Berlin ist eine Stadt der Superlative1. Auf manche davon ist Berlin nicht einmal stolz, weil sie mit Schulden und Arbeitslosigkeit zu tun haben. Zunächst sieht dieser wie ein weiterer Superlativ aus, auf den niemand stolz sein mag – aber zu Unrecht. Denn ich gebe hiermit mit echtem Respekt bekannt: In Berlin lebt der Weltmeister im Stinken.
Als ich letzte Woche in Berlin ankam, nahm ich am Bahnhof Zoo eine S-Bahn. Und schon als sie vor mir hielt, noch bevor ihre Türen sich öffneten, nahm ich wahr: Hier stinkt es aber ganz schön nach Kuhstall. Nach schon lange nicht mehr ausgemistetem Kuhstall. Der S-Bahn-Wagen, den ich mit meinem Reisegepäck betrat, war auffallend leer. Es saß nur eine Person darin: Ein Mann mittleren Alters mit ungepflegtem Haar und Bart, dessen Hose und Jacke vor Schmutz starrten. Und von dem eindeutig der durchdringende Gestank nach Misthaufen ausging. Da ich keine Lust hatte, mein Gepäck durch die Bahn zu zerren, setzte ich mich in diesen Wagen und atmete möglichst flach und durch den Mund. An jedem Bahnhof das selbe Geschehen: Die Türen gingen auf, es kamen Passagiere herein, stutzten und drehten entweder sofort ab, um sich ein, zwei Wagen weiter zu setzen, oder sahen sich erst nach der Gestankquelle um, erblickten den Mann und gingen dann zügig weg.
Am Hackeschen Markt verließ der Stinker die S-Bahn. Und jetzt wurde endgültig deutlich, dass er ein uneinholbarer Meister der Geruchsverpestung war: Der Wagen stank weiter. Immer noch stutzten neu hereinkommende Fahrgästen und suchten das Weite. Mein Forscherdrang reichte nicht, das Abklingen des Gestankes auszusitzen; außerdem hatte ich eine Verabredung. Ich gebe allerdings zu, dass ich nach dem Aussteigen ernsthaft befürchtete, nun selbst nach Kuhstall zu riechen.
- Solche apodiktischen, völlig bescheuerten Texteinstiege können wir ganz besonders gut, wir gelernten Journalistinnen [↩]