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Journal Montag, 22. Juli 2019 – Letzte Reha-Male

Dienstag, 23. Juli 2019

Sehr schlecht eingeschlafen, beim frühen Aufwachen fühlte ich mich dann eigentlich fit.

Doch schon während des ersten Reha-Termins Rotlicht (das wieder gut tat), sah ich ein, dass ich an diesem Tag eher langsam tun sollte. Eigentlich hatte ich vormittags zwischen zwei Terminen eine letzte Laufrunde geplant – sonst würde ich bis zum Wochenende nicht zu Sport kommen -, doch ich musste einsehen, dass es mir dafür zu schwächlich war. Am Frühstückstisch hatte ich nur Lust auf süßen Schwarztee, mochte nicht mal das sonstige Glas Hafermilch.

Also folgte ich nur dem Tagesplan. Es sah bald eine Runde im Maschinenraum vor; wenn ich schon die Laufrunde wegließ, verbrachte ich zumindest auf dem Crosstrainer mehr Zeit als nur das Warmstrampeln. Die Geräteübungen waren kein Problem.

Fast gleich im Anschluss letzte Wirbelsäulengymnastik: Faszienrolle. Wie schon durch Ihre Kommentare von Patienten- und Patientinnenseite verstärkte sich hier der Eindruck, dass auch auf Therapieseite keine Einigkeit über das ob und wie der Fazienlockerung besteht: Die einen sagen so, die anderen so. Gemeinsame Basis scheint die Erkenntnis, dass den Faszien sehr viel mehr Bedeutung zukommt, als man bis vor Kurzem wusste. Doch die genauen Auswirkungen welchen Umgangs damit sind wohl noch nicht systematisch erforscht. Diese Frau Physio zeigte uns Übungen mit einer verhältnismäßig dünnen, dafür besonders langen glatten Faszienrolle. Ihr Rat zur Einsatzhäufigkeit: Zweimal die Woche, und zwar überall dort, wo sie schmerzt. Stoße man dabei auf eine Partie, die besonders schmerze, konstanten Druck darauf ausüben, bis sich die Verhärtung löst. Besonders spannend fand ich ihre Anleitung für den Einsatz der Rolle im Nacken – ich kann mir durchaus vorstellen, dass man damit Kopfweh-induzierende Verspannungen lindern kann. Ich habe den festen Vorsatz, damit zu arbeiten, parallel meine Anfasserin zu fragen, ob sie auch Faszienmassagen kann.

Nach einem letzten Cappuccino in der Cafeteria duschte und pflegte ich mich. Letztes Mittagessen (Bohneneintopf mit getrockneten und frischen Bohnen, dazu Salat vom Buffet), letzte Kurzsiesta, letztes Mal Massagesessel.

Vor dem letzten Vortragstermin ging ich meinem Verdacht nach, dass es im Eissalon, in dem ich am Samstag den Bombenbecher gegessen hatte, handgemachten Cappuccino geben könnte. Ich spazierte hinüber – und tatsächlich, gibt es. Er schmeckte auch noch.

„Leistungen der Sozialversicherungen“ lautete der Vortragstitel, es ging tatsächlich um das Bundesdeutsche System an Kranken-, Pflege, Renten- und sonstigen Sozialversicherungen. Ich nahm die Infos als politische Bildung mit.

Die eigentlich geplante Joggingstrecke spazierte ich jetzt. Es war schwülwarm und diesig-sonnig, Spazieren tat mir deutlich besser als es ein Lauf gewesen wäre. Snack zwischendurch: Waldhimbeeren.

Sonst kenne ich auf Wanderungen Erdbeerchen und im Spätsommer Brombeeren (die jetzt noch lange nicht reif sind), aber hier im Frankenwald ist alles voll kleiner, köstlicher Himbeeren. Ich bekam Lust, demnächst eine Himbeertorte zuzubereiten.

Letztes Abendessen, ich aß mit Hunger und Appetit. Zwei Stunden später hatte ich schon wieder Hunger, genau dafür hatte ich einen Becher Hüttenkäse, eine Nektarine und Schokolade in der Schublade.

Letztes Mal Abendrot über den Hügeln des Frankenwalds.

Neues Buch begonnen: Min Jin Lee, Susanne Höbel (Übers.), Ein einfaches Leben. Nach sehr Langem mal wieder die deutsche Übersetzung eines englischsprachigen Orignals – noch lenkt mich ab, dass ich mich bei Formulierungen immer wieder frage, wie wohl die englische Ausgangsformulierung lautete.

§

Ich finde das nicht nur in zwanzig Jahren nicht langweilig, sondern schon jetzt:
„Ohne Fleisch kein Preis – Bahnreisen, Europa 2019“.

Oder: Warum es nichts nützt, die klimafreundliche Verringerung von Flugreisen (die übrigens bis zum Moment stetig mehr werden) innerhalb nationaler Grenzen zu denken.

§

Die verehrte Carolin Emcke hat lange gebraucht, bis sie ihre Gedanken zu #metoo formuliert hat. Dadurch hatte sie dafür bereits einen Überblick, der eine sachliche Analyse der Debatte möglich macht. Teresa Buecker hat sie für Edition F zum resultierenden Buch Ja heißt ja und… interviewt:
„Carolin Emcke: ‚Ich denke die ganze Zeit darüber nach, ob etwas, das ich tue, falsch verstanden werden kann oder übergriffig wirkt'“.

Der Fokus lag zunächst auf einzelnen Fällen und dem Versuch des Nachweisens, dass eine bestimmte Person die eigene Macht missbraucht hat, Frauen missbraucht hat, genötigt hat. Darüber wurden dann zum einen die Personen und ihre Verhaltensweisen genauer angeschaut, zum anderen auch der direkte Kontext, diese komplizitäre Kultur in bestimmten Branchen. Ich habe diese Einzelfälle auch verfolgt und manche erscheinen einem dann noch widerlicher als andere. Aber diese einzelnen Fälle haben mich nicht so umgetrieben. Was ich wirklich interessant fand, war die Abwehr des Diskurses durch Frauen, die suggerierten haben, es ginge bei dieser Debatte um eine Einschränkung von Lust und eine Einschränkung von Sexualität. Da habe ich dann gedacht: Jetzt lohnt es sich doch, noch etwas dazu zu schreiben.

(…)

… da gab es mitunter auch so eine Härte im Diskurs. Da gab es Auftritte von Frauen, die mit erstaunlicher Selbstzufriedenheit herumposaunten, sie verstünden gar nicht, was das Problem wäre. Wenn irgendjemand sie belästigen würde, dann könnten sie sich doch einfach wehren, einfach ,nein‘ sagen. Da wurden Machtfragen komplett ausgeblendet, denn es gibt eben Hierarchien, es gibt unterschiedliche Privilegien, es gibt unterschiedliche Statusformen, die eben auch drohen und bedrohen können. Aber es gibt auch unterschiedliche soziale, kulturelle, übrigens auch physische Kompetenzen, die es der einen leichter und der anderen schwerer machen, sich zu wehren. Die rücksichtslose Härte, mit der da unterstellt wurde, alle müssten gleich angstfrei, gleich wortgewandt, gleich kraftvoll genug sein – die hat mich wirklich befremdet.

Journal Samstag, 6. Juli 2019 – Freibad in Naila

Sonntag, 7. Juli 2019

So richtig energiegeladen fühlte ich mich nicht nach einer unruhigen Nacht, aber dieser Samstag war ideal für die Schwimmrunde in Naila, die der Arzt empfohlen hatte: Es war Hochsommerwetter mit Bombensonne angekündigt, außerdem war ich nach Langem so gut wie erkältungsfrei (bissl Schleimhusten, bissl Rotz), an allen weiteren Wochenendtagen bis Ende Reha war potenziell Besuch angekündigt, und ich wollte dem Arzt reporten können.
Außerdem fiel mir sonst nichts ein, worauf ich Lust hatte.

Das ganze wurde ein perfekter Schwimmtag, unter anderem weil er bewölkt begann: Ich hatte mich nämlich bereits gesorgt, weil ich mir ohne Sonnencreme auf dem Rücken (erzählen Sie mir nicht, dafür hätte aktive Kontaktaufnahme zu anderen Rehabilitanden genützt) einen garantierten Sonnenbrand einfangen würde. Nach meinem Frühstückstee spazierte ich zum Bahnhof und nahm den 8.39-Uhr-Zug nach Naila. Die gut zehn Kilometer Fahrt dauerten mit Halt an jedem Gehöft1 zwölf Minuten. Google Maps lotste mich durch das unspektakuläre Naila (wieder auffallend viele Metzgereien, aber einige auch dauerhaft geschlossen, ebenso wie manch anderes Geschäft) den Kilometer zum Freibad.

Die Fachfrau sieht sofort: Abgetrennte Schwimmbahn im 50-Meter-Becken! Ich sperrte mein Zeug in ein Schließfach (nur bei Wetterbesserung würde ich mich auf die Wiese legen) duschte und ließ mich ins Schwimmbecken. Es war herrlich: 1500 Meter mit nur einem (paddelfreien und zügigen) weiteren Schwimmer auf der Bahn, dann 1800 Meter allein, ich fühlte mich kräftig und fit.

Wie bestellt verflogen auf meinen letzten 1000 Metern die Wolken. Ich cremte mich also ein soweit ich kam, wechselte in einen trockenen Bikini und legte mich auf die (wie überall in der Gegend völlig vertrocknete) Wiese in den Halbschatten.

Außer mir war eine größere Gruppe im Freibad, zudem ein halbes Dutzend versprengte Einzelmenschen. Im Lauf der nächsten zweieinhalb Stunden kamen ein paar Familien dazu, aber wirklich nicht viele – ich nehme an, auch hier ist wie in München der Samstagvormittag anderen Beschäftigungen vorbehalten, zudem könnte der bewölkte Morgen einen Freibadtag unattraktiv gemacht haben.

Gegen Mittag öffnete der geräumige Kiosk, ich holte meinen Morgencappuccino nach. Als Brotzeit hatte ich zwei Nektarinen eingesteckt.

Kurz nach zwei nahm ich einen Zug zurück nach Bad Steben (der Schaffner von der Hinfahrt lachte mich gleich an: „Jetzt ist der noch immer da!“ unterstellte er mir als Gedanken). Jetzt hatte ich Hunger. Den ganzen Vormittag hatte ich überlegt, worauf ich meisten Lust haben würde; zur innere Wahl standen legendäre Windbeutel in dem einen oder anderen Café, herzhaftes Mittagessen im Wirtshaus oder aus dem Supermarkt Buttermilch, Obst, Breze. Ich entschied mich für Letzteres, zur Breze gesellte sich eine Quarktasche, das Obst waren Flachpfirsiche.

Im Kurpark machte ich Brotzeit und sah mich nochmal ein wenig um.

Dieser Kurort ist ja – wie vermutlich jeder zumindest in Deutschland – durch und durch ernst gemeint, unverhipstert und so wenig ironisch gebrochen wie eine Florian-Silbereisen-Show. Wie kommt also diese Retro-Karte hierher, die mich über die Schulter nach dem Beiwagen-Motorrad von Indiana Jones Ausschau halten ließ? Kleiner Scherz einer Grafikerin?

Schon um halb fünf zog der Himmel zu, für den Sonntag war ein Wetterumschwung angekündigt – ich hatte also wirklich den perfekten Zeitraum für meinen Schwimmausflug erwischt. Allerdings ergab der Hautfarbencheck vorm Duschen, dass mich am Rücken dann doch ein wenig die Sonne verbrannt hatte.

Zum Abendessen servierte die Klinik unter anderem Rollmops – und wieder sehr gute Rohkostsalate.

Den Rest des Samstags verbrachte ich mit Zeitunglesen auf Smartphone im schattigen Garten, Tagesschau, Internetlesen.

Eine wirklich schöne Aussicht aus meinem Zimmerfenster, ich bilde mir ein, das Getreide reifen zu sehen.

Was ich hier sehr wenig mache: Mich schminken. Vor Sport eh nicht, und eigentlich ist hier im Grunde immer vor Sport. Nach Sport am späten Nachmittag lohnt sich nicht mehr, muss ich ja bloß vor dem Schlafen wieder abschminken.

§

Im Freibad hörte ich die Filmmusik von The English Patient, später recherchierte ich ein wenig zum historischen Hintergrund des Romans und zu seiner Rezeption.

Beim Lesen hatten mich die Filmbilder begleitet – was ich bedauerte, so schön ich den Film auch fand. Aber Hana ist im Roman so viel jünger, so viel mehr junges Mädchen als Juliette Binoche es damals war (es hätte die zehn Jahre jüngere Binoche aus The unbearable lightness of being gebraucht).

Über den Menschen hinter der titelgebenden Figur, der sehr wahrscheinlich schwul war (was eine sehr andere, aber wahrscheinlich noch interessantere Filmgeschichte gegeben hätte):
„Wüstenforscher Almásy
Nazi-Spion, Liebhaber, Teufelskerl“.

Seinerzeit im Independent:
„The villa of the peace: The English patient – Michael Ondaatje“.

Like coral, Ondaatje’s narrative is built up slowly into towers and branches and hidden chambers, fashioning a delicate grisaille of memory and passion. The form isn’t stridently avant-garde but rather radically experimental in the way that Bonnard, the chronicler of bourgeois bliss, is experimental – skewing dimension, masking figures, proceeding from icon to icon. Typically, Ondaatje ends a chapter not with an event but with a memory, an odour, a picture.

Ebenfalls aus der Erscheinungszeit in der Irish Times:
„The English Patient review: Love and loss in the desert fires“.

Ondaatje is a poet with a mythic imagination and this novel unfolds in prose of such breathtaking lyric and muscular beauty that the reading of it becomes almost a physical experience.

Der Guardian hat den Roman 2011 wiedergelesen:
„Booker club: The English Patient“.

Much has been said about the richness of Ondaatje’s writing, the sensuousness of his physical descriptions and his poet’s gift for using well-timed silences and ellipses to speak volumes. All that’s true. But the thing that impressed me most as I read the book this time around is its hard centre. It may come wrapped in musky perfume, but Ondaatje’s prose could go a few rounds with Hemingway and probably knock out Kipling, too.

  1. Merken Sie, wie ich der sprichwörtlichen Milchkanne ausgewichen bin? []

Journal Freitag, 5. Juli 2019 – Reha-Behandlungen und The English Patient

Samstag, 6. Juli 2019

Das Weckerklingeln nach neun Stunden Schlaf riss mich aus Träumen. Ich hätte gerne noch weitergeschlafen, hing dann auch beim Bloggen schlapp über meiner Tastatur – wo ich doch sonst morgens munter bin.

Tagesstart wieder „Freies Konditionstraining“, also nach einer Tasse Tee im Speisesaal als Anwesenheitssignal (damit sich niemand Sorgen macht, mir könnte nachts etwas passiert sein – so wurde die Bitte um Frühstücksteilnahme begründet): Crosstrainerstrampeln.

Ich verblöde. Meinen Sie, ich könnte mir auch nur drei Reha-Termine hintereinander merken? Aber nein, jeden schlage ich fünf bis zehn Mal nach. Dass der Umschlag meines Therapieplans schon jetzt ziemlich durchgenudelt aussieht, liegt vor allem daran, dass ich ihn bei bislang 15 Terminen sicher schon hundert Mal in der Hand hatte und nachschlagen musste.

Nächster Programmpunkt „Brain light“ (Sie erinnern sich: Massage durch Sessel).

Entschuldigung, ich habe ständig diese Szene im Kopf.

Die Musik aus dem Kopfhörer stellte ich auf leisest, die Brille blieb dunkel (möglicherweise Teil des gewählten Programms, möglicherweise kaputt, mir war’s recht). Die Massage bestand aus vielen Knubbeln, die aus dem Sessel kamen, der Sessel veränderte den Winkel, der Druck entstand mit der Schwerkraft des eigenen Körpers und war angenehm. Ich bemerkte die asymetrischen Verspannungen meiner Rückenmuskulatur, am verspanntesten (also mit schmerzhaftester Reaktion auf den Knubbel) eine durchaus unerwartete Stelle. In der nächsten Runde lasse ich Kopfhörer und Brille einfach weg, auch wenn dann mein brain kein light bekommt.

Noch mehr Entspannung wenig später bei „Rotlicht“: Mit bloßem Oberkörper wurde ich bäuchlings auf einer Liege platziert, wärmendes Licht auf die Lendenwirbelsäule.

Zum Mittagessen nahm ich den Mittwochabend gekauften Hüttenkäse mit: Milchprodukte wie Quark und Joghurt gibt’s nur zum Frühstück, das ich ja auslasse.

Gestern ein kurzes Reha-Programm, nachmittags hatte ich nur noch einen Workshop „Rückengerechtes Arbeiten/PC“: Grundsätzliches, Anekdoten und Geschichten, aber wir konnten auch verschiedene ergonomische Bürostühle durchtesten. Einen solchen hat mir mein Arbeitgeber ja bereits gestellt, jetzt habe ich ein paar Ideen zu seinem sinnvollen Einsatz.

Allgemein: Schön anzusehen sind die Bewegungsmuster anderer Patientinnen und Patienten, an denen ich meine wiedererkenne, zum Beispiel die besonders vorsichtigen ersten Schritte nach dem Aufstehen von einem Stuhl (könnte ja sein, dass es in die LWS sticht oder dass ein Bein gerade nicht mag).

Nachdem es vormittags wolkig und frisch gewesen war, schien schon mittags wieder die Sonne von blauem Himmel. Nach Siesta (Kopfweh fast ganz weg) spazierte ich nochmal ins Örtchen.

Jetzt müsste ich aber wirklich durch sein.

Vögel bislang: Mauersegler, Amseln, Singdrosseln, Elstern, Eichelhäher, Grasmücke (letztere drei habe ich bislang nur gehört, nicht gesehen), aber auch mindestens ein unvertrautes Vogelgesinge. Ich war ja bisher nicht viel draußen.

§

Ich las Michael Ondaatjes The English Patient aus und habe einen Neuzugang auf meiner Lieblingsbuchliste. Ondaatjes Erzählkunst (ich kannte davor The Cat’s Table und Warlight) ist sehr beeindruckend, im English Patient webt er damit eine einzigartige Geschichte, mit vier einzigartigen Menschen, die 1945 in einer zerbombten toskanischen Villa, zuletzt aus Frauenkloster genutzt, zusammenkommen. Es sind viele sehr bilderstarke Szenen, die Ondaatje mit wenigen Details und überraschenden Metaphern zum Leben erweckt. Es geht um nicht weniger als Liebe, wie sie Menschen erfasst, wie verschieden sie sich anfühlt, wie sie den Kern einer Persönlichkeit verändert oder auch nicht. Hana, die gebrochene, zwanzigjährige Krankenschwester aus Toronto, die gerade sie selbst wird. Der verbrannte Engländer, dessen gegenwärtiges Innenleben wir nie zu sehen bekommen, der nur aus Vergangenheit, historischer und kunsthistorischer Bildung besteht. Der Dieb Caravaggio, der Hana in Toronto hat aufwachsen sehen, jetzt ebenfalls gebrochen ist, aber anders als sie. Und Kip, der anglophile Sikh, eine isolierte Menscheneinheit, schwankend zwischen Vertrauen und Abgrenzung.

Ich mochte auch sehr die deutliche Erzählerstimme, die allerdings (nach meiner Zählung) nur an zwei Stellen explizit wird, einmal in einem die Leserschaft umarmenden „we“ und dann im vorletzten Absatz des Romans, als sie Kips und Hanas Leben Jahrzehnte später skizziert: „She is a woman I don’t know well enough to hold in my wing, if writers have wings, to harbour for the rest of my life.“

§

Die jetzt-Kolumne von David Würtemberger, die ich seit Beginn sehr interessiert, bewegt und oft traurig lese:

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten.

Die neueste Folge:
„Auch wer sich nicht für homophob hält, ist es oft“.

Journal Montag, 1. Juli 2019 – Endspurt zur Reha, Hochsommerende

Dienstag, 2. Juli 2019

Unruhiger Schlaf, zu früh aufgewacht.
Haushaltliche Geschäftigkeit (Spülmaschine ausgeräumt, Wäsche aufgehängt – ausnahmsweise auf dem Balkon, um dem Putzmann nichts in den Weg zu stellen, Pflanzen gegossen), dann erst Morgenkaffee.

Abschied von der Theresienwiese als Wiese. Bereits vor acht war es heiß.

Ein heftiger Arbeitstag – es war eine gute Idee gewesen, für diesen einen Tag ins Büro zu gehen, ich konnte einiges wegschaffen, was mich in drei Wochen in Panik versetzt hätte und mit einer Kollegin Geburtstag feiern.

Schon kurz nach Mittag zog ein Gewitter auf, ich dachte mit Bangen an meine Wäsche auf dem Balkon: Diese Kleidung wollte ich ja in die Reha mitnehmen. Als Herr Kaltmamsell heimkam, stellte er fest, dass der Wäscheständer in den Wohnzimmer gestellt worden war, vermutlich vom lieben Putzmann.

Später Feierabend, auf dem Heimweg wieder ein Gewitter, aber mit nur wenigen Regentropfen. Ich kaufte Proviant für die Reha – ich rechne mit drei Wochen höchstens mäßigem Essen, wenigstens gute Schokolade und Röstnüsschen sollen mich bei Laune halten. Ein wenig Sorge bereitete mir, dass der Atemwegsinfekt, der noch nicht zu hundert Prozent kuriert war, von Neuem die Luftröhre zu attackieren scheint.

Daheim roch es bereits fantastisch, Herr Kaltmamsell kochte aus Ernteanteil-Blumenkohl und -Koriander Alu Gobi. Ich bügelte restliche Wäsche, nach dem Abendessen packte ich für Temperaturen zwischen 15 und 35 Grad.

Im Bett las ich einen Kinderbuchklassiker (?) aus: Ponzl guckt schon wieder von Dagmar Chidolue. Mit seiner Erzählperspektive ganz konzentriert auf die Hauptperson Laura gut gemacht, dadurch auch kunstfertig indirekt erzählt, ungewohnte Themen für ein Kinderbuch (u.a. alleinerziehende Mutter, Büroarbeitswelt), ohne dass es auf erwachsene Leser hin thematisiert würde. Nun kenne ich mich auf dem Kinderbuchmarkt der vergangenen 40 Jahre wirklich nicht aus, doch das hier scheint mir ein besonderes Buch zu sein.

Journal Freitag, 14. Juni 2019 – Hochsommerschwindel

Samstag, 15. Juni 2019

Der noch kühle Morgen (zu kühl für Kaffee auf dem Balkon) wurde zu einem Hochsommertag – mein Kreislauf reagierte im Büro darauf mit Schwäche und Schwindel – sehr unangenehm.

Nach Feierabend hatte ich einen Termin zur Fußpflege bei der neuen Kosmetikerin; ich kam zu Fuß gut hin, hatte aber keine Freude an der Bewegung. Angenehme Pediküre, Ergebnis sehr schöne Füße.

Ein paar Einkäufe im Vollcorner, zu Hause der immer noch kranke Herr Kaltmamsell: Er fühlte sich nicht fit genug für Biergarten (wir waren diese Saison noch kein einziges Mal im Schnitzelgarten!), machte uns statt dessen Pasties mit Spinatfüllung aus Ernteanteil. Zu Feier des Wochenendes gab’s Gin Tonic.

Im Bett brach ich die Lektüre von Pinocchio ab, die Geschichten sind ja noch bösartiger und schlimmer, als ich sie aus Kindheitslektüre in Erinnerung hatte: Schon damals hatten sie mich verstört und abgestoßen; ich hatte das Buch aus der Pfarrbibliothek geliehen, nachdem mich die sehr freie Fernsehverfilmung mit Gina Lollobrigida sehr bewegt hatte (die Musik!). Statt dessen griff ich zur Jubiläumsausgabe Granta.

§

UK hat ja eigentlich andere Probleme (als YOUKNOWWHAT), zum Beispiel Kinderarmut – oder überhaupt Armut, nachdem die Sozialleistungen in den letzten Jahren immer weiter gekürzt wurden. Gleichzeitig haben in UK Privatinitiativen und bürgerliches Engagement zum Ausgleich von Missständen Tradition. Dieser Twitter-Faden erzählt mit originellen Mitteln von einer interessanten.

§

queer.de schlägt Alarm:
„LGBTI-Gegner wollen queer.de zum Schweigen bringen“.

Die Redaktion wird immer häufiger mit Abmahnungen angegriffen: Die Abwehr (fast immer erfolgreich, nur ein Prozess ist noch offen) kostet nicht nur Geld, sondern bindet auch die Energie der Redaktion – sehr wahrscheinlich die eigentliche Absicht.

§

Den Twitter-Account @OnThisDayShe schätze ich sehr („Putting women back into history, one day at a time.“). Hier erzählt Mitgründerin Alisa Holland (mit schönem nordenglischen Akzent), wie es dazu kam und welche Wirkung sie sich erhofft.

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https://youtu.be/qijE01uxdfY

Journal Pfingstmontag, 10. Juni 2019 – Weitergenesen

Dienstag, 11. Juni 2019

Ich wachte deutlich gesünder auf, ließ es dennoch langsam angehen. Der ursprüngliche Plan, den Pfingstsonntag zum Wandern zu nutzen, war eh längst aufgegeben. Also: Nach dem Bloggen Internet gelesen, geduscht und zur Feier des Pfingstens die Wäsche von zwei Wochen gebügelt.

Dabei hörte ich WRINT: „Frau Diener verreist nach Dubai“.

Nach dem Frühstück las ich auf dem Balkon Neil Gaiman, Terry Pratchet, Good Omens aus. Ich hatte es gern gelesen, es trögt wirklich die komische und zutiefst humanistische Handschrift beider Autoren – Böse und Gut sind gar nicht so weit voneinander entfernt, wie die Weltreligionen es uns verkaufen wollen; da muss erst der Antichrist auf die Welt kommen für ein sauber durchgeplantes Armageddon, um sie wenigstens vorübergehend zur Vernunft (!) zu bringen. Zufällig hat die BBC das Buch gerade als Sechsteiler verfilmt. Interessiert mich schon, werde ich aber realistischerweise genauso wenig ansehen wie all die anderen Serien der letzten Jahre, die mich gereizt hätten.

(Dazwischen schreibe ich seit Tagen an dem Post über den Weg zum Großen Fest, das wird was Längeres.)

Meine Genesung war vorangeschritten, ich fühlte mich deutlich munterer – und schon zog es mich hinaus. Morgens hatte es geregnet, doch dann war es wieder sommerlich geworden. Ich hatte Lust auf ein Eis bei Ballabeni und spazierte dorthin. Als ich das Haus verließ, sah ich am Horizont Gewitterwolken.

Vorbei am Abriss des Königshofs am Stachus.

Die Schlange am Ballabeni war übersichtlich, ich nahm Maracuja, Schoko-Ingwer, Karamell und zum Probieren Malaga.

Mittlerweile war Gewitterwind aufgekommen, der Himmel wurde schwarz. Ich hätte gerne eine Runde über den Englischen Garten gemacht, doch das Wetter wollte Armageddon nachspielen.

Der Regen begann auf Höhe Theatinerkirche und wurde bald zum Gewitterguss. Immer wenn der Regen etwas schwächer wurde, sauste ich in die nächste Einkaufspassage, wartete dort den nächsten Guss ab. So brauchte ich zwar eine halbe Stunde nach Hause, wurde aber lediglich etwas feucht.

Zum Abendbrot gab es Wurstsalat mit Ernteanteilrettich und so lala geratenem selbstgebackenem Brot vom Vortag.

Journal Samstag, 8. Juni 2019 – Dann doch krank, Gary Shteyngart, Lake Success

Sonntag, 9. Juni 2019

Der Nachtschlaf war von schlechten Träumen und Luftröhrenschmerzen geplagt, dann wieder schmerzten nach dem Schlucken Brust und Rücken (war bloß Luft, nach ein paar Rülpsern alles weg, doch meine Assoziationsmaschine erinnerte sich erstaunlicherweise sofort an das dramatische Herzleiden von dasnuf).

Morgens war klar: Ich bin krank. Doch da war die Frühstücksverabredung mit einer Freundin, auf die ich mich sehr freute; ich beschloss, das Kranksein um ein paar Stunden zu verschieben. Irgendwie würde ich meiner kompletten Heiserkeit schon ein wenig Stimme abringen.

Also vormittäglicher Fußweg in die Maxvorstadt zum Heinrich Matters, das in Einrichtung und Personal so treffsicher seinem Stereotyp entsprach, dass es es den Spaß verdirbt, sich darüber lustig zu machen (vielleicht ein ganz kleiner über blondgesträhnten Wuscheldutt als Kellnerinnen-Uniform?). Das Ergebnis ist gemütlich, die Frühstücks-Bowl mit Joghurt, geröstetem Granola und Obst schmeckte sehr gut, ich komme sicher nochmal.

Der Marsch dorthin war beschwerlich gewesen (erst mit entzündeten Atemwegen wird klar, wie fundamental Atmen für Unbeschwertheit ist), doch das angeregte Gespräch lenkte mich wunderbar von den Körperlichkeiten ab. Und mit genug Anstrengung konnte ich auch sprechen, unterstützt von zwei großen Tassen heißem Ingwer.

Auf dem Rückweg ein paar Einkäufe in der Lebensmittelabteilung des Hertie am Bahnhof. Vor allem wegen Obst ging ich hin, denn die Qualität der Ware ist dort ausgezeichnet. Leider wird das Erlebnis seit einigen Jahren nicht mehr bereichert durch den angestellten Herrn in formaler Kleidung plus Schürze, nach dem ich früher immer Ausschau hielt. Er verhielt sich, als sei die Obst- und Gemüseabteilung sein eigener Laden, drapierte sorgfältig, füllte kontinuierlich nach, hatte immer einen prüfenden Blick über die Auslagen – betrachtete die Kundschaft allerdings immer ausgesprochen misstrauisch; es war klar, dass sie das störende Element an seinem Job war. Diesmal nahm ich Flachpfirsiche und eine Mango mit.

Daheim meldete ich mich ins Bett ab, verdunkelte mein Schlafzimmer und schlief ein paar Stunden.

Nachmittags las ich Gary Shteyngart, Lake Success aus: Ich hatte die Geschichte des US-amerikanischen Hedgefond-Managers Barry gerne gelesen, der im Wahljahr 2016 nach einem Streit mit seiner Frau ausbricht und sich mit Greyhound-Bussen quer durchs Land auf den Weg zu seiner College-Liebe macht. Die mit diesem Mittel (sich dessen bewusst) von den verschiedenen Seiten der USA erzählt, von Menschen, die Erfolg ausschließlich in angehäuften Geldsummen messen, bis zu denen, die sich von Tag zu Tag durchschlagen. Zwischenkapitel schildern das Leben der zurückgebliebenen Ehefrau und des gemeinsamen Sohnes (die interessierten mich viel mehr und hätten für meinen Geschmack die Haupthandlung sein können).

Der Roman ist klassisch realistisch erzählt, das einzige nicht-realistische Detail ist die Fortführung der Handlung zehn Jahre in die Zukunft. Nur dass mir die Hauptfigur Barry halt ziemlich egal war, wie überhaupt seine Geldwelt. Mir ist schon bewusst, dass hauptsächlich sie für die großen Unrechte in der Welt verantwortlich ist, doch das gesamte Wertesystem, das ihr zugrund liegt, geht an mir vorbei.

Insgesamt Leseempfehlung, muss ja nicht alles gleich ein Meilenstein der Literaturgeschichte sein.

Gegen fünf war ich eigentlich schon wieder bettreif, blieb aber wach, weil ich befürchtete, sonst nachts nicht schlafen zu können. Also setzte ich mich an die offene Balkontür (der Tag war sonnig und mild geworden) und las Internet.

Und wenn Sie jetzt rufen: „HÜHNERBRÜHE! WARUM GIBT NIEMAND DER FRAU HÜHNERBRÜHE?!“ – selbstverständlich reichte Herr Kaltmamsell genau das an, hätte es am liebsten schon am Vorabend getan, an dem ich auf Salade niçoise bestanden hatte. Das gekochte Huhn hatte er für Sonntag verplant, zum gestrigen Abendessen gab es Oriecchiette (!) mit Mönchsbart aus Ernteanteil.

Früh ins Bett, sofort eingeschlafen.


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