Theater

Journal Samstag, 9. Mai 2026 – Genossener Frühsommermaiensamstag

Sonntag, 10. Mai 2026

Recht lang geschlafen, aufgewacht mit der Freude, dass jetzt aber wirklich Wochenende und frei war. (Außer Pflichtpläne wie Schwimmen, Einkaufen, Laufen, Bügeln, Kochen.)

Ich fühlte mich verkatert, nahm das aber hin, weil halt der Preis des freitäglichen Wochenend-Feierns. Bis mir einfiel, dass ich ja gar nicht gefeiert hatte, seit einer Woche gar keinen Alkohol getrunken.

Amüsement über Verpackungsbetrug: Der linke “VORRATSPACK” enthält drei Stück weniger als der rechte normale eines anderen Herstellers, das obere Drittel des linken ist schlicht leer.

Die angekündigte strahlende Sonne versteckte sich noch gründlich hinter Wolken, doch bis zu meinem Aufbruch zur Schwimmrunde war sie rausgekommen. Sensation des Morgens: Obwohl ich am Vorabend keine dritte Ibu des Tages genommen hatte, war ich nahezu schmerzfrei. Nicht mal der mehr als warme Morgenkaffee löste Zahn-Toberei aus. Und schon begann etwas in mir mir Vorwürfe wegen der Riesenwelle mit Arztterminen zu machen, die ich gestartet hatte. Bis die Schmerzen und die Berührungsempflindlichkeit des zuletzt hauptsächlich schmerzenden Zahns sich doch wieder meldeten, ich war paradoxerweise erleichtert: Doch nicht nur angestellt. Und warf eine Ibu ein.

Gründliches Sonnencremen mit Hilfe von Herrn Kaltmamsell, gemütliches Radeln zum Dantebad, noch war ich um Jacke und Halstuch froh. Ich hatte extra Zeit mitgebracht, denn: Die Münchner Bäder stellen ihr Kassensystem jetzt und in den nächsten Monaten um, das Dantebad gehört zu ersten beiden umgestellten (wohl der Grund der besonders frühen Schließung für den Umbau zum Sommerbetrieb). Die Kommunikationskampagne dazu hatte mich früh erreicht, ich hatte Details nachgelesen. Und tauschte gestern meine bisherige aufladbare Bäderkarte gegen die neue. Das funktionierte etwas manueller als erwartet: Im Kassenbereich des Dantebads nahm eine SWM-Angestellte an Extra-Tischchen meine alte Karte entgegen und füllte mit mir ein Papierformular für die Rücküberweisung des Guthabens auf mein Konto aus. Dann ging ich wie eine Neukundin an die Kasse und kaufte eine neue Bäderkarte, belastete sie mit 100 Euro. Dort bekam ich auch einen Tipp für die Bedienung des neuen Eingangs-Automaten: Jetzt hält man die Karte nicht nur davor, man muss den Eingangswunsch zusätzlich durch ein”Ja”-Tippen auf einem Bildschirm bestätigen.

Schwimmen war schön: Becken gerade nicht zu stark beschwommen, und in exakt diesen anderthalb Stunden schien die Sonne von wolkenlosem Himmel. Allerdings fühlte ich mich die ganze Zeit müde, erklärte mir das wieder reflexhaft mit dem freitäglichen Wochenend-Feiern – das es auch weiterhin gar nicht gegeben hatte. Auf der allerletzten Bahn meiner 3.000 Meter ein Wadenkrampf, der mir jede Lust auf eventuelle Zusatzmeter nahm.

Heimradeln unter herrlichstem blau-weißen Himmel mit Umweg über einen Bäcker Wimmer: Ich wollte dringend nach langer Pause mal wieder deren Kernige (Handsemmeln mit Karotten und Körnern). Nerviges Stop-and-Go-Radeln, gestern war wieder Tag der Roten Ampel.

Frühstück um zwei mit zügigem Esstempo, um nicht vor Ende all der Dinge, die ich zu essen plante, satt zu sein. Das klappte: Hausgemachtes Weißkraut-Kimchi, zwei Körnersemmeln mit Butter und Marmelade, letztes Kirsch-Tapioka mit Vanille-Dickmilch. Großartig, ich genoss alles davon sehr. Und hatte selige zehn Minuten danach, bis sich mein Bauch drückend empörte, dass das ja wohl zu viel gewesen sei.

Lesen und Häuslichkeiten (u.a. Umstellen auf Sommerbettzeug, wegen leichterer Winterbettdecke nicht mehr so dringlich wie früher), aber es zog mich nochmal raus ins herrliche Wetter. Ich nahm einen schwieriger zu bekommenen Posten auf unserer Einkaufsliste als Anlass, zur Schwanthalerhöhe zu spazieren, bekam das Gesuchte (großes Glas Dijon-Senf, bisherige Quellen führten nur kleine). Wenn ich schon mal zu Öffnungszeiten in der Gegend war, besuchte ich den Laden von Wir2liebenWein, um zwei Lieblinge nachzukaufen. Wie immer wurden mir Probierschlücke angeboten, und da es mir noch zu früh für Alkohol war, bestanden diese aus Beispielen des alkoholfreien Angebots an fermentierten Getränken. Sehr gut! Jetzt weiß ich, was ich bei der nächsten festlichen Gelegenheit als Alternativen zu Schaumwein und Wein anbieten werde.

Daheim setzte ich mich lesend auf den Balkon (genau richtige Temperatur, dass auch Sonnenschein sich angenehm anfühlte), turnte vor dem Abendessen eine wohltuende Einheit Pilates, immer wieder entzückt von Gabi Fastners Lob “fleißig!”.

Ich öffnete die nachmittags geholte Flasche Amphoren-Rosé Pittnauer Dogma: Der aktuelle Jahrgang mit neuem Etikett, aber immer noch ein Knaller. Dazu arabische Nüsschen.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch (er hatte mir nach Aufessen des Ernteanteils angeboten, ein Pasta-Gericht zu bestellen) Mafaldine mit Aubergine und Ricotta salata, ganz wunderbar. Nachtisch Erdbeeren und dann Schokolade. Insgesamt wieder zu viel.

Im Fernsehen ließen wir auf 3sat die aktuelle Mephisto-Inszenierung der Münchner Kammerspiele laufen, die ich in meinem Abo vor einem Jahr bereits gesehen hatte. In diesem Fall funktionierte das Filmen überhaupt nicht: Auf der Bühne spielt alles im Theater, auf der Bühne, hinter der Bühne – verfilmt wirkten die Schauplätze der Szenen statt dessen beliebig, die Inszenierungsidee war nicht erkennbar. Dadurch wirkte auch das meiste andere durcheinander und beliebig. Man könnte die (sehr guten) Konzepte hinter dieser Inszenierung schon auch filmisch umsetzen, aber halt mit ganz anderen, filmischen Mitteln.

Vor dem Zu-Bett-Gehen holte ich mir noch einen Schwung Fledermausflattern zwischen den Bäumen vor Herrn Kaltmamsells Fenster – SO NIEDLICH!

Journal Freitag, 8. Mai 2026 – Josef Hader bringt mich zum Nachdenken über Erzählhaltungen im Kabarett

Samstag, 9. Mai 2026

Schlaf nur wenig unruhig (bei jedem halben Aufwachen Schmerz- und Lage-Check) und nur wenig zu kurz, noch ein Glück (!) half Ibu auch in dieser Nacht gegen die Zahn-Sperenzchen.

Aufgestanden zu freundlichem Wetter, das sich beim Marsch in die Arbeit allerdings als knackig kalt herausstellte.

Bilderbuch-Biergarten am Bavariapark.

Morgens ein anstrengender Termin, aber auch morgens: schwächer werdender Schmerz! In Kombination mit Ende des Termins ein Enorphin-Schub.

Die Frühlingsluft zog mich mächtig raus: Mittagscappuccino im Westend.

Nach einigen verspäteten Tätigkeiten (Verspätung nicht von mir verursacht) gab’s zu Mittag Trockenpflaumen sowie Quark mit Sojajoghurt und Leinsamenschrot.

Geregelt abzuarbeitender Nachmittag, pünktlicher Feierabend. Ich nahm U-Bahnen zum Candidplatz, um im Caffe Fausto unsere Espresso-Vorräte aufzufüllen, zurück am Sendlinger Tor ein paar Lebensmitteleinkäufe fürs Abendbrot.

Daheim empfingen mich Blütenpracht und -duft:

Herr Kaltmamsell hatte auch dieses Jahr geschafft, mir Flieder zu besorgen.

Abendessen gab es früher als sonst: Wir hatten Tickets für einen Kabarett-Abend mit Josef Hader in den Kammerspielen. Ich bereitete aus Ernteanteilsalat und -Radiserln (plus die schönsten Radiserl-Blätter) mit Orangensaft-Haselnussmus-Dressing Salat zu, Herr Kaltmamsell briet zugekauften grünen Spargel sowie Grillkäse – der, wie sich herausstellte, vielleicht grillbar, sicher aber nicht bratbar war und einfach wie anderer Käse zerlief. Trotzdem gutes Abendessen.

Die Kammerspiele waren gestern ausverkauft, ich hatte Mitte März nur noch wenig Auswahl gehabt und mich für die letzte Reihe entschieden. Im Theater Erinnerung an meinen allerersten Besuch der Kammerspiele: 1986 Dieter Dorns Inszenierung von Der zerbrochne Krug. Damals hatten wir die letzte Reihe gewählt, weil a) billig und b) man für bessere Sicht auf die Bühne aufstehen konnte, ohne jemandem die Sicht zu verstellen.

Um uns herum alte Leute, also wie wir: Herr Kaltmamsell und ich dürften exakt im Altersdurchschnitt dieses typischen Kabarettpublikums gelegen haben. Und sahen Hader on Ice.

Ein gutes Programm mit über die beiden Stunden immer größerem körperlichen Einsatz – und es brachte mich dazu, über die verschiedenen Formen von Ein-Personen-Kabarett nachzudenken, also über das kabarettistische Ich. Hier ein erster Versuch der Einteilung in drei kabarettistische Erzählhaltungen:

1. Kabarettist*in trägt pointierte Texte vor, in denen es vor allem auf Analyse und Sprache ankommt, Bühnen-Ich und Person sind offensichtlich identisch. Beispiele: Dieter Hildebrandt und seine Generation politischer Kabarettist*innen, Hanns Dieter Hüsch, Sarah Bosetti.

2. Schauspiel mit offensichtlichem Schlüpfen in andere Figuren, oft inklusive Kostümierung, die Figuren werden damit karikiert, entblößt, der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Beispiele, die mir einfallen, überschneiden sich mit Comedy: Luise Kinseher, Waltraud und Mariechen, Monika Gruber (glauben Sie es oder nicht: die war mal gut), Misfits.

3. Haders Technik wiederum wird gerne mit “dem Publikum den Spiegel vorhalten” umschrieben: Das machte Gerhard Polt in seinen langen besten Zeiten, Helmut Qualtinger auf die bösartigste und meisterlichste Weise immer. Hader erzählt so vor sich hin, witzelt oder schimpft über Umstände, verlockt das Publikum immer wieder dazu, sich mit dieser Persona zu identifizieren – bis es dann vielleicht doch die eine oder andere eskalierende Übertreibung nicht mehr mitgeht. Aber Schimpfen auf entlegene Gegenden, die romantisiert werden, aber in Wirklichkeit dann doch gruslig sind? Geht immer.

Nur manchmal ist das kabarettierende Ich offensichtlich weit entfernt von Josef Hader, zum Beispiel als Verschwörungs-Mystiker oder wenn er das Zerbrechen seiner letzten Ehe mit einer sehr jungen Frau berichtet und die Beziehungs-Interaktion über zwei bis drei Generationen darlegt. Dabei wechselt Hader nicht mal den Habitus: Er stellt sich zur Verfügung für diese Geschichte, die man ihm – wüsste man nicht, wer er ist – bei einer flüchtigen Bekanntschaft als seine abnehmen würde.

Draufgebracht hat mich ein kurzer Abschnitt im Programm, in dem er sich über Facebook-Gruppen lustig machte, inklusive Lästern, wie zu viel Zeit die Leute dort ja wohl haben müssen: Der irritierte mich als 15 Jahre veraltet und offene Türen einrennend – außer Hader äffte damit eine bestimmte seit vielen Jahren immer nur wiederholte und nachgeplapperte Haltung zu Online-Plattformen nach.

Und er hatte sowohl Bühne als auch Publikum im Griff, auch wenn Hader immer stärkere Alkoholisierung und Kontrollverlust spielte. Der Abschlussapplaus toste – aber nur genau so lang, wie Hader es zuließ, bevor er uns alle nach Hause schickte.

Herr Kaltmamsell und ich waren von Arbeitswoche und überhaupt völlig erledigt; während ich mir in der Pause noch Nachtischschokolade beim Heimkommen wünschte, war ich dann tatsächlich daheim um elf nur noch froh, ins Bett zu kommen.

§

Entzückende 20 Minuten Sally Fields:

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https://youtu.be/GwSnqkV7eY0?si=gdsYuFHruPV1a6-3

via @joel.lu

Fields stellt sich als jemand heraus, mit der ich mich sehr gern einen Abend lang unterhalten würde (zum Beispiel über Teilchenphysik) – das geht mir bei den allerwenigsten Hollywood-Schauspielerinnen so. Unter anderem wegen ihrer sehr klugen Reflexionen darüber, was öffentlicher Ruhm und stardom bewirken, auch über ihr Schauspielen.

Schade, dass sie nicht über Not Without My Daughter spricht – der mein Bild von ihr lange Zeit und fälschlich dominierte. Und nicht über ihre Rolle in Emergency Room, die mir zeigte, was sie drauf hat. Kann ich sie ja bei unserem gemeinsamen Abend fragen.

Journal Samstag, 2. Mai 2026 – Sonniges Wandern am Tegernsee und überraschendes Theater-Erlebnis

Sonntag, 3. Mai 2026

Gute Nacht, unterm Strich, auch schön lang ausgeschlafen.

Draußen wieder der angekündigte strahlende Sonnenschein, das passte hervorragend zu den Wanderplänen mit Herrn Kaltmamsell (der entschied, dass das auch zwischen Abiturkorrigieren möglich sein muss). Und es ließ sich einrichten, dass wir trotz Ausschlafen den Zug um zehn erwischten – sehr rechtzeitig am Bahnhof, um Sitzplätze zu sichern. Dabei war der Zug diesmal gar nicht überfüllt, ich sah nur einen Steher.

Zur Auswahl hatte ich bekannte Strecken am Starnberger See (Wanderung linksrum über Berg), Tegernsee (Höhenweg ab Gmund) und Chiemsee (Obst- und Kulturwanderweg) angeboten, die Wahl fiel auf den Tegernsee.

Die Überraschung in Gmund: Es war sehr warm, nach einer Woche trügerischer Sonne entsprachen gestern die Temperaturen dem Anschein. Am Bahnhof packte ich also gleich mal meine Jacke weg, dass ich zu den kurzen Ärmeln auch kurze Hosen hätte tragen können (wie sehr viele andere Wander*innen, denen wir begegneten), hatte ich wirklich nicht erwartet.

Gefasst wiederum war ich auf den Hochbetrieb zwischen Gmund und dem Ort Tegernsee: Diese gute Stunde Strecke ist auch als Spaziergang und mit Kindern angenehm.

(Verschmierte Handy-Linse, bitte um Entschuldigung.)

Einkäufe im Käseautomaten über Gmund (ein Grund für die Wahl dieser Wanderung, ich hatte extra meine Bargeld-Bestände gecheckt), ich nahm von der Naturkäserei Tegernseer Land einen Weissacher mit (auch als Grillkäse geeignet) und einen Weichkäse mit grünem Pfeffer.

Am Kiosk des Bahnhofs Tegernsee gab es Mittagscappuccino, dann gingen wir den längeren und steileren Teil des Tegernseer Höhenwegs nach Rottach-Egern an.

Diesmal aber mit einer Variante, hier bogen wir nach links die Trappen hoch: Die Abzweigung nach Galaun war uns jedesmal aufgefallen, jetzt recherchierte Herr Kaltmamsell den GPS-Track und wir machten den Umweg hoch. Davor lagen Verhandlungen und Überlegungen, ob sich Herr Kaltmamsell wirklich, wirklich fit genug dafür fühlte und ob seine in letzter Zeit zickenden Knie darunter leiden würden. Ich schaffte es, mich diesmal an meinen Vorsatz zu halten, auf Steigungen immer Herrn Kaltmamsell vorgehen zu lassen, damit er das Tempo bestimmen konnte.

Das war eine wirklich schöne Zusatzstrecke mit bequemer Steigung zum Berggasthaus Riederstein am Galaun, an und um das gerade reichlich Mittag gemacht wurde. Wir zogen weiter.

Die Kapelle auf dem Riederstein ließen wir aber aus – unter anderem weil sie dicht von Menschen umzingelt war.

Blick auf Rottach-Egern.

Auf einem langen, steilen Weg stiegen wir ab, Ausschilderung brachte uns zurück zum Tegernseer Höhenweg.
Unterwegs kurz vor halb drei Brotzeit: Ich hatte rote Paprika dabei, einen Apfel (aus Ernteanteil von einem unserer Partnerbetriebe und wieder köstlich – warum schmecken die Lageräpfel vom Biosupermarkt nicht halb so gut?), ein Stück Marmorkuchen.

Das letzte Stück Höhenweg nach Rottach-Egern brachte uns trotz schattigem Wald nochmal ins Schwitzen: Es ging noch zweimal ordentlich rauf und runter.

Blühendes Rottach-Egern. Nicht im Bild: Viele Paragliding-Schirme um den Wallberg.

Ganz hinten der Riederstein, an dem wir vorbeigekommen waren.

Rottach-Egern-Selfie kurz vor dem Ort Tegernsee.

Nach fast fünfeinhalb Stunden kamen wir zurück zum Bahnhof. Mein Bewegungs-Tracker zeigte am Ende 17 Kilometer Wanderung an – das schien mir arg wenig, andererseits ging es halt schon sehr rauf und runter (über 100 Stockwerke). Mein Körper hatte sich durchgehend superfit gefühlt, das Treppentraining zahlt vielleicht doch sich aus.

Allerdings überfiel meine Zähne rechts zweimal Brutalschmerz in einer heftigen Welle, ohne irgendeinen erkennbaren Auslöser, zum Glück saß ich beide Male gerade (Mittagscappuccino, Heimfahrt). Es ist WIKRLICH schön, wenn der Schmerz nachlässt, außerdem interessant, wie viel Energie solch eine Schmerzwelle kostet, ich war anschließend richtig erschöpft. Sollte sich nicht schlagartig Besserung einstellen, werde ich nächste Woche dann doch die Kassenärztliche Vereinigung um Terminvermittlung zur Neurologie bitten müssen, auch wenn’s an meinem Stolz kratzt, der sich nicht vordrängeln möchte.

Wir waren so rechtzeitig am Zug nach München, dass wir uns einen Sitzplatz sogar aussuchen konnten; diesmal mussten auf der Fahrt viele stehen. Ich las die Wochenend-Süddeutsche aus, fühlte mich nach dem vielen Staub auf der ausgedörrten Wanderstrecke dreckig und klebrig, freute mich auf eine Dusche.

In München schickte ich den deutlich erschöpfteren Herrn Kaltmamsell direkt nach Hause, erledigte selbst noch letzte Einkäufe für jüngste Sonntagseinfälle. Daheim nahm ich die ersehnte Dusche, das war schön.

Die Zubereitung des Abendessens hatte ich an mich gerissen. Es gab aus Ernteanteil: Ringelbete (auch instagram-Bete genannt), mit Emmernudeln, Schnittknoblauch, zugekauften gerösteten Walnüssen, abgeschmeckt mit Frischkäse.

Dazu ein Glas abgefahrenen Weißwein von Marie Adler. Nachtisch Marmorkuchen.

Abendunterhaltung: Beim Rumklicken durch die Fernsehprogramme stolperten wir auf 3sat über die Inszenierung des Wiener Volkstheaters Fräulein Else nach Arthur Schnitzler, aufgezeichnet an den Münchner Kammerspielen. Co-Autorin und Hauptdarstellerin Julia Riedler spielt in diesem Ein-Personen-Stück vom ersten Moment an so fesselnd (kein Wunder für diese Rolle mit Preisen ausgezeichnet), dass sogar Theater-Skeptiker Herr Kaltmamsell gebannt hängen blieb. Der zudem Schnitzlers gleichnamige Novelle gut kennt.

Große Empfehlung: Allein schon der Kunstgriff, den wunderschönen Jugendstil-Vorhang der Kammerspiele als Spielzeit-gemäße Kulisse zu verwenden, außerdem erlebte ich einmal eine Publikumsbeteiligung (die ich sonst fürchte, ich habe für Zuschauen gezahlt, nicht fürs Mitspielen), die tatsächlich für die Aussage des Stücks unabdingbar war. Ein vorbildliches Beispiel, wie man einen 100 Jahre alten Text über die Gegenwart sprechen lassen kann.

Hier bei 3sat zum Hinterhersehen.

Journal Donnerstag, 16. April 2026 – Schönwettereinbruch

Freitag, 17. April 2026

Nach guter Nacht, aber etwas zu wenig Schlaf zu früh vom Wecker geweckt. Etwas hektischer Morgen, weil ich den Theaterabend noch im Blogpost unterbringen wollte.

Beim Öffnen des Kleiderschranks stellte ich fest, dass das Outfit, dass ich mir am Vorabend für den Tag ausgedacht hatte, nicht zur Verfügung stand: Meine orange Kürbis-Bluse war bereits in der Wäsche. So fiel mir auf, wie ungemein selten mir solch ein Irrtum unterläuft: Ich weiß sonst immer sehr genau von jedem meiner (vielen, vielen) Kleidungsstücke Zustand und Verbleib, am ehesten überrascht mich der Bestand von Unterwäsche und Socken (auch damit gibt es ideale und nicht so ideale Kombinationen).

Wieder ein bedeckter und kühler Morgen.

Sehr emsiger Vormittag, eine Angelegenheit wurde komplizierter, ich kam gehörig ins Wirbeln, eine dafür einfacher, puh. Vorm Bürofenster kam die Sonne heraus, ich sah nach Tagen mal wieder blauen Himmel.

Mittagscappuccino aus der Cafeteria (lauwarm), damit ich noch raus und zu Einkäufen kam. Die verband ich in milder Luft mit einer größeren Runde um den Block und freute mich an der fortdauernden Frühlingsblüte samt -düften. Schon bald ging ich mit offener Jacke.

Mittagessen waren später eine Orange und ein gekauftes Glas Zucchinisalat.

Unruhiger Nachmittag mit Ärger, unter anderem über ein Durcheinander von internen Prozessanweisungen. Die fortdauernden Zahnschmerzen und starke -empfindlichkeit rechts oben ohne Ursache (derzeit fast täglich eine Ibu nötig – die aber immer schnell wirkt) hielten mich zusätzlich gereizt. Vielleicht doch mal zum Hausarzt damit.

Nach Feierabend Heimweg über Einkäufe im Vollcorner, es war noch milder geworden, in der Sonne richtig warm – sofort waren alle Plätze in der Außengastronomie besetzt.

Daheim Waschmaschine gefüllt, Einkäufe verräumt, eine Einheit Yoga geturnt, die sehr gut tat.

Abendessen richtete auch ich her: Salat aus Ernteanteil (Zitronensaft-Olivenöl-Dressing), Räucherfisch aus weiter entfernter familiärer Herstellung (Forelle), dazu von Bruderhand geriebener Meerrettich in Schlagsahne.

Nachtisch Osterschokolade. Früh ins Bett zum Lesen, durchs offene Fenster Frühlingsluft.

§

Im Nachhinein fand ich Wokey Wokey an den Kammerspielen vom Mittwochabend immer besser, da war wirklich eine Menge lustig Gutes drin, und irgendjemand muss ja den früh verstorbenen Sprachkaskadeur René Pollesch als Auftragsschreiber der Kammerspiele beerben (der allerdings ganz andere Sprache und Themen geschrieben hat). Ich empfehle für ein detaillierteres Bild und zum Wiedergutmachen meines (privilegierten, hihi) Schulterzuckens die Rezension von Jakob Hayner in der Welt – in einem Medium, das ja sonst recht deutlich Team Backlash ist:
“‘Jetzt hör doch mal auf, die Nazis zu umarmen, Ulli'”.

(“Kulturkampfklamotte” finde ich ein schönes Kompliment für das Stück.)

§

Jajaja, schon wieder Fahrradparadies Utrecht. Aber für den Standard hat sich Maik Novotny auch in anderen Städten umgesehen:
“Wie sich immer mehr Städte fürs Radfahren umbauen”.

Journal Mittwoch, 15. April 2026 – Wokey Wokey von Nora Abdel-Maksoud an den Kammerspielen

Donnerstag, 16. April 2026

Beim Weckerklingeln ausgesprochen verärgert aufgewacht, weil im Traum die U6 einen ganzen langen Übergang von einem U-Bahnhof in den nächsten so gut wie gar nicht ausgeschildert war. In Betongängen über Außenbereiche durch Tiefgaragen suchten ich und mehrere Gruppen anderer Menschen nach Hinweisen, verirrten uns, hatte die eine wichtige Abfahrtszeit im Nacken – vereint durch das Kopfschütteln, wie schlecht man nur solch einen Übergang führen kann. Aber erzählen Sie mir gerne nochmal, man habe selbst in der Hand, wie man emotional auf äußere Umstände reagiert und worüber man sich aufregt.

Wenn schon die Mood Organ aus Philip K. Dicks Do Androids Dream of Electric Sheep? auf lange Sicht Phantastik bleibt (dann wieder: Es gibt ja Bauvorhaben für Fusionskraftwerke mit Zeitplan, wieso dann nicht auch für Penfield Mood Organs? Hallo BMFTR? Hallo Frau Bär?), könnte man doch zumindest bei Traum-Gefühlen schonmal üben.

Der Himmel weiterhin monochrom düster, die Luft kühl, aber trocken. Kleidung zur allgemeinen Selbstbelustigung und weil ich abends ins Theater gehen würde.

Wenn ich mich einfach auf Self Laugh statt Self Love konzentriere?
(Hier eine weitere empfehlenswerte Leitlinie beim Styling.)

Der Biergarten am Bavariapark macht sich startklar.

Am Schreibtisch startete ich mit erwarteter Zackigkeit, allerdings verzögerte sich weiterhin die für Dienstagnachmittag angekündigte Aufgabenlieferung mit Rückgabe-Deadline 12 Uhr. Zwar arbeite ich schnell, bin aber ans Raum-Zeit-Kontinuum gebunden. Es klappte dann gerade mal so, wegen schlecht einzuschätzender Auffassung von “final” wurde das Ergebnis möglicherweise nicht mein bestes.

Dann aber kurz raus auf einen Mittagscappuccino ins Westend, unter weiterhin geschlossener Wolkendecke und in (korrekt April-)kühler Luft.

Später gab es zu Mittag Skyr mit Joghurt, Orange, Leinsamenschrot.

Ich schaffte den frühen Feierabend, der mir genug Energie für einen Theaterbesuch ließ, und ging über die Theresienwiese heim – recht erstaunt über die Dutzenden Polizeiautos am östlichen Rand, sehr viele Uniformierte dazwischen. Dass die Mehrzahl mit “Zoll” beschriftet war, legte nahe, dass wegen Schwarzarbeit ermittelt wurde, die Gruppen von Polizei- und Zollautos bis zum Nußbaumpark, dass das hier eine wirklich große Aktion war. Und tatsächlich:
“Polizei und Zoll starten Großrazzia im Münchner Bahnhofsviertel”.
Es war eher Zufall, dass ich meinen Weg gestern nicht durch die von der Razzia blockierte Landwehrstraße legte, denn tatsächlich plante und machte ich einen Abstecher in einen Laden mit bulgarischen Spezialitäten in der Schillerstraße (der offensichtlich nicht gefilzt wurde).

Eine Runde Yoga, zum nur leicht vorgezogenen Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die Hälfte des Ernteanteil-Weißkrauts nochmal zu köstlichem Paradeiserkraut verarbeitet.

Nachdem ich in den ersten drei Monaten des Jahres gefühlt wöchentlich im Theater gewesen war, kam erstmal eine Pause. Aber jetzt war ich wieder als Abonnentin “aufgerufen”, wie ich es von der Theaterkasse gelernt habe: Wokey Wokey von Nora Abdel-Maksoud, ein richtiges fürs Theater geschriebenes Theaterstück, allein das nahm mich schonmal positiv für den Abend ein.

Im sehr gut besetzten Theatersaal (aha, das Publikum mag sowas) sah ich eine erst vor drei Wochen uraufgeführte Farce über den aktuellen Kulturkampf um eine von Rechts “woke” bezeichnete Gesellschaftshaltung und was ihr alles zugeschrieben wird. Eingebettet ist das in Rückblenden auf die Dreharbeiten von Filmregisseurin Gordon (wieder großartig: Johanna Eiworth), die in einer Neuverfilmung von George Orwells 1984 zeigen will, dass heutzutage die Denkverbote vom Tugendterror der Linken ausgesprochen werden (eine Perspektive, die ich in den vergangenen Jahren mehrfach in Echt gelesen und gehört habe). Dabei auf der Bühne ihre vier Hauptdarsteller, die Texte drehen sich satirisch überzeichnet wild um Stereotype gesellschaftlicher Aufgeschlosseneheit, ihre Auswüchse und den Backlash, der alles davon bekämpft. Immer wieder behandeln Gordons Erklärungen, was eigentlich Wahrheit in Erzählungen ist.

Die Bühne selbst wird eingerahmt von der Begrenzung einer Kinoleinwand, in der gespielt wird, mit Fingerschnipsen dirigiert die Regisseurin das Spotlight auf Personen und Szenen (hin und wieder wird ihr dieses Schnipsen aus der Hand genommen), es ist viel Film-Sprech eingearbeitet. Das Ganze jagt in einem tumultösen Tempo über die Bühne, nur bei (Film-)Schnitten kehrt kurz Ruhe ein und die Figuren erstarren in Scherenschnitten.

Das Publikum hatte hörbar eine Gaudi, mich rissen die immer weiteren Verschraubungen der bekannten Haltungen pro und contra nicht recht mit – das mag aber an meiner Tagesform gelegen haben.

Dass die Inszenierung nur 90 Minuten dauerte, begrüßte ich hingegen sehr, ich kam nach einem Spaziergang durch kühle, trockene Aprilluft nicht zu spät ins Bett.

§

Ich gebe dem Volksverpetzer recht: Nicht immer nur die Siege der AfD weitergeben und schreind im Kreis laufen, sondern auch ihre Niederlagen feiern.
“Die AfD verliert alle Wahlen im Osten – und keiner bekommt es mit”.

§

Mek allein in einer Kneipe ohne Handy:
“bei leerem Telefon”.

Journal Freitag, 27. Februar 2026 – Was Theater kann, Teil 2 dieser Woche: Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal, Istanbul am Ingolstädter Stadttheater

Samstag, 28. Februar 2026

Nach dem zweiten Aufwachen kurz vor vier mit Verzögerung nochmal eingeschlafen, nur so tief, dass ich mich von Herzen darüber freuen konnte, im Traum der superschlauen und entzückenden Laurie Penny zu begegnen und mich mit ihr zu unterhalten.

Es tagte zu einem weiteren angesagten sonnigen Frühlingstag. Kurz überlegte ich, ob ich bei den auch weiterhin angekündigten milden Temperaturen auf den leichten Janker zurückgreifen sollte, merkte aber, dass ich innerlich noch bei offenen Mantelschößen bin. Es blieb beim Ledermantel. Ich genieße diese milden Frühlingstage wirklich sehr – es soll aber bitte nochmal kalt werden. Wegen Natur und so. Ansonsten ist die Wahl meiner Tops derzeit leider wieder von einer erneuten Stinkephase geprägt, ich greife bevorzugt zu locker Sitzendem.

Auf dem Weg hörte ich erst den Technologie-offenen Specht auf einer Peitschenlampe, sah dann diese Krokantenwiese in den Startlöchern.

Emsiger Arbeitsvormittag, bald hatte ich eigentlich keine Lust mehr. Musste ja.

Mittagscappuccino im Westend, ein Jogger kam mir in kurzen Hosen und mit nacktem Oberkörper entgegen – das ging mir nun wirklich zu schnell. Selbst beschränkte ich mich auf die geplanten wehenden Rockschöße und auf tiefe Atemzüge begleitet von Altfrauenseufzern.

Zu Mittag gab es eine Weile später Birnchen (überraschend schmackhaft), Apfel, außerdem Quark mit Leinsamenschrot.

Emsiger Nachmittag, zu dem ich immer wieder das Bürofenster öffnete, um sonnengewärmte Außenluft reinzulassen.

Pünktlicher Feierabend, ich spazierte zum Bahnhof, um dort Brotzeit einzukaufen und Herrn Kaltmamsell am Zug nach Ingolstadt zu treffen. Apfel und Käsesemmel gab es im Zug als Abendessen, dazu wachsende Unruhe, weil die Ankunft sich nach „verzögerter Bereitstellung“ immer weiter verzögerte. Doch wir erreichten Ingolstadt Hauptbahnhof dann doch rechtzeitig, um die 25 Minuten zum Theater zu Fuß zu gehen, unter anderem über die zeitweise legendäre dritte Donaubrücke.

Im Ingolstädter Stadttheater war ich seit vielen Jahren nicht mehr, möglicherweise seit Jahrzehnten. Doch das markante Brutalismus-Gebäude (hier schöne historische Fotos), mit dem ich groß wurde, das ich mit seinen vielen vor allem Innendetails liebe und das meinen Architekturgeschmack geprägt hat, ist gar nicht mehr die Spielstätte: Es muss dringend generalsaniert werden, und da die Stadt Ingolstadt das in derzeit angespannter Haushaltslage nicht priorisiert, ist völlig offen, ob und wann es je wieder bespielt wird.
In einem Bürgerentscheid hatten sich die Ingolstädter*innen zudem 2022 gegen den Bau eines Ausweichtheaters entschieden, das nach der Generalsanierung weiter genutzt worden wäre – in meinen Augen ein typisches Symptom der kleingeistigen Wohlstandsverwahrlosung, die ich mit Ingolstadt verbinde (not all Ingolstädters, schon klar). Denn die Geschichte zeigt: In schlimmen Zeiten echter Entbehrung hielten sich die Menschen seit jeher an Kunst und Kultur fest, nicht umgekehrt, fragen sie mal die Leute in Kiew.

Gestern erlebte ich in Ingolstadt also eine der Ausweich-Spielstätten und war sehr gespannt darauf, nämlich das Theater am Glacis (sogar die Grammatik ist nicht mehr dieselbe wie zu meiner Ingolstädter Kindheit und Jugend, damals war das die Glacis, “d’Glasí”).

Verortung in meiner persönlichen Geografie: Alter Volksfestplatz, wo das Hallenbad stand (das jetzige steht nebenan, wo das Eisstadion war – sehr verwirrend).

Im Foyer trafen wir auf Bruderfamilie (minus Nichte), meine Eltern, Freunde der Bruderfamilie, einige hatten das Stück, Istanbul von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal, bereits in der vorherigen Spielzeit auf der kleinen Bühne gesehen.

Mein Bruder wies uns auf die erste Überraschung hin: Stellwände im Foyer zeigten Fotos von Gastarbeitern in Ingolstadt, darunter einige von meinem Vater und seinem besten spanischen Freund.

Fotomotiv Bruder zeigt (auf meine Bitte) auf Zeitungsartikel über meinen Vater.

Auch vor anderen Stellwänden wurde fotografiert, eine Gruppe hatte den Vater aus der Türkei entdeckt.

Freie Platzwahl, doch wir schafften es ohne Kampf alle in dieselbe Reihe.

Und dann sahen wir zwei Stunden wundervolles Theater. In viel Musik (mehr, als ich erwartet hatte) war die Geschichte von Klaus Gruber aus Ingolstadt eingebettet, der Anfang der 1960er das Angebot der Türkei annimmt, als Gastarbeiter der heimischen wirtschaftlichen Not zu entkommen und in Istanbul auf dem Bau Geld zu verdienen. In dieser alternative history werden der Schmerz des Abschieds von Frau und Kind erzählt, die Erniedrigung der ärztlichen Untersuchungen, die Einsamkeit in einer fremden Kultur und Sprache. Doch wie schon in Play Auerbach! am Mittwoch zuvor schafft die nicht-realistische Form einen Rahmen, in der die (ohnehin großartige) Grundidee funktioniert: Auf der Bühne werden zur Illustration von Gefühlen und Umständen die Lieder von Sezen Aksu, einer sehr populären türkischen Pop-Sängerin und Komponistin, gespielt und vor allem gesungen. Allein die extreme Exotik, dass deutsche Schauspieler*innen (ganz wunderbar Ralf Lichtenberg und Sarah Horak) auf Türkisch singen, führte mehr über den Stand der deutschen Gesellschaft vor, als es jedes Essay hätte transportieren können. Dazu kam in der gestrigen Vorstellung als besondere Herzerfrischung: Teile des Publikums sangen mit! (Und lachten an Stellen, die ich nicht verstand.) In den weiteren Hauptrollen sehenswert: Berna Celebi, Okan Cömert, Manuel Karadeniz.

Das Nationaltheater Mannheim hat die Lieder als Playlist auf Spotify gestellt – was mich sehr freut, mir gefielen sie fast durchgängig. Stehend jubelnder Beifall am Ende, eine große Theaterfreude. Das Stück wird wohl auf einigen Bühnen gespielt, lässt sich ja problemlos auf viele westdeutsche Städte übertragen, ich empfehle einen Besuch blind überall. In der Ingolstädter Version mochte ich besonders einige klamaukige Einfälle der Requisite.

Anschließend im Foyer noch Austausch von Eindrücken, bei meinem Vater hatte das Stück durchaus Erinnerungen wachgerufen. Meine Eltern nahmen uns zur Übernachtung mit, Lichtaus nicht zu spät.

§

Sehen Sie: DAS ist die Art Connections, um die ich Leute beneide. Wenn man mit U-Bahn-Piloten befreundet ist, bekommt man auch mal eine
“Exklusive Ansage”.
(Erinnerung an den Neffen der markanten Frauenstimme, die zu meiner Augsburger Studienzeit die Straßenbahn-Ansagen einsprach, mit deutlichem lokalen Akzent. Und der sie dazu brachte, für Freund*innen Anrufbeantworter-Ansagen aufzunehmen.)

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Niemand wundert sich weniger als ich: Es gibt Therapie-Meerschweine.

Journal Donnerstag, 26. Februar 2026 – Play Auerbach! von Avishai Milstein an den Münchner Kammerspielen

Freitag, 27. Februar 2026
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https://youtu.be/irCCimL1UFM?si=R-uS9Tl7qhKSVdza

“Revue” ist herrlich altmodisch, ich verbinde das zum einen mit dem Berlin der 1910er und 20er (hier unter Beteiligung besonders vieler jüdischer Künstler*innen), zum anderen mit dem Vaudeville in Großbritannien und der USA. (Und dem Friedrichstadtpalast, d’oh.) Als mir also die Münchner Kammerspiele in mein Abo ein Stück mit dem Untertitel “Eine Münchner Erinnerungsrevue” setzten, war ich gleich besonders interessiert. Zudem faszinierte mich die historische Figur des Philipp Auerbach – der den Blick wie so manche andere aktuelle literarische Verarbeitung des Dritten Reichs auf die bis dahin eher vernachlässigten Jahre direkt nach Kriegsende richtet.

Und das tut das Theaterstück Play Auerbach! von Avishai Milstein, das er als Auftragswerk für die Kammerspiele geschrieben hat, eben auch: Es geht um München in Trümmern, um den Wiederaufbau, den Umgang mit den Grauen der Shoah, quicklebendigen Antisemitismus – aber aus der Sicht der überlebenden Juden, die jetzt als diplaced persons zwar zunächst schon unter dem Schutz der US-Besatzer, aber halt doch wieder in Lagern lebten. Und irgendeine Form von Zukunft finden mussten. Das hätte man durchaus realistisch auf die Bühne bringen können, und jedes Moralisieren wäre gerechtfertigt gewesen, gerade an der schillernden Figur Philipp Auerbach. Dass statt dessen die nicht-realistische Form einer Revue mit viel Komik gewählt wurde, ermöglichte aber Dutzende zusätzlicher Ebenen, machte auch noch Spaß und konnte Tritte an Stellen setzen, an die Realismus gar nicht hinkommt.

Es ging schonmal damit los, dass die Handlung in der Zukunft angesetzt wird: Eine Laienschauspieltruppe probt öffentlich anlässlich 100 Jahren Kriegsende, also 2045, eine Auerbach-Gedenkrevue. Das erfahren wir von der Leiterin und Regisseurin Beate, die sich als Antisemitismusbeauftrage vorstellt, erfolgreiche Antisemitismusbeauftragte. Ohnehin erfahren wir als Publikum in diesem Stück viel explizit aus Erklärungen, oft vom Bühnenrand – wie man es aus einer Revue gewohnt ist. Ein berühmter Fernsehschauspieler gesellt sich hinzu (auch er wird uns vorgestellt), er schnappt sich die Rolle des Auerbach.

Revue heißt auch Musik, sie erinnerte mich oft an Kurt Weill. Die Lieder und Stücke waren manchmal boshaft wie politisches Kabarett, mal Balladen. Das Revue-Format erlaubte auch Poesie (einziges Kulissen-Element war der aufgehängte Rahmen eines Konzertflügels) und Provokation, die stärksten visuellen Akzente setzten teilweise extrem aufwändige Kostüme in beeindruckenden Choreografien, die Maske erinnerte an die Bühnen-Episoden im Film Cabaret von 1972. Und dieses Format ließ Raum für immer neue Ebenen an Anspielungen auf heutigen Antisemitismus, der Halbsatz “Dass gerade ein Volk, das den Holocaust erlebt hat…” musste gar nicht vervollständigt werden. Dazu kam aber auch (nur halb ernst, aber dann halt doch ernst) die Suche nach einem Platz für jüdisches Leben in Deutschland. Immer wieder kulminierten mäandernde Szenen in zugespitzten Erkenntnissen, zum Beispiel:

“Einen Juden zu spielen ist Kunst!
Ein Jude zu sein ist Provokation!”

Was mich vor allem begeisterte: Wie Wunder-voll und unersetzlich das Medium Theater hier funktionierte. Inklusive der wieder umwerfenden Darsteller*innen, darunter: Wiebke Puls kann eh fast alles, der Gast Samuel Finzi ging mir nahe, Annika Neugart ließ unter anderem Therese Giese wiederauferstehen.

Wenn DAS heutiges Theater ist, finde ich Theater weiterhin sehr super und gebe ihm eine große Zukunft.
Nach dem (langen, begeisterten) Schlussapplaus kam Mittwochabend Dramaturgin Viola Hasselberg auf die Bühne und lud ins Foyer zum Gespräch über das Stück ein – leider war ich um diese Zeit viel zu erledigt für sowas. (Und brauchte ohnehin erstmal Verarbeitung des Erlebten.)

Diese Besprechung von Sabine Leucht bei nachtkritik.de gefällt mir sehr gut:
“Fettnäpfchenwetthüpfen”.

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Ich hatte den Wecker 15 Minuten später gestellt, schlief nach guter Nacht auch bis Klingeln. Draußen ganz eindeutiger Frühlingsvogelgesang, dominant dabei die Amsleriche, eher als Rhythmusbegleitung Finkenschlagen.

Herr Kaltmamsell kam eine halbe Stunde, nachdem er sich in die Arbeit verabschiedet hatte, schon wieder zurück: Seine U-Bahn fuhr nicht (Unfall, Störung). Da er den frühstmorgendlichen Teil seiner Aufgaben ohnehin auch von daheim erledigen konnte, tat er das.

Schöner Marsch in die Arbeit, der Nebel, zu dem ich aufgestanden war, hatte sich gesenkt, am blauen Himmel sah ich nur wenige Wolken.

Im Büro gleich durchgestartet, ich war unter Termindruck.

Uiuiui, so viel weniger hatte ich doch gar nicht geschlafen – nach den ersten beiden Stunden Hochgeschäftigkeit in der Arbeit fühlte ich mich steinmüde. Mittagscappuccino holte ich mir in der Cafeteria, spazierte dann aber raus in die Sonne und um ein paar Blöcke des Westends. Kurz vor Mittgessen (Apfel, letzte Orange, Restbrot, Trockenfeigen, Nüsse) bekam ich noch einen Stein weggearbeitet, der mir seit einer Woche auf der Brust saß, große Erleichterung.

Emsiger Nachmittag, aber ich kam noch bei deutlich Tageslicht raus in den Feierabend. Auf dem Heimweg gründlicher Nachkauf von Schokolade. UND! UND! Sichtung des blühenden Frühlings-Trios Schneeglöckchen, Winterlinge, Krokus.

Daheim Pilates, da Herr Kaltmamsell den Abend aushäusig verbrachte, aß ich allein zu Abend: einen Rest Macaroni-and-cheese, aus frisch geholtem Ernteanteil Postelein-Salat. Nachtisch sehr viel Schokolade (aber noch vor Bauchweh aufgehört).

Eine Rechnung von Crowdfarming traf ein und ließ mich die Augen aufreißen: Der Käse vom adoptierten Schaf kostete in dieser Saison 107,66 Euro, nach 60,82 Euro im Vorjahr. Für 1,5 Kilo verschiedene Manchegos. Zwar wurde ich immer darauf hingewiesen, dass die saisonalen Preise variieren können, doch bei diesem Sprung fiel mir dann doch das Gesicht runter. So viel zahle ich nicht mal beim Dallmayr oder im Tölzer Kasladen für Käse. Zumal ich deutlich besseren Manchego kenne als den, den ich hier geliefert bekomme. Ich beendete die Adoption umgehend.

Kleidungs- und Pack-Überlegungen für den Freitag: Herr Kaltmamsell und ich lösen ein Weihnachtsgeschenk ein und fahren nach Ingolstadt ins Theater, um mit Familie und Freunden der Familie Istanbul von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal anzusehen. Inklusive Übernachtung bei meinen Eltern, das wird alles sehr schön!

Früh ins Bett zum Lesen.

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Das neue Denkmal für die Familie Mann am Salvatorplatz hat bereits ein Eigenleben entwickelt.