Essen & Trinken

Journal Samstag, 8. August 2026 – Brighton 8 mit Southdowns-Wanderung und Ginger Pig

Sonntag, 9. August 2026

Ein weiteres Mal gut und lang geschlafen (nur einmal Klogang), davon verspreche ich mir am meisten Erholung in diesem Urlaub. Wieder zu ausgesprochen frischer Luft aufgestanden.

Tagesplan war eine Wanderung in den Southdowns, davor Wäschewaschen, abends feines Essen im örtlichen Restaurant Ginger Pig – für das wir bei den vorherigen Versuchen nie einen Tisch bekommen hatten.

Herr Kaltmamsell hatte aus dem von vieler Nutzung bereits zerfledderten Wanderbüchl, das unsere Southdowns-Wanderungen inspiriert hatte, die Strecke vorgeschlagen, die meiner (höchst unzuverlässigen) Erinnerung nach vor gut 20 Jahren unsere allererste gewesen ist: Von Falmer über Stanmer, ein Stück Southdowns Way bis Ditchling Beacon und die Runde zurück. Das machten wir.

Das kurze Stück rauf nach Falmer ließen wir uns vom Zug bringen, Bus hätte es auch gegeben. Dort wollte sich Herr Kaltmamsell erstmal umsehen: In Falmer liegt die University of Sussex – nicht zu verwechseln mit der University of Brighton -, in der er 1990/91 sein Auslandsstudienjahr verbracht hatte. Natürlich hatte sich viel verändert, unter anderem hat jetzt auch die University of Brighton in Falmer Gebäude, allerdings auf der anderen Seite der Bahnlinie. Aber Herr Kaltmamsell erkannte Vieles wieder.

Alumnus mit Alma Mater.
“Red Brick” University ernst genommen.

Jetzt wanderten wir rüber nach Stanmer durch Stanmer Park – wie auch den Rest des Tages in perfektem Wanderwetter mit Sonne, frischem Wind, keinerlei Hitze. Und ich merkte schnell, wie gut mir Wandern tut, auf einer richtigen Wanderstrecke mit Auf und Ab, Aussichten und Abwechslung.

In Stanmer, einem hübschen und touristisch gut erschlossenen Örtchen, nutzten wir die Gelegenheit für Mittagscappuccino.

Das mittlere Drittel der Strecke führte den Southdowns Way entlang – und erinnerte mich an meine Wanderung vergangenen September, als das die (geistig) eher ermüdenden Abschnitte waren.

Ab Ditchling Beacon wurden die Ansichten und Aussichten wieder reizvoller.

Die Brombeerbüsche hingen voller reifer Früchte, nach zwei Stunden hatte ich auch Appetit darauf.

Auf einem kruden Bankerl (lehnenlose Holzplatte) mit dieser Aussicht machten wir nach zweieinhalb Stunden Brotzeitpause, ich aß gemischte Röstnüsse und eine Nektarine.

Nach gut dreieinhalb Stunden Wanderung erreichten wir den Bahnhof von Falmer, wo wenige Minuten später ein Zug nach Brighton eintraf.

Bei Rückkehr in die Ferienwohnung trank ich erstmal ein großes Glas Wasser – und sah beim Schuhe-Ausziehen, wie dreckig ich auf der Wanderung geworden war. Also zog ich das Frischmachen fürs abendliche Ausgehen vor, duschte und zog mich um – seltener Fall von Ganzkörper-Einseifen.

Gemütlicher Lesenachmittag, bis wir uns auf den längeren Fußweg raus nach Hove und zum Abendessen machten.

Im Ginger Pig verbrachten wir einen schönen Abend mit angenehmen Speisen und Getränken.

Aperitif ein Kirsch-Manhattan und ein Yuzu-Wodka-Drink, beide sehr gut.

Vorspeisen: Für mich eine Schnitte Panisse mit Babaghanoush, Tahini, Chillis (schon gut, nur schmeckte ich leider nichts vom Panisse), Herr Kaltmamsell hatte eine ausgezeichnet abgeschmeckte Makrelen-Paté.

Als Wein wählte ich aus der interessanten Karte mit vielen glasweisen Angeboten einen ungarischen Furmint (die Rebsorte habe ich mehrfach im Münchner Broeding getrunken):

Voll und kräftig, leicht animalisch und mineralisch, ein guter Begleiter.

Hauptspeisen: Für mich Meerbrasse (wunderbar) mit gebratenen Trauben und Gnocchi (letztere hätten für meinen Geschmack lieber frisch gekochte Frühkartoffeln sein dürfen), für Herrn Kaltmamsell ein Pie mit Füllung aus Pökelschwein und Räucherkäse, er schmeckte ihm sehr gut.

Als Dessert teilten wir uns eine frisch gemachte Tarte tatin.

Satt und angetrunken schlenderten wir durch die warme Samstagnacht und viel Ausgeh-Volk auf den Straßen, in der Außengastronomie und in den Lokalen die Dreiviertelstunde zurück in die Ferienwohnung.

Journal Donnerstag, 6. August 2026 – Brighton 6 mit Wanderung nach Worthing und Food for friends

Freitag, 7. August 2026

Lang geschlafen, das war schön.

Das Programm für gestern: Brightons Nachbarstadt Worthing kennenlernen, und da ich gesehen hatte, dass es dorthin nur 16 Kilometer sind, es sogar einen ausgeschilderten Wanderweg “England Coast Path” gibt, gingen wir zu Fuß.

Der Tag begann ausgesprochen frisch, ich bloggte mit Jacke. Doch die angekündigten Sonne und Wolken bei 21 Grad Höchsttemperatur versprachen ideales Wanderwetter, wir starteten fröhlich um zehn mit der ersten Teilstrecke hinunter ans Meer, ich trug auch hier gegen die Frische unter 20 Grad Jeansjacke. Unsere Recherchen hatten bereits ergeben, dass wir ein gutes Stück stark befahrene Straßen entlang gehen würden – egal, Abenteuer.

Und so wurden das auch vier anregende Stunden Wanderung – ja, darunter eine Stunde durch das Hafenindustrieviertel von Shoreham und seine Hauptstraße entlang, aber hey, alles anders als bei uns in Bayern. Danach gingen wir noch anderser, nämlich einen Uferweg vorbei an wunderbar vielfältigen Ferienhäusern und Strandhütten. Wir blickten immer wieder hinter uns, und schnell war klar, warum diese Wanderung im Web fast ausschließlich in die Gegenrichtung Worthing-Brighton auftaucht: Dabei hat man die ganze Zeit das malerische Brighton und die markanten Kreidefelsen der Küste östlich davon im Blick, inklusive Seven Sisters.

Startfoto muss immer der West Pier sein.

Hove.

Auch Industrieviertel bieten Fotomotive.

Am Ende der Hafenanlage von Shoreham-by-Sea führte der Fußweg über zahlreiche Schleusen.

An einem Trockendock vorbei.

Das lange Stück die Straße entlang endete an einer viel genutzten Fußgängerbrücke zum Kiesstrand:

Selfie Time! (Ich vermisse meine Sonnenbrille sehr, und weil fehlsichtig, kann ich mir nicht einfach eine kaufen.)

Nach gut zwei Stunden machten wir Pause auf einem Bankerl, ich aß ein paar Aprikosen.

An einem Eiswagen holte sich Herr Kaltmamsell ein 99 Flake – seit Jahren Gegenstand von Diskussionen über steigende Preise, in der Juli-Hitzewelle berichtete die Daily Mail von 6 Pfund für ein Softeis mit kleinem Schokoriegel. Herr Kaltmamsell kam mit 3,50 Pfund noch gut weg.

Ankunft in Worthing nach vier Stunden, andere Städte haben auch Amusement Piers! Dieser hier sogar besonders gut gepflegt.

Blick zurück nach Brighton.

Jetzt brauchte ich aber doch etwas zu essen. In den hübschen Sträßchen von Worthing setzten wir uns kurz vor drei in ein Café.

Vor mir ein ausgezeichneter Mushroom Melt, in der weichen Käseschicht aromatische Senfkörner.

Zurück nach Brighton nahmen wir einen Bummelzug, der uns mit einer Vielzahl von Zwischenhalten überraschte – die Strecke kam uns viel länger vor als zu Fuß.

Ausruhen und lesen in der Ferienwohnung, bis wir uns fürs Abendessen fertig machten: Ich hatte in unserem Lieblingsrestaurant Food for friends reserviert.

Wir aßen wieder sehr gut, gestern gab es nur ein Durcheinander im Service – wir vermuteten Personalknappheit (Vorspeisen serviert vor dem Aperitif, lange Wartezeiten, Dessert-Karte angeboten vor dem Hauptgang, andere Gäste mussten Besteck von Nebentischen mopsen, weil sie zum nächsten Gang keines bekamen). Da wir sonst alles unverändert vorfanden, inklusive der Freundlichkeit, war das sicher eine Ausnahme.

Vorspeisen: Herr Kaltmamsell hatte Preserved Lemon Butterbeans (mit einer Salzzitronen-Pinien-Sauce), ich gegrillte Feigen auf Ziegenfrischkäse und Sauerteigtoast, zwischen uns der Favorit knuspirger Tofu mit einem sensationellen Dip. Dazu trank Herr Kaltmamsell einen Cocktail mit Rum, Campari, Ananassaft, ich hatte einen Sussex Spritz, der sich nur durch Ingwer von unserem Hugo unterschied.

Hauptspeisen zu einem Glas leichten italienischen Chardonnay: Bei Herrn Kaltmamsell gefüllt Champignons mit Kartoffelgratin und Brokkoli, ich hatte einen Auberginen-Parmigiana.

Als Nachtisch Ananas-Tarte-tatin gegenüber, für mich baskischer Käsekuchen mit Pistaziensauce.

Und trotz der Wartezeiten wurde uns nicht langweilig: Von unserem Fensterplatz aus sahen wir reichlich Menschen in immer abendlicherem Outfit.

§

In Brighton spazierte ich dieser Tage an einer Frau vorbei, die einen Kinderwagen schob, darin ein Kind von ungefähr einem Jahr. Das Besondere: Diese Frau interagierte intensiv mit dem Kind, das zu ihr gerichtet in dem Wagen saß. Sie sang ihm ein Lied vor, animierte es zum Mitsingen, stellte ihm Fragen (in normalem, interessierten Tonfall, nicht in singender Mit-kleinen-Kindern-sprech-Stimme), erklärte ihm Dinge. Das war für mich so ungewohnt, dass mir nur einfiel: Muss eine Kinderbetreuerin sein, die sowas von Berufs wegen macht, eine Nanny. Denn ich kenne Kinderschiebfrauen, die ich für Mütter des geschobenen Kindes halte, nur entweder schweigend in Gedanken versunken, oder meistens telefonierend respektive bei anderer Beschäftigung mit ihrem Handy.

§

Es weist alles darauf hin, dass es nach 20 Jahren nochmal eine Bloglesung in München geben wird:
“It Ain’t Over Till it’s Over”.

Also dann: 24. Oktober im Münchner Boxwerk.
(Gerüchte besagen, dass Frau Klugscheißer diese Cyd-Charisse-Nummer nachtanzen wird – WENN sie genug sangesfreudige Boxer zusammenkriegt.)

Journal Mittwoch, 5. August 2026 – Brighton 5 mit Abkühlung und Kino

Donnerstag, 6. August 2026

Wir haben’s angesichts der Hitzewelle in Deutschland und Österreich gerade wirklich gut: Ich erwachte nach einer besonders guten Nacht zu frischem Wind, nasser Straße und dem Ende eines Regenschauers. Angekündigte Höchsttemperaturen der nächsten Tage für Brighton: 22 bis 23 Grad.

Gestern traute ich mich also, wieder erst zu bloggen, bevor ich mich auf meine Laufrunde machte. Diesmal ging meine Berechnung auf: Der Wind kräuselte Schaumkronen aufs schilfgrüne bis türkise Meer, ich wurde ordentlich durchgepustet, manchmal sogar von Wolken beschattet. Das Laufen war leicht und ein Genuss.

Das Betreten des Palace Pier kostet mittlerweile Eintrittsgeld.

Herrn Kaltmamsell hatte ich währenddessen zum Friseur geschickt: Er brauchte dringend einen Haarschnitt, war vor dem Urlaub aber nicht dazu gekommen – Urlaubsabenteuer! Zwar hatte er erst im vierten Salon einen Walk-in-Termin bekommen, war aber zufrieden.

Für Frühstück wollte ich endlich mal in die legendäre Hellenic Bakery ums Eck bei Seven Dials, wir spazierten hin. Die Theke bot Patisserie-Werk, griechisch waren die Feinkost in den Regalen und eine Vitrine mit Baklava.

Es gab also an einem der Tischchen an der lebhaft befahrenen Straße Cappuccino, für Herrn Kaltmamsell eine Gyros-Tasche (Hefeteig drumrum), für mich ein Stück Walnuss-Baklava. Dann weiteres spazierendes Erkunden der schönen historischen Gegend, Einkäufe fürs Abendessen (u.a. im orientalischen Supermarkt Taj, der mit seinem ersten Ableger in Kemptown seinerzeit eine Offenbarung gewesen war – jetzt aber mit seinen leeren Gängen und Regalen nicht wirkte, als würde es ihn noch lange geben).

Diesmal gab sich mein Körper nicht mit diesem halbscharigen Frühstücksangebot zufrieden: Zurück in der Ferienwohnung schob ich Skyr mit Joghurt hinterher.

Gemütliches Lesen, bis wir zum Nachmittagsprogramm aufbrachen: Kino. Aus dem Angebot des Odeon (Gebäude noch so eingerüstet wie vergangenes Jahr) nahmen wir den Film Minions and Monsters.

Selfie-Training in für mich typisch englischem Kino-Foyer.

Der Film war gute Unterhaltung, wieder bekamen die Kinder etwas (alberne Minions), aber auch die Erwachsenen (komplexe Konstruktion mit Film im Film im Film und ganz viele Anspielungen auf die Filmgeschichte).

Auf dem Rückweg war es immer noch sonnig, frisch und windig, Mitgefühl für die Hitze-Ächzer aus der Heimat.

In der Ferienwohnung richtete ich als Abendessen die große englische Käsetafel an:

Großer Teller oben ab 11 Uhr im Uhrzeigersinn: Englischer Pecorino, Cornish Yarg (mein Favorit), Sparkenhoe Red Leister (so alt, dass er Salzkörnchen enthielt), St Cera.
Kleiner Teller oben Sparkenhoe Blue (trotz Reife milder als Stilton), Ducketts Caerphilly.

Dazu gab’s Trauben und Tomaten, ein Körnerbrot (“gesunde” Brote werden hier nicht über Vollkorn-Gehalt verkauft, sondern über Beimischung ganzer Körner wie Leinsamen und Sonnenblumenkerne), Ploughman’s Pickle (Waitrose-Eigenmarke, super). Das war ein sehr gutes Abendessen. Nachtisch Süßigkeiten.

§

Das mit dem British Museum ließ mich nicht los. Unter anderem weil ich weiß, wie weit und spannend die Forschung zum Thema Museum ist und mich verwundert, dass davon hier nichts in die Museums-Praxis schwappt. Zum Beispiel gab es kürzlich einen ERC Advanced Grant1 für das Projekt von Kunsthistorikerin Prof. Bénédicte Savoy von der Technischen Universität Berlin: “REMAPP – Afrikanische Museumsgeschichte neu erzählen”.

REMAPP stellt eine bis heute wirkmächtige Grundannahme der Museumsgeschichte infrage: dass das Museum eine genuin europäische Institution sei, die erst mit dem Kolonialismus nach Afrika gelangte. Das Projekt setzt stattdessen bei afrikanischen Wissensordnungen, Orten und Praktiken an, die lange vor oder neben kolonialen Institutionen bestanden. Sie entsprachen nicht eins zu eins den westlichen Definitionen des Museums als öffentlicher Einrichtung mit Sammlung, Ausstellung und wissenschaftlicher Ordnung. Dennoch erfüllten sie zentrale museale Funktionen: Sie bewahrten Objekte, machten materielle Kultur sichtbar, stifteten soziale Zugehörigkeit, verankerten Erinnerung und verbanden Dinge mit rituellen, politischen oder historischen Bedeutungen.

§

In der Süddeutschen nochmal ein umfassender Artikel über den Forschungsstand zu Wechseljahren (€):
“Nicht ohne meine Hormone”.
(Superbescheuerte Überschrift.)

Mittlerweile wirkt es ja, als sei kaum noch eine Frau neutral, wenn es um das Thema Hormone in den Wechseljahren geht, nicht einmal beim Thema Wechseljahre selbst. Da sind auf der einen Seite die Sheila-de-Liz-Fans, die die geschäftstüchtige Gynäkologin und ihr Buch „Woman on Fire“ verehren; und die es kaum erwarten können, Hormone gegen den in den Wechseljahren beginnenden Hormonschwund zu nehmen, weil sie meinen, damit quasi jeder Zumutung im Alter entkommen zu können, vielleicht sogar dem Alter selbst.

Was ist denn so schwierig daran? MENSCHEN SIND VERSCHIEDEN! Auch Frauen, auch bei den Auswirkungen, die die Wechseljahre auf sie haben. Frauen, die ohne Beschwerden durchsegeln – warum sollten die Hormone nehmen? Wer geringe Beschwerden spürt, kann sich’s überlegen. Und Frauen mit schweren Beschwerden wie ich können sich mit einer Hormonersatztherapie Linderung verschaffen – müssen sie aber nicht, genausowenig wie sie bei großem Leid “da halt durch müssen”.

Wenn man an die Gräben denkt, die das Thema Wechseljahre in der öffentlichen Meinung zuletzt aufgerissen hat, könnte man meinen, Seifert-Klauss musste sehr jonglieren, um mit ihrer Leitlinien-Gruppe überhaupt zu einem Konsens zu kommen. „Aber das war nicht so“, sagt die Medizinerin in ihrem Kellerbüro, das bis unter die Decke vollgestopft ist mit Fachliteratur. „Es gab nicht viel Dissens bei der Leitlinienarbeit.“ In den allermeisten Punkten sei man sich sehr einig gewesen. Denn anders als noch vor einigen Jahren sei die Studienlage zu Nutzen und Risiken der Hormone inzwischen gut, die Daten seien ziemlich klar.

Die Faustregel lautet jetzt: Hormone sollten nur so wenig und so kurz wie nötig gegeben werden. Aber wenn Frauen sie brauchen, wäre es ein Fehler, sie nicht zu verschreiben. Denn die Risiken sind deutlich kleiner, als man früher annahm.

Na also.

  1. ERC Grant ist die renommierteste und am höchsten dotierte Forschungsförderung der EU. []

Journal Dienstag, 4. August 2026 – Brighton 4: London-Ausflug mit British Rumpelkammer und St. John Bread and Wine

Mittwoch, 5. August 2026

Gestern war ein London-Ausflug geplant, verankert in der abendlichen Reservierung eines Tischs im St. John Bread and Wine (wir waren wenig abenteuerlustig, hatten in den vergangenen Jahren zweimal sehr gut dort gegessen und dabei etwas gelernt – warum nicht das sichere Vergnügen wählen?). Als Ziel des vorherigen Museumsbesuchs entschieden wir uns 20 Jahre nach meinem ersten und bislang einzigen Besuch dort fürs British Museum (dem ich mich nahe fühlte, weil ich über deren instagram-Kanal immer wieder Aktuelles oder Hintergründe mitbekomme).

Schon um neun schloss ich in der Ferienwohnung beim Bloggen das Fenster gegen Hitze. Und das, wo in Brighton 24 Grad Höchsttemperatur angekündigt waren, im Gegensatz zu den 28 Grad in London. An sich hatte ich ein bestimmtes Kleid für den Ausflug und vor allem den Restaurantbesuch eingeplant, doch in dem wäre es mir zu warm geworden. Also schlüpfte ich in Rock und Trägerhemd.

Der Bahnhof von Brighton mit seiner schönen Eisenkonstruktion.

Im Zug nach London fror ich dann aber: Er war extrem runtergekühlt. Das sollte das Muster des Tages werden: sehr große Temperaturunterschiede. In London war die Außenluft ok, solange wir im Schatten blieben. Die Luft in den Ausstellungsräumen des British Museums war fast unerträglich heiß und stickig (die Website wies sogar darauf hin, dass manche Räume wegen Hitze geschlossen sein könnten), ebenso zu meiner Überraschung die in der Londoner U-Bahn, sowohl in den Gängen als auch in den Fahrzeugen.1 Großes Frieren dann wieder nachts auf dem Bahnsteig London Bridge und im Zug zurück nach Brighton. Mal sehen, ob es stimmt, dass “Erkältung” eigentlich eine irreführende Bezeichnung ist.

Englische Landschaft vorm Zugfenster.

Nach einem Mittagscappuccino am Bahnhof Spaziergang die Themse entlang, dann abgebogen durch das Viertel City of Westminster zum British Museum, dort durch Absperrbänder und Partyzelte geregelte Menschenmassen (Herr Kaltmamsell hatte uns einen – kostenlosen – Eintritts-Slot gebucht, doch das wäre offensichtlich nicht nötig gewesen).

Der weiterhin berückend schöne Innenhof.
Ich frühstückte zur Hungerberuhigung eine Handvoll Walnüsse (Rest vom Vorabendessen).

Wir hatten uns vorher überlegt, welches Thema uns diesmal interessierte. Die Gassenhauer aus Ägypten und Griechenland (inklusive ihrem zweifelhaften Weg hierher) kannten wir bereits, gestern entschieden wir uns für europäische Geschichte: Sutton Hoo and Europe, 300 vor der Zeitrechnung bis Gegenwart.

In den vergangenen 20 Jahren hatte sich das Museum konzeptuell nicht wirklich weiterentwickelt: Eher British Rumpelkammer, bei der ich mich fragte, was mir hier eigentlich erzählt wurde. Diese Räume waren nach geschichtlichen Zeiträumen sortiert, die Vitrinen darin allerdings weniger nach einem roten Faden oder einer Erzählung, sondern nach dem, welche Sammlungen das Museum halt hat. Die ständige Ausstellung heißt ja ehrlicherweise “Collection” – die sie irgendwie zeigen.

Inklusive mittendrin zeitgenössische künstlerische Reflexion eines historischen Vorfalls (die Exponate links und rechts) – nicht etwa als durchgehendes Thema, sondern nur einmal. Ich nehme an, am meisten profitiert man von einem Besuch bei einer thematischen Fachführung, denn für die Forschung ist die Sammlung des British Museums natürlich großartig.

Noch viel weniger zeitgemäß als das Ausstellungskonzept: Das komplette Fehlen kritischer Reflexion von Provenienz. In den britischen Medien sehe ich durchaus regelmäßiges Kritisches und Hinterfragen, im Museum selbst – nix. Die Exponate wurden halt “erworben”, “gesammelt”, ins Museum “gebracht”. Das überraschte mich. Ein Beispiel:

Zum einen: “Chief Wiah sold the pole” – ähnlich wie bei manchen Exponaten im Münchner Museum Fünf Kontintente frage ich mich, ob er überhaupt dazu befugt war und ob es das Konzept “Verkaufen” in seiner Kultur überhaupt gab. Zum anderen: “after the local community was devastated by epidemics of intruduced diseases” ist schon eine arg lapidare Umschreibung der kolonialen Auslöschung.

Das wichtigste Exponat in jedem Raum war ohnehin dieses:

Riesige, laute Ventilatoren in verschiedenen Ausfertigungen in jedem Raum.

Nach den geplanten zwei Stunden waren wir reichlich durch und fertig.

Bis zu unserer Abendessen-Reservierung hatten wir Zeit, in der wir in Neals’s Yard Dairy beim Borough Market Käse kauften, hin brachte uns eine U-Bahn (großartiges Bezahlsystem: wir hielten unsere Kreditkarten einfach beim Eingang und Ausgang vor den Sensor).

Wow, das war eine gap, die man wirklich minden musste.

Im Käseladen beriet uns kurz vor Ladenschluss um fünf ein ebenfalls bereits völlig erledigter Herr (der sich aber sehr zusammennahm), wir kamen mit reichlich Abendessen für Mittwoch raus. Recht schnell und überraschend hatte der Himmel zugezogen, während unseres Einkaufs und der Besichtigung der schließenden Stände in Borough Market regnete es sogar ein bisschen. Dann suchte uns Herr Kaltmamsell, der gestern die komplette Reiseleitung übernommen hatte, ein schattiges Plätzchen im Hof einer Kirchenruine (St. Dunstan) für Ausruhen und Lesen.

Immer wieder schön in London: Das Nebeneinander von uralt und ganz neu.

Und dann verbrachten wir einen sehr schönen Abend im St. John Bread and Wine, berühmt (wie das Haupthaus) für seine Innereienküche, dieses aber mit dem Konzept sharing plates.

Herzlicher Empfang, schöner Raum (den ich später bei voller Besetzung zum ersten Mal als sehr laut empfand), superinteressantes Angebot (PDF). Aus der rein französischen Weinkarte entschied ich mich für einen Sauvignon Blanc aus dem Burgund: Saint-Bris Les Malandes, der mit seiner Kraft und Säure gut passte.

Unsere vier geteilten Vorspeisen:

Von links oben im Uhrzeigersinn: Ochsenzungen-Krokette mit Brown Sauce / kalte Taubenbrust mit Radieschen, Brunnenkresse und Quitte / gegrilltes Ochsenherz mit jungen Roten Beten samt Blättern und Meerrettich (mein Favorit des Abends) / der Klassiker Deviled Kidneys on Toast, also gepfefferte Lammnierchen. Diesmal war ich so schlau gewesen, die Brotscheibe zur Begrüßung aufzuheben und nicht gleich zu essen: Ich wusste, dass es kein weiteres Brot geben würde, jetzt hatte ich etwas zum Sößchen-Auftunken.

Als Hauptgang teilten wir uns den den Rabbit, Smoked Bacon and Trotter Pie, also den Pie mit Kaninchen-Räucherspeck-Schweinefuß-Füllung: Die Pastry besonders super, die Füllung ganz hervorragend (Schweinefuß wohl nur zum Eindicken verwendet, weder kau- noch schmeckbar).

Nachtisch ging unbedingt auch:

Gegenüber Himbeer-Buttermilch-Pudding, bei mir ein Eton Mess mit Nektarinen und Lemon Curd – sowie erfrischenderweise Frischkäse unter die Sahne gemischt.

Rückweg zum Bahnhof London Bridge über Abendsonne-vergoldete Ansichten.

Die Züge nach Brighton fahren von hier so oft, dass wir gar keinen bestimmten angesteuert hatten, sondern einfach den nächsten nahmen.

Im Bett noch vor elf Uhr.

  1. Nachtrag: Hier die Erklärung für die hohen, sogar immer weiter steigenden Temperaturen in der Londoner U-Bahn. []

Journal Montag, 3. August 2026 – Brighton 3 mit Hitze, in der man eigentlich nicht joggen sollte

Dienstag, 4. August 2026

Gestern gelernt: Ich hätte erst auf meine Laufrunde rausgehen sollen und danach bloggen. Andersrum war es bei Verlassen des Hauses um 10:30 Uhr eigentlich viel zu heiß für Cardio-Sport. Die Temperatur in der Ferienwohnung hatte sich so angenehm kühl angefühlt, dass ich das nicht ahnte, und die 25 Grad, die meine App als Lufttemperatur draußen anzeigte, sahen auch nicht abschreckend aus. Doch tatsächlich prügelte die Sonne die ganze Strecke am Meer entlang schattenlos auf mich ein.

Obwohl sich kein Blatt an Bäumen oder Blumen bewegte, kühlte zunächst ein Wind, und ich nahm bereits an, dass das dieser Überall-Gegenwind war, den ich bei unbewegten Blättern vom Radlfahren kenne. Als ich nach 45 Minuten hinter Ovingdean umdrehte, stellte ich aber fest: Nein, in die Gegenrichtung spürte ich überhaupt keinen Wind, die Sonne prügelte noch erbarmungsloser. Zwar sagte ich mir vor, dass ich ja auch schlendern könnte statt zu traben, aber wie so oft probierte ich aus, ob es ging. Und es ging halt.

Reflektierende Sonnenschirme im Knirps-Format verbreiten sich sichtlich.

Hurra! Die (auch durch Crowdfunding finanzierte) Restaurierung der historischen Madeira Terrace hat begonnen.

Ich freute mich schon auch über diese lieb gewonnenen Anblicke, war aber durch die Hitze ziemlich abgelenkt.

Trink-Stopp in Ovingdean – ohne Trinken, denn das Wasser kam HEISS aus den Hähnen (dass “no drinking water” drüber stand, hatte mich noch nie gestört). Ich machte meine Kappe nass und hoffte auf Verdunstungskälte (die ich dann nicht spürte).

Ich WUSSTE es SCHON IMMER!

Die einzigen Paar Meter Schatten auf der Strecke – wirklich.

Das Stück hoch die Straßen entlang zurück zur Ferienwohnung ging ich dann aber sehr langsam und konsequent im Schatten. Weiteres Handicap: Ich habe meine Sonnenbrille daheim vergessen (vielleicht nehme ich das Packen mittlerweile auf die zu leichte Schulter und sollte wieder konsequent mit Listen arbeiten, siehe vergessene Zahnbürsten-Ladestation und ein bislang unerwähntes vergessenes Oberteil), nur der Schirm meiner Kappe hielt das gleißende Licht ein wenig von meinen Augen ab.

In der Wohnung brauchte ich eine ganze Weile und einen Liter Wasser, bis ich wieder zu Kräften kam.

Die Unten-Nachbarin hatte sich mit einem Brieflein für die Pralinen bedankt – sie schien sich wirklich gefreut zu haben, wie schön.

Plan für gestern war lediglich, durch Brighton zu streifen, Schwerpunkt North Laine mit seinen Gässchen voller kleiner Geschäfte.

Auch wenn man dem englischen Rasen diesen nicht mehr ansieht: Hier vorm Royal Pavillon wird gelounget.

Erstmal gingen wir aber nach Kemptown, um in einem italienischen Café zu frühstücken.

Um halb zwei gab es Cappuccino und Focaccia sowie ein Törtchen für mich, das nach Tahini schmeckte (aus der Backstube hörte ich auch Arabisch, nicht Italienisch – völlig ok, “authentisch” hat viele Schattierungen).

In North Laine deckten wir uns wie seit Jahrzenten mit frei mischbaren Süßigkeiten ein und sichteten weitere Läden. Das Wetter war seltsam: Mal wehte ein richtig kühlender Wind, dann erschlug einen wieder die Sonne mit Hitze.

Nach Ausruhen und Nachtrinken in der Ferienwohnung eine weitere Einkaufsrunde fürs Abendessen.

Dieses Gericht, Borani Esfenaj – persischer Spinatjoghurt mit Walnüssen, wollte ich machen/essen, seit ich es las. Aber daheim kam mir wochenlang der Ernteanteil dazwischen, der erstmal wegmusste. Also halt in der Ferienwohnung und im Urlaub. Dafür schüttete ich daheim die Gewürze in einem Gläschen zusammen und nahm die kleine Zitronenreibe mit, die restlichen Zutaten kauften wir vor Ort, weil eh beim Kochen aufgebraucht.

Schmeckte tatsächlich ganz ausgezeichnet, dazu Toast. Nachtisch: Aprikosen, gemischte Süßigkeiten.

§

Was man mit den Hinterhöfen unser Ferienwohnungs-Hauszeile machen kann:

Einen zusätzlichen Aufenthaltsraum.

Das ist der Hinterhof unserer Ferienwohnung (und den Rechner tauschte ich am Sonntag bald gegen mein Papierbuch: Das WLAN reichte nicht so weit).

Oder nebenan halt eine Rumpelkammer. Selbst ich beginne bei diesem Anblick Ideen zu spinnen.

§

Klar stolpere ich immer, wenn mein Geburtsort Ingolstadt in großen Medien auftaucht. Doch diese Reportage ist auch sonst interessant:
“Das ewige Z
Sie heißen Fröhlich, Landsberger, Höllenreiner – und sind von Auschwitz geprägt. Ein Besuch bei Sinti in Ingolstadt, die sich nicht mehr verstecken wollen.”

Wie so oft: Ich hatte ja keine Ahnung.

§

In der Leimutterschaftsdebatte habe ich keine klare Meinung, weil wenige Gefühle (geradezu entspannend, da ich ja auch nicht zuständig für irgendwelche Regelungen bin), hätte allerdings gerne gehabt, dass Kinderhabenwollen/Kinderkriegen und Jens-Spahn-loskriegen als voneinander getrennten Angelegenheiten diskutiert worden wären. Doch ich wusste, dass die kluge Antje Schrupp eine lesenswerte und fundierte Perspektive haben würde – weil sie zu der akuten Zeit gerade im Urlaub war, gibt’s die erst jetzt:
“Leihmutterschaft Bullshit Bingo”.
Genau zwischen diesen beiden Werten, also weibliche Selbstbestimmung und Vermarktung von Reproduktionsfähigkeit, schwankt meine Haltung ebenfalls.

Journal Sonntag, 2. August 2026 – Brighton 2 mit Sunday Roast

Montag, 3. August 2026

Nun habe ich doch eine Idee für digitalen Urlaubs-Detox: Schrittzähler ignorieren. Ich habe beschlossen, erst bei Heimkehr wieder auf den Schritt-/Kilometer-/Treppenstufenzähler meines Handys zu gucken. Ich bewege mich gern, auch im Urlaub, will aber mal ausprobieren, wie ich lebe, wenn ich die Zahlen dazu nicht kenne. Werden ja weiter getrackt, kann ich mir im Nachhinein ansehen und analysieren.

Gut und lang geschlafen, erfrischt aufgewacht zu einem sonnigen, frischen Sommermorgen.

Fester Programmpunkt war lediglich unsere Reservierung für Sunday Roast. Ich finde diese Einrichtung, dass Wirtshäuser Sonntagsbraten anbieten, immer noch nachahmenswert, und sei es als Anlass für Familien- und Freundeskreistreffen. Vorher war noch reichlich Zeit für einen Spaziergang nach Hove – und dringende Einkäufe: Zum einen hatten wir entdeckt, dass die Drittelrolle Klopapier die einzige in der Ferienwohnung war, zum anderen hatte ich entgegen meiner festen Überzeugung das Ladegerät für meine elektrische Zahnbürste nicht eingesteckt und brauchte eine Zahnbürste.

Eindrücke vom Spaziergang.

Clocktower mal wieder kaputt (es war erst halb elf).

Neue Kunst hinterm Churchill Square.

Die Dürre sichtbar auch außerhalb der großen Hitzewellen, die England dieses Jahr geplagt haben.

Die Uferpromenade wird auf Höhe Hove gerade restauriert: Viele Schilder mit Informationen, sogar ein Häuschen, in dem (manchmal wohl) jemand auch persönlich Fragen zum Projekt beantwortet.

Die Ruine des West Pier steht immer noch.

Die Drogeriemarktkette Boots führt kein Klopapier (ich hatte nach einigem Suchen zu zweit das Personal gefragt), also abschließendes Einkehren in einem kleinen Supermarkt. Mit einem inneren Verzweiflungs-Aufschrei:

Selbstzahlkassen mag ich, habe aber eine immer dringendere Bitte:
STANDARDS!
In jeder Supermarktkette ist ein anderer Prozess vorgeschrieben: Mal ablegen links, einpacken rechts, mal umgekehrt. Und Verwechslungen blockieren das Weiterkommen. In diesem Sainsbury’s war die “packing area”, in die ich meinen Einkauf legen sollte, bevor ich zahlen durfte, direkt unterm Bildschirm/Scanner (ein Angestellter musste mir helfen).
Das geht so nicht.

Die mitgebrachten Dallmayr-Pralinen hatten wir mit Karte und freundlicher Erklärung vor die Tür der Unter-Bewohnerin gelegt, bei unserer Rückkehr war die Gabe weg – und erfüllt hoffentlich ihren besänftigenden Zweck.

Jetzt spazierten wir in weiterhin herrlichem Wetter zum Pub Haus on the hill, in dem wir vor drei Jahren sehr guten Sunday Roast bekommen hatten.

Wieder mal der Versuch, die starke Hügeligkeit von Brighton einzufangen.

Wunderschöner Türklopfer.

Im Haus on the hill freute ich mich sehr über mein Pint Stout (Herr Kaltmamsell hatte Porter).

Wir übten weiter Selfies.

Sunday Roast war gut, aber nicht so liebevoll und gut wie vor drei Jahren: Wirklich frisch zubereitet war nur der Yorkshire Pudding (das UFO oben auf), und mein Lamm war so verkocht, dass es keine Form mehr hatte. Schmeckte aber.

Rückweg über Umwege nach Kemptown und in Pride-Feiern; die 26 Grad reichten, um es in der Sonne unangenehm heiß werden zu lassen.

Basque cheesecake has jumped the shark (dann wieder: wenn er eh eine Markting-Erfindung ist, dann ist die Matcha-Variante nur eine logische Konsequenz).

Royal Pavillion.

Was ich in all dem Pride-Glitzern vermisste: Federboas. Und doch zeigte debris der Parade vom Samstag, dass es welche gegeben haben muss.

Nachmittag mit Lesen in der Ferienwohnung, auch draußen im Hinterhof.

Herr Kaltmamsell erfüllte seinen Auftrag, mich zum Fernsehen zu bringen.
Der hiesige Lokalsender drehte sich um Pride Weekend, Schwerpunkt waren trans Menschen, die in Brighton leben – und den Ort als Insel der Seligen beschrieben. Eigentlich bitter, aber nehmen wir die Schilderungen halt als utopischen Vorgriff, in dem so gelebt wird, wie es eigentlich sein sollte. Allerdings hatte ich schon vergessen, dass es vergangenes Jahr in Großbritannien massive Rückschläge in der Gleichstellung von trans Menschen gegeben hat.

Unter anderem wurden ein Laden und ein Label für Genderfree Clothing vorgestellt – was mir sofort einleuchtete: Hier wird sich auf Körperformen konzentriert, an denen Kleidung sitzen soll, nicht auf Vorstellungen, was welches Gender tragen sollte.

Abendessen gab es auch, allerdings eher übersichtlich, weil das Mittagessen noch gut vorhielt: Rote Paprika, Tomaten, scharf eingelegte Rote Bete aus dem Kühlregal (gute Idee), dazu gebutterter Toast. Und zum Nachtisch 1 Sticky Toffee Pudding (Mikrowelle), Nachtisch 2 Apple Pie, nur noch wenig Schokolade.

Wir guckten weiter Fernsehen und blieben an einer Antiquitäten-Show hängen, die wie Kunst und Krempel im Bayerischen Rundfunk funktionierte, nur als Speed-Version in einem schottischen Schlossgarten, in dem Anwohnende mit ihren Schätzen Schlange standen, die dann von Expert*innen begutachtet wurden: Herrlicher Schmuck, vorrecherchierte Waffen – alles halt mit der örtlichen Geschichte als Hintergrund, unter anderem ein paar Jahrhunderten Kolonialgeschichte (die in UK immer noch kein wirklich schlechtes Gewissen auszulösen scheint).

§

Nils Minkmar erlebt seinen Sommerurlaub in den französischen Waldbränden und schreibt darüber:
“Meine Ferien im Megafeuer”.

Der Himmel färbte sich orange, im Garten fiel eine Taube tot vom Baum und auf die Tischen draußen rieselten Asche und Ruß. Wir packten die Notfallrucksäcke. Viele machten sich schon auf den Weg. Ich besuchte die 92jährige Mutter eines Freundes, die um die Ecke wohnt und schlug vor, sie mitzunehmen. Sie saß kerzengerade und perfekt zurechtgemacht in ihrem Sessel, eine elegante, breite Handtasche mit ihren Papieren und Medikamenten zu ihren Füßen. Sie war gut im Bilde und lächelte: “Eben gab es so einen Moment der Panik. Die Nachbarin wollte mich schon mitnehmen. Aber jetzt –“ Sie warf einen Blick zum Himmel ”ist dieser Moment auch schon wieder vorbei.” Schlimmer war es jedenfalls nicht geworden, im Gegenteil. Es klarte auf. Der Wind hatte sich neue Opfer gesucht. Sie blieb, wir blieben.

Ein Nachbar erklärte die Krisenlogik: Erst dann evakuieren, wenn die Präfektin Sophie Brocas dazu auffordert, das tut sie per Direktsignal FR-Alert an alle Mobiltelefone. Man braucht keine App. Die Präfektin findet dich. Solange sie dich aber nicht evakuiert, bleibst du, wo du bist und verstopfst nicht die Landstraße.

Das Vertrauen in die Institutionen war intakt und die Kommandokette so unverbrüchlich wie zu Zeiten des Kaisers Augustus im römischen Imperium.

Journal Mittwoch, 29. Juli 2026 – Goldener Abschied vom Lerchenlauf

Donnerstag, 30. Juli 2026

Der Juli ist ganz schön lang.

Extrafrüher Wecker nach mittelguter Nacht (eine laute Unterhaltung vor meinem Schlafzimmerfenster weckte mich nicht genug, dass ich zum Fensterschließen aufstand, ließ mich aber auch nicht wieder richtig einschlafen), aufgestanden zu fast noch Nacht: Wahrscheinlich letzte Chance auf einen Lerchenlauf vor der Arbeit für diese Saison. Es war deutlich zu frisch für Balkonkaffee (die Schreie der Gebärenden durch offene Fenster der benachbarten Klinik hörte ich aber), als Laufkleidung wählte ich zur Capri-Hose trotzdem ein Trägershirt.

Beim Kreuzen des Nußbaumparks von Drogis, no rest for the wicked, angebettelt worden (“‘nen Zehner?” – Inflation überall), leider bissig “Seh ich aus, als hätte ich Geld bei mir?” geblafft (statt Ignorieren).

Es wurde ein herrlicher Lauf, unter anderem sah ich zum ersten Mal einen Graureiher mitten in München. Der Körper war praktisch nicht vorhanden (gutes Zeichen), erst nach einer Weile erinnerte ich mich daran, die Füße bewusst zu heben.

Graureiher!

Bei kürzeren Tagen stieg die Sonne erst auf den letzten paar hundert Metern an der Isar über die Baumwipfel der Uferauen.

Alter Südfriedhof.

Für den Körper waren die 80 Minuten wahrscheinlich grad recht, keinerlei Erschöpfung und Schmerzen. Aber mein Gemüt wäre so gerne länger gelaufen.

Die Baustelle am Wohnhaus ist fast beendet. Am Dienstagabend war bis nach 18 Uhr gewerkelt worden, gestern waren die vier Herren deutlich vor acht wieder aktiv.

Arbeitsweg mit zwei Stationen U-Bahn-Fahrt beschleunigt, die Luft unter wolkenlosem Himmel immer noch angenehm. Im Büro gleich losgewirbelt, mich dann von einer lieben temporären Kollegin verabschiedet.

Mittagscappuccino nicht allzu weit entfernt, jetzt stach die Sonne bereits wirklich unangenehm. ABER! Ich hörte nochmal Mauersegler.

Nach einigem weiteren Werkeln gab es zu Mittag Hüttenkäse mit Joghurt, restliche Kirschen (Bauch kurz danach wieder not amused, der soll sich nicht so anstellen).

Wie ich mal meinte: “Oh, wenn derzeit dieser zarten Goldschmuck so in ist,1 kann ich doch das alte Süßwasserperlen-Armkettchen aus Kindertagen wiederbeleben. Merke: “Zart” und ich funktionieren nicht zusammen.2

Nach Feierabend war es unangehm heiß, direkter Weg nach Hause. An den Briefkästen traf ich die Zweitnachmieterin unserer früheren Wohnung im 1. Stock, sie stellte sich vor – eine sehr nette Begegnung. Daheim weitere Urlaubsvorbereitungen: Beine epilieren, Wäsche aufhängen (letzte Ladung Dunkles vor Abreise).

Herr Kaltmamsell kam vom Sommerfest seiner Schule, zusammen spazierten wir zum aushäusigen Abendessen: Es gab asiatische Nudeln bei Honghong Ramen.

Für mich wieder breite Nudeln mit Auberginen und Tomaten (ich kann mich nicht erinnern, dass mir das zuvor schon passiert ist: beim ersten Besuch eines Lokals etwas bestellt, das mir so gut schmeckte, dass ich es jedesmal essen möchte). Davor Gurkensalat, dazu Aloe-Vera-Drink.

Beim Heimkommen war die Baustelle am Haus immer noch aktiv, da wollte jemand unbedingt fertig werden (sie sah auch fast abgeschlossen aus).

Daheim als Dessert Schokolade.

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Ich freue mich weiter über die Odyssee-Verflmung von Christopher Nolan, weil sie so viele lesenswerte Auswirkungen hat. Auf Bluesky beschließt Emily Wilson: “This is a film about living in LA.”

Auf ihrem Bluesky-Kanal schreibt sie auch über die Gedankengänge hinter ihren Übersetzungen – sofort gefolgt.

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Interessante neue junge Comedy.

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https://youtu.be/5NOedI5Vf4E?si=7LS2keRvkjk-HsIg

  1. Ich habe den Goldpreis als Ursache im Verdacht. []
  2. Es gibt ein paar Freundinnen, um die ich mich deshalb bei jeder Begegnung sorge. []