Bücher

Journal Dienstag, 30. Dezember 2025 – Gladiatoren archäologisch

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Bis fünf sehr guter Schlaf, dann aber schlief ich nicht wieder ein.

Gestern hatte ich sogar einen Termin: Friseur, diesmal für einen Zeitpunkt nach dem vorherigen Schnitt vereinbart, zu dem die Erfahrung berechnet hatte, dass ich erstmals den Wunsch nach einem neuen entwickeln würde. Traf ins Schwarze, seit ein paar Tagen wünschte sich mein Spiegelbild Kürzung.

Davor hatte ich noch Zeit für Einkäufe: Die Silvesterplanung hatte als Abendessen Unsichtbaren Salat ergeben, gestern sollte Herr Kaltmamsell Spinat mit roter Paprika und Erdnusssauce machen, für all das brauchte es Zutaten. Ich spazierte zum Süpermarket Verdi und besorgte dort, was sich dort besorgen ließ, also fast alles. Den Rest inklusive Zutaten fürs Neujahrsessen (Rinderrouladen) überließ ich Herrn Kaltmamsell.

Während er unterwegs war, kam aber der Anruf des lieben Friseurs: Er war erkrankt und musste unseren Termin absagen, der arme. Wirklich nicht schlimm, bei der aktuellen Mützenkälte ist Haareschön eh schwierig. Und wir konnten früher den zweiten Tagesplan angehen: Die Archäologische Staatssammlung zeigt derzeit eine Sonderausstellung zu Gladiatoren, die wollte ich sehen. Die Hollywoodfilme zum Thema, Spartacus, Gladiator kenne ich nicht, mein Wissen basiert auf lang vergangenem Lateinunterricht und natürlich auf Asterix als Gladiator (-> Zuckerpüppchen von Tifus).

Wir spazierten unter Hochnebelhimmel quer durch die Innenstadt und über Hofgarten dorthin, unterwegs gab es Mittagscappuccino. In der Luft gelangweilte Schneeflocken.

Mal wieder Besuch beim einzigen Spatzenvölkchen innerhalb des Münchner Altstadtrings, die in diesem einen Busch hinterm Rathaus wohnen, tschilp!

Die Sonderausstellung im Untergeschoß der Archäologischen Staatssammlung erklärt multimedial die Zeit, in der in Rom Gladiatorenkämpfe stattfanden, das Kolosseum, Struktur und Ausstattung der Kämpfe, Stellung und Leben der Gladiatoren. Dazu werden archäologische Fundstücke gezeigt (bildliche Darstellungen, Helme, ein Grabstein),1 der lokale Bezug ist die Nachbildung eines weiteren Amphitheaters, das 2003 in Künzing in Niederbayern entdeckt wurde und aus Holz bestand. Dazu viele Nachbildungen von Ausrüstung, wie schon in der Dauerausstellung einige eigens zum Anfassen und Ausprobieren.

Zudem Infos auf Tafeln, auf Bildschirmen zum Selbertippen, auf Videoleinwänden in Deutsch und Englisch.

Das Interessanteste aber: Ein Mann und eine Frau mit hochspezialisiertem Fachwissen (auch zu zeitgenössischem Nachspielen von Gladiatorenkämpfen) führten gerade eine Gruppe durch die Ausstellung. Mir ging schon das Herz auf, wie die beiden lateinische Begriffe aussprachen, nämlich in dem tiefen Bayrisch, das sie auch sonst sprachen: Genau so klang mein Lateinunterricht an einem oberbayerischen humanistischen Gymnasium Ende der 1970er, Anfang der 80er. Ich hielt mich einige Zeit in der Nähe der Gruppe auf, um Infos aufzuschnappen. (Wichtigstes Klugscheißer-Detail aus dieser Führung: Das ikonische Daumen hoch oder Daumen runter gab es nicht. Wenn ein Gladiator um Gnade bat, hob er den Zeigefinger. Und das Publikum bekundete sein Urteil durch Wedeln mit Taschentüchern.)

Auch zurück nach Hause gingen wir zu Fuß, war eh nur eine halbe Stunde. Kurz vor daheim erwischte uns ein Schwall harter Schneegrieselkörner.

Frühstück kurz nach halb drei: Orange, Persimon, außerdem Früchtebrot und Stollen – die Müsliriegel der Weihnachtszeit.

Den Nachmittag nahm ich mir gezielt, um endlich mal wieder ein paar Stunden am Stück Roman zu lesen, La storia von Elsa Morante, übersetzt von Hannelise Hinderberger ist wieder ein 620 Seiten dickes, zudem ungewöhnlich klein gedrucktes Buch.Es nahm mich mit ins Rom der 1940er, in die römische Variante des Zweiten Weltkriegs und der ersten Jahre danach mit vielen Alltagsdetails. Wenn der Roman 1974 erschien, wurde er keine 30 Jahre nach Ende des Kriegs geschrieben, die Erinnerung und die Geschichten waren noch lebendig. Ich kenne Rom nicht gut genug, um mich mit den Ortsangaben im Roman genau orientieren zu können, doch hatte ich zu einigem Bilder vor Augen.

Richtig hell wurde es draußen unter dem Hochnebel nie, Licht brauchte es noch vor vier.

Was schön war und ist: Das Böllerverbot innerhalb des Mittleren Rings wird wohl mehrheitlich beachtet, es hörte sich deutlich ruhiger an als auch schon mal um diese Zeit.

Nachdem ich schon wieder fast durchgehend im Wohnzimmer fror mit zwei Heizkörpern auf VOLLE PULLE bei geschlossener Wohnzimmertür zum Rest der Wohnung, angezogen mit Thermorolli, Kashmir-Hoodie, Wolljacke, zwei Paar dicken Wollsocken, holte ich doch mal meinen alten Digitalwecker mit Temperturanzeige rüber und maß (nicht geeicht) die Lufttemperatur: Yoah, 19 Grad waren nicht wirklich kuschlig.
Es hat wohl doch Auswirkungen, dass die Wohnungen über und unter uns meist dunkel und leer sind – und wahrscheinlich nur minimal beheizt. Die ersten Jahre in diesem Haus wohnten wir unter einer alten Dame, die wohl bis zum Anschlag durchheizte (und sehr laut mit ihrem ebenso lauten Fernseher sprach, das war lustig); als sie ins Pflegeheim kam, merkten wir das deutlich an erhöhtem Heizbedarf in unserem damaligen Wohnzimmer.

Vor dem Abendessen dehnte und kräftigte ich mich mit einer Runde Yoga, die mir nach dem langen Lesesitzen besonders gut tat.

Nachtmahl wie geplant Spinat mit roter Paprika und Erdnusssauce, davor snackte ich sauer eingelegte Gurken (gekauft) und sauer eingelegtes Blaukraut (von Herrn Kaltmamsell aus einem halben Ernteanteil-Blaukraut), danach gab es Stollen und Schokolade.

Ins Bett ging ich zu Mondsichel am klaren Himmel – nachts konnte er mir nun auch gestohlen bleiben.

  1. Grabsteine auch in diesem Fall eine zentrale Quelle für Fakten und Details des Gladiatorenlebens; ich bin inzwischen sicher, dass der Lateinunterricht für mich viel fesselnder gewesen wäre, hätte man mir das Lesenkönnen von lateinischen Grabsteinen in ganz Europa als Karotte vor die Nase gehängt. []

Bücher 2025

Dienstag, 30. Dezember 2025

Nach Bücherzahl ein eher schwaches Jahr. Irgendwie dauerte die Lektüre vieler Bücher unerwartet lange – mir ist allerdings nicht klar, ob ich besonders viele dicke Bücher erwischt habe oder besonders abgelenkt war. Als Pflicht oder Leistung habe ich Bücherlesen nie empfunden: Romanelesen gehört zu den liebsten Beschäftigungen in meinem Leben. Wenn ich in einem Jahr viel Lektüre hatte, freute ich mich über die reiche Leseerfahrung. Wenn ich in einem Jahr wenig hatte, vermisse ich diese Erfahrung.

Erstmal Statistik:

Empfehlungen sind wieder mit * markiert.

1 – Deniz Ohde, Streulicht*
Hier besprochen.

2 – Ursula März, Tante Martl*
Genaueres hier.

3 – Marie Luise Kaschnitz, Das dicke Kind und andere Erzählungen*
Etwas mehr dazu hier.

4 – Nils Minkmar, Montaignes Katze

5 – Florian Gleibs, Shalom Kitchen

6 – Adolf Muschg, Nicht mein Leben

7 – Paula Fürstenberg, Weltalltage*
Einer meiner Favoriten des Jahres, Details hier.

8 – Zsuzsa Bánk, Der Schwimmer

9 – Rebecca F. Kuang, Yellowface

10- Granta 170, Winners

11 – Betty Smith, A Tree Grows in Brooklyn*
Ein weiterer Jahresfavorit, hier erklärt.

12 – Markus Pfeifer, Springweg brennt*
Hier der Grund meiner Empfehlung.

13 – Sigrid Nunez, The last of her kind

14 – Jenny Erpenbeck, Aller Tage Abend*
Hier besprochen.

15 – Jeanette Winterson, Oranges Are Not The Only Fruit

16 – Granta 171, Dead Friends

17 – Stephan Thome, Pflaumenregen*

18 – Lena Christ, Die Rumplhanni*

19 – Chloe Dalton, Raising Hare*
Genaueres hier.

20 – Dinçer Güçyeter, Unser Deutschlandmärchen*
Hier besprochen.

21 – Becky Chambers, The Long Way to a Small, Angry Planet*
Hier unten mehr dazu.

22 – Barbara Kingsolver, Demon Copperhead

23 – Isabel Bogdan, Wohnverwandtschaften

24 – Thomas Tabery, Kevin Schumacher-Shoji (Hrsg.), Farben Japans*
Der Katalog zur Ausstellung Farben Japans in der Bayerischen Staatsbibliothek in München 27. März bis 6. Juli 2025 liefert den Hintergrund zum Thema, zur Sammlung und zur Ausstellung, für den bei einem Besuch der Ausstellung selbst nicht genug Zeit ist: Wie kommt die Stabi zu einem solch großen Bestand an japanischen Holzschnitten? Was ist die Geschichte dieser Kunstform in Japan? Welche Techniken und Marktmechanismen stehen dahinter? Worin bestehen die Hauptthemen und was sagt das über die Gesellschaft Japans zur Entstehungszeit aus?
Das Niveau der Erklärungen ist durchaus gehoben, es wird einiges vorausgesetzt. Doch auch wenn man, wie ich, nahezu komplett blank ans Thema herangeht, erschließt es sich aus den Texten und den vielen Abbildungen. Mir wurde die Tür zu einer weiteren faszinierenden Welt geöffnet.
Abzug für den windigen Umschlag – auch wenn ich den Kostendruck dahinter erahne.

25 – Granta 172, Badlands

26 – Grete Weil, Tramhalte Beethovenstraat*
Mehr dazu hier.

(27 – Jasmin Schreiber, Marianengraben)

28 – Jenny Erpenbeck, Heimsuchung*
Mein Buch des Jahres, hier ausführlicher besprochen.

29 – T. Kingfisher, Nettle and Bone*
Mehr dazu hier unten.

30 – Francisco Ibáñez, Mortadelo y Filemón #53 En Alemania*
Details dazu hier.

31 – Ottessa Moshfegh, Eileen

32 – Caroline Peters, Ein anderes Leben

33 – Jens Notroff, Staub, Steine, Scherben*
Ein wirklich empfehlenswerter und gut lesbarer kurzer Einblick in Stand und Praxis der Archäologie – besser und freundlicher kann man beides kaum vermitteln. Jens Notroff nimmt uns mit auf Ausgrabungen, an denen er als Archäologe beteiligt war und erzählt die Schritte, die dafür nötig sind, wo sie historisch herkommen und wie sie sich im Lauf der Zeit verändert haben, die äußeren Bedingungen von Ausgrabungen, die Werkzeuge und Technik, die dafür verwendet werden – alte und neue. Außerdem erfahren wir, was mit dem Entdeckten anschließend passiert. Besonders charmant fand ich die Einblicke in typische Marotten von Archäolog*innen – und freute mich mit Notroff darüber, dass er einen Beruf hat, bei dessen Nennung viele mit “Ach, das wollte ich auch mal werden!” reagieren: Wer sonst erlebt das wohl?

34 – Hervé Le Tellier, Romy und Jürgen Ritte (Übers.), Die Anomalie

35 – Gaea Schoeters, Lisa Mensing (Übers.), Trophäe*
Gewagt, verstörend, manchmal zweifelte ich an der deutschen Übersetzung (Verwendungen von Wörtern, die ich an dieser Stelle nicht erwartet hätte und die ein wenig schief hingen – das mag aber im niederländischen Original exakt genauso sein).
Viele explizite Referenzen an Hemingway – doch ohne kann eine Westlerin eh nicht an Großwildjagd denken.

36 – Tonio Schachinger, Nicht wie ihr*

37 – Hertha Hurnaus, Gabriele Kaiser, Maik Nowotny (Hrsg.), Maschinenräume. Hinter der Kulisse der Wiener Ringstraße*
Eine großartige Idee, die nicht-öffentlichen Räume hinter den berühmtesten Gebäuden an der Wiener Ringstraße zu zeigen, unter den Bildern besonders atemberaubend die riesigen Säle unter den Dächern, und zu erklären, wie sie konstruiert und betrieben wurden. Die Aufsätze dazu berichten die Geschichte der Bebauung an der Ringstraße und erklären die Ingenieurskunst der Betriebsräume: Ich hatte mir tatsächlich noch nie Gedanken über die Belüftung eines Museums, Parlaments oder Theaters gemacht und lernte wundervolle Begriffe wie “Luftbrunnen”. Allen ans Herz gelegt, die sich für Wien, europäische Baukunst des 19. Jahrhunderts oder auch nur ungewöhnliche Architekturfotografie interessieren.

38 – Michaela Murgia, Julika Brandestini (Übers.), Accabadora

39 – Vicki Baum, Hotel Shanghai*
Hier ausführlich besprochen.

40 – Granta 173, India*
Hier etwas mehr.

41 – John Steinbeck, Travels with Charley*

42 – Elsa Morante, Hannelise Hinderberger (Übers.), La Storia*

Journal Dienstag, 16. Dezember 2025 – Meine Erstveröffentlichung eines 17 Jahre alten Blogposts

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Der Tag startete dunkel und mit Hochnebel, kalt, aber nicht frostig.

Sehr emsiger Vormittag inklusive Menschlichem: Unter anderem nahm ich an Geselligkeit teil.

Der Hochnebel hielt sich, dennoch zog ich raus auf einen Mittagscappuccino im Westend, weiterhin ohne Frost.

Turbulenzen am Schreibtisch, bevor ich zu Mittag essen konnte: Persimon, Haferflocken und Muesli mit Joghurt.

Es ging turbulent weiter.

Feierabend machte ich aber pünktlich: Ich hatte Schwimmzeug dabei und wollte ins Dantebad, freute mich sehr darauf. Zur U-Bahn schlich ich mich außenrum an der beginnenden Weihnachtsfeier vorbei.

Über dem Schwimmbecken hingen dicke Dampfschwaden, die Bahnen waren kaum beschwommen, ich konnte so selbstvergessen durchs soachwarme Wasser gleiten, wie ich es ersehnt hatte. Dann aber doch eine kurze Krampf-Attacke: Zu Beginn meiner dritten 1.000 Meter schnitt mich beim Wenden eine Schwimmerin unerwartet, ich erschrak – und meine rechte Wade krampfte. Ging aber zum Glück schnell wieder vorbei.

Auf dem Rückweg tobende Schmerzen in Nebenhöhlen/Zähnen links – die sich im Lauf des Abends zum Glück legten (WTF?!). Heim kam ich in eine leere Wohnung: Herr Kaltmamsell verbrachte den Abend auf einem beruflichen Termin. Ich erledigte erstmal Häuslichkeiten, bevor ich mir zum Abendessen Linsen mit gebratener roter Paprika, Petersilie und Nudeln machte – und sehr genoss. Nachtisch Schokolade.

Neue Lektüre im Bett: Elsa Morante, Hannelise Hinderberger (Übers.), La Storia von 1974. Ich hatte die Neuübersetzung von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski auf meiner Wunschliste, war vermutlich durch Besprechungen dieser neuen Veröffentlichung darauf aufmerksam geworden. Doch beim Bücheraussortieren war ich auf die alte Ausgabe gestoßen, mit einer Widmung meiner damals engen Freundin Mercedes von 1992 – ich hatte keinerlei Erinnerung daran. Dann las ich doch gleich die!

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Maximilian Buddenbohm hat The Muppets Christmas Carol gesehen, einen meiner liebsten Weihnachtsfilme. Ich wusste, dass ich mal darüber gebloggt hatte, fand den Text aber nicht in meinem Blog. Konnte ich auch nicht, denn er war Teil des Blogwichtelns von 2008 (die Spiele, die wir halt damals so quer durch die Blogs gespielt haben) – doch das Blog, das ihn veröffentlichte, ist nicht mehr online. Wie gut, dass ich digital nichts wegwerfe; hier also nach 17 Jahren zum ersten Mal im eigenen Blog – unverändert, nur mit aktualisierten Links (es war auch ein Foto dabei, ich glaube eine Variante des hier eingebauten):

Weihnachtsmusik für Notfälle

Musik und Weihnachten: ein heikles Thema. Wer, wie ich, in der Münchner Innenstadt wohnt, hat spätestens ab Mitte Dezember bei jedem Einkaufsgang klebrige Gehörgänge – Overkill an “White Christmas”, “Let it snow” und “Parampampampam”. Und doch lege ich mir am 24. Dezember Weihnachtsmusik auf, allerdings eine, die ich garantiert weder beim Karstadt noch auf dem Christkindlsmarkt am Sendlinger Tor gehört habe: den Soundtrack von The Muppet Christmas Carol.

Das Weihnachtsfest 1992, als der Film in die Kinos kam, verbrachte ich nämlich in den USA. Ich besuchte einen Freund, der ein Studienjahr in Dayton, Ohio, verbrachte, und fuhr mit ihm und zwei seiner Komilitonen über Weihnachten und Silvester spazieren über die Seen und Chicago, Toronto und New York. Auf jeder Meile umgab uns brutalstmögliche US-amerikanische Weihnachtsatmosphäre, angefangen mit buntblinkender Deko an Eigenheimen bis hin zum singenden Bing Crosby in jedem Diner.

Am 24. Dezember waren wir gerade im ausgesprochen wenig erwähnenswerten Buffalo, New York. Wir suchten uns ein Kino, in dem The Muppet Christmas Carol gezeigt wurde und setzten uns in die überhaupt letzte Vorführung des Tages gegen 15 Uhr. Der Zuschauerraum war fast leer; außer uns saßen darin noch zwei vermutliche Väter mit ihren Kindern. Wir amüsierten uns sehr, was zwar auch an der Mitwirkung von Michael Caine als Scrooge gelegen haben mag, aber durchaus an der Herzerfrischung durch den Film (na gut, man sollte die Muppets mögen).

Anschließend holten wir uns in einem 24-Stunden-Laden Bier sowie ungesunde Leckereien und fuhren in unser Motel. Dort packte ich meine Weihnachtsgeschenke aus, genauer: Die Polaroids, die meine findige Mutter davon aufgenommen und mir mitgegeben hatte.

Anschließend legte sich der Freund mit Bier in die Badewanne, und ich sah, wie es sich für mein Amerikabild gehörte, im Fernsehen It’s a wonderful live an.

Hier mein Lieblingsweihnachtslied aus The Muppet Christmas Carol, kitsch as kitsch can: “It feels like Christmas”.

Lustiger ist natürlich “Here comes Mr. Scrooge”.

(Auch im CD-Spieler an Weihnachten: Soundtracks von Danny Elfman, angefangen mit Edward Scissorhands, noch lang nicht endend bei Nightmare before Christmas – seine Musik klingt immer ein bisschen weihnachtlich.)

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“Christian Drosten erhält Auszeichnung ‘Rede des Jahres 2025’ der Universität Tübingen”.

Hier kann man die Rede nachlesen:
“Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht”.

Was Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen in den Wirtschaftswissenschaften, sicherlich gut kennen, hat uns in der Medizin während der Pandemie ganz plötzlich überfallen: Wenn die Gesellschaft ein Problem hat und man so oder eben auch so mit der Sache umgehen kann – oder sogar muss –, dann wird es politisch. Und da leben wir im Moment in schwierigen Zeiten. Sicherlich hat die Erschütterung der Pandemie einige der heutigen Probleme mit ausgelöst, in die wir sehenden Auges zu rennen scheinen. Oder, um es genauer zu betrachten: Sie hat manchen Kräften die Gelegenheit geboten, ihre schon bestehende Erzählung noch breiter anzulegen – die Chance geliefert, eine verwirrte und verwundete Gesellschaft mit vordergründig plausiblen Auslegungen in die Irre zu führen.

(…)

Eine scheinbar direkte Verfügbarkeit von Informationen – freilich ohne Qualitätsüberprüfung – und die Verwechslung von Alltagsverstand mit methodischer Kompetenz werden immer zur Gewohnheit für diejenigen, die ihre Informationen zu großen Teilen aus sozialen Medien beziehen. All dies gipfelt in der Auffassung, dass jeder die Macht und die Kraft hat, zu eigenen Schlüssen über die Welt zu gelangen, ohne jeglichen Respekt vor Spezialisten – *do your own research*, und schlimmer noch, diese Schlüsse ohne journalistische Prinzipien zu verbreiten – *you are the media*.

Mir macht das erneut deutlich, welch riesiges Glück wir in der Covid-19-Pandemie hatten, dass der auf diese Art Virus spezialisierteste Fachmann Christian Drosten war.

§

Hier: Naturfotografie zum Mund- und Augenaufreißen (wer hätte gedacht, dass ich Nacktschnecken niedlich finden könnte -> solar powered slug):
“The best science images of 2025 — Nature’s picks”.

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Und weil wir’s kürzlich von Parallelwelten der Influencerei hatten, ein Filmchen (allerdings nicht mit Weihachtsbäckerei, sondern Garteln):
“Normal people vs influencers – Potting up spring bulbs”.

Journal Donnerstag, 4. Dezember 2025 – Erste Weihnachtskarte erhellt die Dezember-Düsternis

Freitag, 5. Dezember 2025

Wieder zu früh aufgewacht, wieder im Düsteren aber nicht zu Kalten in die Arbeit marschiert. Und wieder hielt sich das Düster den ganzen Tag.

Beherzt losgearbeitet, nahezu ungestört bis Mittag (ein wenig irritierend, ich checkte mehrfach, ob Telefon, E-Mail und Teams überhaupt funktionierten).

Meinen Mittagscappuccino nutzte ich für ein Abenteuer – was bei mir halt so als Abenteuer zählt: Ich spazierte zu einer neuen Quelle, die mir auf beruflichen Gängen aufgefallen war, in die andere Richtung als sonst immer.

Solche liebevoll Kitsch-affinen Läden (die Untersetzerchen sahen selbstgehäkelt aus) mag ich ja sehr als Alternative zu den coolen, designigen Cafés / Speciality Coffee Orten. Der Cappuccino war, hm, nicht meine Lieblingssorte. Nur wenige hundert Meter von meinen sonstigen Wegen begegneten mir recht andere Menschen als sonst. Die sehe ich mir sicher öfter an.

Späteres Mittagessen am Schreibtisch: Apfel, Quark mit Joghurt, Trockenpflaumen.

Emsiger Nachmittag, darin auch eine interessante Info-Veranstaltung.

Auf dem Heimweg ein wenig Lebensmitteleinkäufe, kurz vor daheim hörte ich aus der Klinik gegenüber mal wieder Gebär-Geräusche – und mir fiel ein, dass “entbinden” auf Spanisch “dar a luz” heißt, also ans Licht geben. Einerseits poetisch, andererseits heißt “luz” ja auch elektrischer Strom, und die Tätigkeit könnte auch Elektriker*innen zugeschrieben werden. Ich hätte SO eine Zukunft auf einer kastilischen Comedy-Bühne!

Daheim standen frisch gebracht zwei Crowdfarming-Kisten: Sowohl die erste Lieferung Orangen also auch mein Jahresanteil Manchego-Käse waren diesmal wie angekündigt und problemlos eingetroffen.

Ebenfalls eingetroffen war die erste Weihnachtskarte – und die auch noch mit selbst gemalten Lesezeichen!

Eine Runde Pilates, dann Brotzeitvorbereitung – und gleichmal die erste Orange aus der großen Kiste. Nachtmahl war aus dem gestrigen Ernteanteil Rote Bete aus dem Ofen mit Linsen (!), Champignons und Feta, sehr gut. Nachtisch Weihnachtsgebäck und Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, ich ließ mich von John Steinbeck und seinem Hund Charley auf einen Road Trip durch die USA des Jahres 1960 nehmen.

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Herr Kaltmamsell erwähnte kürzlich eine Geschichte von Ray Bradbury, “There Will Come Soft Rains”, die ich sofort lesen wollte: Sie geht um ein vollautomatisiertes Haus, das seine Abläufe auch nach Verschwinden der Bewohner brav wie programmiert ausführt. Er reichte mir den (selbstverständlich antiquarisch erworbenen Pulp-Papier-)Band Martian Chronicles, in dem sie steht, gleich mit Einmerkerchen an (ich habe Martian Chronicles zwar vor Jahrzehnten gelesen und weiß noch, dass mir der Kurzgeschichten-Zyklus sehr gut gefiel, doch an diese konkrete Geschichte habe ich keinerlei Erinnerung). Die kurze Short Story erinnerte mich an die Meisterschaft von Ray Bradbury, mit der er ganze Welten in wenigen Details vermittelt – und sie las sich in Zeiten von Internet of things gruslig aktuell. Wenn Sie mögen, es gibt sie auch online (PDF-Download):
“There Will Come Soft Rains”.

Es fehlt allerdings die kontinuierliche Auswertung aller Parameter, die mit unserer heutigen Onlineisierung einhergeht, also der Controlling-Aspekt – den sah Ray Bradbury offensichtlich nicht voraus. Und natürlich funktioniert die Geschichte nur ohne Internet, das Haus läuft autonom.

Fasziniert von Bradburys Text recherchierte ich ein wenig drumrum. Der Titel, fand ich heraus, ist auch der Titel des Gedichts von Sara Teasdale – das in der Geschichte gesamt zitiert wird. Damals mit Blick auf Krieg geschrieben, aber halt auch heute in vieler Hinsicht passend.

§

“Braune Zwerge: Diese seltsamen Himmelsgestalten”.

Der Astronom Aleks Scholz forscht an Braunen Zwergen – seltsamen Himmelskörpern zwischen Stern und Planet. Seit 25 Jahren beobachtet er das All, viele Nächte lang, um diese Objekte zu finden. Was hat er dabei entdeckt? Wie geht er vor? Und wozu macht er das nur?

Fesselnde Lektüre (es ist ein absoluter Glücksfall, dass hier ein Astrophysiker so gut schreiben kann, dass er auch mal beim Bachmannpreislesen den Ernst-Willner-Preis gewonnen hat). So habe ich nicht nur mehr über Braune Zwerge gelernt, sondern überhaupt über die heutigen Prozesse der Astronomie, zum Beispiel wie Aleks überhaupt an Daten für seine Forschung kommt (nein, er schaut nicht von seinem Arbeitsplatz in Schottland durch ein Teleskop nach oben) und warum das James Webb Space Telescope, das seine Arbeit Anfang 2022 begann, ein game changer war.

Die Welt durch ein neues Teleskop zu betrachten bringt immer Überraschungen – als hätte man bisher in dichtem Nebel gelebt, der sich jetzt zum ersten Mal lichtet. Was eben noch wie ein Baum aussah, ist in Wahrheit ein Kirchturm. Anstatt verrauschter Spektren sehen wir auf einmal Details, die wir so nicht eingeplant hatten. Die neue Klarheit ist überwältigend. Die alten Fragen sind schnell beantwortet. Stattdessen stellen sich sofort völlig neue Fragen.

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Herr Kaltmamsell wies mich auf einen Artikel von 2024 hin über Schaukelparks auf der ganzen Welt:
“Swing Sets Aren’t Just for Kids Anymore”.

Mein Favorit ist ja die 29-Schaukel-Anlage im Moskauer Gorky Park.1

After a certain age, swinging solo loses its thrill.

Ach. In welchem Alter ungefähr muss ich damit rechnen?

  1. Ich denke je-des-mal an den gleichnamige Film mit William Hurt von 1983, wenn ich “Gorky Park” lese oder höre. Nur einmal gesehen, wahrscheinlich im Fernsehen, aber er hat mich nachhaltig beeindruckt. Lange träumte ich davon, einmal im Gorky Park Schlittschuh zu fahren. []

Journal Mittwoch, 3. Dezember 2025 – Minimales Tageslicht

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Heute hatte ich beim Datumtippen bereits den Finger über der 6 für die Jahreszahl: Beruflich stecke ich bereits deutlich im nächsten Jahr.

Eigentlich gut geschlafen, aber zu früh aufgewacht.

Nachtdunkler Marsch in die Arbeit, aber außer mir war auch der Krähenschwarm in meinem Viertel bereits deutlich hörbar wach: Während sich am Dienstagmorgen die Dutzenden Krähen auf den Dächern und kahlen Bäumen um den Beethovenplatz verteilt hatten (ungewöhnlich), saßen sie gestern wie gewohnt auf den Spannseilen der Tollwood-Zelte auf der Theresienwiese. Ihre Silhouetten sahen derart nach Meta Bene aus, dass ich eine Pointe erwartete.
Auf Fahnenkanten im Wind habe ich die Krähen in den vergangenen Jahren auch mal balancieren sehen, in meinem Fall waren es Fahnen am Zirkuszelt, höchst vergnügt.

Verdutzung, als ich im Büro erstmal eine Riesentasse Schwarztee zubereitete: Das am Vortag gekaufte Fläschchen Kondensmilch war mit einem Kronkorken verschlossen. Und meine Sekretärinnenschublade hält nun wirklich eine Menge bereit – ein Flaschenöffner gehört nicht dazu. Zum Glück arbeitete gestern die eine Kollegin vor Ort, bei der ich aus Gründen von Flaschenöffner in irgendeinem Büromöbel ausgehen konnte. Zurecht, sie lieh ihn mir bereitwillig.

Um neun zeichnete sich ab, dass es erstmal nicht mehr Tageshelle als diese Hochnebel-Düsternis geben würde. Gestern blieb es ohne Wolkenloch bei diesem minimalen Tageslicht, im Büro benötigte ich ganztägig künstliche Beleuchtung. Es ist die Jahreszeit der dunkelsten Tage in unseren Breiten.

Trotzdem raus ins Westend auf einen Mittagscappuccino, wie erhofft wirkte die Bewegung erholsam. Zu Mittag gab es Apfel und eingeweichte Haferflocken mit Joghurt.

Ordentlicher Arbeitsnachmittag, nach Feierabend ging ich zum Stachus für Einkäufe.

Daheim startete ich zwischen zwei Yoga-Programmen wieder eine Woche Pilates, auch diesmal hatte ich vergessen, dass die Übungen hier anstrengender sind, unter anderem wegen deutlich mehr Wiederholungen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den Ernteanteil-Lauch als Eintopf mit weißen Bohnen, sehr gut. Nachtisch Weihnachtsgebäck und Schokolade.

Sehr früh ins Bett zum Lesen. Granta India hatte ich ausgelesen, es gefiel mir sehr gut, weil es zahlreiche Facetten des heutigen literarischen Indiens beleuchtet, das geprägt wird von einem immer deutlicheren Ein-Parteien-System unter Premierminister Narendra Modi und seiner Bharatiya Janata Party (BJP). Wieder legt Herausgeber Thomas Meaney einen Schwerpunkt auf den Aspekt Übersetzung, in diesem Fall vor dem Hintergrund der indischen Vielsprachigkeit: Kurze Zwischenkapitel beleuchten diese Sprachen jeweils aus der Sicht eines spezialisierten Übersetzers oder einer Übersetzerin, jeweils aufgehängt an einem Wort oder Ausdruck in ihrer Sprache, der sich nicht übersetzen lässt. Sehr erhellend.

§

Schokolade wissenschaftlich (einige Details nützen auch als Tipps fürs eigene Backen):
“Wie der Schmelz in die Schokolade kommt”.

Journal Mittwoch, 26. November 2025 – Vom Bücheraussortieren

Donnerstag, 27. November 2025

Gute Nacht – bis auf die Stunde vor Weckerklingeln, als ich nicht mehr einschlief und von Arbeitsdingen verfolgt wurde.

Das gestrige Wintersauwetter bestand aus leichtem Schneeregen bei nasser Kälte etwas über Null. Ich wagte einen neuen Versuch der Theresienwiesen-Ost-West-Passage: Hurra, sie war entsperrt, es begann das halbe Jahr mit Luftlinien-Arbeitsweg.

Am Schreibtisch eher hektische Sichtung und Bearbeitung, denn die erste Tageshälfte war mit einer internen Online-Veranstaltung belegt.
Es kostete mich einige Kraft, mich auf diese Infos zu konzentrieren, da von vielen Seiten weitere Reize, Menschen, Nachrichten auf mich stürzten.

Vorm Bürofenster gelangweilte einzelne Schneeflocken in Dezemberdüsternis, im Lauf des Vormittags wechselnde Dichte und Konsistenz.

Folge der Veranstaltung: Keine Chance rauszukommen, Mittagscappuccino aus dem Automaten, in der eigentlichen Mittagspause der Veranstaltung Blitzerledigung von Querschüssen, Mittagessen während eines Programmpunkts Äpfel, Bananen, Trockenpflaumen.

Emsiger Nachmittag mit schlechter Laune, Nacht wurde es ab 15:30 Uhr.

Auf dem Heimweg (Nieselregel, ich brauchte meinen Schirm) Einkäufe beim Vollcorner, wieder bereits fürs Wochenende; zu meinem Ärger bekam ich einiges nicht, womit ich sicher gerechnet hatte.

Zu Hause schnell ausgeräumt und Pflanzen gegossen, dann spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell in Schneeregen zum Abendessen: Japanische Suppe bei Hako Ramen am Oberanger.

War gut und sättigte, aber ich träume halt immer noch von Ramen, wie ich es vor 20 Jahren bei Wagamama kennengelernt habe. Dazu Kimchi, das sehr ähnlich schmeckte wie das von Herrn Kaltmamsell, also gut.

Daheim gab’s noch Eiscreme und Schokolade.

Sehr früh ins Bett zum Lesen, sehr früh Lichtaus.

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Re: Bücherausmisten. An den Kommentaren wurde mir bewusst, dass viele Mitlesende meinen Geschichte mit Büchern nicht kennen (ja wie – nicht alle hier lesen seit 22 Jahren mit?!).

Ich komme aus einer nahezu buchlosen Familie und deckte meinen großen Lesehunger, der mit Lesenlernen einsetzte, in der Pfarrbücherei St. Pius, dann in der Schulbücherei des Reuchlin-Gymnasiums und der Ingolstädter Stadtbücherei. Eigene Bücher, die ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt bekam, waren mein kostbarster Besitz, ich schützte ihn ab Teenager-Jahren sogar mit Folien-Umschlägen. Mit dem Geschenkgutschein meiner lieben Taufpatin Irmi gar in den Buchladen Schönhuber zu gehen und selbst ein Buch zum Kauf auszusuchen – das war eine komplett andere, paradiesische Welt.

Nach dem Abitur absolvierte ich ein Zeitungs-Volontariat, in dem ich so viel verdiente, dass ich mir jedes Buch kaufen konnte, das ich lesen wollte – ultimativer Luxus. Auch während meines Studiums waren Bücher ganz oben auf meiner Liste materieller Prioritäten, dafür sparte ich lieber an anderem (zum Beispiel, wenn ein neuer John Irving rauskam). Meine Bibliothek wuchs schnell, der Anblick der gefüllten Regale erfüllte mich tiefem Stolz. Das war eine schöne Zeit.

Nächste Bücherlebensphase ab 1997: Zusammenziehen mit Herrn Kaltmamsell – und seiner Bibliothek, die wegen einiger Sammel-Schwerpunkte (ich habe nie gesammelt) noch größer war als meine. Die Verbindung beider Bestände erforderte fürs Wiederfinden ein Sortiersystem; dass wir uns sofort auf eines einigten, war für mich der bis dahin deutlichste Beweis, dass ich den für mich bestmöglichen Partner gefunden hatte. Außerdem nahm Herr Kaltmamsell mich in Second-Hand-Buchläden in Deutschland und England mit, ich kaufte Rucksack-weise.

Es folgten Jahre der Berufstätigkeit, in der mein Buchbestand immer weiter wuchs – wir dachten über einen Ausbau unserer Bibliothek mit Regalen im rechten Winkel zu den Wandregalen nach. (Damals beantwortete ich Blog-Stöckchen zu Büchern noch so.)

Doch langsam erfüllte mich der Anblick immer weniger mit Stolz, sondern mit Sorge: So konnte das für mich ganz sicher nicht weitergehen. (Wahrscheinlich gleichzeitig mit meinem gesamten So-kann-das-nicht-weitergehen.) Die erste Phase des Aussortierens galt allen Büchern, die mir nicht gefallen hatten.

Gleichzeitig entwickelte ich über die Jahre eine Abneigung gegen dinglichen Besitz: Zu viele Möbel, zu viel Kleidung, zu viele Sachen – neue Sachen kamen mir am liebsten nur ins Haus, wenn etwas dafür wegkam. Jetzt sortierte ich Bücher aus, die ich nicht nochmal lesen würde.

In dem Jahr vor unserem Umzug innerhalb desselben Hauses wurde mein Weggeben 2020/2021 richtig systematisch: Ich las immer mehr als E-Book, dadurch merkte ich, dass ich selbst Bücher, die ich vielleicht nochmal lesen wollte, ja dann als E-Book lesen könnte. Berechtigung zum Behalten hatten jetzt nur noch Bücher, an denen mir aus welchen Gründen auch immer lag. Der Rest kam möglichst weg, hier ein Beispiel. Und weil es schon seit vielen Jahren schwierig ist, Bücher loszuwerden, verschenkte ich sie stapelweise gegen Porto.

Der verbleibende Bestand zog mit mir in die neue Wohnung, geschätzt ein Drittel meines Höchst-Bestands. Was jetzt die Bücherregale in fast jedem Zimmer unserer Wohnung füllt (und bei Besuch immer noch aufgerissene Augen hervorruft), gehört zum allergrößten Teil Herrn Kaltmamsell – darunter auch in den vergangenen Jahren neu Gesammeltes (allerdings hat auch er in den vergangenen 10 Jahren deutlich aussortiert).

Und jetzt nähere mich eben dem Kriterium: Welches Buch werde ich nicht vermissen? Buchbesitz macht mich schon lang nicht mehr stolz, nur die allerwenigsten Bücher erfreuen mich im eigenen Haus.
(Menschen sind verschieden. Ich freue mich wirklich sehr, wenn es weiterhin so viele Bücherleseri*innen mit Faible für das Ding Buch gibt, dass ganz viele vor allem Inhaber-geführte Buchläden davon leben können.)

(Anlässlich seines Umzugs schreibt auch Southpark gerade übers Bücheraussortieren.)

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Schöne Serie von Fotos auf der Staten Island Ferry bei instagram – reflexartige Zuschaltung dieses Sounds (nochmalige Empfehlung des Films Working Girl von 1988 – einer der wenigen Mainstream-Filme dieser Epoche, die sich wirklich gut gehalten haben).

Journal Dienstag, 25. November 2025 – Überstunden statt Feierabendschwimmen

Mittwoch, 26. November 2025

Gut geschlafen, hätte gerne länger als bis Weckerklingeln sein dürfen – im Traum hatte mir gerade im Café eines kleinen Barockschlosses eine sympathische junge Bedienung einen Cappuccino serviert, der sehr interessant aussah und den ich gerne probiert hätte.

Draußen regnete es immer noch, allerdings war die Luft wärmer.

Gerade als ich meinen Marsch in die Arbeit antrat, hörte der Regen auf. Allerdings fiel mir eine weitere Beschwernis der Winterzeit auf: Rollsplit. Obwohl ich zu meinem Rock Schnürstiefel mit eng anliegendem Schaft trug, gerieten beim Gehen Steinchen hinein.

In meinen Arbeitsrucksack hatte ich auch Schwimmsachen gesteckt, ich hoffte auf pünktlichen Feierabend mit nachgeholter Schwimmrunde vom Samstag im Dantebad.

Um die Theresienwiese war jetzt der Bauzaun weg – vielleicht am Mittwoch einen neuen Versuch der Querung wert?

Emsiger Vormittag, der Himmel draußen düster, aber ohne Regen. Mittagscappuccino im Westend, ich genoss die Bewegung in nicht zu kalter Luft.

Mittagessen dann doch zu gewohnter Zeit (Termin-Hin-und-Her): Bananen, Quark mit Joghurt.

Sehr unruhiger Nachmittag mit dem Ergebnis, dass ich lieber nicht überpünktlich Feierabend machte für eine Schwimmrunde: Menschen waren persönlich im Haus, die sonst für viele Dinge schwer greifbar sind – das wollte ich nutzen. Und dann stürzten noch ein paar Sachen auf mich herein, es wurde sogar später als sonst.

Heimweg verlängert über Süßigkeiten-Einkäufe, ich sehnte mich nach Bewegung. Daheim Yoga, tat sehr gut.

Nachtmahl von Herrn Kaltmamsell ganz ohne Ernteanteil (bereits weggegessen): Dinkel-Strozzapreti mit Brokkoli und Champignons, sehr gut. Nachtisch Schokolade.

Kurzer Anfall von Bücherausmisten, ausgelöst durch die Verfilmung von Die unendliche Geschichte im Fernsehen – die ich nie gesehen habe, doch ich erinnerte mich daran, wie sehr mich das Buch beeindruckt hatte. Ich zog es aus dem Regal, errechnete übers Exlibris, dass ich bei der Lektüre schon 16 war – und wusste sicher, dass ich es nie, nie wieder lesen würde. Also weg damit. Und wo ich schon dabei war …

Nach einem Dutzend aussortierter Bücher brach ich ab, denn es formierte sich das Kriterium: Welches Buch werde ich sicher nicht vermissen, weil ich nie wieder nach ihm greifen werde? Doch damit würden fast alle Bücher rausfliegen, die ich besitze (ich weiß sehr gut, wie selten ich in den vergangenen vier Jahren seit dem Umzug an unseren Bücherschränken war), dafür war gestern Abend aber nicht der richtige Moment.

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Es gibt wieder ein Stöckchen (YAY STÖCKCHEN!), das seit einiger Zeit in der – Achtung: ein Wort, das sofort 15 Jahre älter macht – Blogosphäre herumgereicht wird.

Benutzt du Zahnseide? Ja, jeden Abend. (Nein jetzt wirklich – ich bekomme erst in letzter Zeit mit, dass das eines von den Müsste-man-eigentlich-aber-wer-macht-das-schon-Dingen wie Sporttreiben ist.)

Tee, Kaffee oder Wasser? Ja, aber in anderer Reihenfolge: An einem Arbeitstag Kaffee, Wasser, Tee, Kaffee, Tee / an einem freien Tag daheim Kaffee, Wasser, Tee, Wasser, Wasser, Wasser.

Welche Schuhe trägst du am liebsten? Im Sommer Langstrecken-fähige Sandalen, im Winter Turnschuhe.

Dein Lieblingsdessert? Richtig aromatisches, reifes Obst.

Was machst du als erstes, wenn du aufwachst? Aufs Klo gehen, dann Schlumpfklamotten anziehen.

In welchem Alter würdest du gerne bleiben? In dem bevor diese eine bestimmte Eizelle und dieses eine bestimmte Spermium zu mir zusammenfanden.

Wie viele Hüte besitzt du? Einen sehr schönen von der Hutmacherei Triska (hier kurz nach Kauf), sonst zwei Schirmmützen in Militär-Anmutung zum Wandern/Laufen.

Beschreibe das letzte Foto, dass du gemacht hast? Ein handgeschriebender Scherz auf einer Tafel vor Jacques’ Weindepot in der Heimeranstraße – den ich sofort an meinen Vater schickte.

Die schlechteste Fernsehsendung? Ich finde die meisten Fernsehsendungen schlecht – am wenigsten ertrage ich Reality TV.

Was war als Kind dein Berufswunsch im Erwachsenenalter? Astronautin, Feuerwehrfrau, Archäologin, Meteorologin (Reihenfolge nicht verlässlich).

Etwas auf deiner Wunschliste, das du nicht rechtfertigen kannst zu kaufen? Jedes von den zahlreichen Weinpaketen.

Welcher Jahreszeit fühlst du dich am meisten verbunden? Sommer. Auch wenn ich Hitze nicht mag.

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Der passende Begriff zur rechten Zeit.

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Erst kürzlich habe ich Vincent Klink im Web wiedergefunden, weiterhin fröhlich vor sich hin bloggend (wieso nur kam er mir irgendwann abhanden?). Unter anderem schreibt er über seine
“Septemberreise Paris-Perigord”.

Ganz am Ende eine Formulierung, die mich ansprach:

Bei solchen Erlebnissen traf ich nie reiche Leute, sondern nur solche, die wenigstens kurzzeitig über ihre Verhältnisse leben. Letzteres, das über die Verhältnisse feiern, ohne dass man dauerhaft außer Kontrolle gerät, das ist das wahre satte Leben, das am Ende befriedigt, vielleicht auch glücklich zurückschauen lässt.

“Kurzzeitig über meine Verhältnisse leben” – ab sofort auf meiner Liste von Dingen, die mir wirklich Freude bereiten. Umso mehr als ich mit Herrn Kaltmamsell einen Partner habe, der das auch gern tut.