Journal Mittwoch, 21. Oktober 2020 – Vorträge und Erkenntnisse

Donnerstag, 22. Oktober 2020 um 7:17

Im Wechsel eine gute Nacht, schön.

Nur Tee zum Frühstück, es ging gleich mit Sport los: Da ich fürs Training im Bewegungscenter nur eine Stunde zur Verfügung hatte, ließ ich diesmal die Oberkörpermaschinen weg und konzentrierte mich auf Hüfte und Bauch. Erkenntnis: Ich brauche mich gar nicht kellerkindlich zu fühlen, weil ich als fast einzige in alter, abgeschraddelter Sportkleidung rumlaufe (einige Teile nutze ich seit 15 Jahren), fast alle anderen blitzend schicke, neue tragen – es belegt in erster Linie, dass ich schon immer diese Art von Sport treibe, so manche Patientin, so mancher Patient das in der Reha-Klinik zum ersten Mal tut.

Vortrag Ostheoporose: Knapp und interessant, unter anderem erfuhr ich, dass in Saudi Arabien (Heimat des referierenden Arzts) eine große Mehrheit der Bevölkerung unter Vitamin-D-Mangel leidet, weil dort zwar die zum Aufbau nötige Sonne scheint, aber zu heiß ist, als dass man sich ihr aussetzt. Auf der Liste von Risikofaktoren zu ersten Mal bei welcher Erkrankung auch immer gesehen: „Untergewicht“ (Übergewicht tauchte ausgesprochen nicht auf).

Genug Zeit bis zum Mittagessen, dass ich in milder Luft, nur mit Pulli auf eine Spazierrunde mit Krücken außerhalb der Klinik gehen konnte: Den Söllbach ein Stück hinauf nach Altwiessee, es idyllte massiv. Ich freute mich über die vorbildliche Hundebesitzerin, die den unangeleinten Wauzi beim Entgegenkommen mit einer Geste an ihrer Seite behielt, sich dabei auf ihn konzentrierte und mich nur für einen kurzen Gruß ansah. (Zwar fürchte ich mich nicht vor Hunden, hätte ihn auf diesem schmalen Weg aber wirklich nicht zwischen meinen Krücken haben wollen.)

Ich beendete den Gang früher als geplant, weil ich zittrig wurde, ließ deshalb auch den eigentlich möglichen Cappuccino bleiben und legte statt dessen im Zimmer die Beine hoch.

Das Mittagessen schmeckte mir ausgesprochen gut:

Weiße Bohnen in Tomate, weich gebratene Auberginenscheiben, Basilikumsauce, Grilltomate. Davor Salätchen, danach Grießpudding.

Das Nachmittagsprogramm startete mit Physio, ich ließ mir beim Muskellösen weh tun (das kenne ich ja von meiner Anfasserin). Dann passive Bewegung mit Schiene, im Anschluss nochmal ein Vortrag: Diesmal ging es um Hintergrund und Nachbehandlung von endoprothetischen Hüft- und Knie-OPs, sehr lieblos abgehandelt. Interessant hätte ich den Inhaltspunkt „Sexualität“ gefunden, doch darüber ditschte die Referentin nur kurz hinweg und bot dazu ein Handout an. (Selbstrecherche ergab: Die einen sagen so, die anderen so, spannend vor allem, dass anscheinend nach OP-Methode unterschieden wird, was Frauen ab wann dürfen. Laut männlichen Experten.)

Programmabschluss Wasserturnen. Herr Physio hatte auf meine Frage gemeint, Kraulschwimmen mit minimalem Beineinsatz dürfe ich, das probierte ich also gleich ein bisschen aus. Ja, geht. (Metermachen/Kachelnzählen heben ich mir natürlich noch die eine oder andere Woche auf.)

Weil ich mich auf Twitter damit brüstete zu wissen, wie man das englische „sarcophagi“ korrekt ausspricht (Lebensleistung), wurde wild mit im Englischen absurd ausgesprochen Begriffen um sich geworfen. Mein absoluter Favorit, den ich noch nicht kannte: „Thermopylae“. (Klick auf Link führt zur Möglichkeit, sich das vorsagen zu lassen.)

Ich erinnerte mich sehr an die ersten Tage meines Auslandssemesters an der Universität in Swansea, Wales. In der Vorlesung Literaturtheorie verstand ich jedes dritte Wort nicht: Es handelte sich offensichtlich um Fachbegriffe mit lateinischem oder altgriechischem Ursprung, die hier völlig bescheuert ausgesprochen wurden. Ich verlegte mich darauf, lautmalerisch mitzuschreiben, reverse engineering anhand üblicher englischen Ausspracheregeln zu betreiben und so auf die wahrscheinlichste Annäherung zu kommen. Meist kannte ich das Wort dann doch.

Die Zeit bis zum Abendessen wurde meinem Hunger sehr lang, ich hatte aber keine Lust auf Nüsschen oder Trockenfrüchte. Auch das Abendessen war dann hervorragend: Es gab Tsatsiki, dazu viel frisch gebratene Paprika, Oliven.

Abenunterhaltung Telefonate und Romanlesen.

§

Ein Kapitel Internet-Geschichte: Wie der Informatiker Werner Zorn (damals Angestellter der Uni Karlsruhe) 1987 China ins Netz bastelte – und die heutige Online-Weltmacht ermöglichte.
„Wie das Internet nach China kam“.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 20. Oktober 2020 – Routinetag in der Reha

Mittwoch, 21. Oktober 2020 um 7:46

Dann halt wieder eine Nacht mit Schlafpause. Gegen halb drei war klar, dass das mit dem Wiedereinschlafen nicht klappen würde, ich las eine Stunde.

Frühstück nur Tee mit Milch, allerdings brauchte ich um zehn eine Hand voll Nüsse.

Das Tagesprogramm startete mit „Vortr. Sozialberatung“: Im Gegensatz zu dem Vortrag vergangenes Jahr in Bad Steben ganz ausgezeichnet und praxisnah. Ich weiß jetzt unter anderem, was ich an Bürokratischem warum im Anschluss an die Reha tun muss, schließlich werde ich noch eine Weile arbeitsunfähig sein. Und das Thema „Grad der Behinderung“ wurde viel kürzer abgehandelt, dafür mit den wichtigsten Kernaspekten pro und contra und ohne dass Schwerbehinderung die Note einer Karriereoption bekam.

Nächste Behandlung manuelle Lymphdrainage ohne Grund, passte zur darauf folgenden Bewegungsschiene.

Als Mittagessen gab es gebratenen Tofu mit Sommergemüse in Tomate und Reis, davor Lauchsuppe (meine ist besser), danach eine Nougatcreme. Ich wurde gut satt.

Nach ein bisschen Elektrotherapiebitzeln drehte ich eine Gymnastikrunde im Sportraum, schonte meine Hüfte, konzentrierte mich auf Oberkörper und Bauch. Die anschließende Fango-Wärme fühlte sich genau richtig an.

Abschluss des Tagesprogramms war „Gangschule“; die Trainerin ging mit uns aus der Sporthalle raus – darauf war ich in kurzen Ärmeln nicht vorbereitet, trotz des ganztägig schönen Wetters fror ich.

Ich nutzte die Zeit bis zum Abendessen für eine weitere Maschine Wäsche; zwar wäre ich mit der vorhandenen Ausstattung schon auch durchgekommen, hätte aber zu nicht so gemochten Stücken greifen müssen. Dummerweise tat der Wäschetrockner seinen Dienst nicht ganz: Am Ende des Durchgangs war die Wäsche noch feucht, ich musste sie in meinem Zimmer zum Trocknen drapieren.

Abendessen war ein Gerstenrisotto, ich aß eine Buttersemmel dazu. Im Zimmer legte ich die Beine hoch, an ein Bett mit aufstellbarem Rückenteil könnte ich mich langfristig gewöhnen, ziehe ich für den nächsten Lattenrost- und Matratzenwechsel in 20 Jahren in Betracht.

§

Wie Virologin und Sars-CoV-2-Expertin Isabella Eckerle ihren Alltag der Zweiten Welle anpasst.
„Dieser Winter noch“.

Wir alle sind ein Teil dieser zweiten Welle.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 19. Oktober 2020 – Ungewohntes Wasser

Dienstag, 20. Oktober 2020 um 7:53

Das gestrige Therapieprogramm enthielt unter anderem fünf Sport-Einheiten; nach der Erschöpfung allein schon durch Spazierengehen war ich gespannt, was das mit mir machen würde. Ergebnis: Gar nicht so schlimm, war wohl eine andere Art Belastung.

Ich hatte gut und vor allem lang geschlafen. Obwohl ich Sonntagabend schon um halb zehn in tiefen Schlaf gefallen war, stellte ich nachts den Wecker auf sieben vor – und hätte auch dann noch gerne weiter geschlafen.

Zum Frühstück nur Tee, ich hatte keinen Hunger – so kenne ich mich.

Das Programm begann passiv mit der doofen Bewegungsschiene, aber dann ging’s ziemlich aktiv weiter, nämlich mit Pilates (bei einem Trainer, der keine Atem-Unmöglichkeiten forderte) und einer Stunde freier Reha-Gymnastik.

In der Visite sprach ich meine Schmerzen an. Der Arzt untersuchte mich mit Heben und Drücken, stellte fest, dass das Hüftgelenk selbst in Ordnung sei, es sich um reine Muskelschmerzen handle, die er auf die ungleiche Belastung zurückführte. Das Pflaster kam weg, ich konnte meine Narbe ausführlich ansehen (noch ziemlich gruslig).

Ich freute mich über Zeit und Gelegenheit für einen Cappuccino.

Trotz Sonnenschein draußen graue Schatten auf dem Gemüt.

Mittags mit wenig Appetit Nudeln mit Genüsesoße und ein wenig Salat gegessen, auf den Krapfen zum Dessert hatte ich überhaupt keine Lust.

Lymphamat im 3. Stock, das beste daran die sonnige und herrliche Aussicht auf den Tegernsee.

Einzelstunde Reha-Gymnastik. Ich schilderte wieder meine Beschwerden, bekam gezielte Dehn-Übungen. Und den Rat, nie über die Schmerzgrenze hinaus zu sporteln, darauf bitte auch im ersten Wassertraining zu achten, auf die ich mich so freute. Heilen zieht wohl wirklich viel Energie, meine Erschöpfung nach ein bisschen Spaziergang sei ganz normal.

Auch in der Einzel-Physio thematisierte ich meine Schmerzen, Herr Physio stellte sich darauf ein. Er ließ mich abschließend auf einem Bein stehen, auch auf dem operierten: Kein schiefes Becken, die Kraft ist voll da, das wird.

Die ersehnte Wassergymnastik war dann sehr seltsam. Wasser ist je meine enge Freundin seit meinem Säuglingsschwimmkurs, und so lockte es mich beim Hineinsteigen wie gewohnt mit: Schwimm mich! Spiel mit mir! Doch das durfte ich ja nicht, ich musste die körperliche Vertrautheit ähnlich vehement abwehren wie die mit Herr Kaltmamsell am Samstag. Die Gymnastik war dann nett (wir waren nur zu zweit plus Trainerin, um uns zogen ein paar Patientinnen und Patienten Bähnchen), und das wehe Hüftgelenk wackelte genug, um den Respekt aufrecht zu erhalten.

Nicht vergessen hatte ich die Kehrseite der so angenehmen Wassergymnastik: Für 25 Minuten Bewegung derselbe Rundum-Terz wie für anderthalb Stunden Schwimmen, also vorher umziehen und duschen, nachher den Chlorgeruch abschäumen, duschen, haareföhnen, eincremen, nassen Badeanzug und feuchten Bademantel irgendwo zum Trocknen drappieren. In dieser Rehaklinik kommt ein langer Weg zum Schwimmbad dazu: Zwar konnte ich den in Bademantel und Schlappen diskret über das Untergeschoß zurücklegen, also durch Turnhallen und die Gänge dazwischen statt durch Cafeteria und Foyer – begegnete in diesem Aufzug allerdings immer noch viel zu vielen Nicht-Schwimm-Menschen für meinen Geschmack.

Zum Abendessen hatte ich dann doch Hunger – eigentlich sogar davor, ich musste mit Nüssen und Trockenaprikosen überbrücken. Es gab Kartoffelsuppe und griechischen Salat, wieder bedauerte ich die armen Tomaten, die in der Kühlung Geschmack verlieren, dafür Pappkarton-Konsistenz annehmen mussten.

Start einer neuen Lektüre: Celeste Ng, Little Fires Everywhere.

Vielleicht sollte ich erleichtert sein, dass 2020 für mich nicht nur aus Corona besteht. Sondern auch aus #ProjektneueHüfte.

Auch wenn ich es hier nicht notiert habe: Mich beunruhigt die rapide ansteigende Zahl von Corona-Infektionen in Europa, in Deutschland, in München. Theoretisch wusste ich zwar, dass wir noch viel Pandemie vor uns haben und es noch viele Monate bis zu einem Nachher ist. Doch ganz praktisch fürchte ich mich jetzt in der zweiten Welle vor apokalyptischen Zuständen mit vielen Betroffenen und Toten ersten Grades (also wegen Covid-19) und zweiten (wegen anderer Erkrankungen, die ein überlastetes Gesundheitssystem nicht mehr auffangen kann). Und mich bedrücken die Einschränkungen des Alltags auch ohne Lock-down: Keine Ausflüge, keine Besuche bei Freunden und Familie, jeder Schritt außer Haus erfordert Abwägung, keine langfristige Planung.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 18. Oktober 2020 – Sonniger Tegernsee und Mary Wesley, The Camomile Lawn

Montag, 19. Oktober 2020 um 8:49

War eine gute Nacht, allein schon das Kissen half.

Kein Regen, also Spaziergang nach dem Frühstück im Park. Seit ein paar Tagen sind die Wiesen voller Tintlinge.

Zu meiner Beruhigung ging das Gehen besser. In den beiden Tagen davor schmerzten mich viele Bewegungen (evtl. wegen Verringerung der Schmerzmittel?), so dass ich wieder humpelte – ich kann nicht an einem symmetrischen Gang arbeiten, wenn er mir Schmerzen bereitet.

Ausführliche Runde im „Bewegungscenter“, draußen ließ sich die Sonne immer deutlicher sehen.

Mittagessen waren ausgezeichnete Kaspressknödel (wenn auch Kugeln und nicht flach) in einem Butter-See, dazu Mais-Karotten-Salat, danach Weiße-Schokoladen-Mousse.

Kurzes Verdauungsschläfchen, dann zog es mich raus in die Sonne. Ich spazierte, so weit möglich am Ufer entlang, Richtung Bad Wiessee.

Nicht abgebildet: Haubentaucher, die ich einige Male entdeckte.

Der oben abgeflachte Berg ist der Wallberg, auf dem ich die beiden Skiwochen meiner Gymnasialzeit verbracht habe, untergebracht im Wallberghaus. Aber nichts an der hiesigen Umgebung ruft Erinnerungen hervor.

Der Söllbach, der direkt am Klinikgelände vorbeifließt.

Zum Abendessen hatte ich bereits die zweite Hälfte Radicchio mit Schimmelkäse als ersten Gang gehabt, im Restaurant gab es Reis mit Gemüsecurry. Jetzt ging ich wieder beschwerlich und von Schmerzen gestört, ich werde mich mit dem Physio-Team darüber unterhalten.

Mary Wesley, The Camomile Lawn ausgelesen. Innerhalb von zwölf Monaten der dritte englische Roman, der unter jungen Leuten um den zweiten Weltkrieg spielt (die anderen beiden waren Judith Kerr, Bombs on Aunt Dainty und Nancy Mitford, The Blessing) – ich glaube, das Thema kommt in England gut an. Diesmal sind die jungen Leute Kusins und Kusinen aus der upper middle class (will heißen: sowas wie Lebensunterhalt wird nie erwähnt, alle wohnen so großzügig, dass sie jederzeit die anderen unterbringen können), und London im Krieg ist eine einzige Party. Oberflächlichkeit wird gefeiert, dennoch sind die Figuren als liebenswerte Charaktere gezeichnet. Neben ihnen spielen auch Flüchtlinge aus Deutschland eine Rolle, doch vor allem als pittoreskes Detail. Verwoben in die Handlung der Kriegszeit sind Kapitel, die 40 Jahre später spielen: Die Protagonistinnen von damals auf dem Weg zur Beerdigung einer der Hauptfiguren, im Gespräch mit der nächsten Generation. Das ist erzähltechnisch hervorragend gemacht, denn in diese Gesprächen stecken wichtige Informationen für die Haupthandlung, inklusive ihrer Interpretation im Nachhinein. Ich las das Buch sehr gern, doch mein Liebling ist die Perspektive von Judith Kerrs Roman im Flüchtlingsmilieu, in dem die kleinen und großen Kämpfe ums alltägliche Überleben eine Rolle spielen.

§

Gespräch mit Prof. Christian Drosten u.a. darüber, warum er sich sehr früh für öffentliche Sichtbarkeit entschieden hat, was er über Medien und Kommunikation gelernt hat (er vergleicht die Rolle der Medien mit der eines Medikaments).

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/B_DTWtwhlBA

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 17. Oktober 2020 – Besuchstag!

Sonntag, 18. Oktober 2020 um 9:15

Bevor ich nachmittags Besuch von Herrn Kaltmamsell bekam, hatte ich erst noch ordentlich Programm.

Wovon allerdings der Spaziergang nach dem Frühstück gleich mal ausfiel, da es draußen schüttete. Dann gab es eine Gruppenrunde „Fußstatik“, in der die Trainerin die Muskulatur des Fußes und seine Bedeutung fürs Gehen erklärte, einige Übungen machen ließ.

Programmpunkt 2 war Fango (gibt es einen belegbaren Unterschied zu einer Heizdecke? ernsthafte Frage), ich schlief fast ein. Für „Bewegungsschiene“ (kurzes Augenrollen) irrte ich ein wenig herum: Der gewohnte Ort war verschlossen, ich hatte im Programm übersehen, dass ich diesmal in den dritten Stock musste und verspätete mich. In diesem Fall sehr egal.

Mittagessen war nach einer kräftigen Gemüsebrühe Ofengemüse mit Kartoffeln, zum Dessert ein Schoko-Kokos-Küchlein.

Kurz nach zwei kam endlich mein Besuch, und der Regen hatte tatsächlich aufgehört. Herr Kaltmamsell musst an einem eigenen Besuchertisch im Rezeptionsbereich (immer nur ein Besuch auf einmal) ein Formular ausfüllen, seine Temperatur wurde gemessen. Er hatte mir auf meinen Wunsch mein Kopfkissen mitgebracht (das hiesige ist ein riesiges, fast nicht zusammendrückbares Quadrat – um darauf wirklich nur meinen Kopf zu betten, Prinzip Nackenkissen, muss ich so weit im Bett runterrutschen, dass meine Füße überstehen), außerdem ein wenig Winterkleidung (Zack! sind für nächste Woche 17 Grad angekündigt).

Ich nahm ihn mit in die Cafeteria zu KaffeeundKuchen mit Plexiglas dazwischen – es gab hervorragende Marzipantorte.

Es war weiterhin trocken: Bei einem Parkspaziergang konnte ich Herrn Kaltmamsell zeigen, wo die Spatzen wohnen. Wir verließen das Klinikgelände auch für eine kleine Strecke am See, dann war der Besuch schon wieder vorbei: Ich holte einige Dinge aus dem Zimmer, die Herr Kaltmamsell bereits zurück nach Hause nehmen konnte und verabschiedete ihn – wieder berührungslos, erst nach meiner Reha gehören wir wieder zu einem Haushalt.

Ein weiteres Mitbringsel war Radicchio mit Blauschimmelkäse und Balsamico-Dressing gewesen:

Ich hatte beim Anblick des dieswöchigen Ernteanteils so laut gewinselt, dass ich ein wenig davon bekam. Die Hälfte aß ich als ersten Gang des Abendessens (die andere Hälfte bewahre ich kühl auf meinem Balkon auf), im Restaurant gab es dann als zweiten Gang eine Ofenkartoffel mit Kräuterquark.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 16. Oktober 2020 – Langweiliges Heilen

Samstag, 17. Oktober 2020 um 7:51

Große Stücke durchgeschlafen, das war schön.

Draußen regnete es weiter, nach dem Frühstück krückelte ich nur ganz kurz die Ländereien ab. Es regnete den ganzen Tag durch, ich schlief noch mit Regenrauschen ein.

Pilates war diesmal aus anderen Gründen anstrengend (auf Twitter kann ich vielstimmige Aufregung wenigstens muten), doch ich konnte für diesen Tag Bodenübungen abhaken (90 Prozent Überschneidung mit meinem Trainingsprogramm).

25 Minuten Bewegungsschiene, sonst würde ich hier gar keine Musik hören. Wieder Gelegenheit für einen Cappuccino.

Noch vor dem Mittagessen war ich zum Fädenziehen dran. Davor hatte ich mich ein wenig gefürchtet, denn die Narbe ist groß und noch empfindlich. Es ziepte dann aber nur ein bisschen. Mit dem Arzt plauderte ich über aserbaidschanische Namenskonventionen und den Einfluss der Sowjet-Zeit darauf.

Zu Mittag hatte ich diesmal den gebratenen Seehecht statt des vegetarischen Gerichts gewählt und war sehr mit dem saftigen Fisch zufrieden. Dazu Linsen-Gemüse-Salat, danach Waldbeerquark.

Nochmal zehn Minuten Elektrotherapie, ich amüsierte mich wieder.

Ausführliche Sportrunde mit allem, ich war anderthalb Stunden beschäftigt, fühlte mich nicht sehr fit.

Im Zimmer wechselte ich in bequeme Nicht-Sport-Klamotten, legte die Beine hoch zum Lesen. Ich hatte den Therapieplan für die nächste Woche bekommen, entdeckte erfreut Schwimmbad-Termine. Ende nächster Woche habe ich auch einen Termin „wegen Heimtransport“ – das beruhigte mich, denn ohne Auto und dann auch noch mit Koffer und Krücken kommt man von hier gar nicht so einfach nach München.

Abendessen Gerstensalat mit Gemüse und Obst, davor Tomatencremesuppe.

Letzte telefonische Abstimmung mit Herr Kaltmamsell zu seinem samstäglichen Besuch. Ich hoffe auf einen trockenen Abschnitt für einen Spaziergang, der Aufenthalt in der Klinik selbst ist auf eine Stunde beschränkt.

§

Das Blog campcatatonia gab es schon immer. Hier ein frischer Bericht aus dem OP-Saal aus Patientinnensicht:
„Operationen“.

§

Die Süddeutsche schreibt über eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zu Unternehmesgründungen von Einwanderern:
„Warum immer mehr Migranten gründen“.

Die Zahl der Selbständigen mit Migrationshintergrund hat sich seit 2005 um ein Drittel erhöht – auf fast 800 000. In diesen Firmen gibt es inzwischen 2,3 Millionen Arbeitsplätze, um die Hälfte mehr als damals.

(…)

In der übrigen Bevölkerung lässt sich ein deutlich negativer Trend erkennen. 2018 gab es fast 300 000 Selbständige weniger als Mitte der Nullerjahre.

Ob das irgendjemand zu Beginn der Gastarbeiterzeiten hätte ahnen können? Gestern stolperte ich auf eine historische Doku auf BR alpha: „Gott kennt keine Fremden“ von 1962. In Stuttgart waren Einheimische auf der Straße zum „Gastarbeiterproblem“ befragt worden. Die Antworten reichten von „Aber ja!“ auf die Frage, ob er einen Ausländer zu sich nach Hause einladen würde bis zu „Man hört und sieht ja einiges“ als Begründung für Ablehnung (auch damals eingeleitet mit „Ich hab ja nichts gegen…“).

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 15. Oktober 2020 – Narbenschau und Ausflug vor die Kliniktore

Freitag, 16. Oktober 2020 um 7:32

Die Nacht endete um vier, bis zum Weckerklingeln war nur noch Dösen drin.

Beim Frühstück saß ich einer neuen Tischgenossin gegenüber (schräg, mit Plexiglasscheibe dazwischen), möglicherweise etwas redseliger als ihre Vorgängerin.

Morgenspaziergang bei feuchter Kälte unter grauem Himmel, die frische Luft tat trotzdem gut.

Ausführliche Sporteinheit an Geräten und auf dem Boden, ich kam sogar ins Schwitzen.

Mei, wenn „Bewegungsschiene“ im Plan steht, dann mache ich die halt auch, sonst gibt’s Punkteabzug bei der Deutschen Rentenversicherung. (Spaß.) (Oder?)

Visite auf meinem Zimmer. Ein weiterer Arzt guckte auf meine Narbe: „Ah, ein Garmischer Schnitt.“
Das erzählte ich natürlich sofort auf Twitter – stellt sich heraus, dass es auch Krankenschwestern gibt, die Kaiserschnittnarben einem Operateur zuordnen können, Urologen, die sogar den Verursacher von 40 Jahre alte Narben identifizieren. Merken fürs nächste Ärzteserien-Drehbuch (oder als Indiz in einem Krimi: „Das Opfer stammt angeblich aus Tschechien – wie kommt es dann zu einer eindeutig niedersächsische OP-Narbe?“).

Auch dieser Arzt freute sich über meine Fortschritte, mahnte aber, dass das Implantat so oder so drei! Monate! zum Einwachsen brauche.

Der Terminplan erlaubte einen Cappuccino in der Cafeteria, den ich sehr genoss. Ich lasse ja immer aufs Zimmer buchen, um gesammelt bargeldlos bei Abreise zahlen zu können. Doch weil ich dadurch kein Trinkgeld gebe, hatte ich am Mittwoch der freundlichen Bedienung zwei Euro gesammeltes Trinkgeld hinterlassen. Ich glaube, das hat sie gefreut. Gestern saß ich gerade mal, als sie schon rief „Ein Cappuccino?“ und beim Servieren die Rechnung aufs Zimmer gleich mitbrachte.

Mittagessen: Wok-Gemüse mit Sprossen, Tomaten, Chinanudeln war angekündigt, das Verhältnis allerdings andersrum Chinanudeln mit. Schmeckte aber gut. Vorher Champignoncremesuppe, als Nachtisch besonders guter Zwetschgenröster mit Zimtschmand.

Nach einer weitere pneumatischen Einheit „Lymphamat“ machte ich mich fertig für ein erstes Verlassen des Klinikgeländes: Ich wollte ein bisschen in der Umgebung spazieren. Das Wetter weiterhin trüb und kühl, doch es war herrlich, ein bisschen echtes Draußen zu genießen.

Nach 45 Minuten gemütlichem Krückeln war ich allerdings erstaunlich erledigt und legte mich zurück im Zimmer erst mal flach.

Neue Lektüre: Mary Wesley, The Camomile Lawn, die Geschichte einer Gruppe Kusins und Kusinen in England, vom Start des Zweiten Weltkriegs bis 40 Jahre danach. Ging schon mal einladend los, ist gut erzählt.

Abendbrot war eine ordentliche Portion Obatzda, davor Tomatensuppe mit viel Einlage, dazu Brot.

§

Wortschnittchen lebt in Chile, genauer: in Santiago de Chile. Und ihr platzt gerade der Kragen wegen des Genöles in Deutschlland über Corona-Regeln. Sie erzählt, wie sich fünf Monate echte Quarantäne anfühlen.
„Quarantäne, Lockdown & Co.“

§

Kleidungshistorikerin Bernadette Banner (die mir bereits die weit verbreiteten Fehlannahmen über Korsetts im Lauf der Geschichte ausgetrieben hat) will sich nicht immer nur über Ungenauigkeiten in Historienfilmen ärgern. Diesmal schwärmt sie über „5 Historical Films That Got the Costumes RIGHT.“

https://youtu.be/uPUCXnjtIlE

die Kaltmamsell

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen