Bücher

Journal Donnerstag, 21. August 2025 – Was macht denn eine Kosmetikerin eigentlich?

Freitag, 22. August 2025

Nochmal dazwischen eine Nacht im eigenen Bett, bevor ich aus Logistikgründen vor dem Wien-Urlaub (und dem Wohnunghüten meiner Mutter) wieder bei Herrn Kaltmamsell übernachte. Bei Weckerklingeln hätte ich gerne noch weitergeschlafen.

Vor den Fenstern sah ich die angekündigte Düsternis, für meinen Arbeitsweg benötigte ich einen Schirm.

Sehr emsiger Vormittag am Schreibtisch, Mittagscappuccino mit Kollegin bei Nachbars, dort Austausch von Lesetipps für Urlaubstage.

Vor dem Mittagessen (Apfel, eingeweichtes Muesli mit Joghurt) brauchte ich dringend noch Bewegung: Fußmarsch um den Block, der Schirm in der Hand sorgte als Talisman für ausreichend Regenpause.
Außerdem Absprache mit meiner Mutter zum Wohnunghüten während unseres Wien-Urlaubs.

Mittelanregender und emsiger Arbeitsnachmittag. Ich konnte durch eine schlichte Idee eine heikle Frage klären, das freute mich.

Spannend: Würde es auf meinem Heimweg regnen? Ja, tat es, aber erst ab der Hälfte.

Zu Hause wirbelte ich erstmal in Urlaubsvorbereitungen. Ich wollte unbedingt eine Runde Pilates turnen, das schaffte ich auch. Was sich aus dem frisch geholten Ernteanteil für Salat eignete, verarbeite ich zu einer riesigen Schüssel Salat mit Zitronensaft-Knoblauch-Vinaigrette: Lollo rosso, Tomaten, Gurke. Herr Kaltmamsell machte aus dem restlichen Ernteanteil (Mangold, Zucchini, Aubergine) einem italienischen Picknick Pie: Ein Teil wird unser Reiseproviant, einen Teil hinterlassen wir meiner Mutter im Kühlschrank.

§

Auf Mastodon fragte mich @novemberregen: “Was macht denn eine Kosmetikerin eigentlich?” Dadurch wurde mir bewusst, dass das nur Leute wissen, die schonmal eine solche Gesichtsbehandlung hatten – also sehr wenige. Der Rest kennt wahrscheinlich nur Film- und Fernsehbilder von Frauen in Bademänteln mit Handtuch im Haar auf Liegen, Gurkenscheiben auf den Augen.

Nun weiß ich extrem wenig allgemein über Gesichtsbehandlungen von Kosmetikerinnen, es gibt wohl auch sehr invasive und formverändernde (wer sich gruseln möchte, liest den Guardian-Artikel “Be honest, have you had work? 11 people open up about what they do – or don’t do – to their face”). Aber ich erzähle gerne, wie meine eigene üblicherweise abläuft:

Ich lege mein Oberteil ab und mich auf einen besonders bequemen Sessel (ähnelt einem Fernsehsessel in der Waagrechten). Die Kosmetikerin bindet meine Haare aus dem Gesicht, ich schließe die Augen.

Dann wendet sie Dutzende wohlriechende Flüssigkeiten, Pasten, Cremes an, die mal mit Schwämmchen oder Tüchern, mal mit kreisenden Bürstchen, mal mit Pinseln oder Fingern auf- und abgetragen werden. Eine dieser Pasten muss einige Minuten einwirken, dafür verlässt sie den Raum.

Zwischen all dem Auftragen und Abtragen richtet die Kosmetikerin für ein paar Minuten Dampf auf mein Gesicht, ein weiterer Prozessschritt ist das Ausdrücken von Mitessern, ein weiterer eine ausführliche Gesichtsmassage. Manche Schritte umfassen das Belegen meiner Augenlider mit getränkten Watte-Pads. Gesprochen wird dabei sehr wenig, meine Kosmetikerin kündigt lediglich Schritte an, die mit stärkeren Sinneseindrücken verbunden sind: „Jetzt kommt Dampf.“ „Das wird jetzt kalt.“ „Vorsicht Licht.“ (Die Lampe, die sie fürs Mitesserausdrücken auf mein Gesicht richtet.)

Ich empfinde diese Stunde als ausgesprochen angenehm, lasse sehr los, fühle die verschiedenen Berührungen und Texturen, schaffe es überraschenderweise, weder die Mittel mitzuzählen noch mich zu fragen, wozu sie dienen. Seit über 20 Jahren gönne ich mir das im Schnitt ein- bis zweimal im Jahr.

Dieser Grad des Loslassens ist mir allerdings nur bei einer vertrauten Kosmetikerin möglich, die ich mag. Verhindert haben das schon: Entspannend gemeinte Hintergrundmusik, Gesichtspflegeberatung, unaufmerksame Handhabung von Werkzeug und Mitteln, schmerzhafte Behandlungsschritte (außer dem Mitesserausdrücken – ich erinnere mich an eine Methode, die die damalige Kosmetikerin als neuesten heißen Scheiß ankündigte und bei der sie tiefgekühlte Glaskolben über mein Gesicht rollte, AUA!).

§

Auf diese Ausgabe von 1981/82 brachte mich die Ibáñez-Ausstellung 2025 im Münchner Instituto Cervantes – und ich wollte sie sofort haben. Die Comics “Mortadelo y Filemón” gehörten zum Standardprogramm meiner Kindheits-Spanienurlaube Mitte 1970er bis Mitte 1980er und waren damals wunderbar exotisch und lustig (habe meinen spanischen Vater selten so lachen sehen wie bei dieser Lektüre).

“En Alemania” hat alles, was ich an “Mortadelo y Filemón” liebe: Komik fast ausschließlich auf der Bild-Ebene (nur selten dann meist brachiale Kalauer), und hier eine Vielzahl liebevoller Details in fast jedem Panel, zwei tollpatschige Spione, unerwartete Lösungen für Probleme.

Zur Zeit der Erscheinung waren die meisten spanischen Gastarbeiter bereits nach Spanien zurückgekehrt – und brachten ein tiefes Wissen um regionale Stereotype in Deutschland mit. Die Handlung führt die Protagonisten durch zahlreiche Bundesländer, und in Berlin gibt es neben Türken nur heruntergekommene Greise, in Bayern hängen an allen Häusern Franz-Josef-Strauß-Wahlplakate, die Schwaben sparen sich zu Tode, im Rheinland herrscht der Alkohol, Friesen sind dumm etc. etc. Das ist überraschend kundig durchgespielt – und eine gute Geschichte gibt es auch (die wiederum mit spanischen Stereotypen beginnt).

Was auffällt: Während zu dieser Zeit Spaniern zu Deutschland reflexartig erstmal das Dritte Reich einfiel, gibt es keine Nazi-Witze.

Journal Mittwoch, 20. August 2025 – Vorurlaubsendspurtgefühl

Donnerstag, 21. August 2025

Gute Nacht bis eine halbe Stunde vor Weckerklingeln, als sich Angst in meiner Kehle verbiss.

Ich hatte noch Gelegenheit, den Übernachtungsgast zu verabschieden, bevor ich mich angespannt durch kühle Luft auf meinen Arbeitsweg machte.

Geordnete Emsigkeit im Büro, ich bekam endlich eine Angelegenheit weg, deren Papier-Unterlagen bereits Schimmelränder angesetzt hatten.

Die Luft hatte eigentlich die ideale Temperatur für gekipptes Bürofenster – nur dass für den Umbau des S-Bahnhofs Heimeranplatz gerade Maschinen eingesetzt wurde, die mit einem nervigen Quietschrumpeln lärmten, das bis in mein Rückenmark drang: Fenster zu.

Mittagscappuccino im Westend, Temperatur unter bewölktem Himmel sehr angenehm. Wenn es so in der Woche Wien bliebe, wäre es mir sehr recht.

Mittagessen: Bananen, Quark mit Joghurt.

Im Verlauf den Nachmittags wurden die Wolken immer dunkler, irgendwann grollte daraus auch Donner.

Vor Monaten schon gebucht, lang befreut: Der Feierabendtermin für Pediküre und Kosmetik. Die Kosmetikerin hatte gestern um eine Verschiebung um 15 Minuten nach hinten gebeten, so kam ich nicht ganz so pünktlich aus dem Büro wie geplant. Zudem hatte es eine halbe Stunde zuvor begonnen zu regnen – und jetzt schüttete es derart, dass ich eine Station U-Bahn fuhr, um nicht trotz Schirm nach 20 Minuten Fußweg völlig durchnässt anzukommen.

Angenehme Pediküre mit Plaudern über Urlaubspläne, noch angenehmere Gesichtsbehandlung. Und beides dauerte lange genug, dass der Regen aufgehört hatte. Ich ging in schöner, abgekühlter Luft nach Hause und gab unterwegs Herrn Kaltmamsell durch, dass wir das angedachte Abendessen im Schnitzelgarten lieber bleiben ließen.

Daheim hängte ich eine eben durchgelaufene Ladung Wäsche auf (alles getimet auf den Wien-Urlaub), während Herr Kaltmamsell zum Abendessen Spaghetti mit scharfer Tomatensauce kochte. Schmeckten sehr gut, Nachtisch Eiscreme.

Dann doch ein wenig Wien recherchiert und zumindest in Google Maps Einmerker gesetzt. Im Moment bin ich so durch, dass meine Sehnsüchte nicht weit über Bankerlsitzen mit schöner Aussicht hinausgehen. Doch der Appetit kam beim Essen, und so habe ich jetzt für fast jeden Tag dieser Urlaubswoche einen Wunsch, zudem in einem weiteren, ausgesprochen attraktiven Restaurant einen Tisch reserviert. Was Essen betrifft, war mir schon lange klar: Wiener Gastronomie lockt mich nicht nur mit einer eigenen Tradition, die durch Respekt vor den Zutaten geprägt ist, sondern vor allem mit exzellenter Einwandererküche. Jetzt dann doch Vorfreude und Endspurtgefühl.

Neue Lektüre: Ottessa Moshfegh, Eileen – hatte ich schon lang auf meiner Lesewunschliste. Diesmal war ich so schlau, erstmal im Inhaltsverzeichnis zu prüfen, ob der Roman die ganze Datei lang ist: Nein, ist er nicht! Bei 94 Prozent fängt die Leseprobe eines anderen Buchs an, jetzt kann mich das nicht mehr überraschen. Der Roman nahm mich mit in einen kleinen, trostlosen US-amerikanischen Ort 1964 an der Ostküste und im Winter und in das trostlose Leben einer jungen Frau.

§

Rebecca Kelber hat für Krautreporter mit Anne Brorhilker gesprochen, bis vor einem Jahr Deutschlands bekannteste Cum-Ex-Staatsanwältin. Sie schildert, wer den Kampf gegen Finanzkriminalität behindert.
“Interview: Wie Deutschland wirklich Steuerraub bekämpfen könnte”.

Diese CumEx-Geschäfte waren in jeder Hinsicht gigantisch: Man benötigte immens viel Startkapital, um die Geschäfte überhaupt starten zu können, die gehandelten Aktienpakete waren wahnsinnig groß und die erschlichenen Steuererstattungen bewegten sich jeweils im zwei- und dreistelligen Millionenbereich. Weil die Dimensionen so groß waren, mussten diese Trades intern genehmigt werden, und der Genehmigungsprozess geht einmal quer durch die Bank bis zum Vorstand. Wir haben E-Mails innerhalb von Banken gesehen, bei denen 50 Personen im Verteiler waren. Das machte uns klar: hier ging es nicht um zwei, drei aus dem Ruder gelaufene Trader, sondern da war der gesamte Apparat involviert.

Auch in den Organigrammen von Banken hat man diesen Bereich der „Tax Trades“ erkennen können, den Insider „Delta One“ nennen. Das ist ein Segment, in dem Trader Aktien-Deals machen, deren Profit allein aus steuerlichen Effekten herrührt. Ich fand frappierend, wie offen ausgewiesen dieser Bereich war, bei dem Banken in unsere Steuerkassen greifen.

(…)

Wir haben viele Leute aus der Branche vernommen. Wenn diese mir gegenüber saßen, haben immer alle als Erstes gesagt: „Ich habe gedacht, das wäre legal.“ Da habe ich gefragt: „Erklären Sie mir das mal. Wieso sind Sie denn der Meinung, dass man sich eine Steuer erstatten lassen kann, die man zuvor nicht bezahlt hat?“ Und jedes Mal kam: „Das weiß ich auch nicht, aber das sagt unser Rechtsberater.“

Was mich erstmal überraschte: Dank Lobbyregister wissen wir jetzt, wer massiven Einfluss auf die entsprechende Gesetzgebung nimmt.

2024 stammen zehn der 100 finanzstärksten Einträge im Lobbyregister von Banken, Versicherern und der Fondsindustrie. Diese geben fast 40 Millionen Euro pro Jahr für Lobbyarbeit aus. Das ist mehr als Auto- und Chemielobby zusammen.

§

Mad Men bietet Arte ja zu meiner großen Freude auch im US-englischen Original, allerdings nur inklusive nicht wegschaltbarer französischer Untertitel.
Stefan Niggemeier ist dem für Übermedien nachgegangen:
“Lost in Untertitel-Translation”.

tl;dr Ja, nee, ist halt so.

§

Dazu gehört ja nicht viel Zufall: Dass ich in den vergangenen Tagen über Hannover und über Obdachlosikeit gesprochen habe – und die taz jetzt ein Interview veröffentlicht mit Annemarie Streit, die sich auch mit 97 noch ehrenamtlich um Obdachlose in Hannover kümmert:
“‘Mir ist der Respekt wichtig'”.

Das Leben ist ganz anders verlaufen, als das mal geplant war.

taz: War es mit Familie geplant?

Streit: Das muss man sachlich sehen. Im Krieg sind sehr viele Männer gerade der jungen Generation gestorben. Wir haben den Sachen nicht nachgetrauert, wir haben es so hingenommen, wie es eben ist.

Auf keinen Fall will ich diese Haltung als ideal oder vorbildlich bezeichnen – aber ich bewundere sie mit einem gewissen Neid.

Journal Samstag, 16. August 2025 – Unerwartet trockene Wanderrunde am Starnberger See über Berg

Sonntag, 17. August 2025

Halleluja: Die Gewitter in der Nacht hatten deutliche Kühle gebracht, beim Aufwachen regnete und grummelte es noch – und war zu kühl für Balkonkaffee!

Trotz der Wettervorhersage war ich zum Wandern verabredet – ein bisschen Regenrisiko wog die Alternative einer Wanderung in Brüllhitze in meinen Augen auf.

Als ich mich um halb zehn für diese Verabredung zum Bahnhof aufmachte, schüttete es gerade energisch. Ich schlüpfte also schon für diesen Weg in meine Regenjacke – und nahm die U-Bahn, um nicht schon nass im Zug nach Starnberg zu sitzen. Dorthin nämlich fuhr ich mit einer Freundin, um die Rundwanderung nach Percha, Berg, Leoni, Bismarckturm Assenhausen, über Aufkirchen, Manthal zurück zu machen, mit der ich vor drei Wochen mit Herrn Kaltmamsell wegen Regenfluten gescheitert war.

Starnberg empfing uns mild und trocken, und um es abzukürzen: So blieb das Wetter den ganzen Tag; uns erwischte kein einziger Regentropfen, wir bekamen sogar ein wenig Sonne – wunderbares Wanderwetter, die Schwüle brachte mich aber mehrfach ins Schwitzen.

Ich genoss es sehr, mit der Freundin zu gehen, manchmal einander auf Anblicke hinweisend, aber meist ins Gespräch vertieft – deshalb auch nur wenige Fotos, meine Begleitung fesselte mich mehr.

Die Votivkapelle bei Berg über der Uferstelle, wo sich unser Kini dersoffen hat.

Unten am Erinnerungskreuz für Ludwig II. im See haben kürzlich Segler ihr Boot befestigt, gemeinsame Schnappatmung aller Königstreuen, die Ermittlungen laufen.

Hinter Leoni stiegen wir hoch zum Bismarckturm Assenhausen – ich komme weiterhin nicht über diesen Auswuchs nationalistischen Fantums hinweg. Hier griff ich dann doch zu meinem Mückenspray (wohnt fest in meinem Wanderrucksack), in Waldstücken bekamen die Viecher offensichtlich großen Appetit auf mich.

Freudige Überraschung: Die Kapelle bei Sibichhausen wurde neu gebaut. Im April 2019 hatte sie Herrn Kaltmamsell und mir bei unserer ersten Erwanderung der Runde als Brotzeit-Unterstand gedient, 2022 hatte ein Sturm den nebenstehenden Baum draufgestoßen, die Kapelle war zerstört. Jetzt informierte eine große Metalltafel über eine sofort gestartete Spendenaktion, die den Neubau ermöglichte, im Juni 2024 wurde er gesegnet. Und hat wieder eine Form, die zum Ausruhen und Brotzeiten einlädt.

Pause und Brotzeit machten wir nach knapp drei Stunden Wanderung, ich hatte Äpfel und selbstgebackenes Brot dabei.

In Aufkirchen sahen wir bei Oskar Maria Graf vorbei, tauschten Erinnerungen an seinen wunderbaren Roman Das Leben meiner Mutter aus, der mir viele Einblicke in die Gegend und ihre Entwicklung vom Ende des 19. in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts verschafft hatte.

Zurück in Starnberg kehrten wir im Tutzinger Hof ein. Das waren etwa 19 Kilometer in etwa fünfeinhalb Stunden mit einer Pause gewesen, ich fühlte mich angenehm durchbewegt

Auf das Brotzeitbrett hatte ich mich schon sehr gefreut – und wieder stellte sich heraus, dass hier der Obatzte serviert wird, der mir von allen am besten schmeckt (nächstes Mal bestelle ich vielleicht einfach nur eine große Portion davon). Dazu eine Halbe alkoholfreies Weißbier.

Auf den Zug zurück nach München mussten wir ein Viertelstündchen warten, schauten noch ein wenig auf den See (so lange das vom Bahnsteig aus geht, der Starnberger Bahnhof soll weg vom Seeufer verlegt werden, wohin und wie ist allerdings weiterhin offen).

Auch in München war es schwülwarm, wie schon Herr Kaltmamsell den Tag über war ich unschlüssig, wie ich die Wohnung temperieren sollte: Würden offene Fenster sie kühlen oder aufwärmen?

Abends holte ich noch das Dessert nach:

Zwetschgenkuchen mit Sahne. Dazu eine weitere Folge Mad Men, im Bett las ich Mortadelo y Filemón en Alemania, entzückt über die Detailliebe des zeichnerischen Humors.

Journal Donnerstag, 14. August 2025 – Ein Sommerabendtraum

Freitag, 15. August 2025

Unruhige Nacht mit größter Unruhe, als gegen halb zwei ein Auto vor meinem Schlafzimmerfenster anhielt (also kurz vor der Straßensperre zum Klinikgelände), das bei offenem Fahrerfenster die Wummermusik so laut gestellt hatte, dass die Hausmauern davon schier bebten. Das riss mich aus so tiefem Schlaf, dass ich zwar erstmal mein Fenster schloss, aber mir detailliert vorstellte, wie ich im Nachthemd vors Haus ging und den Mann am Lenkrad fragte, was ihn wohl zu diesem Verhalten bewegte (eher neugierig als aufgebracht).

Dennoch fühlte ich mich beim Aufwachen vor dem Wecker halbwegs erfrischt, frisch war auch der Morgen.

Nochmal Balkonkaffee auf dem Küchenbalkon, ich nutzte für den angekündigten Hitzetag eine weitere Chance, ein diesen Sommer noch ungetragenes Kleid anzuziehen – nicht nur ärmellos, sondern gleich ein Trägerkleid!

Die Morgenfrische nutzte ich im Büro für Durchzug und Temperierung: Funktionierte wunderbar, ich musst den ganzen Tag weder schwitzen noch frieren.

Mittagscappuccino bei Nachbars, Mittagseinkäufe auf dem Markt am Georg-Freundorfer-Platz. Leider macht der von mir bevorzugte Bodensee-Stand wohl gerade Sommerpause, ich musste die gewünschten Zwetschgen am gestern einzigen Obst- und Gemüsestand mit entsprechend langer Schlange besorgen. Lufttemperatur gut erträglich, der immer noch leicht kühle Wind half – aber in der Sonne wollte ich wirklich nicht sein.

Mittagessen: Eingeweichtes Muesli mit Joghurt, dann Feigen und eine (gute!) Aprikose.

Nachmittags hatte ich einiges zu tun, leider machte mein Kreislauf Sperenzchen.

Heimweg in der größten Hitze des Tages, ich ging lieber langsam. Im Vollcorner besorgte ich die restlichen Posten auf der elektronischen Einkaufsliste, die Herr Kaltmamsell noch nicht erledigt hatte.

Daheim schnelles Auspacken, fürs Brotbacken am Freitag setzte ich den Roggensauerteig an.

“Abgedeckt 12-14 Stunden von 30 Grad auf Raumtemperatur fallend reifen lassen” erledigte ich gestern einfach per Draußen, die Temperaturkurve sollte stimmen.

Fürs Auskosten des Sommerabends hatte ich in der Rustikeria im Müller’schen Volksbad reserviert: Ich wollte Herrn Kaltmamsell die dortige florentiner Spezialität Schiacciata vorführen, reich belegtes Fladenbrot. Wir nahmen eine Straßenbahn zum Deutschen Museum, für rasches Gehen oder Radeln war es mir zu heiß.

Wieder beobachtete ich Fächereinsatz in freier Wildbahn (unter anderem an einem Herrn einen besonders eleganten schwarzen Fächer), mir fiel auf: Hiesige Fächernutzer*innen neigen dazu, ihn nicht ganz aufgeklappt zu fächeln, also eher in Form eines großen Tortenstücks denn als Halbkreis. Das geht natürlich nur, wenn man ihn nicht so hält, wie ich es in Spanien gelernt habe, also nicht mit Daumen nach vorn, Fächerunterseite in der Handfläche – sondern eher in den Fingerspitzen.

Das Müller’sche Volksbad ist immer noch eingerüstet, die Gemütlichkeit des schönen Vorhofs leidet natürlich darunter: Dennoch ließ ich mich gern mit Herrn Kaltmamsell dort nieder. (Reservierung war eine gute Idee gewesen, alle Tische besetzt.)

Nach einem Hugo zum Einstieg ins lange Wochenende gab es Kochschinken u.a. mit scharfer Sauce bei mir, bei Herrn Kaltmamsell vor allem gegrilltes Gemüse als Füllung – die Hauptrolle spielt aber das herrliche Brot. Dann noch ein Glas toskanischen Weißwein Fumaio, abschließend für mich Tiramisu, für Herrn Kaltmamsell einen Cynar Spritz.

Dazu wurden wir umwölkt von Rauch aus kleinen Alutöpfchen, die am Boden standen: gegen die Wespen, wie die Bedienung erklärte. Die waren reichlich unterwegs: Wir achteten darauf, nie ohne hinzusehen von unserer Schiacciata abzubeißen.

Die Hitze war jetzt verschwunden, in der Abenddämmerung herrschten aber weiterhin sommerliche Temperaturen. Wir bummelten so lang wie möglich entlang der Isar nach Hause, zwischen vielen, vielen anderen, die den Sommerabend auskosteten.

Die Boazn unter der Ludwigsbrücke.

Die bronzene Bukolika (im Volksmund “Isarnixe”) von Martin Mayer hat eine gemalte Schwester im Fußgängertunnel bekommen.

Noch ein Monsterchen! Dieses unter der Corneliusbrücke.

An der Reichenbachbrücke bogen wir in die Fraunhoferstraße: Menschentrauben vor jedem der vielen Lokale entlang der Straße, die Luft glitzerte vor Geselligkeit.

Dennoch war ich froh, zurück in die deutlich kühlere Wohnung heimzukommen. Noch eine Runde Schokolade als Dessert 2, bei geschlossenen Fenstern und Türen ins Bett.

§

T. Kingfisher, Nettle and Bone

Dass wir uns in einer nicht-realistischen Erzählung befinden, verrät schon das Titelbild meiner Ausgabe des Romans von 2022. Dass darin eine Ich-Erzählerin, Marra, jemanden umbringen will, bekommen wir ebenfalls schnell mit, in der deutschen Übersetzung bereits durch den Titel Wie man einen Prinzen tötet. Diese Erzählerin ist eine Prinzessin in einer unbestimmten Elektrik-freien Vergangenheit (in der meinem Gefühl nach auch Grimms Märchen spielen), und durch sie erfahren wir, dass mit dem Prinzessinnentum zwar eine Menge Privilegien verbunden sind (aufwachsen ohne Arbeitszwang, und jeden Tag wird Fleisch serviert!), aber auch eine Menge Zwänge: U.a. politische Ehe, Fortpflanzungsdruck. Eine Schwester der Erzählerin hat es besonders schlimm erwischt, und der will Marra zu Hilfe kommen: mit Mord.

Überirdische Kräfte spielen dabei eine große Rolle, allerdings auf eine Art und Weise, die ich als unkonventionell empfand und sehr mochte: Die Zauberinnen sind sich ihrer Seltsamkeit bewusst und der Komik, die darin steckt – die Art Komik, die ich bei Terry Pratchet immer schätzte. Mit ähnlich reflektierter Perspektive werden Themen wie Heldentum und Macht eingebaut. Zeitgemäß wirkten auf mich das Zulassen von Grauzonen und der Respekt vor Vielfalt sowie persönlicher Entscheidung (wieder assoziierte ich Terry Pratchett). Schöner Roman, wenn man sich auf das nicht-realistische Setting einlassen kann.

Vermutlich bin ich durch die Kurzrezension von Kathrin Passig auf Goodreads draufgekommen: “Angenehm unglamouröse Heldinnen (zwei sind alt und die dritte ist meistens ratlos)”. Empfehlenswert auch die längere Besprechung auf NPR von Caitlyn Paxson:
“‘Nettle & Bone’ creates a once-upon-a-time that is familiar, yet original”.

Nettle & Bone rounds up all the secondary (and let’s face it, more interesting) characters of fantasy lore and gives them the chance to save the day on their own terms.

§

Interessante Ansätze aus der Verhaltensforschung vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Ralph Hertwig und Stephan Lewandowsky schreiben über
“Das Paradox des Erfolgs der Demokratie”.

Warum wir Warnsignale für die Autokratisierung übersehen und Katastrophen nicht einschätzen können.

Die Zusammenfassung:

  • Persönliche Erfahrungen: Individuelle Erlebnisse beeinflussen die Wahrnehmung von Risiken, was dazu führt, dass seltene, katastrophale Ereignisse als unwahrscheinlich angesehen werden.
  • Kollektive Gleichgültigkeit: Aufgrund stabiler Demokratien in Westeuropa seit 70 Jahren haben Bürgerinnen und Bürger keine Erfahrungen mit autokratischen Regimen, was zu einer gefährlichen Skepsis führt.
  • Simulation von Erfahrungen: Um das Bewusstsein für die Gefahren autokratischer Regime zu schärfen, könnten Simulationen und Erfahrungsberichte von Betroffenen hilfreich sein.

Ich empfehle aber die Lektüre des ganzen Aufsatzes.

Einen einmaligen Konventionsbruch durch Spitzenpolitiker und -politikerinnen wird die Öffentlichkeit in der Regel nicht als demokratiegefährdend wahrnehmen. Wenn jedoch toleriert wird, dass demokratische Normen wiederholt durch die politische Führungsschicht verletzt werden, wenn rhetorische Grenzüberschreitungen eskalieren, wenn eine Flut von Lügen und manipulativen Behauptungen zur „Normalität“ wird und die Öffentlichkeit versäumt, die frühen Anzeichen eines solchen Verhaltens an der Wahlurne abzustrafen, kann dies drastische Folgen haben. Ähnlich wie der Betrieb eines Atomkraftwerks so lange als sicher gilt, bis das letzte Sicherheitsventil ausfällt, können auch Demokratien den Anschein von Stabilität bis zu dem Zeitpunkt aufrechterhalten, an dem die Schwelle zur Autokratie überschritten wird.

§

Und nochmal das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung:
“Demokratie in den Play-offs”.

Etablierte Demokratien geraten zunehmend unter Druck – und erodieren. Erst langsam, unbemerkt und mit einem Mal rasend schnell. Welche Effekte besonders fatal wirken und wie eine Gesellschaft der Entwicklung begegnen kann.

Schockierende Entwicklung:

Mittlerweile leben viel mehr Menschen in Autokratien als in Demokratien – und zwar 72 Prozent der Weltbevölkerung.

Das hat das V-Dem (Varieties of Democracy) Institut in Göteborg für die Saison 2024 ermittelt.

Besonders spannend finde ich die Untersuchungen von Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität, zu Social Media:

Dass etablierte Demokratien mit dem Aufkommen sozialer Medien vor 15 Jahren zunehmend unter Druck stehen, ist für Verhaltensforscher kein Zufall. Bereits 2022 hat ein Team um Ralph Hertwig gezeigt, wie die Nutzung digitaler Medien – vom Post auf X und Co. bis zum Kommentar unter einem Online-Artikel – und wichtige Dimensionen liberaler Demokratien zusammenhängen. „In Autokratien und sich entwickelnden Demokratien kann der Austausch im Internet durchaus positive Effekte haben, etwa für politische Teilhabe und Zugang zu Informationen“, berichtet Politikwissenschaftlerin Lisa Oswald, Forscherin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, die mit Hertwig rund 500 Forschungsarbeiten ausgewertet hatte.

„In etablierten Demokratien zeigen sich indes auch diverse Gefahren. Viele Studien finden Zusammenhänge zwischen der Nutzung digitaler Medien und geringem Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen, stärkerer Polarisierung und Zustimmung für populistische Akteure“, sagt Oswald. 2025 überprüften – replizierten, wie es im Fachjargon heißt – andere Forschende diese Effekte auch in Studien, die bis 2024 veröffentlicht wurden, und bestätigten sie. Polarisierende Beiträge erzeugen typischerweise größere Reichweiten durch ein Geschäftsmodell, das Aufmerksamkeit belohnt und monetarisiert. „Zusätzlich wird die Mehrheit politischer Inhalte in sozialen Medien von einer kleinen, aber hochaktiven Minderheit erzeugt – die aber sehr sichtbar ist“, erklärt Lisa Oswald. So können Räume von Gleichgesinnten entstehen, die sich gegenseitig verstärken und mehr und öfter Inhalte produzieren als die moderate Mitte, die eher schweigt.

(…)

„Wir beobachten eine erschöpfte Gesellschaft“, sagt Hertwig. Eine beträchtliche Anzahl von Menschen ignoriert Fakten, boykottiert Qualitätsmedien und bezieht politische Informationen allein aus den sozialen Medien. „Unsere Fähigkeit, kritisch zu denken und zu hinterfragen, gerät durch die Flut an Nachrichten, Krisen und Regelbrüchen an ihre Grenze.“ Hertwig untersucht Wege, unsere begrenzten kognitiven Ressourcen besser einzusetzen. Er verwendet den Begriff des „citizen choice architect“, wonach jeder Mensch Architektin oder Architekt der eigenen unmittelbaren Umwelt ist – gerade und vor allem im Digitalen. „Es gibt eine Menge von kleinen, aber wirkungsvollen Änderungen, die wir vornehmen können, um uns zum Beispiel vor Falschinformation, Manipulation und der Enteignung unserer Aufmerksamkeit im Internet schützen können.“

§

Bislang habe ich meine Speicher- und Back-up-Routine (heimisches NAS, zwei externe Festplatten) immer ein wenig verschämt damit erklärt, dass ich “Cloud”-Speichern (also Firmen-Servern, die irgendwo anders stehen) einfach nicht traue. Jetzt weiß ich: UND ich spare eine Menge Strom.
Miriam Vollmer erklärt das in einem Thread auf Bluesky anlässlich der offiziellen Bitte in UK, wegen der aktuellen Dürre Fotos aus Clouds zu löschen.

Journal Montag, 11. August 2025 – Mehr Sommerfrische

Dienstag, 12. August 2025

Etwas zerstückelte Nacht, und ich stand auf mit ausgesprochenem Widerwillen, in die Arbeit zu gehen. Zumindest hatte mir das mehrmalige Aufwachen in der Nacht die Chance verschafft, durch gründliches Fenster- und Türenöffnen kühle Nachtluft durch die Wohnung wehen zu lassen; beim Aufstehen war es draußen kälter als erwartet.

Morgenkaffee dennoch auf dem Balkon (so lang es geht!), diesmal zur Abwechslung auf dem Küchenbalkon.

Erfrischender Marsch ins Büro, dort gesteigerte Emsigkeit, weil halt Arbeitsleben und meine Jobbeschreibung. (Tiefe Verbindung zu Frau Brüllens Arbeitsschilderungen, als man sich pressierig mit der Suche nach Hintergrundinformationen an mich wandte, und ich diese zwar nicht auswendig wusste, aber auf der Basis meiner Erinnerung und sorgfältiger Ablage mit zwei Handgriffen nachschlagen und liefern konnte. Inklusive zweier Dokumente zum Hintergrund des Hintergrunds, den ich damals halt wissen wollte und ohne Auftrag recherchiert sowie abgelegt hatte.)

Schneller Mittagscappuccino bei Nachbars, dafür später noch auf eine Einkaufsrunde. Die Temoperatur immer noch angenehm, zumal ein kühler Wind wehte. Dennoch stimmungsgebeutelt.

Zu Mittag gab es eine Banane, eine Kiwi, außerdem Mango mit Sojajoghurt.

Am Nachmittag noch einige Querschüsse aufgefangen, immer wieder hob ich den Blick in den wundervollen Sonnentag. Heimweg über Einkäufe im Vollcorner, keine Spur der angekündigten “Hitzewelle” (die ohnehin schon am Donnerstag enden soll, also eher Hitzeplätschern), es war sonnig und warm mit schönem Wind – perfektes Sommerwetter für meinen Geschmack.

Zu Hause traf ich Herrn Kaltmamsell lesend auf dem Balkon an, er stand ihm gut. Parallel kümmerte er sich ums Nachtmahl. Nach meiner Einheit Pilates (diesmal im Zentrum Mobilisierung, tat sehr gut) servierte er den Kopf Stangensellerie aus Ernteanteil als Congee, also herzhaften Reisbrei.

Dazu traditionell verschiedene Toppings: Frittierte Zwiebeln, gebratener Knoblauch, eingelegte Pilze, geröstete Mandelblätter mit Thymian, eingelegter Sellerie – letzterer mein Favorit, weil sehr überraschend aromatisch. Nachtisch Schokolade. Dazu Abstimmung mit Herrn Kaltmamsell, wie wir die kostbaren Sommersonnentage noch auskosten. (Heute: Biergarten.)

Wie schon am Sonntagabend wurde der Abend schnell kühl, ich konnte beruhigt Fenster und Balkontüren öffnen.

Mehr Lektüre von Nettle and Bones, gut gemachte Unterhaltungsliteratur ist einfach ein Genuss. Ich lese mit großem Vergnügen in einer Zauberwelt herum und freue mich an dem größten Zauber: dass schlichte Buchstaben Welten hervorbringen können.

§

Spanien überrascht mich immer wieder. Jetzt zum Beispiel mit dem Umstand, dass in keinem Land die Bereitschaft zur Organspende so hoch ist. Patrick Illinger ist dem für die Süddeutsche nachgegangen (€):
“Warum Spanier so viele Organe spenden”.

Bei dieser Gelegenheit: Wenn Sie eigentlich organspendewillig sind, aber keinen Organspendeausweis bei sich tragen, geben Sie sich doch einen Ruck. Hier können Sie einen Organspendeausweise online ausfüllen oder bestellen (nimmt wirklich nicht viel Raum im Geldbeutel ein), und hier ist der Link zum Organspende-Register, mit dem Sie das absichern können.

Journal Sonntag, 10. August 2025 – Laufen und Schwimmen an einem Sonnensonntag

Montag, 11. August 2025

Wieder reichlich und guter Schlaf, wieder Balkonkaffee an einem frischen Sommermorgen.

Gestern auch Balkontee.

Zu meinem geplanten Isarlauf brach ich nur wenig früher als im Durchschnitt auf, ich radelte zum Friedensengel. Unterwegs sah ich (möglicherweise zum ersten Mal) einen richtigen, wunderschönen Sonnenschirm in alltäglicher Verwendung: Weiße Häkelspitze beschattete eine Frau beim Spazierengehen.

Jetzt war es durchaus schon wärmer, als ich es ideal gern gehabt hätte, aber ich mied die Sonne und wurde immer wieder durch leichten Wind gekühlt. Die gut 100 Minuten lief ich leicht und freute mich durch und durch an den Sommerfarben.

Sagen Sie: Diese Westen/Rucksäcke, die ich seit ein paar wenigen Jahren an Jogger*innen sehe – ist das die aktuelle Lösung für Wassertransport beim Laufen? Heute sah ich zum ersten Mal jemanden damit, die an einem Schlauch saugte, der oben vorne aus ihrer Weste kam.

Ich mag diese schmalen, gut gedämpften Wege direkt am Isarufer sehr, allerdings gestern beeinträchtigt vom Bewusstsein, dass dieser ein Zeckensommer ist und die Viecher genau hier lauern. (Nix mitgenommen.)

Zu Hause duschte ich nur kurz, packte dann meinen Sportrucksack mit Freibad-Dingen: Ich hatte mit Herrn Kaltmamsell einen Besuch des Einzelbads1 vereinbart. Wir radelten auf der schattigen West-Seite der Isar dorthin, breiteten unsere Handtücher auf dem Platz aus, den ich vor Jahren als “unseren” beschlossen habe. (Erstaunlich, wie wenig flexibel ich darin bin: Auch im Dante- oder Schyrenbad käme ich nie auf die Idee, mich an einem anderen als dem anfangs als ideal bestimmten niederzulassen. Ich führe das auf meine Baggersee-Kindheit zurück, in der es selbstverständlich nur die eine Stelle am Ufer gab, an der die Familie ihre Badetage verbrachte, legendäre Geschichten erzählend, wo man einst an völlig anderer Stelle mit welcher Freundin lag.)

Zweimal ließ ich mich den eisigen Isarkanal heruntertreiben (mit ein wenig Gegenschwimmen), zwischen sehr viel anderem Badevolk (voller als einem heißen, sonnigen Augustsonntag wird ein Münchner Freibad wohl nicht), trocknete und döste dazwischen in der Sonne. Frühstück um halb zwei: Gurke, Hüttenkäse, Schrumpelpfirsiche, Renekloden.

Nach zwei Stunden waren wir durch mit Freibad – die Zeiten, in denen mir ein Hitze-Tag im Freibad oder am See erstrebenswerter schien als einer in der kühlen Wohnung oder auf dem bequemen Balkon, sind wohl rum. Aber solche Ausflüge mag ich, und der Kanal im Einzelbad ist einfach unvergleichlich.

Daheim reinigte ich mich jetzt gründlich. Die Pilates-Einheit diesmal ungestört, sie tat gut.

Die beiden Kohlrabis aus Ernteanteil verarbeitete Herr Kaltmamsell zu einem köstlichen Pastagericht mit Pesto (Basilikum aus Ernteanteil der Vorwoche). Nachtisch Vanillepudding mit Zwetschgenröster, Schokolade.

Eine weitere Folge Mad Men, früh ins Bett zum Lesen: Nettle and Bones macht sich sehr gut, diese Prinzessin-in-magischer-Welt-schwimmt-sich-frei-Geschichte ist so erzählt, dass sie sogar mich Fantasy-Allergikerin anspricht – man kann halt in jedem Genre gut und schlecht schreiben (eine Besprechung auf Goodreads hat mich draufgebracht, glaube ich).

§

“Vom Verschwinden des 10. August”.

Vor 50 Jahren jagten mehrere hundert Menschen algerische Vertragsarbeiter durch Erfurt – doch aus dem öffentlichen Bewusstsein ist das wie ausradiert. Was erzählen die Männer, die sich damals wehrten?

Was? Wie? Natürlich hatte auch ich nie davon gehört.

§

Was macht eine türkische Rhythmusmaschine aus den 70ern in ihrer Freizeit? (Nein, die kann keinen Lambada.)

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/58H5_tTRs4Y?si=vdFu7MQEW9g2lJ56

via @giardino

Was mir erst gestern bewusst wurde: Wie lang und laut die Glocken der evangelischen Kirche St. Matthäus an einem Sonntag zwischen 7:30 und 8:30 läuten, zusammen sicher mehr als 20 Minuten. Ich saß nämlich auf dem Balkon, als ich dieses spannende YouTube-Stück ansah – und musste jeweils so lange unterbrechen, den um über die Glocken irgendwas zu verstehen, hätte ich brutal laut stellen müssen.

  1. Naturbad Maria Einsiedel – seit hier in den Kommentaren jemand erzählte, dass die Kinder daraus “Einzelbad” machten, haben wir das übernommen. []

Journal Samstag, 9. August 2025 – Jenny Erpenbeck, Heimsuchung

Sonntag, 10. August 2025

BEVOR MIR NOCH MEHR ALS DIE BISHERIGEN FÜNF ERST-KOMMENTATOR*INNEN DEN TIPP GEBEN, DASS MAN KI-ERGEBNISSE BEI GOOGLE MIT “-AI” AUSSCHALTEN KANN: DAS HATTE ICH BEREITS VOR WOCHEN HIER IM BLOG EMPFOHLEN. VERSUCHEN SIE BITTE HINZUNEHMEN, DASS ICH EINFACH DAS PHÄNOMEN KI-BLINDNESS BESCHRIEB. SIE SCHAFFEN DAS.
(*macht Fettung rückgängig*)

§

Jenny Erpenbeck, Heimsuchung von 2008.

Ein Stück Land im Osten Deutschlands und sein Schicksal im 20. Jahrhundert, inklusive Vorgeschichte, inklusive beteiligten Menschen, inklusive seiner Bearbeitung und Bebauung, vor allem mit einem markanten Haus – so die geniale Grundidee für diesen Roman. Und dann der geniale Titel, der die großen Themen vorgibt: Heimsuchung sowohl aus Gesuchten-, als auch aus Heimsuchenden-Perspektive, dazu das grundmenschliche Suchen eines Heims.

Erzählt wird chronologisch in Kapiteln um je eine Protagonistin, einen Protagonisten. Die historischen Ereignisse im Osten Deutschlands des 20. Jahrhunderts stehen mal angedeutet im Hintergrund, mal weit vorne. Wir erfahren die Geschichte der einstigen Besitzerin dieses Grundstücks am See, dann die des Architekten, der es mit einem sehr besonderen Haus bebaut, ganz nach den kreativen Wünschen seiner deutlich jüngeren Frau. Diese Frau steht im Mittelpunkt eines Kapitels, das die Einladungen und Feste dieses Paars in den 1930ern schildert, ich war sofort drin. Auch das Haus samt seinem sich wandelnden Garten und Ufer wird im Fortlauf der Erzählung immer deutlicher und lebendiger.

Immer wieder war ich sehr angerührt, am meisten von dem Kapitel “Die Besucherin”, das die Gedanken einer alten Frau wiedergibt, Flüchtling, die sich unter anderem ums Fremdsein drehen.

Nur eine Figur kehrt als Kapitelzentrum immer wieder: Der Gärtner, der dadurch immer mehr eine mythologische Figur wird. Als ich mich schon fragte, ob er wohl nie alterte, brach er sich ein Bein und wurde fast schlagartig ein alter Mann.

Die Sprache ist vordergründig einfach. Viele Kapitel enthalten Wortschleifen, sich wiederholende Formulierungen – doch die haben in jedem Kapitel eine andere Funktion: mal imitieren sie Rituale und Gewohnheiten, mal spiegeln sie realistsch Gedankenschleifen, mal lesen sie sich formelhaft und Litanei-artig wie alte Epen.

Immer wieder wechseln die Kapitel fein ihre Erzählmittel, immer aber in Begleitung einer starken impliziten Erzählstimme bei personaler Perspektive. Nur den Gärtner lernen wir nie von innen kennen, konsequenterweise verschwindet er auch irgendwann einfach.

Ich fände interessant, den Interpretationsansatz durchzuspielen, ob wir Deutschen nicht vielleicht gesamt seit der zivilisatorischen Komplettkatastrophe des Dritten Reichs auf der Suche nach einem Heim sind – geografisch (Reisenation Nr. 1), in unserer Zusammensetzung mit vielen Migrant*innen aus unterschiedlichsten Beweggründen, in unserer Selbstdefinition. (Gut möglich, dass das Ergbenis ist: Nee, funktioniert nicht.)

Heimsuchung ist seit 2024 Pflichtlektüre in der gymnasialen Oberstufe (in allen Bundesländern, die am länderübergreifenden Abitur teilnehmen). Ich halte den Roman für ausgesprochen geeignet dafür – doch da in Deutschland unverhandelbar gesetzt ist, dass man jedes literarische Werk hasst, das man in der Schule lesen musste, bedaure ich das auch.

§

Neun Stunden guter Nachtschlaf, ein wertvolles Geschenk. Draußen der angekündigte Sommermorgen, noch recht frisch. Die nassen Wochen davor waren so kalt, dass ich mich jetzt energisch ermahnen musste, die aufziehende Hitze mit Rollladen und geschlossenen Fenstern auszusperren, noch löste sie in erster Line wohliges Schnurren aus.

Balkonkaffee! Mit wiedererwachender Hakenlilie und Miniermotten-zerfressenen Kastanien.

Als ich nach Bloggen mit Milchkaffee, Wasserfiltertausch, Kanne Schwarztee, Aufhängen frisch gewaschene Bettwäsche, Morgentoilette spezial fertig war für meine Schwimmrunde im Dantebad, entschied ich mich für Öffis statt Rad: Mittlerweile fürchte ich mich richtig vor den losplärrenden Martinshörnern im Stadtverkehr (zur Sicherheit: Das Problem bin ich, irgendeine Verdrahtung ist in meinem Gehör verrutscht, so heftig reagiert sonst fast niemand darauf; ich kenne nur eine Person, die Ähnliches beschreibt – und das interessanterweise auf Wechseljahre zurückführt), die mich bis ins Mark erschrecken, vom Rad fegen, ruckartig Ohren zuhalten und aufschreien lassen.

Ausgang U-Bahnhof Westfriedhof.

Sehr angenehmes Schwimmen, alle vertrugen sich auf der Bahn, ich fühlte mich stark und zog 3.300 Meter schmerzfrei durch.

Nach Abbrausen, Bikiniwechsel, neu Sonnencremen legte ich mich auf die jetzt wieder saftig grüne Liegewiese. Allerdings ohne Musik auf den Ohren: Meine Kopfhörer zeigten wieder den Trick Spontanentladung-nach-Aufladen-über Nacht. Machte nichts. Zum einen wollte ich eh nicht zu lange in der Sonne bleiben, zum anderen lauschte ich dösend in leisem Wind den Gesprächen um mich herum. Und erfuhr: dass weiter in Torremolinos Urlaub gemacht wird / dass unter manchen jungen Frauen die Tiefe der Bräune noch als Qualitätskriterium eines Urlaubs gilt wie in den 1980ern / dass hispano-hablante Müncher*innen vom Dantebad “en pleno invierno”, also mitten im Winter schwärmen.

Heimfahrt über Semmelkauf, das Thermometer der Marien-Apotheke am Sendlinger Torplatz zeigte im Schatten deutlich über 30 Grad an.

Kurz vor drei gab es als Frühstück eine Dinkelseele mit Butter und Tomate, eine Körnersemmel mit Butter und Hagebuttenmark, Schrumpelpfirsiche (Trocknen statt Nachreifen, es bleibt Glücksspiel).

Herr Kaltmamsell kam seiner erbetenen Pflicht nach, mich an zwei Dinge zu erinnern: Tischreservierung in der Wiener Meierei Ende August (check), ETA für Wanderurlaub in England. Mein erster ETA-Versuch (Electronic Travel Authorisation, nicht etwa Euskadi Ta Askatasuna) war am Scan meines Ausweises gescheitert, diesmal nahm ich wie angewiesen (LESEN!) meinen Reisepass. Fisselig war hier das Einlesen des Chips im Reisepass, nach sechs Versuchen schaffte ich gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell auch das. Antrag durchgestanden (Bayern-ID härtet ab), die ETA bekam ich innerhalb von Sekunden per Mail. Und brauche jetzt nichts weiter als meinen Reisepass, alles andere ist laut dieser Mail hinterlegt. In der auch stand “To help us improve the ETA application process, tell us what you thought at: $URL”
“Bloody idiots! You Brexit morons!”, wäre ehrlich, aber unhöflich gewesen und hätte vermutlich nicht als konstruktives Feedback gegolten.

Nachmittag in der angenehm kühlen Wohnung (ab jetzt ist das Hitze-Aussperren wieder organisch – allerdings klemmt seit gestern der Rolladen von Herrn Kaltmamsells Zimmer nach Westen; ich befürchte ein schlimmes Hitze-Einfallstor) mit Zeitunglesen. Besonder gut gefielen mir das Buch zwei über eine Reisegruppe, die in Berlin ihre Bundestagsabgeordnete besucht (“‘Huhu, wie is et?'” – €) und auf der Medienseite das Interview mit ARD-Vorsitzendem Florian Hager über ein Thema, das auch mich seit einigen Jahren umtreibt: Wie die Öffentlich-rechtlichen Medien ihrem Auftrag in einer sich existenziell verändernden Medienwelt nachkommen können (auf der re:publica schon lange eine Dauerbrenner) – “‘Was wir sehen, ist das Ende der Massenmedien'” (€).

Als Zwischenspiel vor dem nächsten 30-Tage-Programm Yoga begann ich wieder eine Pilates-Woche – die gestrige Folge leider beeinträchtigt durch Kreislauf-Turbulenzen inklusive Schweißausbruch.

Besoners köstliches Nachtmahl: Herr Kaltmamsell seriverte die Ernteanteil-Zucchini auf Ricotta mit Haselnüssen. Dazu tranken wir Gin Tonics. Nachtisch Schokolade.

Im Bett die nächste Lektüre: T. Kingfisher, Nettle and Bone – was komplett Anderes, eine nicht-realistische Geschichte in einer magischen Welt.