Journal Samstag, 16. Februar 2019 – Fränkischer Samstag

Sonntag, 17. Februar 2019 um 10:30

Den gestrigen Samstag verbrachte ich zusammen mit Herrn Kaltmamsell im Fränkischen, nämlich bei der Familie eines Freunds aus Adelsdorf in Mittelfranken. Er wohnt ebenfalls in München und bringt jedes Jahr eine Gruppe Freunde im Haus seiner Eltern zusammen, um fränkisch zu kochen und zu essen, prakisch von früh bis spät.

Uns fuhr er auch noch selbst hin: Da wir kein Auto haben, seine fränkische Heimat aber recht weit ab von Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln liegt, holte er uns frühmorgens ab. Wieder war ich fasziniert, wie anders die Strecke München-Nürnberg von Auto/Straße aus aussieht; unter anderem blickten wir die ersten 100 Kilometer lang auf dreispurigen zäh dichten bis stehenden Verkehr in die Gegenrichtung: Die Farbe vieler Autokennzeichen deutete auf Ferienanfang in den Niederlanden.

Am Zielort lernten wir Familie kennen, bevor unser Freund sich in die Küche zurückzog, um den ersten Teil der Tageskulinarik vorzubereiten, während sein Mann uns zu Einkaufsgelegenheiten mit Fabrikverkäufen fuhr: Tee, Gewürze und das Einkaufserlebnis des Tages – Pralinen- und Schokoladenbruch kiloweise in Tüten. Während ich vergangenes Jahr bei Haribo in Bonn die Kilotüten dann doch stehen ließ, weil sie uns bei genauerer Überlegung zu viel waren, hatte ich diese Befürchtung bei Schokolade keine Sekunde lang.

Im sonnigen Wintergarten des Elternhauses fanden sich nach und nach Freunde des Gastgebers aus München und dem Fränkischen ein, es gab die erste Mahlzeit: Fränkische Bratwurst aus der Herstellung eines verwandten Metzgers, serviert als Sauere Zipfel in einem würzigen Sud und gebraten mit Sauerkraut, dazu ein helles und mit Anis gewürztes Weizenmischbrot, das „römisch“ genannt wurde („des gibt’s nur am Wochenend“) sowie ein Roggenbauernbrot aus dem Holzbackofen.

Meine ersten Sauren Zipfel, ich fand sie köstlich.

Den Kaffeeundkuchen hängten wir gleich dran, ich entdeckte Prasselkuchen (mit Mürbteig) und mochte ihn sehr.

Zum jährlichen Frankentag mit Freunden gehört, wie wir lernten, ein Besuch der Fabrikverkäufe der benachbarten Sportartikelhersteller, der gesamte Trupp fuhr in Autos nach bei Herzogenaurach. Ich lernte auch, dass Sportartikel zumindest im Fabrikverkauf höchstens noch Randprodukte dieser Hersteller sind, am ehesten im Bereich Fußball zu finden; die angebotene Kleidung war eher für den nicht-sportlichen Alltag gedacht. In einem weiteren, Hersteller-übergreifenden Fabrikverkauf fand ich aber zwei sehr günstige Schwimmanzüge, die mich zusätzlich zu meinem aktuellen, noch voll funktionsfähigen auf die nächsten 15 Jahre versorgen dürften.

Abendliche Krönung der Kulinarik: Karpfenessen. Der Gastgeber hatte einen großen Tisch für Freunde und Familie in Willersdorf reserviert, im seiner fundierten Überzeugung nach ersten Karpfenhaus der Region, nämlich im Gasthof der Brauerei Rittmayer.

Als Vorspeisen hatte der Sohn der Gegend schon vor Wochen eine Spezialität bestellt, von der ich noch nicht gehört hatte: Ingreisch, der Karpfenrogen, paniert und frittiert, serviert mit ebenso zubereiteten Flossen (auf dem Foto bereits weitgehend weggefuttert) – großartig.

Der Karpfen wurde angeboten: Müllerin Art, gebacken, blau und pfeffergebacken. Ich entschied mich für den gebackenen, um einen möglichst nahen Vergleich zu meinem Standardkarpfen in Bierteig zu haben, den ich aus Unteremmendorf im Altmühltal kenne. Abgefragt wurde beim Bestellen nicht nur die gewünschte Zubereitungsart (die es alle auch für die Servierform als Filet gab), sondern auch die gewünschte Größe des halben Karpfens (hohe Kunst des Karpfenhalbierens, damit beide Hälften auch einen halben Kopf – Backerl! – und Schwanz bekommen): Abgerechnet wurde nämlich nach Karpfengewicht. Hier die mittlere Größe, die auf zwölf Euro kam.

Er schmeckte ganz hervorragend mit seiner butterschmalzigen, kräftig gewürzten Semmelbrösel-Panade, tatsächlich noch zarter und saftiger als mein Referenzkrapfen.

Mein Nachbar hatte sich für Karpfen blau entschieden (oben Salzkartoffeln, Butter, Merrettich).

Er ließ mich probieren: Das mag tatsächlich die ideale Zubereitung sein, kam dem Charakter des Karpfenfleischs noch mehr entgegen.

Ich trank dazu alkoholfreies Weizen – da mir morgens die Migräne ob des Proseccos am Vorabend drohend den Finger gezeigt hatte (Hackebeil übers rechte Auge), ließ ich einen Test bleiben, welchen fränkischen Weißwein der gebackene Karpfen wohl am liebsten mag.

Nach einem letzten Espresso und vielen herzlichen Umarmungen zerstreute sich die Gruppe, unser Gastgeber nahm uns in zwei Stunden Autofahrt unter klarem Sternenhimmel wieder mit zurück nach München.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 15. Februar 2019 – Sonniger Start ins Wochenende

Samstag, 16. Februar 2019 um 7:18

Nach gutem Schlaf durch einen weiteren blauhimmligen Sonnenaufgang in die Arbeit.

Wie so oft am Freitag zog sich der Arbeitsnachmittag wie Bewegung in Gelee. Ich ging pünktlich, besorgte auf dem (mützenlosen!) Heimweg im Vollcorner Teile des Abendessens.

Nachdenken darüber, wie es kommt, dass ich mit steigendem Alter in persönlichen Dingen immer unkontrollierbarer emotional mitgenommen werde (privat persönlich, in Arbeitsumgebung schaffe ich meist, nichts persönlich zu nehmen – die meint ja nicht mich, sondern meine Rolle dort). Das ist nämlich ganz schön anstrengend.

Daheim feierte ich mit Herrn Kaltmamsell den Start ins Wochenende, unter anderem mit Prosecco (wir probierten ihn mit einem Schuss Cointreau – und erzeugten damit eine mäßig attraktive Fanta-Note; ein Schuss Apricot Brandy hingegen war nett).

§

23 Jahre alt, aber schön zu lesen: Michael Althens Nachruf auf Gene Kelly.
„Der Mann im Regen.“

via @EveRoll

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https://youtu.be/JpCLxnVpgbo

Fred Astaire sehe ich hingegen völlig anders als Althen; unter anderem konnte Astaire sehr wohl auch allein seine Kunst und Poesie entwickeln.

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https://youtu.be/tLZ1GL-H8A4
die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 14. Februar 2019 – Beifang aus dem Internetz

Freitag, 15. Februar 2019 um 6:57

Gut geschlafen, das darf so weitergehen.
Schöner Weg in die Arbeit, es sind weitere Sonnentage angekündigt.

Ruhiges Arbeiten ohne zu viele Unterbrechungen (die ja Teil meiner Arbeit sind).
Zur Brotzeit unter anderem einen sehr köstlichen Granatapfel. Ich werde Granatäpfel vermissen, bis zum nächsten Lieblingsobst Erdbeeren ist noch lang. Diese Saison mögen mich Zitrusfrüchte einfach nicht begeistern

Nach Feierabend Treffen zum großen Fest, ich lernte unter anderem, welcher Handgriff zu welchen Gewerk gehört.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Nudeln mit Lauch aus gestern geholtem Ernteanteil.

§

Ausführlich recherchiertes Feature im New York Times Magazine:
„The Secret History of Women in Coding“.

Mit vielen schönen Einzelgeschichten über Programmiererinnen, diese verlinkte empfehle ich besonders.

Hier eine aus den USA der 50er:

Wilkes happened to have some intellectual preparation: As a philosophy major, she had studied symbolic logic, which can involve creating arguments and inferences by stringing together and/or statements in a way that resembles coding.

(…)

When the number of coding jobs exploded in the ’50s and ’60s as companies began relying on software to process payrolls and crunch data, men had no special advantage in being hired. As Wilkes had discovered, employers simply looked for candidates who were logical, good at math and meticulous. And in this respect, gender stereotypes worked in women’s favor: Some executives argued that women’s traditional expertise at painstaking activities like knitting and weaving manifested precisely this mind-set. (The 1968 book “Your Career in Computers” stated that people who like “cooking from a cookbook” make good programmers.)

In den 80ern kam der große Umbruch durch die Verbreitung des Home PCs und dessen an Buben gerichtetes Marketing: Jetzt wurde an den Universitäten nur noch denen Talent fürs Programmieren zugeschrieben, die zu Studienanfang bereits Programmiererfahrung hatten – und das waren fast ausschließlich Männer.

“It’s all this loosey-goosey ‘culture’ thing,” says Sue Gardner, former head of the Wikimedia Foundation, the nonprofit that hosts Wikipedia and other sites. After her stint there, Gardner decided to study why so few women were employed as coders. In 2014, she surveyed more than 1,400 women in the field and conducted sit-down interviews with scores more. It became clear to her that the occupation’s takeover by men in the ’90s had turned into a self-perpetuating cycle. Because almost everyone in charge was a white or Asian man, that was the model for whom to hire; managers recognized talent only when it walked and talked as they did.

(…)

In a 2016 experiment conducted by the tech recruiting firm Speak With a Geek, 5,000 résumés with identical information were submitted to firms. When identifying details were removed from the résumés, 54 percent of the women received interview offers; when gendered names and other biographical information were given, only 5 percent of them did.

(…)

If biology limited women’s ability to code, then the ratio of women to men in programming ought to be similar in other countries. It isn’t. In India, roughly 40 percent of the students studying computer science and related fields are women.

Ich muss da immer an meine Schwiegermutter denken, die als junge Frau in den frühen 60ern mit Kolleginnen für NCR beim Kunden Buchhaltungsmaschinen programmierte, bis sie genau das taten, was der Kunde wollte.

§

Eine Nebenwirkung der Geringschätzung der Programmiererinnen vor den 80ern: Sie wurden in wissenschaftlichen Veröffentlichungen nicht als Forscherinnen angesehen und genannt.
„The Women Who Contributed to Science but Were Buried in Footnotes“.

Der Atlantic berichtet über Emilia Huerta-Sánchez von der Brown University und Rori Rohlfs von der San Francisco State University, die dem nachgingen.

She and her colleagues found that in the 1970s, women accounted for 59 percent of acknowledged programmers, but just 7 percent of actual authors.

(…)

“This is an opportunity for us to think about the norms we use in authorship and other metrics of academic success,” says Rohlfs. Even today, there are no clear rules about how much work someone must do to become an author. A professor could email some data to a colleague and become an author. A lab technician could do enormous amounts of labor, without which experiments could never be done, and be ignored.

§

Bei dieser Gelegenheit (und welch schöner Übergang) eine Meldung vom Deutschlandfunk:
Im Januar stellten Lungenärzte in einem Papier die Wissenschaftlichkeit der aktuellen Grenzwerte für #CO2 und #NOx in Frage. Nach einer Zeitungsrecherche räumt der Initiator nun ein, er habe sich grob verrechnet – mangels Sekretärin.

§

Och, und weil wir uns gerade eh in der schönen Welt der Wissenschaft tummeln: Astronom Florian Freistetter erklärt in den Scienceblogs:
„Warum ich wissenschaftliche Arbeiten von ‚Privatgelehrten‘ nicht prüfen kann“.

Daran ist gut zu sehen, wie Wissenschaftlichkeit in den Naturwissenschaften funktioniert. (Bekommen Germanistinnen auch Arbeiten von Privatgelehrten zugeschickt? „Warum Faust in Wirklichkeit von Schiller geschrieben wurde“? Oder Soziologinnen „Wie islamische Einwanderung Deutschland zerstört“? Spass, solche Arbeiten finden ja umgehend einen Verlag und erscheinen als Buch.)

In den Kommentaren übrigens der Hinweis auf eine Stelle, die sich gegen Geld solcher Ideen von Privatgelehrten annimmt: „Talk To A Scientist“. Allerdings auch dort: „No, we don’t review papers or proposals. We answer questions.“

§

Abschließend noch was zum Gucken mit Kunst und Fotografie und Plastikverpackungen:
„Suzanne Jongmans’ Latest Work Recycles The Renaissance“.

die Kaltmamsell

1000 Fragen 641-660

Donnerstag, 14. Februar 2019 um 6:55

641. Welches Musikinstrument würdest du gern spielen?
Klavier – weil man damit mehrere angenehm klingende Töne gleichzeitig spielen kann.

642. Hast du eine umfassende Ausbildung?
Ich verstehe die Frage nicht: Was ist eine umfassende Ausbildung? Die zur Renaissance woman quer über alle Fachgebiete? Dann nicht: Meine Ausbildung enthielt weder Handwerkliches noch Naturwissenschaftliches.

643. Für wen hast du eine Schwäche?
Wen ich so gern habe, dass ich ihm und ihr viel verzeihe? Das sind sehr viele Menschen.

644. Was ist dein größtes Hemmnis?
Ich.

645. Was machst du heute?
Arbeiten, abends Treffen mit den Managerinnen des großen Fests.

646. Worüber hättest du länger nachdenken sollen?
Über die Routenplanung über den Westerwaldsteig.

647. Bist du lieber im Recht oder hast du lieber Glück?
Kommt ganz darauf an, worum es geht.

648. Was hältst du von den Partnern deiner Freundinnen?
Das ist von Freundin zu Freundin verschieden, manche haben auch Partnerinnen.

649. Welche Eigenschaft deines Vaters hättest du auch gern?
Handwerkliche Begabung.

650. Welche Idee musst du irgendwann noch aufgreifen?
Lidy Hop zu lernen.

651. Wie würdest du dein Leben mit drei Stichwörtern beschreiben?
normal, anstrengend, begleitet

652. Was ist das Beste am Erwachsensein?
Selbstbestimmung: von Schlafenszeiten (ich kann so früh ins Bett gehen, wie ich will) über Essensauswahl (ich kann essen, was und so viel ich will) bis Wählen.

653. Bist du ein Kämpfertyp?
Nein, lediglich ein bisschen zwanghaft. (Oder ist das am End‘ dasselbe?)

654. Wie viel Fantasie hast du?
Manchmal zu viel, manchmal zu wenig.

655. Könnten sich Menschen ändern?
Ja.

656. Versuchst du, ein Problem zuerst selbst zu lösen?
Ja.

657. Was hättest du gern zehn Jahre früher gewusst?
Was die Agenda 2010 anrichtet.

658. Was wird dein nächstes Projekt?
Reha organisieren.

659. Machst du häufig mehrere Dinge gleichzeitig?
Ja.

660. Was liegt dir immer noch im Magen?
Dass ich nicht auf der Feier meines Vaters zu seinen 50 Jahren in Deutschland war. (Ich hatte mich der früheren Zusage zu einem anderen Termin verpflichtet gefühlt.)

Quelle: Flow-Magazin.

Zu den Fragen 621-640.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 13. Februar 2019 – Ungewohntes Telefonieren

Donnerstag, 14. Februar 2019 um 6:49

Ok geschlafen, die Tablette Ibu vorm Zu-Bett-Gehen war eine gute Idee gewesen. Vielleicht hatte ich deshalb auch tagsüber so wenig Schmerzen wie schon lange nicht mehr.

Die Temperaturen schleichen aufwärts, ernsthafte Frühlingsgesänge der Vögel.

Einen privaten Anruf getätigt, den ich unerklärlicherweise seit Monaten vor mir her schiebe. Na gut, die Erklärung könnte sein, dass es sich eben um einen Anruf handelte (die E-Mail im August an die Berufsadresse war ohne Antwort geblieben, ich musste den nächsten Schritt gehen) und dass ich wusste, dass der Angerufene davon sehr überrascht sein würde. War er auch, freute sich aber, wir sprachen lange (sehr seltsam, ausführlich unterhalte ich mich tatsächlich inzwischen nur schriftlich oder gegenüber sitzend; ich weiß schon fast nicht mehr wie Telefonierplaudern geht, die Konventionen des Unterbrechens, Nachfragens, Ausredenlassens sind deutlich andere). Und wie es halt nach 15 Jahren Funkstille ist: Es waren Menschen gestorben. Nicht nur deshalb brauchte ich eine ganze Weile, bis ich mich danach wieder gefasst hatte.

In der Arbeit etwas weniger Wahnsinn als an den Tagen davor, schön. Zu Mittag Mandarinen mit Manouri, dazu selbst gebackenes Brot.

Auf dem Heimweg Einkaufsabstecher im Edeka (Tonic Water, Süßigkeiten), Slapstick mit dem sonst fehlerfreien Pfandflaschenautomaten, der immer mit den kleinen Tonic-Flaschen hadert.

Mit Herrn Kaltmamsell war ich zum Pizzaessen in einem noch ungetesteten Lokal ums Eck verabredet, der sich als generischer deutscher Italiener herausstellte.

Die Füllung meiner Calzone war durch Ricotta interessant, aber fast kalt, über seine Pizza Napoli zuckte Herr Kaltmamsell ledigich die Schultern.

Daheim Durcharbeiten einiger Angebotsunterlagen für das große Fest.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 12. Februar 2019 – Gruppenturnen beeinträchtigt

Mittwoch, 13. Februar 2019 um 6:51

Seit Tagen schon kommt mir jedes Datum unheilvoll vor. War im Februar irgendwas Schlimmes?
(Und hatte ich das nicht erst kürzlich mit einem anderen Monat?)

Über Nacht hatte es wieder eine weiße Schicht auf alles geschneit, ich trug für den Weg in die Arbeit doch lieber wieder Stiefeliges mit Profilsohle.

Eine Angstsache, die meine nächtliche Unruhe sich fürs Sorgenkarussell ausgesucht hatte, löste sich durch Rückfrage auf. Neu war der Eingang einer umfangreiche Rücksendung von Dingen, deren Genesis ich Sherlock-Holmes-artig recherchieren musste. (Zum Glück heben auch andere Menschen jedejede E-Mail auf.)

Pünktlicher Feierabend, weil ich zum Gruppenturnen in den Verein ging. Der Turnsaal war wieder sehr voll, den Spaß nahm mir allerdings die Erkenntnis, dass die Hüft- und Beinschmerzen mir eine ganze weitere Reihe Übungen unmöglich machen. Hinter mir turnten Männer und Frauen, die mindestens 20 Jahre älter waren als ich – und die konnten die. Es muss wirklich was passieren, das schlägt mir jetzt doch aufs Gemüt.

Während ich mir daheim Suppe vom Vortag aufwärmte (Herr Kaltmamsell war aushäusig), klingelte das Stationärtelefon: Ein mir bekanntes Unfrageunternehmen bat mich zur Teilnahme an einer Umfrage. Sonst bekommt sowas der viel daheim arbeitende Herr Kaltmamsell ab, diesmal stellte ich mich zur Verfügung und beantwortete 20 Minuten lang Fragen zu politischen und gesellschaftlichen Prioritäten, Nachrichtenwahrnehmung, sexueller Orientierung – und Marken. Letzteres passte gar nicht zum Rest, hat aber womöglich das Ganze finanziert. Ich interessiere mich für solche Umfragen sehr und fand auch diesmal die Fragestellung und -formulierung bemerkenswert, unter anderem hätte ich dann doch gerne gewusst, was mit „Modernisierung des Gesundheitswesens“ gemeint war: Noch mehr Gewinnorientierung oder mehr Rücksicht auf die Menschen – Patienten und Personal? Das konnte ich die junge, etwas gehetzte Männerstimme natürlich nicht fragen, sie war ja nicht für die Formulierung verantwortlich.

Mit Genuss Suppe gegessen, Tagesschau auf dem Rechner hinterher geschaut, Internet gelesen, mich über erste Rückmeldungen zum großen Fest gefreut, früh und sehr müde ins Bett gegangen, If Beale Street could talk von James Baldwin angefangen.

Gestern viel übers Fahrradfahrenlernen nachgedacht. Wenn eine erwachsene Neu-Münchnerin Fahrradfahren lernen möchte, ist es nämlich keineswegs damit getan, dass sie sich lang und sicher auf dem Radl halten kann, rechts- und linksrum fahren, bremsen, absteigen, aufsteigen etc. Vor allem muss sie lernen, auf dem Radl durch Münchner Verkehr zu kommen und zu überleben, ohne vor Angst zu erstarren – das stelle ich mir als schwer zu vermittelnden Lerninhalt vor.

§

Ausführlicher Artikel im Atlantic:
„Scientists Are Totally Rethinking Animal Cognition“.

Autor Ross Andersen hängt seine Geschichte am indischem Jinismus auf, „an ancient religion whose highest commandment forbids violence not only against humans, but also against animals“, der auch den roten Faden des Artikels bildet – sehr schön gemacht. Und Nachdenken über Bewusstsein bei Tieren führt natürlich zu Nachdenken über die Untersuchbarkeit von Bewusstsein generell.

Even in a secular age, consciousness retains a mystical sheen. It is alternatively described as the last frontier of science, and as a kind of immaterial magic beyond science’s reckoning. David Chalmers, one of the world’s most respected philosophers on the subject, once told me that consciousness could be a fundamental feature of the universe, like space-time or energy.

(…)

These metaphysical accounts are in play because scientists have yet to furnish a satisfactory explanation of consciousness. We know the body’s sensory systems beam information about the external world into our brain, where it’s processed, sequentially, by increasingly sophisticated neural layers. But we don’t know how those signals are integrated into a smooth, continuous world picture, a flow of moments experienced by a roving locus of attention—a “witness,” as Hindu philosophers call it.

Ein berührender Gedanke:

Jains believe that humans are special because, in our natural state, we are nearest to this experience of enlightenment. Among Earth’s creatures, no other finds it so easy to see into the consciousness of a fellow being.

Mäkeln muss ich allerdings doch: Zu vielen Aussagen im Artikel hätte ich gerne die Forschungsquelle gehabt.

Deshalb hier zum Thema frisch aus der Forschung, nämlich der von Max Planck:
„Sind sich Fische ihrer selbst bewusst?
Putzerfische scheinen sich selbst im Spiegel zu erkennen“.

Was allerdings auch die Forschungsmethode reflektiert (so funktioniert Wissenschaft):

„Wir müssen (…) den Spiegeltest kritisch hinterfragen und überlegen, ob er weiterhin als Standard für den Selbst-Bewusstseins-Nachweis bei Tieren eingesetzt werden sollte“.

Selbst eines Morgens beobachtet: Eine Krähe, die eine Walnuss auf die mittel-verkehrsreiche Straße vor meinem Büro legte, am Rand wartete, bis sie von Autoreifen geknackt war und dann denn Inhalt aufpickte. (Ich mag das aber lediglich als beabsichtigte Kette von Ereignissen interpretiert haben, weil ich mehrfach von solch einer Krähentechnik gelesen hatte.)

die Kaltmamsell

Journal Montag, 11. Februar 2019 – Thomas Bernhard, Alte Meister

Dienstag, 12. Februar 2019 um 6:56

Abends im Bett las ich Thomas Bernhards Alte Meister aus. Über die Seiten hatte ich mich mit ihn ausgesöhnt, nämlich als immer klarer wurde, dass diese Suada aus zweiter und dritter Hand (der Ich, der sich als Atzbacher herausstellt, zitiert durchgehend die Hauptfigur Reger, bis auf das letzte Viertel, aus dem Gedächtnis, meist sogar indem er einen dritten, den Irrsigler zitiert, wie der Reger zitiert) genau das Dauergenörgel und -gezeter von Männern auf den Arm nimmt, die selbst nur aus zweiter und dritter Hand leben, aber zu allem eine Meinung haben, und zwar eine schlechte. (Eine weitere Verschachtelung lässt einen impliziten Erzähler mitspielen, das Ganze wird präsentiert als „schreibt Atzbacher“.) Wahrgenommen wird nur, um bestehende Urteile zu bestätigen. Die litaneiartigen Pauschalverurteilungen von allem und jedem enden oft in dem „Das ist die Wahrheit“, das man von eben den alten Krauderern kennt, die im Bushäusl vor sich hin schimpfen und an die mich das Buch bald erinnerte. Der Eindruck eines Geleiers wird vom Seitenspiegel verstärkt: Es gibt keinen einzigen Absatz, der Text fließt Seite für Seite, nur durch gelegentliche Kursivsetzungen aufgelockert. Gleichzeitig heischt der Roman (?) Erbarmen für die einsamen Gestalten (es agieren nur Männer), die nicht staunen, sich nicht einlassen können, denen jede Neugier fehlt, die alles schon wissen und dieses Wissen lieber ihrer Umgebung aufdrängen, selbst ihren liebsten Menschen, als sich selbst für Neues zu öffnen. Beim Schlusssatz lachte ich sogar lauf auf. Darf im Regal bleiben. (Das Buch hatte ich 1986 gekauft, es war eines von denen, über das Griechischlehrer Nusser im Leistungskurs gesprochen hatte und das deshalb auf meine Leseliste gekommen war; und so besitze ich eine Erstausgabe. Allerdings habe ich keinerlei Erinnerung ans Erstlesen.)

Nachts hatte ein Sturm so laut getost, dass ich bereits beim Schlafengehen die Ohren verpaxt hatte.

Nach den milden Temperaturen vom Sonntag war es auf dem Weg in die Arbeit schneeregnend supergreislich. Zumindest hatte der nächtliche Wind so weit abgeflaut, dass ich einen Schirm nutzen konnte.

Arbeit in der Arbeit. Aus Gründen bekomme ich derzeit sehr viele Telefonanrufe (Contenance kostet manchmal sehr viel Kraft), konzentriertes Werkeln an einer Sache ist völlig unmöglich. Das wird wohl noch ein paar Tage so bleiben.

Pünktlicher Feierabend, weil ich noch zur Post musste.

Daheim werkelte Herr Kaltmamsell bereits in der Küche, er bereitete Suppe mit Schwarzkohl und Kartoffeln aus Ernteanteil zu, angelehnt an dieses Rezept von Küchenlatein – das sich wiederum auf den Caldo Gallego bezieht, den ich aus Nordspanien kenne. Deshalb kochte er auch mit Chorizo statt Kabanossi. Schmeckte ganz ausgezeichnet.

die Kaltmamsell

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