Theater

Journal Samstag, 3. Januar 2026 – Kurztrip Berlin mit Schnee, Grand Show im Friedrichstadtpalast und MaMi’s

Sonntag, 4. Januar 2026

Lang und gut geschlafen, mit Kaffee (löslicher, gestellt vom Hotel, dazu Wasserkocher; für zwei Übernachtungen hatte ich nicht extra die Cafetera eingepackt) und Hotel-Bademantel zurück ins Bett zum Bloggen. Draußen große Winter-Show.

Gebloggt, im Bett Internet gelesen. Das tägliche Aufwachen zu “What’s he done now?” des Trump-Regimes hat in dieser zweiten Runde wirklich neue Dimensionen: Die USA haben Venezuela angegriffen und das Staatsoberhaupt gefangen genommen. Die EU protestiert nicht etwa engerisch, sondern wackelt lediglich besorgt mit dem Kopf.

Morgentoilette und Anziehen, auf dem Bett weitergelesen. Bei Einsetzen von Frühstückshunger aß ich erstmal einen der Äpfel, die das Hotel uns schenkte (sehr willkommene Geste), dann ging ich mit Herrn Kaltmamsell raus in den Schneematsch – Einheimische waren in diesem schneeartigen Zeugs sehr viele unterwegs, Kinder wurden auf Plastikwannenschlitten gezogen.

Nicht weit vom Hotel an der Kastanienallee kehrten wir in eines der vielen Cafés ein. (Habe die blöden Witze so verinnerlicht, dass ich Hemmungen spüre, Bedienungen in Mitte oder Prenzlauer Berg einfach auf Deutsch anzusprechen. Funktionierte aber in diesem Fall.)

Noch vor eins gab es Cappuccino sowie Tomaten-Basilikum-Quiche mit Salat. Auf dem kurzen Weg zurück zum Hotel noch zwei frisch gebackene (warme) Cookies mitgenommen, im Hotel gegessen: Meiner enthielt gebrannte Mandeln und Nougat, mächtig und gut.

Weiteres Lesen im Hotelzimmer, bis wir uns zur Nachmittagsvorstellung im Friedrichstadtpalast fertigmachten: Wir wollten die neue Show “Blinded by Delight” sehen – ich freute mich auf sensationelle Kostüme, schöne Menschen und Tanz, originelle Bühnentechnik, Akrobatik, schmissige Musik und viel, viel Glitzer.

Die schönen Schuhe ließ ich dann doch im Koffer, ich wollte ihnen den Schneematsch zwischen Hotel und Tram nicht antun. Also in Winterstiefeln zur Grand Show.

Und grand war sie wirklich, die Show, wunderschön, ich kam auf meine Kosten. Bühnentechnik: Allein schon auf wie viele Arten und von/nach wie vielen Orten die Darsteller*innen auftauchten oder verschwanden!
Was es an Akrobatik gab, also Einlagen so halb in die (eh nicht so relevante) Handlung eingebaut: Fliegende Männer auf Wippen, eine Verdreh-Frau (contortionist heißt auf Deutsch eigentlich Schlangenmensch, aber der Begriff macht die Erscheinung ja noch grusliger), BMX-Radfahrer (dafür braucht es wirklich diese größte Theaterbühne der Welt; ganz entzückend fand ich auch, dass die Burschen Glitzer-Smokingjacken zu den glänzend schwarzen Helmen trugen), ein Paar an großen Ringen.

Die Reihe, zentrales Element jeder Show im Friedrichstadtpalast, war die schönste, die ich bislang erlebt habe, die Choreografie muss sich ja doch immer wieder was Neues einfallen lassen. Etwa 40 Tänzer*innen mit überraschend diversen Formen (wenn auch selbstverständlich in einem gewissen Norm-Korridor), die in einer Reihe (daher der Name), ihre Beine in Glitzerstiefeln hochschmissen, waren zum Quietschen atemberaubend.

Am Ende der Schlussnummer war Fotografieren explizit erlaubt.

Paradox, aber eine Folge der Schwemme Computer-generierter und -gefälschter Bilder: Während ich mein Staunen über Fotos und Filmchen mittlerweile zurückhalte und erstmal nüchtern checke, ob die überhaupt echt sind, konnte ich mich gestern in diese Show rückhaltlos fallen lassen – die ja eigentlich Illusionen und Traum verkaufen sollte. Aber da standen, tanzten, sangen, wirbelten halt echte Menschen, da blitzte echtes Licht, spritzten Tropfen, glänzten echte Kostüme.

Zurück zu unserem Hotel Oderberger kamen wir so rechtzeitig vor unserer Abendessen-Reservierung, dass Zeit für einen Abstecher in die Hotel-Bar war, deren Coktails ich in besonders guter Erinnerung hatte.

Mein Pflaumen-Drink schmeckte hervorragend, Herr Kaltmamsell war mit seinem sahnigen Cocktail ebenfalls sehr zufrieden.

Einen Tisch reserviert hatte ich in MaMi’s Food&Wine in derselben Straße wie unser Hotel. Auf das feine Keller-Lokal geführt von den Geschwistern Marcel und Miriam hatte mich das Schwärmen einer Berliner Bekanntschaft durch Bilder auf instagram gebracht. Und jetzt schwärme auch ich: Wir aßen ganz ausgezeichnet und lernten so aufregende Weine kennen, dass der Rest des Jahres sich wird anstrengen müssen. Dazu ein wirklich herzlicher und aufmerksamer Service. Das Konzept des Restaurants: Menü aus acht oder zehn Tellern, die in vier oder fünf Gängen serviert und geteilt werden. Die Karte bietet die Gerichte aber auch einzeln an.

Begrüßt wurden wir mit einer Gemüse-Dashi mit Tapioka – super Idee das mit Tapioka als Suppeneinlage.

Links Kopfsalatherzen mit Sauce Café de Paris (besser als die von Herrn Kaltmamsell), außerdem Iberico und Allioli. Im Glas ein wunderbarer Rosé-Sekt aus dem Kamptal (nur bei einem Wein des Abends bemühte ich mich, alle Details festzuhalten, sonst nahm ich mir davon Urlaub).

Links Gelbflossenmakrele mit Koriandercreme und Pastinakenchips, rechts Kürbis als Creme, als Ofenstücke sowie eingelegt, dazu Petersilie und Salzzitrone. Und hier hatten wir den Knaller des Abends im Glas: Eine Cuvée vom Weingut Marie Adler in der Pfalz, angebaut als Gemischter Satz, spontanvergoren – und mit Apfelmus-Düften und Gewürzgeschmäckern ganz großartig.

Jetzt gab es Zwiebelsuppe, aber wie Hot Pot gewürzt, also eine echte Umami-Bombe, dazu knusprig-cremige Kichererbsen-Kroketten. Auf dem Teller links Pimientos de Padron mit Dulce de Leche, Orange und Cheddar – für meinen Geschmack gingen die Pimientos ein wenig unter. Dazu ein blumig-mineralischer El Gratallunes aus dem Penedés.

Als Hauptgericht angekündigt: MaMi´s Bolo mit Chili, dazu Salat mit Creme Fraiche und der Spielanleitung, die Bolo auf die Salatblätter zu löffeln – eine sehr schöne Kombi. Rechts Kartoffelpfannkuchen, Rote Beete, Jalapeño, braune Butter, Meerrettich – alles davon schmeckte in dieser Zusammenstellung unerwartet und aufregend. Weine gab es gleich zwei dazu: Ein sehr typischer Riesling (Bischöfliches Weingut Trier) zur Kartoffel, zur Bolo als Auftragswein des Restaurants einen Lemberger, abgerundet durch 10 Prozent Cabernet Sauvignon. Ich plauderte mit der einschenkenden Wirtin über Lemberger, den ich schätze, aber sonst nicht auf ambitionierten Weinkarten finde.

Zwei Desserts: Einmal weiße Schokoladencreme mit Tahini und Zwetschge, außerdem ein sehr würziger Apple Crumble. Im Glas eine Riesling-Spätlese.

Der Wein war zu viel (aber so gut!), wir spazierten die 200 Meter ins Hotel betrunken. Zumal wir zuvor ja einen Cocktail getrunken hatten (auch wenn das laut Herrn Kaltmamsell nicht zählt, weil es eine extra Cocktail-Leber gibt in Entsprechung zum Dessert-Magen).

Journal Samstag, 20. Dezember 2025 – Das Gelobte Land von Asiimwe Deborah Kawe

Sonntag, 21. Dezember 2025

Unruhige Nacht (öfter Alkohol hiermit als schlechte Idee erkannt) (vielleicht nur das erste Glas beibehalten?), etwas länger als sonst geschlafen.

Wie geplant machte ich mich erstmal ans Brotbacken, es sollte einen 7-Pfünder geben, sonntägliche Aufteilung unter meiner Familie (Adventspaziergang) bereits eingeplant.

Der Brotteig tat, was er tun sollte, hier beim Rundformen für die Stückgare im Gärkörbchen.

Langsam sickerte die Freude über die Ferien durch: Ich würde am Montag NICHT in die Arbeit müssen! Eine Konsequenz: Wenn wir die nächsten zehn Tage die Wohnung wirklich bewohnen, machte ich sie uns warm, nicht nur um die Sitzplätze am Morgen und Abend.

Hello pretty!

Tagesprogramm nach Brotbacken:
– Laufrunde
– Frühstück (das Brot hatte einfach schon abgekühlt zu sein)
– Weihnachtsbasteln (also Geschenke einpacken)
– Abendessen
– Theaterbesuch mit Freundin

Draußen schien so richtig die Sonne, auch wenn meine Wetter-App eisern Bewölkung behauptete. Ich setzte also die Sonnenbrille auf und fuhr mit der U-Bahn nach Thalkirchen. Eigentlich war ich beim Brotbacken und leicht verkatert so müde gewesen, dass auch eine weitere Runde Schlaf eine Option gewesen wäre – aber Pläne sind Pläne, und wenn’s mir durch das Laufen nicht besser ginge, könnte ich immer noch abbrechen und umkehren.

An der Isar war es herrlich, das Laufen strengte mich nicht an, bald steckte ich auch meine Mütze ein. Bis ich so richtig ins Laufvergnügen fand, dauerte es zwar 45 Minuten, doch die Müdigkeit war jetzt wirklich weg.

Bei meiner Rückkehr stellte ich den Brotlaib für schnelleres Abkühlen auf den Balkon, bis ich mit Körperpflege durch war, fehlte nur noch wenig zu echtem Abgekühltsein – batzte er halt ein bisschen beim Anschneiden.

Frühstück kurz vor zwei: Zwei mächtige Scheiben noch leicht warmes Brot mit Butter und Mamalad, eine Persimon. Das machte mich doch wieder bettschwer, ich legte mich zu einer Siesta hin – schlief auch sofort ein, wurde dann aber durch heftigen Glockenlärm um drei von St. Matthäus zu schnell geweckt.

Nächster Programmpunkt Weihnachtsbasteln: Dieses Jahr mit übersichtlichem Aufwand, komplett fluchfrei und noch bei letztem Tageslicht abgeschlossen.

Ich las noch ein wenig im Internet und Zeitung, bis Herr Kaltmamsell vorzeitig (weil Theaterbesuch) das Abendessen servierte: Pasta mit geröstetem Rosenkohl und Zitronen-Frischkäse-Sauce (Rosenkohl aus Ernteanteil), köstlich.

Die Theatervorstellung fand im Marstall statt, ich spazierte hin über den Jakobsplatz – und freute mich mitzubekommen, dass die jüdische Gemeinde gerade an der Chanukkia versammelt war, das vorletzte Licht entzündete und sang. War gleichzeitig wie jedes Mal bestürzt, dass mindestens ein halbes Dutzend Security-Menschen aufmerksam um sie stehen und sie schützen musste.

Marstall. Wir sahen das hier uraufgeführte Theaterstück (!) Das gelobte Land von Asiimwe Deborah Kawe.

Eingebettet in die Rahmenhandlung eines journalistischen Interviews erzählt die Hauptfigur Achen in der Abschiebehaft ihre Geschichte: Die jetzt Mitte-30-jährige Mutter von zwei Kindern war 15 Jahre zuvor als Krankenpflegerin aus Uganda zu einer Fortbildung in die USA gekommen und illegal geblieben. Das erfahren wir aus den Interview-Fragen, ihren Antworten, aber auch aus den Aussagen der US-Amerikanerin Kat, die damals im Organisationsteam des Seminars gearbeitet hatte. Die Erzählung/Handlung schreitet chronologisch voran, Schauplätze sind die wechselnden Unterkünfte Achens, aus den Aussagen erschließt sich das Leben Achens und was sie in die Situation zu Beginn des Stücks gebracht hat erst langsam und stückweise – das fand ich sehr gut gemacht. Eindringlich führen die Details die ungeheure Anstrengung von jemanden vor, die in ihrer Heimat keinerlei Zukunft hat und diese in der Ferne sucht.

Die Inszenierung lässt das Bühnenbild fast statisch, tupft Szenenwechsel mit wenigen Mitteln, Kostüme werden oft auf der Bühne gewechselt während einer Szene. Die 1 Stunde 50 der Inszenierung vergingen so schnell, wie ich es schon lang nicht mehr bei einem Theaterabend erlebt hatte.

Wir spazierten anschließend noch ganz klassisch in die Pfälzer Weinstube – es mag dem Advent und dem Samstagabend geschuldet gewesen sein, doch ich konnte mir einbilden, dass das Rumposaunen des Loblieds auf die Pfälzer Weinstube vom Haberl Tobias im SZ-Magazin bereits Auswirkungen auf die Zusammensetzung des Publikums hatte: Es war sehr voll, darunter einige Touristengruppen, ganze Tische voll Jungvolk. Man platzierte uns an den Tisch mit einem leutseligen Paar auf Münchenurlaub, wir fanden dennoch Gelegenheit für Austausch, ich für ein Viertel pfälzer Rotwein (!). Meine beste Idee des Tages: Ich verabredete mich mit der Freundin gleich nochmal für die Weihnachtsferien.

Nach Hause und ins Bett kam ich sogar nach Mitternacht, das fühlte sich sehr nach Ferien an.

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Das Angebot, das mir im Internet Hobby-Mediziner*innen auch diesmal für meine (auch gestern wechselnd anhaltenden) Schmerzen machen, ist wirklich beeindruckend. Noch fehlen die esoterischen Ansätze komplett, aber ich erzähle ja von diesen Schmerzen auch erst seit zwei Wochen.

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Die Probleme im Stadtviertel, in dem ich wohne, also im Bahnhofsviertel werden leider größer. Ich weise gern darauf hin, dass ich keine Lösung kenne, dass es dafür aber Fachleute gibt. Deren Maßnahme ist jetzt: ein neuer Name.

Ziel ist es, die Transformation des Viertels nicht nur baulich, sondern auch inhaltlich zu begleiten. Dazu gehört aus Sicht der Initiative auch die Frage, wie dieses Gebiet künftig genannt werden soll. In einem mehrstufigen Prozess wurden deshalb zunächst Kriterien für einen neuen Namen entwickelt. Es folgten Workshops, eine öffentliche Kampagne und eine Online-Umfrage. Mehr als 600 Vorschläge gingen ein. Eine interdisziplinäre Jury wählte schließlich den Namen „Central Quartier“ aus.

Hier der ganze Artikel in der Süddeutschen:
“Wie das Münchner Bahnhofsviertel nun genannt wird”.

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Hauptsächlich leere Sitze im Plenarsaal des Bundestags bei Debatten: Für einen durchschnittlichen Wähler, eine durchschnittliche Wählerin mag das seltsam aussehen, bei entsprechender Disposition könnten sie auf die Idee kommen, die Abgeordneten täten ihre Arbeit nicht. Awet Tesfaiesus ist Bundestagsabgeordnete und erzählt in einem Thread, woraus ihre Arbeit als Abgeordnete eigentlich besteht – und warum man sich eher wundern sollte, wenn der Plenarsaal bei Fachthemen voll wäre.

Journal Mittwoch, 22. Oktober 2025 – Wie ich dann doch einmal ausflippen musste / Sauhund an den Kammerspielen

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Als der Wecker mich aus hochinteressanten Träumen holte, war mein erster Gedanke: Drei von fünf Arbeitswochenwecken geschafft.

Das Aufstehen selbst gestaltete sich körperlich mühsam, meine schiefe und marode Lendenwirbelsäule plagt mich derzeit mit muskulären Schmerzen rundum, die über den Tag auch lustig die Beine runterziehen, mal das eine, mal das andere – ich weiß exakt, wie sich die Bewegungsform “hüftsteif” anfühlt.

Draußen war es düster mit nassen Straßen, doch ich sah niemanden mit Regenschirm vorm Haus. Als es gleich beim Losgehen tröpfelte, kehrte ich dennoch um und holte einen Schirm aus der Wohnung – der dann doch nur als Talisman fungierte, das Tröpfeln hörte gleich wieder auf.

Im Büro fühlte ich mich erschlagen und müde, vielleicht gerade weil das Adrenalin der vorhergehenden Arbeitstage fehlte und ich im Grund ruhig Dinge abarbeiten konnte.

Schon bald kam ich ohnehin beruflich raus an die frische Luft und spazierte zu einer Informationsveranstaltung. Dort litt meine schmerzende Kreuz- und Hüftgegend sehr unter den provisorischen Stühlen, doch ich erfuhr Interessantes.

Auf dem Rückweg verlor der Regenschirm seine Funktion als Talisman und hielt Regen von mir fern.

Sehr später Mittagscappuccino in der hauseigenen Cafeteria, entsprechend lang stand ich dafür an.

Spätes Mittagessen (Granatapfelkerne mit Joghurt, Hüttenkäse), weil mir ein Ausflippen zur eigentlichen Essenszeit den Appetit verdarb: Eine Ermahnung war die eine Umdrehung zu viel im Wahnsinn der Kombination Bundesreisekostengesetz/Bundesrechnungshof/Reiseabrechnung-Software, und nein, ich werde auch künftig nicht überprüfen, ob das einzige bezahlbare Hotel für eine Dienstreise nach München auch wirklich innerhalb des Münchner Stadtgebiets liegt. Abbekommen hatte dieses Ausflippen jemand, die wirklich nicht Schuld an dieser Kombination trägt, das tat mir leid. (Wo ich doch sonst im Arbeitsleben versuche, dem Bild des archaischen Kouros zu entsprechen.)

Fast so früher Feierabend wie geplant: Gestern Abend war die erste Theaterabo-Vorstellung der Spielzeit in den Kammerspielen terminiert, die Energie dafür würde ich nur durch Arbeitsende vor vier aufbringen.

In der Heimeranstraße hielt ich den herbstlichen Höhepunkt der Bodenblätterbuntizität fest, einen Regenschirm brauchte ich zum Glück nicht.

Einkäufe, Umweg über Goetheplatz für Briefmarken in der dortigen Post: Zum letzten Mal, ab 18.11. gibt es dort keine Post mehr. Ich las die Ankündigung beim Warten mit sinkendem Herzen (also würde ich hier keine Weihnachtspost mehr abwickeln können), der freundliche Schaltermann wies mich auch darauf hin. Bleibt von daheim aus noch die Post am ehemaligen Hauptbahnhof.

Bis daheim war ich heiser, weil ich in eine LALÜ!!!-Flut von Polizeiautos geriet, gegen die ich zusätzlich zu Ohrenzuhalten irgendwann nur noch anbrüllen konnte (musste trotzdem weinen).

Häuslichkeiten, dann buchte ich mit Herrn Kaltmamsell an meiner Seite die Bestandteile unseres Berlin-Ausflugs – fast, denn als ich an die Kabarettkarten nicht rankam, ohne mir im Theater ein Online-Benutzerkonto anzulegen, rastete ich wieder aus. Gestern konnte ich nicht noch einen menschenfeindlichen Wahnwitz vertragen, ein weiteres Benutzerkonto mit einem weiteren Passwort (ich verwalte derzeit ungefähr 300 davon) ist absolut unnötig. Wie sich umgehend zeigte, als ich unsere Friedrichstadtpalast-Karten über Paypal kaufte: ohne Benutzerkonto.

Eine Einheit Yoga, zum etwas vorverlegten Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Ernteanteil-Karotten aus dem Ofen sowie Stangenbohnen aus dem elterlichen Garten: Sie hatten sich dieses Jahr sehr viel Zeit gelassen mit dem Wachsen, wir bekamen die gesamte Ernte des Sonntags geschenkt.

Gegeben wurde an den Kammerspielen Sauhund nach dem Roman von Lion Christ (Theaterstücke werden im Theater ja praktisch nicht mehr gespielt), die gespielte “Fassung” von Ludwig Abraham, Hannah Baumann, Florian Fischer, Elias Krischke, Annette Paulmann, Tobias Schuster, Edmund Telgenkämper, also ein Gruppendrama. Das Thema, “80er in München: gay, vom Land, lebenshungrig”, las sich schonmal attraktiv, 1h 40min Aufführungsdauer ebenfalls.

Der Abend passte dann genau zur Beschreibung, erzählte die Geschichte von Flori aus Wolfratshausen in den 1980ern in München, freundlich und naheliegend inszeniert, mit nichts Neuem zum Thema (wobei es mir ja doch jedesmal das Herz zerreißt, wenn es um die grausige Schneise geht, die Gevatter AIDS in dieser Zeit schlug – inklusive dem unmenschlichen Sonderweg der bayerischen Politik dazu). Die Übertragung von Romanform auf die Bühne griff hauptsächlich zum Erzählmittel aufgesagter Romantext. (We want theater play.)

Einiges sah nach Sparmaßnahmen aus: Die drei hervorragenden Darster*innen Elias Krischke, Annette Paulmann (<3), Edmund Telgenkämper spielten alle Rollen, umgezogen wurde sich viel auf der Bühne, ein einziges Bühnenbild ohne Chichi oder Gewackel aus einer Wand mit Fotos aus der Zeit, die nacheinander und zum Schluss alle erschienen. Der Zuschauerraum zu 80 Prozent gefüllt, das freute mich.

Schöner Heimweg durch die ruhige, milde Herbstnacht, unter anderem vorbei an der Synagoge.

§

“The Architecture and Planning of Fascist New Towns in Sardinia”.

via @sauer_lauwarm

Weil’s darin erwähnt wird, erinnerte ich mich: Meine Tante Barbara, Schwester meiner Mutter, hatte ja nach Italien geheiratet und war exakt in einem dieser Mussolini-Orte in den pontinischen Sümpfen gelandete, Pontinia. Das prägte durch die Familienurlaube dort lange mein Italien-Bild, und ich verstand als Kind und Jugendliche wirklich nicht, was die Deutschen immer mit ihrer Italien-Begeisterung hatten.
(Später gefolgt vom Unverständnis für deutsche Grappa-Begeisterung – den ich nur als Selbstgebrannten vom Bauernhof kannte, geschmackliche Alternative zu Rattengift.)

Journal Mittwoch, 9. Juli 2025 – Abschluss meiner Theater-Saison mit Shakespeare-Albernheit

Donnerstag, 10. Juli 2025

Nach eigentlich besonders gutem und tiefen Schlaf eine halbe Stunde zu früh aufgewacht. Weil aber wirklich wach, stand ich auf – wohl wissend, dass ich irgendwann am Tag dafür würde zahlen müssen (ich war ja schon am Dienstag für meinen Lerchenlauf deutlich früher aufgestanden).

Der Morgen war knackig frisch, aber blauer Himmel hatte die Regenwolken abgelöst.

Angenehmer Marsch in die Arbeit, besonders frühes Einstempeln. Doch bereits in der ersten Arbeitsstunde merkte ich an Benommenheit den Schlafmangel – wie so oft hatte ich auf den Arbeitsstart besonders Konzentrations-bedürftige Tätigkeiten geschoben, weil ich dann eigentlich am fittesten bin.

Was mich aber freute: Der Tee, den ich dazu trank, ich hatte endlich die Packung Mamecha aus Berlin angebrochen. Er schmeckte mir noch besser, als ich ihn in Erinnerung hatte.
Außerdem fiel mir ein, dass ich wegen meiner Theaterpläne am Abend eh früher Feierabend machen würde – vielleicht mit Gelegenheit einer kleinen Siesta.

Abwechslungsreicher Vormittag, ich kam erst spät los zu meinem Mittagscappuccino im Westend.

Zu Mittag gab es später am Schreibtisch Ernteanteil-Gurke, Hüttenkäse, sehr gute Aprikosen.

Nach weiteren Emsigkeiten Feierabend mit Unterstunden: Letzter Theaterabo-Termin der Spielzeit. (Ich habe es nicht geschafft, mein Kammerspiel-Abo zum Resi umzuzuiehen: Als ich wollte, war es noch nicht möglich, als die Termin-Erinnerung in meinem Kalener aufpoppte, hatte ich gerade zu viel Anderes im Kopf.) Kurz vor Aufbruch rafften sich dunkelgraue Wolken nochmal zu Regen auf, aber schon am Regenradar sah ich, dass es das erstmal sein würde. Und so geschah es, Heimweg über Einkaufsstopps im Vollcorner und im Süpermarket Verdi.

Zu Hause war ich immer noch so müde, dass ich die Idee der nachgeholten Siesta umsetzte, tatsächlich eine halbe Stunde einschlief und mich danach munterer fühlte. Eine Einheit Yoga-Gymnastik mit sehr ruhigem Dehnen.

Zum Nachtmahl gab es erstmal Nektarinen- und Tomatensalat mit Basilikum aus meiner Hand.

Sehr gut, hoffentlich nicht zum letzten Mal diesen Sommer.

Dann verwendete Herr Kaltmamsell den Ernteanteil-Spitzkohl für Okonomiyaki.

Ebenfalls sehr gut.

Gespielt wurde gestern Abend an den Münchner Kammerspielen Shakespeares Was ihr wollt, das ich in den vergangenen Jahrzehnten einige Male gesehen hatte, irgendwann während des Studiums auch gelesen (und das ich jedesmal beim Stichwort “gelbe Strümpfe” assoziiere).

Ein letztes Mal Kammerspiele für diese Saison.

Zweieinviertel Stunden ohne Pause – ich profitierte auf dem engen, unbequemen Stuhl sehr davon, dass die Sitze neben mir frei waren und ich mich mal in die eine, mal in die andere Richtung ausbreiten konnte. Was ein Glück war, der Zuschauerraum war nämlich zu zwei Dritteln besetzt, für einen Kammerspiel-Abend ist das derzeit dicht.

Die Inszenierung von Lies Pauwels bescherte mir einen kurzweiligen Abend – allerdings sieht man ja das Thema Gender-Bending und die Besetzung von Frauen-/Männerrollen mit dem anderen Geschlecht aus dem Stück inzwischen in allen Inszenierungen, so dass es bei Was ihr wollt zu verschwinden droht. Pauwels arbeitete dem gegen mit einer zusätzlichen großen Szene am Anfang: Alle Darsteller*innen standen als Warhols Marilyn Monroe gestylt auf der Bühne und warfen sich in ihre ikonischen Posen – das gefiel mir.

Ohnehin: Originelles Spiel mit Kostümen und Maske, verantwortlich Johanna Trudzinski (unter anderem hatten alle Darsteller*innen ihre Schminktische auf der Bühne, mit denen auch herumgefahren wurde), auch mit dem Thema Rollen-/Schauspielen, alle (?) Schauspieler*innen traten über den Abend hinweg an den Bühnenrand und erklären sich mal kürzer, mal ausführlicher (besonders beeindruckte mich Martin Weigel). An den Bühnenrand mussten sie fürs Sprechen ohnehin treten: Diesmal trugen sie keine Kopf-Mikrofone, sondern nutzten die Examplare auf Ständern an eben diesem Bühnenrand, jeder Satz dadurch als Schauspiel markiert.

Aber so im Lauf der Vorstellung und auf dem Heimweg durch die sehr frische Nacht dominierte meine Wahrnehmung immer mehr der Gedanke, dass Shakespeares Stück selbst eigentlich schon ein rechter Schmarrn ist. Malvolio und Sir Andrew als einzige wirklich interessante Figuren – jemand sollte über die ein Stück schreiben (wie Rosencrantz and Guildenstern Are Dead von Tom Stoppard) (was wahrscheinlich eh schon existiert).

Journal Sonntag, 15. Juni 2025 – Freibad / Mephisto in den Kammerspielen

Montag, 16. Juni 2025

Länger geschlafen, dennoch müde aufgestanden.

Nach Balkonkaffe mit Bloggen radelte ich ins Dantebad (scenic route über Hackerbrücke, Nymphenburger Straße, Rot-Kreuz-Platz, Gern) für eine Schwimmrunde. Das Sommerwetter hielt immer noch, obwohl bereits am Vortag heftige Gewitter angekündigt waren. Ich hoffte auf Wetter-Stabilität zumindest bis Ende meiner 3.000 Meter Schwimmen.

Das klappte auch ganz wunderbar, nur hin und wieder verschatteten Wolken das Wasserbecken ein wenig. Es war sehr viel los: Parkplatz für mein Radl hatte ich nur auf einem etwas versteckten Nebenparkplatz gefunden (inneres Haareraufen über Radler*innen, die ihr Gefährt wegversperrend abstellen), in der Umkleide hatte ich einen freien Spind suchen müssen, und die beiden Schwimmbahnen wurden emsig genutzt. Zum Glück von eher freundlichen Menschen und solchen, die eh nur ein paar Bahnen schwammen, ich kam auf meine Kosten und genoss die Bahnen in Lindendüften – bis gegen 12 Uhr wieder das Frittenfett vom Kiosk die Geruchshoheit übernahm.

Da die Sonne weiter schien, legte ich mich nach schnellem Abduschen und erweitertem Sonnencremen ein Stündchen auf die Liegewiese.

Beim Heimradeln war es dann schon auf der unangenehmen Seite heiß. Als ich unterwegs den restlichen, herrlich freien Sonntag plante, fiel mir ein, dass er keineswegs frei war: Auf gestern war der Theaterbesuch geschoben, den ich wegen re:publica nicht wahrnehmen konnte. Und er startete bereits um 16 Uhr – was ich an sich sehr begrüße, so endet die Vorstellung selbst bei über drei Stunden Spiellänge noch zu Abendessenszeit.

Das bedeutete eine gewissen Zackigkeit daheim: Nach Versorgen der nassen Schwimmsachen gab es zum Frühstück Aprikosen, Flachpfirsiche und ein großes Stück Käse, dann duschte ich mich gründlich und machte mich theaterfein.

Ganzkörper-Spiegelselfie einer Frau mit kurzen weißen Haaren und einem hellblauen Sommerkleid

Ich brach früh auf, denn in der schwülen Hitze wollte ich mich nicht durch schnelles Gehen gleich wieder stinkig schwitzen. In der Fußgängerzone passierte ich Buden: München feierte Stadtgeburtstag, ich verlegte meinen Weg auf Nebenstraßen.

Gegeben wurde gestern an den Kammerspielen Mephisto nach dem Roman von Klaus Mann. Den hatte ich zwar nicht gelesen, aber die Verfilmung von István Szabó 1981 hatte mich sehr beeindruckt (unwahrscheinlich, dass ich sie im Kino sah, also mindestens einmal im Fernsehen).

Beim Kartentausch hatte ich mir einen Platz auf der anderen Seite als der meines Abos ausgesucht, nämlich auf der linken, um eine andere Perspektive zu bekommen. Von dort erlebte ich dreieinhalb kurzweilige Stunden mit einer Pause – gestört allerdings von den wirklich unbequemen Sitzen der Kammerspiele, schon vor der Pause wusste ich schier nicht mehr, wie ich mich halten sollte, um die Schmerzen in Kreuz und Sitzbeinhöcker zu lindern (sehnsüchtige Gedanken an die wundervollen Sessel im Volkstheater).

Die Inszenierung von Jette Steckel stellte fast die gesamte Handlung ins Theater, auf und hinter der Bühne – das funktionierte gut. Sie räumte der Zeit vor der Machtergreifung einen deutliche größeren Raum ein, als ich es vom Film in Erinnerung hatte, und damit den Diskussionen, wie man dem erstarkenden Faschismus gegenarbeiten konnte. Viele Bezüge zur Gegenwart, unter anderem beim Umgang mit einem jungen Schauspielkollegen, der leidenschaftlich auf der Seite der Nazis stand.

Das Ensemble auf der Bühne fand ich wieder großartig, darunter zwei Schauspieler-Entdeckungen: Erwin Aljukić spielte vom revolutionär agitierenden Schriftsteller bis zum herrschaftlichen Intendanten nuanciert, am Ende sogar Hitler selbst (der einzige Ausflug in Slapstick in einer wirklich gut gebrochenen Szene mit Hauptdarsteller Thomas Schmauser) – auch wenn visuell erstmal im Vordergrund stand, dass er mit seinem zierlichen und verschobenen Körper Rollstuhl fährt. Ähnlich nuanciert Bless Amada als Höfgens Liebhaber Julien, bei dem ich erstmal über seine große Schönheit hinweg sehen musste.

Sehr viel Applaus am Ende. Um halb acht stand ich wieder vorm Theater auf der Maximiianstraße, natürlich war es noch hell, UND das Wetter hielt immer noch. Herr Kaltmamsell erwartete mich mit Abendessen (die ersten Frühkartoffeln im Ernteanteil als Kräuterkartoffeln – köstlich, dazu ein wenig Bratkäse, Nachtisch Kirsch-Pie aus Familienkirschen). Und jetzt gewitterte es mit ordentlich Regen.

Vorbereitungen für Putzmann-Einsatz und Arbeitswoche (die letzte kurze vor sieben langen).

Journal Freitag, 4. April 2025 – Die Nashörner im Volkstheater

Samstag, 5. April 2025

Gut geschlafen, aber immer noch Nachholbedarf.

Weil abends ein Theaterbesuch zu viert anstand (also kein echtes Wochenende), zog ich gleich das Kleid dafür an, vorläufig kombiniert mit geh-freundlichen Schuhen.

Ganzkörper-Spiegelselfie einer Frau mit kurzen weißen Haaren in einem grünen Kleid in A-Schnitt, das über ihren Knien endet, sie trägt weiße Turnschuhe

Das hob schonmal meine Laune.

Wie angekündigt startete ein herrlicher Sonnentag, ich genoss den Marsch in die Arbeit.

In goldener Morgensonne vor blauem Himmel ein Sandstein-Altbau, davor unter anderem eine blühende Magnolie

Auf der Theresienwiese erste Indizien für Aufbau Frühlingsfest.

Für gestern wusste ich auswendig eigentlich nur von einer anstehenden Aufgabe, ein wenig mühsam, aber machbar. Zu der kam ich dann erst am Nachmittag, weil ich zum einen überm tumultösen Donnerstag ganz viel Kleinscheiß vergessen hatte (deshalb führe ich Listen) und weil zum anderen der eine oder andere Querschuss dazwischen kam – Assistentinnen-Alltag. Zudem nahm ich mir Zeit für ein Gespräch. Konzentration schwierig, Tempo auch.

Spaziergang zum Mittagscappuccino durch sonnige Herrlichkeit unter wolkenlosem Himmel und in kühlendem Wind.

Im Vordergrund eine dunkle Holztischplatte, darauf ein Cappuccino, im HIntergrund die flächendeckenden Glasfenster eines Cafés, draußen sitzen Menschen an Cafétischen

Mittagessen Crowdfarming-Orangen – so sauer, dass sie mich verärgerten: Ich esse sehr ungern Dinge, die mir nicht schmecken, will allerdings auch nichts Essbares wegwerfen. Also schluckte ich die Stücke schnell und fast ungekaut. Außerdem (deutlich besser) Apfel, Pumpernickel mit Butter.

Emsiger Nachmittag, pünktlicher Feierabend. Auf dem Heimweg gönnte ich mir zwei Sträuße Tulpen, um das Wohnungswohnen am Wochenende zu verschönen. Daheim war gerade noch Zeit, diese Sträuße zu versorgen, dann brach ich mit Herrn Kaltmamsell Richtung Volkstheater auf: Wir waren schon zu einem Abendessen vor Vorstellung verabredet, im angeschlossenen Restaurant Schmock.

Ganzkörper-Spiegelselfie einer Frau mit kurzen weißen Haaren in einem grünen Kleid in A-Linie, das über ihren Knien endet, an den Füßen hat sie rote Glitzer-Mary-Janes in der Hand eine dunkle, bestickte Henkeltasche

Verbrezelung des Kleides.

Schräg fotografiertes Bronzetor in Sonnenlicht, oben eine Reihe wenig stilisierter nackter Kleinkinder, darunter Jugendstil-Geometrien

Detail an der Hauner’schen Kinderklinik.

Spaziergang durch herrlichen Frühling zum Volkstheater, dort freudiges Wiedersehen mit ganz alten Bekannten (an der Uni als Kollegen kennengelernt), Austausch von Neuigkeiten (es tauchen die ersten Enkelkinder auf, leider ist es auch die Zeit von Todesmeldungen aus dem früheren Kollegenkreis).

Das Theaterstück, zu dem wir verabredet waren: Eugène Ionesco, Die Nashörner.

Blick auf eine Theaterbühne durch zwei Zuschauerinnen hindurch, auf der Bühne eine weiße, kahle Hausfasade, davor eine grüne Fläche

Die Inszenierung gefiel mir gut: Wie ich schön öfter am Volkstheater erlebt hatte, sangen die Schauspieler*innen im mehrstimmigen Chor, es gab vor allem am Anfang großartig choreografierte Tanzeinlagen, ich war völlig fasziniert, wie gezielt und in drei Dimensionen der Bühnenraum genutzt wurde – zum Beispiel als im rechten Drittel ein Bühnenelement hochgefahren wurde, zu einer eigenen Bühne mit Brüstung wurde: Ein Büro. Darin spielten die Büroszenen, wie Tanzszenen choreografiert, der Text dazu wie ein Chorstück inszeniert – überhaupt eine ungemein präzise Inszenierung. Musik spielte eine große Rolle, die auffallende Lücke im Medienmix: Filmprojektion, ohne die ich schon sehr lange keine Inszenierung mehr gesehen hatte (mir fehlte sie überhaupt nicht).

Überrascht und fasziniert war ich, wie gut ich den Text des Stücks kannte – ich erinnerte mich vage, dass wir in der Schule absurdes Theater durchgenommen hatten, anscheinend sehr gründlich. Und im anschließenden Gespräch mit unserer fachkundigen Theaterbegleitung kamen wir drauf, dass in den späten 1980ern, frühen 1990ern die Werke des absurden Theaters besonders häufig auf die deutschsprachigen Bühnen gebracht worden waren.

Als politisches Statement fand ich die Inszenierung nicht unbedingt angelegt (auch das gibt es heute noch), ich sah eher das Thema Wahrnehmung in Abgleich mit Fakten in Abgleich mit Mehrheitsmeinung zu Wahrnehmung, sah eher das Spannungsfeld Individuum/Gesellschaft. Es bleibt ohne eindeutige Aussage viel in der Schwebe, sowohl im Stück als auch in der Inszenierung – das gefiel mir sehr gut.

Vor allem sah ich eine ausgesprochen vergnügliche Show, zu 90 Prozent unrealistisch gespielt (passend zum Text), meist auch komisch. Bühnenbild in Weiß und Neongrün in erster Linie funktional, der Knaller der Ausstattung: Die drei lebensgroßen Nashörner, die fürs Schlussbild auf die Bühne kamen und die ich umgehend haben wollte.

Erst der Rezension in der Süddeutschen (€) entnehme ich, dass es tatsächlich zur Inszenierung Merchandise im Foyer gegeben hätte – was ja perfekt zum Inhalt des Stückes passt. Gutes Theater, Empfehlung.

Auch die Dauer des Stücks von 1 Stunde 45 Minuten begrüßte ich, so kamen wir nicht zu spät nach Hause und ins Bett.

Journal Mittwoch, 19. März 2025 – Jan-Christoph Gockel, Oh Schreck!

Donnerstag, 20. März 2025

Guter Schlaf, wie schon in den Nächten davor schien der Mond (derzeit deutlich abnehmend) vom wolkenlosen Himmel volle Kanne auf mein Bett.

Diesmal dachte ich daran, trotz strahlender Sonne die warme Winterjacke für den Marsch in die Arbeit anzuziehen: Es war wieder deutlich frostig, im Ledermantel war mir zu kalt gewesen. Weiterhin Applaus für den Frost, der hoffentlich auch weiterhin die blöden Obstbäume davon abhält vorzeitig zu blühen und sich der Gefahr später erfrorener Blüten auszusetzen – ich bin auch Natur, und diese Natur will im Sommer Kirschen, im Spätsommer und Herbst Äpfel und Zwetschgen.

Gut strukturierte Arbeit, ich bekam den Tisch leer. Raus auf einen Mittagscappuccino im Westend, es war dann doch noch warm genug für Mützen- und Handschuhlosigkeit geworden.

Backsteinkirche mit runden Formen vor knallblauem Himmel

St. Rupert

Zu Mittag gab es Hüttenkäse und die Kerne eines Granatapfels.

Überfrüher Feierabend, denn für abends hatte ich Theaterpläne. Und ich hatte wieder mit einem Termin zum Beinenthaaren sichergestellt, dass ich auch wirklich sehr früh gehen würden.

Nach der Beinkosmetik holte ich meine gekürzte Hose von der Schneiderin, kaufte noch im Vollcorner Milchprodukte und Obst.

Diesmal begleitete mich Herr Kaltmamsell in mein Theaterabo an den Kammerspielen, ich hatte ihn für Oh Schreck interessieren können, “eine Vampirkomödie von Jan-Christoph Gockel inspiriert von F. W. Murnaus ‘Nosferatu’ und dem Leben von Max Schreck”. Also servierte er Abendessen etwas früher als sonst: Es gab die restlichen Ernteanteilkarotten als Ofenfritten, außerdem Tellerlinsen und Orecchiette.

Gedeckter Tisch mit weißen Sets, im Vordergrund ein weißer, tiefer Teller, rechts darain gekochte Linsen, links gekochte Nudeln, dahinter ein Glasteller mit gebackenen Stiften violetter Karotten

Balsamico auf die Linsen, Olivenöl auf die Orecchiette, die Karottenfritten (Sorte Purple Haze) waren besonders gut geraten.

Im letzten Abendlicht unter weiterhin wolkenlosem Himmel spazierte ich mit meinem Haus-Vampirologen in die Maximilianstraße.

Blick von rechts auf eine Theaterbühne, darauf ein riesiger goldener Bilderrahmen, darin in verlaufenden roten Buchstaben "Oh Schreck!"

Der Zuschauerraum war nahezu voll besetzt, das hatte ich in den Kammerspielen schon sehr lang nicht mehr erlebt. Das Stück begann mit einem Monolog des betagten Walter Hess vom Bühnenrand, der wie in der Soliloqui vor vielen Shakespeare-Stücken das Setting erklärte: Die Menschen, die an den Kammerspielen arbeiten, sind alles Vampire, ein Regisseur von außerhalb inszeniert mit ihnen Nosferatu. Das war sehr praktisch, das musste also schonmal nicht per Handlung erklärt werden.

Und dann erlebte ich nach Langem mal wieder einen richtig schönen Kammerspiel-Abend. Ich hatte Klamauk befürchtet, doch auf der Bühne fand wirklich Lustiges statt: Mit verschiedensten Medien (das also wie immer) kamen Versatzstücke aus mehreren Jahrhunderten kultureller Verarbeitung des Vampir-Mythos zusammen, die Klammer war der Umstand, dass der Hauptdarsteller des Nosferatu-Films von 1922, Max Schreck, lange Jahre an den Münchner Kammerspielen gearbeitet hatte – und möglicherweise bis heute dort haust.

Besonders gut gefiel mir die Umsetzung der Ansage, diesen Stummfilm auf die Bühne zu bringen: Nämlich mit fast lebensgroßen Marionetten (Michael Pietsch), die vor die Darstellenden gebunden wurden, Text hinter ihnen auf die Bühne projiziert. Auch sonst schöne Ausstattungs- und Masken-Ideen, wundervolles Schauspiel. Den Vogel schoss Katharina Bach als Kristine van Helsing ab (mal wieder eine Schauspielerin, die mir seinerzeit vom ersten Anblick an entgegenbrannte mit ihrer PRÄSENZ!): Sie trat mit einer Slapstick-Nummer auf, die in einem Wortspiel-Monolog mündete, mit einer René-Polesch-Gedächtnis-Spachkaskade.

Für eine Szene wurden die fünf Bühnenarbeiter auf die Bühne geholt, die zuvor mehr oder weniger sichtbar Bühnenbild geschoben hatten, Katharina Bach verwendete sie als Requisiten für einen weiteren wunderbar irren Monolog – und das war schon sehr rührend, diesen ganz echten Nicht-Schauspielern beim Durchhalten zuzusehen.

Herzerfrischung rundum, ich kam lächelnd aus dem Theater, ließ mir auf dem Heimweg von Herrn Kaltmamsell (“Was willst du wissen? Was willst du wissen? Komm, frag mich!”) unter anderem Publikationshintergründe zu Nosferatu erzählen.

§

Comedian John Mulaney versucht – wie so viele – ein Bild für die Weltsituation zu finden. Er nimmt: “There’s a horse loose in a hospital.”