Bücher

Granta 123, Best of Young British Novelists 4

Donnerstag, 2. Mai 2013

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Zum vierten Mal seit 1983 stellte das britische “Magazine of New Writing” Granta die derzeit besten 20 jungen Romanautoren Großbritanniens zusammen. Es sind diesmal acht Autoren und zwölf Autorinnen unter 40 und mit kunterbunten Lebenshintergründen.

Ich war sehr angetan und beeindruckt, weil alle Geschichten Blicke in neue Welten waren:

Kamila Shamsie bringt mich zurück in den ersten Weltkrieg und unter die Pashtunen, die für das britische Commonwealth kämpften.

Ned Beauman führt in eine chinesische Unterwelt, in der neue Drogen entwickelt werden und ein junger Laborspezialist eine Affäre mit einem westlichen Geschäftsmann beginnt.

Tahmima Anams Geschichte spielt unter den Gastarbeitern, die in Dubai die Wolkenkrater bauen.

Naomi Aldermen (die ich von ihrem Roman Disobedience kenne) nimmt uns mit in eine jüdische Familie im Londoner Stadtteil Hendon, zu der nach der rituellen Invokation am ersten Pessach-Abend der angerufene Prophet Elijah tatsächlich kommt.

Nadifa Mohamed zeichnet ein düsteres Bild von den Operationen der Revolutionsbrigaden in Somalia.

Mit David Szalays Geschichte erleben wir krumme Geschäfte von Ungarn in London.

Evie Wylds einzige Frau in einer australischen Schafschurtruppe ist eine weitere fremde Welt, aber leider dennoch sehr konventionell, vor allem im Vergleich zu den anderen.

Taiye Selasi wiederum lässt aus der Sicht eines jungen Chauffeurs wohlhabender Leute die Kluft zwischen Arm und Reich in Ghana lebendig werden.

Adam Thirlwell hat sich einen mitteljungen Mann ausgedacht, der in einem Motel in der US-amerikanischen Wüste neben einer ihm so gut wie unbekannten jungen Frau aufwacht, die sich als möglicherweise tot herausstellt.

Der Text von Steven Hall besteht eigentlich aus zweien: Auf rechten weißen Seiten berichtet ein Erzähler in der nahen Zukunft unter anderem von seiner Frau, die ihr Leben live ins Internet überträgt, er sieht ihr beim Schlafen zu. Auf den linken schwarzen Seiten steht umgekehrt und auf dem Kopf eine Geschichte, die 1854 spielt und sich um eine merkwürdige technische Erfindung dreht.

Adam Foulds bringt uns ins ländliche England und in den zweiten Weltkrieg – schwierige Beziehung zwischen Familienmitgliedern.

Benjamin Markovits erzählt eigentlich erwartbare Studentenepisoden aus einer US-amerikanischen College, und doch will ich wissen, wie es weitergeht.

Joanna Kavenna lässt eine Frau mittleren Alters in England auftreten, die, wie fast ihr gesamter Freundeskreis, viele ihrer Sachen auf dem Dachboden des einen Freundes lagert, der schon früh das Geld für ein eigenes Haus beisammen hatte. Jetzt will er den Dachboden nutzen, die Erzählerin muss ihren Kram wegschaffen.

Zadie Smith hat eine Schulgeschichte geschrieben, im Zentrum ein Bub, dessen Eltern von ihrem Marionettentheater leben.

Sarah Hall fängt mit ihrer Protagonistin in Idaho an, wo diese Tiere in einem Reservat betreut, bringt sie dann nach England, wo sie einen kleinen Gutachterinnenjob angenommen hat, um ihre Hippie-Mutter nach zehn Jahren mal wieder zu sehen.

Xiaolu Guo bringt uns in eine Flüchtlingsunterkunft in Lausanne, wo ein chinesischer Flüchtling erste Orientierung sucht.

Helen Oyeyemi schreibt über eine Aushilfskraft in einem kleinen Antiquariat in der US-amerikanischen Provinz und deren nur hab geglückten Versuch einer Geburtstagsparty.

Jenni Fagan nimmt uns mit in einem Bus, der in einer regnerischen Nacht London verlässt, wo der Fluss bedrohlich über die Ufer getreten ist.

Sunjeev Sahota macht Sheffield zum Schauplatz seiner Geschichte über eine Gruppe indische Tagelöhner und ihren Alltag in einem überfüllten Haus.

Ross Raisin erzählt eine Katastrophe, die mit der Überschwemmung eines Orts beginnt, der eben noch unter Dürre litt und mit Feuer endet.

Wollte man diese Textauswahl mit der zu den Bachmannpreisen in Klagenfurt vergleichen, und ich will jetzt einfach mal, stellt man fest: Geschichtenerzählen und Charaktere gehen vor Form, kaum stilistische Experimente. Zum Teil durchaus technisch originelles Erzählen, das aber nie wie Selbstzweck wirkt.

Auszeitjournal Mittwoch, 24. April 2013 – Jahrezeitenwechsel

Donnerstag, 25. April 2013

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Ein wundervoll sonniger Frühlingstag, der mir genug Vertrauen in den Wechsel der Jahreszeiten gab, dass ich die Sommerkleidung aus dem Keller holte und die Winterkleidung dorthin verstaute.

Winter ade.

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Jetzt fehlen mir nur noch zwei bis drei lange Winterabende, um die Sommersachen aufzubügeln.

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Stricken ist eigenartigerweise meine letzte Print-Bastion: Noch blättere ich am liebsten in Zeitschriften nach Pullis und Jacken, die ich stricken könnte, noch schlage ich in alten Handarbeitsbüchern Muster nach.
Der Edelwollfirma Lana Grossa bin ich besonders verbunden: Sie hat ihren Sitz in Gaimersheim, also direkt bei meiner Geburtsstadt, und war für mich als junges Mädchen in den 80ern der Inbegriff von unerreichbarem Luxus: Die Garne und Wollen waren ausgefallen, prächtig, kreativ, verschwenderisch – nichts davon hatte ich bis dahin mit Handarbeit verbunden. Schon die mondäne Einrichtung des Lana-Grossa-Geschäfts in der Ingolstädter Fußgängerzone (war es die Schmalzingergasse oder die Ziegelbräustraße?) war mit seinen eleganten schwarzen Regalen und edlen Teppichen Universen entfernt von allen anderen Wollläden – die Begriffe mondän und elegant waren genau das Gegenteil von dem, woran man bis dahin bei Stricken gedacht hatte. Leisten konnte ich mir die Wollen und Garne nicht; um mit ihnen arbeiten zu können, strickte ich – nur gegen Erstattung der Materialkosten – für andere Leute (ah, die Jacke aus schwarzem Angora, das in kleinen 20-Gramm-Knäueln verkauft wurde …).
Die Firma existiert immer noch, sogar immer noch mit Sitz in Gaimersheim, und sie gibt unter anderem die Strickzeitschrift Filati heraus (lernen auch Sie den Ausdruck “Statement-Strick”). Darin hatte ich einen Pulli gefunden, den ich mir stricken möchte. Nachmittags radelte ich nach Schwabing und kaufte das Garn dafür.

Morgens war mein Plan noch gewesen, mir auf dem Rückweg das erste Ballabeni-Eis der Saison zu holen, doch ich hatte den ganzen Tag böses Bauchweh, das mir den Appetit nahm. So genoss ich lediglich den Anblick der Wiesen um die Museen, gesäumt von grünenden und blühenden Bäumen, bunt von Menschen, die sich darauf niedergelassen hatten.

§

Auf dem sonnigen Balkon machte ich mich gleich an die Maschenprobe (ich stricke den Pulli mit Pfauenmuster einfarbig dunkelblau).

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Abends beehrte Stevan Paul nochmal München und las im Hukodi aus seinem Schlaraffenland. Das bedeutete diesmal nicht nur wundervolle Geschichten und viele herzerfrischende Begegnungen mit Münchner Foodbloggerinnen, sondern auch ein Menü, zubereitet von Hukodi-Wirt Sebastian Dickhaut. Die Räume waren knallvoll, doch der emsige Trupp hinter den Kulissen schaffte eine geordnete Versorgung aller Gäste.

Diesmal stellte Paulsen eine andere Geschichte ans Ende seiner Lesung, “Von der Kunst, ein Linsengericht zu kochen”. Der Anlass war ein trauriger: Stevan hatte am selben Tag erfahren, dass sein verehrter Lehrherr, “Monsieur” Albert Bouley, Held so vieler seiner Geschichten, am Dienstag verstorben war.

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Jakobsmuschel grün:
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Ochsenbackerl:
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Der abschießende Milchreis war ebenso köstlich, doch ihn ansehnlich zu fotografieren überstieg meine Künste weit.

Nachtrag: Die Perspektive des Kochs.

Heimspaziergang um Mitternacht in herrlichsten Frühlingsnachtdüften.

Marcelo Figueras, Sabine Giersberg (Übers.), Kamtschatka

Dienstag, 23. April 2013

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Der Mitbewohner, ein großer Spielespieler vor und nach dem Herrn, wusste bei Nennung des Romantitels sofort, woher er kommt: „Risiko“, sagte er, nannte also das weltweit gespielte Strategie-Brettspiel, mit dem er aufgewachsen ist. Im Roman ist es zwar die spezifisch argentinische Variante, TEG, aber er hatte Recht: Auf dieses Land rechts oben auf dem Spielbrett verweist der Titel. Spiele, phantasie-beflügelnde Orte, geheime Passwörter, die als Kommunikationscodes eine enge Verbindung zwischen Menschen herstellen, die einander lieben, innere und äußere Kämpfe – die Ebenen in diesem Roman von 2003 sind reich und dicht. Es erzählt ein zunächst namenloser Ich aus der Perspektive eines Erwachsenen seine Erinnerungen an einige Monate seiner Kindheit, als er 1976 zehnjährig mit seiner Familie in Argentinien in die politischen Umstürze geriet.

Kamtschatka von Marcelo Figueras beginnt mit dem Abschied, den der Bub am Ende der Geschichte von seinen Eltern nehmen muss, um mit seinem kleinen Bruder bei den Großeltern unterzukommen. Dann geht es zurück an den zeitlichen Beginn der Geschichte, in den Schulunterricht (die fünf Großkapitel des Romans sind auch mit Unterrichtsfächern betitelt). Die Mutter der Erzählers ist Physikerin an der Uni, sein Vater ist Anwalt, beide widmen ihren Söhnen viel liebevolle Aufmerksamkeit.
Die Eltern sind politisch sehr aktiv; als 1976 das Militär die Macht übernimmt und die ersten Oppositionellen verschwinden, versteckt sich die Familie in einem Landhaus. Zur Tarnung geben sie sich neue Namen, und konsequenterweise werden nur diese im Roman verwendet. Aus dem Erzähler wird Harry.
Dieser Harry ist einerseits aufgeweckt und intelligent, gleichzeitig noch ganz selbstbezogenes und unvernünftiges Kind. Diese Mischung ergibt eine ungewöhnliche Perspektive auf die Ereignisse. Teils naiv, teils mit eigenen Erklärungen schildert er die weiteren Ereignisse und mögliche Hintergründe. Die Froschperspektive ermöglich es ihm, viel zu erleben und zu schildern, doch eine Einordnung in größere Zusammenhänge ist schwer. Seine und die Wahrnehmungen seiner Familie haben viel Ähnlichkeit mit der der Kröten, die nachts im ungepflegten Swimming Pool des Landhauses orientierungslos ertrinken. Gleichzeitig nutzt der Erzähler aus Erwachsenenperspektive den Abstand und die Erkenntnisse von 25 Jahren für Ausblicke und Analysen.

Der Roman ist eine meisterliche Mischung aus leichtfüßiger Erzählfreude und inhaltlichem Reichtum, aus der sich viel Komik ergibt. Ob es die unkonventionelle Figur der Mutter ist, die Leidenschaft des Erzählers für Superhelden oder Entfesselungskünstler (auch hier viel Material für allegorische Bezüge), die Schilderung von Religion (Erzähler und Bruder wurden atheistisch erzogen und kommen an der neuen Schule erstmals in intensiven Kontakt mit Katholizismus) oder die nachvollziehbare Ratlosigkeit der Erwachsenen, was gerade passierte und wie es weitergehen würde: 1976 begannen in Argentinien Menschen zu verschwinden, doch die Eltern des Erzählers und ihre Freunde wussten damals nur, dass sie von Autos ohne Kennzeichen abgeholt wurden. Dass sie zu Folter und Mord verschleppt wurden, war damals offenbar noch undenkbar. Einige Erzählstränge werden sogar nur angerissen (Was wird es wohl sein, was die exzentrische Großmutter Mathilde noch wie angekündigt so politisiert?).

Die deutsche Version schien mir auffallend gut übersetzt; zum Beispiel findet Sabine Giersberg immer wieder elegante Lösungen, spanische Wörter oder Liedtexte, die in ihrer Ortsbezogenheit nur auf Spanisch funktionieren, durch unauffällige Übertragungen in Klammern zu behalten.

Leanne Shapton, Swimming Studies

Freitag, 15. März 2013

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Mich würde wirklich, wirklich interessieren, ob jemand mit diesem Buch etwas anfangen kann, der sich überhaupt nicht fürs Schwimmen interessiert. Ich war von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, aber mir hat Schwimmen schon immer viel Freude bereitet, auch wenn ich nie Schwimmsport betrieben habe. Während der Woche der Lektüre lebte ich so im Chlordunst von Leanne Shaptons Swimming Studies, dass ich es unbedingt eine Weile im tatsächlichen Chlordunst lesen wollte.

Also radelte ich an einem klirrend kalten Märztag hinaus ins Olympiabad. Nach meiner Schwimmrunde duschte ich mich und zog mich um, dann setzte ich mich auf die Zuschauerbänke über dem Becken, machte mit einem mitgebrachten Käsebrot Brotzeit und las ein paar Kapitel.

Leanne Shapton, geboren in Toronto, ist heute Grafikerin in New York und hat ihre Jugend als Leistungsschwimmerin in Kanada verbracht. Schwimmen ist das zentrale Element in ihrem Leben, und so erzählt sie ihr Leben anhand des Schwimmens. Zwei Zeitlinien sind dabei verwoben: Zum einen ihre Schwimmkarriere, die sie mit elf Jahren begann. Zum anderen ihr Leben, nachdem sie diese Karriere aufgab, nicht aber das Schwimmen. Sie erzählt nicht nur in Wörtern: Wichtige Elemente sind auch Zeichnungen und Fotografien.

Vieles an Shaptons Schilderungen überraschte mich. Mir war unter anderem nicht klar, dass auch Wettkampfschwimmerinnen unterhalb internationaler Wettkämpfe (Shapton schaffte es nicht in den olympischen Kader Kanadas) ein knochenhartes Training absolvieren: Täglich zwei Einheiten, eine davon vor der Schule (Wecker klingelt um 4.45 Uhr), Blocktraining zwischen Weihnachten und Silvester, in dem sie praktisch nur zum Schlafen aus dem Wasser kommen. Dass man als Wettkampfschwimmerin ununterbrochen Schmerzen hat.

Shapton schildert das in einer wundervollen Mischung aus Sachlichkeit (Trainingsstruktur, Tagesablauf) und Poesie (in immer neuen Bildern der Gegensatz zwischen dem Dampf und der Wärme im Hallenbad und der Kälte des Winters vor den Hallentüren). Wir lernen sie und ihren Ehrgeiz kennen, ihren Bruder, ihre Eltern, ihre Kindheit, ihr Größerwerden, ihre Trainer. Und es geht darum, wie es ist, etwas (ungebeten) sehr gut zu können.

Es tauchen so viele Aspekte dieser Schwimmleidenschaft auf, dass sie wie eine Wasseroberfläche schillern. Zum Beispiel wie sehr sie sich über das Schwimmen definiert, wie attraktiv, weiblich und elegant sie sich dabei fühlt (Schwimmen gehört für mich zu den wenigen Momenten, in denen ich mich nicht wie ein Trampel fühle):

I believed, for a while, in the aphrodisiacal qualities of my swimming. Sometimes, doing laps somewhere, I’d think: If only he could see me swim, he’d fall in love.

Und doch hatte sie davor geschildert, dass im Schwimmverein ihrer Jugend körperliche Blöße so alltäglich war, dass die jungen Männer aus dem Verein immer erst in Straßenkleidung interessant für sie wurden.

Shapton geht auf Schwimmbrillen ein, auf ihre persönliche Schwimmbrillengeschichte. Wie sich das Schwimmen für eine Schwimmerin anhört. Auf die zwischenmenschliche Dynamik in Sportlergruppen. Sie schildert das Unbehagen, das die meisten Sportschwimmer im freien Wasser empfinden. (Hier erst wurde mir bewusst, dass ich im Meer oder in den vergangenen Jahren einem See immer ein wenig ratlos bin: Schwimmen geht hier schon auch, fühlt sich aber kraft- und ziellos an.)

Und dazwischen immer wieder Zeichnungen und Aquarelle: Shapton malt verschiedene Gerüche des Schwimmtrainings. Sie malt Schwimmer und Schwimmerinnen, zeigt seitenweise konkrete Schwimmbäder als dunkle Flächen. Zu ihren Geschichten der zweiten Erzähllinie gehört das Schwimmen in Frei- und Hallenbäder auf der halben Welt, die Beschreibung der Orte und der Menschen, die sie dort antraf. Da fand ich mich wieder persönlich, denn in der Ferne Schwimmen zu gehen gehört zu den Abenteuern, für die selbst ich Langweilerin mich begeistere. In Swimming Studies wird sogar ein Schwimmbad genannt, in dem ich selbst schon geschwommen bin: Das Berliner Stadtbad Mitte.

Shapton beschreibt ihr jetziges Zuhause, die Bilder, Gemälde, Fotos mit Schwimmmotiven die es dort gibt.
Sie zeigt im Buch ihre Badeanzug-Sammlung wie Kunstwerke, komplett mit Muster- und Materialbeschreibung sowie genauen Umstände des Erwerbs und des Einsatzes.
Sie nennt Romane, Filme, Dokumentationen um Schwimmer und Schwimmerinnen. Und an dieser Stelle, fast am Ende des Buches erklärt sie deren besonderer Faszination:

the parts I find most touching are the interiors, the kitches, the glasses of milk, a swimmer eating dinner from a plate set atop a television set, lamplight, parents, teal duvets, socks on staircases, and carpeted hallways.

Das sind genau die Details, die auch Shapton uns zeigt, und es sind genau diese Einblicke, die mich am meisten berührten.

Es gibt eine deutsche Übersetzung, Bahnen ziehen, von Sophie Zeitz.

Interessante Besprechungen des Buchs:
New York Times
The Guardian
The New Yorker
The Telegraph
National Post

Und in diesem kurzen Video erzählt Leanne Shapton selbst, was sie mit Swimming Studies sagen wollte.

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Zwei Podcast-Empfehlungen oder: Nebenwirkungen des Strickens

Sonntag, 10. März 2013

Meine Genesung schreitet voran, reines Stricken ist mir mittlerweile zu langweilig. Stricken beim Fernsehen geht schon auch, doch wenn Fernsehen schon mal gut genug ist, dass ich es aushalte, möchte ich auch alles sehen (was ich beim Stricken nicht kann, ich muss regelmäßig auf mein Genadel schauen – und das wo ich weiß, dass manche Menschen sogar bügeln können ohne hinzuschauen). Also höre ich Podcasts, der Mitbewohner ist eine erstklassige Tippquelle. Zum Beispiel hatte er mir bereits vor Monaten eine Folge des Lexicon Valley Podcasts empfohlen, über sprachliche Anachronismen in Downton Abbey, Mad Men und bei Edith Wharton. Diese Empfehlung gebe ich hiermit dringend weiter.

Unter anderem interviewen die beiden Podcaster den Historiker Ben Schmidt, der die Dialoge aus den genannten Fernsehserien durch Analyseprogramme mit dem riesigen Vergleichskorpus schickt, der durch Googles eingescannte Bücher entstanden ist. So findet er heraus, welche Wörter und Formulierungen der Serien seit wann tatsächlich verwendet werden. Auch um die Hintergründe dieser Methode geht es, außerdem überlegt der Podcasts, warum sich die Drehbuchschreiber der Gefahr linguistischer Anachronismen wohl weniger bewusst sind als der technischer oder gesellschaftspolitischer Anachronismen.

Und weil ich so begeistert war, hörte ich mir gleich noch einen weiteren Lexicon Valley Podcast an: “About the all-important role that language translation (and mistranslation) plays in our lives“.

Wieder profitiert die Folge von einer spannenden Interviewpartnerin: Natalie Kelly hat zusammen mit Jost Zetzsche das Buch Found in Translation: How Language Shapes Our Lives and Transforms the World veröffentlicht und erzählt sehr spannend vom Übersetzen und seiner Rolle in der internationalen Kommunikation. (Ich glaube, Natalie Kellys ungemein bezauberndes Lachen schneide ich mir mal einzeln raus, um es als Instant-Glücklichmacher jederzeit zur Verfügung zu haben.) Zudem begründet Kelly sachlich überzeugend, warum es auch bei noch so guter Computerlinguistik immer Menschen als Übersetzerinnen brauchen wird.

Sehr nett fand ich die Geschichten, in denen Übersetzer, vor allem Simultanübersetzer, auch Außersprachliches mitübersetzen müssen, um den Inhalt zu treffen. Dazu kann ich auch eine Anekdote beitragen.

Anfang der 90er promovierte eine englische Freundin in russischer Literatur über Tschingis Aitmatow und die Wurzeln seiner Werke in kirgisischer Mythologie.1 In Deutschland war Aitmatow sehr bekannt und beliebt, von allem wegen seines Romans Dshamilja. Ich lebte damals in Augsburg und entdeckte eines Tages Plakate, die eine Lesung von Tschingis Aitmatow in Augsburg ankündigten. Sofort gab ich meiner Freundin Bescheid, die diese Lesung dann für einen ohnehin seit langem ausstehenden Besuch bei mir nutzte. Sie sprach zwar kein Deutsch, aber fließend Russisch und wollte diese Gelegenheit für ein direktes Gespräch mit Aitmatow nutzen.

Wir saßen also nebeneinander in der Kongresshalle, auf der Bühne der mächtige, weißhaarige Kirgise und seine Übersetzerin. Nach der Lesung auf Russisch und Deutsch erzählte Aitmatow noch ein wenig und antwortete auf Fragen der literarischen Gastgeber und aus dem Publikum. Die Übersetzerin übersetzte seine langen Antworten stückweise ins Deutsche, das Publikum lachte über die Scherze. Doch meine Freundin wurde immer unruhiger. Sie verstand zwar kein Deutsch, doch sie hörte sehr wohl das Gelächter – und war darüber bestürzt: “He is not joking!” flüsterte sie mir irgendwann zu und dann kopfschüttelnd immer wieder. Nach der Lesung erklärte sie mir, dass Aitmatov in reinstem Sovjet-Kadersprech selbstherrlich über sich und seine Leistungen schwadroniert habe, dass sie nichts von dem Menschen erlebt habe, den sie sich auf der Basis seiner Werke vorgestellt hatte. Ihre Bestürzung ging noch viel weiter: Durch diesen direkten Kontakt mit Aitmatov war der Autor nun in ihrer Wahrnehmung schlicht ein ausgesprochen geschickter Opportunist, der sich mit jeder Macht in Kirgisien bestens gestellt hatte, der auch seine Werke schlicht auf Marktbedürfnisse ausrichtete. Sie brach ihre Ph.D. thesis ab und schulte auf Jura um (kein Scherz).

Warum also die deutlich andere Übersetzung in der Augsburger Kongresshalle? Vielleicht passte das selbstbeweihräuchernde Salbadere des Herrn so überhaupt nicht zu dem Bild, das man in Deutschland von Aitmatow hatte, dass die Übersetzerin automatisch davon ausging, dass es scherzhaft gemeint war.

  1. Von dieser Freundin habe ich die wunderbare Erklärung von socialist realism: “Boy meets girl meets tractor.” []

Gunter Frank, Schlechte Medizin

Sonntag, 6. Januar 2013

Statistiken sind nur so gut wie die Daten, auf denen sie basieren, und dann müssen sie noch sauber interpretiert werden. Aufmerksame Zeitungsleserinnen wissen schon lange, dass jedes Detail daran im Argen liegt, doch in wenigen Gebieten hat dieser Umstand so gravierende Auswirkungen wie in der Medizin. Gunter Frank nimmt sich in Schlechte Medizin den Alltag in deutschen Arztpraxen vor: An einem konkreten Beispiel zeigt er, wie gesunde Menschen in der Konsequenz zu Kranken erklärt werden, und wie man ihnen oft durch unnötige Therapien und Medikamente schadet. Vom Konkreten geht es schnell zu Weiterreichendem.

Frank untersucht die Ursachen und ist schnell bei Fahrlässigkeit in wissenschaftlicher Methodik. Bei dieser Gelegenheit lernen wir unter anderem den Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko.

An Beispielen erklärt Frank, welche die Kriterien für saubere Studien sind (bei dieser Gelegenheit erfahren wir die genaue Definition von „Evidenzbasierter Medizin“) und an welchen Stellen das Risiko von Fehlinterpretationen am höchsten ist.

Ins Zentrum stellt der Allgemeinmediziner dabei die eherne Säulen der deutschen Gesundheitspolitik: Risikofaktoren sind als truth universally acknowledged
- Hoher Cholesterinspiegel
- Hoher Blutdruck
- Rauchen
- Ungesunde Ernährung
- Bewegungsmangel
- Übergewicht
Er geht der Quelle für diese Definition nach und landet bei „Framingham: Die Mutter aller Studien“, durchgeführt in den 50ern und 60ern in einem bestimmten US-amerikanischen Ort. Nur dass die Daten dieser Studie die aufgeführten Schlüsse gar nicht zulassen. Einzige Ausnahme: Rauchen ist nach diesen und allen weiteren Studien wirklich ein Risikofaktor. Bei allen anderen gilt: Kommt ganz darauf an, nämlich auf viele weitere Umstände. Und Cholesterin ist eigentlich seit vielen Jahren und nach einigen wirklich sauberen Studien völlig aus dem Schneider.

Frank forscht sich durch weitere Ebenen der deutschen Medizinerausbildung und Gesundheitspolitik, um belastbarere Quellen für diese Standardlehre zu finden – mit ähnlichen Ergebnissen. Was ihn zur Frage führt, wie denn überhaupt etwas zur Lehrmeinung in der Medizin wird (also ein Inhalt, der im Examen abgefragt wird) und wie es um die wissenschaftlichen Standards an Universitäten bestellt ist. Auch hier kommen interessante Einzelheiten zutage.

Zuletzt befasst Frank sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der vorher untersuchten Umstände, mit Gesundheitsdiktatur und Gesundheitsmoral. Dabei führt er zahlreiche Belege dafür an (die wir Damen und Herren aus der Abteilung fat acceptance oft schon kennen), dass die herrschende Ideologie gruppendynamischen Zielen dient, keineswegs aber gesundheitlichen.

Wie sehr oft bei solchen aufdeckerischen Büchern bleibt bei mir immer ein Rest Skepsis, ob der Autor selbst den Standards genügt, deren Verfehlen er anderen vorwirft. Doch um das herauszufinden, müsste ich mich durch 14 Seiten Quellen lesen und mir die kritisierten Studien ebenfalls vornehmen. So oder so habe ich aus der Lektüre eine Menge Hintergrund des deutschen Medizinwesens gelernt.

Zudem weiß ich jetzt von der Existenz des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das auf seiner Website überprüfbar und sauber, den “Stand des medizinischen Wissens” wiedergibt. Dicke Empfehlung.

Bücher 2012

Montag, 31. Dezember 2012

Sternchen markieren meine besonderen Empfehlungen, Klammern ein explizites Abraten. Die unmarkierten Bücher habe ich gerne gelesen: Die nicht gern gelesenen, deren Lektüre ich abgebrochen habe, tauchen nämlich hier gar nicht erst auf.

1 – Wolfgang Herrndorf, Sand*
(Mein erstes E-Book!) Abenteuerfilme der 30er und 40er, James Bond, Our Man in Havana, Drogendelirien, Spionagethriller – all diese Assoziationen begleiteten mich bei der Lektüre, und doch hat Herrndorf etwas ganz Eigenes geschrieben. Die Spannung, die die Handlung erzeugt, ist nicht von atemloser Neugier auf den Fortlauf der Handlung getrieben, sondern von ständiger Bedrohung und dunkler Vorahnung. Zudem sind die Handlungsstränge so geschickt aufgehängt und geknüpft, dass sich erst nach dem ersten Drittel überhaupt sowas wie ein Gesamtbild ergibt. Und das mit Personenzeichnungen, die mich richtig mitleiden ließen. Saugut gemacht, mit Extras.

2 – Julian Barnes, The Sense of an Ending

3 – Christian Stöcker, Nerd Attack! Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook*
Hier ausführlich besprochen.

4 – Juan Moreno, Teufelsköche. An den heißesten Herden der Welt
(Wäre eigentlich ganz nett, wenn es nicht auffallend schlecht lektoriert und schlampig gestaltet wäre, so richtig mit Fehlern.)

5 – Mariana Leky, Die Herrenausstatterin

6 – Johnny Haeusler, I Live by the River!*
Die besten Geschichten, die wir auf Spreeblick schon liebten, plus neue – gut geschrieben, herzerfrischend beobachtet.

7 – Jonathan Evison, All About Lulu

8 – Granta 118, Exit Strategies

9 – Matt Ruff, Fool on the Hill*
Nach Langem wiedergelesen. Ich hatte bereits vergessen, wie ungeheuer dicht Ruffs Erstlings erzählt ist. Allerdings fürchte ich, dass ein großer Teil des Zaubers bei einer heutigen Erstleserin nicht funktionieren wird: Die gesamte Tolkienwelt war vor 20 Jahren noch exotisch und nerdig, heute ist sie Mainstream. Immer noch schön aber die Studentenhäuser, die Hunde-Queste, die Personen.

10 – Katja Berlin, Peter Grünlich, Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt.

11 – Kathrin Passig, Aleks Scholz, Kai Schreiber, Das neue Lexikon des Unwissens*
Empfehlung aus denselben Gründen, aus denen ich schon Das Lexikon des Unwissens empfahl.

12 – Pia Ziefle, Suna*
Hier ausführlich besprochen. Mein Buch des Jahres, bereits reichlich verschenkt.

13 – Jennifer Egan, A Visit from the Goon Squad*
Die 13 Kapitel aus dem Musikbusiness kann man als Kurzgeschichtenzyklus lesen oder als Roman – ich neige zu originell erzähltem Roman. Mit den Figuren und ihrer Beziehung zu Musik erleben wir kulturelle Veränderungen der westlichen Welt (auch aus der Zukunft wird erzählt), getrieben unter anderem durch technische Entwicklungen.

14 – V. K. Ludewig, Ashby House

15 – Maximilian Buddenbohm, Marmelade im Zonenrandgebiet*
Hier ausführlich besprochen.

16 – Lorenzo Carcaterra, Sleepers*
Ich kannte vorher vage die Handlung, weil ich von der Verfilmung von 1996 wusste. Doch vor dem verhängnisvollen Streich der vier jungen Burschen, der sie in die Hölle eines Jugendgefängnisses bringt, erzählt Carcaterra über 200 Seiten vom Aufwachsen im New Yorker Stadtviertel Hell’s Kitchen (heute Clinton), und das ist ganz großartig und lebendig. Es geht eine große Menschlichkeit und Wärme von diesem Roman aus, auch wenn er eigentlich immer wieder entsetzliche Geschehnisse beschreibt.

17 – Markus Werner, Zündels Abgang

18 – Matt Ruff, The Mirage

19 – Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege*
Hier ausführlich besprochen.

20 – Astrid Paul, Arthurs Tochter kocht. Mein B_Logbuch

21 – Paul Bokowski, Hauptsache nichts mit Menschen

22 – Georg Schramm, Lassen Sie es mich so sagen…

23 – John Irving, In One Person
Hier ausführlich besprochen, obwohl ich es für nicht besonders gut halte.

24 – Katherine Boo, Behind the Beautiful Forevers*
Hier ausführlich besprochen.

25 – Granta 119, Britain

26 – Jenny Lawson, The Blogess, Let’s Pretend this Never Happened

27 – Alexandra Tobor, Sitzen vier Polen im Auto*
Hier ausführlich besprochen.

28 – Martin Suter, Der Koch

29 – Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt*
Nach dem ersten Viertel des 300-Seiten-Romans schoss mir durch den Kopf: Ein amerikanischer Schriftsteller hätte aus dem Stoff garantiert einen 900-Seiten-Wälzer gemacht. Mich faszinierte, wie Kehlmann den Faktenreichtum komprimierte und zum Hintergrund machte, um seine eigentliche Geschichte zu erzählen. Und wie er die unterschiedlichen Spinner als Hauptfiguren der Geschichte lebendig macht.

30 – Nora Ephron, Heartburn

31 – Malte Welding, Versiebt, verkackt, verheiratet

32 – Stefan Zweig, Ungeduld des Herzens*
Wiedergelesen nach 25 Jahren. Heute fallen mir manche überholte Sichtweisen auf, unter anderem auf körperliche Versehrtheit. Doch der innere Kampf eines ganz normal feigen Menschen ist zeitlos, und Zweigs Erzählkunst nimmt uns mit in damals schon untergegangene Zeiten und Welten.

33 – Hanns-Josef Ortheil, Die Moselreise*
Ein seltsames Kind, dieser Hanns-Josef, der schon mit elf Jahren während einer Wanderung mit seinem Vater entlang der Mosel literarische Notizen macht. Diese Notizen aus den 60er hat der Erwachsene Hanns-Josef zu einem Buch gemacht, das indirekt und direkt viel über die Zeit, die Gegend und den Personen vermittelt. (Und in mir Sehnsucht nach einer Mosel- oder Neckarreise weckte.)

34 – Stephen King, On Writing*
Er kann halt schreiben, der Herr King, auch wenn er übers Schreiben schreibt. Das Ergebnis ist eine sehr persönliche Schreibanleitung – durchaus für die Art von Büchern, die Stephen King schreibt und liebt. Für mich der Kernpunkt: Schreiben darf Spaß machen! Verbunden mit der Aufforderung: Einfach jeden Tag ein paar Stunden hinsetzen und schreiben, irgendwann wird schon was draus. Gleichzeitig ist das Buch eine lesenswerte Autobiografie.

35 – Fruttero & Lucentini, Dora Winkler (Übers.), Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz

36 – Marcella Hazan; Anne Görblich-Baier, Susanne Schmidt-Wussow, Elke Trautwein (Übers.), Marcellas Geheimnisse
(Das enttäuschendste Buch des Jahres, weil diese “Geheimnisse” zu großen Teilen faktischer Blödsinn sind.)

37 – Kathryn Stockett, The Help*
Eine sehr lebendige und mitreißende Geschichte, die die stereotype Kulisse einer bestimmten Gegend und Zeit von hinten zeigt: Geschichten und Filmbilder der Vereinigten Staaten am Anfang der Bürgerrechtsbewegung kennen wir fast nur aus weißer Sicht, The Help stellt die schwarzen Hausangestellten in den Mittelpunkt. Akteurin ist zwar zum großen Teil eine junge weiße Frau, doch die Hausangestellten sind keineswegs begeistert oder gar dankbar über ihre Einmischung.

38 – Domingo Villar, Ojos de agua

39 – Barbara Vine, The Brimstone Wedding

40 – J.R. Moehringer, The Tender Bar

41 – Dorothy Parker, The Best of Dorothy Parker

42 – Suzanne Collins, The Hunger Games

43 – Granta 120, Medicine*
Nach Langem wieder eine rundum gelungene Ausgabe dieses “magazine of new writing”: Von Medizinern geschriebene literarische Geschichten bis zu Medizingeschichten von Literaten, fast alle sehr persönlich.

44 – Matthias Politycki, London für Helden

45 – Suzanne Collins, The Hunger Games. Catching Fire

46 – Irina Liebmann, Stille Mitte von Berlin*
Vorgeblich ein Fotoband, doch gefangen hat mich der Text zu den Bildern. Liebmann erzählt nämlich, welchen Charakter die fotografierten Straßenzüge Anfang der 80er hatten und wie sie sich auf die Suche nach ihrer Geschichte machte, in Archiven und in Gesprächen mit den alten Bewohnerinnen. In diesem Fall sagten die tausend Worte erheblich mehr als die Bilder.

47 – Douglas Adams, Dirk Gentley’s Holistic Detective Agency

48 – Stevan Paul, Schlaraffenland*
So liebevoll und aufwendig gemachte Bücher werde ich immer auf Papier und als Druckobjekt haben wollen: Die Typo, geprägter Titel, stilsicherer Einsatz von Farbe, der Satzspiegel, ein Lesebändchen – ganz, ganz bezaubernd. Und Stevans Geschichten sind herrlich. Sein erzähltechnisches Können hat sich seit seinem bereits sehr lesenswerten Erstling deutlich weiterentwickelt, vor allem das indirekte Erzählen, das ein noch besseres Setzen von Pointen ermöglicht. Die Rezepte mochte ich umgehend nachkochen.

49 – Suzanne Collins, The Hunger Games. Mockingjay

50 – Ray Bradbury, Fahrenheit 451*
Ich hatte den Roman vor vielen Jahren schon mal gelesen (veröffentlicht 1953, war er auch damals nicht frisch) und war beim Wiederlesen erstaunt, wie gut er altert. Gleichzeitig erschreckte mich, zu wie vielen gesellschaftlichen und politischen Zeitereignissen die Schilderungen passen.
Dass es in Fahrenheit 451 um das systematische Verbrennen von Büchern geht, wissen wahrscheinlich alle, die von dem Roman (oder dem gleichnamigen Film) wissen. Doch den Grund dafür hatte ich vergessen: Bücher und die enthaltenen Gedanken verwirren die Menschen, sorgen für gesellschaftliche Unruhe und für Gewalt – denn irgendjemand fühlt sich immer von den Inhalten angegriffen, herabgesetzt oder verletzt, und sei es nur von einem Detail. Deshalb ist es dem sozialen Frieden am förderlichsten, wenn es gar keine Bücher gibt – niemand kann Anstoß nehmen. (Erzählen Sie bloß dem Herrn Friedrich nichts von der Idee.)
Ebenfalls vergessen hatte ich, wie lebendig und metaphernreich Bradbury erzählt, wie er kalte Technik durch Vergleiche zu Mythologie oder Natur macht.

51 – Zadie Smith, NW*
Auch wenn sie wohl nie wieder so großartig schreiben wird wie in White Teeth, nutzt Zadie Smith ihre Erzählwerkzeuge hier meisterlich. Auf verschiedenen (nicht markierten) Zeitebenen, aus unterschiedlichen personalen Perspektiven erleben wir in NW den Londoner Stadtteil, aus dem Zadie Smith kommt.

52 – Oya Baydar, Monika Demirel (Übers.), Verlorene Worte

53 – Tex Rubinowitz, Rumgurken

54 – Marlen Haushofer, Die Wand*
Ein erratischer Block der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Reduzierter Schauplatz, reduzierte Sprache, eine unglaubliche Vielschichtigkeit, die sich hinter der scheinbar banalen Oberfläche entfaltet. Nicht nur hat mich der Roman auch beim Wiederlesen emotional mitgenommen, ich halte ihn auch vorbildlich in Informationsvermittlung und Sprache.

55 – Isabel Bogdan, Sachen machen

56 – A.L. Kennedy, The Blue Book*
A.L. Kennedy schreibt auf recht unterschiedliche Weise ziemlich verschiedene Geschichten. Bislang hat mir noch jede gefallen, ob Kurzgeschichte (die mir manchmal technisch ein wenig zu clever sind) oder Roman. Was sie eint: Ein tiefes, verständiges Zeigen (showing) der Personen und ihrer Interaktionen. Die Haupthandlung von The Blue Book spielt auf einem Ocean Liner, eine Frau mittleren Alters begegnet einem Mann wieder, von dem wir im Lauf der Handlung und in Rückblicken erfahren, dass er lange ihr Lebensgefährte war – als sie beide noch mit Hellseher-Shows auf Tour waren. Ebenso erfahren wir, wie sie zu den gebeutelten und verletzten Seelen wurden, die sie jetzt sind. Den vielschichtigen Hintergrund bilden das Schiff und der Alltag darauf, außerdem Einblicke in die Welt der Hellseher. (Allerdings gab es in meiner Leserunde einige, die von der Hin-und-Her-Interaktion der Hauptfiguren sehr genervt waren.)

57 – Alan Moore, David Lloyd, V For Vendetta*
Hier ausführlich besprochen.

58 – Kathrin Passig, Sascha Lobo, Internet – Segen oder Fluch*
Hier ausführlich besprochen.

59 – Susanne Englmayer, Vater. Mutter. Kind.

60 – Tanja & Johnny Haeusler, Netzgemüse*
Hier ausführlich besprochen.

61 – Granta 121, The Best of Young Brazilian Novelists

62 – Martina Kink, Bad Hair Years

63 – Richard Price, Peter Torberg (Übers.), Clockers

64 – Friedrich Torberg, Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlands in Anekdoten*
Für meine Leserunde las ich nach Jahren mal wieder mein Lieblingsbuch. Und entdeckte auch bei der dutzendsten Lektüre noch Neues. Ausführlich darüber geschrieben habe ich schon 2003. Weiterhin das eine Buch, das ich wirklich jedem und jeder empfehle.