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Journal Freitag/Samstag, 19./20. Mai 2017 – Schwieriges Bewegungstracken

Sonntag, 21. Mai 2017

Freitag war nochmal ein heftiger Arbeitstag.
Der Wetterumschwung, den ich für Donnerstagabend erwartet hatte, kam am Nachmittag: Dräuende Wolken, Unwetterwarnung, Temperatursturz. Auf dem Heimweg war es für meine kurzen Ärmel bereits deutlich zu frisch.

Herr Kaltmamsell hatte zum Nachtmahl aus Ernteanteil ein köstliches Spinat-Kartoffel-Curry mit Chapatis zubereitet.

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Am Samstagmorgen hatte sich das Wetter beruhigt, es war lediglich noch sehr kühl. Da ich keine Lust hatte zu bloggen, kam ich schon um neun zu meinem Isarlauf los:

Freitagabend hatte ich festgestellt, dass meine Bewegungs-App Moves nach dem donnerstäglichen Update nicht mehr funktionierte: Sie startete erst nach mehrfachen Versuchen, nur damit ich dann feststellte, dass meine Bewegungen nicht getrackt wurden. Das bestätigte sich auch nach Neuinstallation am Samstag: Moves kriegte nichts mehr mit und stürzte bei neun von zehn Startversuchen ab.

Also installierte ich doch Runtastic. Eine ganze Weile war ich damit beschäftigt herauszufinden, wo ich Meldungen und Benachrichtigungen ausschalte. Die Newsletterfunktion konnte ich erst nach den ersten erhaltenen wegklicken. Ich nehme an, dass ich wie bei Facebook erst über Wochen durch unerwünschte Mitteilungen auf die Spur ihrer Abmeldung komme.

Nach mittäglichem Frühstück ging ich in die Fußgängerzone für Einkäufe: Ich brauche zwei Paar Sandalen (ein Paar für Langstrecken – die alten sind eigentlich schon seit zwei Jahren nicht mehr vorzeigbar, ein Paar rote – die letztjährigen aus Brighton sind bereits kaputt), außerdem wollte ich mich nach einer wohlduftenden, edlen Körperlotion erkundigen. Doch ich kam nicht weit: Marienplatz und angrenzende Straßen waren für Fußballfans reserviert (das erklärte die Fußballspielerverkleidungen, die mir bereits auf dem Hinweg aufgefallen waren), ich hätte riesige Umwege laufen müssen, um zu den angestrebten Geschäften zu gelangen. Zähneknirschend verschob ich meine Einkäufe auf den freien Freitag, mein Groll auf das sensationell erfolgreiche Fußballmarketing der vergangenen 20 Jahre wuchs weiter.

Nachmittags so schnell wie möglich Eduardo Mendoza, Peter Schwaar (Übers.), Katzenkrieg ausgelesen – wieder ein Reinfall: Einerseits seitenweise ermüdende Darlegungen der politischen Lage in Madrid kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs (verbrämt als Unterhaltung zwischen den Beteiligten oder gleich als Reden in politischen Versammlung), andererseits eine Handlung, deren Melodramatik mit Gefühlen nur in Extremen den englischen Romancen des 18. Jahrhunderts Konkurrenz machte.

Da der Rosentag dieses Jahr auf einen Sonntag fällt, zogen Herr Kaltmamsell und ich das Festessen dazu vor: Wir gingen ins Vinaiolo aus (die eigentlichen Wunschrestaurants waren bereits ausgebucht gewesen). Gut gegessen in schöner Umgebung.

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Sehr schöne Aktion, die auch mich ach so liberale weiße Großstädterin ihrer rassistischen Stereotypen überführt.
„These Profound Photos Masterfully Turn Racial Stereotypes On Their Head“.

Am falschesten sieht für mich das Fußpflegefoto aus – vielleicht weil es am ehesten mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun hat?

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Musik zum Sonntag – ich habe mich sehr gerne erinnert.

Legendäre Reime.

Journal Mittwoch, 10. Mai 2017 – re:publica 2017 Tag 3

Donnerstag, 11. Mai 2017

Gleich um 10 Uhr gab es keine Session, die mich wirklich interessierte, also ließ ich mir Zeit mit Bloggen, Packen, Kaffeetrinken und Auschecken aus dem Hotel.

Dass ich eine zerschleißende Jeans im Hotel wegwerfen würde, war geplant gewesen (planen sie auch so gerne den letzten Einsatz eines Kleidungsstücks im Urlaub, um es dort wegzuwerfen?), dass sich meine weißen und völlig durchgelaufenen Schnürschuhe ebenfalls auflösen würden, machte auch sie zu Müll, den ich nicht wieder mit nach Hause nahm.

Ich rollkofferte über den Gleisdreieck-Park zur Station, sah unterwegs Kaninchen.

Ein wenig als Katze auf dem Schrank rumgeguckt, dabei das mitgebrachte riesige Schweineohr (mit Schokolade!) gefrühstückt. Mit anderen Katzen gekuschelt.

Mit den nächsten beiden Sessions hakte ich zwei Vorhaben auf einmal ab: Ich setzte mich zu einem Thema, das mich eigentlich überhaupt nicht interessierte (gehört zu meinen Pflichtpunkten auf er re:publica zwengs Horizonterweiterung), und ich hatte damit einen Sitz sicher für die anschließende Session mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Und wie immer erwies sich das uninteressante Thema als höchst spannend: Drohnen. Der Begriff wurde nicht trennscharf verwendet. In ihrem Vortrag „From killing to healing: A tool called ‚Drone'“ sprach Ingenieurin Samira Hayat von Quadrokoptern. Sie gab zu, dass sie selbst ihrem eigenen Vater die Ängste vor dieser Technik nicht nehmen kann, plädierte aber leidenschaftlich für optimistischen Umgang damit und für Forschung an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

Pratap Chatterjee und Lisa Ling stellten anschließend die Gefahr und Unzuverlässigkeit echter Drohnen dar: „DRONE, Inc.: Marketing the Illusion of Precision Warfare“. Eine ziemlich gruslige Innensicht.

Und dann füllte sich der riesige Saal 2 sehr und sehr schnell: Thomas de Maizière war zum netzpolitischen Dialog gekommen. Ich fand seine Ausführungen durchaus interessant, doch sie und auch die anschließende Diskussion mit Markus Beckedahl und Constanze Kurz (mit streng formalisierten Redezeiten) setzten viel Vorwissen darum voraus, was netzpolitisch in den vergangenen Jahren passiert ist und debattiert wurde; einige Schlagworte gingen völlig an mir vorbei. Bei Spiegel online steht eine gute Zusammenfassung. Ich fand bemerkenswert, dass sehr respektvoll und sachlich miteinander umgegangen wurde, dem Ausreißer in Gestalt des Vorsitzenden der Piratenpartei entzog man wie angekündigt („nur wirkliche Fragen“) das Wort  und er wurde ausgebuht.

Es folgte mein Highlight des Tages: Zwei Stunden Gespräch und Kuscheln mit meinem Internet von vor 15 Jahren. Ich überzeugte mich davon, dass man in USA gut zu Lyssa ist und dass sie weiterhin das Web rockt. Und mir wurde klar, dass ich dringend ein Freiburgwochenende planen muss.

Danach schloss ich für mich das re:publica-Programm ab, weil ich wie Stage 8 over capacity war. Noch ein paar Internetmenschen getroffen, den Trupp des Techniktagebuchs zu seiner Session begleitet, ab zum Flughafen.

Im Flugzeug las ich so schnell wie möglich Krachts Faserland aus. Nach dieser grauenvoll peinlichen Lektüre musste ich mir schnell das Lesehirn auswaschen und griff sofort zum nächsten Roman – was ich sonst nie mache. Selbst die triviale Unterhaltung von Eduardo Mendozas Katzenkrieg mit etwas ungelenker Sprache und belehrender Informationsvermittlung war ein Erleichterung nach Generation GolfFaserland.

Sonstige re:publica-Schnipsel:

– Die Ausstellungsfläche gefiel mir: Mit wenigen Ausnahmen waren die Stände im Veranstaltungslook gestaltet und sahen in erster Linie nach re:publica aus, es gab nur wenige Firmenstände.

– Der Stil der Männerbärte entwickelt sich Richtung altassyrisch.

– PokémonGo spielte keine explizite Rolle: Zwar wiesen sowohl Sascha Lobo als auch Gunter Dück in ihren Präsentationen nebenbei darauf hin, dass sie spielen (ich teile mir mit Lobo ein Level), doch es gab keine Session zum Thema. (Die Station war auch nicht ergiebig.)

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Wie der Deutschlandfunk ein Zitat von Andrea Nahles auf der dienstäglichen re:publica ins Gegenteil verzerrte und damit einen Wutsturm auslöste:
„DLF entstellt Andrea Nahles’ Position zum Grundeinkommen“.

Ich bin leider sicher, dass das entstellte Zitat im Gedächtnis bleiben wird, nicht die tatsächliche Aussage. Allerdings hat Niggi recht mit seiner Beobachtung, dass Nahles‘ Argumentation stellenweise wirr und schwer nachvollziehbar war. So sehr ich erleichtert darüber war, dass die Bundesarbeitsministerin nicht steril und unangreifbar sprach (wozu Politikerinnen und Politiker ja genau wegen des Risikos neigen, manipuliert zitiert zu werden), manches war halt bis zur Missverständlichkeit flapsig.

Journal Dienstag, 9. Mai 2017 – re:publica 2017 Tag 2

Mittwoch, 10. Mai 2017

Gut und ausgeschlafen, den am Vorabend geschriebenen Blogpost fertiggemacht, im Hotelcafé Morgenkaffee getrunken. Auf dem Spaziergang zur re:publica (es ist weiter kalt, zumindest war es trocken) Brotzeit-Börek mit Käse eigekauft. Ich ging hintenrum über den Gleisdreieck-Park.

Aus dem Networking-Area-Gebäude klang überraschenderweise Tangomusik. Ich ging gleich mal nachsehen: Tatsächlich, da spielte echte Musik, ich sah auch ein paar Paare in Tangokleidung. Noch vor 10 Uhr. (Sah nach einer Firmenveranstaltung aus.)

Einstieg in den Konferenztag mit Gunter Dück.

„Flachsinn – über gute und schlechte Aufmerksamkeit, wie man sie bekommt, wer gewinnt und wohin alles führt“. Nachdem ich vergangenes Jahr beim meinem ersten Dück-Erlebnis von seiner Büblein-Sprechweise und seinen scheinbar meandernden Gedankengängen irritiert war, lenkte mich gestern nichts davon ab: Dück brachte auf den Punkt, wie wir Internet-Pioniere vom Umstand brüskiert sind, dass sich jetzt auch Goldgräber, Kreti und Pleti im Web herumtreiben und überall Pommesbuden herumstehen. Wie auf der anderen Seite Wirtschaft und Politik 30 Jahre nach Start des Internets, 20 Jahre nach Beginn seiner rapiden Verbreitung immer noch Kampagnen wie „Digitale Transformation“ erfinden. Nützliche Beobachtungen auch über den Wandel von Unauffälligkeit als Karriereweg zur Aufstiegsbedingung Auffälligkeit.

Von den vielen, vielen Programmpunkten zum Thema Fake News hatte ich mir „Survival of the fakest? ARD und andere Medien im Kampf gegen gezielte Falschinformationen im Netz“ ausgesucht. Es war ein anregendes Gespräch, das viele Aspekte berührte: Persönliche Angriffe, Faktencheck, fehlendes Wissen über Abläufe in Redaktionen, mangelnde Medienkompetenz. Anregend auch wegen der Uneinigkeit der Teilnehmenden, wie man gegen den Einfluss von Falschinformationen im Netz angehen kann: Vertrauen in Medien wiederherstellen (ich frage mich, wie das konkret gehen soll), über die eigene Arbeit aufklären (das bemerke ich seit einigen Jahren mit Freude), Fehlinformationen widerlegen (was möglicherweise nur bei den ohnehin bekehrten ankommt), mit den Menschen auf Facebook und per Mail sprechen (was die Welt/N24 unter Niddal Saleh-Eldin wohl intensiv tut).

(Nein, in Echt habe ich auch nicht mehr gesehen – ich war schon froh, überhaupt einen Sitzplatz zu haben.)

Von den Menschen aus der Spitzenpolitik, die auf die Bühnen der re:publica kamen (meine Güte, wer hätte das vor zehn Jahren gedacht?), interessierte mich das Thema von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles am meisten: „Bedingungsloses Grundeinkommen – (K)eine Antwort auf den Digitalen Wandel“.

Nahles wurde für ihren Mut gelobt zu kommen, sprach selbst von der „Höhle des Löwen“, in die sie sich begeben habe – das verstand ich erst durch die unablässig zischelnden Kommentare zu ihren Ausführungen um mich herum: „Pah!“ „Wie?“ „Hä?“ „Blödsinn.“ Offensichtlich bestand das Publikum zu 90 Prozent aus (kritiklosen?) Befürwortenden des bedingungslosen Grundeinkommens. Selbst habe ich in den vergangenen Jahren einiges darüber gelesen, nichts davon überzeugte mich dafür oder dagegen – ich war unschlüssig. Die Gegenargumente von Frau Nahles allerdings hatten Schlagkraft, unter anderem weil sie mein Misstrauen bestätigte: Wenn Kapitalisten wie Mercedes und große IT-Unternehmen sich für dieses Grundeinkommen aussprechen, sollte man hellhörig und skeptisch werden. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie die Möglichkeit wittern, sich aus der Verantwortung für die Veränderungen ihrer Arbeitswelten zu ziehen. Was ich aus der Perspektive einer Regierungspolitikerin nachvollziehen kann: Sie kann sich für nichts erwärmen, was sie als Expertin (und das ist sie nun mal) für nicht umsetzbar hält.

Nahles stellte auch einen Gegenvorschlag vor: Ein Startguthaben für jeden und jede ab 18. Es könnte in Qualifizierung investiert werden, in ein Sabbatical, in eine Unternehmensgründung.

Bis dato hatte ich auch zu Andrea Nahles keine Position, doch die Häme und die unsachlichen Angriffe gegen sie in den Tweets zu ihrem professionellen und doch nahbaren Auftritt nehmen mich tatsächlich für sie ein (ich kannte sie in Bewegung davor nur aus Tagesschau-Schnipseln).

Bis mittags versteckte ich mich gestern vor Menschen, nach dieser Session freute ich mich aber sehr über die Umarmung eines Internetmenschen, den ich sehr wegen Katzen- und Lauflandschaftsfotos schätzte.

Für die nächste Veranstaltung („Treffen sich eine Jüdin, eine Feministin, ein Journalist und ein schwarzer, homosexueller Mann.“) sah ich endlich die Location, um die die re:publica dieses Jahr erweitert wurde: Das Kühlhaus. Ein großartiger Ort. UND es war warm dort.

Durch geduldiges Anstehen bekam ich doch noch einen Platz an der immer überfüllten Stage 8: Das vielversprechende „Von AfD-Troll bis Zeppelinfetisch: Geschichtsbilder im Netz“ war allerdings lediglich eine Schlaglicht-artige Aufzählung und keine Analyse.

Für „Wissenschaftskommunikation to the rescue! Mit Wissenschaft den öffentlichen Diskurs (zurück-)erobern“ konnte ich gleich sitzen bleiben. Hier gab es nichts wirklich Neues, aber es war nett, Akteuren aus diesem Gebiet beim Austausch zuzuhören. Zu meiner Erleichterung wies Julia Offe auf die Gefahr anekdotenhafter Wissenschaftsvermittlung hin: Sie gleicht zu sehr den Einzelfällen, die Parawissenschaften statt Beweisen anführen.

Nach einigen schönen Begegnungen und Gesprächen am Affenfelsen setzte ich mich zu Kübra Gümüşay und hörte ihren Vortrag: „Die Emanzipation der Gutmenschen.“ Kübra, deren letztjähriger Vortrag den Titel der diesjährigen re:publica hervorbrachte, appellierte unter anderem dafür, sich nicht auf die Bekämpfung vom Hassangriffen zu beschränken, sondern sich auf eigene Anliegen zu besinnen und für diese zu kämpfen, statt gegen Attacken.

Tagesabschluss mit Journelles „Save the world – tell a story: Wie wir die Deutungshoheit im Internet zurückgewinnen und die Welt retten können“, das schön hergeleitet und mit guten Beispielen daran erinnerte, dass es Geschichten sind, die Menschen zum Umdenken bewegen, nicht das Aufzählen von harten Fakten.

Mehr ging gestern nicht. Ich hatte Hunger und ging heim, wieder über den Park. In einem indischen Restaurant am Weg aß ich Palak Gosht (Lamm mit Spinat), dazu trank ich einen entspannenden Mai Tai.

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Abends im Bett augenrollend Krachts Faserland weitergelesen. Nach 70 Seiten habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass diese Platzierung von Markennamen im pubertärer Partyleben eines Wohlstandsverwahrlosten irgendwie literarisch gebrochen werden könnte oder ich gar eine Geschichte bekomme. Kracht ist etwa in meinem Alter – dennoch hätten unsere 90er nicht verschiedener sein können, selbst wo ich den Erzähler nicht mit dem Autor gleich setze. (Dass ich einen gewissen Stolz darauf verspüre, dass ich mit einem Drittel der genannten Markennamen überhaupt nichts anfangen kann, erkenne ich aber als ebenso unangenehmen Dünkel.)

Journal Donnerstag, 27. April 2017 – Das Atwood-Festival geht weiter

Freitag, 28. April 2017

Früh aufgestanden, damit ich noch eine Runde auf dem Crosstrainer strampeln konnte. Einen Augenblick lang hoffte ich, dass die weißen Schnipsel, die ich dabei vor dem Fenster in der Luft sah, Blütenblätter seien. Aber nein: Es schneite schon wieder. Den Tag über war es aber meist Regen, was ausdauernd vom Himmel fiel.

Auf dem Weg in die Arbeit am Rand der Theresienwiese ein Vögelchen gesehen, das ich später als Samtkopf-Grasmücke identifizierte.

Es hat schon etwas von Selbstverstümmelung, dass ich mich regelmäßig durch Tragen dieser klabister-blabuster Gebämselkette selbst in den Wahnsinn treibe.

Aber diese Erwerbung aus Zeiten, in denen ich noch bei H&M einkaufte, gefällt mir einfach zu gut.

Abends Treffen meiner Leserunde, wir sprachen über Lean on Pete von Willy Vlautin. Der Roman war gut bis sehr gut angekommen. Selbst konnte ich ihn nicht einschätzen: Ich hatte das Lesen gehasst und es so schnell wie möglich hinter mich gebracht. Irgendwas an der Geschichte des 15-Jährigen, der völlig verlassen und auf sich allein gestellt ist, sich irgendwie durch die Unterschicht-USA unserer Zeit zur vage verorteten Tante durchschlägt, kein Dach überm Kopf, nur die Klamotten am Leib hat, der stehlen muss, um nicht zu verhungern – irgendwas daran rührte an so tiefe Ängste in mir, dass ich die Lektüre schier nicht aushielt. Interessant, dass da offentsichtlich kein noch so wohl behütetes eigenes Aufwachsen hilft.

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Es ist nicht alles schlecht an Werbung:
„Ikea Had a Great Reaction to Balenciaga Making a $2,145 Version of Its 99-Cent Blue Bag“.

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Ich genieße sehr, dass derzeit so viel über und von Margaret Atwood zu lesen ist. Ein wenig fühle mich dieser brillanten, lustigen Frau auch persönlich nahe, da ich mal einen Arbeitskollegen hatte, der während seiner Diss. das Büro mit ihr teilte, außerdem mal eine Tischdame, die die schon mit Margaret Atwood Obst geschält hat. Was mich in Summe praktisch zu BFF von Frau Atwood macht.

Zum einen ein sehr ausführliches Portrait im New Yorker:
„Margaret Atwood, the Prophet of Dystopia“.

(Sie liest Hand! Noch eine Gemeinsamkeit.)

Ganz offensichtlich ist Atwood ein sehr selbst erfundener Mensch. Und eine manische Schreiberin.

“I always wrote more than one type of thing,” she said. “Nobody told me not to.” On one occasion, over tea, she showed me her left hand: it had writing on it. “When all else fails, you do have a surface you can write on,” she said.

Ihre Technikneugier und ihr Technikoptimismus haben sicher Auswirkungen auf ihr Werk:

For years, Atwood has argued that Twitter in particular and the Internet in general have been good for literacy. “People have to actually be able to read and write to use the Internet, so it’s a great literacy driver, if kids are given the tools and the incentive to learn the skills that allow them to access it,” she said, while being interviewed at a digital-media conference in 2011.

(…)

She is fond of saying that, with all technology, there is a good side, a bad side, and a stupid side that you weren’t expecting. “Look at an axe—you can cut a tree down with it, and you can murder your neighbor with it,” she said. “And the stupid side you hadn’t considered is that you can accidentally cut your foot off with it.”

Zum anderen stand gestern in dem seltsamen Magazin „Stil Leben“ der Süddeutschen ein herrliches Interview mit ihr: Patrick Bauer wollte Margaret Atwood eigentlich zu ihrem eben auf Deutsch erschienenen Roman Das Herz kommt zuletzt befragen, die Damen wollte ihm aber viel lieber etwas zeigen.
Margaret Atwood:

Hier, schauen Sie mal, das habe ich Ihnen mitgebracht habe.

Angel Catbird Volume 2: To Castle Catula.
Ja, ganz neu! Die Fortsetzung meiner Graphic Novel, die ich mit dem Illustrator Johnnie Christmas mache. Es geht weiter mit den Engelskatzenvögeln, gucken Sie doch mal, das ist doch wunderbar. Graf Dracua, das wissen wir, hatte drei Frauen, aber Graf Catula hat natürlich mehr, er ist schließlich eine Katze, er hat viel mehr Frauen. Schauen Sie, hier sind alle sieben zu sehen.

Wie hat das angefangen mit den Vogelkatzen?
Mit den Engelskatzenvögeln!

Auch hier sagt Atwood sehr viel Kluges über Trump, die Entwicklung der US-amerikanischen Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten – und über Vogelschutz.
Online leider nur gegen mindestens 1,99 Euro für einen Tagespass zu den kostenpflichtigen SZ-Inhalten zu lesen:
„‚Wir Linken waren faul und selbstgerecht'“.

§

Nochmal zurück zum Plastik: Wieso sind die meisten Kunststoffe eigentlich so schlecht abbaubar?
Die Max-Planck-Gesellschaft forscht an neuen Möglichkeiten, hier der Stand:
„Fluch der Beständigkeit
Könnten Mikroorganismen gegen die Plastikflut im Meer helfen?“

Journal Montag/Dienstag, 24./25. April 2017 – Arbeitstage mit Sonnenluft und Regen

Mittwoch, 26. April 2017

Am Montag empfing mich nach Feierabend wundervolle Luft unter blauem Himmel; ich ging besonders langsam nach Hause, der Biergarten am Bavariapark war in etwas milderer Luft umgehend gut gefüllt.

Montagabend The Left Hand of Darkness von Ursula K. Le Guin angefangen. Die Ausgabe beginnt mit einem Vorwort von ihr – das allein ist schon lesenswert. Le Guin schreibt über das Genre Science Fiction und warum es eben nicht prophetisch sein will, sondern Gedankenexperimente durchspielt. Sie erläutert, was Romanautoren eigentlich tun – und warum Erfundenes einen tieferen Blick auf die wirkliche Welt ermöglichen kann.

Dienstagmorgen Langhanteltraining mit viel Schwitzen. Mal sehen, ob das wieder einen tagelangen Muskelkater bewirken wird – ich muss öfter trainieren.

Statt durch köstliche Luft ging ich nach Feierabend durch strömenden Regen nach Hause – der dringend nötig ist, die Isar steht derzeit erschreckend niedrig.

Abends eine herzliche E-Mail vom Orga-Team der re:publica mit Details zu meiner Speaker-Rolle: Dort ist immer noch nicht angekommen, dass sie unsere Einreichung abgelehnt haben und sie deshalb nicht stattfindet. Ich versuchte einen weiteren Hinweis per E-Mail, werde aber wohl telefonieren müssen.

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Erst letzthin hörte ich ein Gespräch mit über einen gehörlosen Bewerber auf einen Job in der Kommunikationsbranche: Allgemeines Kopfschütteln, wie abwegig das sei, gerade in diesem Feld – damit war das Thema durch. Ich platzte fast vor Protest, weil ich die Bewerbung so spannend fand, weil ich ahnte, wie hart ein Gehörloser auch nur um die fachliche Ausbildung in dieser Branche hatte kämpfen müssen, und wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass er sein Team in vieler Hinsicht bereichern würde.

Die, die es durch das gedankenlose Kopfschütteln von Nichtbehinderten geschafft haben, sind ja leider immer noch so selten, dass sie fast automatisch ein Zeitungsthema werden:
„‚Ich kann mit Gebärden ein Experiment aufbauen‘
Ingo Barth ist Mikrostrukturphysiker und taub. Ein Gebärdengespräch über die Mühen und Chancen von Gehörlosen in den Naturwissenschaften.“

§

Sonst bemühe ich mich ja eher darum, mich weniger aufzuregen, vor allem über Petitessen (wenn man sich das Aufregen nur aussuchen könnte).
In einem Belang aber ermahne ich mich regelmäßig, das Aufregen nicht zu vergessen, mich nicht in ein „Ach egal“ gleiten zu lassen: Donald Trump. Sein Verhalten ist nicht normal, und es könnte mir allerhöchstens egal sein, wenn der Mann nicht US-Präsident wäre. Ist er aber. Deshalb ist diese Analyse aus dem New Yorker so wichtig:
„A hundred days of Trump“.

The hundred-day marker is never an entirely reliable indicator of a four-year term, but it’s worth remembering that Franklin Roosevelt and Barack Obama were among those who came to office at a moment of national crisis and had the discipline, the preparation, and the rigor to set an entirely new course. Impulsive, egocentric, and mendacious, Trump has, in the same span, set fire to the integrity of his office.

This is the brand that Trump has created for himself—that of an unprincipled, cocky, value-free con who will insult, stiff, or betray anyone to achieve his gaudiest purposes.

(…)

The clownish veneer of Trumpism conceals its true danger. Trump’s way of lying is not a joke; it is a strategy, a way of clouding our capacity to think, to live in a realm of truth.

via @ankegroener

Das ist das Ziel der ständig wechselnden Lügen Trumps: Nicht etwa, dass die Leute ihm glauben – inzwischen müsste auch dem größten Fan aufgefallen sein, dass sich Trump zur selben Frage ständig widerspricht, gerne mal innerhalb weniger Tage das Gegenteil des vorher gesagten behauptet. Ziel ist, dass die Leute gar nichts mehr glauben, dass sie selbst bei offensichtlichen Fakten die Schultern zucken: Könnte auch ganz anders sein. Das ist sehr, sehr schlimm.

Derzeit hört man nichts von ihm – mich beunruhigt das genau wie bei allen Kleinkindern im Nebenzimmer: Stille erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie gerade etwas besonders Folgenreiches anstellen.

Journal Sonntag, 23. April 2017 – Margaret Atwood, The Handmaid’s Tale

Montag, 24. April 2017

Ein freier Sonntag; ich begann ihn mit Bloggen und Twitterhinterherlesen.

Draußen war es weiterhin unangenehm kalt, für meinen Isarlauf trug ich lange Ärmel und Hosen.

Leider halfen auch zwei Stunden gemütliches Traben nicht, mir die Schwere vom Gemüt zu nehmen.

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Ausführliches Lesen: Internet, Wochenend-SZ.

The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood fertiggelesen. Ein brillanter Roman, thematisch, strukturell und sprachlich, er gefiel mir diesmal noch besser als beim ersten Lesen vor 25 Jahren. Damals war ich durch die Schlöndorff-Verfilmung draufgekommen – die dem Roman wirklich nicht gerecht wird (außer in der Besetzung – Elisabeth McGovern!).

Atwood packt in ihre Dystopie auch ein wenig kontrafaktische Geschichte: Der Feminismus, der beim Erscheinen des Romans 1985 bereits passiert war, wird erheblich gewalttätiger und durchschlagender geschildert, als er tatsächlich gewesen war. Und es gab bereits kein Bargeld mehr – was half, die Rechte von Frauen schneller einzuschränken.

Wie jede gut erdachte Utopie ist die des alttestamentarisch strukturierten Gilead zeitlos. Die Gesellschaft, in der die nahe Zukunft des Romans spielt, weist jedem und jeder eine Rolle zu, die dem Erhalt der menschlichen Rasse dienen soll; die Handmaids sind wandelnde Gebärmütter. Es gibt eine kleine Elite, auch die allerdings mit streng definierter Funktion.
In der Geschichte wechseln sich etwa sechs Monate Handlung in der Gegenwart mit Rückblicken ab, die die Vorgeschichte schildern – beides Tagebuch-ähnlich aus der Sicht der Handmaid, die wir nur als Offred kennenlernen, als Besitz von Fred. Vordergründig geht es um die jetzt völlige Fremdbestimmung von Frauen, doch darin eingewoben sind die vielen Seiten dieses totalitären Staats, vorgeblich zum Besten aller Beteiligten.

Die Erzählerin beschreibt ihre Vergangenheit als unpolitische Tochter einer sehr engagierten Feministin – so merkt sie erst durch das Wegnehmen ihrer Selbstbestimmung und Freiheit, dass das wertvolle Güter waren. In der neuen Gesellschaft fällt sie zunächst in eine Art Tragestarre, hadert nicht sehr mit ihrem Schicksal, eher mit ihren Erinnerungen. Im Lauf ihrer Erzählung lässt sie Reflexion an sich heran, erinnert sich an ihre Gefühle, thematisiert ihr Erzählen.

Was ich bereits vergessen hatte (sonst erinnerte ich mich an erstaunlich viele Details des Romans): Am Ende bekommen wir eine Rahmenhandlung, „Natürlich eine alte Handschrift“ – in diesem Fall Kassettenaufnahmen.

Ich habe eine Besprechung der aktuellen Neuverfilmung gefunden, die einen bestimmten Aspekt herausarbeitet: Dass politisch konservative Frauen, die einen reaktionären Gesellschaftswandel herbeiwünschen, besser mal nicht auf die Erfüllung ihrer Wünsche hoffen.
The Handmaid’s Tale Is a Warning to Conservative Women“.

Nachtrag: Bei Anke Gröner habe ich den Link zu einem Artikel von Margaret Atwood gefunden, in dem sie selbst über ihren Roman in der heutigen Zeit schreibt:
„Margaret Atwood on What ‘The Handmaid’s Tale’ Means in the Age of Trump“

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Morgens sah ich eine Krähe auf dem Balkonsims; ich legte ihr Erdnüsse raus, um mich als ihre Freundin zu zeigen. Herr Kaltmamsell sah das ungern; er verwies darauf, dass die Anwesenheit von Krähen in der näheren Umgebung Singvögel und Eichhörnchen verjagt.

Wie sich herausstellte, wurde zumindest eine Krähe sehr schnell zu zutraulich: Auf dem Balkontischlein hatte ich die Rest des Hähnchens mit Gemüse vom Vorabend kühl gestellt, abgedeckt mit Alufolie. Ich traute meinen Augen nicht, als ich nachmittags eine Krähe auf dem Rand der Reine ertappte, die bereits die Alufolie zerhackt hatte und sich über das Hähnchen hermachte. Ich verjagte sie schnell, doch zwei Stücke fehlten bereits.

Journal Dienstag, 28. März 2017 – BH-Unfall sowie Edmund de Waal, The Hare with the Amber Eyes

Mittwoch, 29. März 2017

Ich habe das Gefühl, zwei Tage in einen gepackt zu haben.
Früh aufgestanden, weil ich zum Langhanteltraining ging.
Beim Anziehen nach dem Duschen im Sportstudio ein BH-Unfall: die Plastiköse, an der der rechte BH-Träger hinten befestigt war, zerbrach, der BH-Träger schnalzte nach vorne. Ich hatte keine Zeit, daheim einen anderen zu holen, schlüpfte also schnell in den schweißigen, müffelnden Sport-BH. Im Büro hatte eine Kollegin, der ich das Malheur erzählte, die rettende Idee: Sicherheitsnadel. Endlich zahlte sich aus, dass ich immer eine im Geldbeutel habe.

Tagsüber viel Hektik, aber zur Mittagspause die erste selbst gemachte Pastete des Herrn Kaltmamsell, edel und köstlich.

Pünktlich gegangen, weil ich einen Friseurtermin hatte. Durch einen warmen, sonnigen Frühlingstag spaziert, alle Spielplätze, Wiesen, Straßencafés, Draußensitzplätze voller Menschen. Mit dem Haarschnitt war ich wieder sehr zufrieden.

Abends Leserunde zu Edmund de Waal, The Hare with the Amber Eyes. Das Buch hatte allgemein gut gefallen, auch wenn wir uns einig waren, dass sich die erste Hälfte manchmal zieht. (Die beiden Mitlesenden, die nur die erste Hälfte geschafft hatten, waren entsprechend weit weniger angetan.)

Anhand einer Sammlung antiker japanischer Handschmeichler, Netsuke, erzählt der Autor hundert Jahre seiner Familiengeschichte, die der jüdischen Familie Ephrussi. Mir gefiel besonders, wie er seine Motivation der zweijährigen Recherche und des Aufschreibens begründet: Wie damals im dritten Reich das Hausmädchen Anne in Wien diese Sammlung rettete, indem sie Stück für Stück in ihrer Schürzentasche schmuggelte, ist eine Standard-Familienanekdote. Als Edmund de Waal sie mal wieder erzählt, schämt er sich seiner Oberflächlichkeit: Die Geschichte ist zu ernst, zu groß und wichtig, als dass sie zur unreflektierten Anekdote verkommen dürfte. Und so beginnt er zu recherchieren, zunächst anhand der Schriftstücke, die sein Vater hervor kramt. Er reist nach Odessa, nach Paris, nach Wien, nach Japan schildert die Pracht des Lebens einer Familie, die mit den Rothschilds auf Augenhöhe verkehrte, die als Kunstmäzene Werke von Renoir und Monet besaßen, heute Weltkultur. In Wien (dorthin kommt die Netsuke-Sammlung als Hochzeitsgeschenk) befindet sich die Familie auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands und Einflusses, bevor die Nazis Hab und Gut und Leben rauben.

De Waal schildert all das sehr persönlich, eng verbunden mit seinem Erleben der Recherche, dennoch immer mit der Distanz des Forschers. Die Erzählung ist reich an historischen und beschreibenden Details (das mag die erste Hälfte ein wenig langatmig machen), mit dem roten Faden von Antisemitismus zu jeder Zeit und Kunstsinn. Der eigene unreflektierte Kolonialismus und Standesdünkel der Familie wird dabei ebenso nüchtern geschildert wie der Lichteinfall im Schlafzimmer des Charles Ephrussi, der Einfluss des Japonisme auf den Jugendstil, das Verhalten österreichischer Behörden nach dem Krieg beim Thema Restitution. Ich habe eine Menge gelernt, bekam so manches Fragment meiner Viertelbildung in größere Zusammenhänge gestellt (z.B. die Dreyfus-Affäre oder Japan nach dem 2. Weltkrieg). Empfehlung!