Bücher

Journal Mittwoch, 10. Februar 2021 – Pandemie-Eintönigkeit, weitere Runde Schnee, Beifang aus dem Internetz

Donnerstag, 11. Februar 2021

Richtig gut geschlafen (schlaue Idee: weitere Befeuerung des Kummers stumm geschaltet, so fühlt sich also diese self care an), aus Tiefschlaf in die Orientierungslosigkeit geweckt worden. Die Morgenplanung sah eine Runde Nackengymnastik vor, das klappte.

In leisem Schneefall in die Arbeit gegangen, das Schneien hielt den ganzen Tag an – Sorte winzige, scheinbar in der Luft stehende Flöckchen.

Im Büro Aufregung (wieder geheim), doch noch vor Mittag konnte ich meinen eigentlichen Aufgaben nachgehen. Mittagessen eine halbe Cornish Pasty aus der Gefriere, Granatapfelkerne, nachmittags Orangen.

Hätte ich nicht zu arbeiten gehabt, hätte ich sehr lange aus dem Fenster der Krähengruppe im Schneefall zuschauen können, die mal auf einem riesigen Baum landete, dann wieder wegflog, ein filmreifes Muster vor Weiß.

Wundervoller Gang nach Hause im oben beschriebenen Schneegesäusel.

Bavariaring an der Theresienwiese.

Daheim erst mal Yoga. Dann bestellten wir Abendessen bei Chi Thu, ich holte es sehr gerne ab, um nochmal raus in die – nicht zu kalte – Schneeluft zu kommen.

Reisnudeln, frisches Gemüse, frische Kräuter, gebratener Tofu – ich genoss das vietnamesische Gericht sehr.

Nachrichten vom Fortgang der Pandemiebeschränkungen: Die derzeitigen sollen bin 7. März verlängert werden. Es erleichtert mich einerseit, dass die sinkenden Infektionszahlen im gesamten Deutschland (derzeit liegt die 7-Tages-Inzidenz bei 68 – Lockerungen nach der ersten Welle gab es in Bayern bei einer Inzidenz von deutlich unter 30) nicht zu sofortiger Aufhebung geführt haben und wir weitere vier Wochen nutzen können, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. (Ich will vom Sommer träumen können!) Und ich hoffe, dass andererseits diese Aussicht nah genug ist, dass nicht noch mehr Menschen verantwortungslos und unsolidarisch alles ausreizen, was mit welchen Finten auch immer geht (Modell Steuerregeln) und zum Beispiel verreisen (WAS ZUM HENKER!) oder sich jeden Tag mehreren neuen Kontakten aussetzen („mit einer Person darf man sich doch treffen!“).

Im Bett neue Lektüre: Beim Aussortieren hatte ich Herrn Kaltmamsell ein Buch abgenommen, das er weggeben wollte, weil ich nichts von seiner Existenz oder gar Anwesenheit in unserer Bibliothek gewusst hatte und es sehr gerne lesen wollte – Peter Ustinov hat also auch Romane geschrieben, einer davon ist Krumnagel, eine Satire um einen lokalen US-Polizeichef.

Der Tag zeigt beispielhaft die derzeitigen Highlights meines Alltags:
– Fußweg zu und von Arbeit
– Feierabend-Yoga
– Abendessen

§

Ein Portät der Forscherin Viola Priesemann, Leiterin einer Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und „Theoretikerin der Epidemie“:
„Von Corona infiziert“.

U.a. spannend: Priesemann kommt aus der Hirnforschung (erste wissenschaftliche Entdeckung gleich in der Diplomarbeit), verbindet Physik mit Neurowissenschaft mit Mathematik. Sie übertrug erprobte mathematischen Methoden aus der Hirnforschung auf die Covid-Forschung und verfeinert sie bis heute.

§

Interview in der taz mit Geschichtsprofessor Jürgen Martschukat über unser Sportzeitalter:
„‚Fitnesskult ist hochpolitisch'“.

Unsere moderne Gesellschaft organisiert sich wesentlich um den Körper und dessen Leistungsfähigkeit herum. Im Zentrum steht ein Versprechen, das mit einer Aufforderung beziehungsweise einer Verpflichtung verbunden ist: Wenn wir uns gut um uns kümmern, unseren Körper pflegen und in Form halten, kommen Glück und Erfolg. Die soziologische Stigmaforschung zeigt sehr genau, dass dicke Menschen heute von Schule bis Jobmarkt diskriminiert werden, es ihnen also schwerer gemacht wird, Erfolg zu haben. Der Fitnesskult ist hochpolitisch, es geht um Teilhabe an Gesellschaft, um Zugriff auf Ressourcen: Gesellschaftliche Anerkennung wird stark vom Körper abhängig gemacht.

(…)

Inwiefern hängt der Fitnesskult an der Freiheit?

Fitness braucht Freiheit. Es geht um die Freiheit, sich selbst verbessern zu können. Diese Botschaft ist in liberalen Gesellschaften ganz zentral. In den USA ist sie sogar in der Unabhängigkeitserklärung verankert: Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Freiheit und das Streben nach Glück. Dies ist ein Versprechen, das zugleich ungeheuer regulierend ist. Es führt dazu, dass die Menschen eingeteilt werden in diejenigen, die es schaffen, ein vermeintlich erfolgreiches Leben zu leben, und diejenigen, die an diesen Anforderungen zu scheitern scheinen. Erfolg und Misserfolg gelten als Konsequenzen eigenen Engagements – oder eben Nicht­engagements.

§

17 Jahre Bloggen führen unweigerlich in die Rekursivität. Gestern las ich auf der Suche nach einer Information einen eigenen zehn Jahre alten Blogpost wieder – und freute mich darüber, dass er Erinnerungen festgehalten hatte, die ich schon jetzt nicht mehr wusste.
„Mein 1986 – Teil 1“.

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Letzthin von @spreeblick getwittert, geht mir seither nicht aus Kopf und Ohr (diese Stimme! diese Schönheit!).
Harry Belafonte 1964.

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https://youtu.be/SMYYE–dtIE

Journal Dienstag, 9. Februar 2021 – Dervla McTiernan, The Ruin

Mittwoch, 10. Februar 2021

Sehr unruhige und kummervolle Nacht mit einstündigem Komplett-Aussetzer, im dem ich halt in meinem Krimi weiterlas. Benommenes Gewecktwerden mit Kopfweh, die Benommenheit hielt lange an, ich schleppte mich steinmüde durch den Arbeitstag.

Arbeitsweg im leichtestem Schneefall, der sich nicht recht entscheiden konnte, ob er liegenbleibt.

Online-Besprechungen, sonstige Arbeit, große Anstrengung mich hochzuhalten. Mittags Birchermuesli mit Joghurt, ein Apfel.

Für den Heimweg war ich dann munter genug für Fußmarsch, tagsüber hatte ich mir den nicht vorstellen können.

Daheim erst wohltuende Umarmungen, dann Yoga.

Herr Kaltmamsell hatte Pizza gemacht, eine Hälfte mit Spinat und Schimmelkäse, die andere mit Champignons und Mozzarella. Wir wurden mit Genuss satt.

Das Wohnzimmer füllt sich langsam mit gepackten Bücherkisten (füllt Herr Kaltmamsell in Arbeitspausen nach seinem System für die neue Wohnung). Fast acht Jahre nach Ende meines Managerinnen-Daseins die letzten Blazer ausrangiert; ich trage sie wirklich nicht mehr.

Dervla McTiernan, The Ruin ausgelesen. Ein richtig gut gemachter Ausflug nach Irland, sauberes Handwerk, gut konstruierter Plot, der auf einigen der bittersten Nachkriegssünden Irlands basiert. Im Mittelpunkt steht der Kriminalbeamte Cormac Reilly, der 20 Jahre zuvor als ganz junger Polizist zur Leiche einer Mutter gerufen worden war, in ein verfallendes Steinhaus mit zwei Kindern. Sprung ins Jahr 2013: Ein junger Mann wird in Galway tot im Fluss aufgefunden. Seine Partnerin, eine junge Ärztin, ist doppelt erschüttert, da die Polizei von Suizid ausgeht. Diese beiden Handlungsstränge verflechten sich miteiander, und man liest sich nicht nur durch den ständigen Regen Galways und durch Klinikalltag, sondern auch durch die unangenehme Arbeitsatmosphäre einer offensichtlich korrupten Polizeiinspektion und durch die vielfältigen Auswirkungen einer Familienpolitik, die Gewalt an und Vernachlässigung von Kindern begünstigte. Viele interessante und vielschichtige Figuren (vielleicht sogar die eine oder andere zu viel? ich hatte zwischendurch ein bisschen Schwierigkeiten, die Polizistinnen und Polizisten auseinander zu halten). Empfehlung an alle, die Krimis mögen.

Nachgeholt vom Montag (abends vergessen):

An der Theresienwiese die ersten Winterlinge.

§

Hat es das in deutschsprachigem Twitter schon mal gegeben: dass die Accounts großer Marken miteinander flachsen? Einander necken? Britisches Twitter hatte das gestern mal wieder, angestoßen von diesem Wahnsinn:

Journal Donnerstag, 4. Februar 2021 – Heimbüro und William Maxwell, So long, see you tomorrow

Freitag, 5. Februar 2021

Homeoffice hieß wieder: Bei gleich frühem Aufstehen über eine halbe Stunde mehr Zeit für Sport. Ich nutzte sie für ausführliche Reha-Gymnastik, während draußen der Morgen graute und zu einem strahlend sonnige Tag wurde. Auf den Ohren zum Aufwärmen Billie Eilish – was einen Ohrwurm den ganzen Tag über erzeugte.

An meinem Arbeitslaptop versuchte ich mich an der Erhöhung der Ergonomie, und zwar mit Stuhlhopping: Ich erinnerte mich, wie gut und schmerzfrei ich während meines Auszeit-Jahrs stundenlang mit Laptop am Esstisch gesessen hatte. Jetzt zwickt es innerhalb einer Stunde ganz böse im Kreuz. Also probierte ich einfach mal Stühle durch. Wenn ich regelmäßig wechselte, ging’s.

Über die Arbeit Anmeldung bei einem Forschungsprojekt zu SARS-CoV-2-Antikörpern, für das ich Blut und Gesundheitsdaten spenden werde.

Noch hielt sich die Exotik der Situation, dass ich mich über MS Teams mit Kolleginnen besprach, während ich Herrn Kaltmamsell dumpf im Nebenzimmer unterrichten hörte. (Für viele andere seit fast einem Jahr Alltag, ich weiß.)

Mittags gab’s Radicchio mit einer roten Paprika und ein wenig Käse.

Der Tag blieb sonnig, der Himmel überzog am Nachmittag nur mit einem leichten Wolkenfilm. Ich machte so rechtzeitig Feierabend, dass ich noch ein wenig Tageslicht für eine Runde zur Isar abbekam. Die eigentlichen Isarwege mied ich dann aber, weil dort zu viele Menschen unterwegs waren. Auf dem letzten Stück des Spaziergangs Supermarkt-Einkäufe, wir brauchten unter anderem Milch. Daheim gab es schlechte Nachrichten aus der Schwiegerfamilie.

Ich gönnte mir noch Yoga, bis ich gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell Gelbe Bete und Kresse aus frisch geholtem Ernteanteil zu einem Pastagericht mit Orecchiette verarbeitete.

Abends Leserunde per Video-Konferenz, wir hatten William Maxwell, So long, see you tomorrow gelesen, erstveröffentlicht 1979 in zwei Teilen im New Yorker, wo der Autor 1936 bis 1975 Literaturredakteur war. Eine schmale Geschichte aus der Erinnerung von Maxwell. Den Rahmen bildet die Reue des alten Erzählers: Er fühlt sich schuldig, weil er einen Kindheitsfreund, dem Schlimmes widerfahren war (sein Vater hatte einen Nebenbuhler ermordet und sich dann selbst umgebracht), bei einer späteren Kindheitsbegegnung ignoriert hat. Der Mittelteil erzählt, wie sich dieses Schlimme möglicherweise zugetragen hat und führt uns in die ländlichen USA in der Nähe von Chicago. Mir gefielen besonders die Alltagsdetails der Geschichte, das bäuerliche Leben auf gepachteten Höfen, und die große Empathie, mit der die Erzählerstimme die Beteiligten beschreibt. Etwas ratlos ließ mich der Rahmen, geschlossen durch weitere Schilderungen der Reue, da die beiden Buben nicht eng befreundet waren und der Anlass nur ein kleiner Moment. Doch er fängt die Stimmung einer vergangenen Zeit ein.

§

Ein paar Journalist*innen stimmen nicht einfach ein in den Chor der „Pharmafirmen müssten einfach alle Impfstoff produzieren“-Forderungen, sondern rechechieren die Möglichkeit. Einer ist Derek Lowe, der für Science Translational Medicine zusammengetragen hat:
„Myths of Vaccine Manufacturing“.

via @tknuewer

Darin sind auch Artikel über das Problem der Lieferketten verlinkt, doch auf die geht Lowe erst gar nicht ein; er konzentriert sich ganz auf die Komplexität des Produktionsprozesses. Und der ist bei einem mRNA-Impfstoff superheikel.

This is not anything close to a traditional drug manufacturing process.

Nein, dafür können Sie nicht den nächstbesten Globuli-Schüttler rekrutieren. (Spässle.)

Journal Sonntag, 31. Januar 2021 – Langweiliger Drinnensonntag

Montag, 1. Februar 2021

Wieder war der Schlaf von kurz vor sechs bis kurz vor acht der beste.

Nochmal ein Traum mit Wohnung/Haus, diesmal konnte ich mich aber nicht recht orientieren: Das Haus in der Augsburger Altstadt, in dem die schönste Wohnung der Welt, nämlich meine Studentinnenwohnung gelegen hatte, war komplett Luxus-durchsaniert worden, ich stolperte zufällig in die Eröffnungsfeier. Um Platz für riesige Wohnungen mit großen Fenstern zu schaffen (das Original-Haus war ein Handwerkerbau mit verwinkelten, kleinen Räumen und niedrigen Decken), war es wohl mit umliegenden Häuser zusammengelegt worden, es entstanden Terassen und Atelierfenster. Alles war vom Feinsten, es standen nur schöne, dünne Menschen in edlen Anzügen und Kleidern herum, ich wurde nicht schlau, welcher Teil meine ehemalige Wohnung war.

Lust auf Sport: Erst mal ein bisschen Reha-Krafttraining.
(Dann längeres Telefonat mit meinem Bruder für aktuelle Einblicke in sein Befinden und das seiner Familie.)
Dann ein Stündchen auf dem Crosstrainer.

Zum Frühstück um zwei gab es selbstgebackenes Brot, Käse, Kiwi.

Gelesen, drau0en war es düster und abweisend. Ich durfte beim Abendessenkochen helfen und für die Rehkeule alles Gemüse schnippeln. Küchenchef war aber Herr Kaltmamsell.

Die Lektüre für meine Leserunde ausgelesen, William Maxwell, So long, see you tomorrow, schön und schmerzlich. Lieblingstweets Januar zusammengestellt.

Nicht gebügelt, nicht an der frischen Luft gewesen, nicht im Keller geräumt – ich fühlte mich unangenehm faul und verlottert.

Die Rehkeule schmeckte ganz ausgezeichnet.

Im Bett neuen Roman angefangen: Anna Stern, das alles, hier.

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Die Satiresendung Browser Balett kannte ich nur aus dem Web – jetzt kommt sie auch im linearen Fernsehen UND dann im Web. Hier die aktuelle Folge, aus aktuellem Anlass sei besonders hingewiesen auf die spektakuläre Nummer „Menschen, um die es geht, selbst gefragt“.

Journal Dienstag, 16.26. Januar 2021 – Bernardine Evaristo, Girl, Woman, Other

Mittwoch, 27. Januar 2021

Morgens erst mal Bücherpakete fertig gemacht, auf dass sie der hilfreiche Herr Kaltmamsell zur Post bringen konnte. Der Bücherberg ist sichtbar geschmolzen, hurra!

Ich war nicht vom Lärm des Winterdienstes aufgewacht: Es lag so viel Schnee, dass die Räumfahrzeuge sich noch nicht um unsere Straße ohne Durchgangsverkehr hatten kümmern können.

Tief verschneit, ca. 30 cm hoch, war auch mein Weg in die Arbeit (jetzt wieder in Schneestiefeln, leichte Büroschuhe hatte ich im Rucksack dabei), ich profitierte aber durchwegs von zumindest einer schmalen geräumten Schneise.

Im Büro viele Online-Besprechungen, nach und nach lerne auch ich Haustiere kennen.

Hin und wieder schneite es nochmal, doch heftiger Wind pustete die Bäume kahl.

Mittags nur eine halbe Cornish Pastie (ich lerne dazu), außerdem Granatapfel mit Hüttenkäse (oder doch nicht: ich war wieder überfressen; dafür brauchte ich bis zum Abend nichts mehr).

Heimweg in leichtem Schneefall und Wind, über die Theresienwiese scholl das Kinderjuchzen und -rufen von den Schlittenhügeln auf der Westseite.

Als ich auf den Beethovenplatz zuging, sah ich schon von Weitem ein sehr kleines Auto, das mit durchdrehenden Hinterreifen aus einem Scheeberg loszukommen versuchte. So viel weiß auch ich vom Autofahren, dass durchdrehende Reifen nie von selbst greifen werden. Ich trat also vorsichtig ans Fahrerfenster, das einen Spalt breit geöffnet war, und bot an: „Soll ich schieben?“ Die Fahrerin willigte ein, ich empfahl die Richtung rückwärts, weil hinterm Wagen kein Schnee lag. Mit zweimal Schieben von vorne war das Autochen frei, wir freuten uns.

Daheim genehmigte ich mir erst mal eine Einheit Yoga, dann packte ich weitere Bücherpakete.

Zum Abendessen gab es den letzten Gang des Wochenend-Gockels: Hühnerbrühe mit gekauften Tortellini (Spinat-Ricotta-Füllung).

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Montagabend hatte ich Bernardine Evaristos Girl, Woman, Other ausgelesen, bis zuletzt mit Vergnügen.

Die zwölf Kapitel drehen sich alle um britische Frauen mit schwarzem Hintergrund, die eine mit mehr, die andere mit weniger. Alle sind personal aus der Sicht der Frauen erzählt (oder der other: eine der Figuren lernt im Lauf des Kapitels, dass sie – they – sich keinem Geschlecht zuordnet), alle ganz nah an den Figuren. Das ist bunt, nahbar und reichhaltig, in die Kapitel über alte Frauen passen viele Jahrzehnte Leben. Die Spanne der Figuren reicht von Theaterautorin über Putzfrau, Bäuerin, Studentin, Hausfrau, Bankerin bis Lehrerin – alle leben in derselben Welt, manche sind miteinander verbunden. Und alle haben Erfahrungen mit Rassismus und mit Gewalt gemacht.

Wunderbar indirekt macht sich die implizite Erzählerin durch diese Perspektive auch liebevoll lustig, lässt für die Leserin weniger schöne Charakterseiten durchscheinen (z.B. die junge Jazz mit ihrem stark gefilterten Blick, der in allem und jedem Rassismus sieht, oder die alte Winsome, die ihre erwachsenen Kinder für verwöhnte Faulpelze hält). Erzählt wird technisch geschickt durch viel showing, was ich mir mit Evaristos Theatererfahrung erkläre. Auch wenn die Kapitel keine durchgängige Handlung ergeben (ein Rahmen ist die Uraufführung des Theaterstücks der erfahrenen und lange alternativ lebenen schwarzen Autorin Amma, auf der viele der Figuren zusammenkommen), entsteht ein dichtes, lebhaftes Gesamtbild. Interessantes Detail: Evaristo bedient sich des Schriftsatzes als Stilmittel. Sie schreibt oft in sehr kurzen Absätzen von einem Satz, die ohne Punkt enden, manche Absätze verteilen die Wörter wie ein Gedicht über die Seite – ohne dass die Lesbarkeit in irgendeiner Weise leidet. Es entsteht vielmehr dadurch ein Rhythmus, den sonst nur Vortrag erzeugen könnte.

Mal wieder bekam ich durch Fiktion Einblick in Welten und Kulturen, die ich vorher höchstens aus dem Augenwinkel kannte.

Eine Recherche nach Rezensionen erinnerte mich daran, dass Evaristo den Booker Prize 2019 zusammen mit Margaret Atwood bekam, letztere für The Testament. Ich nehme an, dass das im Lauf der Zeit völlig in Vergessenheit geraten wird, denn Girl, Woman, Other überragt den Routine-Roman von Atwood weit.

§

Dank Sendung mit der Maus habe auch ich verstanden, wie die verschiedenen Maskentypen wirken.

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https://youtu.be/F59fGJf7Xtw

Journal Sonntag, 24. Januar 2021 – Bücherflohmarkt!

Montag, 25. Januar 2021

Ausgeschlafen mit wenigen Unterbrechungen. Im letzten Abschnitt ein aufregender Traum, in dem ich mit dem Radl über den Rand einer Brücke über ein bewohntes Tal abkam (ich musste ausweichen) und zufällig genau im winzigen Balkon einer Dachwohnung landete (musste nur noch die Bewohnerin bitten, mich rein- und durchzulassen, entschuldigte mich vielmals).

Gedrosselter Sport, weil mein Körper sich recht zerschlagen anfühlte: Halbes Stündchen Crosstrainer, halbes Stündchen Reha-Gymnastik. In meinem Alter an ein Wunder grenzend: Danach fühlte ich mich weniger zerschlagen (Sie erinnern sich an die Trainingsregeln von Vanessa Giese?)

Zum Frühstück gab es das restliche selbst gebackenes Hartweizenbrot mit Schimmelkäseaufstrich und Apfelkuchen.

Der Tag war windig, aber trocken, hin und wieder zeigte sich sogar die Sonne. Ein wenig wollte ich ins Draußen und spazierte über den Alten Südfriedhof an die Isar (Luft dann doch recht kalt). Doch es waren so viele Menschen unterwegs, auch in schwer ausweichbaren Gruppen, dass ich für Abstand schnell in unansehnliche, aber leere Nebenstraßen auswich.

Alter Südfriedhof im Schmuddelwinter.

Daheim eine Einheit Yoga (wenig Gelaber, angenehm viel Bewegung), Nachmittagssnack Grapefruit mit Joghurt.

Gemeinschaftliches Video-Telefonat mit Herrn Schwieger im Krankenhaus (wo er seit vielen Wochen sein muss, unbesuchbar): Ich freute mich arg ihn zu sehen, vor allem über den munteren Eindruck, den ermachte.

Buchlesen bis zum Abendessen: Herr Kaltmamsell hatte Cornish Pasties gebacken.

Weil auf Twitter Interesse an unseren aussortierten Büchern aufblitzte, fotografierte ich die Buchrücken und postete sie als Thread, zu vergeben gegen Porto oder Abholung – mit dem Erfolg, dass ich gestern Abend drei weitere Pakete fertigmachen konnte.

Noch zu haben sind (ich aktualisiere im Lauf des Tages):
Nachtrag 26.1.: Eine Leserin hat sich eben bereit erklärt, ALLE restlichen Bücher abzunehmen, jetzt sind sie also weg.

Aktualisierung: Weg ist Virginia Woolf.

Aktualisierung: Weg sind die beiden Reiss, Im Haus der großen Frau, Das Delta der Venus, Selbs Mord.

Aktualisierung: Weg ist Spanish Farm Trilogy, Plays Unpleasant.

Außer dem Anton Reiser.

Aktualisierung: Weg sind Die Kunst des Liebens, Der Decameron.

Außer IBM and the Holocaust.

Aktualisierung: Weg ist die Spoon River Anthology.

Aktualisierung: Weg ist James Herriot.

Außer Val McDermid.

Aktualisierung: Weg sind Alexander McCall Smith und The Finkler Question.

Aktualisierung: Weg sind Früchte des Zorns und Bumerang.

Außer Waldo und How to do things with words.

Aktualisierung: Weg ist The Ghosts of Malta.

Aktualisierung: Weg ist Giacomo Joyce.

Außer Val McDermid.

Aktualisierung: Weg ist Sujata Massey. Jetzt auch Nick Hornby.

Aktualisierung: Minette Walter ist weg.

Bei Interessen gerne E-Mail an den Kontakt links oder einen Kommentar. Zur Arbeitserleichterung (Albtraum: 80 Mal ein bis zwei Bücher zur Post bringen müssen) wünsche ich mir eine Mindestabnahme von zwei Kilo – wenn Ihr Wunsch weniger wiegt, könnte ich einfach nach Gutdünken auffüllen?

§

Markus Decker arbeitet seit 20 Jahren als politischer Korrespondent in Berlin; hier schreibt er einen sehr persönlichen Rückblick.
„Politischer Korrespondent in Berlin: Einfach mal in Ruhe zuhören“.

via @flueke

Parallel zur Digitalisierung hat eine zuweilen ätzende Polarisierung Platz gegriffen, auch unter Journalisten. Zufall ist diese Parallelität kaum. Zwar sollte man sich vor einer Romantisierung des Vergangenen hüten. In den 1970er-Jahren wurden Repräsentanten des Staates bisweilen auf offener Straße erschossen.

Anfang der 1980er-Jahre lautete die Losung in linken Kreisen: „Stoppt Strauß!“ Gemeint war Franz Josef Strauß von der CSU, der wahlweise als reaktionär oder gemeingefährlich galt. Der spätere Kanzler Helmut Kohl wurde gewohnheitsmäßig als „Birne“ verhöhnt. Härte gab es stets. Es gibt ohnehin wenig, was nicht schon mal da gewesen wäre. Was manche für neu halten, ist überwiegend Folge eines schlechten Gedächtnisses.

(…)

Dass ein Journalist morgens ins Büro geht und wie ein Bäcker oder Metzger ehrlichen Herzens versucht, das Beste zu geben, scheint manchen Bürgern nicht mehr vorstellbar. Derlei Wutbürgerei macht mich gelegentlich zu einem wütenden Korrespondenten. Selbst in jenen linken Kreisen, die Donald Trump für das Allerletzte halten, hat sich die Trump-Vokabel „Fake News“ eingebürgert. Wir sind, soweit ich sehen kann, die einzige Berufsgruppe, der bei Fehlern Absicht unterstellt wird.

Es macht jedenfalls einen Unterschied, ob man als Journalist in der Demokratie arbeitet oder als Journalist für die Demokratie – letztere also als gefestigt gelten kann oder eben nicht. Da Journalisten allein in der Demokratie ungehindert arbeiten können, kann es so etwas wie Neutralität gegenüber ihren Feinden nicht geben.

Distanz hingegen bleibt zwingend. Die Kunst besteht darin, die Balance zu halten. Und klar ist: Je vehementer er angegriffen wird, desto mehr hänge ich dem demokratischen Mainstream an. Er ist, wie wir nicht bloß in den USA begutachten können, das Beste, was wir haben.

Je vehementer er angegriffen wird, desto mehr hänge ich dem demokratischen Mainstream an. Er ist, wie wir nicht bloß in den USA begutachten können, das Beste, was wir haben.

Journal Sonntag, 17. Januar 2021 – Schneetag drinnen

Montag, 18. Januar 2021

Zerstückelte Nacht, dennoch fühlte ich beim Aufwachen kurz vor sieben erfrischt.

Ich meldete mich online zur Covid-19-Impfung an, für Bayern geht das auf dieser Website. Dazu muss man sich erst mal registrieren, dann mit diesen Daten einloggen, Online-Formular ausfüllen (der Risikofaktor Bluthochdruck verbirgt sich hinter dem Fachbegriff „arterielle Hypertension“ – ich hatte den Verdacht, das sollte ein aktives Verstecken sein, weil der wohl auf viele zutrifft), abschicken.
Bestätigungsmail: „Ihre Anmeldung zur COVID-19 Impfung wurde erfolgreich entgegengenommen.“
Jetzt heißt es warten, bis ich in ein paar Monaten dran bin. Doch sehr wahrscheinlich komme ich durch aktive Anmeldung schneller an eine Impfung als durch Warten, dass man mich findet.

Sport war gestern eine Stunde Reha-Kraftsport. Ich hoffe, es wirft mich nicht in der Heilung zurück, wenn ich ihn nur einmal die Woche schaffe.

Draußen schneite es ein wenig, eigentlich den ganzen Tag über.

Gegen Mittag machte ich einen vereinbarten Abstecher zu den Mietern unserer künftigten Wohnung, um ein paar Wände auszumessen (einmal für den Schreiner, der den Einbauschrank anfertigen soll, zum anderen für Herrn Kaltmamsells Buchregalplanung). Der Ausblick aus meinem künftigen Schlafzimmer:

Zum Frühstück gab’s Brot aus eigener Fertigung (auch am Tag nach Backen sehr gut) mit Butter und Schinken, eine Schüssel Granatapfelkerne.

Einen unangenehmen Brief geschrieben, um den ich mich seit Wochen drücke (es geht um die Einforderung einer ausstehenden Rückzahlung). Ehrlich gesagt seit Monaten. Wenn das nicht funktioniert, muss ich mich nach professioneller Unterstützung umsehen.

Im Sessel die Wochenend-Zeitung gelesen, immer wieder raus in den Schnee geschaut. Ich beschloss, dass mir das so gefiel: aus dem gemütlichen Drinnen rauszuschaun. Und nach Langem mal einen Tag nicht rauszugehen.

Statt dessen bügelte ich ein Stündchen, mehr hatte sich in den vergangenen Wochen nicht gesammelt. Dabei hörte ich ein Stück Podcast Plötzlich Bäcker von Lutz Geißler mit Holger Klein, es ging um „Faule Brote für faule Bäcker“.

Im bereits Dunkeln gönnte ich mir eine Runde Yoga, die Einheit 8 bestand aus purer Sanftheit (mache ich nicht ein zweites Mal, hebe ich mir für Bedarf nach Entspannung auf).

Als Nachmittagssnack ein Schüsselchen Zwetschgen – ohne Teig, ganzganz ausnahmsweise warfen wir gestern ein Lebensmittel weg.

Ich las weiter in Bernardine Evaristo, Girl, Woman, Other, das mir sehr viel Vergnügen bereitet. Passend dazu stand anlässlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung im jüngsten SZ-Magazin ein Interview mit ihr (€):
„‚Ältere Frauen sind viel interessanter als junge Leute'“.
Unglücklich gewählte Überschrift, dass ist sicher nicht die zentrale Aussage des Interviews: Evaristo geht es viel mehr um das Sichtbarmachen nicht-weißer Menschen in der britischen Gesellschaft – wie sie schon nach der Auszeichnung mit dem Booker Price 2019 betonte.

Als Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die spanischen Wurstwaren aufgebraucht, die ich vor Monaten gekauft hatte und dann im Kühlschrank vergessen: Es gab Kutteln auf Madrider Art (Callos a la Madrileña).

§

Antje Schrupp dröselt auf, wie wir so tief ins Pandemie-Schlamassel geraten konnten:
„Warum Corona tödlicher ist als Ebola“.

Bei einem Virus wie Corona haben Chefs ein persönliches Interesse, ihre 100 Mitarbeiter:innen ins Büro zu holen. Denn selbst wenn dort Corona zirkuliert und sich die Hälfte der Leute ansteckt, stirbt statistisch nur einer oder zwei. Ein Risiko, das viele bereit sind, einzugehen. Würde es sich hingegen um Ebola handeln, müsste der Arbeitgeber damit rechnen, dass im Fall eines Ausbruchs die Hälfte der Belegschaft hinterher tot wäre – dieses Risiko wird er nicht eingehen, nicht nur aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus reinem betrieblichem Eigeninteresse. Wäre Corona Ebola, wären längst alle im Homeoffice, die das nur irgend könnten.

(…)

In Europa herrscht eine Art Common Sense darüber, dass es falsch ist, moralische Ansprüche an Menschen (also zum Beispiel auch sich selbst) zu stellen, dass es in ethischer Hinsicht völlig okay ist, egoistisch zu handeln, solange man nichts Illegales tut. Aus diesem illusionären Traum wurden wir nun von Corona unsanft geweckt. Corona hat uns gezeigt, dass unsere Kultur, in der es als moralisch legitim gilt, in erster Linie die eigenen Interessen zu verfolgen, solange es im Rahmen einer formal-demokratischen Rechtsstaatlichkeit geschieht, nicht in der Lage ist, externe Herausforderungen zu bewältigen.


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