Journal Sonntag, 20. August 2017 – Spanienurlaub 1, Anreise

Montag, 21. August 2017 um 8:00

Ein bisschen fühlte sich tatsächlich schon die S-Bahn-Fahrt wie Urlaub an, mit vielen, aber nicht zu vielen anderen Rollkofferzieherinnen und -ziehern.
Auf dem Weg zum Stachus die Sonnenstraße entlang hatten wir noch viele Partygänger auf der Feierbanane und viele Obdachlose gesehen, die vorm Kaufhof schliefen – was man so mitbekommt, wenn man mal zu ganz ungewohnten Zeiten aus dem Haus geht.

Wir stiegen in ein Flugzeug nach Santiago de Compostela, denn der Plan für diese knapp drei Wochen Spanien lautet:
– eine Woche Wandern an der Costa de la muerte
– ein paar Tage galicischer Strand
– eine Woche Madrid

Die Aussichten während des Flugs (immer Fensterplatz) waren herrlich und erinnerten mich daran, wie groß und vielfältig die iberische Halbinsel ist.

Ausruf der Passagierin vor mir, als sie beim Anflug auf Santiago die Landschaft auf dem untersten Foto sah: „Aber das sieht ja gar nicht aus wie Spanien!“ Nun, herzlich willkommen zum nördlichen Drittel dieses Lands.

Ein Shuttle des Reiseveranstalters fuhr uns in einer guten Stunde vom Flughafen nach Norden an die Küste, wo unsere Wanderung morgen beginnt. In den Orten, durch die wir kamen, sah ich Graffiti für die Unabhängigkeit Galiciens, auf Galicisch. Der Rest Europas (mit einer winzigen Ausnahme) sucht seit Jahrzehnten nach einer möglichst breiten Basis für Austausch und Kommunikation, die spanischen autonomen Regionen (weitaus unabhängiger als die Länder im deutschen Föderalismus) möchten bitte gerne das Kleinfürstentum nachholen, das ihnen nach der Reconquista im 16. Jahrhundert versagt blieb, weil gleich ein Nationalstaat gegründet wurde.
Aber auch einen mutmaßlichen Bussard sah ich und viel exotische Vegetation.

Wir bezogen unser schlichtes Zimmer, bis dahin hatte alles geklappt. Nur dass sich jetzt herausstellte, dass dieses Hostal kein Abendessen anbietet – wir haben allerdings sieben Übernachtungen mit Abendessen gebucht und gezahlt (ich hatte mir nicht vorstellen können, dass wir nach den teilweise ganz schön happigen Tagesetappen noch Lust haben würden, ein Lokal für den Abend zu suchen). Dass das angegebene Internet-Passwort nicht funktionierte, war für die eine Übernachtung verschmerzbar, dank EU-Roaming scheue ich mich nicht, per Telefon online zu gehen.

Da es erst früher Nachmittag und ein strahlender Sommertag war, gingen wir Richtung Strand (Zitronen-, Apfel-, Birnen-, Pfirsichbäume mit Früchten) und sahen uns um.

Von diesen Hórreos, die in meiner Erinnerung vom letzten Aufenthalt eng mit Galicien verbunden sind, werden Sie wahrscheinlich noch viele Fotos hier sehen: Es gibt sie in allen möglichen Varianten und Stilen.

Vielleicht werde ich auf dieser Spanienreise Schriftarten sammeln, die für mich typisch spanisch sind. Diese könnte man allerdings auch in Italien finden (sofort setzt die Musik der Don Camillo und Peppone-Verfilmungen ein).

Sogar verfallende Fischerboote haben sie den Fotografierwütigen an den Strandweg gestellt.

Ausführliche Siesta (Herr Kaltmamsell hatte sich zu Mittag süße Teile in einer Bäckerei gekauft, ich hatte aus dem Wanderproviant gesalzene Erdnüsse zu Mittag gegessen) und Buchlesen. Zu meiner Überraschung schlief mein Reisebegleiter mehrere Stunden, ich musste ihn um neun wecken, weil wir ja noch Abendessen wollten. Das bekamen wir in einem schraddligen Lokal an der Straße: Muscheln und Calamari mit Salat, dazu tatsächlich guten Albariño.

§

Am Samstag versank ich mal wieder in einem Text von Herta Müller: die SZ hatte ihre Rede zur Eröffnung der Ruhrtriennale abgedruckt. Zu meiner großen Freude steht er kostenfrei lesbar online:
„Ein Ausweg nach innen“.

Ich weiß nicht, ob ich einsam war, weil ich das Wort nicht kannte. In der Dorfsprache gab es nur das Wort allein. Und im Dialekt heißt das alleinig. Es hat eine Silbe mehr, nimmt sich ein bisschen mehr Zeit und klingt trauriger als allein. Weil ich das Wort einsam nicht kannte, kannte das Wort mich auch nicht. Ich wurde nicht zu dem, was das Wort bedeutet. Es schaute mir nicht in den Kopf, wollte gar nicht wissen, was ich tu und wie ich dabei bin. Manchmal macht es die Dinge einfacher, wenn man im Kopf nicht weiß, wie man gerade ist.

die Kaltmamsell

5 mal Beifall zu “Journal Sonntag, 20. August 2017 – Spanienurlaub 1, Anreise”

  1. Hauptschulblues meint:

    Den Herta-Müller-Text riss ich mir gleich aus der SZ und legte ihn in eines ihrer Bücher ein.
    Ihre Themen sind immer die gleichen. Was mit ihr angerichtet wurde – und mit tausenden anderer Menschen.

  2. Joël meint:

    Ich wünsche ihnen einen wunderschönen Urlaub!
    Ich bin schon sehr gespannt auf was ich zu lesen bekomme.
    Das mit dem Roaming hat mir übrigens auch meinen Urlaub bloggenderweise gerettet. Sonst hätte ich nicht jeden Tag schreiben können.
    Und sagen Sie nie wieder sie können keine schönen Fotos machen!
    Das glaube ich Ihnen nicht mehr! ;-)

  3. Regina meint:

    Schönen tollen Urlaub !

  4. die Kaltmamsell meint:

    Deshalb, Hauptschulblues, fand ich den Roman Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit von Dana Grigorcea auch so frivol, weil er eine rumänische Oberschicht wichtig nahm, der es weder während noch nach Ceaușescu schlecht ging.

  5. Croco meint:

    Wunderschöne Reise wünsche ich Euch.
    Und hoffe, Ihr seid bald auch so verknallt in Galicien wie ich.

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