Bücher

Journal Dienstag, 6. November 2018 – Mittägliches Radlvergnügen

Mittwoch, 7. November 2018

Früher Wecker, um vor der Arbeit noch Sport zu treiben. Stellte sich als viel zu früh heraus, der Wecker riss mich aus Tiefschlaf. Aber wo ich schon mal stand…

Krafttraining zu heller werdendem Himmel und aufgehender Sonne bei gekippten Fenstern – anstrengend, aber schön. In die Arbeit nahm ich das Rad, weil ich in der Mittagspause bei meiner Hausärztin ein Rezept abholen wollte. Das tat ich dann auch, der kleine Radausflug in warmer Sonne war herrlich. Als ich aus dem Altbau, in dem die Praxis der Ärztin liegt, hinaus auf die Straße trat, war die Luft draußen wärmer als drinnen.

Nach Feierabend auf dem Heimweg kurze Einkaufstopps (Apotheke, Obst im Biosupermarkt), Radeln wieder ein Genuss. Daheim wartete ein Brief von Oberbürgermeister Dieter Reiter und Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle auf mich: Eine Erklärung und Entschuldigung für die Komplikationen beim Wahlhilfeeinsatz.
– Die Wahlbeteiligung sei unerwartet hoch gewesen (10 Prozentpunkte über der Landtagswahl davor), dadurch habe sich das Wählen bis in die eigentliche Auszählzeit verschoben.
– Für die Auszählung der vielen Briefwahlunterlagen habe nicht wie sonst die Messe genutzt werden können, Schulturnhallen hätten herangezogen werden müssen. (Das war mir neu, das muss wirklich sehr umständlich gewesen sein.)
– IT-Probleme mit dem zentralen Server, der über die Eingabe an den Wahlkoffern die Auszählungsergebnisse zusammenfasste, hätten zu langen Wartezeiten geführt und zur Überlastung der IT-Hotline.
Der Brief schloss mit der Versicherung, dass das System verbessert wird.
Eine sehr professionelle und anständige Geste, finde ich.

Abendessen: Restlicher Kürbis und restliche Kartoffeln des Ernteanteils aus dem Ofen mit Käse und Butter, Süßigkeiten.

4. Tag der #Buchchallenge (7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen): Zadie Smith, White Teeth.

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David Hugendick schreibt in der Zeit über den Autor von tausenden John-Sinclair-Groschenromanen, Helmut Rellergerd:
„Dämonendauerdienst“.

via @Cynx

64 Seiten in der Woche sind 256 Seiten im Monat sind 3.072 Seiten im Jahr. Sinclair, Sohn des Lichts mit dem ausgeglichenen Gemüt. Er erinnert ein wenig an James Bond und ein wenig an den Kontaktpolizisten, den man jederzeit anrufen kann. Sinclair hat Liebeskummer, Sinclair auch mal einen Kater. Der Oberinspektor ist immer zur Stelle, wenn sich ein sachgrundlos mordender Todesfürst ausgerechnet in eine Wohnzimmerstanduhr verirrt hat oder Killerpuppen das Urlaubshotel stürmen. Wenn der städtische Vergnügungspark leider über einem Tor zur Verdammnis errichtet worden ist und forthin Kapuzenskelette in der Achterbahn sitzen.

Wie er auf all das komme, kann man Rellergerd natürlich fragen. Er sagt: „Ach, das fällt mir eben ein.“ Das sei halt sein Beruf. Beamter der Fantasie. Nach dem Zombie ist vor dem Dämonenzwerg.

Journal Montag, 5. November 2018 – Sonniger November

Dienstag, 6. November 2018

Zweite Nacht in Folge, in der ich nach vergeblichen Einschlafversuchen ordentlich Ibu einwarf, gegen die wach haltenden Hüft- und Beinschmerzen.

Morgens ein wenig Hektik, weil ich länger fürs Bloggen brauchte als gedacht, außerdem aufgehängte Wäsche wegräumte, die Wohnung putzfertig machte.

Bei uns in der innersten Innenstadt von München strahlte blauer Himmel, doch jenseits der Theresienwiese war es neblig. Mikromikroklima, immer wieder interessant.

Ein Arbeitstag.

Es wurde sonnig, und als ich das Bürohaus in der Dunkelheit verließ, war es überraschend mild. Ich genoss meinen Fußweg nach Hause.

Daheim bereitete Herr Kaltmamsell unter anderem aus Ernteanteil-Kürbis den wunderbaren Herbstsalat von Tring zum Abendbrot:

Später ins Bett als geplant: Die abendliche Waschmaschine mit bunter 60-Grad-Wäsche brauchte eine tückische Dreiviertelstunde länger als anfangs angezeigt.

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3. Tag der #Buchchallenge (7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen): Wolf Schneider, Deutsch für Profis

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Journal Samstag, 3. November 2018 – Freier Tag mit Häuslichkeiten und buntem Herbstspaziergang

Sonntag, 4. November 2018

Noch vor dem Wecker aufgewacht – den ich mir für das Vormittagprogramm mit Einkäufen vor einer Turnstunde im Verein (Aerobis, Gymnastik) gestellt hatte.

Doch gestern erwischte mich wieder die Sportunlust, die Aussicht auf einen wirklich gemütlichen Tag lockte viel mehr. Also duschte ich mich gleich und brach unter grauem Hochnebelhimmel früh zu einer Einkaufsrunde auf (Bäcker, Metzger, Biosupermarkt für Milch).

Daheim buk ich das novemberliche Öko-Gegenstück zum Raumduft in Flaschen und gegen Geld: Gewürzkuchen. Während der im Ofen war, kochte ich das am Freitag angesetzte Blaukraut. Und während dieses köchelte, frühstückte ich frische Semmeln. Wodurch es nach Duschen, Einkauf, Kuchenbacken, Blaukrautkochen, Frühstück noch nicht mal zwölf war! So mag ich meine freien Tage am liebsten.

Eigentlich hatte ich den Kuchen noch kuvertüren wollen, doch die Kuvertüre stellte sich als zu alt dafür heraus (ein Jahr über Mindesthaltbarkeitsdatum, sah gut aus, roch gut): Sie schmolz nicht, sondern klumpte durchs Erhitzen.

Die Sonne kam den ganzen Tag nicht heraus, dennoch zog es mich ins Draußen: Ich spazierte über Theatinerstraße, sehr belebten Hofgarten und Englischen Garten mit Chinesischem Turm zur Isar, auf der deutlich einsameren Ostseite bis zur Museumsinsel, über Isartor und Viktualienmarkt zurück. Es war mild (ich brauchte weder Mütze noch Handschuhe) und die herbstbunten Bäume ließen den grauen Himmel vergessen.

War gestern Tag des Fotokurses? Mir begegneten im Englischen Garten und an der Isar mindestens vier Gruppen mit enormen Objektiven, die offensichtlich unterrichtet wurden.

Daheim laß ich Galbraiths Silkworm aus, er gefiel mir bis zuletzt. Im besten Fall sind Krimis ja treffende Gesellschaftsgemälde, und Galbraith/Rowling zeichnet das eines Englands, in dem die Klassen sich bis heute scharf voneinander abgrenzen – selbst in Kreisen, in denen sie sich scheinbar vermischen (hier in der Literaturwelt). Die middle class-Haushalte, in die Cormoran Strike bei seinen Ermittlungen kommt, sind so erkennbar gezeichnet, wie es auch eine Zadie Smith nicht besser macht.

Beim Bügeln den Roman sacken lassen, dabei Pink Floyds Dark Side of the Moon gehört (hatte ich mir am Vortag in einem Nostalgie-Anfall als mp3 heruntergeladen, die LP hatte ich vor Jahren zusammen mit meinem Gesamtbestand LPs verschenkt) – festgstellt, dass ich die Stücke so gut kenne, jeden Einsatz, jeden Ton des Backgroundgesangs, dass ich fast keine Musik mehr höre.

Bücher-Challenge, Tag 2 (7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen): Delia Smith, Delia Smith’s Complete Illustrated Cookery Course:

Zum Abendessen kochte ich mir aus Ernteanteil eine Sellerie-Kartoffel-Suppe, für die ich zur Verherzhaftung beim Metzger ein Stück Stadtwurst gekauft hatte. Gut!

Dazu guckte ich sogar fern. Auf Phoenix stolperte ich über eine Doku über das Weiße Haus:
„Das Weiße Haus – Hinter den Kulissen“.
Fertiggestellt, als Obama noch Präsident war. Den roten Faden der Offenheit für Bürger, der vielen öffentlichen Veranstaltungen und bürgernahen Projekte könnten man vermutlich jetzt nicht mehr spinnen.

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Schon am Freitag traf mich die Nachricht, dass Robert Basic gestorben ist – der Mann, der unter anderem daran schuld ist, dass ich die Biosupermarktkette Basitsch ausspreche, denn so spricht man den Namen halt aus. Das Blog Basic Thinking war schon immer da: Als ich Blogs kurz nach der Jahrtausendwende entdeckte, gab es Technikblogs und Geschichtenblogs – und unter den Technikblogs las ich am regelmäßigsten Industrial Technology & Witchcraft und eben Basic Thinking. Irgendwann wurde es mir zu PR-lastig und mein Interesse erlahmte, doch Robert Basic blieb integraler Bestandteil meines Internets. Irgendwie scheine ich immer noch davon auszugehen, dass diese Bestandteile unsterblich sind, sonst hätte mich sein Tod nicht so getroffen.

Am besten verdeutlicht den Verlust von Robert Basic der Nachruf auf mobilegeeks:
„In Gedenken an Robert Basic: Gute Reise, lieber Rob“.

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Ein weiterer anerkennender Rückblick auf die Kanzlerschaft von Angela Merkel, dieser von Anja Maier, Korrespondentin Parlamentsbüro der taz:
„Verdammt lange da“.

In Deutschland scheint nur die Frage der Nachfolge von Angela Merkel zu interessieren. Im Ausland sieht man, welche Lücke sie hinterlassen wird.

Journal Dienstag, 23. Oktober 2018 – Lesrunde zu Michael Ondaatje, Warlight

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Der Tag wurde immer grauer, am Nachmittag begann es zu tröpfeln. Ich nahm für den Heimweg den Notschirm aus meiner Büroschublade mit, doch es blieb erst mal trocken. Abends setzte stürmischer Wind ein.

Es traf sich die Leserunde bei uns. Es gab Mejadra, Salat und Apple Crumble zu essen (gute Esserinnen und Esser, in dieser Runde bleibt fast nie etwas übrig) sowie Michael Ondaatjes Warlight zu bereden.

Mir hatte der Roman sehr gut gefallen, auch wenn ich die längste Zeit über nicht so recht wusste, welche Geschichte er mir eigentlich erzählte. Sie spielt auf jeden Fall im Nachkriegs-London, und wie immer war ich ganz begeistert von Ondaatjes Kunst der Erzählperspektive. Wir sehen dieses London aus der personalen Perspektive der Hauptperson Nathaniel, einerseits so beschränkt und schlaglichtartig, wie subjektive Wahrnehmung nun mal ist (also ohne den Überblick und die Herstellung von Zusammenhängen einer mehr wissenden Erzählerstimme), andererseits wird aber diese subjektive Wahrnehmung aus der späteren Sicht dieser Hauptperson reflektiert.

Die Handlung beginnt mit dem Abschied von Nathaniels Eltern, die ihn, den 14-jährigen, und seine wenige Jahre ältere Schwester bei einem Freund zurücklassen, den die Kinder gar nicht kennen und untereinander The Moth nennen. Der Vater geht vorgeblich beruflich ins Ausland, seine Frau begleitet ihn wie damals üblich – was sich später als nicht ganz richtig herausstellt.

Zu einem runden Ganzen wurde der Roman für mich erst am Schluss, und dieses Ganze ist in erster Linie die Geschichte einer Frau, nämlich der von Nathaniels Mutter, und einer Zeit.

Auch die anderen Leserinnen und Leser unserer Runde waren begeistert vom Buch, wir sprachen lange und detailliert darüber. Die skurrile Mischung an Personen, die sich im ersten Teil im Elternhaus von Nathaniel trifft und die grotesken Seiten der Londoner Halbwelt erinnerten Herrn Kaltmamsell an Dickens; mir gefiel vor allem der Unterschied zu Dickens: Ondaatjes Erzählerstimme schildert immer trocken bis lakonisch und ohne Superlative oder Unterstreichungen. Herr Kaltmamsell wies auch auf die Unzuverlässigkeit des letzten und dritten Teils des Buches hin: Hier erleben wir den 28-jährigen Nathaniel, der herausfindet, was die Vergangenheit seiner Mutter wirklich war und was in London nach seinem plötzlichen Verschwinden passierte – aber war das alles so? Nathaniel erzählt lebendig und voller Details – die er unmöglich kennen kann. Und er widerspricht in einigen Aspekten dem, was im ersten Teil des Buches erzählt wurde.

Ein weiterer Mitleser sah in dem Roman vor allem die hervorragende Schilderung der Nachkriegszeit: Krieg endet nämlich keineswegs mit Kriegsende, er bestimmt das Leben noch viele Jahre danach. (Selbst ich habe Anfang der 70er noch in Bunkerresten gespielt.) Auch die Vieldeutigkeit des Romantitels war Gesprächsanlass, man kann ihn als Färbung des ganzen Lebens auf viele Jahre durch Krieg lesen.

Sie merken schon: Leseempfehlung.

Der fröhliche Abend in dieser Runde tat mir wieder ausgesprochen gut. Eine geplagte Mitleserin sprach gestern aus, was auch ich mir immer wieder gedacht hatte: Da kann der Tag oder das Leben im Moment noch so beschissen gewesen sein, ein Leseabend mit diesen lieben, schlauen, bescheuerten Menschen reißt das jedesmal raus.

Nachtrag: Einige lesenswerte Besprechungen des Romans.

Im Guardian: „Warlight by Michael Ondaatje review – magic from a past master“.

Dwight Garner zieht in der New York Times einen Vergleich, der auch in unserer Leserunde fiel (und auch er assoziiert Dickens, und er meint es nicht nett):

“Warlight” reads, at its not-infrequent best, like a late-career John le Carré novel. It hooks you in ways that make its quiet storm of bombast (“He always knew the layered grief of the world as well as its pleasures”) almost possible to bear.

Im New Statesman fasst Ian Samson zusammen (er meint es als Lob):
„Michael Ondaatje’s Warlight is like watching a Wes Anderson film through a telescope“.

Hirsh Sawhney schreibt im Times Literary Supplement (schöne Illustration zur Besprechung) eine Apologie von Ondaatjes Schreib- und Erzählstil – dem entnehme ich, dass er dafür Gegenwind bekommen hat.
„Don’t listen to the critics“.

Auch Anna Mundow meint in der Washington Post:
„‚Warlight‘ is a quiet new masterpiece from Michael Ondaatje“.

Journal Mittwoch, 30. August 2018 – Zur Familienhochzeit nach Berlin

Freitag, 31. August 2018

Aufgewacht zu Regenrauschen. Wie hatten eine gemütliche Zugverbindung nach Berlin gebucht, die Zeit für Ausschlafen, gemütlichen Morgenkaffee, gemütliches Kofferpacken ließ. Der kräftige Regen war zwar auch bei den lediglich 15 Fußminuten zum Bahnhof doof, aber trocknet ja wieder.

Bahnfahren ist toll. Wenn man wie wir nicht auf Anschlusszüge angewiesen ist. Auf den ersten paar Kilometern holte sich unser ICE gut 20 Minuten Verspätung (noch im Bahnhof Warten auf zugebrachte Reisende, später Check eines möglichen Triebwerkschadens) – für die Reisenden mit Umstieg in Nürnberg saudoof. Doch bis zu unserer Ankunft in Berlin war alles bis auf fünf Minuten wieder reingefahren, wir kamen in den angekündigten viereinhalb Stunden von München Hauptbahnhof bis Berlin Hauptbahnhof – gemütlich lesend und brotzeitend, mit der ein oder anderen Greifvogel- und Rehsichtung vorm Fenster.

Neil Geimans American Gods ausgelesen, mir gefiel der Roman gut. Schon das Set-up als Hintergrund mochte ich: Die vielen Einwandererkulturen brachten alle ihre Götter mit in die USA, durch Glauben, Gedanken, seit vielen Jahrhunderten. Natürlich wurden sie durch die neue Umgebung verändert. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Mann, der gerade eine Gefängnisstrafe abgesessen hat, Shadow. Er muss erfahren, dass seine Pläne für die Zeit nach der Inhaftierung nichtig sind: Seine Frau ist bei einem Unfall ums Leben gekommen, ebenso der Freund, bei dem er einen Arbeitsplatz hatte. Statt dessen wirbt ihn ein seltsamer alter Mann als Faktotum an – der seine Namen und seine Vergangenheit kennt und sich Wednesday (*zwinker*) nennt. So gerät Shadow in die Welt der amerikanischen Götter. Mir gefiel gut, dass Realitätsebenen unzuverlässig sind, ohne dass das Ganze magic realism wird, ich mochte die Reisen durch verschiedene US-Landschaften und -Kulturen, und ich wurde immer wieder durch Wendungen überrascht – bis zum Schluss.

In Berlin war das Wetter bedeckt, aber trocken. Da wir Bedürfnis nach Luft und Bewegung hatten, gingen wir die knappe Stunde zu Fuß ins Hotel. Ich hatte in einem Haus auf meiner Wunschliste gebucht (die ich bestücke, wenn ich von interessanten Hotels lese, und mir für besondere Urlaube leiste), im ehemaligen Stadtbad Oderberger – die Schwimmhalle ist wieder in Betrieb.

Es stellte sich als wirklich besonderes und wunderschön renoviertes Hotel heraus.

Und zum erstes Mal im Leben beanspruchte ich in einem Hotel Zimmerservice: Ich ließ mir Bügelbrett und Bügeleisen bringen, weil die Festkleidung trotz aller Packungssorgfalt verknittert eingetroffen war. Und wenn ich schon mal dabei war, glättete ich auch die andere, nicht festliche Kleidung.

Über die Whatsapp-Gruppe der Familienenkel (Familienseite des Herrn Kaltmamsell) waren über die beiden Tage davor bereits Fotos von Unternehmungen mit der angereisten amerikanischen Verwandtschaft zu sehen gewesen. Wir schließen uns dem nach der Hochzeit am Freitag an, gestern Abend gingen wir noch zu zweit aus: Ich zeigte Herrn Kaltmamsell das Jolesch. (Auf dem Weg zur U-Bahn wurden wir nochmal angeregnet.)

Wie aßen Menü mit Weinbegleitung. Ich lernte, dass man Wassermelone lieber nicht braten sollte (wird zäh), und entdeckte einen sehr interessanten österreichischen Sauvignon Blanc: Der Weixelbaum Wahre Werte war der animalischste Sauvignon Blanc, den ich je im Glas hatte, die Würzigkeit hatte schon was von gekochtem Rosenkohl.

Zurück im Hotel sahen wir uns noch eine Weile um.

Riesige Außenbeschriftung an der Seite des Gebäudes.

An der Wand einer Sitzecke.

§

Die Ausschreitungen in Chemnitz sind lediglich ein Symptom. Den Hass, die Missgunst, die Aggression gab es schon vorher, sie suchten sich lediglich andere Ziele. Hier zwei Innensichten, die die Wurzeln und die Mechanismen dahinter in DDR-Vergangenheit sehen:

Rüdiger Jope, ein ehemaliger Pastor schreibt:
„Krawalle in Chemnitz: Was ist bloß los im Osten?“

Und Anke Gröner veröffentlicht in ihrem Blog die Zuschrift ihrer Leserin Beatrix:
„Leserinnenpost“.

Wir scheint es selbstverständlich, dass 40 Jahre unterschiedlicher Umgang mit der eigenen Vergangenheit als Drittes Reich eine grundsätzlich verschiedene politische Kultur hervorbringen: Im Westen 40 Jahre Ringen um Aufarbeitung, Streiten um Schuld (persönlich, kollektiv), um Verantwortung, um Vergebung, um Ursachen, um Konsequenzen, um Identifikation mit dieser Zeit vs. Distanzierung – immer und immer wieder um jedes Detail, und das vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Im Osten komplette Auslagerung der Geschehnisse und Greuel an Andere-die-nicht-wir-waren und Erklärung als abgeschlossen per Dekret. Das macht was mit Gesellschaft und Einzelnen. Dass all das Streiten und Befassen im Westen nicht gegen eine neue rechtsradikale Welle immunisierte, erwies sich allerdings immer wieder, siehe Republikaner, siehe NPD, siehe AfD heute.

Journal Freitag, 27. Juli 2018 – Ausflug in die Sommerfrische und französische Weinerlichkeitsliteratur

Samstag, 28. Juli 2018

Wieder zu früh aufgewacht, aber nicht so schrecklich früh, und in einen wundervollen Hochsommermorgen.

Zum dritten Mal hatte sich meine Leserunde in der Sommerfrische verabredet, also im Feriendomizil zweier Mitlesender am Chiemsee (in der Lokalzeitung stünde jetzt „fast schon zur Tradition geworden“ – ab dem vierten Mal lautet die Pflichtformulierung „zur traditionellen Sommerfrische“). Dazu trafen sich die anderen Mitlesenden kurz nach Mittag (jahaha, ich kann auch mal richtig früh Feierabend machen!) am Münchner Hauptbahnhof und stiegen mit einem gemeinsamen Bayernticket in einen Zug nach Salzburg. Es stellte sich heraus, dass viele hundert Menschen dasselbe Ziel hatten, der Zug war knallvoll. Ab Rosenheim teilten wir den Stehplatz in den Gängen mit einer bayerisch-schwäbischen Theatergruppe auf Sommerausflug – Wattenscheider Kegelclub Dreck dagegen. Als wir in Prien ausstiegen, brummte mir der Kopf vor lautstark geäußerten alkoholisierten Dummheiten aller Schattierungen in hinteraugsburger Dialekt.

Doch auf uns warteten Kaffeundkuchen mit sensationeller Aussicht auf Alpenpanorama inklusive Kampenwand – alles war gut.

Dann musste es nochmal nicht so gut werden: Wir sprachen über die Lektüre, Pierre Michon, Anne Weber (Übers.), Leben der kleinen Toten. Ich hatte den in vielen Tönen berühmten Band (unter anderem von Iris Radisch als „eines der großartigsten Bücher überhaupt“) auf dem Weg nach Klagenfurt gelesen, unter immer lauterem Schnauben: Da interessierte sich jemand keineswegs für das Leben kleiner Leute, sondern nur für sich selbst, seine romantische Herkunft, seine tsetsetse wilde und verkommene Drogenjugend – und brauchte ein paar Leute als interessante Staffage dafür, notfalls halb erfunden. Die Sprache vor lauter konstruierter Vergleiche und unter Schmerzenslauten an den Haaren herbeigezogenen Bildern nahezu undurchdringlich – kein Torbogen, kein Baum ist vor Michons Metapherorhoe sicher. (Beispielsatz: „Welches alte Familiendrama lebt weiter in der Kehle der Hähne?“) Wenn das die Krone französischsprachiger Erzählkunst ist, kann sie mir gestohlen bleiben.

Zunächst aber wartete ich ab, was die Mitlesenden der Runde über die Lektüre zu sagen hatten – immer wieder kommen in unseren Gesprächen komplett konträre Rezeptionen auf, die mich sehr bereichern. In diesem Fall waren wir uns aber einig: Aufgeplusterter, überinstrumentierter (den Begriff aus Klagenfurter Jury-Diskussionen bot ich an), weinerlicher und selbstverliebter Schmarrn. So schnell kommt uns kein französisches Buch mehr auf den Tisch.

Zurück zum guten Leben: Mit dem Bauch voll warmem Käsekuchen fuhr der Großteil mit offenem Verdeck zum wundervollen Langbürgner See (ich hatte morgens noch schnell einen Badeanzug in die Arbeitstasche geworfen) sprang hinein und drehte eine Runde. Ich war schon sehr lange nicht mehr in einem See geschwommen und genoss es sehr.

Mehr Alpenpanorama, diesmal mit Cremant, Käse und Auberginensalat, zentrales Gesprächsthema: Die anstehende Mondfinsternis, Verlauf, Zeiten, Richtung.

Die Rückfahrt nach München verlief deutlich einsamer und ruhiger.

Die Mondfinsternis erlebte wir dann doch nicht mit: Herr Kaltmamsell war ebenso erschlagen wie ich, wir hätten zu einem Aussichtspunkt gehen müssen – und wären ja dann doch vor lauter Erschöpfung nicht aufnahmefähig gewesen.

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Wenn Sie in Deutschland wohnen und keinen erkennbaren Einwanderungs-Hintergrund haben: Lesen Sie bitte auf Twitter unter #metwo nach, was andere an Ausgrenzung im Alltag erleben. (Und seien Sie sehr, sehr vorsichtig mit der Ansicht, Sie könnten beurteilen, ob diese Erlebnisse ausgrenzen oder nicht.) Wenn Sie zu den anderen gehören: Lesen Sie unter #metwo nach, dass Sie nicht allein sind oder sich „bloß anstellen“.

Warnung: Der Hashtag wird selbstverständlich längst von Rassisten verwendet, um darunter mehr Rassismus zu veröffentlichen. (Noch sind diese Tweets aber in der Minderheit.)

Irgendwo müsste ich noch die Absage der Hans-Seidl-Stiftung auf meine Bewerbung um ein Promotionsstipendium haben. Begründung: Nur deutsche Staatsangehörige kämen für dieses Stipendium in Frage.
(Die ich auch damals schon lange war. Was man mir dort offensichtlich allein angesichts meines Namens absprach.)

Journal Dienstag, 3. Juli 2018 – Sich gehen lassen

Mittwoch, 4. Juli 2018

Plan für den zweiten Urlaubstag war ein Schwumm im Einzelbad1 mit anschließendem Herumlungern. Damit mich die wettervorhergesagte Sonne dabei nicht verbrannte, musste ich früh aufstehen: Herr Kaltmamsell konnte mir nur bis 6:15 Uhr den Rücken eincremen, dann musste er in die Arbeit.

Soweit schaffte ich auch meine Pläne, doch überm Morgenkaffee ging’s mir immer schlechter: Menstruationskrämpfe, bleierne Müdigkeit, allgemeine Unpässlichkeit. (Zumindest hatten die prämenstruellen Brustschmerzen aufgehört, die zwei Wochen lang jede Schwelle beim Radeln zur Folter hatten werden lassen.) Sonne schien auch keine, ich fror im Bademantel. Alles nicht schlimm, an einem normalen Werktag hätte ich das wegingnoriert und wie geplant weitergemacht. Doch wozu hatte ich frei? Ich ließ mich einfach mal in die Unpässlichkeit fallen und ging um zehn für zwei Stunden zurück ins Bett.

Danach ging’s mir tatsächlich besser: Frühstück, Duschen, Spaziergang durch die Fußgängerzone (dann doch keinen mittelgroßen Koffer gekauft, nach Klagenfurt muss wieder der Familienkoloss mit – außer bei Lebensmitteleinkäufen bin ich super darin zu beschließen, dass ich etwas doch nicht brauche), Balkonlesen, Maniküre, Bügeln.

Auf dem Balkon hatte ich Oskar Maria Grafs Das Leben meiner Mutter ausgelesen. Im letzten Drittel des Buchs hatte ich wieder den Eindruck, die passende Lektüre zur politischen Situation in der Hand zu halten: Schilderungen der ersten Republik- und Demokratieversuche auf bayerischem und deutschem Boden sowie ihr Scheitern, weil sich nicht an Abmachungen und an die Verfassung gehalten wurde, weil mit den Nazis die ultimativen Bullys gewannen. Beim Erstarken der Republikaner in den 80ern, bei den Anfängen der AfD war ich noch zuversichtlich, dass unsere heutige Verfassung, unsere heutige Demokratie das abkann, dass sie stark genug ist. Die Unvorstellbarkeiten um Brexit und Trump haben dieses Urvertrauen angenagt, die Selbstverständlichkeit rechtsradikaler Aggression in Ostdeutschland, die Machenschaften der AfD im deutschen Bundestag, der irrlichternde Seehofer und ein trumpischer Söder erschüttern es tief. (Wenn die Aigner Ilse dachte, den Söder behalte sie aus der zweiten Reihe schon im Griff, hat sie sich ziemlich geschnitten: Sie kommt einfach nicht mehr vor.)

Herr Kaltmamsell kam abends so rechtzeitig heim, dass wir vor dem 20-Uhr-Fußballspiel in den Schnitzelgarten gehen konnten. Na ja fast, hinter uns wurde dann doch schon auf der Großleinwand gespielt (auch neben uns am Tisch, allerdings spielten die vier jungen Männer Karten – und lästerten über Fußball).

Ein wenig Hin und Her wegen der Ferienwohnung in Klagenfurt. Ich komme kurz nach eins am Bahnhof an, Wohnungsübergabe war laut Annonce um 14 Uhr – perfekt. Das verschob sich schon am Sonntag auf 16 Uhr (deshalb die Frage nach Zeitvertreib), nun sollte es 18 Uhr werden. Viereinhalb Stunden mit Gepäck totschlagen ist dann doch etwas strapaziös, ich fasste mir ein Herz (making a fuss!) und handelte auf 16 Uhr runter.

Koffer fertig gepackt, dabei die eher regnerische Wettervorersage weitgehend ignoriert.

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Bayerische Landwirtschaft in den 60ern – hilft einige heutige Probleme zu verstehen:

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https://youtu.be/htK12MlFDiM

via Bauerwilli

§

Auf den Spuren meiner Abwehr gegen meine Geburtsstadt (Selbstironie wächst einer Stadt vielleicht erst, wenn’s ihr mal richtig schlecht geht):

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https://youtu.be/EM8l5lM31S0

via Papa per Whatsapp

  1. Naturbad Maria Einsiedel []

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