Bücher

Journal Sonntag, 11. Oktober 2020 – Kaltes, graues Nichtstun

Montag, 12. Oktober 2020

Wieder ein Tag, an dem ich hauptsächlich heilte.

Trotz Schlaftablette war die Nacht kurz: Ich wachte um halb sechs auf. Duschen, im Stationszimmer um Hilfe beim Kompressionsstrumpfanziehen bitten, bloggen. Beim Frühstück ließ ich meiner Appetitlosigkeit freien Lauf, setzte auf einen Cappuccino später in der Cafeteria. Doch deren Öffnungszeiten sind erratisch: Nachdem sie am Samstag bereits um 9 Uhr in Betrieb war, blieb sie gestern vor meinem Sporttermin um 11 Uhr leer. Zum Glück hatte ich mir einen kleinen Pack Milch vom Frühstück mitgenommen, der musste als Energie reichen.

Eine Runde im Sportraum: Leichtes Radeln mit geringem Radius, Oberkörpermaschinen, Crunches am Boden.

Zu Mittag Salätchen, Sparghetti Pomodoro, Brombeer-Mousse. Wie schon nach dem Frühstück krückelte ich in der Parkanlage umher, das Wetter war grau und kalt, aber ohne Regen.

Großer Programmpunkt des Nachmittags: Wäschewaschen. Waschpulver hatte ich in einem Schraubglas dabei, Waschmünzen kaufte ich an der Rezeption, den Weg zur kleinen Waschküche im Schwimmbadtrakt hatte mir meine Tischgenossin beschrieben. Beim ersten Versuch waren beide Waschmaschinen belegt, zeigten aber die Restzeit an. So konnte ich den zweiten Versuch gezielt terminieren.

Während meine Wäsche wusch, holte ich nicht nur den Cappuccino nach, sondern bestellte ein großes Stück Käsekuchen dazu. Beides machte mich fröhlich, außerdem sollte ich damit nicht mehr so lang vor dem Abendessen hungrig werden.

Lektüre von Connie Willis, Doomsday Book. Bald las ich im Fast-forward-Modus, um mich nicht zu sehr über die erzähltechnischen Unzulänglichkeiten zu ärgern: Zum einen fehlt eine direkte Erzählstimme, also werden Informationen alle in Dialoge gepackt, bis zum „Hans, der, wie du weiß, dein Vater ist“-Blödheitsgrad. Zum anderen ist alles viel zu lang und und ausschweifend ausgeschrieben: Noch eine Person, die nie wieder auftaucht, noch ein Raum, noch ein innerer Monolog ohne Substanz, jede Bewegung wird in viel zu vielen Schritten erzählt – man könnte mindestens 30 Prozent streichen. Gab’s da keine Lektorin?

Zum Nachtmahl hatte ich den Couscous-Salat bestellt, mit einer Spinatsuppe davor wurde ich satt.

Abendunterhaltung nach der Tageeschau war weiter der Roman; wenn ich kursorisch auf der Suche nach Handlung las, war er ganz interessant.

Journal Samstag, 10. Oktober 2020 – Ich lerne Faulsein

Sonntag, 11. Oktober 2020

Da schau her: Schlafmittel macht Schlaf! Ich wachte nur wenige Male halb auf, weil ich mich vor lauter Entspannung fast auf die operierte Seite drehte. Ach, das hole ich mir doch gleich nochmal, diesmal mit Ausschlafen.

Ich aß sogar einen Happen zum Frühstück. Vormittags schien unter zuziehendem Himmel nochmal die Sonne, ich nutzte sie zu einem Spaziergang.

Als ich kurz vor Mittag eine kleine Geräterunde im Sportraum absolvierte (alles außer Hüfte), fing es an zu regnen.

Zu Mittag Reiberdatschi mit Apfelmus und Himbeeren. Ein süßes Mittagessen ist zwar nichts, was ich mir sonst aussuchen würde, aber ich wollte wirklich nicht das Fleischgericht. Davor Zwiebelsuppe, zum Dessert ein Stückchen Kirschkuchen, ich wurde sehr satt.

Ein herrlich fauler Tag. Kurz nach dem Mittagessen wurde ich müde: Siesta! Ich schlief tief, erwachte erschrocken aus einem grusligen Alptraum (Horrorfilmoptik bei Angriff von Maikäfer-Scharen).

Um nicht zu viel zu sitzen (schlecht für neue Hüfte), setzte ich mich zum Zeitunglesen auf mein Bett, das einen verstellbaren Kopfteil hat. Auslüften bei kleiner Draußenrunde im leichten Regen.

Weiterlesen.

Abends machte ich die Bekanntschaft mit der regierenden Katze, von der ich bereits reden hatte gehört.

Zum Abendbrot gab es köstliches Antipasti-Gemüse.

Spät im Bett begann ich neue Lektüre: Connie Willis, Doomsday Book.

Weil in Rebecca Makkais The Great Believers Krankenversicherung eine so große Rolle spielte und überhaupt: Ich fühle mich derart privilegiert, in einem System zu leben, in dem diese ganze riesige Hüft-Aktion widerstandslos von einer gesetzlichen Krankenkasse beglichen wird. (Jajaja, Verbesserungsbedarf an vielen Ecken, heute aber mal grundsätzlich.) Modernste Diagnostik, verlässliche Pflege, sorgfältige Ärztinnen und Ärzte, mehr als ausreichend zu essen und zu trinken, alle nötige Medikation und medizinisches Verbrauchsmaterial, und jetzt auch noch drei Wochen Reha (die allerdings gezahlt von der Deutschen Rentenversicherung). Im weltweiten Vergleich ist das sensationell.

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Spaß beim Denken: Physikerin Sabine Hossenfelder erklärt, warum die Vorstellung von „Freiem Willen“ Unsinn ist – das wiederum kein Grund zur Sorge.

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https://youtu.be/zpU_e3jh_FY

via @mspro

Journal Freitag, 9. Oktober 2020 – Gelassenheit und Rebecca Makkai, The Great Believers

Samstag, 10. Oktober 2020

Anstrengende Nacht mit zweistündiger Schlafpause, die ich irgendwann halt lesend verbrachte. Ich stand früh auf und nutzte die ruhige Zeit der Stationspflegerinnen, sie um Hilfe beim Anziehen des Kompressionsstrumpfs zu bitten (den DARF ich nicht allein anziehen). Die Helferin versicherte mir, dass das Tragen bald sehr viel besser werde, vor allem wenn es bereits morgens mit noch nicht geschwollenen Beinen beginne. Sie hatte recht.

Nach dem Frühstück erster Spaziergang – Anschlussversuche durch herzliche Einsilbigkeit abgewehrt. Vögel im noch ausgeschalteten Springbrunnen beobachtet, zum Teil beim Waschen: Amseln, Kleiber, Rotschwanz, und überm See Möwen.

Keine Möwe.

Lesen auf dem Zimmer bis zum einzigen Vormittagstermin, ein paar getrocknete Aprikosen gefrühstückt. Der Termin umfasste weitere Einweisung in Sportgeräte. Unter anderem wurde eine Reihe Oberkörper-Maschinen für mich eingestellt, die darf ich sogar täglich. Als Frau Physio vom Vortag mich ohne Krücken zwischen den Geräten gehen sah, war sie begeistert: „Nach sieben Tagen!“ Plauderei mit dem Trainer unter anderem über die mangelnde Datenbasis vieler Sportgesundheits- und Trainingstipps. Die Einrichtung wird offensichtlich auch von Berufssportlerinnen und -sportlern genutzt: An der Wand bei der Anmeldung Fotos mit handgeschriebenen Danksagungen von prominenten Menschen, deren Namen sogar mir vertraut waren (und meine Zuguck-Sportkenntnis endet ungefähr bei Martina Navratilova und Klaus Allofs).

Charmantes Detail: Gesund für mein Hüftgelenk ist eine Sitzhaltung, bei der die Füße relativ eng stehen, die Knie aber auseinander fallen – fast genau die Sitzhaltung, die ich als Kind hatte, bevor man sie mir als ungehörig (ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut) aberzog. Die Beine übereinander zu schlagen ist mir noch länger untersagt als das Abknicken der Hüfte über 90 Grad – was mir auch gestern nochmal erklärt wurde. Diesmal mit der Gelenkkapsel, die bei der OP stark verletzt wurde und jetzt erst wieder zusammenwachsen muss – idealerweise eng und dicht, um auch langfristig eine Luxation zu verhindern.

Mittagessen: Senfeier mit Spinat und Kartoffeln (vorher Salätchen, nachher Blaubeerquark). Ich war etwas verdutzt, dass die Senfsoße mit Rotisseursenf aromatisiert war und deshalb nicht wirklich nach Senf schmeckte, aber besser als gar kein Senf.

Eine Pflegerin brachte mir den nächsten Therapieplan aufs Zimmer, die nächste Woche sieht schon interessanter aus.

Über einem Cappuccino las ich in der Cafeteria Rebecca Makkai, The Great Believers aus – bis zuletzt gefiel es mir sehr gut. Mehr unten.

Erneuter Spaziergang. Dabei kam endlich das Gefühl an, dass ich erst mal nichts muss. Selige Gelassenheit.

Der eben verstorbene Herbert Feuerstein hat seinen Nachruf selbst hinterlassen. Ich sah ihn über die ARD-Mediathek an.

Vor dem Abendessen bat ich im Schwesternzimmer um eine Schlaftablette – und schämte mich eigenartigerweise dafür. DAs MüsSeN wIr uNS mAl GeNaUEr AnSehEN. (Psychoanalyse hat meine Reflexionsfähigkeit beschädigt.)

Nachtmahl war Matjes Hausfrauen Art, allerdings mit gekochten statt Bratkartoffeln – schmeckte gut!

§

Wie kann man die verheerendsten Jahre der AIDS-Epidemie in den USA literarisch verarbeiten? Es gibt wohl nicht viele, die das bislang versucht haben. Rebecca Makkai hat sich für ihren Roman The Great Believers klugerweise dafür entschieden, sie zum sehr dominanten, aber technisch doch Hintergrund für zwei Geschichten mit eigenem Spannungsbogen zu machen.

Der eine spielt in Chicago 1983-1991. Im Zentrum steht der junge schwule Yale Tishman, der mit dem Voranbringen einer Kunstgalerie beauftragt ist. Um ihn die gay community Chicagos, sein Partner Charlie gibt das größte Schwulenmagazin heraus. Während Yales Alltag durch das Thema AIDS bestimmt wird (wer wurde wie getestet, soll man überhaupt, wer ist wie krank, Entwicklung von Medikamenten, wer bezahlt), steht er vor einem sensationellen beruflichen Durchbruch: Die greise Verwandte seiner Freundin Fiona bietet der Gallerie eine Reihe von Zeichnungen weltberühmter Maler an, die sie aus ihrer eigenen Künstlerzeit im Paris der 1910er und 20er besitzt. Daraus entwicklet sich eine explizite Parallele zum Ersten Weltkrieg, der eine ganze Generation junger Talente auslöschte – so wie AIDS es jetzt tut.

Die Protagonistin des zweites Spannungsbogens im Jahr 2015 ist diese Freundin Fiona: Sie fliegt von den USA nach Paris, um ihre erwachsene Tochter zu suchen – diese hatte vor einigen Jahren den Kontakt abgebrochen. Wieder lesen wir über eine Künstlerszene, erleben Schwulsein 30 Jahre später.

Makkai ist deutlich zu jung (*1978), um eigene Erinnerung an das Grauen der Todesschneise zu haben, die AIDS schlug (kurze Erinnerung daran, dass es immer noch keinen Impfstoff gibt, diese Pandemie ist noch nicht vorbei). Selbst habe ich mich seinerzeit zwar mit der politischen Seite befasst (Stichworte Gauweiler vs. Süssmuth), auch mit der medizinischen, doch zum Glück musste ich keine Freunde wegsterben sehen. Doch Makkai schafft einen intensive Eindruck von Zeit und Thema, mit vielschichtigen Charakteren und Zwischentönen, mit Zeitkolorit ohne Stereotypen (dass es in den 80ern Zauberwürfel und Walkmen gab, ist deutlich weniger wichtig als die Abwesenheit von Mobiltelefonen: ständig muss jemand nach einer Telefoniergelegenheit suchen). Die zweite Geschichte 2015 wirft die bedrückende Frage auf: Wie schlägt das Trauma der Überlebenden auf die nächste Generation durch?

Gutes Buch.

Journal Dienstag, 29. September 2020 – Arbeit von daheim und Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers

Mittwoch, 30. September 2020

Mittelschlimme Nacht, ich hielt mich am Countdown T -4 fest.

Da Sport gar nicht mehr geht und der Arbeitsweg im Aufklappen des Dienst-Laptops bestand, war der Morgen gemütlich.

Arbeiten von Daheim. Da Herr Kaltmamsell in der Schule war, konnte ich bis zum Nachmittag seinen Schreibtisch und -stuhl als Arbeitsplatz nutzen und musste nicht unbequem am Esstisch sitzen. Aber auch hier fror ich klassisch trotz Heizung, dickem Pulli, zwei Paar Socken.

Mittags Käse und selbst gebackenes Brot. Um trotz Quarantäne frische Luft zu bekommen, brachte ich Gelbsack- und Flaschen zur Wertstoffinsel, die 200 Meter im Freien (kühl, immer wieder Regen) mussten genügen.

Zwei Telefon-Meetings übern Tag, während einem beobachtete ich ein rotes Eichhörnchen in der Kastanie – Home Office deluxe. Nachmittagssnack eine Mango.

Telefonat mit Brüderchen, wir brachten einander ein wenig auf neuesten Stand.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Risotto mit Ernteanteil-Weißkraut, aufgegossen mit der Brühe vom Corned-Beef-Kochen.

Im Bett las ich Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers aus. Das Buch ist die Familiengeschichte der Autorin in der Schweiz (Solothurn, Zürich), erzählt wie ein Roman. Schwager macht das technisch sehr geschickt: Sie gibt die Stimmen ihren Familienangehörigen, vor allem dem Großvater Hans (der Metzger aus dem Titel), aber auch zwei Schwestern ihrer Großmutter und zwei von ihren Töchtern (eine davon Schwagers Mutter). Die Großmutter selbst, „das Hildi“, lebt schon lang nicht mehr; warum Schwager im Nachwort schreibt, sie sei „verlöscht“, wird im Lauf der Erzählung klar.

Ganz behutsam entwickelt sich in diesem Stimmen ein Frauenleben vor der Zeit um den Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er in der Schweiz. Sehr mündlich notiert und mit vielen Helvetismen erzählen die unterschiedlichen Perspektiven nur scheinbar immer wieder widersprüchliche Geschichten, tatsächlich aber indirekt über sich selbst mindestens so viel wie über Hildi. Eine realistische Vorführung, wie viele Wirklichkeiten es innerhalb einer Familie gibt und wie es dazu kommt.

Es geht um eine harte Zeit, in der Frauen so wenig zu melden hatten, dass ihnen nur Ausweichen blieb, ob vor grabschenden Männerhänden oder männlicher Entscheidungswillkür, in der sie flohen in „Sanftheit“ und andere als „typisch weiblich“ geltende Verhaltensweisen. Und in der nur wenige die Kraft hatten, sich über Konventionen hinweg zu setzen. Besonders berührte mich der Gegensatz zwischen der Fügsamkeit Hildis, die ihr Mann und ihre Töchter wieder und wieder betonen, Hans aber auch, dass sie ihm die Bestimmer- und Beschützerrolle ja zugewiesen habe, und den kleinen Fluchten, die ihre Töchter beschreiben, zum Beispiel das Ansparen von Geld für heimliche Genüsse in der Konditorei. Was in diesem Leben bereits für das Gefühl von Auflehnung reichte.

Journal Donnerstag, 24. September 2020 – Gewachst worden

Freitag, 25. September 2020

Viel Nachtschlaf, unterbrochen von einer GANZ neuen Sorte Schmerzen: Es gab in der Innenseite des Hüftgelenks eine Stelle, die sich erstmals deutlich bemerkbar machte.

Früher Wecker für eine Runde Crosstrainer, die sehr angenehm war.

Trockenes Radeln in die Arbeit, wieder setzte ein Regenguss kurz nach meinem Eintreffen ein.

Gute Familiennachrichten aus dem Krankenhaus, alles in Ordnung.

Mittags ein Laugenzöpferl, dann Papaya und Maracuja mit Joghurt.

Nachmittags vor allem manuelle Arbeit, ich schwitzte.

Nach der Arbeit radelte ich zu einer kosmetischen Behandlung in die Maxvorstadt: Da ich mich nach der OP eine Weile nicht beugen können werde, kann ich dann auch meine Beine nicht rasieren – ich sorgte mit einer Haarentfernung durch Wachs vor.

Kennengelernt hatte ich diese Methode vor vielen Jahren in Spanien: Ich hatte dort mit Anfang 20 einen Übersetzungsjob, und die spanischen Kolleginnen gingen zum depilar. Sie nahmen mich mit, und ich fand das praktisch: Mir wurde warmes Wachs dick aufgestrichen und mit einem Ruck abgezogen. Mindestens zwei Wochen musste ich mir dann keine Gedanken um sichtbare Haare auf meinen Beinen machen. Als Studentin ließ ich mir vor allem im Winter die Beine enthaaren, wenn mich die dann nachwachsenden, weichen Haare nicht störten. In den vergangenen Jahren hatte ich das vergessen.

Gestern machten sich zwei Angestellte gleichzeitig über meine Beine her, so dauerte der Vorgang nur eine gute Viertelstunde. Ich hatte allerdings auch vergessen, dass das ziemlich weh tut. Mit bitzelnden Beinen heimgeradelt.

Zum Nachtmahl gab es die typisch donnerstägliche (Ernteanteil) Schüssel Salat mit Tomaten (Dressing: Olivenöl-Zitronensaft-Knoblauch-Vinaigrette) und viel Schokolade.

Auf die Nachricht, dass dort bald die Olivenernte anstehte, bestellte ich wieder Olivenöl aus Solidarischer Landwirtschaft auf Lesbos vor.

Früh ins Bett, Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers angefangen – gleich mal auch sprachlich in die Schweiz mitgenommen worden.

§

Die Fugly-Damen machen mein Internet weiterhin zu einem besseren Ort. Unter anderem durch Kommentare über Star-Outfits wie diesen:

This is absurd and I hate it and I’ve NEVER been happier to hate something so inherently unimportant as someone’s outfit!!!

Journal Mittwoch, 23. September 2020 – Familiensorgen

Donnerstag, 24. September 2020

Nacht mit zwei Stunden Schlafpause, nach einer Stunde Wälzen schaltete ich das Licht an und las Roman.

Beim Weckerklingeln rauschte draußen laut der Regen. Doch nach Morgenkaffee und einer Runde Kräftigung (erweitert um die Übungen der Anfasserin) kam eine Regenpause, die ich fürs Radeln in die Arbeit nutzte.

Es regnete den Tag über immer wieder in Duschern, im Lauf des Nachmittags wurde es trocken, ich sah sogar ein wenig blauen Himmel. Es blieb mild.

In der Arbeit brachte ich mir bei, wie das mit den Textmarken und Querverweisen in Word-Dokumenten geht. Mein Übergabedokument soll doch so praktisch wie möglich sein.

Mittags gab es Linsen vom Vorabend kalt (EISEN!), nachmittags Hüttenkäse mit Maracuja.

Nach der Arbeit machte ich noch ein paar Besorgungen für Klinik/Reha. Daheim gab’s zur Entspannung Manhattans.

Sorge um meine gestern operierte Mutter. Ich telefonierte mit meinem Vater, der abends noch keine Nachricht von ihr hatte und sehr beunruhigt klang. Es war dann meine Schwägerin, die im Krankenhaus anrief und sich versichern ließ, dass alles in Ordnung war. Diesen Teil des Erwachsenseins muss ich mir erst noch antrainieren.

Herr Kaltmamsell servierte seiner Auberginen-liebenden Ehefrau zum Nachtmahl Parmigiana, die sehr gut schmeckte. Nachtisch ein wenig Vanilleeis mit Eierlikör, Schokolade.

Im Bett Irène Némirovsky, Die Familie Hardelot ausgelesen. Mir war während der Lektüre klar geworden, dass ich noch nie etwas aus der Welt um den ersten Weltkrieg in Frankreich gelesen hatte (der Roman erzählt die Geschichte einer bürgerlichen Familie 1912 bis 1945) und fühlte mich auf dieser Ebene bereichert. Manchmal war mir das Ganze arg gefühlig, doch dazwischen erreichten mich immer wieder bissige Beobachtungen Némirovskys, die den Kontrast zwischen grundsätzlicher Beharrung im gewohnten Alltag und dem kompletten Umsturz durch die Katastrophe von Erstem und Zweitem Weltkrieg beschrieben.

§

Carola Rackete erklärt in einem Twitter-Faden, dass sie keine „Stimme der Migranten“ ist und wie Medienberichterstattung es trotzdem geschafft hat, sie als solche darzustellen.

It’s frustrating to work with media if they pretend they would want to report wider issues but then they continue constructing a media figure they themselves invented last year. This media figure has nothing to see with me as a real living person.

Journal Sonntag, 20. September 2020 – Schofar-Erfahrung und Fünf Kugeln in Kamin

Montag, 21. September 2020

Recht gute Nacht, lang geschlafen.

Entspanntes ausführliches Bloggen (ich genieße es sehr, wenn ich dafür Muße habe), draußen beschien die Sonne kühle Morgenfrische.

Schwimmpläne abgeblasen. Vielleicht war ich einfach träge, doch ich rationalisierte das flugs mit Minderung von Ansteckungsrisiko sowie mit körperlicher Schonung vor OP (wenn untrainierte Körper vor einer Hüft-OP aufgebaut werden müssen, sollten trainierte Körper vielleicht die zwangsläufige Fehlbelastung langsam runterfahren?).

Statt dessen kurzentschlossen Teig für einen Sonntagszopf geknetet, fürs Zweistrang-Flechten wieder in der Videoanleitung gespickt.

Aus dem Schwimmen wurde ein seltenes Vollbad. Als ich gerade angezogen war, rief mich Herr Kaltmamsell ans Fenster: Er hatte einen Grünspecht erspäht! Den Ruf kann ich ja seit einigen Monaten identifizieren, weiß daher, dass es mindestens zwei in Hörweite gibt, doch die Viecher hatten sich nie gezeigt. Jetzt saß einer im Gras vorm Haus und pickte nach Würmern.

Noch vor Anschneiden des Zopfs gingen wir raus in den schönen, sonnigen Tag zur Synagoge – und jetzt weiß ich, wie ein Schofar klingt: Die Israelitische Kultusgemeinde hatte zum öffentlichen Blasen anlässlich Rosch Haschana auf den Jakobsplatz eingeladen, ich hatte die Meldung im Lokalteil der Süddeutschen entdeckt. (Klingt eher hell: „träääät“.) Fröhliche Anblicke: Der Bub mit Kippa und Skateboard unterm Arm, der Kippaträger in Lederhosen und Wadlstrümpf – jüdisches München halt.

Rückweg durch die Sendlinger Straße. Neben Body Shop haben zwei weitere etablierte Läden auf der Länge von 100 Metern aufgegeben.

Zum Frühstück machte ich mir zum frischen Zopf Rührei – unter anderem als Lösung für mein altes Problem: Wohin mit dem restlichen Ei vom Gebäckbestreichen?

Nachmittag auf dem Balkon mit ausführlicher Eichhörnchen-Show.

Ich las Polly Hobson, Katharina Boje (Übers.), Fünf Kugeln in Kamin aus. Das Ende der Geschichte (Familie wiedervereint, weil die Mutter ihren Beruf als erfolgreiche und bekannte Modedesignerin aufgegeben hat) bereitete mir zwar Unbehagen, doch ich konnte immer noch gut nachvollziehen, warum ich das Buch als Kind wieder und wieder gelesen habe. Unter anderem wegen der Illustrationen von Margret Rettich.

Hier habe ich ziemlich sicher zum ersten Mal von „Puritanern“ gelesen. Was das bedeutet, lernte ich erst Jahre später.

Aus Text und Illustration geht hervor, dass die Buben und Mädchen (um die 11 bis 13 Jahre alt) ganz unbefangen miteinander baden. Das gefiel mir.

Englisches Internatsleben – das kannte ich ja aus der Dolly- und der Hanny-und-Nanny-Reihe von Enid Blyton. Allerdings war mir damals nicht klar, wie speziell englisch es war.

Bei der neuen Lektüre fiel mir allerdings die an vielen Stellen amüsant verfehlte Übersetzung von Katharina Boje auf – kann es sein, dass Boje einfach nie in England gewesen war? Der „bequeme Stuhl“ zum Beispiel war ziemlich sicher ein comfy chair – also ein Sessel.

Herr Kaltmamsell schlug vor, den ziemlich durchgelesenen Band mit halb abgerissenem Rücken von der Buchbinderin reparieren zu lassen. Ja, das möchte ich gerne.

Die Wäsche vom Wochenende gebügelt, auf dem Balkon Internet gelesen, Apfel und noch mehr Hefezopf gegessen.

Zum Nachtmahl machte Herr Kaltmamsell Senfhuhn: Das Rezept hatte mich in der Süddeutschen angelacht. Schmeckte sehr gut.

Abendunterhaltung: Wir sahen die erste Folge Oktoberfest 1900 in der Mediathek an, auf Freundesempfehlung. Hmja, ausgesprochen waghalsige Kamera, ungewohnte Maske (Glanz, Furchen und große Poren), wilde Musikzusammenstellung – aber ich bekam viel zu wenig interessante Menschen oder interessante Geschichte, als dass mich weitere Folgen reizen würden. (Ich kann das mit den Serien nicht.)

Im Bett das nächste Buch angefangen: Irène Némirovsky, Die Familie Hardelot.

§

Verfang.
(Ich weiß ja nicht, ob die beiden dasselbe Spiel spielen.)


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