Rezepterbe

Montag, 29. Januar 2007 um 6:41

Wo ich doch gerade das wundervolle Buch A Tale of 12 Kitchens lese (zurecht sehr empfohlen von delicious:days) und darin immer wieder handgeschriebene Originalrezepte aus der Familie des Autors als Fotos auftauchen:
Überreicht mir meine Mutter bei ihrem jüngsten Besuch den A5-Zettel, mit dem ihre spanische Schwiegermutter, meine Yaya, ihr Ende der 60er Jahre das Rezept für Pollo en pepitoria zukommen ließ. Sie hat es sicher nicht selbst aufgeschrieben, denn meine spanische Großmutter war, ebenso wie mein abuelo, Analphabetin. Sie wird das Rezept wohl, so wie den Brief, bei dem der Zettel lag, einer Nachbarin diktiert haben. Darauf weist auch der sehr mündliche Stil der Anweisungen hin.
Mich fasziniert allein schon die unverkennbar spanische Schrift. Ob es darüber wohl schon Untersuchungen gibt? Nationale Merkmale von Handschriften? Ich behaupte nämlich, es gibt eine typisch spanische und eine typisch englische Schrift.

pollo_1.jpg

pollo_2.jpg

Auf dem Zettel steht (alle Schreibung sic, und der dunkle Fleck ist Fett):

Esto es para Irena

Pollo en pepitoria

Primero se trocea el pollo despues los trozos los
hechas sal y los rebozas en arina y luego
los fríes, lo pones en cazuela machacas
en un mortero. ajo, perejil, nuez moscada,
y unos piñones fríes un poco de cebolla y aúna
hechos un poco de azafran cueces un huevo
y le partes en trocitos pequeños lo juntas todo
con el pollo le pones un poco de agua y a cocer
hasta que esté tierno.

Ya te mandaré mas recetos si quieres.

Übersetzung:

Das hier ist für Irena

Hühnchen pepitoria

Erst wird das Hühnchen zerteilt dann streu Salz über die
Teile und wende sie in Mehl und dann brätst du sie an,
lege sie in einen Topf in einem Mörser vermischst
du Knoblauch, Petersilie, Muskatnuss
ein paar Pinienkerne du brätst ein bisschen Zwiebel an
und füge ein bisschen Safran hinzu wenn sie fertig sind du kochst ein Ei
und hackst es in kleine Stückchen alles vermischst du
mit dem Hühnchen du gibst ein bisschen Wasser dazu und kochst
es bis es zart ist.

Wenn du willst schicke ich dir mehr Rezepte

Und hier steht die Version, wie ich das Gericht heutzutage koche.
Wenn sich jemand wundert, wieso in der aktuellen Version Haselnüsse auftauchen: Meine Mutter konnte damals, am Anfang ihrer Ehe, nur sehr schlecht Spanisch und sah in „nuez“ naheliegenderweise Nuss. Der Irrtum klärte sich erst vor wenigen Jahren auf, aber da hatten wir uns schon so an die Haselnüsse in diesem Gericht gewöhnt, dass wir sie nicht missen wollten.
Womit allerdings lediglich ein weiterer Irrtum ergänzt wurde, denn „pepitoria“ ist eigentlich der Name für Geflügelgerichte, die mit Eigelb gebunden werden. Meine Familie mutmaßt, dass meine Yaya, alles andere als eine gute Köchin vor oder nach dem Herrn, die Sache mit dem Eigelb probierte, ihr die Soße misslang, und sie dann pragmatisch – Ei ist Ei – auf ein gekochtes, gehacktes umstieg.

die Kaltmamsell

11 mal Beifall zu “Rezepterbe”

  1. creezy meint:

    Es war mir nicht klar, dass es eine typische englische Schrift gibt, aber die Franzosen haben auch eine 1a-völkergemeinschaftliche Handschrift (die der hier abgebildeten ähnlich). Nun frage ich mich, können Graphologen in diesen Länder arbeiten oder ist es eine rein „deutsche“ Erfindung (stellvertretend für die anderen Länder in denen man seine eigene Klaue entwickeln darf?).

    Und es sind tatsächlich überliefert Nüsse? Nicht Mandeln? Egal, ich koche das mal nach und dann denke ich an Deine Oma. So ein von der Oma angefertigtes aber nicht selbst geschriebenes Rezept ist schon besonders heilig!

  2. die Kaltmamsell meint:

    creezy, aufgeschrieben ist “nuez moscada”, also Muskatnuss. Und in den Mörser kommen laut Zettel noch Pinienkerne (wobei ich im Haus der Großmutter nie einen Pinienkern gesehen habe).

  3. Lila meint:

    Vom Kochen versteh ich nichts, aber von Handschriftenkunde schon mehr. In jedem Schulsystem wird mit einer anderen Ausgangsschrift fuer Schulanfaenger gearbeitet, das kann auch von Gegen zu Gegend verschieden sein. Die vereinfachte Schreibschrift, die heute in Deutschland gelehrt wird, sieht zB anders aus als die, die wir noch als Kinder gelernt haben – von der Suetterlinschrift mal ganz abgesehen. In England gab es, soweit ich das hier ohne meine Buecherei zum Thema Schrift und Kalligraphie aus dem Hirnchen kramen kann, Copperplate und ein paar Reformen dazu. Dann gab es zu Anfang des 20. Jahrhunderts den spannenden Kampf um penmanship – ob man Copperplate und Schnoerkelschrift nicht durch die geneigte Renaissanceschrift ersetzen sollte.

    Fast jede Erfindung einer neuen Art zu schreiben, Stahlfeder, Fuellfederhalter, Kuli…, brachte eine neue Ideologie des Schreibenlernens udn damit der Ausgangsschrift. Und die beeinflusst die Handschrift eben spaeter weiter.

    Du erkennst auch an Buechern bis Ende des 19. Jahrhunderts, in welcher Schrift sie gedruckt sind. Die Korrelation zwischen druckschriftlicher Tradition eines Landes (haben die Franzosen JE etwas in Schwabacher gesetzt???) und handschriftlicher Tradition ist absolut spannend. Ein Thema, fuer das ich mich vor ca. 100 Jahren brennend interessiert habe. Leider hat meine Hand, die damals wirklich kalligraphieren konnte, diese Faehigkeiten laengst ans Keyboard abgetreten. Oh Elend!!! Sogar meine Metaphern leiden…

  4. Lorelei meint:

    Oh, ich liebe alte Rezepte, handgeschrieben und von jahrelangem Neben-dem-Topf-liegen gezeichnet.

    Und ja, es gibt auch eine typisch amerikanische und eine typisch japanische Schrift.

  5. Mareike meint:

    Ich finde auch, dass es eine typisch amerikanische Handschrift gibt! Und zum Graphologen-Arbeiten: analysieren Graphologen nicht “eher allgemeine” Merkmale der Schrift? Also rund vs. eckig, gerade vs. rechts-/linksschief, hoch/tief vs. niedrig (also über wieviele “Karokästchen” geht’s)? Solche Merkmale sind sicherlich innerhalb gewisser Handschriftarten mehr ausgeprägt, aber vielleicht sind die Merkmale, auf die man Rückschluss ziehen kann, in den entsprechenden Kulturen auch mehr ausgeprägt?

  6. anna meint:

    Klar gibt es auch einen “Akzent im Schriftbild”. Man vergleiche doch nur einmal die unterschiedlichen Ausgangschriften, die Kindern in der 1.Klasse beigebracht werden; kein Wunder, wenn dann spaeter andere Handschriften entstehen.

  7. die_lou meint:

    die typisch italienische handschrift sieht der spanischen ein wenig ähnlich…

  8. Anke meint:

    Eine, wie ich finde, typische amerikanische Handschrift kann man bei den Astoria Notes lesen.

    Link via Moni.

  9. Lila meint:

    Danke fuer den Link!

  10. Sebastian meint:

    Wieder mal eine schoene Fusion zwischen Kochen und Schreiben aus dem Kaltmamselluniversum, der eine interessante (und gutartige!) Kommentarkettenreaktion folgt. Viel gelernt! Unter anderem, wie Rezepte so entstehen koennen. Ist denn auch die Eiernummer wie die mit den Nüssen zu akzeptieren? Oder doch eher „pepitoria“? Wie geht denn das dann? Übrigens wird auch in „A Tale of 12 Kitchens” ein gutes Huhn gekocht, siehe hier: http://www.rettet-das-mittagessen.de/blog/?p=384

  11. Gabi meint:

    Oh, dein Beitrag hat mich ganz wehmütig gestimmt und ich habe die 25 Jahre alte Rezeptkarte mit dem Rezept für Flour Tortillas wieder herausgekramt … Ich glaube, das ist auch eine typisch amerikanische Handschrift!

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