Nacht in der Schmerz- und Wachhölle. Zusätzlicher Störfaktor: Das Sirren einer Stechmücke am Ohr.
Letztes Radeln in die Arbeit. Es war bedeckt und kalt, ich trug Ledermantel und Handschuhe.
Arbeit in der Arbeit, weitere Abschiede, alle waren ungemein freundlich und zugewandt. Mittags ein Sandwich aus selbst gebackenem Brot und selbst gemachten Corned Beef, Krautsalat aus Ernteanteil. Nachmittags ein Apfel aus eigenem Apfelgarten.
Ich räumte den Schreibtisch für meine mehrmonatige Abwesenheit aus, damit ihn andere nutzen können. Angebrochene Packungen leergegessen (nur zwei Stück Schokolade, drei Minzbonbons: ich hatte in der Woche davor zielgerichtet gesnackt), drei Schubladen sortiert und von allem befreit, was jemand anderes als eklig empfinden könnte (z.B. Kamm).
Fast pünktlich Feierabend, weil ich einen Termin für Corona-Test hatte; die Klinik verlangt ein negatives Testergebnis, das nicht älter als fünf Tage sein darf.
Dafür radelte ich zur Corona-Teststelle mit der Adresse Sonnenstraße 27. Ich wohne ja gleich ums Eck und war schon gespannt, wohin mich diese eigentlich vertraute Adresse bringen würde.
Ich bog also in einen der Gänge in der Nachkriegs-Häuserfassade der Sonnenstraßen-Ostseite und stellte mich in die (ordnungsgemäß beabstandete) Schlange, die in einer Tür am hintersten Eck des Gangs endete.
Beim Näherkommen wurde mir immer klarer, dass wir in einen Club (vor 40 Jahren “Disco”) geführt wurden, den Plakaten entnahm ich, dass ich in der jüngsten Reinkarnation der legendären Milchbar stand!
Die riesige Bar mit weißer Plastikfolie abgedeckt, eine Menschenschlange mit Mundschutz, die von auf den Boden geklebten Wegweisern und VIP-Kordel-Absperrung drumrumgeführt wurde, in den Ecken des doch recht angeranzt schwarzen Raumes Berge mit medizinischem Verbrauchsmaterial, billige Partyzelte simulierten Kabinen, in denen junge Angestellte in Schutzkleidung Personalien aufnahmen und Abstriche machten. Seuchentest in Party-Location – das war für mich der bislang bizarrste und apokalyptischste Anblick der Corona-Pandemie, weit vor der leeren Innenstadt zu Zeiten der Ausgangseinschränkungen, vor Olympiabad-Duschkabinen und Kinosälen mit Absperrbändern.
Meine Kontaktdaten waren durch die Online-Terminvergabe bereits im System, ich musste dazu nur noch meine Krankenkassenkarte einlesen lassen. Die Dame, die den Abstrich machte, gab mir eine Quittung mit einem Code, mit dem ich ab dem Abend des Folgetags das Ergebnis online abrufen kann.
Nach dem Test ging ich direkt nach Hause und begab mich dort in Quarantäne bis zum Einrücken ins Krankenhaus. Das ist zwar nicht explizit verlangt, doch sonst wäre das Testergebnis ja bei Ankunft bereits irrelevant – und ich verziehe mir nie, wenn ich Corona in eine Klinik einschleppte. Das bedeutete allerdings auch, dass Herr Kaltmamsell und ich Abstand halten mussten: Der Mann ist Lehrer und als solcher mit täglich zwangsläufig potenziell infektiösem Menschenkontakt ein ziemliches Risiko. Wie oft wir einander umarmen und herzen, fiel mir erst jetzt auf, wo mich Herr Kaltmamsell mehrfach mit ausgestrecktem Arm fernhalten musste, weil ich ihn gedankenverloren in den Arm nehmen wollte.
Er servierte zum Nachtmahl Glasnudelsalat mit Hackfleisch und Shrimps, dazu gebratenen Pakchoi aus Ernteanteil – sehr erfreulich.
Ich füllte die Fragebögen der Klinik aus (1 x Narkose, 1 x OP), dazu musste ich nach vielen Jahren auch auf eine Waage. So weiß ich jetzt (ungefähr, sehr alte Waage), wie viel ich wiege – und finde es gar nicht schlimm, ich hatte mit deutlich mehr gerechnet. Jetzt vergesse ich es hoffentlich schnell wieder.

