen; dass ich nicht die erste mit diesem Problem war, sah ich an vereinzelten auf dem Weg mit Tesa befestigten Zetteln, auf denen die Saalnummer stand. Doch eine Gerichtsangestellte bat uns ohnehin kurz vor angesetztem Start um Umzug: Die Verhandlung fand in einem anderen, deutlich größeren Sitzungssaal statt.

Ausstattung für Corona-Infektionsprävention: Im Zuschauerteil war ein Großteil der Sitze gesperrt, die Plätze auf Anklage- und Richterbank waren durch stabile Plexiglaswände in sauber geschreinerten Holzfassungen getrennt. Keine Maskenpflicht im Sitzungssaal (aber sonst im gesamten Gebäude) – nachvollziehbar, da Mimik im Gesamtgeschehen eine große Rolle spielt. Die Staatsanwältin nutzte jede Gelegenheit zum Lüften.

Verhandelt wurde zwei Stunden lang ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ich lernte wieder eine Menge nicht nur über Gesetzliches, sondern auch über die Arbeitsweise von Richterinnen und Richtern sowie über Ermittlungsarbeit. Neue Wörter: in Tatmehrheit, überschießendes Geständnis.

Vom Richterzimmer aus entdeckte ich, dass im Innenhof des Strafjustizzentrums richtige Apfelbäume stehen.

Anschließend radelte ich an den Josephsplatz: Ich hatte Kleingeld eingesteckt, um nach vielen Monaten mein Projekt Alterungsdokumentation im Fotoautomaten fortzusetzen – am Sendlinger Tor gibt es ja wegen der Bauarbeiten keine Fotoautomaten mehr.

Auf dem Heimweg besorgte ich noch Semmeln, die mit frischen Feigen und Käse mein Frühstück wurden.

Der Tag war gemischtwolkig kühler, doch jeder Sonnenstrahl heizte auf. Ich überlegte, welche Erledigungen anstanden – doch mir fielen keine bis zur Abendessenszubereitung ein. Ich hatte wirklich frei! So setzte ich mich auf den Balkon und las Zeitung, dann ein wenig Internet, dann Karosh Taha, Im Bauch der Königin aus. Dazwischen kam Herr Kaltmamsell aus der Arbeit, dazwischen aß ich eine weitere Semmel und einen Ernteanteilsapfel (in Stücke geschnitten, ich möchte meinen ausgebesserten Schneidezahn nicht durch kraftvolles Zubeißen gefährden).

Für sein Geburtstags-Festmahl hatten wir uns schon vor einiger Zeit gegen einen Restaurantbesuch entschieden: Für einen Draußenplatz war es voraussichtlich zu kühl, und Gastro-Innenbereiche zeichnen sich immer deutlicher als Corona-Infektionsrisiko ab. Also ein Festmahl daheim.

Ich steuerte die Vorspeise bei: Focaccia al formaggio, ein ligurisches Rezept, das ich vor längerer Zeit oft nach Reinhardt Hess, Sabine Sälzer, Die echte italienische Küche zubereitet hatte, jetzt wiederentdeckt.

Diesmal habe ich auch das Rezept mit meinen Erfahrungen aufgeschrieben.

Hauptgang durfte Herr Kaltmamsell basteln.

Flanksteak mit Ernteanteil-Spinat und Süßkartoffel-Pommes aus dem Speisefön (zu lange geföhnt), dazu mallorquinischen Rotwein, zum Anstoßen auch für mich ein Gläschen.

Als Nachtisch war die Crème brûlée vom Vorabend geplant – die unerklärlicherweise nicht fest geworden war. Gab’s halt gehaltvolle Crème anglaise mit Zuckerkruste.

Jähes Ende des Abends: Mir wurde schlecht. Sehr. So blieb mir nur, mich bei Herrn Kaltmamsell für mangelnde Aufmerksamkeit auf seinen Geburtstag zu entschuldigen und schnell ins Bett zu gehen. Wo sich die Übelkeit zum Glück beruhigte und ich einschlief.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 17. September 2020 – Zerschlagen daheim

Freitag, 18. September 2020 um 6:38

Bis zum Weckerklingeln hatte ich sogar mehr als drei Stunden am Stück geschlafen, es weckte mich gründlich. Ich hätte mir sogar eine Zusatzstunde gegönnt, doch jetzt war ich wach und der Puls ging nicht wieder runter. Doch nach einigem Hin- und Herdenken überm Morgenkaffee und da mich die Migräne-Nachwehen immer noch nicht geradeaus schauen ließen, gab ich der grundsätzlichen und tiefen Zerschlagenheit nach: Ich meldete mich krank.

Erster Effekt nach Abfallen des Zusammennehmens: Ich konnte in mich horchen. Und fand dort unter anderem die Angst vor der OP. Meine Vernunft weiß sehr wohl all die Fakten, ich habe gründlich recherchiert, viele beruhigende Anekdoten gehört, bin auf dieser Ebene nicht nur ruhig und gefasst, sondern freudig aufgeregt: Erstens Abenteuer, zweitens Wissenschaft und Technik, drittens eine Lösung für mein langjähriges Problem.

Aber: HOLY SHIT! Man wird mein Bein aufschneiden, ein fast faustgroßes Stück Knochen aus meinem (!) Körper sägen, einen dreimal so großen Titankeil längs in den Oberschenkelknochen einhauen. In meinen Körper, dem schon die Vorstellung Unbehagen bereitet, Farbe unter die Haut nadeln zu lassen. Es ist meiner Ansicht nach völlig in Ordnung, dass mich das beutelt und verstört, auch diese Seite gehört zu mir.

Zweiter Effekt und Migräne-typisch: Nichts müssen. Über den gestrigen Vormittag weiß ich fast nichts mehr, ich schaute einfach nur migränisch blöd.

Dritter Effekt: Beim Hinterherlesen der Twitter-Timeline seit Mittwochnachmittag ein Dutzend assoziativ gelockerte Tweets rausgehauen. Weil zum einen Migräne eine neurologische Erkrankung ist und bei vielen Betroffenen zu Synapsengewitter führt (auch beschrieben hier von novemberregen), unter anderem bei mir. Weil zum anderen so früh am Morgen eh fast niemand auf Twitter ist. (Oh selig befreiende Irrelevanz!)

Gegen Mittag duschte ich und zog mich an. Erholsame frische Luft holte ich mir auf einer langsam erhumpelten Einkaufsrunde. Das Wetter war leicht abgekühlt und ein wenig wolkig.

Zurück daheim Frühstück mit eben geholten Semmeln, Käse, frischen Feigen, dann verlangte die Erschöpfung eine weitere Schlafrunde.

Nach diesen beiden Stunden fühlte ich mich ganz wiederhergestellt. Mittlerweile war Herr Kaltmamsell heimgekommen, hatte unterwegs den Ernteanteil der Woche abgeholt (für uns kein Kürbis, den hatten wir schon in der Woche davor, und statt Mangold Spinat – jetzt, wo wir so viele Haushalte geworden sind, gibt es öfter mal von einem Gemüse nicht genug für alle 1500 – völlig in Ordnung).

Ich setzte mich auf den Balkon und las die Süddeutsche des Tages. Vorm Balkon klackerten, plumpsten, raschelten, donnerten die Kastanien herab, je nach Landestelle. Dann kurze Küchentätigkeit: Für das Geburtstagsfestmahl am Freitagabend machte ich das Wunsch-Dessert Crème brûlée.

Auch für das Abendessen sorgte ich:

Gestern wieder mit Tahini-Dressing. Zum Nachtisch Schokolade.

§

Frau Nessy verlinkte einen Fahrradklima-Test des ADFC. Ich fand den Fragebogen gut gemacht und empfehle Teilnahme hiermit weiter, der ADFC könnte als Lobby-Sprecher Gehör finden. Die Stadt der Zukunft MUSS andere Prioritäten als den Pkw-Verkehr haben.
„Und wie ist das Radfahren in Deiner Stadt?“

§

Die Website Jobinklusiv fasst faktenreich und gut aufbereitet zusammen:
„Wie das System der Behindertenwerkstätten Inklusion verhindert und niemand etwas daran ändert“.

Dabei gibt es Behinderte, für die tatsächlich eine so betreute Berufstätigkeit ideal ist. Nur reichen die wohl nicht aus, um das System in der jetzigen Form am Laufen zu halten.

§

Tierniedlichkeit: Igel mit Nachwuchs, bitteschön.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 16. September 2020 – Gesund ist was anderes

Donnerstag, 17. September 2020 um 6:11

Nacht zerstückelt von Aufwachen (mal wegen Schmerzen, mal einfach wegen wach) und lang nicht mehr einschlafen können. Völlig zerschlagen und mit leichter Übelkeit aufgestanden, nicht mal Energie für das kleinste Bisschen Bankstütz.

Über den Tag in der Arbeit (wie schon am Dienstag ständiger Wechsel zwischen Stehen und Sitzen weil Schmerzen in Hüfte und Kreuz) fühlte ich mich so benommen, dass ich kaum geradeaus schauen konnte.

Mittags ging ich kurz für Besorgungen raus (Orthopäde für Klinikeinweisung, Apotheke für Medikamente), es war sonnig und fast schon heiß. Mittagessen ein Laugenzöpferl, Nektarinen, etwas Feta.

Nachmittags gesellte sich zu meiner Benommenheit ordentlich Kopfweh, vielleicht war das ganze ja doch Migräne. Ich machte früh Feierabend, radelte durch den sonnigen schwülen Tag heim mit Umweg über eine online recherchierte Einkaufsgelegenheit – die entgegen allen Angaben dicht gemacht hatte.

Daheim marschierte ich direkt ins Bett und schlief erst mal. Zum Abendessen (Herr Nachtmahl hatte den Ernteanteil-Fenchel zu einem Pasta-Gericht mit Ei-Soße verarbeitet) stand ich nochmal auf, schaffte aber nur einen kleinen Teller und musste für das letzte Stück Tagesschau den Kopf auf dem Tisch ablegen.

Nachdem sich weitere Symptome dazugesellten, war klar: Migräne. Ich ging ins Bett, nahm mein Triptan und schlief nach einer weiteren Stunde Quälerei ein.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 15. September 2020 – Nachtmahl unter freiem Himmel

Mittwoch, 16. September 2020 um 6:51

Der früheste Hausärztinnen-Folgetermin, den ich vor drei Wochen bekam, war gestern nach neun. Das bedeutete immerhin: Normale Weckzeit und trotzdem eine Stunde Crosstrainer. Vorm Fenster nochmal Spätsommer, ich hatte für abends einen Draußentisch im besonders schönen Draußen des Restaurants Romans reserviert.

Beim Strampeln mit Musik auf den Ohren konnte ich Müllmänner beobachten und war gerührt, dass sie offensichtlich alles daran setzen, so wenig Lärm wie möglich zu machen.

Gemütliches Radeln zur Hausärztin. Nachdem der erste Medikamentierungsversuch ohne Folgen geblieben war, hält sie es für möglich, dass der Blutdruck „nach der Aufregung um die OP“ von selbst runtergeht. Hm, ich wäre ganz offen dafür, doch bei meiner erblichen Vorbelastung zweifle ich. Jetzt nächster Medikamentierungsversuch.

Radeln in die Arbeit, durch verspäteten Einstieg hektischer Anfang. Mittags zwei Brezen, Hüttenkäse mit Zwetschgenkompott (eine Hand voll übrige vom Kuchenbacken hatte ich kurz aufgekocht). Nachmittags getrocknete Aprikosen.

Ich versuche weiterhin Interesse an meinen körperlichen Verwerfungen aufzubringen: Ah, das ist also das Hitzegefühl, das oft für Entzündungen im Hüftgelenk beschrieben wird. Oh, das linke Knie protestiert jetzt ebenfalls gegen die zustätzliche Belastung.

Erlösender Anruf von der operierenden Klinik: Der Termin ist hiermit bestätigt. Am Vortag muss ich um 8.30 Uhr antreten – das bedeutet Abfahrt von München Hauptbahnhof um halb sieben.

Ich war mit Herrn Kaltmamsell gleich in Neuhausen beim Romans verabredet; die Fahrt dorthin in den immer größeren Massen an Radlerinnen und Radlern ohne darauf ausgelegte Infrastruktur war anstrengend (auf schmalen Radwegen entgegenkommende Räder und immer mehr Lastenfahrräder (!) verschärften die Situation). Im Romans saßen wir wunderschön mit Blick auf den langsam dunkler werdenden Himmel über uns. Wir wählten das Überraschungsmenü, das recht Käse-lastig war; Herr Kaltmamsell suchte sich einen offenen Rotwein dazu aus, ich verzichtete lieber auf Alkohol.

Als Vorspeise gab es gebratenen Camembert mit Honig, Feigen und Cashews.

Pasta mit Trüffel.

Als das Kalb mit Pilzen in mächtiger Gorgozolasoße serviert wurde, war es dunkel geworden.

Zum Nachtisch Cassata Siciliana.

Sehr satt radelten wir durch die milde Nacht heim (und ich brauche jetzt erst mal ein paar fettfreie Tage, Rülpserchen).

§

Sechs Minuten Filmaufnahmen aus dem Paris der 1890er:
„Ce film gratuit, restauré en 4K vous plonge dans le Paris de la Belle Époque !“

FEUERWEHR!
Und feine Frauen, die bei jedem Schritt ihre Röcke festhalten müssen, überraschend viele Fahrradfahrer.
via @malomalo

die Kaltmamsell

Journal Montag, 14. September 2020 – Gerichtete Zähne und Erinnerung an eine Mitschülerin

Dienstag, 15. September 2020 um 7:02

Früher Wecker, um vor dem Termin bei der Zahnärztin Zeit für Yoga zu haben (und ein bisschen Bankstütz von allen Seiten). In der Nacht reichlich Schlaf bekommen, nur wenige Unterbrechungen.

In diesen Halbschlaf-Unterbrechungen war mir eingefallen, dass am U-Bahnhof Münchner Freiheit gerade gebaut wird und ich besser mal die sonst so bequeme ÖPNV-Verbindung zur Zahnärztin überprüfe. Blöderweise hatte ich das nach Weckerklingen bereits vergessen und erinnerte mich erst im Abfahrt-U-Bahnhof daran. Zum Glück hatte ich reichlich Zeit eingeplant und war nach Verlassen des Schienenersatzverkehrs zwischen Universität und Münchner Freiheit nur wenig in Eile. Wundervolles Spätsommerlicht.

Dottoressa Dent richtete meine bröselnden Schneidezähne, wir tauschten uns über Altersgebrechen und alternative sportliche Bewegungsformen aus. Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle blieb ich an besonders schöner Schwabinger Typografie hängen. (Herr Kaltmamsell behauptet ja, Zu-Fuß-Gehen mit mir gleiche Gassigehen mit einem Hund).

Ein weiterer Sommertag. Arbeit in der Arbeit. Mittags Pfirsiche (wenig Geschmack) mit Feta, nachmittags eine Hand voll getrocknete Aprikosen. Die Tageskarte für den MVV nutzte ich, um nach Feierabend zu Einkäufen an den Ostbahnhof zu fahren: Bei Mittemeer besorgte ich spanischen Käse und typische Geschmackszutaten für Eintöpfe.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Pakchoi aus Ernteanteil mit gebratenem Tofu und Reis, sehr gut. Nachtisch Schokolade.

Es gibt nur einen Menschen, mit dem ich meine gesamte Schulzeit geteilt habe: Die C. Sie war neben mir das andere Arbeiterkind in der Klasse, das von der Grundschule St. Pius aufs humanistische Gymnasium übertrat und dort Abitur machte (ich glaube, C. wollte immer Apothekerin werden). Wir kamen beide in die B-Klasse (die „brave“), wählten beide Griechisch, soweit ich es erinnere, saßen wir auch zusammen im Leistungskurs Griechisch. Auch wenn wir nie Freundinnen waren, besuchte ich sie zu Grundschulzeiten hin und wieder bei ihr daheim in einem etwas älteren Wohnblock als unserem zum Spielen. Ich erinnere mich an einen zutraulichen blauen Wellensittich, um den ich sie beneidete, an eine zarte und zierliche Mutter mit beeindruckend toupiertem schwarzen Haar, an ein Wohnzimmer mit vielen Rumsteherles, von denen mich die Porzellanfigürchen mit durchbrochenem Spitzenröckchen ungeheuer anzogen (meine Mutter war schon früh damit gescheitert, mir Design-Geschmack beizubringen). C. habe ich als eine heitere und freundliche Mitschülerin mit Biss vor Augen, nicht besonders sportlich, im Gegensatz zu mir ausgesprochen ehrgeizig. Eine weitere Erinnerung, die ich mit ihr verbinde: Eines Morgens zu Gymnasiumszeiten kam sie etwas aufgelöst in die Schule – sie habe morgens vergessen, die Badezimmertür zu versperren, und ihr Bruder sei hereingeplatzt, als sie gerade völlig nackt gewesen sei! So lernte ich, dass es in anderen Familien nicht wie bei uns üblich war, sich nackt in der Wohnung zu bewegen.

Gestern erfuhr ich über einen Facebook-Post (Zufall, denn ich bin dort selten), dass sie sehr krank ist – und im Oktober Großmutter wird. Und dachte dann viel an unsere gemeinsame Vergangenheit.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 13. September 2020 – Sommersonntag im September

Montag, 14. September 2020 um 6:03

Wieder endete die Nacht kurz nach vier. Ich wälzte mich noch bis halb sechs und gab dann das Warten auf Schlaf auf.

Erst mal las ich bockig noch ein Kapitel Nineteen Eighty-Four, dann erklärte ich den Morgen für begonnen (Milchkaffee, Bloggen). Aber so hatte ich halt um neun bereits die Twitter-Timeline ausgelesen, Bettzeug abgezogen, gewaschen, aufgehängt, Zwetschgenkuchen gebacken und saß auf dem Rad Richtung Olympiabad. (Ich hatte mich wieder vergeblich um eine Anmeldung zum Freibadschwumm im Schyrenbad bemüht.)

Den leichten Pulli hätte ich nicht mal gebraucht, es war schon jetzt Kurzärmel-warm. Schwimmen leider nicht erfreulich: Erst zickte die kaputte Hüfte, und gerade als ich in Fluss gekommen war und das ignorieren konnte, wurde die Schwimmbahn von einer zehnköpfigen Rotte älterer Kinder gekapert, die mit allem Spielzeug ausgestattet waren, das das Sportmarketing hergibt (Bretter, Polster, Flossen, Paddel) und immer im Pulk losschwammen – gerne genau dann, wenn ich gewendet hatte. Ich brach ab, nicht ohne hiermit wissenschaftlich zu dokumentieren, dass einem auch in Chlorwasser vor Wut Rauch aus den Ohren steigen kann.

Auf dem Heimweg besorgte ich Semmeln, die gab’s daheim. Danach war ich zu meiner Erleichterung Siesta-schwer und konnte anderthalb Stunden Schlaf nachholen.

Ich setzte mich auf den Balkon (nicht zu warm, nicht zu kalt), las Nineteen Eigty-Four aus, aß Zwetschgenkuchen mit Sahne. Jetzt trieb es mich doch nochmal raus, ich spazierte über den Südfriedhof und ein Stück die Isar entlang.


Der Südfriedhof noch ohne Herbstanzeichen.


Die Isar eifrig bebadet. (Abstand? Welcher Abstand?)

Zurück daheim packte ich den Bügelstapel an, unwillig – ich hängte mir die Karotte vor die Nase, dass ich dabei endlich das Netzpolitik-Interview mit Zoë Beck anhören konnte:
„Zoe Beck: Netzpolitische Krimis“.

Ich wurde reichlich für die Bügelanstrengung entschädigt. Hatte ich schon lange den Verdacht gehabt, dass Zoë Beck eine besonders kluge Frau ist, fand ich mich jetzt bestätigt: Ob es um die Verlagswelt ging, um das Leben überhaupt oder um die Konstruktion ihrer Romane – zu allem waren ihre Gedanken erhellend (u.a. warum man im Erzählen des 19. Jahrhunderts noch viel beschreiben musste, heute aber nicht). Bitter auch ihr Bericht, wie frühere Verlage ihr Frauen als Zielgruppe erklärten und wie sie folglich über welche Themen schreiben sollte. Ich habe gute Lust, zu einer Unterschriftenliste von viellesenden Frauen aufzurufen, die gerne Geschichten mit viel Technik und viel Politik mögen (das interessiert uns nämlich laut diesen Verlagen nicht).

Der erste Kürbis der Saison bekam wieder die Ehre, gebacken mit Äpfeln, Pilzen, Ruccola und Käse als Salat serviert zu werden.

Im Bett neues Buch für die Leserunde angefangen: Karosh Taha, Im Bauch der Königin.

§

Langer, sehr lustiger Twitter-Faden zur Lage UK-Brexit, damit geht er los:

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 12. September 2020 – Rebellische Haltungen

Sonntag, 13. September 2020 um 7:15

(An #12von12 erinnerte ich mich leider zu spät.)

Mit Kopfweh aufgewacht – das mich trotz Aspirin leider nach dem ersten Schluck Milchkaffee doch zurück ins Bett trieb, weil migränoid. Statt Morgensport schlief ich nochmal zwei Stunden.

Dann musste ich aber raus in den Sommertag, denn wir waren bei Schwiegers in Augsburg zum Mittagessen eingeladen.

Auf dem Weg zum Bahnhof entdeckte ich in der Goethestraße eine mir unbekannte Hausentkernungstechnik und bat Herrn Kaltmamsell, ein Foto zu machen (mein Handy steckte im Rucksack):

Bisher war ich riesige, verstärkte Plastikschläuche gewohnt, durch die Bauschutt nach unten in einen Müllcontainer geleitet wird; hier hing nun der Container direkt am Fenster bei den Schuttarbeiten.

Am Münchner Hauptbahnhof viel Polizei: Gestern war eine Großdemo gegen Corona-Maßnahmen angekündigt, zumindest war die Kundgebung am Odeonsplatz untersagt (und damit vor der historisch belasteten Feldherrnhalle) und auf die Theresienwiese verlegt worden.

Bei Schwiegers Wiedersehensfreude und Austausch von OP-Geschichten, manche Eingriffe werden dann doch kompliziert. Außerdem köstliches Mittagessen: Vorspeisensalat, dann geschmorte Ochsenbackerl mit Spätzle und Gemüse, nachmittags Zwetschgendatschi mit Sahne.

Schwiegers sind schon früh ziemlich rumgekommen. (Ich liebe diesen Zeichenstil, den ich aus Illustrationen von Romanen der 1950er kenne.)

Ich lieh mir für die eigene OP die Greifzange aus, die ich laut Klinik-Checkliste mitbringen soll – auch wenn sie laut den beiden OP-Veteranen nicht wirklich benötigt wird.

Zurück in München setzte ich mich auf den Balkon in die warme Luft, von der Theresienwiese schallte noch bis in die Abenddämmerung das Blaffen der Redner gegen Corona-Maßnahmen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Karottensalat mit Gewürzjoghurt und Kräutern, außerdem ein wenig Blattsalat. Nachtisch Schokolade.

Ich las weiter in Nineteen Eighty-Four. In den Zitaten des „Book“ und in den Folterszenen wird deutlich die Methode der totalitären Volksentmachtung nachgezeichnet, erst theoretisch, dann praktisch: Wie man leider an der Politik Donald Trumps erlebt, geht es eben nicht darum, eine konsequente Lüge aufzubauen, sondern eine ständig wechselnde Realität zu behaupten, bis das Volk das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung aufgibt – also in einem Moment das eine auszusagen, im nächsten das Gegenteil, als hätte es die vorherige Aussage nie gegeben.

§

Hilmar Klute macht sich in der Wochenend-SZ Gedanken über die rebellische Haltung, die viele der Demonstrierenden gegen Coronamaßnahmen (oder auch hier gegen selbst erfundene Regelungen) verbindet (€):
„Die Maßlosen“.

Zum Vorabend der Studentenrevolte, am 5. Mai 1967, hielt der Schriftsteller Peter Schneider eine Ansprache, die später als „Rasenrede“ in die jüngere Kulturgeschichte des Zorns eingehen sollte – und mit der eine gezielte Regelverletzung gewissermaßen den Durchstoß zur Wahrheit bringen sollte. Man wisse ja, sagte Schneider damals vor der Vollversammlung aller Fakultäten der Freien Universität Berlin, dass dem Spießerdeutschen die Gräuel des Vietnamkrieges herzlich egal seien, wohingegen „wir nur einen Rasen zu betreten brauchen, dessen Betreten verboten ist, um ehrliches, allgemeines und nachhaltiges Grauen zu erregen“. Am darauf folgenden Tag wurden Studenten dabei beobachtet, wie sie, zitternd vor Kühnheit, über den Campus-Rasen der FU latschten.

Von heute aus betrachtet, kommt einem diese wilde Übertretung erstens niedlich und zweitens beinahe wie politischer Aberglaube vor: Indem ich meinen Fuß auf ein Stück Rasen setze, das von der bürgerlichen Mehrheit als schützenswert betrachtet wird, trete ich zugleich in den Kampf gegen jene imperialistischen Kräfte ein, die einem Teil der Welt Verderben und Untergang bescheren. Dieses eigentümliche Gemisch aus symbolischem Gefuchtel und der bräsigen Vorstellung, man bewege mit seinem patzigen kleinen Widerstand politisches Weltgeröll, hat sich bis heute gehalten. Aber das Image des Regelverletzers hat sich zusehends zu dessen Nachteil gewandelt.

Denn heute leben wir in einer liberalen Gesellschaft; in Jeans in die Oper zu gehen, als Paar unverheiratet zusammen zu leben, als Arztsohn Musiker zu werden, Rotwein zum Fisch zu trinken – das alles gilt nicht als Rebellentum, sondern als persönliche Entscheidung oder individueller Stil.

Die Regelverletzung ist die auf Abwege geratene Stiefschwester der Ordnung, ihre Auftritte in den Unruhephasen der Bundesrepublik haben sich ins Gedächtnis eingenistet. Die illustren Beispiele reichen von der Weigerung des Kommunarden Fritz Teufel, sich vor dem Berliner Landgericht zu erheben (einschließlich der die Autorität parodierenden Einlenkungsphrase: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient“), über den bizarren Einfall des radikalen Studenten Karl-Heinz Pawla, vor dem Schöffengericht Tiergarten zu defäkieren, bis hin zu Joschka Fischers Vereidigung in Turnschuhen. Aber im Dezember 1985, als Fischer in Wiesbaden den Amtseid leistete, war diese Regelverletzung bereits ein fast musealer Anstrich an der Biografie eines Politikers, der sich längst der Regeltreue des Establishments verpflichtet hatte.

Als Vollendung der Umkehrung, in der Regelverletzung sich gegen Grundwerte richtet und nicht mehr gegen aufgesetzte Autorität, identifiziert Klute den Wahlsieg Donald Trumps:

Wie es aussieht, hat sich der Leumund des Regelverletzers in letzter Zeit zu dessen Ungunsten verändert. Und wenn man es weltgeschichtlich terminieren möchte, dann käme man womöglich auf den Herbst 2016, als Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt wurde. Trump hat seine Politik, oder was er dafür hält, auf dem Prinzip der permanenten Regelverletzung begründet. Die Verabschiedung von globalen Übereinkünften, politischen Anstandsregeln und von der Achtung zivilgesellschaftlicher Normen war von Anfang an sein staatspolitisches Credo. Trump verletzt die Regeln derart brutal, konsequent und in solch monströser Zeigefreude, dass selbst dem größten Sympathisanten bizarrer Übertretungskultur die Lust an der Provokation vergehen muss. Wie rasch die programmatische Regelverletzung dazu führen kann, dass ein Land und seine Gesellschaft zugrunde gehen, war in Minneapolis, in Portland und überall dort zu beobachten, wo Menschen spüren, dass die Übereinkünfte der zivilen Welt von staatlicher Seite verhöhnt werden.

Aktuelle Ergänzung ist der britische Premier Boris Johnson, der beschlossen hat, dass ihm der mit der EU vereinbarte und bereits gültige Austrittsvertrag egal ist und UK jetzt einfach etwas anderes macht. Womit er in einer Weise gegen die Regeln verstößt, die Trump seit vier Jahren vormacht.

Unser derzeitiger geselleschaftlicher Konsens ist sogar darauf ausgerichtet, möglichst viel Individualismus und persönliche Entscheidung zuzulassen und nur dann einzugreifen, wenn das große Ganze beschädigt würde. Wie im aktuellen Fall einer Pandemie.

Die Verbindlichkeit der Regeln leuchtete den meisten Menschen bald ein, weil ihre Beherzigung womöglich schon den Weg in Richtung Aufhebung der Regeln vorzeichnen könnte. Irgendwann wurde es zur Pflicht, eine Atemschutzmaske zu tragen, und von dem Zeitpunkt an begann ein immer lauter werdender Chor damit, zur Regelverletzung aufzurufen. Mag sein, dass es der symbolische Nimbus der verschleiernden Maske war, möglicherweise auch ihr Sitz an einer so empfindlichen Stelle, dem Gesicht, das ja für Identität und individuelle Kenntlichmachung steht. Die Maske wurde den Regelkritikern zum Fetisch der Unfreiheit, was eigentlich unsinnig ist, denn mit der Maske vor der Nase hatte man sich ja den Passierschein für beinahe überallhin vor das Gesicht gebunden. Es gab auch gleich die große Palette an Farbreichtum, schickem Zuschnitt oder – für die ganz Korrekten – hygienischem Einmalgebrauch auf den Markt. Gegen die Angst, ein dumpf vor den Mund gepapptes Stück Stoff tragen zu müssen, bediente der Kapitalismus auch weiter die Nachfrage nach individueller Einzigartigkeit.

Aber sicher muss man wachsam bleiben und soll Regelungen hinterfragen, soll man Regeln weiterhin verletzten. Klute zitiert Habermas:

„Der Regelverletzer“, schreibt Habermas, „muss skrupulös prüfen, ob die Wahl spektakulärer Mittel der Situation wirklich angemessen ist und nicht doch nur elitärer Gesinnung oder narzisstischem Antrieb, also einer Anmaßung entspringt.“

die Kaltmamsell

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