Journal Dienstag, 30. Januar 2018 – Berlin, die wacklige Heimreise

Mittwoch, 31. Januar 2018 um 6:58

Frau Kaltmamsell, fühlen Sie sich nach der Prämierung bei den Goldenen Bloggern besonders unter Druck beim Tagebuchbloggen?

Och. Ich bin seinerzeit mit dem Druck nach dem Klarnamen-Outing klargekommen und mit dem nach der schriftlichen Androhung einer Abmahnung. Mich entspannt der Grundgedanke, dass man eigentlich hier nur freiwillig mitliest.

Mittlerweile stehen auf der Website Goldene Blogger alle Gewinne und einige Fotos der montäglichen Gala. Und Mademoiselle Read on hat dem RBB ein schönes Interview gegeben, in dem sie erklärt, dass das Web auch gut sein kann.

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Viele Follower-Anfragen zu meinem auf privat gestellten Twitter-Account: Das Abarbeiten dauert, da ich aus guten Gründen nicht öffentlich twittere und ich mir die Anfragenden erst mal genau ansehe. Wenn ich keine Möglichkeit dazu habe – selbst auf privat gestellt, gar kein Tweet oder ausschließlich Retweets – und bei Schwanken klicke ich eher „Decline“. Anhaltende Verwunderung über Twitterer, die in der Biografie als erstes die berufliche Stellung nennen, „hier privat“ betonen, aber dann ausschließlich Berufliches twittern.
(Und dann gibt’s noch die Anfragen, die ich akzeptiere, weil ich denke: Die entfolgen eh nach zwei bis drei Tagen, weil sie etwas Anderes erwartet haben.)

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Morgens war ich sehr durch den Wind: All die bezaubernde Aufmerksamkeit kann Kater erzeugen. Außerdem hatte sich mein Gedärm ausgerechnet die Nacht nach der Gala für Kapriolen ausgesucht – es hatte bereits am Nachmittag gegrummelt.

Vor dem Berliner Hauptbanhof saßen und hüpften Stare an Stellen, an denen ich sonst Tauben oder Spatzen gewohnt bin – sehr eigenartig. Ich suchte in diesem Einkaufszentrum mit Gleisanschluss ziemlich lange nach einer Bäckerei, die mir Kaffee und Reiseproviant verkaufte, das scheint nicht vorgesehen.

Ich sah zum ersten Mal deutsche Außenwerbung mit einer Hijabi – es wurde Zeit.

Meine müde und kränkliche Benebelung führte dazu, dass ich auf der Bahnfahrt (pünktlich, problemlos) vor allem aus dem Fenster sah, hin und wieder die Gratulationen auf allen Online-Kanälen checkte, aber dann zum Glück zumindest genug Aufmerksamkeit hatte, um Zoë Becks Die Lieferantin auszulesen: Ein richtig gut gemachter Krimi („Thriller“ wie auf dem Buchtitel hätte ich den Roman nicht genannt), Handlung und Sprache sauber gearbeitet. Die Geschichte (kein who done it, wir wissen immer, wer was gemacht hat – vielleicht deshalb die Einordnung als „Thriller?) handelt in einer nahen Zukunft in London, es geht um Drogengeschäfte und -politik, um Nationalismus, organisierte Kriminalität und wunderbar viel Technik. Angenehmerweise stören keine Liebesgeschichten. Die Charaktere sind genau genug gezeichnet, dass ich sie glaubte und mich hineindenken konnte.

Daheim in München ging ich nach dem Auspacken eine Runde Einkaufen: Ich hatte große Lust auf Salat zum Abendessen und besorgte die Zutaten: Radiccio, Thymian, Gorgonzola.

Minimale Veränderungen auf den Abendbrottisch, ahem.

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Katrin Scheib, unser aller Moskau-Korrespondentin, hat schon vor einiger Zeit einen berühmten Hersteller von Ballettschuhen besichtigt, Grishko. Jetzt steht ihr bebilderter Bericht dazu online:
„So viel rohe Gewalt steckt in einem Spitzenschuh“.

die Kaltmamsell

16 mal Beifall zu “Journal Dienstag, 30. Januar 2018 – Berlin, die wacklige Heimreise”

  1. Joel meint:

    Sie haben recht, die Veränderung ist miniminimal ;-)

  2. Mareike meint:

    „Einkaufszentrum mit Gleisanschluss“ – sehr treffende Beschreibung!

    Und die Ergänzung auf dem Abendbrottisch macht sich sehr gut.

  3. Defne meint:

    „Ich sah zum ersten Mal deutsche Außenwerbung mit einer Hijabi – es wurde Zeit.“

    Was ist denn daran Positives?
    Ich habe ja eine Zeitlang in der Türkei gewohnt und sehe jetzt die Veränderung. Die Kopfbedeckung für Frauen wird politisch mißbraucht. Aus verschiedenen Quellen weiß ich dass die Frauen für das Tragen des Kopftuchs auch mal bezahlt werden.
    Früher war ich da mal tolerant aber jetzt nicht mehr. In der x-ten Generation von moslemischen Einwanderen muß das Tuch nicht mehr getragen werden. Meiner Meinung nach zeigt das Tragen des Kopftuchs dass die hiesige freier denkende Gesellschaft abgelehnt wird. Von der Religion her ist das Kopftuch nicht notwendig. Gewünscht wird es hauptsächlich von den Männern (eigene Erfahrung).

  4. die Kaltmamsell meint:

    Mir liegt viel daran, Defne, dass jede Frau sich so kleiden darf, wie sie will. Und wenn das einen Hijab einschließt, soll sie auch das dürfen, ohne diskriminiert zu werden. (Wenn sie keinen Hijab tragen möchte, sollte sie selbstverständlich genauso wenig diskriminiert weden, in keiner Gesellschaft.) Hijabis sind Teil unserer bunten Gesellschaft, und ich freue mich, wenn sie nicht ausgeblendet werden.

  5. Nina meint:

    Ja, wir haben hier in Berlin an einigen Stellen in der Stadt diese Staren-Ansammlungen. Z. B. gibt es eine Kolonie, die auf der Warschauer Brücke wohnt, mitten zwischen vierspuriger Straße, Tram, Sbahn und Menschenströmen. Die laufen mir da auch immer wie Tauben vors Fahrrad und ich wundere mich, warum sie sich nicht ein etwas ruhigeres Plätzchen zum Abhängen aussuchen.

  6. Frau-Irgendwas-ist-immer meint:

    Stürzt hier, leicht verspätet rein, und gratuliert ganz recht herzlich nachträglich zum Preis!

  7. Michael meint:

    Sehr verspätet und mit der wahnsinnig wichtigen Randbemerkung, dass „Post Gala Darm“ viel besser ist als „Prä Gala Darm“ sende ich herzliche Glückwünsche.

  8. Maz meint:

    Finde schon ziemlich cool, dass diese unaufgeregte, intelligente Bloggerin ausgezeichnet wird. Wo doch alle älteren Blogger (meines eingeschlossen) schriller und plumper werden, weil wir kaum noch was Bemerkenswertes, außer auf diesen und jenen zu hetzen, zu sagen haben….
    Glückwunsch!

  9. Hauptschulblues meint:

    @Kaltmamsell
    „Mir liegt viel daran, Defne, dass jede Frau sich so kleiden darf, wie sie will. Und wenn das einen Hijab einschließt, soll sie auch das dürfen, ohne diskriminiert zu werden.“
    Hauptschulblues hat sein ganzes Leben mit Kopftuchträgerinnen zu tun gehabt. Und keine einzige machte es freiwillig, selbst wenn sie es sagte.
    „Meine Religion will das.“ „Ich kann es meiner Familie nicht antun.“ „Es ist Tradition.“ „Ich käme mir nackt vor.“
    Er könnte ganz viele Geschichten erzählen, wo junge Mädchen sich den Hijab herunterrissen, z. B. auf Fahrten und hinterher vom Vater und dem Bruder gewungen wurden, ihn wieder anzulegen.
    Der Islam, obwohl er zu Deutschland gehört, ist eine frauenverachtende Religion, das beißt die Maus keinen Faden ab. Warum darf sich keine Frau so präsentieren, wie sie es will? Mit ihrer ganzen Haarpracht und was sonst noch dazu gehört?
    Weil sie so kein anderer Mann sehen soll (Wobei anzumerken ist, dass die muslimischen Männer sämtliche Freibriefe genießen).
    Dass diese Frauen in der Öffentlichkeit nicht diskriminiert werden dürfen, ist selbstverständlich.
    Hauptschulblues arbeitet seit über zwei Jahren mit Z., einem Kopftuchmädchen, welches mittlerweile schulisch sehr erfolgreich ist.

  10. die Kaltmamsell meint:

    Das ist wirklich interessant, Hauptschulblues, da ich persönlich nur selbstbestimmte Hijabis kenne (und eine ganze Reihe Muslimas ohne Hijab, die ihn zum Teil auch vehement ablehnen).
    Ja, der Islam kann für Frauenverachtung instrumentalisiert werden – genauso wie man es beim Katholizismus und Protestantismus sieht. In meinen Augen ist ein selbst gewählter Hijab Ausdruck von Selbstbestimmung wie der Weihel einer katholischen Ordensschwester. Beide stehen in der Tradition weiblicher Unterdrückung, doch jede Frau soll sich dafür entscheiden dürfen.

  11. Angela meint:

    Im Prinzip denk ich auch so, jede wie sie mag.
    Leider werden in bestimmten Stadtvierteln Mädchen, junge Frauen von Jungs angesprochen, warum sie kein Kopftuch tragen. Und da werd ich dann doch hellhörig.

    Und was ist mit der Flucht nach vorn? Ich wünsche mir sehr, dass alle frei entscheiden können.

  12. Defne meint:

    @Hauptschulblues, @Kaltmamsell, @Angela
    Seit gestern macht mir das Thema Kopftuch gewaltige Bauchschmerzen.
    Das Tragen des Kopftuchs ist für mich nie freiwillig, denn es wird ja anerzogen, erst von den Eltern und dann ggf. vom Ehemann. Sinn dieses Stück Stoffs ist ja die Frau sozusagen weniger attraktiv zu machen damit der moslemische Mann nicht austickt und übergriffig wird. Meiner Meinung nach sollten sich aber besser die Männer im Griff haben anstatt die Frauen zu verhüllen. Außerdem soll die Frau durch ihre Kleidung die gute Moral der Familie darstellen. Die Frau welches dieses Spiel mitmacht stellt sich moralisch über die anderen nicht kopftuchtragenden Frauen.
    Die katjes-Werbung stößt mir ganz sauer auf, denn sie zeigt ja kein realistisches Bild der Kopftuchträgerinnen. Die streng religiöse Muslimin (so wie das Kopftuch in der Werbung getragen wird mit diesem Tuch noch darunter dass ja keine Haarsträne herausblitzt) ist erstens nicht geschminkt und zweitens trägt sie kein auffallendes Pink, denn sie soll ja nicht auffallen oder gefallen.
    Irgendwie bin ich, wegen dem wie ich es persönlich erlebt habe, wahrscheinlich zu diesem Thema traumatisiert. Von meinem moslemischen Exmann wurde mein Erscheinungsbild noch kritisiert als er, wie ich es später dann erfahren habe, schon eine Freundin hatte. Und natürlich war mein Exmann kein Einzelfall sondern eher die Regel unter den moslemischen Männern.
    Ich freue mich lieber mit den Frauen welche ihr Kopftuch ablegen dürfen.

  13. die Kaltmamsell meint:

    Kopftuchtragen kann viele Gründe haben, Defne, junge Mädchen möchten sich dadurch auch mal abgrenzen oder provozieren – und sich gleichzeitig schminken. Und religiöse Menschen sind meiner Erfahrung nach keineswegs konsistent – siehe CSU.

    Niemand darf zum Hijab gezwungen werden, und es tut mir sehr leid, dass Sie diese Erfahrung machen mussten. Doch dass es kein freiwilliges Tragen eines Hijab gibt, lässt sich leicht widerlegen:

    https://youtu.be/YfSaVqWz5cE

  14. Maz meint:

    Die Werbung ist ganz apolitisch. Sie ist durch und durch kommerziell: „Katjes verwendet keine Schweinegelatine, also figurbewusste Muslima, konsumiere!“
    Meine Mutter ist bald siebzig, einigermaßen gläubig und hat nie Kopftuch getragen. Meinem Vater, ebenfalls Sunnite (und sogar Sohn eines Muftis), käme nie in den Sinn, so was zu verlangen. Es gibt Millionen tolerante Türken und Abermillionen Muslime, denen es wesensfremd ist, andere ob ihrer Rasse, Religion und politischer Meinung zu verachten. Und sehr viele von diesen sind sogar in der Lage, Frauen als gleichberechtigt zu akzeptieren (und dies ist wohl der Punkt. Seit Trumps Sieg über Clinton wissen wir, dass egal welche Gesellschaft, welche Religion und welch Grad an Zivilisation: der Frauenhass ist allen gemein- sogar vielen Frauen!).
    Ich möchte keinesfalls Islam in Schutz nehmen, da passt meist sogar das Adorno-Wort, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann.
    Nur: Gerade das Kopftuch wird so politisiert wie kaum was anderes. Sowohl von den Gegnern, als auch von den Befürwortern. Sowohl von Rassisten (das sind die Besten und Durchschaubarsten. Lest hier und da, ihr werdet sehr schnell fündig)als auch von Philantrophen, von gläubigen Frauen, von Atheistinnen. Von selbstbewussten Kommunistinnen -und Achtung!- von sehr willenstarken und konservativen Muslima, die sich von niemandem was sagen lassen wollen, weil sie Kopftuch tragen!
    Und um die Bevormundung dieser Frauen geht es hier. Die passen ja niemandem ins Konzept.
    Jepp. Die gibt es auch.

  15. Defne meint:

    @Kaltmamsell
    Danke für die Mühe. Da werden wir uns wahrscheinlich nicht annähern, und wenn ich da noch 10 Videos zu dem Thema anschaue, mein Eindruck und meine eigene Erfahrung mit verschiedenen moslemischen Bevölkerungsschichten ist einfach anders und ich nehme das Video anscheinend anders wahr. Das reale Leben ist aber auch mehrheitlich anders als dort dargestellt.
    Ich bin heute durch den Münchner Hauptbahnhof gegangen und da hängen sie leider auch die pinken Plakate. Soweit es geht werde ich diesen Ort erst mal meiden, denn da kommt bei mir leichte Übelkeit auf (mein subjektives Gefühl). Damit kein Mißverständnis aufkommt ich stehe politisch sicher nicht rechts.
    Natürlich habe ich ich mich nicht verbiegen lassen und kein Kopftuch getragen, obwohl ich in der konservativsten Ecke des türkischen Ortes gewohnt habe.

  16. Elfe meint:

    Danke für diese Innen- bzw. Drunteransichten, von außen nimmt man die Vielfalt nur oberflächlich war. Zum Beispiel beim Kinderabholen, wo man stille, unscheinbare, auch nach Jahren nur gebrochen deutsch sprechende Kopftuchmütter sieht, aber auch solche, die sich im einheimischen Dialekt engagieren, mal figurbetont und immer geschminkt, mal unförmig bemäntelt, und vermutlich mit vielen feinen Abstufungen, die ich gar nicht erkenne oder deuten kann, meine Fehlinterpretationen eingeschlossen.

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