Bücher

Journal Donnerstag, 31. Januar 2019 – A.L. Kennedy, Serious Sweet

Freitag, 1. Februar 2019

Heftiger Arbeitstag mit viel Gerenne.

Wetter immer noch leicht über Null, gestern mit etwas mehr Sonne.

Auf dem Heimweg Lebensmitteleinkäufe. Daheim noch Basteln an großem Fest, bevor wir zur abendlichen Leserunde aufbrachen – die eigentlich auf Silvester geplant war, wegen Krankheit aber verschoben werden musste. Jetzt erst sprachen wir über A.L. Kennedy, Serious Sweet.

Es stellte sich heraus, dass ich den Roman als einzige ganz gelesen hatte: Die anderen hatten entweder erst gar nicht angefangen oder waren nicht über ein paar bis 200 Seiten hinaus gekommen. So schlimm hatte ich das Buch nun nicht gefunden, doch hat Kennedy viel zu viel reingesteckt. Wir lesen die Geschichte eines Mannes und einer Frau in London, in abwechselnden Kapiteln. Vom Klappentext wissen wir, dass sie einander begegnen werden. Oder, wie es im Verlauf des Romans wahrscheinlich wird, einander schon begegnet sind? Die stark personale Sichtweise hat zwei Ebenen, die durch kursive/nicht-kursive Schrift markiert sind – und bei denen ich bis zum Schluss nicht herausgefunden habe, wodurch sie sich unterscheiden. Uns wird praktisch jeder Gedanke, jede Wahrnehmung der beiden Personen erzählt, tatsächlich umfassen die 500 Seiten nur 24 Stunden Gegenwartshandlung.

Aus der Innensicht von Jon Sigurdsson lernen wir einen Regierungsbeamten kennen und die Mechanismen politischer Macht sowie Kommunikation, außerdem sein Leben bisher, seine Verwundung durch eine katastrophale Partnerschaft, seine erwachsene Tochter. Aus der Innensicht von Meg Williams wiederum entsteht das Bild einer trockenen Alkoholikerin, deren Leben weiterhin durch die Krankheit dominiert wird. Mit der Zeit bekommen wir auch ein wenig Außensicht der Figuren, nämlich durch ihre Gedanken übereinander. Das alles in die vielen winzigen Schritten menschlichen Denkens und Fühlens, die aus einer Minute Aufenthalt in einem Café drei Seiten Text machen.

Dazu hat Kennedy eine weitere Ebene geschrieben: Zwischenkapitel erzählen in Vignetten menschliche Begegnungen in London – erst am Ende des Buches erfahren wir ihre Bedeutung.

Der eigentliche Inhalt, die eigentliche Geschichte von Serious Sweet ist auf vielerlei Weise bewegend und interessant, doch die superkomplexe Vermittlung wirkt aufgesetzt und angestrengt. A.L. Kennedy hat viel Besseres geschrieben. Ich schließe mich Jean Thompson in der New York Times an: „This is an ambitious book, but often an exhausting one.“

Dazu servierte die Gastgeberin köstliche Parmigiana und Schokoladencreme, ins Glas bekam ich eine sehr interessante Scheurebe.

Der nächtliche Marsch nach Hause tat gut. Im Bett fühlte ich mich aufgekratzt, das und ein nervenschmerzendes Bein kündigten eine unruhige Nacht an.

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Der Haken an einem völlig unzurechnungsfähigen Spitzenpolitiker wie Donald Trump ist ja, dass gar nichts mehr an seinem Handeln ernst genommen wird. Doch die Haltung seiner Regierung zum INF-Vertrag hat wohl zur Abwechslung mal sachliche Hintergründe und ist nicht selbst erfunden.
„Die Wiederkehr des atomaren Wettrüstens“.

via @thomas_wiegold

§

Aus Gründen, die mit einer personellen Veränderung in einer von mir besuchten Cafeteria und dem einhergehenden Wechsel in der musikalischen Beschallung zu tun haben, dachte ich gestern viel an Hädbängä.

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https://youtu.be/GPyZAdClgU0

Journal Dienstag, 29. Januar 2019 – Berlin-München und Das deutsche Krokodil

Mittwoch, 30. Januar 2019

Ich habe den Eindruck, Sie wissen die Lebensweisheit, die den gestrigen Text abschloss, nicht ausreichend zu würdigen. Auch auf Twitter war das Echo eher verhalten. Wenn Sie bitte nochmal nachlesen, ich warte so lange.

Immer noch nicht?
Andere würden 200-seitige Lebenshilfe-Bestseller drumrum schreiben! Und eine Netflix-Serie!

§

Der Dornröschenschlosszauber wirkte kein zweites Mal, nach einer unruhigen Nacht wachte ich gestern früh auf. Das gab mir aber Gelegenheit für eine Plauderei über Morgenkaffee mit der Gastgeberin, von ihrer Tochter ließ ich mich über die Mathematikerin Sophie Germain informieren (Schulprojekt).

Zum Bahnhof rollkofferte ich wieder zu Fuß (frische Luft! die Sehnsucht danach ist möglicherweise das ultimative Erwachsenenkriterium). Es war frostig und glatt geworden, zum Glück hatte ich reichlich Zeit für den Weg einkalkuliert.

Ereignislose ICE-Fahrt, wir erreichten München fast pünktlich (können Sie eine Autofahrt von Berlin nach München auf zehn Minuten genau planen? eben). Dank funktionierendem WLAN konnte ich bloggen, dann las ich Mangolds Das deutsche Krokodil aus. Ich hatte es gern gelesen, verfolgte interessiert die Lebensschilderung des Heidelberger Feuilletonisten, dessen nigerianischer Vater (der allerdings erst in sein Leben trat, als Mangold bereits 22 war) ihm zu einem bunten Hintergrund verholfen hat. Und doch ist die zentrale Figur des Buches seine auf vielfältige, leise und eindringliche Weise unkonventionelle Mutter, die ihn stärker prägte, als es ihm lang bewusst war. Sehr gut nachvollziehen konnte ich das Spiel mit Identitäten, das Ijoma Mangold genießt – weil auch ich es mit meinem spanischen Namen früh zu genießen gelernt habe. Bei mir ist es halt das Spiel mit u.a. deutsch, Ingolstädterin, Bildungsbürgertum, Feministin, Griechischabiturientin, Gastarbeiterkind, Anglistin, Frau, Literaturwissenschaftlerin, Technikoptimistin. Und ich bilde mir ein, dass uns die reflexhafte Gegenwehr bei Vereinnahmungsversuchen verbindet. Ich mochte auch die persönliche und manchmal sehr eigene Sprache der Autobiographie, die Mangold mindestens so erlebbar macht wie der Inhalt seiner Geschichten.

Daheim ruhte ich mich aus (für die Siesta, auf die ich mich im Zug noch gefreut hatte, war ich dann doch zu wenig bettschwer), bis Herr Kaltmamsell aus der Arbeit kam. Er hatte noch am Schreibtisch zu tun, ich nutzte den Urlaubsnachmittag für eine Runde Sport: Crosstrainer und Rumpftraining – beides strengte mich an.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell einen Lauchauflauf.

In einer Wohnung über uns wurde menschenreich ein Fest gefeiert, ich ging mit Ohrstöpsel ins Bett.

§

Die Tagesschau erklärt mit einem kurzen, praktischen Film:
Wann ist Israelkritik antisemitisch?

§

Wie so Vieles (…) ist auch das Wegerecht in England sehr eigen gelöst: Zwar ist fast der gesamte Grund und Boden in privater Hand, doch wenn ein Weg hindurch von der Öffentlichkeit belegbar genutzt wird, darf er genutzt werden. Bis 2026 sollen nun alle erfasst werden, danach gelten nur noch diese. Darüber schreibt der New Yorker: „The Search for England’s Forgotten Footpaths“.

In England, public paths are made by walking them. You can make a new, legally recognized footpath by simply treading up and down it, with a few friends, for a period of twenty years.

(…)

Until 2026, any public path can be reinstated, as long as there is documentary evidence that it used to exist. But, after the deadline, old maps and memories won’t matter any more. “This is a one-shot thing, really,” Cornish said. “So we need to make sure we do it right.”

Journal Mittwoch, 2. Januar 2019 – Magisches Buch, nachgeholter Neujahrslauf, endlich wieder Theater

Donnerstag, 3. Januar 2019

Manche Geschenke überfordern mich erst mal. Als mir Herr Kaltmamsell den handgegossenen Bräter einer fränkischen Gießerei schenkte, brauchte ich ein paar Wochen, bis ich mich damit befassen konnte. Und als mir Anke Tröder ein Exemplar des Buches schenkte, das sie über viele Jahre komplett im Alleingang geschrieben und produziert hatte, von Beauftragung der Illustration und des Lektorats über Auswahl von Schrift, Material, Druckerei über Beantragung von ISBN-Nummer bis Produktionsüberwachung – da musste erst mal der Dezember vergehen, mit seiner Unruhe, seinen Ablenkungen, seiner Düsternis und seinen Störungen, bis ich mich ihm nähern konnte.

Und ich freute mich an jedem Detail: Den gereimten Beschreibungen der 13 Präsentationsanfängerinnen und ihrer gezeichneten Darstellung, an den Ausführungen übers Präsentieren und den Tipps dazu. Ich weiß schon, warum eine meiner liebsten Präsentationen dieser TED-Talk von Model Cameron Russell ist: Aufgeregt, atemlos, unperfekt – doch sie weiß, was sie erzählen will, hat sich gut überlegt, wie sie es vermitteln kann und sie erzählt es uns.

Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich ein Exemplar der 13 Near Misses besitzen darf: Es sind noch weniger Exemplare geworden, als Anke ohnehin berechnet hatte, und die sind alle weg.

§

Gestern holte ich den Neujahrslauf nach. Ich war früh und frisch aufgewacht, kam also nach Bloggen und Zeitunglesen noch vor zehn los. Draußen war es kalt, schneite immer wieder, doch als ich von der U-Bahn-Station Odeonsplatz loslief, riss immer wieder der Himmel auf. Die Temperatur war fürs Laufen angenehm, aber vielleicht sollte ich mich dazu erziehen, auch mal kürzere Runden zu laufen: Die letzte halbe Stunde war schmerzhaft anstrengend.

Ich kam mit Semmeln heim.

Den Nachmittag hatte Herr Kaltmamsell sich freigehalten: Ich wollte endlich mal in die Residenz (habe ich in fast 20 Jahren Münchnerinnenschaft nie von innen gesehen). Durch Schneegestöber spazierten wir zum Haupteingang – und standen vor einer langen Schlange im Freien anstehender Menschen. Kurze Beratung: Wir verschoben das Vorhaben, anders als Touristen sind wir ja nicht auf bestimmte Tage angewiesen.

Statt dessen verbrachte ich den Nachmittag mit Häkeln und Lesen, las Wolf Haas‘ Junger Mann aus (nett und wirklich anregend zu lesen, allerdings für mich mit unangenehmen Flashbacks in meine eigene Diätkindheit und -jugend mit ihrem unablässigen Kalorienzählen).

Abendprogramm war Theater: Ein freier Tag und die Aussicht auf ein nur 60 Minuten langes Stück brachten mich dazu, endlich mal wieder einen Abo-Termin wahrzunehmen. Ich sah Jedem das Seine in der Kammer 2 der Kammerspiele. Im Foyer traf ich unter den insgesamt eh höchstens 50 Zuschauerinnen und Zuschauern gleich mal zwei Bekannte – München ist halt dann doch übersichtlich.

Das Stück war ein Erlebnis. Regisseurin Marta Górnicka dirigierte aus der Mitte der Zuschauertribüne einen Sprechchor von 25 sehr unterschiedlichen Personen auf der Bühne, die Texte und Textstücke vortrugen, in Formation, in Choreografie – nur ganz vereinzelt auch dargestellt. Ungeheuer intensiv und dicht; tatsächlich dauerte die Inszenierung sogar deutlich weniger als 60 Minuten, mehr wäre auch nicht zu verarbeiten gewesen. Gestern gab es auch eine ungeplante Pause, als eine der Mitspielenden auf der Bühne umkippte. Gerade das und die besonnene Art, wie die Inspizientin (Regieassistenz?) mit der Situation umging, machten mir klar, warum ich eigentlich so gern ins Theater gehe: Da ist keine mediale Vermittlung zwischen mir und der Inszenierung, alles findet jetzt und direkt statt, es zählen nur meine Anwesenheit und mein Blick.
Doch nach einem Arbeitstag überwiegen so viele andere Faktoren und hindern mich am Theaterbesuch. Vielleicht muss ich mir die Theatertage frei nehmen, damit ich auch wirklich hingehe. Oder früher heimgehen? Meist ist es gegen 16 Uhr im Büro, wenn ein freier Abend so viel attraktiver wird als ein Theaterbesuch.

Heimweg über frostknirschende Gehwege.

§

Es gab einen eindeutig rassistisch motivierten Anschlag in Deutschland, doch die meisten etablierten Medien nennen ihn „fremdenfeindlich“, „ausländerfeindlich“. (Nochmal: Das hieße, dass der Täter sich die Ausweise der Attackierten angesehen hätte. Hat er aber nicht: Er ging nur von ihrem Aussehen aus, stufte sie als minderwertig ein und wollte sie auslöschen.) Aus diesem Anlass: Bereits im Sommer schrieb Vanessa Vu für die Zeit über
„Die Erfindung des Rassismus“.

Seit jeher halten Menschen ihre eigene Gruppe für überlegen. Doch erst die Idee von unterschiedlichen Rassen ermöglichte es, dieses Gefühl zu begründen und durchzusetzen.

Bücher 2018

Sonntag, 30. Dezember 2018

Ich werde mich wohl damit abfinden müssen, dass ich immer weniger Bücher lese. Sehr wahrscheinlich ist diese Lesezeit von Internetlesen übernommen worden: Ich lese mehr Artikel, auch lange Artikel in Online-Medien, meist auf Twitterverweise hin. Außerdem schaffe ich es nicht mehr, meine Tageszeitung ungelesen zu lassen: Während des Studiums stapelte sich die Süddeutsche auch mal ein paar Tage ungelesen, wenn ich gerade in einem fesselnden Buch steckte – das habe ich verlernt.

* markiert meine Empfehlungen
() In Klammern gesetzt habe ich aktives Abraten.
Unmarkiert sind Bücher, die mir genug zum freiwilligen Auslesen gefielen.

1 – Leo Perutz, Der Meister des Jüngsten Tages

2 – Stephen Fry, Mythos

3 – Zoë Beck, Die Lieferantin*
Ein richtig gut gemachter Krimi („Thriller“ wie auf dem Buchtitel hätte ich den Roman nicht genannt), Handlung und Sprache sauber gearbeitet. Die Geschichte (kein who done it, wir wissen immer, wer was gemacht hat – vielleicht deshalb die Einordnung als Thriller?) handelt in einer nahen Zukunft in London, es geht um Drogengeschäfte und -politik, um Nationalismus, organisierte Kriminalität und wunderbar viel Technik. Angenehmerweise stören keine Liebesgeschichten. Die Charaktere sind genau genug gezeichnet, dass ich sie glaubte und mich hineindenken konnte.

4 – Deborah Feldman, Unorthodox
Sehr gemischte Gefühle dem Buch gegenüber. Ich habe durch diese Autobiografie zwar viel über die Ideologie und Ursprünge der Hassidim gelernt, auch über die konkreten und oft haarsträubenden Details der konkreten beschriebenen Spielart. Und ich erkannte das Muster, das sie mit allen radikalreligiösen Sekten und Esoteriken verbindet: Je absurder der Glauben, je weiter weg von Ratio und sonstigem gesellschaftlichem Konsens, desto inniger und richtiger fühlt er sich für die Mitglieder der Gemeinschaft an.
Doch, und jetzt kommt das große Aber: Ich fühlte mich beim Lesen unwohl. Feldman schreibt ja nicht nur intime Details über sich selbst, sondern entblößt bis ins Intimste andere Menschen von Verwandten bis Ehepartner – echte Menschen, die sich nicht wehren konnten. Das ist in meinen Augen unanständig und gemein. Ihre eigene Befreiung ist durchaus interessant und sei ihr unbenommen; schließlich zeigt sich Deborah Feldman überzeugt, dass sie von Kindesbeinen an nicht wirklich dazu passte. Doch dass sie die Privatspähre so vieler anderer Menschen für ihre Geschichte ausschlachtet, kann ich nicht gut heißen.

5 – Sue Townsend, The Secret Diary of Adrian Mole aged 13 3/4

6 – Elena Ferrante, Ann Goldstein (transl.), My brilliant friend

7 – Granta 142, Animalia

8 – Christiane Frohmann, Präraffaelitische Girls erklären das Internet

9 – Barbara Yelin, Irmina*
Die graphic novel um Irmina spielt im Europa der 30er und zeigt die politische und gesellschaftskritische Bewusstwerdung einer jungen, aufgeweckten Frau aus Deutschland während eines langen Aufenthalts in England – und wie dieselbe Frau nach ihrer Rückkehr einknickt und sich einreiht in die Mitläufer des Dritten Reichs. Bedrückend und nachvollziehbar.

10 – M.R. Carey, The girl with all the gifts*
Hier besprochen.

11 – Didier Eribon, Tobias Haberkorn (Übers.), Rückkehr nach Reims*
Hier besprochen.

12 – Stanisław Lem, Caesar Rymarowicz (Übers.), Sterntagebücher

13 – Lena Gorelik, Meine weißen Nächte

14 – John Irving, The Cider House Rules*
Der Roman hat sich sehr gut gehalten, beim wiederholten Wiederlesen war ich wieder gefesselt von der Geschichte und den Personen, lachte und weinte mit ihnen, bewunderte die implizite pro choice-Argumentation und die handwerklich meisterhafte Erzähltechnik. (Als ich vor vielen Jahren während eines Englandurlaubs vor einem Buchladen auf einen Stapel Gray’s Anatomy-Faksimiles stieß, kaufte ich selbstverständlich sofort ein Exemplar.)

15 – Michael Chabon, The Yiddish Policemen’s Union*
Ebenfalls wiedergelesen, dieses für unsere Leserunde, und ich musste mein Urteil von 2010 nicht revidieren.

16 – Granta 143, After the fact*
Eine besonders gelungene Ausgabe des einen Literaturmagazins, das ich im Abo bekomme: Geschichten und Reportagen über eben Vergangenes, darunter über sozialen Wohnungsbau in England und über Palmyra – allein diese beiden Texte und Bilder lohnten die ganze Ausgabe.

17 – Oskar Maria Graf, Das Leben meiner Mutter*
Ein unglaubliches Zeitzeugnis hat Graf mit diesem autobiografischen Roman hingelegt – und es passte perfekt in dieses Jahr, in dem hundert Jahre Räterepublik gefeiert wurden. Diese politische Zeitgeschichte bildet aber nur das letzte Drittel des dicken Buchs, davor geht es um eine ländliche Kindheit in den letzten Jahrzehnten der bayerischen Monarchie, um Herrschaftsverhältnisse, katholischen Alltag, um Wissbegier ohne Chance.

(18 – Pierre Michon, Anne Weber (Übers.), Leben der kleinen Toten)
Über dieses weit gerühmte Buch ärgerte ich mich sehr: Da interessierte sich jemand keineswegs für das Leben kleiner Leute, sondern nur für sich selbst, seine romantische Herkunft, seine tsetsetse wilde und verkommene Drogenjugend – und brauchte ein paar Leute als interessante Staffage dafür, notfalls halb erfunden. Die Sprache vor lauter konstruierter Vergleiche und unter Schmerzenslauten an den Haaren herbeigezogenen Bildern nahezu undurchdringlich – kein Torbogen, kein Baum ist vor Michons Metapherorhoe sicher. (Beispielsatz: „Welches alte Familiendrama lebt weiter in der Kehle der Hähne?“) Wenn das die Krone französischsprachiger Erzählkunst ist, kann sie mir gestohlen bleiben.

19 – The Stinging Fly, Issue 38/Volume Two, Summer 2018

20 – Robert Galbraith, The Cuckoo’s Calling*
Ich hatte Lust gehabt auf leicht verdauliches, aber gut gemachtes Lesefutter und mich an die Empfehlung dieser Krimiserie von J.K. Rowling unter Pseudonym erinnert: Volltreffer. Eine wunderbare Mischung aus bekannten private eye-Topoi und Abweichung davon. Die Stadt London spielt eine große Rolle, der ermittelnde Cormoran Strike ist ein Kriegsveteran mit ausreichend gebrochener Persönlichkeit, um spannend zu bleiben, und dann haben wir seine Assistentin Robin, die von Anfang an deutlich interessanter ist als die Stehlampen-Ersatzfiguren, die ich an dieser Stelle von Film und Roman gewohnt bin.

21 – Chimamanda Ngozi Adichie, Americanah*
Eine intellektuelle Nigerianerin in USA, die sich dort zum ersten Mal wie eine Schwarze fühlt, steht im Mittelpunkt dieses Romans. Ich lernte viel über Nigeria samt seiner jüngeren Geschichte und ließ mir von der Erzählerin meine eigenen Vorurteile und Unkenntnisse unter die Nase reiben. Gleichzeitig fand ich die Geschichte ganz hervorragend erzählt: Nicht chronologisch und doch zeitlich voranschreitend, immer wieder dazwischengeschoben provokante Blogposts der Erzählerin zu Rassismus.

22 – Heinrich Böll, Irisches Tagebuch

23 – Neil Gaiman, American Gods*
Allein schon die Prämisse mochte ich: All die Einwanderer in die USA haben mit ihrer Folklore auch die mythischen Figuren ihrer Herkunftskulturen mitgebracht – und die haben sich in den Staaten ebenso verändert wie alle anderen Einwanderer. Es machte gar nichts, dass ich nicht alle handelnden Figuren einem Mythos zuordnen konnte: Die Geschichte überraschte mich immer wieder und hielt mich bei der Stange.

24 – Granta 144, Generic love story

25 – Richard Matheson, I am Legend

26 – Michael Chabon, Summerland
Das letzte Fünftel ließ ich ungelesen: Der Kinder-/Jugendroman war wirklich nicht schlecht gemacht, aber die thematische Mischung aus Baseball und dem kleinen Hobbit ging komplett an mir vorbei.

27 – Michael Ondaatje, Warlight*
Hier besprochen.

28 – Alan Bradley, The Sweetness at the Bottom of the Pie

29 – Robert Galbraith, The Silkworm

30 – J.G. Farrell, Troubles*
Der Roman spielt im Irland kurz nach dem Ersten Weltkrieg, vordergründig geht es um ein riesiges, altes und von Engländern geführtes Hotel in der Nähe von Dublin, das Majestic, das langsam aber energisch verfällt. Im Mittelpunkt steht vordergründig der britische Major Brendan Archer, nach dem Krieg und Aufenthalt im Sanatorium frisch aus dem Militär entlassen. Hintergrund aber sind die vielen kleinen und mittelgroßen gewalttätigen Auseinandersetzungen der britischen Kolonialmacht mit den einheimischen Iren, die sich erst aus historischer Entfernung als Unabhängigkeitskrieg herausstellen.
Ich war sehr angetan von der dichten und detailreichen Handlung, in der sich das steigende Chaos im und am Hotel mit dem Verfall des britischen Empire verwebt, von den grotesken Einzelheiten, mit denen sich die Hotelbewohner abfinden und von der Erzählstimme, die indirekt die überhebliche Haltung der Briten und nur wenig Hellsicht spiegelt – unter anderem haben zwar alle britischen Bewohnerinnen und Besucher des Hotels Namen, aber aus dem zahlreichen einheimischen Personal des Komplexes nur zwei Personen.
Der Roman (der erste aus Farells „Empire Trilogy“) ist ein großartiges Stück Commonwealth Literature aus unerwarteter Richtung,

31 – Elizabeth Strout, My name is Lucy Barton*
Ein kleines, seltsames Buch, das mir nahe ging. In Episoden wird das Leben der Titelfigur Lucy Barton beschrieben. Ausgangspunkt ist ein langer Krankenhausaufenthalt, auf den die Ich-Erzählerin immer wieder zurück kommt. Doch die Episoden reichen zum einen bis in ihre bitterarme früheste Kindheit zurück, zum anderen in eine weite Zukunft. Es bleibt bis zum Schluss unklar, wo gerade „Jetzt“ ist, die Erzählstimme scheint sich beim Erzählen ebenso zu suchen wie wir sie beim Lesen.

32 – Granta 145, Ghosts

33 – Birte Alber, Carsten Cording, Eichhörnchen entdecken!*
Genau dieses Buch hatte mir bislang gefehlt, um mir viele Fragen zu beantworten, die während der vergangenen Jahre meines Lebens Haus an Baum mit zahlreichen Eichhörnchen entstanden waren. Und es enthält ganz viele niedliche Eichhörnchenfotos!

34 – A.L. Kennedy, Serious Sweet
Für meinen Geschmack wollte der Roman zu viel. Ein Symptom: Er muss mit drei Schrifttypen arbeiten, um die Leserin mit der extrem verflochtenen Struktur nicht komplett zu überfordern.

35 – Meta Bene, Es gibt mehr Sterne als Idioten.*
Ich kannte die Cartoons von Meta Bene von seinem Twitter-Account, dieses schöne Buch gibt ihnen die angemessene Wertigkeit.

Journal Mittwoch, 28. November 2018 – Erste Schritte in die Schöfferei, J.G. Farrell, Troubles

Donnerstag, 29. November 2018

Im Spätsommer erhielt ich ein Schreiben, dass ich für die Amtsperiode 2019 bis 2023 als Hilfsschöffin beim Amtsgericht München gewählt worden war. Über das Schöffenamt hatte ich mich ja ausführlich informiert und freute mich sehr – erst nach einiger Zeit begann ich mich zu fragen, wodurch sich das Amt der Hilfsschöffin wohl von der einer Schöffin unterschied. Die Details fand ich gestern heraus, nämlich in der Einführungsveranstaltung.

Bis dahin hatte ich genug Zeit gehabt, die bürokratischen Modalitäten mit meinem Arbeitgeber zu klären. Die Gesetzeslage nach § 45 Abs. 1a DRiG (Deutsches Richtergesetz): „Ehrenamtliche Richter sind für die Zeit ihrer Amtstätigkeit von ihrem Arbeitgeber von der Arbeitsleistung freizustellen.“ Das heißt: Statt ins Büro gehe ich ans Gericht, das wird als Arbeitstag gezählt.

Ich war gestern schon ganz schön aufgeregt; das Gebäude des Strafjustizzentrums in der Nymphenburger Straße (Stil Hochbetonik der 70er, vertraut durch die Schulneubauten meiner Kindheit) passiere ich zwar seit 30 Jahren regelmäßig (schräg gegenüber liegt mein Lieblingskino seit Studientagen, das Cinema), aber drin war ich noch nie gewesen.1 Genau genommen wusste ich nicht mal, wo der Eingang liegt.

Den fand ich nach meinem Fußmarsch durch kalten Novembernebel problemlos, weil mit rot-weißen Sicherheitsabsperrungen gut sichtbar. Richterinnen und Richter (Schöffen und Schöffinnen sind halt genau das, huiuiui) müssen sich an der Sicherheitsschleuse auch lediglich ausweisen und nicht durchsuchen lassen. Auch den Schulungssaal fand ich zusammen mit anderen Neuschöffinnen, hoch oben im 7. Stock. Aussicht:

Sehr gut und sorgfältig strukturiert wurde unsere etwa 50-köpfige, sehr vielfältige Gruppe (insgesamt gibt es wohl 1.000 Schöffinnen und Schöffen an den entsprechenden Gerichten in München) drei Stunden lang von einem Amtsrichter und einer Angestellten darüber informiert, was auf uns zukommt – bis in die Details, wer in einem Gerichtssaal wo sitzt. Am neuesten war mir die Erkenntnis, dass nicht nur die Unabhängigkeit von Richterinnen und Richtern funamentaler Teil unserer Verfassung ist, sondern auch die Unabhängigkeit der Richterauswahl: Eine Richterin darf sich nicht aussuchen, welche Fälle sie richtet, auch die Schöffinnen und Schöffen werden neutral zugewiesen – nun verstand ich, warum die Auflagen für die Ablehnung auch nur von Verhandlungsterminen derart streng sind.

Und ich erfuhr, warum ich bislang keine Sitzungstermine zugeschickt bekommen hatte: Hilfsschöffinnen werden nach einer vorher ausgelosten Reihenfolge kontaktiert („in der Regel kurzfristig telefonisch“), wenn eine Hauptschöffin oder ein Hauptschöffe ausfällt. Ich werde meinen Arbeitgeber also darauf vorbereiten müssen, dass ich sehr spontan wegmüssen könnte.

Weitere erste Male: Mittagssnack in der Cafeteria des Justizzentrums mit Ausblick auf den Innenhof, in dem sich nach dem Zschäpe-Urteil die Pressevertreterinnen geballt hatten.

Mittags brachte uns ein Bus nach Landsberg am Lech: Wir Neuschöffinen besichtigten die dortige Justizvollzugsanstalt. Ein sehr fotografables Gebäude mit vielen interessanten visuellen Details – doch aus nachvollziehbaren Gründen durften wir keine Fotoapparate, Handys (oder Autoschlüssel) hinein nehmen. Ausführliche Informationen der Gefängnisleitung über die Geschichte des Gebäudes und – was mir am meisten nachging – des Strafvollzugsrechts: Erst 1977 regelte die Bundesrepublik gesetzlich den Strafvollzug (angeschubst durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das diesen massiven Einschnitt in die Bürgerrechte bitteschön geordnet haben wollte). Mit der Föderalismusreform 2006 ging der Strafvollzug in die Zuständigkeit der Länder über, die enstprechenden Strafvollzugsgesetze unterscheiden sich.

Die vielen Daten über den Gefängnisalltag (das fiel mir sprachlich auf: es war ganz unbürokratisch von „Gefängnis“ und „Gefangenen“ die Rede) und der Rundgang durch die Gebäude schlugen die Tür in eine weitere Welt auf, über die ich mir noch nie so recht Gedanken gemacht hatte.

Ein Detail seines Vortrags baten uns der stellvertretende Gefängnisleiter und die Gefängnisleiterin ausdrücklich nach draußen zu tragen, und die Bitte erfülle ich gerne: Die JVA Landsberg sucht derzeit eine zweite Ärztin oder einen zweiten Arzt, der bisherige ist in Ruhestand gegangen und sie benötigen eine Nachfolge. Festanstellung mit Bezahlung nach Tarif Marburger Bund.

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Am Abend traf sich unsere Leserunde, um über J.G. Farrell, Troubles, zu sprechen. Der Roman hatte mir gut gefallen, auch die anderen waren angetan gewesen: Er spielt im Irland kurz nach dem Ersten Weltkrieg, vordergründig geht es um ein riesiges, altes und von Engländern geführtes Hotel in der Nähe von Dublin, das Majestic, das langsam aber energisch verfällt, im Mittelpunkt steht vordergründig der britische Major Brendan Archer, nach dem Krieg und Aufenthalt im Sanatorium frisch aus dem Militär entlassen. Hintergrund aber sind die vielen kleinen und mittelgroßen gewalttätigen Auseinandersetzungen der britischen Kolonialmacht mit den einheimischen Iren, die sich erst aus historischer Entfernung als Unabhängigkeitskrieg herausstellen.

Ich war sehr angetan von der dichten und detailreichen Handlung, in der sich das steigende Chaos im und am Hotel mit dem Verfall des britischen Empire verwebt, von den grotesken Einzelheiten, mit denen sich die Hotelbewohner abfinden und von der Erzählstimme, die indirekt die überhebliche Haltung der Briten und nur wenig Hellsicht spiegelt – unter anderem haben zwar alle britischen Bewohnerinnen und Besucher des Hotels Namen, aber aus dem zahlreichen einheimischen Personal des Komplexes nur zwei Personen.

Den Roman (der erste aus Farells „Empire Trilogy“) ist ein großartiges Stück Commonwealth Literature aus unerwarteter Richtung, Leseempfehlung.

Zu Essen gabe es köstliche gebratene Ente, an der ich mich komplett überfraß, dazu bestens passenden Spätburgunder aus Baden.

  1. Meine Amtsperiode wird auch die letzte Gelegenheit dafür sein: 2023 soll das Justizzentrum in einen Neubau am Leonrodplatz ziehen, für den im Mai dieses Jahres der Grundstein gelegt wurde. []

Journal Freitag, 9. November 2018 – Ein fleischiges Kochbuch vorgekocht

Samstag, 10. November 2018

So viel beschäftigt und unterwegs war ich doch eigentlich nicht, und so wenig Schlaf war das wirklich nicht (halt die eine oder andere Nacht mit sieben statt knapp acht Stunden) – aber gestern fühlte mich derart bis in Knochen erschöpft, als hätte ich eine brutale Arbeitswoche plus durchfeierte Nächte hinter mir, mein Kopf war migränoid schmerzhaft und benommen. Wahrscheinlich dann doch irgendein Infekt, der weiterhin bekämpft wird. Auf dem Heimweg machte dann auch der Kreislauf Sperenzchen mit Schwindel und Schweißausbruch inklusive Frösteln, ich war sehr froh, dass ich mich vor dem Abendtermin noch ein halbes Stündchen hinlegen konnte – und auch sofort einschlief.

Den Abend hatte ich bereits vor vielen Wochen gebucht, denn:
Bei einem meiner seltenen Facebook-Besuche sah ich, dass Foodbloggerin Petra Hammerstein (Blog: Der Mut anderer) endlich ein Kochbuch veröffentlicht, und zwar zu ihrer Kernkompetenz Fleisch. Es heißt Zart und saftig, und darin schreibt Petra über die heutzutage selten verwendeten Fleischschnitte, inspiriert von den alten Kochbüchern ihres Antiquariats und der eigenen Familientradition. Es ist nach Tierarten aufgeteilt und enthält neben Rezepten Warenkunde und Einkaufstipps.

Nachdem Herr Kaltmamsell in den vergangenen Monaten vermehrt mit ausgefallenen Fleischstücken experimentiert hatte (sogar irgendwann fallen ließ, Teile wie Entrecôte finde er mittlerweile langweilig – mein entgeisterter Blick ließ ihn aber versichern, mir brate er selbstverständlich auch weiterhin eines), dachte ich bei dem Buch sofort an ihn. Und als ich entdeckte, dass Petra einige Rezepte daraus an einem Supper-Club-Abend servieren würde, buchte ich umgehend.

Die Location kannte ich bislang nicht, den Meatingraum im Westend. Und ich hatte mich durchaus gefragt, wo das denn sein soll, denn die Gollierstraße gehe ich auf meinem Heimweg von der Arbeit regelmäßig entlang. Doch der Raum ist mit seinen sicher sieben Metern Fensterfront abends durchaus sichtbar, nämlich wenn er erleuchtet ist.

Gestern Abend waren alle 22 Plätze besetzt, und es gab neben dem Menü, das Petra mit dem Meatingraum-Chef Marc Christian gekocht hatte, interessante Weinbegleitung: Kathrin Kohl vom Weinladen 225 Liter hatte Raritäten zusammengestellt, die sie beim Einschenken ausführlich erklärte.

Und so gab es gestern neben neuen Bekanntschaften am Tisch samt interessanten Gesprächen:

Als Aperitif einen PetNat „Ungezogen“ vom Weingut Schnitt nach méthode ancestrale, der mir dann doch ein bissl zu bittersauermostig schmeckte.

VitelloNoTonnato: Sous-vide-Tafelspitz mit einer Soße aus bayrischem Räucherfisch, frittierte Kapernäpfel mit Limettenmayo und Habanerohauch – eine sehr schöne, leichtere Variante des Klassikers. Im Glas einen fränkischen Auxerrois, der mit etwas Wärme schön vielfältig passte.

Tryptichon von Ox und Alk: Consommé als Shot mit Sherry, Ragout mit Madeira auf Röstbrot, Portwein-Sülze – der Ochsenschwanz schmeckte so schön aromatisch, dass ich mir sofort Wiederkochen vornahm. Die Weinbegleitung war meine Entdeckung des Abends: Ein Winzerwermuth vom Silvaner, Vogel, Franken. Eher auf der süßen Seite passte er nicht nur hervorragend, sondern war die Variante, die mir in der neuen Wermuth-Bewegung bislang am besten schmeckte, weil am ungewöhnlichsten. (Vielleicht sollte ich erklären, dass ich aus einer Wermuth-Familie komme: Der spanische Einfluss durch meinen Madrider Vater machte bei uns daheim Wermuth zum Standard-Aperitiv.)

Versaut von Kopf bis Bauch: Bäckchen in Safran, Schmorzwiebeln, Graupenrisotto, Sous-vide-Bauch mit Orange und Miso – die Orangennote machte sich ganz ausgezeichnet. Im Glas ein Württemberger Lemberger, der wieder ganz schön rass war, den ich mir mit seiner starken Säure gut zu einem Rote-Bete-Gericht vorstellen konnte.

Hello China: Geschmorte Rinderwade aus Shanghai mit verprügelten Szechuan-Gurken, Koriander-Eier-Reis, Röstsesam – umgehender Nachkoch-Auftrag für das Fleisch an Herrn Kaltmamsell, die geprügelten Gurken kannte ich bereits vom Uiguren und genoss sie sehr, der Reisbrei war eine schöne Beilage. Beim Wein kam ich ganz auf meine Kosten: ein sardischer Musso, Vignaioli Contrà Soarda erinnerte mich daran, dass ich sardische Weine mit ihrer Kraft und der vulkanischen Note besonders mag.

Dessert: BEIDES!! Käse und WasSüßes, harmonisch vereint – Milder Ziegenkäse mit Thymian-Honig und Mandel-Chili-Krokant, Feigen-Apfel-Tarte mit Roquefort und Pflaumen-Zwiebel-Marmelade. Passte alles wunderbar zusammen, der süße Blaufränkisch Syss vom Neusiedler See war die Wucht.

Während mein Organismus wie immer auch bei Erschöpfung in abendlicher Gesellschaft nochmal alles zusammenkrazte, kämpfte Herr Kaltmamsell schon sehr mit seiner nicht minder großen Erschöpfung. Nach dem Essen plauderte ich noch ein wenig mit Petra, ließ mir ein Exemplar ihres Buches signieren, dann gingen wir eher schneller nach Hause.

§

Weiteres Nachdenken über die Bürgerversammlung: Mir war aufgefallen, wie verschieden die Anliegen formuliert und präsentiert wurden, viele davon naturgemäß ganz unprofessionell, es handelte sich ja um ganz normale Mitbürger. Zum Beispiel mit offensichtlicher Leidenschaft – aber genau deshalb mit komplett irrelevanten Argumenten, die vom eigentlichen Anliegen nicht nur ablenkten, sondern manchmal sogar abschreckten. Oder weitschweifend in Klagestimme. Oder mit Nachtarock bei der Rückkehr zum Stuhl: „Oh, das habe ich noch vergessen!“ Genau so muss das.

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9. November – man weiß gar nicht wohin vor lauter Gedenken. Für mich werden im Vordergrund immer die anti-jüdischen Pogrome von 1938 stehen. Zumal bis heute wir, die Täterseite, darauf beharren zu bestimmen, wie das Gedenken auszusehen hat.

Wie weit das geht, wurde mir erst kürzlich klarer, als ich nämlich im Blog von Richard C. Schneider las, dass die neue Synagoge in München, über die ich mich so gefreut hatte, keineswegs der Wunsch der jüdischen Gemeinde gewesen war: Sie hatte ein Gemeindezentrum gebraucht, das bekam sie nur in Kombination mit einer Synagoge. Und musste dafür den Gedenkstein am Platz der 1938 zerstörten Synagoge aufgeben:
„Die Funktion der Juden in Deutschland / Teil 2“.

Es lohnt sich anzusehen, wie die Opferseite der Shoah gedenkt, alljährlich:
In Israel heulen am Jom haScho’a im gesamten Land um 10 Uhr für zwei Minuten die Sirenen.

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Nach all der Erschöpfung und Aufregung ein wenig Soothing Eye Candy: Nach der Kür des sexiest man alive (Idris Elba, keine Einsprüche) suchte ein Twitter-Faden den
Sexiest Man Dead.

via @isabo_, eingeführt mit: „Gute Güte, was für ein Thread. Mein Riechsalz!“

Journal Dienstag, 6. November 2018 – Mittägliches Radlvergnügen

Mittwoch, 7. November 2018

Früher Wecker, um vor der Arbeit noch Sport zu treiben. Stellte sich als viel zu früh heraus, der Wecker riss mich aus Tiefschlaf. Aber wo ich schon mal stand…

Krafttraining zu heller werdendem Himmel und aufgehender Sonne bei gekippten Fenstern – anstrengend, aber schön. In die Arbeit nahm ich das Rad, weil ich in der Mittagspause bei meiner Hausärztin ein Rezept abholen wollte. Das tat ich dann auch, der kleine Radausflug in warmer Sonne war herrlich. Als ich aus dem Altbau, in dem die Praxis der Ärztin liegt, hinaus auf die Straße trat, war die Luft draußen wärmer als drinnen.

Nach Feierabend auf dem Heimweg kurze Einkaufstopps (Apotheke, Obst im Biosupermarkt), Radeln wieder ein Genuss. Daheim wartete ein Brief von Oberbürgermeister Dieter Reiter und Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle auf mich: Eine Erklärung und Entschuldigung für die Komplikationen beim Wahlhilfeeinsatz.
– Die Wahlbeteiligung sei unerwartet hoch gewesen (10 Prozentpunkte über der Landtagswahl davor), dadurch habe sich das Wählen bis in die eigentliche Auszählzeit verschoben.
– Für die Auszählung der vielen Briefwahlunterlagen habe nicht wie sonst die Messe genutzt werden können, Schulturnhallen hätten herangezogen werden müssen. (Das war mir neu, das muss wirklich sehr umständlich gewesen sein.)
– IT-Probleme mit dem zentralen Server, der über die Eingabe an den Wahlkoffern die Auszählungsergebnisse zusammenfasste, hätten zu langen Wartezeiten geführt und zur Überlastung der IT-Hotline.
Der Brief schloss mit der Versicherung, dass das System verbessert wird.
Eine sehr professionelle und anständige Geste, finde ich.

Abendessen: Restlicher Kürbis und restliche Kartoffeln des Ernteanteils aus dem Ofen mit Käse und Butter, Süßigkeiten.

4. Tag der #Buchchallenge (7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen): Zadie Smith, White Teeth.

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David Hugendick schreibt in der Zeit über den Autor von tausenden John-Sinclair-Groschenromanen, Helmut Rellergerd:
„Dämonendauerdienst“.

via @Cynx

64 Seiten in der Woche sind 256 Seiten im Monat sind 3.072 Seiten im Jahr. Sinclair, Sohn des Lichts mit dem ausgeglichenen Gemüt. Er erinnert ein wenig an James Bond und ein wenig an den Kontaktpolizisten, den man jederzeit anrufen kann. Sinclair hat Liebeskummer, Sinclair auch mal einen Kater. Der Oberinspektor ist immer zur Stelle, wenn sich ein sachgrundlos mordender Todesfürst ausgerechnet in eine Wohnzimmerstanduhr verirrt hat oder Killerpuppen das Urlaubshotel stürmen. Wenn der städtische Vergnügungspark leider über einem Tor zur Verdammnis errichtet worden ist und forthin Kapuzenskelette in der Achterbahn sitzen.

Wie er auf all das komme, kann man Rellergerd natürlich fragen. Er sagt: „Ach, das fällt mir eben ein.“ Das sei halt sein Beruf. Beamter der Fantasie. Nach dem Zombie ist vor dem Dämonenzwerg.


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