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Journal Samstag, 7. Februar 2026 – Wie ich lernte, dass auch Schwimmbrillen sich auflösen können

Sonntag, 8. Februar 2026

Recht lang geschlafen, ich fühlte mich aber nicht ganz ausgeruht.

Meine ersten Handgriffe galten dem Brotteig, für den ich am Vorabend den Sauerteig angesetzt hatte: Es sollte dieses Roggenmischbrot 79/30 geben. Das verzögerte mein Bloggen, der Post über den Vortag ging erst deutlich nach neun online.

Verwunderung beim Nachlesen meiner Mastodon-Timeline: Darin interessierten sich deutlich mehr Menschen für die frisch gestarteten olympischen Winterspiele, als ich prognostiziert hätte. Schnittmenge mit Menschen, die sich für den European Song Contest interessieren? Weil irgendeine Art große, internationale Show?

Wohl geraten.

Pläne für den Tag nach Brotbacken:
– Radeln (!!!) zur
– Schwimmrunde
– Kauf von Kochschinken auf dem Rückweg fürs Frühstück
– aushäusiges Abendessen bei privater Einladung

Nachdem ich mein Radl seit September nicht mehr genutzt hatte, checkte ich es erstmal. Ergebnis: Es wurde nichts mit dem Radeln, denn mein Aufpumpversuch scheiterte, der Vorderreifen ist platt. Also
– U-Bahn zur Schwimmrunde
Die Luft gestern angenehm mild, noch aber ohne Frühling in den Düften.

Geduscht und mit Schwimmbrille in der Hand trat ich an ein sensationell dicht beschwommenes Becken. Ein Grund war vermutlich, dass die äußersten beiden Bahnen für Vereine gesperrt waren – das hatte ich am Wochenende noch nie erlebt. Hier, aber auch an allen anderen Bahnen war der Rand unpassierbar vollgestellt mit Schwimmspielzeug aller Art, ich balancierte dazwischen ins Becken.

Gleich nach dem Abdrücken hatte ich Wasser in der rechten Seite der Schwimmbrille, nach der ersten Bahn setzte ich sie schnell neu an. Doch auch jetzt stand diese rechte Seite voller Wasser. Nach der zweiten Bahn stellte ich mich also fest hin und nahm sie ab – um zu entdecken, dass sich der Dichtungsgummi halb vom der Plastikschale gelöst hatte.

(Foto nach Schwimmrunde)

Völlig entgeistert hielt ich die Brille den fremden beiden Frauen am Rand der Nebenbahn hin (gestern wurde viel am Rand gestanden): “Was mach ich jetzt?!” Sie lachten und wussten natürlich keine Antwort. Außerhalb der Bezahlschranke hätte ich am Kiosk eine Schwimmbrille kaufen können, aber nicht hier.

Also versuchte ich, so zu schwimmen: linkes Auge geschützt, rechtes verkrampft zugekniffen. So schaffte ich 2.000 Meter, die eigentlich sehr gut taten, doch dann sorgte ich mich um mein Auge und brach ab.

Dass ich mit dem armen Auge nur verschwommen sah, legte sich zum Glück bald.

Vor der BMW-Welt wurde fotografiert, eine Gruppe aus fast ausschließlich Frauen. (?)

Eher enttäuscht als verärgert saß ich in der U-Bahn nach Hause. Ich guckte nach E-Mails – und jetzt machte mich traurig, dass ich auf eine künstlich generierte alte Frau reingefallen war. In meinen Augen ist das aktiver Betrug: Der Text unterm Video behauptet zunächst lange und detailreich, es handle sich um einen ganz konkreten Menschen und “Real takeaways. No pretending.” Erst ganz weit unten steht dann: “The person in this video is AI-generated, not a real individual.” Die Kommentare unter dem Video zeigen, dass niemand davon so weit gelesen hat.

Am Sendlinger Tor kaufte ich noch im Alnatura ein, ich wünschte mir aufs frischgebackene Roggenbrot dick Butter und gekochten Schinken. Dieses Frühstück gab es nach einem Apfel um kurz nach zwei.

Nachmittag mit Lesen: Zum einen die Wochenend-Süddeutsche, zum anderen las ich Ursula K. Le Guin: Tehanu: The Fourth Book of Earthsea aus. Es gefiel mir bis zum Ende gut, ich ließ mich in dieser klugen Variante in eine Märchen-Zeit und -Welt mitnehmen mit Zauberern, Hexen, Machtkämpfen. Und mir fiel auf, wie viel dieser 1990 veröffentlichte Roman der sieben Jahre später erschienenen Harry-Potter-Welt vorweg nimmt: Es gibt eine Zauberer-Schule (die in diesem Band allerdings nicht gezeigt, sondern nur erwähnt wird), konstruktive und zerstörerische Zauber-Menschen, eine magische Sprache (allerdings nicht mit Schlangen, sondern Drachen), magische Wesen, und der Graben zwischen verschiedenen Zaubermensch-Herkünften verläuft nicht zwischen Witches und Muggles, sondern zwischen Männern und Frauen.

Vor der Abendeinladung turnte ich noch Yoga: Ich nahm die übernächste, sportliche Folge vorweg, weil ich gestern bei weitem nicht ausgepowert war; die ruhige nächste Folge hob ich für Sonntagabend auf, wenn ich nach einer geplanten Laufrunde dankbar dafür sein würde (für diese Einblicke klicke ich die Folgen vorher durch).

U-Bahn nach Bogenhausen, wo ich mit Herrn Kaltmamsell einen sehr schönen Abend mit zwei interessanten Frauen verbrachte (beruflicher Kontakt über den Herrn), von einer der beiden köstlich italienisch bekocht: Zu einem Glas Ferrari Spumante gab es Antipasti in Form von Wurst, Schinken, Käse, gegrilltem Gemüse, dann als Primo Pasta mit selbstgemachtem Pesto, Wein ab jetzt ein eleganter Roter aus der Maremma, als Secondo Hühnchen cacciatore, und nach einem richtig guten Espresso als abschließende Sensation Mandelkuchen mit Vanille-Orangencreme und karamellisierten Pinienkernen.

Dazu angeregte Unterhaltung, unter anderem über den Alltag einer Orchestermusikerin.

U-Bahn nach Hause, es war immer noch mild. Gegen Mitternacht im Bett.

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Alle medizinischen Diagnosen und Tipps zu meinem Fuß unter dem Post zum Freitag habe ich dann doch gelöscht.

(Unterlassen Sie bitte Gesundheitstipps. Ich werde sonst sehr böse.)

steht über dem Kommentarfeld (Serviceblog mit betreutem Lesen).

Sollte mein Hausarzt hier in den Kommentaren damit auftauchen, überlege ich, ob ich eine Ausnahme mache.

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Bei geschichtlichen Meilensteinen lohnt sich immer wieder der feministische Blick. Dieser ist von Barbara Vorsamer:
“Unsichtbare Erfinderinnen: Wie Frauen die Medizin revolutionierten”

Journal Dienstag, 3. Februar 2026 – Alltag mit langem Feierabend-Marsch

Mittwoch, 4. Februar 2026

Sehr gut geschlafen, das Weckerklingeln verärgerte mich.

Trüber und frostiger Weg in die Arbeit, doch über den Vormittag wurde es heller bis sonnig.

Emsiger Arbeitsvormittag, es war viel Laufens und Ordnens: Ich füllte (mal wieder) eine Lücke, für die ich nicht zuständig bin, die aber sonst niemand sieht und die immer größer wurde – was ich nicht mehr mit ansehen konnte. Sollte das Thema zur Sprache kommen, werde ich auch weiterhin vehement darauf hinweisen, dass ich nicht zuständig bin – aber es ist zumindest (fast) nichts kaputt gegangen.
Dennoch konnte ich mir bequem einen Mittagscappuccino einplanen und marschierte dafür ins Westend.

Zu Mittag gab es einen Apfel und eingeweichtes Muesli mit Joghurt – aber ohne Zeitungslektüre, denn mein Briefkasten war morgens leer geblieben, und in der Arbeit wurde die Süddeutsche abgeschafft.

Emsiger Arbeitsnachmittag, aber am Schreibtisch. Weil die Gegend um meine Lendenwirbelsäule weiterhin überdurchschnittlich schmerzte, arbeitete ich gestern möglichst viel im Stehen, bewegte mich möglichst viel – die Schürhackl-Phase nach dem Aufstehen vom Sitzen wurde deutlich kürzer. (Ich bilde mir ursächlichen Zusammenhang ein.)

Für den Feierabend hatte ich einen Ausflug zum Gärtnerplatz geplant, dort wollte ich in einem Spezialladen nach einem Mitbringsel suchen. In letztem Tageslicht und nicht zu kalter Luft machte ich mich (anders als sonst) quer über die Theresienwiese und auf selten gegangenen Wegen dorthin auf, die Route nach Hübschheit gewählt. Es wurde ein erfreulicherer Marsch, und ich bekam mein Mitbringsel.

Nach Hause kam ich dadurch aber so spät, dass ich keine Lust auf Yoga hatte. Statt dessen gab es 15 Minuten früher als sonst Abendessen.

Aus den Ernteanteil-Süßkartoffeln hatte Herr Kaltmamsell ein Chilli zubereitet, seine Auswahl an getrockneten Chillis und Chillipulvern ist groß. Schmeckte gut, doch die Süßkartoffeln gingen unter. Nachtisch Schokolade, ich hatte die Vorräte gründlich aufgefüllt.

Noch früher ins Bett zum Lesen. Herr Kaltmamsell informierte mich zwar auf Nachfrage, dass ja, die Earthsea-Reihe von Ursula LeGuin im Gegensatz zu literarischen Meilensteinen wie Left hand of darkness ganz klassische Fantasy sei (“Warum hast du mich nicht vorher gefragt?” – so weit kommt’s noch), doch ich wollte durchaus wissen, wie’s weitergeht. Und natürlich geht LeGuin viel tiefer in Reflexion und Analyse von Menschlichem als schlimme Besteller-Autorinnen wie Marion Zimmer Bradley.

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Vergesst altmodische True-Crime-Podcasts. Vergesst die Kardashians, die Jenners. Unterhaltet euch mit sehr alten Menschen.

Frau Frohmann schreibt in ihrem aktuellen Newsletter unter anderem über noch lebende alte Verwandte. Auch ich profitiere davon, dass meine Eltern und Schwiegereltern neue alte Geschichten erzählen, aus ihrer Kindheit und Jugend, auch was sie damals bei den noch älteren aufgeschnappt haben. Wie Frau Frohmann rate ich, den alten Verwandten zuzuhören – und sich sehr darüber zu freuen, wenn sie in hohem Alter noch bei Sinnen sind.

Plötzlich erinnern sich Menschen, mit denen man sein ganzes Leben verbracht hat, an Beobachtetes und Erlebtes, an das sie viele Jahrzehnte nicht gedacht haben und es werden nicht mehr die immer gleichen Geschichten erzählt, sondern ganz neue alte Geschichten. Was erzählt wird, ist nicht immer schön.

Journal Montag, 2. Februar 2026 – Angepreppt, bester Blaukrautsalat

Dienstag, 3. Februar 2026

Nacht mit Loch: Um zwei konnte ich ziemlich lang nicht wieder einschlafen. Doch ich litt nicht, hatte es ja warm und war schmerzfrei, suchte mir schöne Gedanken.

Mitten in meiner Morgenroutine, nämlich beim Aufstehen vom Bloggen, meldete das Kreuz böse Schmerzen, Erinnerungen an Hexenschuss. Ich bekam sie weder durch meine Plank-Gymnastik noch durch Mobilisierung und Dehnung der Lendenwirbelsäule weg und war schon gespannt auf ihre Entwicklung über den Arbeitstag (ich nehme vorweg: Schmerzen erträglich, aber Komplettversteinerung des unteren Rückens).

Es tagte zu einheitlich grauem Himmel und wenig Licht.

Der gestrige bundesweite Streik des ÖPNV hatte unerwartet auch auf meinen Arbeitsweg Auswirkungen: Der U-Bahnhof Heimeranplatz war mit den nächtlichen Gittern versperrt, ich konnte ihn nicht als Unterführung nutzen. Durchaus erwartet hatte ich die Leere in den Büros: Fast alle nutzen den Öffentlichen Nahverkehr, sie würden gestern tendenziell von daheim aus arbeiten.

Neue (und einzige) Büro-Deko neben meinem Schreibtisch. Die Postkarte hatte ich im Herbst 2025 bei meinem jüngsten Essen im Food for friends in Brighton eingesteckt – wo ich doch sonst Mitnehmen von Andenken um der Andenken willen recht konsequent vermeide. Doch gestern fiel mir dieser nützliche Einsatz ein: Jeder Blick darauf löst angenehme Gefühle aus.

Um die Mittagszeit lichtete sich der Hochnebel ein wenig. Ich marschierte raus auf einen Mittagscappuccino im Nunique – deren Gebäck (Kuchen, Torten, Kekse) ganz hervorragend aussehen, nur mich halt um diese Zeit überfordern.

Ich schloss eine Spazierrunde um den Block an, an dessen Ende ich echten Sonnenschein und blauen Himmel bekam, beides hielt bis Sonnenuntergang.

Zu Mittag gab es einen Apfel und den Rest Blaukraut mit Linsen vom Samstag. Meine Kreuzschmerzen hielten an, waren aber erträglich, bewirkten lediglich Knickhaltung nach jedem Aufstehen vom Sitzen (-> Schürhackl).

Nach Feierabend ging ich meine Liste für Social Prepping an: Bei Saturn kaufte ich eine Powerbank und ein kleines Radio mit Batteriebetrieb. Auf dem Heimweg noch Stopp im Biosuper- und Drogeriemarkt.

Zu Hause endlich wieder eine Einheit Yoga – ging auch mit der deutlicher als sonst schmerzenden LWS.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell ein Rezept aus der Süddeutschen umgesetzt, das ich ihm für das restliche Blaukraut aus Ernteanteil zugesteckt hatte: Rotkohl-Salat mit Kumquats und Nüssen aus dem Kohl-Special vom Wochenende.

Ausgesprochen köstlich mit Ruccola, Walnüssen und Feta, Empfehlung! (Und doch kenne ich Menschen, die bei diesem Anblick erstmal “gesund” denken – und sagen. Meinen die damit eigentlich “schmeckt mir nicht”?) Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen mit neuer Lektüre: Tehanu: The Fourth Book of Earthsea von Ursula K. Le Guin, das als eher konventionelle Fantastik losging.

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Wegen Rita Süßmuth begann ich Ende der 1980er Bundestagsdebatten zu gucken.
Nicht auszudenken, wie Deutschland ohne sie durch die AIDS-Pandemie gekommen wäre. (Hier ein knapp 3-minütiger Ausschnitt aus ihrer Abschiedspressekonferenz 1988 über ihren Kampf mit der Aids-Politik.)
Danke. Jetzt ist sie mit 88 Jahren gestorben.

Und sie hat noch so viel mehr bewirkt! Erst dieser Nachruf im Deutschlandfunk erinnerte mich daran, dass sie unter anderem als Vorsitzende der ersten so genannten Zuwanderungskommission endlich konstantierte, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist. Rita Süßmuth hat geholfen, die deutsche Gesellschaft offener zu machen und zum Positiven zu verändern – wahrscheinlich gerade weil sie eben nicht über viele Jahre Wahlkampf samt dem Zwang, ihr Fähnchen nach Volksgeschmack zu richten, an die Spitze eines Ministeriums kam.

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Wir alle hassen Foodblogs, die den Weg zu Rezepten mit dem Scrollen über komplett unnötige Dönneckens, Gezwitscher und sonstigen Text im LLM-Slop-Stil pflastern. Manchmal geht es aber wirklich um die Geschichte dahinter, und das Rezept ist nur die Randbemerkung. Zum Beispiel bei diesem Post der Bloggess (die andererseits ja kein Foodblog schreibt):
“The Peach Cobbler that went missing for 40 years.”
Welchen ich jetzt dringend ausprobieren will, trotz der bescheuerten Cup-Maße, zumal Dosenpfirsich offiziell ok ist.

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Uuuuuh – den Film und die Szene kannte ich nicht (danke, Padrone). Ob sich Herr Kaltmamsell traut, mich zum Mitsingen zu zwingen, wenn ich mal wieder vor Gereiztheit und Selbsthass qualme?

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=7SXv67czI4w

Journal Sonntag, 1. Februar 2026 – Sigrid Nunez, For Rouenna, Sonntagsessen mit allen vier Eltern

Montag, 2. Februar 2026

(Schlimmes Titelbild, glauben Sie ihm nicht.)

Ich weiß nicht, ob ich derzeit besonders empfänglich für solche Geschichten bin oder Nunez in For Rouenna tatsächlich meisterlich das Thema Erinnern und was Erlebnisse mit uns machen kombiniert mit dem Thema Erzählen von Erinnerungen sowie einem Blick auf ein bestimmtes Milieu in einer bestimmten Zeit: So oder so ging mir dieser Roman nahe und beschäftigte mich sehr.1

Zunächst fiel mir an diesem 2001 veröffentlichten Roman die eigentümliche Struktur auf: Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin auf dem Weg ins mittlere Alter, berichtet im ersten von drei Teilen recht trocken, dass sie nach der Veröffentlichung ihres ersten Romans von zahlreichen Menschen aus ihrer Vergangenheit kontaktiert worden sei. Dazu gehörte auch die titelgebende Rouenna: Sie hatten zur gleichen Zeit als Kinder in einem Wohnblock gewohnt (die englische Bezeichnung project transportiert automatisch niedrigen sozialen Stand und gesellschaftliche Ausgrenzung). Die Erzählerin lässt sich auf ein Treffen ein und nimmt eine Einladung zum Sonntagsbraten bei Rouenna an. Daraus werden in den folgenden Monaten regelmäßige Begegnungen – bis zu Rouennas Tod, der bereits in einem Detailreichtum beschrieben wird, der deutlich weg vom Bericht und ins Romanhafte führt: Diese Details kann die Erzählerin nicht wissen, weil sie nicht dabei war, sie muss sie sich ausgemalt haben.

Erst jetzt unternimmt die Erzählerin etwas, das sie eigentlich zusammen mit Rouenna machen wollte: Eine Fahrt auf der Staten Island Ferry, die die sie als Kind und junge Frau regelmäßig nahm. (Dass ich dabei durchgegehen die Film-Bilder von Working Girl vor Augen hatte und Carly Simon in meinem Kopf sang, ist natürlich ausgesprochen persönlich – belegt aber einmal mehr, dass die Leserin den Inhalt schafft.) Daraus wird eine besonders ausführliche und poetische Passage.

Im zweiten Teil nimmt die Erzählerin ihre Gespräche mit Rouenna zum Anlass, deren Leben zu erzählen, vor allem ihr Jahr als Krankenschwester im Vietnamkrieg. Das wird wieder so lebendig und detailliert geschildert, als wäre die Erzählerin dabei gewesen. Vereinzelte wörtliche Zitate/Kommentare Rouennas erhalten den Eindruck der Authentizität. Dafür hat die Erzählerin vorgesorgt: Sie berichtet von einem Gespräch mit Rouenna, in dem sie sich übers Erinnern an Vietnam unterhalten, über PTBS, über Therapiegespräche. Rouenna meint, mit dem großen zeitlichen Abstand würde sie sich immer selbst misstrauen, ob ihre Erinnerungen die wirklichen Geschehnisse wiedergeben.

Genau diesen Roman schreibt die Erzählerin jetzt also – und erzeugt dadurch ein Vexierbild2 der Erzählhaltung: Wer erzählt hier eigentlich? Wessen Geschichte lese ich gerade?

In einem Teil 3 sind wir wieder in der Erzählgegenwart, die Erzählerin schreibt ihre Erinnerungen an Rouenna auf, eigene Recherchen, doch auch den Uni-Schreibkurs, den sie gibt, und wie sich die dort gelehrten Techniken geraden in diesem Roman spiegeln.

Ich mochte den Roman, weil ich selten eine solche Nähe zur Handlung und seinen Personen empfand. Aber es fällt mir schwer, die Gründe dafür im Text zu finden.

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Nicht ganz so lang durchgeschlafen wie ideal, aber erfrischt aufgestanden. Beim Fensterschließen bemerkte ich im Lichtstrahl der Straßenlampen kleine Schneeflocken – also eine weitere Runde Winter. Wenigstens war es in der Innenstadt mild genug, dass nur die Grünflächen eine neue Schicht Weiß bekamen. Es wurde ein grauer, hochnebliger Tag.

Am späten Vormittag Aufbruch zum Zug nach Augsburg, eng und durchdacht bepackt mit den Bestandteilen des Sonntagsmahls bei Schwiegers.

Das war dann sehr schön mit allen Elternteilen, ich vergaß völlig das Fotografieren. Nach Aperitif (Aperol Spritz mit alkoholfreiem Sekt ist eine großartige, leichte Alternative zum Original) gab es Makrelen-Paté auf Chicoreeblättern, dann Bœuf bourguignon mit Spätzle (auf allgemeinen Wunsch geschabt, nicht gehobelt), Rosenkohl und grünen Bohnen, abschließend Orangencreme (trotz etwas Abkühlenlassen hatte sich Gelatine zum Teil unten abgesetzt, zefix, schmeckte dennoch). Ein Weilchen später Kaffee und Tee mit den Strauben, die meine Mutter selbstgebacken mitgebracht hatte.

Mit Naturalien bepackt fuhren wir noch bei Tageslicht zurück.

Ich hatte sogar noch Abendessenhunger, es gab restliche Fischpaté sowie Blaukraut mit Linsen vom Vorabend, restliche Orangencreme.

§

Wenn Sie neugierig sind, wie sich ein Teil der legendären Wiener Ballsaison von innen anfühlt? Katatonik schreibt über
“Ballaballa, die zweite”.

  1. Was ich übrigens schon vor langer Zeit als eine Bremse meiner Lese-Schlagzahl erkannt habe: Wenn eine Lektüre mich beschäftigt und in mir arbeitet, kann ich nicht gleich die nächste anpacken. Paralleles Lesen mehrer Romane war mir schon immer ein Rätsel. []
  2. Offiziell Linienrasterbild. []

Journal Donnerstag, 29. Januar 2026 – Erneuter Winterausbruch, keine Schwimmrunde

Freitag, 30. Januar 2026

Eine Stunde vor Weckerklingeln aufgeweckt worden durch Schneeräumfahrzeuglärm – der einfach nicht aufhören wollte: Wie lang kann es dauern, das Stück Straße und Gehweg vor unserm Haus zu räumen?!

Aufgestanden zu diesem Anblick. Dieser Winter wird NIE enden.

Für den Arbeitsweg in die Schneeschuhe geschlüpft, Kapuze der dicken Winterjacke hochgeklappt, in leichtem, nassen Schneefall (den meine Wetter-App “Dunst” nannte – ?) losgestapft.

Frostig war es aber nicht. Ich kam in meiner dicken Jacke ins Schwitzen, brauchte aber die Kapuze gegen den anhaltenden Schneefall. Und ich freue mich sehr auf eine Zukunft, in der die kleinen Rad- und Gehwegräumfahrzeuge (in der Münchner Innenstadt gründlich im Einsatz, bravo!) nicht mehr von Verbrennungsmotoren angetrieben werden und uns Fußgängerinnen nicht mehr in Abgaswolken hüllen.

Als ich Lust auf meinen Mittagscappuccino bekam, suppte, matschte und schneeregnete es draußen gerade, mir verging jede Lust auf frische Luft und Bewegung. Also Abstecher in die eigene Cafeteria.

Später gab es zu Mittag eine Orange (von der ich lernte, dass ich immer noch sauer-empfindlich bin), außerdem eingeweichtes Muesli mit Joghurt.

Während der Online-Infoveranstaltung ab zwei begann ich Krampf-präventive Dehnung und Mobilisierung von Beinen und Hüfte für mein Feierabend-Vorhaben: Ich wollte ins Dantebad zum Schwimmen.

Doch auch diese Woche wurde nichts damit, diesmal aber, weil ich nicht aus der Arbeit wegkam, sondern mich ein akutes Termin-Tetris am Schreibtisch festhielt: Es dauerte lange, bis ich alle dafür notwendigen Menschen erreichte. Diesmal ärgerte ich mich sehr über den verpassten Sport.

Zumindest hatte ich Gelegenheit, auf dem Heimweg (der Schnee war fast verschwunden) schon mal erste Lebensmittel fürs Wochenende einzukaufen: Am Sonntag treffen wir uns mit meinen Eltern bei den lieben Schwiegers, kochen dürfen Herr Kaltmamsell und ich.

Zuhause knurrte ich kurz Herrn Kaltmamsell an (ich hatte ihm angekündigt, dass ich wegen ausgefallenem Schwimmen zur üblichen Zeit heimkommen würde, wegen des Ausfalls noch schlechter gelaunt als üblich – um ihm die Chance zu geben, sich in seinem Zimmer zu verschanzen), packte meine ungenutzten Schwimmsachen aus, turne eine Folge Yoga – in meiner Gereiztheit fiel mir besonders auf, wie oft Adriene in diesem 30-Tage-Programm (“True”) Einatmen ansagt, aber dann kein Ausatmen, statt dessen nach drei weiteren Bewegungen nochmal Einatmen.

Nachtmahl war zusammengestückelt: Feldsalat aus Ernteanteil, Guacamole aus den nächsten nachgereiften Crowdfarming-Avocados, die aktuell letzten Kartoffeln aus Ernteanteil als patatas bravas, ein Stück Taleggio. Nachtisch Schokolade.

Sehr früh ins Bett zum Lesen: Ich wollte zurück in Sigrid Nunez’ For Rouenna nach Staten Island und in den Vietnamkrieg.

Journal Samstag, 24. Januar 2026 – Winterkalte Wochenend-Häuslichkeit

Sonntag, 25. Januar 2026

Nicht so lang geschlafen wie ersehnt: Als ich beim Aufwachen einen Ängste-Angriff bemerkte, stand ich lieber früh auf. Zudem hatte ich eh Pläne: Erstmal füllte ich die Waschmaschine mit Handtüchern und sonstigem Weißen. Dann knetete ich Brotteig, es sollte Altsauerteig-Weizenmischbrot geben. Neben eingeweichtem Leinsamenschrot warf ich auch ein Restl Kürbiskerne sowie den Bodensatz einer Packung Mohn in die Schüssel (das ist mein Sautrog-Brotrezept) – beim Mohn hätte ich wohl besser bis zur letzten Knetphase gewartet, die Zutaten wollten sich nicht recht mischen.

Jetzt Standardprogramm Milchkaffee und Bloggen, draußen wurde es fast richtig hell mit etwas kaltem Nebel.

Brot fertig, Wäsche aufgehängt.

Mein Sportplan für gestern: Endlich wieder schwimmen, ich nahm eine U-Bahn zum Olympiabad. Sobald ich mich vom Beckenrand abdrückte, fühlte sich die Bewegung im Wasser wundervoll und elegant an. Es war nicht zu viel los, ich kraulte nahezu ungestört meine 3.100 Meter (nahezu, weil zweimal ausdauernde Beckenrandsteher*innen ein Wenden erschwerten).

Zurück daheim schnitt ich um zwei das Brot für Frühstück (plus einer gelben Kiwi) an, aß dicke Scheiben mit Käse, Butter und Orangenmarmelade.

War gelungen, schmeckte gut – den Mohn merkte ich aber nicht.

Angenehm versandelter Nachmittag mit Lesen (Wochenend-Süddeutsche, Internet), draußen kämpfte sich die Sonne ein wenig durch den Nebel.

Abendessen war wieder meine Sache, aus der zweiten Hälfte der gewürzten, ofengebackenen Kürbisschnitze bereitete ich Kürbis-Ricotta-Quiche zu; den Teig hatte ich gleich nach meinem Frühstück geknetet.

Kulinarisches Abenteuer des Abends: Aus dem Uhudler-Paket, das Herr Kaltmamsell bei Mirth bestellt hatte, probierten wir den Frizzante. Den unverkennbaren Uhudler-Geschmack muss man halt mögen, doch mir schien er besonders gut zum Sprudligen zu passen; würde ich als Kuriosität auch Gästen servieren (mit Alternative in der Hinterhand).

Am Dienstag war ein Kistlein Crowdfarming-Avocados eingetroffen; gestern waren genügend davon reif, dass Herr Kaltmamsell als Vorspeise seine legendäre Guacamole batzen konnte (waren aber auch besonders gute Avocados). Dazu gab es wunderbares Knabbergebäck vom Mainbäcker Heinrich.

Auch die Quiche war geraten und schmeckte gut, es passte nur noch wenig Schokolade hinterher.

Früh ins Bett zum Lesen, ich beendete Nora Gomringers Am Meerschwein übt das Kind den Tod. Gefiel mir gut in seiner Vorläufigkeit und Fragmentiertheit: So erinnert man sich, bevor aus größerem Abstand die Erinnerungen an die verstorbenen Eltern rund-gedacht und -erzählt sind, die eigenen Position darin beschlossen. Auch enthielt die Erzählung viele praktische Details des letzten Lebensabschnitts greiser Eltern, des Umgangs mit wachsender Hilfsbedürftigkeit – sie gingen mir nahe.

§

Große Enttäuschung: Ich darf immer noch kein Blut spenden. Nachdem Kommentatorin Beate von einer Änderung der Regeln geschrieben hatte, die das künftig auch Menschen ermöglichen, die wie ich zwischen 1980 und 1996 länger in Großbritannien lebten, hatten meine ersten Recherchen mich Hoffnung schöpfen lassen. Aber gestern stieß ich im Fragebogen des Bayerischen Roten Kreuzes dann doch wieder darauf:

Es gibt also immer noch genug Blut- und Knochenmarkspender*innen, dass kein Test wie in UK eingeführt wurde.

§

Natürlich war das absehbar. Dennoch bleibt es schlimm:
“Science Is Drowning in AI Slop”.

via @aleks

The editors and unpaid reviewers who act as guardians of the scientific literature are newly besieged. Almost immediately after large language models went mainstream, manuscripts started pouring into journal inboxes in unprecedented numbers. Some portion of this effect can be chalked up to AI’s ability to juice productivity, especially among non-English-speaking scientists who need help presenting their research. But ChatGPT and its ilk are also being used to give fraudulent or shoddy work a new veneer of plausibility, according to Mandy Hill, the managing director of academic publishing at Cambridge University Press & Assessment. That makes the task of sorting wheat from chaff much more time-consuming for editors and referees, and also more technically difficult. “From here on, it’s going to be a constant arms race,” Hill told me.

(…)

Conference proceedings are the main publishing venue for articles in AI and other computer sciences, and in recent years they’ve been overrun with submissions. NeurIPS, one of the top AI conferences, has seen them double in five years. ICLR, the leading conference for deep learning, has also experienced an increase, and it appears to include a fair amount of slop: An LLM-detection start-up analyzed submissions for its upcoming meeting in Brazil and found more than 50 that included hallucinated citations. Most had not been caught during peer review.

That might be because many of the peer reviews were themselves done by AI. Pangram Labs recently analyzed thousands of peer reviews that were submitted to ICLR, and found that more than half of them were written with help from an LLM, and about a fifth of them were wholly AI-generated. Across the academic sciences, paper authors have even started using tiny white fonts to embed secret messages to LLM reviewers. They urge the AIs to rave about the paper they’re reading, to describe it as “groundbreaking” and “transformative,” and to save them the trouble of a tough revision by suggesting only easy fixes.

Journal Donnerstag, 22. Januar 2026 – Fortgesetzte Saukälte

Freitag, 23. Januar 2026

Aufgestanden zu tiefer Kälte, gestern brachte sie eisigen Nebel mit. Der Marsch in die Arbeit darin wenig froh, zumal die Kälte bis auf Weiteres so bleiben soll.

Emsiger Vormittag, in dessen Verlauf sich der Nebel lichtete, fast sonniger Marsch zum Mittagscappuccino im Westend.

Geplantes und Quergeschossenes, zu Mittag gab es eine Birne, außerdem Mango mit Joghurt und Leinsamenschrot – ich freue mich sehr, dass ich kein Bauchweh mehr vom Schrot bekomme, ich beiße doch so gern Körndln, und das Untermischen bremst mein Esstempo angenehm.

Eine längere Besprechung, weiteres Abarbeiten, weitere Querschüsse.

Auf dem Heimweg war es wieder scheißekalt, ich ging mit hängenden Flügeln (bei hochgezogenen Schultern sicher nicht gesund). Unterwegs Einkäufe fürs Abendbrot – das ich ein wenig umplanen musste: Herr Kaltmamsell wollte eigentlich aushäusig sein, sagte diese Verabredung aber wegen Mega-Erkältung ab (ich werde ihn doch nicht angsteckt haben). Ich hatte Linsen (vorgekocht aus der Dose), rote Spitzpaprika und Ruccola besorgt, daraus machte ich einen Salat – für zwei halt dann mehr. Davor aber eine Runde Yoga.

Zum Linsensalat gab es Crowdfarming-Manchego. Nachtisch Süßigkeiten.

Früh ins Bett zum Lesen, Nora Gomringer erinnert sich an das sehr unkonventionelle und nicht gerade glückliche Familienleben ihrer Kindheit.

§

In Davos gab es nicht nur das irrlichternde Mäandern der Trump-Rede. (Mir fällt auf, dass zumindest die 20-Uhr-Tagesschau am Mittwoch das Irrlichtern mit 90 Prozent Falschbehauptungen gar nicht erst thematisierte. Mir tun ja die Simultanübersetzer*innen besonders leid.) Sondern auch kluge, klare Worte. Kanadas Premierminister Mark Carney hielt eine Rede im wirklich klassischen Sinn, ordnete die Lage ein, fasste die Reaktion Kanadas darauf zusammen und appellierte, diesem Beispiel zu folgen. Bei der FAZ gibt’s die deutsche Übersetzung:
“‘Wir befinden uns in einem Bruch, nicht im Übergang'”.

tagesschau.de machte sich aber die Mühe, gewichtigere Behauptungen aus Trumps Irrlichtern zu extrahieren und einem Faktencheck zu unterziehen:
“Die Trump-Rede im Faktencheck”.
(Das wird niemanden von seinen Fans umstimmen, aber ich finde es beruhigend, mein “Watt? Nein!” in konkreten Angaben umgesetzt zu sehen.)