Journal Donnerstag/Freitag, 1./2. Dezember 2016 – Bundesteilhabegesetz

Samstag, 3. Dezember 2016 um 8:04

Am Donnerstag auf dem Heimweg Obsteinkäufe im Lieblinssüpermarket, Ratsch mit Verkäuferin über den korrekten Joghurtgeschmack (wir waren uns einig: sauer). Derzeit habe ich großes Vergnügen an reifen Granatäpfeln, ich nahm drei Stück mit.

Donnerstagabend war ich allein daheim, da Herr Kaltmamsell berufliche Termine hatte. Ich kämpfte mit vielfältiger Terminpanik privater und beruflicher Natur, faktisch völlig unbegründet, aber dagegen bin ich machtlos.

Neues Teilhabegesetz in der Tagesschau; es wurde ausführlich über die Proteste der Betroffenen gegen den Entwurf berichtet, Göring-Eckharts Redeausschnitt im Bundestag gezeigt, in dem sie auf den Einfluss dieser massiven Proteste hinwies: Sie hätten daraus gelernt. Ich freue mich sehr darüber, dass die Gemeinten tatsächlich sichtbar wurde. Ein Anfang (!) von no discussion about us without us ist gemacht. Und: Sichtbare, filmbare Proteste vor Ort bewirken immer noch mehr als Online-Petitionen.

Durchs jahrelange Lesen von Blogs Behinderter habe ich schon lange den Verdacht, dass die traditionellen Interessensverbände zum einen nicht mehr schlagkräftig sind und zum anderen oft nicht die tatsächlichen Interessen der Behinderten vertreten – vielleicht einfach weil sie in einer Vergangenheit wurzeln, in der Behinderte nicht als Handelnde, sondern nur als Behandelte gesehen wurden.

(Sie sehen: Ich halte mich trotz aller Internetschlechtigkeit am warmen Kerzenschein des „Everybody has a voice“ fest. Das Internet hat mir erstmals direkten und einfachen Zugang zu den Stimmen von Behinderten ermöglicht, von Rollstuhlfahrerinnen, Gehörlosen, Sehbehinderten, Kleinwüchsigen, Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Dank ihrer sehe ich den Alltag und die Welt mit anderen Augen, nämlich ein bisschen auch mit ihren.)

Apropos:
„Ratschläge in der Schwangerschaft
Hauptsache, es wird“.

Die taz-Ausgabe 2.12.2016 war von Behinderten gemacht. Unter anderem berichtet Moderatorin und Lesebühnentier Ninia LaGrande von ihrem Schwangersein.

Die Humangenetikerin versucht nach dreiunddreißig Jahren noch einmal herauszufinden, warum ich so bin, wie ich bin. Spoiler: Sie schafft es nicht. Ich habe keine vererbbare Kleinwuchsform. Zumindest keine, die man feststellen könnte. Ich bin klein, der Mann ist mittel, das Kind wird irgendwie. Hauptsache, es wird.

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Mein Telefon ist wieder ganz gesund, der Akku lädt schnell und hält lange; der Schaden lag also wirklich am Ladesensornupsiteil.

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Gestern sah ich die Weihnachtslok! Ich hatte sie völlig vergessen: Als ich ihren Pfiff hörte, freute ich mich ungeheuer. Und rannte einmal quer durchs Stockwerk an das eine Gangfenster, von dem aus man sie am besten sieht. Meine Würde hole ich mir halt irgendwann anders wieder.

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Zur Feier des Freitagabends kochte Herr Kaltmamsell italienische Dim Sum plus Rinderfilet. Absolut köstlich.

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Andrea Diener war auf Sri Lanka und hat wundervolle Fotos sowie Geschichten und Geschichte mitgebracht:
„Ohne den Tee wäre die Weltgeschichte eine andere“.

die Kaltmamsell

4 mal Beifall zu “Journal Donnerstag/Freitag, 1./2. Dezember 2016 – Bundesteilhabegesetz”

  1. Croco meint:

    Mit der Welt der Menschen mit Beeiträchtigung geht es mir genau so. Danke sehr für den Beitrag.

  2. marie.sophie meint:

    „Hauptsache es wird“-Was für ein wahrer Satz!

  3. Defne meint:

    Am Markt in der Türkei habe ich sehr selten den hausgemachten Joghurt gekauft weil mir der immer viel zu sauer war. Es ist mir also einleuchtend dass der bevorzugte Geschmack sauer ist. Ich mag lieber mild, denn sauerer wird der Johurt von selbst.
    In letzter Zeit mache ich mir immer mehr Gedanken welche politische Gesinnung der „Lieblingssüpermarket“ hat. Ich weiß das ist blöd denn bei deutschen Geschäften denke ich auch nicht viel darüber nach.

  4. tiker meint:

    Das Internet ist ein Segen, was die Einblicke in die unterschiedlichen Lebenswelten anbelangt.
    Auch ich lese diverse Blogs behinderter Menschen, stelle aber eben fest, dass nicht einer davon in meiner Blogroll ist. Was ich jetzt ändern werde.
    Die Entwicklung des Bundestelhabegesetzes und dessen Verabschiedung sowie seine mutmaßlichen, zum Teil unvorstellbar harten Konsequenzen für manche Betroffene, habe ich beispielsweise in dem Blog „Fädenrisse“ von dergl verfolgt.
    Leider habe ich ihre Texte nicht auf meiner Seite verlinkt um der Bewegung auf diese Weise, neben wohlwollender Anteilnahme auch die viel wichtigere tätige Solidarität entgegen zu bringen.
    Das möchte ich dringend ändern. Was nützt alle Vernetzung, wenn sie keine Früchte trägt und die verschiednenen Gruppierungen sich zusammenschließen und stärken.
    Danke, dass Sie das Thema hier angesprochen haben.

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