Bücher

Journal Montag, 21. März 2022 – Hanya Yanagihara, A little life

Dienstag, 22. März 2022

Es wäre mal wieder Zeit für eine gute Nacht, finde ich. Auf Montag gab es nach einem der vielen Aufwachen eine Pause, die mich fast zum Aufstehen und Lesen gebracht hätte, aber dann schlief ich doch wieder ein.

Ein herrlicher Morgen mit Mond über der Portalklinik. Und dann sah ich auch noch einen Specht an der Wasserschale auf dem Balkon trinken.

Am Sonntag hatte ich das Angebot der Nichte angenommen, ein Paar ihr zu großer Schuhe aufzutragen (mit 17 schwindet wohl die Hoffnung, ein Jahr nach dem Kauf irgendwie reinzuwachsen) – und nun besitze ich schlagartig die weißen Schnürschuhe, die ich für diesen Nichtwinter angepeilt hatte. Ich trug sie gestern gleich zu meiner roten Hose und schickte der Nichte ein Danke-Foto vom ersten Einsatz.

Vormittags war ich im Büro bleimüde bis zum Schwindel. Zumindest bekam ich nach 24 Stunden wieder Hunger, mittags gabe es Bananen, Hüttenkäse, Orange.

Der Bürotag bestand aus zügigem Arbeiten, draußen schien durch leichten Wolkenschleier die Sonne. Nach Feierabend stoppte ich beim Vollcorner für ein paar Einkäufe – und sah am Bavariaring die erste Zierkirsche in Blüte.

Zu Hause eine Runde Yoga, mittel angenehm, Balance war aus. Zum Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell den Topinambur aus Ernteanteil zu Suppe und servierte sie mit Topinambur-Chips, gebratenen Schinkenwürfeln, gebratenem Brot – sehr gut, als Suppe entfaltet Topinambur meiner Erfahrung nach am besten seinen Eigengeschmack. (Und unsere Bäuche können inzwischen beide gut mit dem Inulin darin umgehen, keine Bauchschmerzen mehr.)

Zum Nachtisch reichlich Süßigkeiten. Wäsche aufgehängt, ich hatte nach Yoga eine Maschine Dunkles gefüllt.

Im Bett begann ich ein neues Buch, das empfohlene Menopause Manifesto von Jen Gunter. Mal sehen, ob der Feminismus mehr als “Da muss man halt durch” zum Klimakterium weiß.

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Ich kann Hanya Yanagiharas A little life um 35 Jahre Freundschaft von vier Männern empfehlen. Die vier lernen sich im Studium kennen, die Handlung begleitet ihre Verbindung mit geografischem Mittelpunkt in New York. Im Zentrum steht Jude, von dem es gleich zu Anfang heißt, dass er schwere körperliche Beschwerden hat und den anderen drei klar ist, dass er ausdrücklich nicht über ihre Ursachen sprechen möchte – worauf sie Rücksicht nehmen.

Die Lektüre des dicken Buchs nahm mich mit – aber aus anderen Gründen als “Trauma Porn”, was ihm hier vorgeworfen wurde. Mir ging vor allem der Selbsthass der Hauptperson nahe, dieser unausrottbare, einfach nicht wegliebbare und zerstörerische Selbsthass jenseits aller faktischen Wahrnehmung. Am schönsten aber fand ich den ausführlichen ersten Teil, der das Set-up entwirft und das Personal einführt.

Und was die Grausamkeiten betrifft, die substanzieller Bestandteil der Geschichte sind: Sie sind meisterlich indirekt erzählt, gerade die brutalen Passagen. Das Schlimme passiert in Auslassungen und damit nur im Kopf der Leserin. Was sehr direkt erzählt wird, sind die Auswirkungen aufs Opfer, das den Folgen nie wieder entkommt, dessen Seele zerstört ist. Ein paar mal wendet Yanagihara die Technik an, ein deutlich späteres Ereignis anzudeuten (foreshadowing), dann aber erst mal nach dem Ereignis weiterzuerzählen, zum Beispiel den Bruch von JBs Versprechen, Bilder von seinen Freunden zu mit deren Einwilligung auszustellen.

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Hannah Gadsby hat eine Autobiografie veröffentlicht und aus diesem Anlass einen Artikel im Guardian geschrieben:
“Hannah Gadsby on her autism diagnosis: ‘I’ve always been plagued by a sense that I was a little out of whack’”.

Ihr ist wichtig:

Please stop expecting people with autism to be exceptional. It is a basic human right to have average abilities.

Auf Deutsch:
“Bitte hören Sie auf, von Autist*innen eine außergewöhnliche Persönlichkeit zu erwarten. Es ist ein Menschenrecht, ganz durchschnittlich behindert zu seine Fähigkeiten zu haben.”

I was told I was too fat to be autistic. I was told I was too social to be autistic. I was told I was too empathic to be autistic. I was told I was too female to be autistic. I was told I wasn’t autistic enough to be autistic

Interessant fand ich:

I am unable to intuitively understand what I am feeling, and I can often take a much longer time to process the effects of external circumstances than neurotypical thinkers.

No na, darin sind manche von uns Neurotypischen aber auch richtig schlecht. Ich verwende viel Energie darauf, wenigstens für meine Umwelt halbwegs konsistent und berechenbar zu erscheinen. (Nein, ich bin recht sicher nicht auf dem Spektrum. Sondern nur halt so. Ganz normal etwas seltsam.)

Journal Dienstag, 22. Februar 2022 – Chris Whitaker, We begin at the end

Mittwoch, 23. Februar 2022

22.2.2022 – schöner wird’s erst in 200 Jahren.

Bis vier war die Nacht ganz gut gewesen. Dann nicht mehr.

Ein kalter Morgen, aber trocken. Ich marschierte zackig in die Arbeit, um nicht zu frieren.

Im Büro vormittags vor allem Besprechungen und Beratungen. Draußen kam immer wieder wilder Wind auf, manchmal warf er mit Regen.

Zum Mittagessen Pumpernickel mit Butter, Orangen.

Auf dem Heimweg ein kurzer Einkaufsabstecher. Zwischen Wohnblöcken im Westend, aber auch in vielen Vorgärten der Gründerzeitvillen um die Theresienwiese lagen die in Stücke gesägten Stämme zum Teil riesiger Bäume, die die Stürme der vergangenen Tage beschädigt oder gefällt hatten und machten mich traurig.

Daheim nochmal die interessante Yoga-Folge vom Montag, diesmal etwas weniger verwackelt – in erster Linie weil ich die Abfolge der Übungen bereits kannte. Danach knetete ich wie schon am Morgen meine Waden mit der Blackroll.

Zum Abendessen hatte Herr Kaltmamsell die Ernteanteil-Pastinaken nach Ottolenghi gekocht und im Ofen mit Parmesan gebacken, dazu Kichererbsendinge gemacht: Kichererbsen mit Tomaten-Sahnesauce und Nudeln, außerdem zwei Sorten Hummus. Hummus schaffte ich nicht und verschob es auf Mittwochabend, die Kichererbsen mit Nudeln und die Pastinaken schmeckten ganz ausgezeichnet.

Chris Whitaker, We begin at the end ausgelesen. Der Krimi hatte mich gefesselt, ich mochte seine Düsternis, interessierte mich für die Hauptfiguren – auch wenn sie sich nicht wie echte Menschen lasen, sondern wie Filmfiguren, zum Beispiel
– ein US-Kleinstadtpolizist, der nie aus seiner Geburtsstadt rausgekommen ist, und seine Loyalität zu dem Jugendfreund, der wegen einer fahrlässigen Tötung (wahrscheinliche Einordnung im deutschen Rechtssystem) Jahrzehnte im Gefängnis verbrachte, kurz nach seiner Entlassung erneut eines Mordes angeklagt wird
– das 13-jährige vernachlässigte Mädchen, Tochter einer Jugendfreundin des Polizisten, das beschlossen hat, ein outlaw zu sein, sich gleichzeitig mit Hingabe um ihren kleinen Bruder kümmert
– die rührenden Versuche ihrer Umwelt, an dieses Mädchen ranzukommen.
Mir gefiel auch, wie die Handlung lieb gewonnen Figuren immer tiefer sinken lässt, zum einen weil sie verheerende Entscheidungen treffen, zum anderen weil böse Menschen ihnen Böses antun – das ließ mich so manche vorhersehbare bis kitschige Wendung verzeihen. Doch dass die Geschichte am Ende alle Fäden mit der Glätte eines viktorianischen Romans verbindet und fast schon gewaltsam ein Happy End dengelt – das nahm ich ihr sehr übel. Beim Zuklappen des Buchs fühlte ich mich klebrig.

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Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation (vorher russischer Staatspräsident, davor seit 1999 Ministerpräsident) bereitet Schritt für Schritt eine Invasion der Ukraine vor, mit immer abwegigeren Rechtfertigungen. Die Situation fühlt sich für mich wider besseres Wissen in erster Linie lächerlich an – das kann doch niemand ernst meinen. (Doch, kann, ich weiß.)

Am meisten beeindruckte mich die Verurteilung der russischen Aggression und ihrer Begründung durch Martin Kimani, Botschafter Kenias bei den Vereinten Nation, in der Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates (hier in Schriftform, zudem hier eine Übersetzung ins Deutsche).

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Was Wissenschaft auch ist: Offen zu sein für Erkenntnisse, nach denen man in einem Versuchsaufbau gar nicht gesucht hatte. In Australien wollte ein Forschungsteam mehr über die Bewegungen einer Gruppe Elstern herausfinden und versah sie mit Trackern. Und fand dabei heraus, dass sie kooperativ und schlau genug sind, einander von diesen Trackern zu befreien.
“Altruism in birds? Magpies have outwitted scientists by helping each other remove tracking devices”.

While we’re familiar with magpies being intelligent and social creatures, this was the first instance we knew of that showed this type of seemingly altruistic behaviour: helping another member of the group without getting an immediate, tangible reward.

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Sprache bei der Arbeit zusehen: Möglicherweise erleben wir gerade das Entstehen einer neuen Kommaregel.
“Aufgrund des Sprachgefühls, kommt hier ein Komma hin: Das Vorfeldkomma”.

via @kathrinpassig

Begenet auch mir hin und wieder beim Korrekturlesen, ließ mich immer an englische Kommasetzung denken. Noch streiche ich es.

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Vorstellung eines Fotobands:
“Italienische Discos sehen toll aus – auch als Ruinen”.

via @goncourt

Journal Dienstag, 15. Februar 2022 – Arbeitstag hinter mich gebracht

Mittwoch, 16. Februar 2022

Mittelgute Nacht, erholsam genug.

Ich hatte mich mit Herrn Kaltmamsell für Freitagabend vorm langen Faschingswochende (und vor seiner Woche Faschingsferien) zum Essengehen verabredet, wir wollten ein bestimmtes Menü in einem bestimmten Restaurant. Als ich jetzt einen Tisch reservieren wollte, war es zehn Tage vor Termin bereits ausgebucht, auch am Samstag. Ich war sehr enttäuscht (auch wenn mir einfiel, dass ich mich in einem so vollen Lokal wahrscheinlich nicht wohlgefühlt hätte).

Auf dem regnerischen Weg in die Arbeit dachte ich unterm Schirm intensiv nach, welches andere Lokal mich freuen würde. Zum Glück fiel mir eines ein, kurze Rücksprache mit Herrn Kaltmamsell, ich konnte reservieren. Vorfreude wiederhergestellt.

Emsiger Morgen, darunter auch Besprechungen.

Zu Mittag gab es sehr viel von dem vorabendlichen Blaukrautsalat mit Fenchel und Orange, außerdem ein paar Halbtrockenpflaumen.

Nachmittags weiter Emsigkeit, zudem eine Menge Menschliches, ich musste mich entschuldigen.

Kurz vor Feierabend besuchte mich am Schreibtisch eine klassische Stubenfliege und ließ sich auf Unterlagen nieder. Während ich sie darauf hinwies, dass fei erst Februar ist, wollte ich ein Foto von ihr aufnehmen, sie entzog sich dem durch Wegfliegen.

Für den Heimweg brauchte ich keinen Schirm mehr. Ich ging Einkaufen: Lebensmittel, Unterhosen (hatte sehr unterschätzt, wie lange es im Kaufhaus dauern würde, erträgliche Exemplare zu finden), Drogerieartikel.

Als ich eine Straße an einer grünen Ampel kreuzte, fuhr ein wartendes großes Auto mit schwingendem Rosenkranz überm Rückspiegel langsam immer weiter auf den Fußgängerübergang. Ich sah beim Passieren mit hochgezogener Augenbraue ins Innere, woraufhin der Fahrer mich mit obszönen Gesten und Mimik zu beleidigen versuchte. Sicher vom Internet radikalisiert.

Zu Hause eine Runde Yoga, bevor wieder Herr Kaltmamsell das Nachtmahl servierte: Mit Spinat und Gorgonzola gefüllte Ofenkartoffeln, köstlich. Nachtisch viel Schokolade.

Früh ins Bett, um weiter den amerikanischen Krimi von Chris Whitaker, We begin at the end, zu lesen. Ich las länger als geplant – zum einen weil ich wissen wollte, wie es weiterging, zum anderen weil der Roman mit einem schlichten Trick der Erzähltechnik arbeitet: An jedem Kapitelende ein kleiner Cliffhanger, der mich ins nächste Kapitel schubste.

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Alterserscheinungen, die Frauenzeitschriften verschweigen: Schon vor einiger Zeit habe ich festgestellt, dass auch meine Nasenhaare ergrauen.

Journal Samstag, 5. Februar 2022 – #WMDEDGT mit Backen

Sonntag, 6. Februar 2022

Am 5. des Monats will Frau Brüllen wissen: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? – #WMDEDGT. Dadurch entsteht jedesmal eine Sammlung Tagebucheinträge aus unterschiedlichen Lebenswelten, die sicher irgendwann kultur- und gesellschaftshistorisch interessant werden.

Start war bei mir eine beschissene Nacht mit einmal alles: Glutattacken, Unterschenkelkrämpfe verschiedener Art, PENG!-Aufwachen – ich bekam kaum eine Stunde Schlaf am Stück zusammen. Zum Glück schlief ich um sechs nochmal ein und tief bis halb acht. Schöne Entdeckung: Um diese Zeit war es fast schon hell, nur wenige Wolken am Himmel.

Bloggen an Morgenkaffee. Das dauerte eine Weile, weil das neue Smartphone auch Software-Updates auf meinem Laptop nach sich zog: Ich musste mit dem neuen Dateiformat .HEIC der Bilder umgehen lernen. (Und herausfinden, wie ich die Funktion am Handy ausschaltete, mit der es bei jedem Hochheben automatisch entsperrte.)

Plan war Schwimmen im Dantebad, doch vorher kochte ich Flan als Nachtisch fürs Abendessen, nur mit Milch, darin drei Eigelb und zwei ganze Eier, aromatisiert mit Tonkabohne. Der Flan war allerdings nur die Folge meine Plans, Mandel-Orangen-Kekse Acetani zu backen, das Rezept verursacht überzählige Eigelbe (Seltenheit).

Herr Kaltmamsell kam vom Joggen zurück mit den Hinweis, es sei kälter, als es aussehe. Als ich kurz zum Radaufpumpen rausging, stellte ich fest: Recht hatte er. Also radelte ich in der Sonne mit dicker Mütze und dicken Fäustlingen raus zum Dantebad.

Davor stand wieder eine Schlange an, diesmal aber nicht wegen Begrenzung der Menschenzahl drinnen, sondern lediglich, weil die Abwicklung an der Kasse inklusive Check Impfstatus länger dauerte. Das sonnige Schwimmbecken war gut besetzt, was bei Rücksicht und Wohlwollen aller funktionieren kann. Gestern waren allerdings viele unkooperative Kampfschwimmer dabei, die schubsten und am Beckenrand auch mal zu mehreren gleichzeitig überholten – da pressierte es einigen offensichtlich sehr, manch andere mussten sich aufregen. Ich genoss dennoch den Sonnenschein (litt allerdings ein wenig unter dessen schrägem Winterwinkel, das nächste Mal greife ich lieber zu meiner alten abgeschraddelten Schwimmbrille mit dunklen Gläsern) und sah mich halt bei jeder Wende vorsichtig um. Zusätzliche Unbillen: Die Kampfschwimmer verursachten heftigen Wellengang, ich schluckte viel Wasser; und auf den letzten 500 Metern setzten Waden und Zehen immer wieder zu Krämpfen an, zum Glück konnte ich gegenarbeiten. Insgesamt aber alles andere als das selbstvergessene Spazierenschwimmen, das ich so liebe.

Beim Heimradeln hielt ich am Edeka beim Stiglmayrplatz zum Semmelholen und für ein paar Lebensmitteleinkäufe. Zu Hause nutzte ich erst mal die Nasendusche zur Chlorschnupfen-Prävention.

Zum Frühstück um halb drei gab es Semmeln mit Butter und Marmelade/Honig und eine große Tasse Tee.

Jetzt endlich machte ich den Teig für die Acetani. Während er kühlte, legte ich mich ein wenig hin und schlief ein halbes Stündchen, ich war elend müde.

Das Backen war dann einfach – nur dass ich versäumt hatte, den Puderzuckerbestand zu überprüfen und ein paar Exemplare nackig backen musste.

Nach dem Abkühlen stellte sich heraus: Sie schmeckten extrem gut, umgehend ein neues Lieblingsrezept.

Während ich das Betriebssystem meines Laptops auf Big Sur 11.6.3 aktualisierte (ich folge brav jeder Aktualisierungsaufforderung, allein schon aus Sicherheitsgründen) las ich die Wochenend-SZ (ging diesmal schnell, viele der Themen interessierten mich nicht), bis es Zeit fürs Abendessen war. Es gab die restlichen Ochsenbackerl von Freitagabend mit Nudeln, ich verarbeitete dazu den kleinen Ernteanteil-Chinakohl mit Joghurtdressing und Kresse zu Salat. Rotwein war auch noch für jeden ein Glas da. Nachtisch Flan, der endlich mal genau die kleinen Bläschen aufwies, die ich sonst nie hinbekomme – allerdings kann ich nicht sagen, woran das lag.

Im Fernsehen ließen wir The English Patient von 1996 auf Servus TV laufen – meine Güte, war Ralph Fiennes mal jung. Ich schaffte nur die Hälfte des Films bis Bettschwere, aber genug, um mich daran zu erinnern, wie groß die Unterschiede zur Romanvorlage von Michael Ondaatje sind. Anthony Minghella hat aus Ondaatjes vielschichtigem und erzähltechnisch brillantem Meisterwerk klassischen Hollywood-Bild- und Gefühlsbarock gemacht. Damit möchte ich keine Wertung verbunden sehen, Film und Buch sind zwei ganz unterschiedliche Medien; doch umso mehr empfehle ich den Roman.

Im Bett las ich noch Granta 157, Should we have stayed at home? New travel writing.

Journal Mittwoch, 2. Februar 2022 – Keri Hulme, Autorin von The Bone People, Ende 2021 gestorben

Donnerstag, 3. Februar 2022

Beim morgendlichen Reinigen zerbrach meine Knirsch-Schiene. Na ja, ich nutze sie schon viele Jahre allnächtlich, andere zerknirschen eine pro Jahr. Und mein Jahrestermin bei der Zahnärztin steht eh an.

Draußen war’s nass, und als ich das Haus Richtung Arbeit verließ, setzte Regen ein. Ich kehrte um und nahm einen Schirm mit – was sich als nützliche Entscheidung erwies, denn der windige Regen wurde auf dem Weg immer stärker.

Eigentlich sprach alles für die Aussicht auf einen geordneten Arbeitstag. Der sich halt nicht einstellen konnte wegen neuem IT-System.
(Symboldialog: “Brauche Berechtigung für Vorgang X, bitte erteilen.”
“Nein, Sie brauchen die Berechtigung nicht, Vorgang X unnötig.”
“Hier offizielle Anleitung, in der steht, dass ohne Vorgang X Gesamtprozess A nicht möglich.”
“Vorgang X gehört gar nicht zu Gesamtprozess A”. Etc. pp.)
Verdacht, dass die Dezentralisierung des Personals durch pandemische Homeoffice-Anweisung Mob-Bildung verhindert.

Mittags ein wenig Brot, eine Orange, Hüttenkäse.

Die Arbeit beruhigte sich am Nachmittag. Auf dem Heimweg machte ich einen Abstecher zu Aldi und kaufte große Mengen Süßigkeiten, die ich noch nicht kannte (plus ein paar Posten von der Einkaufsliste).

Zu Hause eine neue Runde Yoga, wieder besonders spannend mit ungewohnten Bewegungsabläufen und Haltungen; auch diese möchte ich wiederholen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Suppe aus Restgemüse und Gemüseresten (warm und gut), dazu Weißbrot, danach viele Süßigkeiten.

§

Den Titel des Nachrufs hatte ich in englischsprachigen Medien aus dem Augenwinkel gesehen, doch den Namen Keri Hulme nicht gleich mit der Autorin eines der Meilensteine meiner Lese-Biografie in Verbindung gebracht: The Bone People, hier besprochen. Am 27. Dezember war Keri Hulme mit 74 Jahren in ihrer Heimat Neuseeland gestorben, die deutsche Presse hatte das wohl nicht vermeldet.

Auf der Booker Prize-Website (Hulme gewann den Preis 1985 als erste für ein Roman-Debut) eine ausführliche Würdigung von Buch und Autorin, mit vielen Details zu ihrem Werdegang, der Jury-Diskussion um die Preisvergabe und die Verleihung selbst (Hulme konnte nicht selbst teilnehmen, weil sie an dem Abend in Salt Lake City unterrichtete, den Preis nahmen ihre Verlegerinnen entgegen):
“How Keri Hulme’s The Bone People changed the way we read now”.

Sarah Shaffi looks back at the outsider who broke through the British establishment, and who forged a new literary lineage from Maori mythology and European tradition.

“Disturbing”, also verstörend, ist auch das erste Wort, das mir zur Beschreibung der Lektüre einfällt – doch anders als für die damalige Booker Prize-Jury hat das für mich noch nie gegen die literarische Qualität eines Romans (oder Films) gesprochen.

Keri Hulme wollte schon als Kind Künstlerin werden, schrieb und malte, lebte zuletzt in einem Haus, das sie selbst gebaut hatte, und verbrachte ihre Zeit, wie sie es sich von Kinderzeiten an gewünscht hatte: Mit Schreiben und Malen, Strandspaziergängen und Fischen.

The Bone People blieb ihr einziger Roman. Der lange keinen Verlag fand und dann vom feministischen Kollektiv Spiral praktisch von Hand veröffentlicht wurde, hier erinnert sich eine der Verlegerinnen, Marian Evans, ausführlich: “Keri Hulme’s ‘the bone people'”. Interessant sind für mich darin die vielen Details des Lektoratsprozesses (die veröffentlichte Version entspricht fast ganz dem Manuskript, an dem Hulme zwölf Jahre lang gearbeitet hatte), der Finanzierung, Produktion (die Titelillustration der Erstausgabe stammt von Keri Hulme selbst), Vermarktung. Evans erklärt sich den Erfolg des Romans so:

I think that its compassion for deeply damaged people is important; it gives space for readers to reflect on the pain in their own lives, including the pain they’ve caused, and to imagine what might bring healing.

Kommt gleich mal zu den Wiederlesen-Büchern.

§

Geschwisterliebe, so schön! Ethan Coen bespricht das erste Einzel-Filmprojekt seines Bruders Joel Coen.
“Joel Coen’s ‘The Tragedy of Macbeth’, Reviewed by Ethan Coen”.

via @DonnerBella

In the interest of full disclosure, my editor has requested that I mention that I was Mr. Coen’s writing partner, producer, and creative collaborator on the aforementioned 18 films. I am also his brother. We parted ways prior to Macbeth in a split that the press described as completely amicable. Despite my prior association with Mr. Coen, I feel that I am entirely capable of reviewing his work in a fair and objective way.

Genau, geht klar.

The Tragedy of Macbeth is the work of a fraud and a narcissist, a man who deceives others to serve his own needs. These habits don’t emerge, fully formed, in adults; they can be found in childhood. Early childhood. For example: September 1963, when I happen to know that Mr. Coen borrowed a Lite Brite that a family member just gotten for his birthday, and then fucking broke it, and blamed it on the dog. And he didn’t even get in trouble for it!

(…)

In summary: Joel Coen’s The Tragedy of Macbeth is a bowl full of lizard jizz from history’s greatest sociopath. One wonders if a UN Resolution calling for the phrase “ART HOUSE HACK” to be forcibly tattooed on Mr. Coen’s forehead might be called for. Joel Coen has so thoroughly put his foot through this “piece of art” that it’s really more of a “piece of FART”, but this time, he can’t blame his fuckup on the dog.

Journal Mittwoch, 26. Januar 2022 – Sonne im Homeoffice

Donnerstag, 27. Januar 2022

Recht gut geschlafen, hurra!

Weil ich gestern von daheim aus arbeitete, fiel der Arbeitsweg weg; ich nutzte die halbe Stunde für eine Runde Pilates-Cardio-Mischung. Sie war ordentlich schweißtreibend, sollte ja auch den Nutzen von Aufheizen gegen Homeoffice-Frieren haben.

Als ich meinen Arbeitsplatz aufbaute, inklusive von Herrn Kaltmamsell ausgeliehenem Bildschirm, stellte ich fest, dass ich das falsche Netzkabel eingesteckt hatte: das für den Laptop, nicht für die Docking Station. Die Verkabelung hätte fast trotzdem hingehauen – bis ich feststellte, dass mir ohne Docking Station genau eine USB-Schnittstelle zu wenig zur Verfügung stand. Ich brauchte drei für Mouse, Tastatur, Telefonier-Kopfhörer. Also alles zurückgebaut, ich arbeitete dann doch direkt am kleinen Laptop.

Viel Jonglieren mit Verschiedenem, weitere Schulungen, die weitere Abgründe auftaten. Ein wundervoll wolkenloser Tag, ich musste die Sonne mit Rollladen aussperren.

Mittags kochte ich mir Porridge, richtete es mit Clementinen, ein paar Löffeln Joghurt und etwas Ahornsirup an. Es blieb ein Rest für nachmittags übrig.

Gerade als ich mich in der Küche zum Essen setzen wollte, klingelte an der Tür der Anlass für den Heimarbeitstag: Lieferung von zwei weiteren der schönsten aller Stühle.

Wie bisher immer bei Heimarbeit fehlten mir die vielen Gelegenheiten aufzustehen, die mir das Arbeiten im Büro bietet. Nicht so früher Feierabend wie geplant, weil spät noch etwas reinkam.

Dann aber marschierte ich zum Telekomladen auf der Schwanthalerhöhe, um über eine Vertragsverlängerung an ein neues Smartphone zu kommen. Das klappte nur halb: Das Modell, auf das wir uns einigten, musste erst bestellt werden. Na gut, muss das alte Gerät (“Sie verwenden Ihr Gerät wirklich lang.”) noch ein paar Tage durchhalten.

Ich kaufte noch eine Runde Lebensmittel für Abendessen und nächste Brotzeiten ein. Daheim eine Folge Yoga – diesmal hielt ich die Runde mit bloß Schnaufen und ein bisschen Dehnen (“find stillness“) ganz gut durch.

Als Abendessen hatte ich Nudeln mit Sahnelinsen bestellt, Herr Kaltmamsell lieferte.

Mafaldine eigneten sich für das Rezept ganz hervorragend, sie sind ohnehin sehr schnell auf meiner Liste von Lieblingspasta gelandet.

Viel Schokolade. Im Bett las ich Sand von Wolfgang Herrndorf ein zweites Mal aus – das Ende hatte ich komplett vergessen. Auch dieses hervorragend gemacht, auch dieses zitiert indirekt eine ganze Fiktionsgeschichte an Vorbildern, um dann etwas ganz Anderes damit zu machen.

Journal Dienstag, 4. Januar 2022 – Keine iphone-Reparatur, Spider-Man: No Way Home

Mittwoch, 5. Januar 2022

Guter Schlaf, aufgewacht zu grauem Tag. Wieder keine Zeitung im Briefkasten (dafür mal wieder in zwei anderen, deren SZ-Abo mir neu wäre – wahrscheinlich eine Verwechslung, aber ich nehme nicht auf Verdacht die Zeitung aus dem Briefkasten von Nachbarn).

Mein Rettungsversuch altes iphone (Modell 6s, gekauft 4/2017 – also nicht SO alt) scheiterte leider. Vormittags hatte ich wegen der unscharfen Fotos und des schwächelnden Akkus einen Termin bei Apple in der Rosenstraße. Nach dem Ergebnis des Diagnose-Laufs wurde mir angeboten, die Kamera zu reparieren und den Akku zu ersetzen, diese 114 Euro war mir die Rettung des Geräts vor dem Status “Müll” wert. Ich wurde mehrfach gewarnt, dass ein neues Betriebssystem schon im Herbst manche Apps überfordern könnte, doch auch ein halbes Jahr längerer Gebrauch schien mir attraktiv. Zudem konnte ich das Gerät bereits nach unter eine Stunde wieder abholen, auch das kam mir entgegen.

Nur dass man mich beim Abholen enttäuschen musste: Das Öffnen des Telefons habe einen Wasserschaden angezeigt (man zeigte mir ein Foto vom Inneren mit einem roten Lämpchen), deshalb dürfe es nicht repariert werden. Von einem Moment auf den nächsten hielt ich Müll in der Hand. Zwar bin ich mir sehr sicher, dass das Gerät nie getaucht hat, doch Feuchtigkeit beim Tragen am Körper beim Joggen oder ein paar Regentropfen beim Wandern – das hatte es durchaus abbekommen. Das muss ich erst mal verdauen, bis ich mir Gedanken über ein eventuelles Nachfolgemodell mache.

Während des Wartens aufs Smartphone hatte ich beim Konen eine Jeans gekauft – wie in alten Zeiten perfekt beraten von einer Angestellten, die meinen verzweifelten Blick auf die unzähligen Hersteller-Stationen mit unter anderem Jeans aufgefangen hatte, die ihr Sortiment kannte und mir daraus Modelle nach meinen Angaben in die Umkleide reichte, mich zudem mit bayerischer Anatomie-Benennung erfreute: “Hätt i jetza ned denkt, dass Sie so lange Fiaß ham.” (Ich brauchte eine längere Jeansgröße als vermutet.) Resultat: Neben einer schwarzen und roten besitze ich jetzt auch eine klassische blaue Jeans, die mir passt. Anschließend beschwingte Lebensmitteleinkäufe.

Doch nach der Enttäuschung im Apple-Laden kehrte ich appetitlos heim, machte mir lediglich einen zweiten Milchkaffee. Später dann doch noch Frühstück: Granatapfelkerne und Banane (darauf hatte ich beim Einkaufen seltenen Gieper gehabt) mit Quark.

Den Nachmittag verbrachte ich in der Küche, denn ich hatte mich für die Abendessen-Zubereitung gemeldet: Es sollte Meatball Sandwiches geben. Das dauerte länger als erwartet (über zwei Stunden), ich wurde knapp fertig, bis wir zum vorabendlichen Kinobesuch aufbrachen: Spider-Man: No Way Home im Matthäser.

Multiplex-Kinos sind für mich je ungewohnt; obwohl für die Vorführsäle nicht mal ein Drittel der Plätze verkauft werden dürfen, gab es eine lange Schlange am Eingang zum Check der Impf-Zertifikate. Der Film war vergnüglich (allerdings auch dieser mit zweieinhalb Stunden zu lang – gibt es ein Verbot für nur 90-Minuten lange Filme, das mir bislang entgangen ist?), ich mochte den neuen Gedanken, dass man Superschurken nicht unbedingt töten muss, sondern auch versuchen kann, sie zu bessern. Außerdem ermöglichte das Multiverse-Konzept der Handlung (das uns den Filmvorschauen zufolge erst mal bleiben wird) ein Zusammentreffen aller drei bisherigen Spider-Man-Darsteller der vergangenen Jahrzehnte: Nicht nur sah ich den gealterten Tobey Maguire wieder (der immer mein Spider-Man bleiben wird), sonder die drei hatten endlich die einzig passenden Gesprächspartner für Austausch über die vielen inneren und äußeren Seiten der Spider-Manigkeit – rührend. Zendaya und William Dafoe großartig, das Drehbuch ermöglicht mit dem Ende einen weiteren Neuanfang der Serie.

Zu Hause überbuk ich die Meatball Sandwiches als Abendessen, verwendete dazu die letzten Scheiben selbst gebackenes Weißbrot – sehr gut.

Im Bett las ich Blai Bonet, Frank Henseleit (Übers.), Das Meer aus. Ich weiß ja nicht. 1958 auf Katalonisch veröffentlicht, spielt der Roman nach dem Bürgerkrieg in einem Lungensanatorium auf Mallorca und besteht aus Monologen von einzelnen Personen (Patienten und Personal), die vage die Geschichte eines Mordes zu Beginn des Bürgerkriegs erzählen, vor allem aber die Gedanken dieser Personen über sich selbst und die anderen Monologisierer*innen.

Die spanische Version wird vermarktet als „metaphysical novel as exemplified by Dostoyevsky“ – und an Dostojewski musste ich bei den verquasten und schier endlosen theoretischen Abhandlungen über Unschuld und Schuld in den Augen des katholischen Gottes durchaus denken, über Sünde, moralisches Verderben und Versuchung – was nicht als Kompliment gemeint ist, weil IM ERNST?! Ich will mich keineswegs über Menschen lustig machen, die sich mit solchen Fragen martern, denn Marter und Pein sprechen aus diesen Monologen der Protagonisten ganz deutlich. Aber sie liegen meinem eigenen Nachdenken über Ethik sehr fern, wie fast alle Metaphysik. Mit seiner zusätzlichen Handlungsarmut und seinen angestrengt-poetischen Beschreibungen (die mögen aber ebenso wie die orthografischen und grammatikalischen Fehler der Übersetzung und mangelndem Lektorat zuzuschreiben sein) ging der Roman komplett an mir vorbei.

§

Handgestrickter Gartenzaun. (Verwendet wurde Garn für Fischernetze.)


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