Bücher

Journal Dienstag, 16. April 2024 – Reinhard Kaiser-Mühlecker, Wilderer – sehr kein Heimatroman

Mittwoch, 17. April 2024

Eigentlich gut geschlafen, nach fünf allerdings nicht mehr, statt dessen mit steigender Unruhe Arbeitsdinge gewälzt (dass München im Juni und Juli voller Megakonzerte und Zuguck-Fußball ist, die Übernachtungpreise damit etwa auf Oktoberfest-Niveau steigen, erschwert meinen Job massiv), innere Joblisten erweitert – das taucht mal wieder in keiner Arbeitszeiterfassung auf.

Draußen Düsterkeit, die sich auch noch als regnerisch und nur wenig über Gefrierpunkt kalt erwies, ich musste umplanen: Zwar hatte ich beim Rauslegen der Kleidung für den Tag niedrigere Temperaturen einkalkuliert, aber keine Saukälte. Alles zurückgehängt/-gelegt, statt dessen Kaschmir-Hoodie zu schwarzer Hose und dicken Schuhen.

Auf dem Weg in die Arbeit brauchte ich meinen Schirm. Unter den Bäumen lagen Zweige und Äste, der Sturm war nachts wohl heftiger gewesen. (Und ich wunderte mich, dass nach dem Schneeburch und den Stürmen des Winters noch so viel Runterzuwehendes übrig war.) In den Nachrichten war sogar von “Unwetter” die Rede.

Nach emsigem Bürovormittag marschierte ich auf einen Mittagscappuccino im Westend. Auf dem Weg regnete es nicht mehr, aus dem Himmel aller Farben schien sogar manchmal die Sonne. Doch es windete sehr heftig, ich fürchtete um meine Ohrringe.

Wie erleichtert ich immer bin, wenn ich mein Mittagessen wirklich nur noch löffeln, gabeln, beißen brauche – und nicht erst noch schälen, schneiden, zubereiten. Den Gefallen tue ich mir am Vorabend echt gern. Diesmal: Ein Stück selbstgebackenes Brot, Orange und Mango mit Sojajoghurt.

Am Nachmittag stürmte es weiter, der Himmel durchlief alle Farben. Nach Feierabend genoss ich aber den Marsch nach Hause, bei dem mir der Wind die Haare zerzauste. Kurzer Einkaufsstopp im Drogeriemarkt, dann steuerte ich die Standl in der Sendlinger Straße an: Fürs Abendessen hatte ich mit Herrn Kaltmamsell Spargel vereinbart, von mir zubereitet.

Ich machte den Spargel wieder auf die Art, die mir in den vergangenen Jahren besser geschmeckt hatte als in Wasser gekocht: In Alufolie im eigenen Saft gegart, und mit Eierhacksauce, ich schrieb das Rezept diesmal auf.

Da ich am Standl zwischen Sendlinger- und Rosenstraße zwei Kilo im Angebot bekommen hatte, gab es sehr reichlich davon. Schokolade zum Nachtisch ging trotzdem.

Im Bett die nächste Lektüre begonnen, diesmal wieder auf Papier, weil Herr Kaltmamsell das Buch besitzt: Ruth Klüger, Katastrophen. Über deutsche Literatur.

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Reinhard Kaiser-Mühlecker, Wilderer

Das Buch, veröffentlicht 2022, packte mich vom unvermittelten Anfang an, der mich erstmal auf eine falsche Fährte lockte.

Doch dann bekam ich einen Landlebenroman in sehr unromantischer Form. Ich fand viel wieder, was ich vom Alltag in der Landwirtschaft weiß, von der Lebenswirklichkeit auf dem Dorf – die halt auch wie alles Individuelle nicht eine Lebenswirklichkeit ist. Es überraschte mich nicht zu erfahren, dass Reinhard Kaiser-Mühlecker selbst aus der Landwirtschaft kommt. Die Geschichte nimmt uns mit nach Österreich, das prägt die Art der Landwirtschaft mit Höfen, die ein Dorf bilden (seit Ein Hof und elf Geschwister weiß ich erst, wie anders Landwirtschaft im deutschsprachigen Raum auch sein kann). Die nächst gelegene Großstadt ist Salzburg.

Der junge Jakob bewirtschaftet den Hof seines Vaters, der in seinen Augen und auch belegbar ein Taugenichts ist, fast seinen ganzen Grund verkauft hat. Der Großvater, ein tüchtiger Landwirt, ist schon länger gestorben, die greise und abweisende Großmutter lebt im Obergeschoß des Hofs. Der Roman erzählt, wie Jakob versucht, diese Landwirtschaft am Leben zu halten, seinen Lebensunterhalt und den der Familie damit zu verdienen, mal mit Fischzucht, mal mit Milchwirtschaft. Es gelingt ihm erst, als Katja in sein Leben tritt, aus unerwarteter Richtung und auf überraschende Weise. Wir lernen auch Jakobs Geschwister kennen, Bruder und Schwester, manche Nachbarn, Hilfsarbeiter.

Das Besondere: Die Erzählstimme nimmt konsequent die Perspektive der Hauptfigur Jakob ein, nahezu als Gedankenstrom. (Dennoch sind Dialoge markiert, wird auch äußere Handlung beschrieben, der Roman ist also nicht schwierig zu lesen). Und Jakob ist ein sehr eigenwilliger Charakter, zerrissen, von Affekten getrieben, oft mit sich selbst überfordert, gleichzeitig ehrgeizig und verloren, zuwendungsbedürftig und hoffnungslos.

Und die Erzähltechnik macht sichtbar, wie Jakob bestimmten Erinnerungen ausweicht, manchen immer wieder, bis sie sich kurz vor Ende dann doch nach vorn ins Bewusstsein schieben, wir sie erfahren. Und dann eigentlich lieber nicht hätten wissen wollen. Nicht nur hier ist das Buch verstörend mit seinem Blick in Abgründe.

Jakob vertritt durchaus (meine) bäuerlichen Stereotypen: Misstrauen gegenüber Leuten aus der Stadt, Misstrauen gegenüber formaler Bildung, ständiges Misstrauen, übers Ohr gehauen zu werden. Und weiß halt doch, was getan werden muss. Seine Zerrissenheit war mir im Gedankenstrom sehr nachvollziehbar, sie ist es auch, die für mich Spannung erzeugte: Wird er ein bisschen Glück finden? Einmal nicht enttäuscht werden? Das hält sich die Waage mit intensiven Umgebungsbeschreibungen: Der Lärm der nahen Autobahn, die Sinnlichkeit einer Schneeschicht, die Betäubung der vierten Flasche Bier, das Animalische an Menschen – was in dieser Verbindung fast unweigerlich symbolische Bedeutungen herbeiassoziieren lässt.

Lese-Empfehlung – nur vielleicht nicht, wenn Sie Hunde sehr gern mögen.

Und für nach der Lektüre, weil sie die Handlung und alle Wendungen verrät, empfehle ich die Besprechung von Christoph Schröder in der Süddeutschen:
“Warten auf das Ende”.

Realismus also, eingebettet in ein ästhetisches Konzept, das auf Kargheit wie auf Klarheit basiert. Kaiser-Mühleckers Bücher zu lesen fühlt sich an, als würde man auf eine zu fest eingespannte Glasscheibe starren, auf das Knistern und Knacken hören und doch wissen, dass der Autor uns nicht die Last abnimmt, den erlösenden Knall herbeizuführen. Das ist menschlich erschreckend und literarisch bestechend.

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Die Süddeutsche hatte gestern eine Seite Drei über Prof. Bruno Burger, der am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg Zahlen und Daten zur Energieerzeugung in Europa erhebt und damit unter anderem Falschbehauptungen in der Politik widerlegt, immer wieder und möglichst auf den Plattformen, auf denen sie erscheinen (€, aber einen Tagespass wert):
“Zahlen, bitte”.

“Die Lüge ist immer schnell draußen”, sagt er. Aber die Korrektur der Lüge, das macht richtig Arbeit.”

Die Energy Charts des Freiburger ISE stehen im Web und sind öffentlich, Sie könnten auch selbst bei der nächsten Politiker*innen-Behauptung nachsehen:1
Energy-Charts.

Allerdings macht sich selbst Prof. Burger keine Illusionen:

„Heutzutage ist es völlig egal, ob man lügt oder nicht”, sagt Bruno Burger. „Es hat keine Konsequenzen.”

  1. Disclosure: Ich arbeite für denselben Arbeitgeber. []

Journal Mittwoch, 10. April 2024 – Robert Menasse, Die Vertreibung aus der Hölle

Donnerstag, 11. April 2024

Eine gute Nacht, wunderbar. Allerdings begleitet beim Einschlafen und nächtlichem Klogang von wiederholtem Motoraufheulen eines (mehrerer?) Autos vorm Schlafzimmer. Ein neues Signal der Drogendealer vom Park? (Und auch etwas, was mit Verbrennungsmotor-Pkw aussterben wird, hähähä).

Ein kalter Morgen, ein kalter Tag, ich marschierte in dicker Jacke in die Arbeit, vermisste eine Mütze und ging noch schneller als eh, damit mir warm wurde. Ich begegnete glitzernd aufgebrezelten Menschen – erster Hinweis auf den gestrigen Start des Zuckerfests.

Zackiges Wegarbeiten am Morgen, denn um 9 Uhr startete eine Info-Veranstaltung online, die mich sehr interessierte. In einer Pause ging ich schnell auf einen Cappuccino bei Nachbars.

Dort wahrte eine neue Barista auch bei langer Schlange ihre Berufsehre.

Mehr interessante Info aus der Veranstaltung, nebenher die eine oder andere Anfrage aufgefangen. Zu Mittag gab es Apfel, Orangen, dann noch eine Mango (endlich mal wieder eine richtig gute) mit Sojajoghurt.

Am Nachmittag Veranstaltungsabschluss, dann berufliches Hantieren mit Heikelkeiten (meine Nerven – doch die sollten sich besser mal daran gewöhnen, das wird ab 1. Mai Tagesgeschäft). Doch unterm Strich, also bei Feierabend (am Ende des Tages, thihi) fühlte sich der Tag produktiv an.

Heimweg über Lebensmitteleinkäufe für die nächsten Tage beim Vollcorner und unter dunkel drohendem Himmel – doch ich kam trocken nach Hause.

Dort Häuslichkeiten und Yoga-Gymnastik. Zum Nachtmahl erfüllte Herr Kaltmamsell mir wieder einen Wunsch: Ich hatte im Magazin brandeins von dem rumänischen Polenta-Gericht Mămăligă gelesen, und wir hatten ja bayerische Polenta vom Biohof Lex im Schrank. Dazu stellte ich mir gebratenen Chicoree vor.

Wurde noch besser als erwartet: Die grobe Polenta schmeckte mehr nach Mais als die gewohnte feine und biss sich interessant, der gebratene Chicoree passte hervorragend zum Wermuth, mit dem er abgelöscht worden war und zum schwarzen Sesam.

Früh ins Bett zum Lesen, Reinhard Kaiser-Mühleckers Wilderer nahm mich mit aufs österreichische Dorf und in den unromantischen Alltag zeitgenössischer Landwirtschaft.

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Robert Menasse, Die Vertreibung aus der Hölle

Ich las das Buch angeregt und gern, tue mich dennoch schwer, dazu etwas zu schreiben.

Der Roman verläuft auf drei Erzählebenen:
Die erste spielt Ende der 1990er, als Viktor auf einem Klassentreffen (25 Jahre nach dem Abitur) statt etwas über seinen eigenen Werdegang zu erzählen, die Namen einiger der früheren Lehrer nennt und ihre NSDAP-Mitgliedsnummer. Umgehender Eklat, empörte Abgänge, nur er und eine Klassenkameradin bleiben zurück. Sie unterhalten sich, erinnern sich an ihre Schul- und revolutionäre Uni-Zeit.

Der zweite, damit verwobene Strang erzählt von Viktors Kindheit, Schulzeit und Jugend als Scheidungskind in den frühen 1960ern und Enkel von jüdischen Holocaust-Überlebenden in Wien.

Und dann die weite, in großen Kapiteln eingeschobene dritte Ebene: Die historische Geschichte des Rabbiners Samuel Manasseh ben Israel, geboren 1604 in Lissabon, aufgewachsen als vermeintlicher Christ, dessen Eltern von der Inquisition gefangen und gefoltert wurden, mit denen und seiner Schwester er nach Amsterdam floh.

Alle drei Handlungen werden personal und sehr nah am jeweiligen Protagonisten erzählt, vielschichtig und mit vielen Details in präzise-poetischer Sprache geschildert, nachvollziehbar und erlebbar gemacht.

Das las ich gefesselt, und doch. Sehr wahrscheinlich habe ich derzeit ein Problem mit Fiktionalisierung von geschichtlichen Epochen, je länger her, desto mehr (vielleicht eine Nebenentwicklung meiner Abneigung gegen based on a true story). Ständig stehen mir historisch fragwürdige Spielszenen aus populären Fernseh-Geschichtsdokus vor Augen. Aber das kann ich ja wirklich nicht dem Roman vorwerfen.

Denn: Ganz hervorragend erzählt fand ich das Großwerden von Viktor, der weder aus seinen Großeltern herausbekam, wie sie die Verfolgung im Dritten Reich überlebten, noch aus seinem Vater, deren Sohn, Details seines Kindertransports nach England. Sie schoben diese Schrecklichkeiten weit von sich, wollten nicht darüber sprechen. Erst am Schluss des Romans, bei seinen Großeltern erst nach deren Tod, erfährt er durch Begräbniswünsche Details dieser Vergangenheit.

Ähnlich das unermessliche Leid, das die Inquisition unter den verbliebenen Juden auf der iberischen Halbinsel im 17. Jahrhundert anrichtete (und das zu diesem wunderbaren Romantitel führte). In relativer Sicherheit nach der Flucht taten sie den Teufel, die erlittenen Grausamkeiten zu reflektieren, sondern konzentrierten sich einzig auf ihr Fortkommen und die Zukunft.

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Manche Menschen freut es, ihre Ausdrucksweise zu verbessern. Wenn Sie dazu gehören, vielleicht regelmäßig beruflich sprechen, mögen Sie dies hier lesen:
“Beeindruckungsrhetorik”.

Oder die aufgeschwurbelte Version (ich lerne ja von den besten): Manche Menschen holen sich positive Erlebnisse, wenn sie auf bessere Formulierungen hinarbeiten können. Sollten Sie sich mit dieser Gruppe identifizieren, in gewisser Regelmäßigkeit auch in beruflicher Umgebung als Sprecher oder Sprecherin auftreten, wollen Sie sich hier vielleicht Tipps für Verbesserungsmöglichkeiten holen.

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Celeste Barber demonstriert den Unterschied zwischen Menschen, die an “Beauty Routine” glauben und die Kosmetikindustrie (Arbeitsplätze!) am Leben halten (nicht ich) und Menschen ohne (ich).

Journal Dienstag, 9. April 2024 – Caroline Wahl, 22 Bahnen und die Hollywoodisierung des Themas Armut

Mittwoch, 10. April 2024

Unruhige Nacht, ganz erstaunlich, was sich mein Stoffwechsel als Anlässe für Ängste und Sorgen suchte. Ich wachte recht zermatscht auf.

Draußen war es düsterdiesig und schwül. Da für den späteren Tag ein Temperatursturz angekündigt war, ging ich zwar in T-Shirt in die Arbeit, steckte aber eine warme Jacke in meinen Arbeitsrucksack.

Recht rühriger Vormittag, weniger Kolleg*innen als sonst dienstags präsent, weil auf einer Veranstaltung.

Der Saharastaub sorgte auch gestern für die trübe Diesigkeit, in der ich zu meinem Mittagscappuccino ging. Ich hatte eine weitere Quelle ganz in der Nähe wahrgenommen, die ich ausprobierte. Der Cappuccino war in Ordnung, vor allem aber war das Lokal sehr lokal und uncool – für mich ein Plus.

Im warmen Wind wirbelten die Blütenblätter der Zierapfelbäume, ich filmte diese Variante des Sakura.

Erst packte ich noch einen größeren Job an, dann gab’s Mittagessen: Karottensalat, Orangen – am Montag war die letzte 10-Kilo-Kiste der Saison des adoptierten spanischen Orangenbaums angekommen.

Den Nachmittag verbrachte ich mit heftigem Korrekturlesen (manchmal habe ich dann doch das Gefühl, dass ich mein Geld wert bin) und Crispy-Chili-Oil-Rülpserchen. Ich merkte, dass es draußen kälter wurde, weil ich das Bedürfnis hatte, das gekippte Fenster zu schließen.

Später Feierabend, mittlerweile hatte es zu regnen begonnen. Und ich war froh um die eingesteckte Jacke: Es war schlagartig kalt geworden.

Auf meinen Wegen achtete ich genauer auf Flieder: Wie vermutet sehen die verbliebenen Büsche arg mitgenommen aus und haben nur ein Drittel der Äste vom Vorjahr; deren Kreuz- und Querheit deutet auf unfreiwilligen Abbruch des Rests durch den heftigen Schnee Anfang Dezember 2023 hin.

Zu Hause Wäscheaufhängen und Pediküre, dann nahm ich mir doch noch die Zeit für Yoga-Gymnastik – nochmal die sportliche Folge von Montag, die besonders gut lief.

Herr Kaltmamsell servierte als Nachtmahl schnelle Krautfleckerl: Er hatte die Hälfte des dafür gebrateten Krauts bei der letzten Zubereitung eingefroren. Nachtisch Schokolade, schon wieder zu viel.

Im Bett begann ich die nächste Lektüre, ich hatte meine Wunschliste wieder mit dem Bestand der Stadtbibliothek abgeglichen und gefunden: Reinhard Kaiser-Mühlecker, Wilderer.

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In 22 Bahnen lässt Caroline Wahl die junge Frau Tilda erzählen: Wie sie in einer deutschen mittelgroßen Stadt ohne Namen an der Supermarktkasse jobbt, sich um ihre kleine Schwester Ida im Grundschulalter kümmert, auch um ihre schwer alkoholkranke Mutter, wie sie im Mathematik-Studium kurz vor ihrem Master steht. Als Hintergrund des Handlungsstrangs in der Gegenwart erinnert sie sich an vorherige Geschichten: Wie sie als einziges armes Kind in einer wohlhabenden Einfamilienhaussiedlung groß wurde, wie ihre Altersgruppe nach dem Abitur nach und nach Richtung Berlin verschwand, jetzt nur hin und wieder auftaucht. Und wie sie in der Zeit nach dem Abitur ihren besten Freund verlor. So oft es geht, schwimmt sie in einem ebensowenig näher bezeichneten Freibad 22 Bahnen; die Romanhandlung setzte ein, als am Anfang des Sommers dort der große Bruder des verstorbenen besten Freundes auftaucht.

Das ist alles süffig und gut weglesbar geschrieben, wir bekommen junge Leute, große Gefühle, soziale Ungerechtigkeit, das Thema Armutsbetroffenheit trifft auch auf Zeitinteresse. Doch genau dieses Thema stieß mir beim Lesen immer stärker auf: Weil es in meinen Augen durch riesige Auslassungen sträflich unrealistisch beschrieben wird.

Menschen in Armut rechnen ununterbrochen Kosten mit, das ist ein Grund, warum Armut so viel Kraft zehrt – nicht einfach, dass sie sich keine Markenprodukte leisten können. Doch hier: Die Kosten für Busfahrkarten, Schwimmbadeintritt, Ida kommt in die 5. Klasse Gymnasium und braucht neues Schulzeug und vermutlich neue Kleidung – an nichts davon denkt die Ich-Erzählerin, obwohl sie uns sonst sehr detailliert ihre Sorgen, Gedanken und Nöte schildert. Sie hat auch nicht im Blick, wann das nächste Geld eintrifft. Was ist zudem mit Rechnungen, die gezahlt werden müssen? Die alkoholkranke Mutter wird als zu nichts Alltagstauglichem in der Lage beschrieben, sie kümmert sich sicher auch nicht um Rechnungen – doch sie werden mit keinem Wort erwähnt. Auch nicht als Tilda überlegt, ob ihre kleine Schwester alt genug ist, nach einem Wegzug Alltag ohne sie zu bewältigen.
Dass diese Ida beim Einkaufen das Geld abgezählt dabei hat, wirkt dadurch wie eine weitere ihrer Schrullen – und nicht wie das notgedrungene Verhalten armer Menschen.

Außerdem wird lediglich immer wieder der Unterschied erzählt, den Tilda beim Großwerden im Vergleich zu ihrem Freundeskreis erlebte, der in Eigenheimen wohnte, tolle Urlaube machte, jetzt Zweit- und Drittstudium von den Eltern finanziert bekommt. Gar keine Rolle aber spielt die Gesellschaft, in der sich Tilda seit vielen Jahren mit ihrem Supermarktjob bewegt: Was ist mit den Kolleg*innen dort? Mit der Chefin? Nicht mal Schicht-Absprachen werden erzählt. Soll durch das Hervorheben der Umgebung, die reicher ist als die Protagonistin, ihre Isolation unterstrichen werden? Mir schien, dass in diesem Roman die Gesellschaftsschicht der Supermarktangestellten, in der man halt wenig Geld hat und sich ständig arrangieren muss, schlicht keine Ausschmückung wert ist, nicht ernst genommen wird – mal wieder (warum wohl war der Film In den Gängen mit Sandra Hüller solch eine auffallende Ausnahme?).

Weitere merkwürdige Auslassung: Das Internet und seine Möglichkeiten zu menschlichen Verbindungen. In einer Romanwelt, in der es sehr wohl WhatsApp gibt, hat Tilda keinerlei Kontakte auf Online-Plattformen. Sie sagt nur einmal zu ihrer kleinen Schwester, dass sie von Social Media nichts hält. Soll dieser dramaturgische Kniff rechtfertigen, dass sich Mathe-Überfliegerin Tilda nie um ein Stipendium beworben hat? Weil sie von dessen Existenz nichts mitbekommt? (Im Hinterkopf hatte ich eine Überflieger-Freundin aus Studientagen, die mit ihren Stipendien auch ihren armen Vater ernährte.)

Das Set-up des Romans hinkt auf beiden Beinen, und das nehme ich beim untererzählten Thema Armut besonders übel.

Aber mir gefiel auch einiges: Zum Beispiel dass wir immer wieder Tildas Perspektive an der Supermarktkasse erzählt bekommen. Ihre Unsicherheit gegenüber dem großen Bruder ihres Jugendfreunds. Die in meinen Augen realistische Schilderung des Alkoholikerinnenverhaltens von Idas und Tildas Mutter, inklusive Krankheitsleugnung und immer neuen Besserungsversprechen. Und ich mochte die Beschreibung von Idas Entwicklungssprüngen, viele sehr atmosphärische Beschreibungen (Filmrechteverkaufambitionenverdacht).

Dass mir Details zum titelgebenden Schwimmen fehlten, gestehe ich meinem persönlichen Interesse zu. Anscheinend handelt es sich um ein normales Freibadbecken: Gibt es beim Bahnenziehen nie Störungen durch lediglich planschende Kinder? Welche ist Tildas Schwimmart? Fühlen sich die geschwommenen Bahnen nie unterschiedlich an?

In Summe: Eine verpasste Gelegenheit für einen wirklich guten Roman. Vielleicht war der Verlag schuld und hat ihn Caroline Wahl nicht schreiben lassen, weil er deutlich weniger feel good geworden wäre.

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Ausführliches und spannendes Interview in Journalist mit Mai Thi Nguyen-Kim über ihren Wissenschaftsjournalismus:
“‘Als Wissenschaftlerin komme ich mit Hass gut klar'”.

Unsicherheiten sind fester Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens. Manchmal sind sie größer, manchmal kleiner, wie bei der Schuld des Menschen am Klimawandel zum Beispiel. Da gibt es einen derart großen Berg an wissenschaftlichen Belegen, dass man von einem Fakt spricht. Wer das anzweifelt, muss ebenso viele Belege auf den Tisch legen. Ansonsten darf man nicht erwarten, ernstgenommen zu werden. Fakt ist Fakt.

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Das hier könnte für UX-Designer*innen jenseits der Erträglichkeitsgrenze sein, für den Rest von uns ist es sehr, sehr lustig.

Journal Dienstag, 26. März 2024 – Larissa Kikol, Signed

Mittwoch, 27. März 2024

Besser geschlafen, aber zu früh aufgewacht.

Weil es zudem weder etwas zu bloggen noch zu räumen gab, kam ich sehr früh in die Arbeit.

Leider ist wieder Frierwoche im Büro, ich arbeitete im Wolljanker. Nach einigen Besprechungen ging ich raus ins Westend auf meinen Mittagscappuccino.

Später Mittagessen am Schreibtisch: Mandarine, Apfel, Sojajoghurt mit Mango.

Arbeitsnachmittag auch mit Unerfreulichem, ich hielt mich an Symptombekämpfung. Nach Feierabend ging es raus in schöne Luft, aber eher kühl.

Herr Kaltmamsell verbrachte den Abend aushäusig, ich musste schon wieder selbst für mein Nachtmahl sorgen – hatte aber schon Montagabend dafür eingekauft. Erst Wäscheaufhängen, Yoga-Gymnastik (eher verärgernd: ich mag es nicht, vom half moon überrascht zu werden und erst gesagt zu bekommen, dass es dorthin geht, wenn ich bereits ein Bein heben soll), dann briet ich Schalotte, Knoblauch, Champignons mit Thymian, löschte mit Noilly Prat ab, das ergab mit Crème fraîche und Fussiloni ein Nudelgericht – sehr schmackhaft.

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Larissa Kikol, Signed. Unterwegs mit der 1UP-Crew und Moses&TapsTM

Larissa Kikol hat ein Buch über Graffiti geschrieben, den weiterhin illegalen Teil der Streetart. Die Terminologie entnehme ich indirekt, es gibt für die vielen Unterarten von Streetart keine offizielle Terminologie mit allgemein anerkannten Definitionen – das gehört aus meiner Perspektive sogar genau so, wer sollte bitte über die Definitionen bestimmen? The elders of streetart? Ich gucke mir auch legale und offizielle Streetart gerne an, z.B. Murals, die sorgfältig und mit reichlich Zeit entstanden. Aber allein der Zeitdruck und die logistischen Rahmenbedingungen von Graffiti machen halt doch einen Unterschied.

Kikol ist promovierte Kunstwissenschaftlerin, doch das ist weit entlegener Hintergrund ihres Buchs: Im Vordergrund stehen ihre Recherche und die Graffiti-Künstler*innen. Sie schreibt in einem Tonfall, den ich von besonders lesenwerten Blogs kenne und mag. Dazu gehört auch, dass sie sich als Beteiligte sichtbar macht. Und es interessiert mich wirklich, wenn sie sich am Tag einer Aktion mit einer schlecht heilenden Verletzung am Arm rumplagt. Was sie sich als Brotzeit für Aktionen einsteckt. Überhaupt beschreibt sie viele Mahlzeiten detailliert, das mochte ich, Essen und Trinken sind ihr offensichtlich wichtig.

Thema ist auch das Schreiben des Buchs selbst:

Der Lektor hat Unrecht, Kikol hat Recht: Das gnadenlose Zitieren scheinbar langweiliger Dialoge bei Graffiti-Aktionen holte mich in die Schilderung erst richtig rein.

Kikol gibt auch die Teile ihrer Interviews wieder, in denen sie zurückgefragt wird, welche Art Buch das eigentlich werden soll. Sie antwortet, sie sei sich noch nicht sicher. Am Ende des Buchs entscheidet sie sich: „Es sind so viele Kurzgeschichten, eher eine Art Reisebericht.“

Eine persönlich Art von Buch ist es geworden, z.B. taucht zwischen liebevollen Betrachtungen über ihren Herkunftsort Bergisch Gladbach Akademisches über Geheimsprachen auf. Kikol wird als Journalistin sichtbar, als Forscherin, als Berlinerin, als überaus neugierige und wohlwollende Menschenfreundin. Sie schreibt viel über konkrete Begegnungen, nicht nur über die mit Graffiti-Künstler*innen oder Menschen aus der Kunst-Szene.

Das Ergebnis ist eine offene und durch die Geschichten sehr transparente Materialsammlung, keine akademische These. (Es gibt aber saubere Endnoten mit den zitierten Quellen.)

Larissa Kikol beschreibt die vielen, vielen Facetten der Grafitti-Szene – die eben genau keine ist. Die Künstler*innen haben ganz unterschiedliche Beweggründe für ihre Arbeit, von rein ästhetischen über künstlerische bis politische oder gar aktivistische. Und anderen macht es einfach denselben Spaß, mit dem Leute ins Basketballtraining gehen. Manche sind nur in ihrer Wohnumgebung aktiv. Typischer aber ist es, dass sie reisen, teilweise sogar weit. (Dass ich die “Yellow Fists” vor einigen Jahren und bis heute in mehreren Städten sah, ist also kein Zufall: Sie sind alle von Kripoe.)

Eine zentrale und bemerkenswerte Figur ist der Graffiti-Künstler Moses: Besonders in Erinnerung blieb mir, dass er mal eine S-Bahn detailgetreu umlackierte

in einem Rotton, der sich fast nur um eine Nuance von dem Originalrotton unterschied. Dann wartete er ab, wann es jemandem auffiel.

Ein Roman ist das nicht. Aber auch kein klassischer Journalismus. Ich fremdle ja sehr mit den Verbot des “Ich” mit der traditionellen Forderung, Berichterstatter*innen müssten hinter dem Gegenstand ihrer Bericht verschwinden. Das kommt meiner Ansicht nach einer Lüge nahe: Jeder Bericht ist gefärbt durch Wahrnehmung und Hintergrund der Rechercheure. Je ausführlicher diese Recherche, desto relevanter werden meiner Überzeugung nach der Prozess und die Personen dahinter. Zwar tun das manche Journalist*innen seit Jahren, doch ich lese bis heute launiges Kolumnen-Geläster ihrer Kolleg*innen, es gehe denen in erster Linie um Selbstdarstellung.

Egal, es ist halt, was es ist. In Signed hat der Prozess der Recherche denselben Stellenwert wie die Ergebnisse. Und so lernte ich eine Menge, unter anderem über die komplexe Logisitik, die hinter dem illegalen Umlackieren von Bahn- und S-Bahn-Waggons steht, hinter dem Bemalen von Häuserfassadenrändern und Brandmauern. Und über die Internationalität des Sprühens, über die zentrale Rolle der Dokumentation (und mit wie viel Schabernack die teilweise sichergestellt wird), über die engen Verbindungen zur Galeristenszene, auch über die verschiedenen Rollen während einer Aktion.

Das Nachwort enthält einen Schlüsselsatz: „Eine Sache, die mir wichtig war, war, nicht mehr zu schreiben, als ich erlebt hatte.“

Falls das bislang noch nicht klar wurde: Dicke Empfehlung. Und ich gucke mir Tags in München künftig viel systematischer an.

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Beachtenswerter Appell in der taz von Katrin Gottschalk:
“Übersehene Feministinnen”.

Die Omas gegen rechts sind derzeit die größte Frauenbewegung auf der Straße. Zeit wird es, sie auch in die politischen Diskussionsrunden einzuladen

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Einskunstlauf hatte ich schon lang nicht mehr geguckt. Und stellte jetzt fest, dass sich da eine Menge getan hat. Schaun Sie sich mal die atemberaubende Goldmedaillen-Kür von Ilia Malinin in Montreal an.
Was mich besonders fasziniert: Malinin wirkt durchgehend, als hätte er überhaupt keine Körperspannung – was unwahrscheinlich ist. Aber er scheint etwas sehr viel Komplexeres einzusetzen als Kraft.

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Apropos Sport: Wenn Ihr Fitnesstudio was taugt, bietet es auch Training für den Sommerurlaub an.

Journal Freitag, 22. März 2024 – Start ins Strohsingle-Wochenende mit Blütenpracht

Samstag, 23. März 2024

Guter Nachtschlaf, aber beim Weckerklingeln freute ich mich sehr aufs Ausschlafen am Wochenende. Der Tag wurde sonnig, verhangen nur durch leichten Wolkenschleier, und warm.

Traubenhyazinten neben dem Verkehrsmuseum am Bavariapark.

Im Büro lustiger Double Bind der Schmerzen: Im Sitzen tat mir irgendwann der Po weh (also im Grunde die Sitzbeinhöcker, die sich hin und wieder auch beim Joggen melden) inklusive Iliosakragelenk (die Mobilisierungsübungen dafür gehören fast zu jeder Einheit meiner Yoga-Gymnastik – ich möchte nicht wissen, wie es mir ohne Yoga ginge), im Stehen hielt ich es wegen der aktuellen linken Kreuzschmerzen nur wenige Minuten aus. Auf der Arbeitsebene vermittelte ich unter anderem das kleine Einmaleins der Veranstaltungsorganisation.

Das Wetter lockte sehr nach draußen, ich ging auf einen Mittagscappuccino ins Café Colombo.

Zurück am Schreibtisch ein paar Querschüsse, mein Mittagessen (Mandeln, Bananen) aß ich spät.

Mir steht ein Stroh-Single-Wochenende bevor, Herr Kaltmamsell ist auf Deutschlehrer*innen-Ausflug. Mein Plan war unter anderem eine samstägliche Wanderung am Starnberger See, allerdings sah ich immer banger auf die Wettervorhersage, die für Samstag Sturm und Regen prognostizierte. Doch auch so freute ich mich arg auf mehr als 48 Stunden allein.

Überraschend intensiver Arbeitsnachmittag, doch ich machte mich ran, denn ich wollte noch etwas von dem wunderschönen Wetter haben.

Das schaffte ich dann auch, statt wie sonst in zackigem Marschtempo schlenderte ich erst zum Vollcorner, um unter anderem Zutaten für mein Abendessen zu kaufen, dann mit viel Gucken und Schnuppern nach Hause.

Magnolie in der Lessingstraße.

Am Beethovenplatz wurden die blühenden Zierkirschen gewürdigt.

Magnolien in der Nußbaumstraße.

Ärger über das framing der Boulevardpresse: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte entschieden, dass die Stadt München zu wenig tut, um den EU-Grenzwert für Stickstoffdioxid einzuhalten, unsere Luft hier ist einfach zu schlecht. Dieselmotoren mit hohem Schadstoffausstoß dürfen jetzt voraussichtlich bald nicht mehr in die Stadt fahren.

Eigentlich sollte das Fahrverbot bereits im Oktober 2023 auf Dieselfahrzeuge der Norm Euro 5 ausgedehnt werden. So sah es ein Kompromiss vor, den die Stadt München mit DUH und VCD nach einer früheren Klage ausgehandelt hatte. Im vergangenen Herbst entschied sich der Stadtrat dann aber anders und beschloss, es erst einmal bei der ersten Stufe des Verbots zu belassen – obwohl die Grenzwerte nach wie vor nicht an allen Messstellen eingehalten wurden.

(Quelle)

Und wie macht die Boulevardpresse ihre Schlagzeilen? “Schlappe der Stadt vor Gericht”, “Diesel-Drama”, “Neue Fahrverbote”.

Ich sehe hier dasselbe Muster, mit dem die Klimakatastrophe populistisch behandelt wird: Als Problem geschildert werden nicht die lebensbedrohlichen Auswirkungen des Klimawandels, sondern mögliche Einschränkungen durch Gegenmaßnahmen. Das halte ich für verantwortungslos.

Zu Hause erst mal Fenster und Balkontüren geöffnet, Wäsche aus der programmierten Maschine aufgehängt, eine Runde Yoga-Gymnastik geturnt (zum ersten Mal dieses Jahr noch bei Tageslicht), Wasser des wässernden Stockfischs erneuert. Dann kochte ich Fusseloni, rührte reichlich Joghurtsauce, schnippelte Gurke, rote Paprika, Kirschtomaten, Ruccola und vermischte das (kein Nudelsalat!). Ich aß alles auf. Und schob Schokolade hinterher. Ja, war zu viel, aber ich habe jeden Bissen genossen.

Nichts davon könnte ich oder würde ich nicht auch mit anwesendem Herrn Kaltmamsell tun, doch hin und wieder genieße ich diese andere Art des Entspanntseins, die ich nur allein erreiche.

Und dann ging ich NOCH früher ins Bett zum Lesen! Larissa Kikols Signed über ihre Recherche zu und Begegnungen mit illegalen Graffiti-Künstler*innen ist in einem Blog-Tonfall geschrieben, der mir sehr gut gefällt, und liest sich angenehm süffig.

Journal Mittwoch, 20. März 2024 – Große Pläne im Kartoffelkombinat / Granta 166, Generations

Donnerstag, 21. März 2024

Wieder eine recht gute Nacht. Ich werde wohl bald zu meiner Sommer-Bettdecke wechseln: Das Federbett ist mir zu warm, ich verschwitze den Bezug fast jede Nacht (als geborene Nachtschwitzerin kenne ich den Unterschied zu klimakterischen Schweißausbrüchen). Lieber staple ich bei zu kalt eine Zusatzdecke.

Es wurde zu einem herrlich sonnigen Tag hell, doch auf dem Weg in die Arbeit war ich um meine Handschuhe froh.

Im Büro wurde ich umgehend hektisch: Erst musste ich ein Schlamassel beseitigen, das ich nicht selbst angerichtet hatte (ich hatte sogar in den vergangenen Monaten mehrfach versucht, diese Art von Schlamassel grundsätzlich zu verhindern, indem ich die Verursachenden über Hintergründe informierte – vergeblich). Dann entdeckte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte, der anderen Aufwand und Probleme bereitet – sowas grämt mich ja tief und lange. (Stellte sich dann heraus, dass der Fehler versehentlich doch nicht so schlimm war, weil ich nicht um eine Ecke, sondern um zwei zu viel gedacht hatte, das hob sich nahezu auf.)

Später Mittagscappuccino bei Nachbars, spätes Mittagessen: eine Hand voll Mandeln (müssen weg), Mango mit Sojajoghurt. Die Kreuzschmerzen ließen nach, plagten mich nur noch bei längerem Stehen.

Mittelaufregender Nachmittag, ich kam fast pünktlich raus – und nahm meinen Arbeits-Laptop mit: Am Donnerstag würde ich von daheim arbeiten (gnarf), weil der Heizungsableser angekündigt war. Zu meiner Überraschung, denn 2023 waren die Messröhrchen an den Heizkörpern durch weiße Kästchen ersetzt worden, von denen ich erwartet hatte, dass sie mit Zuhause telefonieren können.

Heimeranstraße

Auf dem Heimweg Einkäufe im Süpermarket Verdi und im Drogeriemarkt.

Keine Yoga-Gymnastik, weil ich an einer Info-Veranstaltung des Kartoffelkombinats über Zoom teilnahm: Es sind drei große Bau-Projekte geplant (Gebäudesanierung, Regenauffangbecken, Photovoltaik-Anlage), um unsere Gärtnerei zukunftssicher zu machen, also für den Klimawandel zu wappnen; finanziert werden soll das durch Zeichnung von mehr Genossenschaftsanteilen. Details wusste ich bereits aus einer sehr informativen Broschüre zum jüngsten Ernteanteil, gestern beantworteten Kartoffelkombinats-Vorstand Daniel und
-Vorständin Jana Fragen.

Zum Tagesschau-Gong waren wir fertig. Herr Kaltmamsell hatte währenddessen das Weißkraut aus Ernteanteil mit Farfalle zu Krautfleckerl gemacht. Nachtisch Schokolade.

Im Bett mein aktuelles Buch ausgelesen.

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Granta 166, Generations

Nachdem mir der neue Herausgeber von Granta magazine, Thomas Meaney, mit der ersten von ihm verantworteten Ausgabe Deutschland gleichmal das Kraut ausgeschüttet hatte, freue ich mich umso mehr, wie gut mir die aktuelle Ausgabe zum Thema Generations gefiel (angefangen mit dem großartigen Titelbild). Zwar sank mein Herz, als sein Vorwort zunächst die Generationen-Einteilung Boomers, Gen X, Millennials etc. aufgriff (halte ich für unbrauchbar für nützliche Analysen, und die Forschung gibt mir recht), doch dann las ich schlaue Gedanken darüber, welche Einflüsse und Merkmale die zugehörigen Schriftsteller*innen vereinen.

Die Zusammenstellung der Texte für das Magazin selbst spielt das Thema Generations ganz anders und erkenntnisfördernd durch. Unter anderem: Guy Gunaratne gibt einem Einwanderer der ersten Generation in London die Stimme, mit der er seine Tochter anspricht, vor allem darauf, wie anders ihre Einwanderungs-Identität ist. Eine Geschichte, “Isabel” von Lillian Fishman, stellt eine heutige lesbische Beziehung ihrem Vorläufer vor 20 Jahren gegenüber. “Lifetimes of the Soviet Union” von Yuri Slezkine schildert die verschiedenen Generationen politischer Strömungen der Sowjetunion. In “The Full Package” von Zoe Dubno geht eine Teenagerin mit ihrer Großmutter Kleidungkaufen, “Ricks & Hern” von Nico Walker erzählt von zwei Polizisten in New York, einer davon alt, einer jung, in “The Trouble with Old Men” schildert Samuel Moyn, wie verschiedene Kulturen und Zivilisationen durch die Menschheitsgeschichte ihre Ältesten behandelt haben, von Verehrung bis systematischem Mord (Nachtrag: Hier muss unbedingt herbeiassoziiert werden die “Ahndlvertilgung” von Helmut Qualtinger).

Und ich habe den Fotografen Kalpesh Lathigra entdeckt, auf instagram @kalpeshlathigra. (Huch, der folgte gleich zurück!)

Das alles zeichnet ein Bild von der Dynamik unterschiedlicher Generationen, ihrer Wirkung aufeinander – bunt und bereichernd.

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Nein, was derzeit als “Künstliche Intelligenz” bezeichnet wird, hat nichts mit selbständigem, kreativen Denken zu tun. Das wird lediglich seit Entwicklung von Computern (im Sinne von Turing-vollständig) allen Computern prognostiziert – mal enthusiastisch hoffnungsvoll, mal apokalyptisch ängstlich. Dabei ist lediglich die Geschwindkeit der Berechnungen extrem gewachsen. Ich habe mich, musste mich, mittlerweile damit abfinden, dass immer der neueste erstaunlichste heiße Scheiß an Rechner-Fertigkeiten “Künstliche Intelligenz” heißt. Eine Geschichte dieses Begriffs auf Englisch im Guardian:
“Race to AI: the origins of artificial intelligence, from Turing to ChatGPT”.

Darin auch eine schöne Erklärung von deep learning.

Journal Donnerstag, 14. März 2024 – Wolf Haas, Eigentum

Freitag, 15. März 2024

Nicht wirklich gut geschlafen, nach dem späten Heimkommen auch zu früh aufgewacht, benommen aufgestanden. Ich nutzte die zusätzliche Zeit für Bloggen über das Theaterstück am Vorabend.

Strammer Marsch in die Arbeit, ich wurde von der Milde der Luft überrascht.

Zackiges Arbeiten – na ja, die Zackenspitzen ein wenig durch meine müde Benommenheit abgerundet. Immer wieder hatte ich das Bedürfnis nach einem Gegencheck, ob ich nicht gerade Mist gebaut hatte, immer wieder fiel mein Blick verloren auf den Bildschirm: Was wollte ich hier gerade?

Mittagscappuccino bei Nachbars, danach ging das mit der Konzentration eine Weile besser. Auch die paar Schritte durch fast Sonne hatten mir gut getan.

Mittagessen: Bananen, eingeweichtes Muesli mit Joghurt. Jetzt gesellte sich Kopfweh zur Müdigkeit. Dass es auch mit einer Ibu nicht wegging, ließ mich zusammen mit der Benommenheit eine mindere Migräne vermuten (wenn sie nur so aussieht, geht’s ja noch). Im Verlauf des Nachmittags Konzentrationsfähigkeit nahe Null, es mussten dennoch Dinge weggearbeitet werden, zefix. Aber draußen bemühte sich milde Sonne durch den Wolkenschleier, das war sehr schön.

Den Heimweg ohne Mütze und Handschuhe genoss ich, nach Einkäufen in Balkanbäckerei, Drogeriemarkt und Vollcorner öffnete ich auf dem letzten Stück sogar den Mantel.

Bloß weil ich diese Zierkirsche am Bavariaring schon x Mal fotografiert habe, heißt ja nicht, dass ich sie nicht zum x+1sten Mal fotografieren kann.

Zu Hause ein wenig Yoga-Gymnastik, Brotzeitvorbereitung, dann richtete ich das Abendessen her: Salat aus aromatischem Ernteanteil-Feldsalat, Ofen-Feta, ein schöner alter niederländischer Käse aus Friesland (ganz erstaunlich, wie ganz anders als ein lokaler Bergkäse er schmeckte), Balkan-Fladenbrot. Nachtisch Schokolade.

Im Bett begann ich die nächste Lektüre, diesmal wieder auf Papier und mit frisch geladener Halslampe: Granta 166, Generations.

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Wolf Haas, Eigentum könnte wie der autofiktionale Roman von Oskar Maria Graf auch Das Leben meiner Mutter heißen (beides als “Roman” verkauft – warum schämt sich das deutschsprachige Verlagswesen so sehr, ein Buch mit biografischen Erzählungen nicht so zu nennen?). Wie jede Biografie erzählt diese indirekt Geschichte: Weltgeschichte, Gesellschaftsgeschichte, die Geschichte des Erzählers.
Aber weil dieses Buch Haas geschrieben hat und nicht Graf, ist es natürlich ganz anders – unter anderem viel, viel kürzer.

Das Buch setzt drei Tage vor dem Tod der greisen Mutter ein mit der Überraschung des Ich-Erzählers, dass seine Mutter sagt, es gehe ihr gut. Das hat er bis dahin noch nie von ihr gehört, immer war alles schlimm und schlecht.

Die erzählte Zeit bleibt bei den drei Tagen, nimmt sich noch zwei zusätzliche bis zur Beerdigung. Darin wechselt Haas unmarkiert zwischen seinem eigenen Erleben (Besuch der Mutter im Heim, Spaziergänge ins Dorf und zu dem Haus, in dem er aufgewachsen ist) und den Erzählungen seiner Mutter (auch ohne Markierung klar am mundartlichen Duktus erkennbar und an den immer wieder eingeflochtenen “nit” und “gell”). Er gibt ihre Lebenserinnerungen so wieder, wie sie sie wieder und wieder erzählt hat, offensichtlich ohne eigene Nachrecherche oder Verifizierung, oft sagt sie “weiß ich nicht genau”: Arme Kindheit in Österreich unter vielen Geschwistern, Versuch einer Ausbildung, Unterbrechung durch Krieg, danach Beruf, Arbeit in der Schweiz, Schwangerschaft, Rückkehr ins Dorf – vieles kann sie nicht einordnen, kennt keine Hintergründe. Dadurch bleibt viel offen. Klar zutage kommt der schwierige Charakter dieser Frau, ihr Eigenbrötlertum, ihre Menschenfeindschaft. Sich selbst ordnet Haas als Kind darin kaum ein, lässt die Erzählung die Geschichte seiner Mutter sein.

Es ist der erwachsene Haas um die 60, der in der Echtzeit-Erzählebene sichtbar wird: Dessen Gedanken immer wieder zu der blöden Poetik-Vorlesung zurückkehren, die er noch vorbereiten muss. Der sich in linguistischen Überlegungen verliert, sich fragt, warum er eigentlich Bücher schreibt (Außen- und Innencover der Hardback-Ausgabe geben Hinweise, Wolfgang Tischer hat sie für die Besprechung in seinem Literaturcafé fotografiert), der sich nicht allzu ernst nimmt – eine typisch Haas’sche Stimme.

Das Ergebnis ist ein Büchlein, das Zeit einfängt, Orte und ein paar Menschen darin. Und das mir mal wieder bewiesen hat, dass Typisierung und Einordnung von Menschen immer löchriger werden, wenn man sich mit einer ganz konkreten Biografie beschäftigt.

(Und wie wenig ich bei genauerer Betrachtung das Leben meiner Mutter erzählen könnte.)

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Markus Beckedahl verabschiedet sich von der Plattform netzpolitik.org, die er vor 20 Jahren gegründet hat – und damit Internetgeschichte geschrieben:
“Danke, netzpolitik.org!”

Schöne Gelegenheit, mal wieder die Geschichte zu erzählen, wie ich vor 14 Jahren in einem Taxi in Österreich saß, es lief Radio, und die Redakteurin führte gerade ein Interview zu irgendeinem Internetthema – mit Markus Beckedahl. Meine erste Reaktion: Hahaha, jetzt müssen sie schon uns zum Internet fragen. (Im Sinne von: uns komische Blogger*innen.) Dann aber die Einsicht: Einen Besseren als Markus hätten sie nicht fragen können, irgendwer in dieser Redaktion kennt sich offensichtlich aus.

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Auch hier mal ein Gedicht!
“Der Bählauch”.