Bücher

Journal Dienstag, 22. Oktober 2019 – Podcast über Boat People, Kent Haruf, Eventide

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Wieder eine viermal unterbrochene Nacht. Nachdem mir in der Nacht zuvor unter der Winterdecke viel zu warm gewesen war, hatte ich mich mit einer leichteren zugedeckt – und fror. Diesmal war die Winterdecke richtig. Aber ich würde gerne mal wieder durchschlafen, wo mich doch gar nicht mehr Schmerzen wecken, sondern ich einfach so viermal pro Nacht glockenwach bin (zum Glück dann recht schnell wieder einschlafe).

Fahrradfahren ließ ich nach dem dermatologischen Rumschnippeln besser sein, nahm also wieder den Sightseeing-Bus 62. Der steckte dann wegen einem ungeschickt geparktem Lieferfahrzeug im Stau, es war klar, dass das länger dauern würde. Mir fiel ein, dass viele auf dem Arbeitsweg Podcast hören, also kramte ich meine Kopfhörer hervor und suchte nach einem Podcast, den ich auf der Merkliste für Bügelbegleitung hatte: Rice and shine, die Folge über Boat People. Ich hörte mal los.

In der Einführung skizziert Vanessa Vu den geschichtlichen Hintergrund Vietnams im 20. Jahrhundert – nein der Krieg mit USA-Beteiligung war nicht der einzige. Ich erinnere mich sehr gut an die zeitgenössischen Berichte über Boat People, der Schiffsname Cap Anamur fiel mir ein, bevor er im Poscast erwähnt wird – für mich ist er ikonisch. Allerdings war ich erstaunt über die Jahreszahl 1979 – ich hatte die Rettungsfahrten der Cap Anamur früher in den 70ern vermutet. Hoffentlich habe ich bald Gelegenheit, den Rest anzuhören.

Draußen war es warm und neblig. Der Nebel hielt sich den ganzen Tag, doch ich brauchte keine Socken in den Schuhen. Im Büro weiter lustige Temperaturachterbahn. Wenn diese Beschreibung von Hitzewallungen korrekt ist, habe ich allerdings keine: Es ist mir einfach vorübergehend sehr warm.

Mittags Birchermuesli mit Joghurt und einer Mandarine, nachmittags ein heimischer Apfel und eine Scheibe Bananenmarmorkuchen.

Zurück nahm ich eine U-Bahn zum Stachus, weil ich noch im Biosupermarkt Brotzeit für die nächsten Tage einkaufen wollte. Daheim setzte ich mich nur kurz, bald brach ich mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen meiner Leserunde in Neuperlach auf.

Wir hatte Kent Haruf, Eventide gelesen und hatten es alle sehr gemocht. Der Roman ist der mittlere einer Trilogie, die in einem kleinen Ort des US-amerikanischen Bundesstaats Colorado spielt. Kapitelweise wird von verschiedenen Haushalten erzählt, darunter die beiden alten Brüder mit der Landwirtschaft, die ein schwangeres junges Mädchen aufgenommen haben; die Familie mit zwei Kindern im Trailer Park, die von Lebensmittelmarken lebt; der Bub, der bei seinem unwirschen Großvater lebt und von der Nachbarsmutter mit ihren zwei kleinen Töchtern ein wenig unter die Fittiche genommen wird. Erst ab der Mitte des Buchs verflechten sich die Handlungen. Die Personen sind alle ganz gewöhnliche Menschen, dennoch lasen wir alle sieben aus der Leserunde gebannt über ihr Leben. Wir waren gerührt von gegenseitiger Fürsorge, erschraken über das Eindringen von Gewalt, freuten uns über späte Liebe.

Mir war vor allem die scheinbar völlige Abwesenheit einer Erzählinstanz aufgefallen. Es scheinen Einordnungen zu fehlen, Bewertungen, Interpretationen, gestern verglich eine Mitleserin den Stil mit dem eines Dokumentarfilms. Das erzeugt die Illusion, man sei bei Lesen selbst diejenige, die zuguckt.

Uns gelang nicht, die Zeit zu bestimmen, in der die Geschichte spielt. Wir bekommen weder zeitgeschichtlichen Hintergrund noch Hinweise über Technik, Speisen, Musik, Mode – es könnte alles von 60ern bis 90ern sein (danach müssten dann doch Internet oder Handys eine Rolle spielen). Diese Zeitlosigkeit verstärkt das Thema grundsätzlicher Menschlichkeit. Ein ganz besonderes Buch, Empfehlung.

Auf dem Heimweg war es immer noch schwül-neblig.

§

Ein Kommentar im Stern (den gibt’s noch!) über das Ausbleiben von Nachwuchs unter dem Theaterpublikum:
„Liebe Theatermacher, zeigt uns doch bitte einfach mal ’normale‘ Stücke!“

via FrauNessy

Ich würde das zwar nicht so ausdrücken wie die Überschrift (und habe diesen Wunsch auch nicht), fand die Sicht aber sehr interessant. Dass Theater seit vielen Jahren kein Geschichtenerzählen mehr ist, sondern Aktionskunst, war mir schon klar. Doch dass das ganzen Bevölkerungsschichten die Motivation für einen Theaterbesuch nehmen könnte, hatte ich übersehen. Meine Mutter, Theatergängerin seit ihrer Jugend, nahm mich von Kindesbeinen an mit ins Theater – vermutlich hätte sie das nicht getan, wenn schon damals keine Geschichten erzählt worden wären, sondern nur Kunst auf der Bühne stattgefunden hätte. Und ich hätte keinen Zugang zum Theater bekommen.

Journal Montag, 21. Oktober 2019 – Wucherung und Testament

Dienstag, 22. Oktober 2019

Das Wetter fühlt sich immer seltsamer an. Seit Donnerstag habe ich Hitzeanfälle, also heiße Haut mit kalten Fingern. In meinem Alter ist ja der erste Gedanke: Wechseljahre, jetzt dann doch Symptome. Andererseits habe ich einen Erkältungsinfekt, der könnte am Temperaturregler spielen.

Draußen war es immer noch bacherlwarm, ich hatte mehrere Fenster in der Wohnung über Nacht offengelassen, ohne es zu merken – es war nicht kalt hereingekommen. Ohne Handschuhe in die Arbeit geradelt.

Gehen ging gestern plötzlich sehr gut – 10-Meter-weise war ich geradezu federnd unterwegs.

Mittags Geflügelsalat mit Mango und Walnüssen (made by Herrn Kaltmamsell aus Hiehnebriehe-Huhn) und ein Stück Bananenmarmorkuchen.

Sehr pünktlicher Feierabend, denn ich hatte eine Verabredung: Eine Dermatologin sollte mir eine harmlose Hautwucherung an störender Stelle wegschneiden. Was sie dann auch tat.

Daheim einen mittags gefassten Entschluss umgesetzt: Ich schrieb mal schnell mein Testament. In der Süddeutschen war ich über einen Artikel zu Todesfall bei kinderlosen Ehepaaren gestolpert („Wenn die Schwiegereltern plötzlich miterben“) und hatte beschlossen, zumindest diese Belastung zu verhindern, sollte mich überraschend der 40-Tonner erwischen. Ein elaboriertes Testament ist sicher ratsam (allerdings ist mir ausgesprochen egal, was nach meinem Tod mit meinem Zeugs und meinem Geld passiert, beides übersichtlich), kriege ich vielleicht irgendwann auch noch hin, doch jetzt gibt es zumindest ein handgeschriebenes Testament mit ausgeschriebenen Namen, Ort und Unterschrift, das Herrn Kaltmamsell zu meinem Alleinerben macht.

In der Dämmerung nochmal Fledermäuse vorm Wohnzimmer gesehen.

Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl Chinakohl aus Ernteanteil gebraten mit Hackfleisch und Sezuanpfeffer, sehr gut.

Im Bett Weiterlesen an Atwoods The Testaments: Ich lese es gerne und finde es spannend (durchaus betonenswert, weil Atwood in ihrer langen Schriftstellerei auch ausgesprochenen Mist veröffentlicht hat), doch ist der Roman nicht in entferntester Sichtweite der literarischen und visionären Qualität des epochalen The Handmaid’s Tale; den Booker Prize dafür kann ich nicht nachvollziehen (nicht die erste Verwunderung über die Vergabe).

Journal Freitag, 18. Oktober 2019 – Daniel Mendelsohn, Matthias Fienbork (Übers.), Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich

Samstag, 19. Oktober 2019

Mendelsohns Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich, übersetzt von Matthias Fienbork ausgelesen. Das Buch war ein Geschenk von Buchhändlerin und Autorin Pia Ziefle für Herrn Kaltmamsell und mich, und bei mir schon mal: Volltreffer.

Mendelsohn, studierter Altphilologe, erzählt die Geschichte seiner Beziehung zu seinem Vater anhand der Odyssee nach: Er hat dazu ein Uni-Seminar gegeben, an dem sein Vater, Mathematiker und damals schon Rentner, gebeten hatte teilzunehmen. Die Beschäftigung mit Homers Epos bringt die beiden auch dazu, gemeinsam eine Themen-Kreuzfahrt auf den Spuren der Odyssee zu unternehmen. Dabei lernt man gleich viel über antike griechische Epen, die Geisteshaltung dahinter, und über eine amerikanisch-jüdische Familie, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts aus dem Kleinbürgertum hocharbeitet.

Ich las das Buch gefesselt wie schon lange nicht mehr, es hatte mir so viel zu sagen. Zum einen rief es Erinnerungen an meinen eigenen Griechischunterricht wach, vor allem an den Leistungskurs bei Richard Nusser. Er war damals ein junger Lehrer, wir waren sein erster Leistungskurs (der größte Kurs dieses Jahrgangs, aber schon damals war Altgriechisch an Gymnasien ein rares Randgebiet – 2004 habe ich einen nostalgischen Text darüber gebloggt). Vielleicht glich der Stil, in dem Herr Nusser seinen Kurs leitet, deshalb dem universitären Seminarstil, wie ihn Mendelsohn beschreibt – weil er selbst so frisch von der Uni kam. Wir fühlten uns ernst genommen, in keiner Phase meiner Schulzeit wuchs ich so viel.

In diesem Handlunsgsstrang vermittelt Mendelsohn durch die Passagen, die er im Seminar bespricht, und durch die Unterrichtsgespräche die Struktur der Odyssee, Hintergründe über Schlüsselbegriffe, auch die heutigen Reaktionen und Lesarten, daneben seine eigene Studiengeschichte mit Homer.

Zum anderen ist das hier aber auch ein Buch über seinen Vater Jay – wie der Titel schon sagt. Ein schwieriger Mensch, geprägt durch die brutale Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das brachte mich zum Nachdenken über meinen eigenen Vater, gerade weil er in so vieler Hinsicht anders ist als der beschriebene. Parallelen sah ich in der jetzigen Lebensphase, in der die Fürsorgerichtung sich langsam von Elternfürsorge für Kinder zu Fürsorge für die alternden Eltern dreht.

Mal wieder erinnerte ich mich an den Vorsatz, mir das Leben meiner Eltern von ihnen systematisch erzählen zu lassen – am liebsten in Gegenwart ihrer Enkel, denn es geht ja nicht nur um die Erinnerungen als Familiengeschichte, sondern auch um das Erlebnis des Erzählens.

Ein weiteres Thema des Buchs: das Lehren. Mendelsohn denkt an seine eigenen Lehrerinnen, Mentoren, sinniert, dass es immer spannend ist, wer aus einem Seminar Lebensveränderndes mitnimmt. Und er ist sich dessen bewusst, dass oft der oder die Lehrende am meisten von einem Kurs profitiert.

Ich kann schlecht beurteilen, wie das Buch bei jemandem ohne jeglichen Bezug zu Homer ankommt – kann mir aber vorstellen, dass es sogar ein guter Einstieg sein kann. Also: Große Leseempfehlung. (Die deutsche Übersetzung schien mir angemessen, nur an wenigen Stellen stolperte sie, an denen ich besonders amerikanische/umgangssprachliche Ausdrücke im Original vermute).

Hier eine lesenwerte Besprechung auf Geophon mit Interview-O-Tönen.

Im Guardian lobt Emily Wilson die Meisterschaft der Erzählstruktur und die Originalität des Buchs:
„An Odyssey by Daniel Mendelsohn review – a father, a son and Homer’s epic“.

Memoirs about reading are an interesting hybrid, located somewhere between criticism and personal recollection. An Odyssey is a stellar contribution to the genre – literary analysis and the personal stories are woven together in a way that feels both artful and natural.

§

Es war keine Wunderheilung über Nacht eingetreten, nach dem Weckerklingeln am Morgen meldete ich mich in der Arbeit krank. Ich stand zwar auf, um mit Herrn Kaltmamsell Milchkaffee zu trinken, doch nachdem ich ihn in den zweiten Tag seiner Fortbildung verabschiedet hatte, ging ich zurück ins Bett – und schlief nochmal ein paar Stunden (sicheres Zeichen für Krankheit, womit ich beruhigt war und meinem Körper glaubte, dass ich mich nicht nur anstellte und blau machen wollte). Um die Mittagszeit fühlte ich mich fit genug für Dusche und Straßenkleidung, auch für ein bisschen frische Luft: Draußen war nochmal ein heller, goldener und warmer Oktobertag. Ich machte eine kleine Einkaufsrunde zum Basitsch (für den Abend war mit Herrn Kaltmamsell Hiehnebriehe mit Tortellini verabredet, deren Zutaten besorgt werden mussten) und merkte, dass ich mal besser sehr langsam ging.

Daheim hatte ich dann richtig Hunger. Es gab ein Laugenzöpferl, dazu den ersten Granatapfel der Saison (Vitamin C!) mit Joghurt. Ich trank heißen Ingwer, dann war ich wieder bettmüde. Nochmal zwei Stunden tiefer Schlaf.

Erleichterung, dass meine Hüfte in den letzten Tagen zumindest beim Schlafen nicht zickte und ich mich im Bett nicht auch noch damit herumschlagen musste. Insgesamt litt ich ohnehin nicht allzu sehr, außerdem hatte ich den Eindruck, dass die Erkältung den Zeitraffer einlegt hatte: Bereits am ersten vollerkälteten Tag zeigten sich alle Phasen von Rachenweh über Rotz bis Husten.

Wieder wach buk ich Bagels und setzte das Huhn auf: Angebräunte Zwiebel, als Suppengrün nahm ich von den Gemüseresten, die wir in der Gefriere sammeln, Lorbeerblatt, Wacholderbeeren, Pfefferkörner, Salz.

Als Herr Kaltmamsell abends heim kam, war die Brühe fertig, ich schöpfte sie in einen eigenen Topf und erhitzte darin die gekauften Tortellini mit Ricottafüllung.

Danach gab es noch ein wenig Hühnerfleisch, außerdem Schokolade. Krankheitsgemäß früh ins Bett, ich begann die Lektüre von Margaret Atwoods The Testaments.

§

In einem Interview lassen sich die Politikwissenschaftlerinnen Judith Götz und Eike Sanders fragen:
„Rechter Terror: Sind Männer das Problem?“

via @annalist

Judith Götz: Es handelt sich dabei um Männer, die an einen Maskulinismus appellieren. Frauen werden dabei als Opfer konstruiert und Männer als Beschützer, die den imaginierten Untergang aufhalten können, indem sie sich zur Wehr setzen. In diesem paranoiden Wahn scheint dann oft jedes Mittel recht. In ihrer Vorstellung hat der Krieg längst begonnen. Diese Weltsicht appelliert insbesondere an Männer.

Frau Sanders, ist diese Weltsicht neu, oder gibt es sie schon immer?

Eike Sanders: Die Figur, dass der Mann berufen ist, die Frau und damit den Volkskörper zu beschützen, ist alt. Neu ist, dass der Feminismus und Gender-Theorien und die Auflösung der Geschlechterordnung, die als „natürlich“ apostrophiert wird, als Feindbild explizit in den ansonsten sehr dünnen Manifesten der Attentäter auftaucht.

(…)

Judith Götz: Antifeminismus hat für die extreme Rechte auch viele Vorteile. Unter dieser Klammer kommen viele unterschiedliche Akteurinnen und Akteure zusammen. Diese kommen auch aus der Mitte der Gesellschaft, sie verteidigen die Dichotomie der Geschlechterordnung. Viele Menschen erleben das als Orientierung und Beruhigung. Alles andere wird als bedrohlich wahrgenommen. Antifeminismus hat dadurch eine Brückenfunktion zwischen der Mitte und Rechts.

Journal Dienstag, 15. Oktober 2019 – Oktobersommer mit Dim-Sum-Abend

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Diese abendlichen Entspannungsbäder bringen meinen Körperhygienerhythmus durcheinander.
Weil ich Montagabend gebadet hatte und sauber ins Bett gegangen war, nachts auch nicht sehr geschwitzt hatte, braucht ich gestern Morgen nicht zu duschen. Meine Haare waren so wenig schlafverlegen, dass nasse Hände für eine brauchbare Frisur reichten. Ich war also 15 Minuten früher fertig als sonst, hätte den Wecker auf später stellen können.

Vermutlich deshalb kam ich auf die Idee, ein Parfum meiner Jugend aufzulegen: Die Flasche Dalí steht seit mindestens 25 Jahren dekorativ im Badregal, ihr Flüssigkeitspegel nur minimal gesunken (im Gegensatz zu den meisten anderen Flaschen meiner kleinen Sammlung, deren Inhalt trotz Sprühventil und geschlossenem Deckel erstaunlich schnell verdunstet; Organza habe ich zum Beispiel nur kurze Zeit nach Kauf verwendet, doch mittlerweile ist die Flasche halb leer). Ich war einfach neugierig, was der Duft, den ich nach seinem Erscheinen 1985 bis Ende der 80er hin und wieder trug, heute mir mir machen würde. Im Büro stellte ich schnell fest, dass ich auch olfaktorisch eher nicht an die 80er erinnert werden möchte. Aber da musste ich nächsten Stunden halt durch.

Im Morgengrauen brauchte ich beim Radeln in die Arbeit noch Handschuhe, doch über den Tag wurde es wieder bombig warm.

Wieder eine Besprechung mit Alpenblick. Der höchste Berg am Ende des Gebirgszugs müsste die Zugspitze (d’uh) sein.

Mittags Tomaten und Gurken mit einem Laugenzöpferl, nachmittags Quark mit Maracuja – ich bin immer wieder begeistert, dass so wenig Obst so viel Geschmack verbreiten kann.

Auf dem Heimweg Einkaufsstopp beim Vollcorner, danach stopfte ich meine Jacke in den Radlkorb: Es war zu warm für Jacke.

Zum Nachtmahl war ich mit Herrn Kaltmamsell aushäusig verabredet: Der Ernteanteil der Woche war aufgegessen, wir hatten frei. Ich hatte einen Tisch zum Dim-Sum-Essen im LeDu in der Klenzestraße reserviert (ist mittlerweile eine Gruppe von vier Lokalen in ganz München).

Schön eingerichtetes Restaurant, für einen Menüpreis von 24 Euro wählt man vier Dim Sum von der Karte. Die Auswahl fand ich genau richtig abwechslungsreich und groß, auch fleischlos gab es Einiges. Ich hatte Lust auf einen Cocktail und bestellte einen Munich Mule.

Die Dim Sum waren sehr gut, offensichtlich selbst gemacht und sehr aromenreich.
Meine Auswahl:

Wan Tan mit Preiselbeer-Chili-Dip, gefüllt mit Garnelen, Schweinefleisch und Shiitakepilzen.

Dumplings mit mit Bio–Schweinehackfleisch und Sauerkraut, Glasnudeln, Ingwer, Lauchzwiebeln (Favorit 1).

Aubergine in hausgemachter Yuxiang-Soße mit Hefekloß (Favorit 2 – unglaubliche Aubergine außen knusprig, innen cremig).

In Lotusblätter gewickelter Klebreis mit Shiitake-pilzen und Hühnerbrustfilet, Koriander-Dressing – in Brighton immer einer meiner Lieblinge, hier mit deutlich frischerem Lotusblatt, das mir entgegenduftete, Füllung reichhaltiger als in Brighton weil mit viel geringerem Reisanteil.

Herr Kaltmamsell (der jetzt so richtig erkältet war, der ärmste) hatte bestellt:

Suppe mit veganen Klößchen (aus Karotten, Zucchini und Edamame).

Shao Mai mit Klebreis, Sojasprossen, Karotten, Koriander, Erdnuss und Edamame.

Schweinerippchen in Zitronengras-Aprikosensoße – seine Standardbestellung beim Dim-Sum-Essen.

Und die sehr interessante gefüllte, frittierte Lotuswurzel, die wir vergessen haben zu fotografieren.

Daheim steckte ich Herrn Kaltmamsell mit einer Tasse heißer Honigmilch ins Bett, selbst nahm ich brav mein Entspannungsbad und las im Bett länger als geplant.

§

Andrea Diener hat Saša Stanišić gleich nach seinem Gewinn des Deutschen Buchpreises gesprochen:

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https://youtu.be/T-SiBX5J2fI

Und jetzt weiß ich nicht nur, dass Saša Stanišić Twitterthreads und öffentliche Dokumentarbeit fürs Romaneschreiben nutzt, sondern dass der prämierte Roman Herkunft in einem Textadventure endet. Wird Zeit ihn zu lesen.

Journal Sonntag, 6. Oktober 2019 – Ein schöner 75.

Montag, 7. Oktober 2019

Der 75. Geburtstag meiner Mutter fiel auf den gestrigen Sonntag, sie feierte mit einem ausführlichen Brunch in einem schönen Hotel.

Herr Kaltmamsell und ich fuhren durch einen kalten grauen Tag nach Ingolstadt.

Fußweg vom Nordbahnhof zum Hotel. Dort gerieten wir erst mal in die falsche Veranstaltung – ich hatte mich schon gewundert, dass wir vor einem Kellerraum von zwei Frauen an Stehtisch empfangen wurden, die unseren Namen wissen wollten.

Die richtige Geburtstagsfeier fand in einem schönen Raum mit Türen zu einer Terrasse statt. Ich freute mich sehr, den alten Freundeskreis meiner Eltern mal wieder zu sehen: In den letzten Jahren feierten meine Eltern Feieranlässe immer separat einmal mit Familie und einmal mit Freunden – ganz große Gesellschaften mochten sie nicht mehr so gern. Diesem alten Freundeskreis geht es erfreulich gut, auch wenn die ältesten bereits die 80 überschritten haben. Klar gibt es Erkrankungen und Verletzungen, doch es ist weiterhin ein fröhlicher Haufen (und alle gehen ohne Hilfe).

Es gab Feines zu essen: Erst Frühstücksbuffet, dann ein warmer Gang (Ente mit Blaukraut und Knödeln), schließlich Kuchen. Dazwischen brillierte die Bruderfamilie mit A-capella-Gesang – erst die drei Enkel (18, 16, 14) mit „Only you“, ein weing später alle fünfe mit einem umgedichteten „Don’t worry be happy“ (-> „Die Oma hat Geburtstag“). Es war so schön, die Jubilarin vor Stolz strahlen zu sehen.

Draußen regnete es seit einiger Zeit ernsthaft und ausdauernd. Wir hatten keinen Schirm dabei, zurück zum Bahnhof ließen wir uns fahren.

Die Unterführung des Nordbahnhofs ist seit Kurzem professionell mit Nennung und Motiven der Ingolstädter Partnerstädte bemalt.

Und mit dem blauen Panther aus dem Ingolstädter Wappen (der im 14. Jahrhundert den Hl. Mauritius gefressen hat?).

Rückfahrt durch noch grauere Landschaft.

Da ich gestern besonders stark humpelte (Zefix!), nahmen wir die Tram nach Hause und sparten uns den letzten Slalom durch Oktoberfest-Cosplayer – jetzt ist endlich Schluss.

Daheim Räumen und Kruschen, Vorbereitungen für die Arbeitswoche. Ich raffte mich wieder zum Entspannungsbad mit anschließenden Dehnversuchen auf, meine Hoffnung auf den Nutzen schwindet. (Aber wie immer muss ich unbedingt sicherstellen, dass es nicht an mir liegt!)

Auf der Zugfahrt hatte ich den Friedrich Ani ausgelesen (na ja), im Bett las ich hinein in Daniel Mendelsohn, Matthias Fienbork (Übers.), Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich.

Journal Freitag, 27. September 2019 – Theresienwiesenumfahrung zum Wochenende

Samstag, 28. September 2019

Uiuiui – nachts erst gegen Ende Schmerzen, doch die dann den Tag über wieder richtig behindernd: Trippelschritte, nicht mal Lust, vom Schreibtisch aufzustehen. Nachmittags dann schlagartige Besserung, für die ich keinen Auslöser sah – so kann ich doch nicht an meinen Beschwerden arbeiten.

Morgens auf der Fahrt ins Büro durch milde Luft war ich gerade noch mit dem Rad am Haupteingang (gegenüber ehem. Klohäusl „Das Bad“) des Oktoberfests vorbeigekommen, als bereits Barrieren für jede Art von Durchfahrt und -gang aufgebaut wurden. Um 7:30 Uhr standen bereits große Gruppen Bajuwaren-Cosplayer auf den Straßen und Wegen davor.

Mittags Trauben, außerdem Birnen mit Hüttenkäse und etwas selbst gemachtes Granola (möglicherweise habe ich seit einigen Jahren Verdauungsprobleme mit Cocosflocken, vielleicht vor allem mit gerösteten Cocosflocken).

Noch wenig herbstliche Aussicht.

Mal wieder ein Füßebild.

Wirklich früher Feierabend, es war nichts mehr zu tun. Ich schaffte mir Anlässe, die Theresienwiese in großem Bogen zu umfahren, indem ich über Donnersbergerbrücke und Nymphenburger Straße zum Stiglmaierplatz radelte, wo ich meinem Leibfriseur ein Stück Haarseife vorbeibrachte: Er probiert gerade einmal quer durchs Marktangebot, ich wollte ihm meinen bisherigen Favoriten präsentieren (Rosmarin).

Ich schlug den Bogen noch weiter und radelte über Briennerstraße und Hofgarten zur Hofbräumühle – in Maximilian- und Falkenbergstraße musste ich hinter einem Touristen-Pferdewagen herschleichen, doch die beiden prächtigen Rösser unterhielten mich netterweise mit filmreifem Gewieher.

Mit fünf Kilo Mehl im Rucksack (2,5 kg Roggenmehl 1370 und 2,5 kg Pizzamehl aus mühleneigener Mischung) radelte ich über den Viktualienmarkt und Oberanger vorsichtig zwischen Baustellen und Cosplayern nach Hause.

Ich setzte Pain d’epices zur glücklichen Foie gras am Samstagabend an, Herr Kaltmamsell machte uns Brandys Alexander.

Zur weiteren Feier des Arbeitswochenendes gab es Rind aus der Pfanne und geschmort, dazu Fraktalesco aus Ernteanteil. Angestoßen mit einem Glas südafrikanischem Neethlingshof Owl Post.

Aus einem Tweet des Autors erfuhr ich, dass Anfang 2020 Bov Bjergs nächster Roman veröffentlicht wird: Serpentinen. Auf Nachfragte bestätigte Bov, dass das Roman zu seiner gleichnamigen Klagenfurt-Geschichte von 2018 ist, der wundervolle Klagenfurt-Text (hier nachzulesen) ist der Anfang.
Und am 5. Dezember kommt die Verfilmung von Bov Bjergs Auerhaus in die Kinos! (Vor der fürchte ich mich allerdings ähnlich wie vor der von Tschick.)

§

Wenn schon mal mich ein Artikel über eine Fernsehserie interessiert:
„The Doctors Made ER Great. The Nurses Made It Radical.“

via @TillRaether

The most radical thing about ER — the element of the show that no subsequent medical show has replicated or improved upon — is that it was always also a show about nurses.

ER ist die eine von zwei Fernsehserien, die ich klassisch bingegewatcht habe (gebingewatched?).

The depth of the nursing staff on ER was just one expression of the show’s defining approach, especially in the earlier seasons. ER is full — where House, Grey’s Anatomy, and The Good Doctor all take place in echoing clean spaces, often including empty sweeping staircases and massive glass walls, ER’s County General is a crowded, messy, lived-in space. There are signs and pieces of paper hung all over the walls. In one of my favorite shots from the pilot episode, Dr. Greene shimmies past a ladder set up in the hallway, where a maintenance worker is replacing a long fluorescent bulb that nearly misses hitting Greene over the head. No one mentions it, and Greene hardly even flinches. This is just what the ER is like; there are so many characters and so many stories happening in every imaginable corner of the facility that Greene trips over at least four of them walking down the hallway. Most of them we never see again, because they’re just one more piece of the inescapable background buzz. But the nurses are as much a part of the thrumming rhythm of the place as the doctors, and their bodies are a constant visible presence. They’re in the trauma rooms, they’re doing exams, they’re frantically calling for backup, they’re physically engaged in every case. Particularly in the earliest seasons of the show, you’re as likely to see one of the nurse characters filling a frame as you are one of the doctors.

Genau deshalb ist das eine von den beiden Fernsehserien geworden, die ich jemals wirklich intensiv verfolgt habe: Die Dichte, die Diversität und Vielzahl an Geschichten – von denen die meisten nie zu Ende erzählt werden, weil die Patientinnen und Patienten immer nur kurz und vorübergehend in der Notaufnahme sind.

Journal Mittwoch, 25. September 2019 – Isabel Bogdan, Laufen

Donnerstag, 26. September 2019

Die Hüftbesserung hielt leider nur 36 Stunden: Schon in der Nacht kamen die Schmerzen wieder, am Tag war ich wieder schwer beweglich, hatte immer wieder das Bedürfnis nach Aushängen an einer Stufe. Wir arbeiten weiter daran.

Mittags die ersten Roten Bete der Saison, die ich am Vorabend gekocht und zu Salat verarbeitet hatte. Außerdem eine Mango mit Joghurt.

Geplant war früher Feierabend, um mit Herrn Kaltmamsell Downton Abbey im Kino anzusehen. Doch ich kam nicht rechtzeitig raus, war zudem nach viel Arbeit völlig gerädert. Ich fürchte, nach einem normalen und normal langen Arbeitstag (bei mir also eher neun Stunden) brauche ich den Feierabend einfach zum blöd Schaun.

Herr Kaltmamsell hatte nochmal frische Pasta gekauft, diesmal mit Ricotta und Spinat gefüllte, servierte sie wieder mit Salbei und Butter. Schmeckte sehr gut.

Als Abendunterhaltung schalteten wir den Fernseher nach der Tagesschau aus (auch der offizielle Versuch einer Amtsenthebung wird Trump nichts anhaben, die Normalität hat sich mittlerweile so verschoben, dass ihm nichts etwas anhaben kann / in UK verschiebt sich die Normalität ebenfalls weiter, wie sie es mit der Brexit-Kampagne begonnen hat; die Parallelwelt, die Boris Johnson geschaffen hat, macht unter anderem ihn unantastbar). Ich las Isabel Bogdans zweiten Roman Laufen aus.

Er gefiel mir sehr gut, ist ausgezeichnet gemacht. Als Form hat sie diesmal die Novelle gewählt: Der Roman ist kurz (Lesezeit gut 2 Stunden), hat eine überschaubare Anzahl Protagonisten – nur die Hauptfigur und ihr Partner bekommen eine Hintergrundgeschichte und Tiefe – und nur einen Handlungsstrang, ist um den Impuls einer verstörenden Begebenheit gebaut, hat einen klaren Aufbau und eine konkrete Situation. Diese konkrete Situation ist das titelgebende Laufen: Wir begleiten über das ganze Buch die innere Stimme der Protagonistin beim Laufen in Hamburg im Park oder an der Außenalster. Zu Beginn hat sie das Laufen nach einer langen Pause wieder angefangen, die Kapitel sind jeweils einzelne Läufe in den darauf folgenden Monaten.

Mit der Wiedergabe dieser inneren Stimme erforscht der Roman die vielfältigen und oft widersprüchlichen Gefühle bei der Hinterbliebenen eines Suizids. Die Stimme hadert immer wieder und aus verschiedenen Perspektiven mit der letztendlich tödlichen Depression des Partners (u.a. „Wie kann man denn Dinge so gern tun und trotzdem nicht mehr leben wollen?“), mit der Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Während eines Laufs geraten die Gedanken selbst an den Rand einer Depression, die Stimme hält sich für eine „Zumutung“ und möchte am liebsten nicht da sein. Ich glaube, das Buch kann man gut lesen, wenn man Depressionserfahrung hat; aber es könnte Folter für Angehörige von Depressiven sein.

Für dieses Hadern und Nachdenken, in der sich die Entwicklung der Verarbeitung spiegelt, eignet sich die Technik des Inneren Monologs beim Laufen perfekt – ein wirklich gelungener Kunstgriff. Isa schafft damit einen glaubwürdigen Rahmen für inneren Abläufe, die zwischen Selbstreflexion, emotional belasteten Erinnerungen, Wahrnehmung der Umgebung im Wandel der Jahreszeiten, Blick auf andere Läuferinnen und Läufer, Erinnerung an kürzlich Erlebtes wechseln. Gleichzeitig zeichnet sie dabei indirekt das Bild eines ganzen zeitgenössischen Frauenlebens.

Ich mochte auch, dass der Alltag der Protagonistin Details enthält, die auch für mich zum Alltag gehören, die ich aber noch nie in der deutschsprachigen Literatur gesehen habe: Zum Beispiel die Erwähnung von Bloglesen, und es wird en passant die Existenz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften vorausgesetzt, unmarkiert. Und mir gefiel, dass durch die Sprache immer wieder die Isa Bogdan schien, die ich durchs Bloggen vor vielen Jahren kennengelernt habe: durch „Äpfelchen“, durch „so’n Scheiß“. (Das wäre eine deutlich sinnvollere Interviewfrage als das stereotype „Haben Sie das in Echt erlebt?“: Wie viel von der Sprache des Buchs sind Sie selbst?)

Was nicht idealtypisch für eine Novelle ist: Es gibt keinen Wendepunkt, der alles ändert – der ist bereits vor Einsetzen der Novelle passiert.

Leseempfehlung!

§

Und wenn wir schon bei Kunst von Bloggerinnen meiner Bekanntschaft sind: Katia Kelm hat eine fünfteilige Reihe namens „Eure Mütter“ gemalt. Ich mag schon sehr gern, wie Katias bissiger Witz Malerei wird.
„eure mütter“.


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