Bücher

Journal Sonntag, 24. Januar 2021 – Bücherflohmarkt!

Montag, 25. Januar 2021

Ausgeschlafen mit wenigen Unterbrechungen. Im letzten Abschnitt ein aufregender Traum, in dem ich mit dem Radl über den Rand einer Brücke über ein bewohntes Tal abkam (ich musste ausweichen) und zufällig genau im winzigen Balkon einer Dachwohnung landete (musste nur noch die Bewohnerin bitten, mich rein- und durchzulassen, entschuldigte mich vielmals).

Gedrosselter Sport, weil mein Körper sich recht zerschlagen anfühlte: Halbes Stündchen Crosstrainer, halbes Stündchen Reha-Gymnastik. In meinem Alter an ein Wunder grenzend: Danach fühlte ich mich weniger zerschlagen (Sie erinnern sich an die Trainingsregeln von Vanessa Giese?)

Zum Frühstück gab es das restliche selbst gebackenes Hartweizenbrot mit Schimmelkäseaufstrich und Apfelkuchen.

Der Tag war windig, aber trocken, hin und wieder zeigte sich sogar die Sonne. Ein wenig wollte ich ins Draußen und spazierte über den Alten Südfriedhof an die Isar (Luft dann doch recht kalt). Doch es waren so viele Menschen unterwegs, auch in schwer ausweichbaren Gruppen, dass ich für Abstand schnell in unansehnliche, aber leere Nebenstraßen auswich.

Alter Südfriedhof im Schmuddelwinter.

Daheim eine Einheit Yoga (wenig Gelaber, angenehm viel Bewegung), Nachmittagssnack Grapefruit mit Joghurt.

Gemeinschaftliches Video-Telefonat mit Herrn Schwieger im Krankenhaus (wo er seit vielen Wochen sein muss, unbesuchbar): Ich freute mich arg ihn zu sehen, vor allem über den munteren Eindruck, den ermachte.

Buchlesen bis zum Abendessen: Herr Kaltmamsell hatte Cornish Pasties gebacken.

Weil auf Twitter Interesse an unseren aussortierten Büchern aufblitzte, fotografierte ich die Buchrücken und postete sie als Thread, zu vergeben gegen Porto oder Abholung – mit dem Erfolg, dass ich gestern Abend drei weitere Pakete fertigmachen konnte.

Noch zu haben sind (ich aktualisiere im Lauf des Tages):
Nachtrag 26.1.: Eine Leserin hat sich eben bereit erklärt, ALLE restlichen Bücher abzunehmen, jetzt sind sie also weg.

Aktualisierung: Weg ist Virginia Woolf.

Aktualisierung: Weg sind die beiden Reiss, Im Haus der großen Frau, Das Delta der Venus, Selbs Mord.

Aktualisierung: Weg ist Spanish Farm Trilogy, Plays Unpleasant.

Außer dem Anton Reiser.

Aktualisierung: Weg sind Die Kunst des Liebens, Der Decameron.

Außer IBM and the Holocaust.

Aktualisierung: Weg ist die Spoon River Anthology.

Aktualisierung: Weg ist James Herriot.

Außer Val McDermid.

Aktualisierung: Weg sind Alexander McCall Smith und The Finkler Question.

Aktualisierung: Weg sind Früchte des Zorns und Bumerang.

Außer Waldo und How to do things with words.

Aktualisierung: Weg ist The Ghosts of Malta.

Aktualisierung: Weg ist Giacomo Joyce.

Außer Val McDermid.

Aktualisierung: Weg ist Sujata Massey. Jetzt auch Nick Hornby.

Aktualisierung: Minette Walter ist weg.

Bei Interessen gerne E-Mail an den Kontakt links oder einen Kommentar. Zur Arbeitserleichterung (Albtraum: 80 Mal ein bis zwei Bücher zur Post bringen müssen) wünsche ich mir eine Mindestabnahme von zwei Kilo – wenn Ihr Wunsch weniger wiegt, könnte ich einfach nach Gutdünken auffüllen?

§

Markus Decker arbeitet seit 20 Jahren als politischer Korrespondent in Berlin; hier schreibt er einen sehr persönlichen Rückblick.
„Politischer Korrespondent in Berlin: Einfach mal in Ruhe zuhören“.

via @flueke

Parallel zur Digitalisierung hat eine zuweilen ätzende Polarisierung Platz gegriffen, auch unter Journalisten. Zufall ist diese Parallelität kaum. Zwar sollte man sich vor einer Romantisierung des Vergangenen hüten. In den 1970er-Jahren wurden Repräsentanten des Staates bisweilen auf offener Straße erschossen.

Anfang der 1980er-Jahre lautete die Losung in linken Kreisen: „Stoppt Strauß!“ Gemeint war Franz Josef Strauß von der CSU, der wahlweise als reaktionär oder gemeingefährlich galt. Der spätere Kanzler Helmut Kohl wurde gewohnheitsmäßig als „Birne“ verhöhnt. Härte gab es stets. Es gibt ohnehin wenig, was nicht schon mal da gewesen wäre. Was manche für neu halten, ist überwiegend Folge eines schlechten Gedächtnisses.

(…)

Dass ein Journalist morgens ins Büro geht und wie ein Bäcker oder Metzger ehrlichen Herzens versucht, das Beste zu geben, scheint manchen Bürgern nicht mehr vorstellbar. Derlei Wutbürgerei macht mich gelegentlich zu einem wütenden Korrespondenten. Selbst in jenen linken Kreisen, die Donald Trump für das Allerletzte halten, hat sich die Trump-Vokabel „Fake News“ eingebürgert. Wir sind, soweit ich sehen kann, die einzige Berufsgruppe, der bei Fehlern Absicht unterstellt wird.

Es macht jedenfalls einen Unterschied, ob man als Journalist in der Demokratie arbeitet oder als Journalist für die Demokratie – letztere also als gefestigt gelten kann oder eben nicht. Da Journalisten allein in der Demokratie ungehindert arbeiten können, kann es so etwas wie Neutralität gegenüber ihren Feinden nicht geben.

Distanz hingegen bleibt zwingend. Die Kunst besteht darin, die Balance zu halten. Und klar ist: Je vehementer er angegriffen wird, desto mehr hänge ich dem demokratischen Mainstream an. Er ist, wie wir nicht bloß in den USA begutachten können, das Beste, was wir haben.

Je vehementer er angegriffen wird, desto mehr hänge ich dem demokratischen Mainstream an. Er ist, wie wir nicht bloß in den USA begutachten können, das Beste, was wir haben.

Journal Sonntag, 17. Januar 2021 – Schneetag drinnen

Montag, 18. Januar 2021

Zerstückelte Nacht, dennoch fühlte ich beim Aufwachen kurz vor sieben erfrischt.

Ich meldete mich online zur Covid-19-Impfung an, für Bayern geht das auf dieser Website. Dazu muss man sich erst mal registrieren, dann mit diesen Daten einloggen, Online-Formular ausfüllen (der Risikofaktor Bluthochdruck verbirgt sich hinter dem Fachbegriff „arterielle Hypertension“ – ich hatte den Verdacht, das sollte ein aktives Verstecken sein, weil der wohl auf viele zutrifft), abschicken.
Bestätigungsmail: „Ihre Anmeldung zur COVID-19 Impfung wurde erfolgreich entgegengenommen.“
Jetzt heißt es warten, bis ich in ein paar Monaten dran bin. Doch sehr wahrscheinlich komme ich durch aktive Anmeldung schneller an eine Impfung als durch Warten, dass man mich findet.

Sport war gestern eine Stunde Reha-Kraftsport. Ich hoffe, es wirft mich nicht in der Heilung zurück, wenn ich ihn nur einmal die Woche schaffe.

Draußen schneite es ein wenig, eigentlich den ganzen Tag über.

Gegen Mittag machte ich einen vereinbarten Abstecher zu den Mietern unserer künftigten Wohnung, um ein paar Wände auszumessen (einmal für den Schreiner, der den Einbauschrank anfertigen soll, zum anderen für Herrn Kaltmamsells Buchregalplanung). Der Ausblick aus meinem künftigen Schlafzimmer:

Zum Frühstück gab’s Brot aus eigener Fertigung (auch am Tag nach Backen sehr gut) mit Butter und Schinken, eine Schüssel Granatapfelkerne.

Einen unangenehmen Brief geschrieben, um den ich mich seit Wochen drücke (es geht um die Einforderung einer ausstehenden Rückzahlung). Ehrlich gesagt seit Monaten. Wenn das nicht funktioniert, muss ich mich nach professioneller Unterstützung umsehen.

Im Sessel die Wochenend-Zeitung gelesen, immer wieder raus in den Schnee geschaut. Ich beschloss, dass mir das so gefiel: aus dem gemütlichen Drinnen rauszuschaun. Und nach Langem mal einen Tag nicht rauszugehen.

Statt dessen bügelte ich ein Stündchen, mehr hatte sich in den vergangenen Wochen nicht gesammelt. Dabei hörte ich ein Stück Podcast Plötzlich Bäcker von Lutz Geißler mit Holger Klein, es ging um „Faule Brote für faule Bäcker“.

Im bereits Dunkeln gönnte ich mir eine Runde Yoga, die Einheit 8 bestand aus purer Sanftheit (mache ich nicht ein zweites Mal, hebe ich mir für Bedarf nach Entspannung auf).

Als Nachmittagssnack ein Schüsselchen Zwetschgen – ohne Teig, ganzganz ausnahmsweise warfen wir gestern ein Lebensmittel weg.

Ich las weiter in Bernardine Evaristo, Girl, Woman, Other, das mir sehr viel Vergnügen bereitet. Passend dazu stand anlässlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung im jüngsten SZ-Magazin ein Interview mit ihr (€):
„‚Ältere Frauen sind viel interessanter als junge Leute'“.
Unglücklich gewählte Überschrift, dass ist sicher nicht die zentrale Aussage des Interviews: Evaristo geht es viel mehr um das Sichtbarmachen nicht-weißer Menschen in der britischen Gesellschaft – wie sie schon nach der Auszeichnung mit dem Booker Price 2019 betonte.

Als Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die spanischen Wurstwaren aufgebraucht, die ich vor Monaten gekauft hatte und dann im Kühlschrank vergessen: Es gab Kutteln auf Madrider Art (Callos a la Madrileña).

§

Antje Schrupp dröselt auf, wie wir so tief ins Pandemie-Schlamassel geraten konnten:
„Warum Corona tödlicher ist als Ebola“.

Bei einem Virus wie Corona haben Chefs ein persönliches Interesse, ihre 100 Mitarbeiter:innen ins Büro zu holen. Denn selbst wenn dort Corona zirkuliert und sich die Hälfte der Leute ansteckt, stirbt statistisch nur einer oder zwei. Ein Risiko, das viele bereit sind, einzugehen. Würde es sich hingegen um Ebola handeln, müsste der Arbeitgeber damit rechnen, dass im Fall eines Ausbruchs die Hälfte der Belegschaft hinterher tot wäre – dieses Risiko wird er nicht eingehen, nicht nur aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus reinem betrieblichem Eigeninteresse. Wäre Corona Ebola, wären längst alle im Homeoffice, die das nur irgend könnten.

(…)

In Europa herrscht eine Art Common Sense darüber, dass es falsch ist, moralische Ansprüche an Menschen (also zum Beispiel auch sich selbst) zu stellen, dass es in ethischer Hinsicht völlig okay ist, egoistisch zu handeln, solange man nichts Illegales tut. Aus diesem illusionären Traum wurden wir nun von Corona unsanft geweckt. Corona hat uns gezeigt, dass unsere Kultur, in der es als moralisch legitim gilt, in erster Linie die eigenen Interessen zu verfolgen, solange es im Rahmen einer formal-demokratischen Rechtsstaatlichkeit geschieht, nicht in der Lage ist, externe Herausforderungen zu bewältigen.

Journal Donnerstag, 14. Januar 2021 – China Miéville, The City and the City

Freitag, 15. Januar 2021

Die Nacht war wieder ein bisschen besser, ich arbeite mich an Normal heran.

Temperatur knapp über Null, dennoch vorsichtiger Arbeitsweg, weil genau bei diesem Wetter der Boden gerne mal mit Glätte überrascht. Abkürzung des letzten Wegstücks durch die U-Bahn-Unterführung Heimeranplatz.

Nachdem schon seit Wochen auf den Werbeflächen unten an den Gleisen nur Eigenanzeigen der Stadtwerke zu sehen waren (die Münchner Verkehrsgesellschaft MVG gehört zu den Stadtwerken), gibt jetzt auch niemand mehr Geld aus für die Großflächenplakate in den Gängen. Wieder ein bisschen apokalyptisch.

Der Tag blieb sehr düster, es regnete, wurde kälter und schneite einmal gründlich.

Aus dem Augenwinkel sah ich durchs Fenster immer wieder einen großen Krähenschwarm, der ein wenig murmurierte, sich dann wieder auf einem riesigen malerischen winterkahlen Baum niederließ.

In der Arbeit fühlte ich mich sehr wie eine siegreiche Kriegerin, als ich auf einer völlig überlasteten Website etwas Berufliches bestellte – mich Web-Oma konnte kein zerschossenes Layout abschrecken. Gleich drauf hätte ich mich für eine kleine Änderung in ein unbekanntes CMS eindenken müssen: Ich suchte statt dessen nach einer HTML-Ansicht, darin ging’s schnell und verlässlich. WIR HABEN UNSERE ERSTEN BLOGS JA NOCH MIT BINDFADEN UND HAMMER GEBAUT!

Mittags gab es ein Butterbrot und eine Kiwi, nachmittags eine Scheibe trocken Brot.

Heimweg über eine festgetretene Schneedecke, die an vielen Stellen verdächtig glänzte: Ich ging wieder vorsichtig und mit stabil angespanntem Rumpf. Einkaufsabstecher zum Vollcorner, ich arbeitete unsere Liste ab.

Herr Kaltmamsell hatte den ersten Ernteanteil des Jahres abgeholt. Nach einer Runde Yoga war daraus das Abendbrot Radicchio als Salat mit Balsamicodressing, außerdem Käse, Brot.

§

China Miéville, The City and the City hatte ich am Wochenende ausgelesen. Ein Krimi in einen utopischen Set-up: Er spielt in einer Stadt, die aus zweien besteht, Besźel und Ul Qoma. Geografisch sind sie an exakt derselben Stelle, exisiteren aber in parallelen Wahrnehmungswelten. Die Menschen haben von klein auf gelernt, die jeweils andere Stadt zu ignorieren, to unsee, selbst wenn sie die Straße oder den Park mir ihr teilen. Sprache und Kultur sind so unterschiedlich, dass es Spezialitätenrestaurants der einen Stadt als exotische Ausgehmöglichkeit in der anderen gibt. Um von der einen in die andere Stadt zu kommen, muss man durch ein riesiges Amt, die Visumsmodalitäten sind streng und komplex – um am Ende das Amt geografisch am selben Ort zu verlassen. Die Einhaltung dieser Wahrnehmungsfarce überwacht eine Institution, die über beiden Polizeien und Regierungen steht: Breach. Einwanderer dürfen die Städte erst nach wochenlanger Schulung betreten, selbst Touristen müssen belegen, dass sie über die Grundzüge Bescheid wissen.

Die Krimihandlung beginnt, als in Besźel eine Leiche aus Ul Qoma auftaucht. Der Inspector Tyador Borlú übernimmt die Ermittlungen, muss dazu aber auch mit seinem Gegenstück in Ul Qoma zusammenarbeiten, mit Senior Detective Dhatt. Ihre Recherchen entlarven einige Schwachstellen des Systems.

Ich fand das Set-up so attraktiv, dass ich den Roman unbedingt lesen wollte. Allerdings stellte ich im Lauf der Lektüre fest, dass ich mich immer weniger hineinfallen lassen konnte – anders als in andere utopische Realitäten. Je weiter ich las, desto häufiger stolperte ich über die schiere Hanebüchenheit dieses unsee, des eisernen Ignorierens der eigenen Wahrnehmung. Auch bekam ich zu wenige Hinweise, wodurch sich die Menschen der einen von denen der anderen Stadt unterschieden, sodass ihre Zugehörigkeit jederzeit eindeutig war. Ich konnte mir die erfundene Welt immer weniger statt immer besser vorstellen. Dewegen war ich schlussendlich enttäuscht: Das Konstrukt hielt der Nutzung durch die Krimihandlung nicht stand.

Interessant ist der Grundgedanke des Romans weiterhin. Für mich rief er von Anfang an: „ALLEGORIE!“ Am ehesten eine Allegorie auf Rassismus, genauer: auf Segregation. In einer segregierten Gesellschaft, zum Beispiel der in den USA der jüngeren Vergangenheit, teilten sich die weiße und die nicht-weiße Bevölkerung den geografischen Raum, es gab wie im Roman getrennte und gemeinschaftlich genutzte Bereiche. Gleichzeitig lebten sie in verschiedenen Welten, ignorierten einander. (Unterschied zu The City and the City: Die nicht-weiße Bevölkerung schwebte in ständiger Gefahr von Gewalt durch Weiße.)

§

Das Jahr ist noch jung, doch ist es nicht nur sofort stürmisch in Negativ-Konkurrenz zu 2020 getreten, sondern hat bereits einen musikalischen Internet-Star (vor zwei Wochen schon mal vorgestellt). Sollten Sie diesem Ohrwurm bislang entkommen sein, klicken Sie NICHT hierauf. Sollten Sie den Wellerman ohnehin seit Tagen vor sich hin summen, ist’s eh schon wurscht. (Inklusive historischem Hintergrund.)

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https://youtu.be/auI9Cx8SGX4

Ach, wenn wir schon dabei sind: Sieben Minuten Rechercheergebnisse zu #SEASHANTYTOK und der Geschichte von Sea Shantys.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/huwJ4a8FpTo

Journal Sonntag, 10. Januar 2021 – Es bleibt langweilig

Montag, 11. Januar 2021

Eine anstrengende Blog-Zeit: Ich langweile mich beim Aufschreiben all dieser komplett gewöhnlichen Dinge sehr. Aber hilft halt nichts, „es war nichts Besonderes“ ist auch eine Information beim späteren Zurückblättern.

Mittelschlechte Nacht mit Schwitzen und Aufwachen, zum Glück keine längere Pause. Und um sechs war sie halt vorbei. Derzeit dreht wieder ein Kasperl am Regler meiner Körpertemperatur.

Sport war ausführliches Reha-Krafttraining. Mal sehen, wie ich das in einer Vollzeit-Fünf-Tage-Woche unterbringe.

Zum Frühstück ein frühes Mittagessen: Bohnensuppe vom Vorabend, Granatapfelkerne.

Noch ein sonniger Tag. Obwohl ich mich schlapp fühlte, wollte ich ein wenig an die frische Luft: Ich spazierte an der Theresienwiese entlang zum Harras hoch, von der Theresienhöhe quer über die Theresienwiese zurück. (Überall genug Platz für reichlich Abstand.)

Zurück daheim gelesen, eine Runde Yoga, Marmorkuchen. Mich endlich mal wieder daran erinnert, die Kerzen im Wohnzimmer anzuzünden. Ich mag Kerzenlicht, habe immer Kerzen herumstehen – aber vergesse sie anzuzünden.

Zum Abendessen hatte Herr Kaltmamsell englisch gekocht: Steak&Kidney Pie.

Nach drei Wochen Pause die Wohnung wieder für den Einsatz des Putzmanns vorbereitet. Im Bett ein neues Buch angefangen: Booker Price-Gewinnerin Bernardine Evaristo, Girl, Woman, Other – begann gleich mal sehr anregend.

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Ist gerade Teil des großen Augenrollens in Deutschland/Bayern über Schule und Digitalisierung: Die Online-Plattform Mebis. Wenn Sie sich für sachliche Hintergründe interessieren, und die sind leider wie meist kompliziert (wenn nicht: gerne weiter augenrollen, denn Sie wussten es ja schon immer), empfehle ich den Blogpost von Maik Riecken, der am niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung NLQ arbeitet:
„Warum bekommen es die Kultusministerien es einfach nicht hin mit den Schulclouds?“

Und selbst wenn das bis März 2020 professioneller aufgesetzt gewesen wäre: Das System war nie für Distanzunterricht gedacht. Ebenso wenig wie selbst die am besten ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer je für Distanzunterricht ausgebildet wurden (und die haben eine Menge Methoden gelernt) – ich sehe ja allein schon an beruflichem Veranstaltungsmanagement, welch enorme Umstellung und Arbeit es ist, dieselben Inhalte für dieselben Zielgruppen als Online-Konferenzen anzubieten, da wächst gerade eine neue Dienstleistungsbranche. Denn dass es jemals zu sowas wie Distanzunterricht kommen könnte, war außerhalb jeder Vorstellung (abgesehen von der einiger Science-Fiction-Autorinnen).

Nein, es läuft nicht rund. Ja, es ist superscheiße, im Home Office zu arbeiten und gleichzeitig Schulkinder beaufsichtigen zu müssen – vor allem wenn die Schule nicht zu denen gehört, die sich mit vereinten Kräften (und meist unter Brechen von Vorschriften) ins Zeug gelegt haben und halbwegs nachvollziehbaren Distanzunterricht anbieten, sondern sich auf die Eigeninitiative der einen Fachlehrerin oder des anderen Fachlehrers verlassen, gleichzeitig aktive Kommunikation für Teufelswerk halten. Das ist übrigens etwas, was ich für Anlass zu berechtigtem Aufregen halte: Dass die allermeisten Schulen offensichtlich keine Pläne für Krisenkommunikation, wahrscheinlich nicht mal für Krisenmanagement in der Schublade haben, sich wohl überhaupt noch nie professionelle Gedanken über Kommunikation gemacht haben.

§

Jetzt aber mal SEX! Heidi Regan über ihre durchwachsenen Erfahrungen mit erotischen Rollenspielen.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/5wMtNSuPERw

In meinem Fall mit einem echten Lehrer. „Ich war ein böses Mädchen!“ „Warum glaubst du, du bist böse? Wer sagt das?“ etc.

Journal Donnerstag, 7. Januar 2021 – Mehr Schneebilder

Freitag, 8. Januar 2021

Früh aufgestanden, um nochmal die Folge 4 Yoga durchzuspielen, machte wieder Freude.

Arbeitsweg im Schnee.

In der Arbeit zunächst ein wenig Hektik wegen wiederangelaufenem Betrieb, legte sich aber im Lauf des Tags. Zum Mittagessen ein Rest Aloo Gobi, rote Paprika, Gurke, Granatapfel, nachmittags eine Scheibe Brot.

Immer wieder warf ich einem Blick auf den Fortlauf der Ereignisse in den USA (Trump-Fanatiker, die das Kapitol gestürmt hatten, ohne großen Widerstand der Sicherheitskräfte), ich bin gespannt, ob sie bleibende Auswirkungen haben (neben der Sperrung von einigen Trump-Kanälen auf Social Media).

Draußen schönes Winterwetter: Es war kalt genug, dass der Schnee liegenblieb, hin und wieder beschienen von trüber Sonne.

Ich merke, wie stark ich mich festhalte an meiner gewohnten Lebensroutine, wurzelnd in dem Bewusstsein, dass es halt nie besser werden wird und ich mich deshalb an netten Kleinigkeiten aufbauen muss. Die derzeit mangels Ausgeh- und Unterhaltungsmöglichkeiten auf Sonnenlicht und Aussicht auf ein wohlschmeckendes Abendessen schrumpfen.

Auf dem Heimweg ein kurzer Abstecher in den neuen Rewe. Herr Kaltmamsell servierte zum Abendessen die Beute aus einem Einkauf im neuen Asia-Supermarkt am Stachus: Aus der Gefriere DimSum, gefüllt mit Spinat oder mustard greens.

Abends traf sich meine Leserunde, auch diesmal wieder über Videotelefonie. Wir sprachen über Éric Vuillard, Nicola Denis (Übers.), Die Tagesordnung, das diesmal sogar alle gelesen hatten. Vuillard erzählt in dem schmalen Büchlein (Farce? Satire?) fünf Jahre aus dem Anfang des Drittes Reichs aus der Perspektive der Hinterzimmer, montiert aus historischen Fakten: Industrielle, die sich gefügig machen, Schuschnigg trottelig auf dem Obersalzberg, Ribbentrop als enervierend geschwätziger deutscher Botschafter in London, der Anschluss Österreichs, dessen Pomp durch nicht funktionierende Panzer gebremst wird, die per Bahn transportiert werden müssen. Daraus entsteht eine augenrollende Komik – die mich allerdings ratlos ob ihres Zwecks zurückließ. Dass große Geschichte aus kleinen, lächerlichen Menschlichkeiten besteht, ist ein roter Faden aller Ereignisse. Das Besondere der größten zivilisatorischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts sind sie nicht.

Gemeinsames Träumen von einer Leserunden-Zukunft mit gegenseitigem Bekochen und einem Ausflug in die Sommerfrische.

Bücher 2020

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Dieses Jahr ergab sich deutlich mehr Zeit zum Bücherlesen als in den Jahren zuvor. Was nur in den letzten beiden Monaten mit der Pandemie zu tun hatte, sonst mit meiner Hüft-Arthrose: Statt ausgiebigem Joggen, Schwimmen oder ganz-, wenn nicht sogar mehrtägigem Wandern las ich. Empfehlungen sind mit * markiert, die anderen gefielen mir gut genug, sie bis zu Ende zu lesen.

Mein Lesejahr war geprägt von Marieluise Fleißer, die mich mit allem beeindruckte, was sie schrieb. Zufällig hingegen war die Häufung von Romanen, die im England der ersten Hälfte 20. Jahrhundert spielten.

Meine gesammelten Buchbesprechungen finden Sie übrigens seit einiger Zeit auf Goddreads.

1 – Nancy Mitford, The Pursuit of Love*
Ich war von Anfang an sehr angetan von dieser nach Judith Kerr weiteren und ganz anderen Sicht auf die Zeit Ende der 30er, Anfang der 40er in Europa. Nancy Mitford hat nach eigenen Angaben viel von ihrer eigenen Familiengschichte für diesen Roman genutzt, in dem der Landadel noch ungebildeter und blasierter dargestellt wird als bei P.G. Wodehouse. Und doch spricht die Erzählerstimme gleichzeitig voller Zuneigung von der Hauptfigur Linda, die im Schloss ihres Vaters aufwächst, nie eine Schule besucht – und so in Zeiten ohne Massenmedien wirklich weltfremd groß wird. Wir erleben die Zeiten des spanischen Bürgerkriegs, der Vorkriegszeit in Paris und der Bombenangriffe auf London diesmal über die Geschichte einer naiven und rücksichtslosen Person, die einfach durchs Leben getrieben wird. Das Vorwort meiner Ausgabe (eine Sammelausgabe von drei Mitford-Romanen) ist von Philip Hensher und beginnt:

Nancy Mitford’s novels have always repelled as many people as they have enchanted, and the criticism they have drawn has not often been good-natured in tone.

Ich kann gut nachvollziehen, wenn sich jemand an der Frivolität von The Pursuit of Love stößt, doch in meinen Augen zeichnet der Roman ein wundervolles Sittengemälde, umso glaubwürdiger, weil die Autorin Teil der direkt und indirekt karikierten Gesellschaftsschicht war.

2 – Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, Stay with me

3 – Bov Bjerg, Serpentinen*
Hier ausführlich besprochen. Mit wachsendem Abstand gefiel es mir immer besser.

4 – Ali Smith, Autumn

5 – Thomas Bernhard, Der Untergeher

6 – Nancy Mitford, Love in a Cold Climate

7 – Bov Bjerg, Deadline

8 – Marieluise-Fleißer-Gesellschaft (Hrsg.), Fleißers Ingolstadt. Eine literarische Topographie*
Eine Besprechung findet sich hier unten.

9 – Granta 150, There Must Be Ways to Organise the World with Language

10 – Maya Angelou, I Know Why the Caged Bird Sings*
Hier ausführlich besprochen.

11 – Marieluise Fleißer, Erzählungen*
Sie haben mich mitgenommen, diese bitteren Geschichten, fast alle aus dem eigenen Leben. Die frühesten spielen kurz nach dem Ersten Weltkrieg, die letzten in den 1950ern. Alle sind sie sehr ingolstädterisch, nicht nur durch die Ortsmarken: Ich kenne diese kleinen, erbärmlichen Leute, meine polnische Großmutter lebte in dieser Gesellschaft.

Es sind Wörter wie Knochen, die Fleißer für ihre Texte verwendet, in diesen Erzählungen wie in ihren Dramen. Ein verhochdeutschtes Oberbayerisch, mal aus der Perspektive des Mädels oder der jungen Frau, aber auch mal aus der Perspektive des Burschen. Starrsinnig und selbstsüchtig sind sie allesamt, jeder und jede ums eigene Überleben besorgt. Es gibt kein Erbarmen, keine Gemeinschaft, keine Wärme, keine Leichtigkeit. Was Wunder, dass Fleißer in Ingolstadt als Nestbeschmutzerin galt.

12 – Kathrin Passig, Strom und Vorurteil

13 – Aldous Huxley, Brave new world*
Hier ausführlich besprochen.

14 – Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten

15 – Volker Kutscher, Der nasse Fisch

16 – Carolin Emcke, Wie wir begehren

17 – Matt Ruff, Lovecraft Country*
Hier die ausführliche Besprechung, einer meiner Favoriten des Jahres.

18 – Mark Holt, Munich ’72. The Visual Output of Otl Aicher’s Dept. XI*
Ausführliche Besprechung hier unten.

19 – Granta 151, Membranes

20 – Kathrin Passig, Aleks Scholz, Handbuch für Zeitreisende*
Hier besprochen.

21 – Elizabeth Strout, Olive, again

22 – Ted Chiang, Stories of your life and others*
Ausführliche Besprechung hier.

23 – Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol
(Mein massives Problem mit diesem Buch habe ich hier beschrieben. Ich bin immer noch aufgebracht.)

24 – Zoë Beck, Paradise City*

25 – Nancy Mitford, The Blessing*
Der dritte Roman des Sammelbands Nancy Mitford in unserem Haus, 1951 veröffentlicht. Wieder spielt er in der frivolen Atmosphäre der reichen, alteingesessenen Elite Englands und Frankreichs. Im Mittelpunkt diesmal die (auch hier) hübsche, aber ungebildete und hohlköpfige Grace aus reichem Hause, die im zweiten Weltkriegs den hochadligen Franzosen Charles-Edouard heiratet. Mit dem bald geborenen Sohn ziehen sie nach Paris, wie lesen vom reichen, geselligen Leben dort. Unkonventionell und witzig ist die Titelfigur: Als „the Blessing“ bezeichnet seine Mutter nämlich den Sohn Sigismond. Und den baut Mitford zum herrlichen Gegenstück des Little lor Fauntleroy aus (das Stück wird explizit erwähnt): Als nämlich seine Eltern sich trennen (Grace hat ihren Mann im Bett mit einer anderen gesehen) und seine Mutter nach England zurückgeht, erkennt der dann siebenjährige Sigismond, dass er in dieser Konstellation das beste Leben hat. Seine beiden Eltern setzen alles daran ihn zu verwöhnen, er bekommt jeden noch so absurden Wunsch erfüllt – während die beiden zu guten Zeiten hauptsächlich miteinander beschäftigt waren und wenig Aufmerksamkeit für ihn übrig blieb. Als versucht er durch Lügen und Intrigen sicherzustellen, dass die beiden nicht wieder zueinander finden. Dass ist wunderbar wider die Konventionen solch leichter Romane gemacht und passt zum hintergründig bissigen Tonfall der detaillreichen Schilderungen. Vergnügliche Lektüre.

26 – Margaret Atwood, Surfacing*
Dichte Informationen und Beschreibungen, menschliche Beobachtungen, viele Fakten zum Leben in kanadischer Wildnis – sehr wahrscheinlich fundiert, Atwood selbst ist in solch einer Umgebung groß geworden. Eigentümliche Sprache, eine eigentümliche Perspektive, eine seltsame Hauptfigur, die den Anschluss an die Realität verliert. Einer der wirklich guten Atwoods.

27 – Kinky Friedman, A Case of Lone Star

28 – Stefan Geyer, Andrea Diener (Hrsg.), Süß, sauer, pur

29 – Kent Haruf, Benediction

30 – J.L. Carr, How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup

31 – James Baldwin, Axel Kaun, Hans-Heinrich Wellmann (Übers.), Giovannis Zimmer

32 – Granta 152, Still Life

33 – Halldór Laxness, Hubert Seelow (Übers.), Das gute Fräulein

34 – George Orwell, Nineteen Eighty-Four*

35 – Karosh Taha, Im Bauch der Königin*
Hier unten besprochen.

36 – Polly Hobson, Katharina Boje (Übers.), Fünf Kugeln im Kamin*
Sehr erfreuliche Rückkehr zu einem Liebling meiner späten Kindheit.

37 – Irène Némirovsky, Die Familie Hardelot

38 – Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers*
Hier besprochen.

39 – Rebecca Makkai, The Great Believers*
Ein weiterer Favorit des Jahres, hier besprochen.

40 – Connie Willis, Doomsday Book

41 – Mary Wesley, The Camomile Lawn

42 – Celeste Ng, Little Fires Everywhere*
Ausführliche Besprechung hier.

43 – Alicia Alice LaPlante, Turn of Mind*
Die Grundidee ist wirklich gut und hervorragend umgesetzt: Wir begleiten den ganzen Roman über Dr. Jennifer White aus Ich-Perspektive, eine orthopädische Chirurgin in Ruhestand. Das Besondere an dieser Perspektive: Jennifer ist dement, die Geschichte wird mit ihren verworrenen Alzheimer-Schnipseln erzählt. Und: Ihr wird offensichtlich vorgeworfen, dass sie ihre beste Freundin Amanda ermordet hat, ihr anschließend mit chirurgischer Kunstfertigkeit vier Finger einer Hand entfernt. Wir folgen Jennifer durch bessere Tage, an denen sie mit ihren beiden erwachsenen Kindern halbwegs vernünftig kommunizieren kann, durch die immer häufigeren schlechten Tage, an denen sie völlig ohne Orientierung ist, manchmal triggern Details Erinnerungen an ihre Vergangenheit und wir erfahren dadurch Vorgeschichte. Im selben Maß, in dem Jennifer in ihrer Erkrankung versinkt (jetzt lebt sie längst in einem Pflegeheim), wird die implizite Erzählerstimme deutlicher und übernimmt, lässt die anderen Romanfiguren genug sagen, um den Fall schließlich aufzuklären.

44 – James Rebanks, English Pastoral*
Mehr dazu hier unten.

45 – Marieluise Fleißer, Eine Zierde für den Verein*
Die erste Fassung von Fleißers einzigem Roman erschien 1931, er spielt sehr erkennbar und örtlich verwurzelt in meiner Geburtsstadt Ingolstadt.

Die Geschichte des jungen Gustl Gillich, aus dessen Perspektive meist erzählt wird, stadtberühmter Schwimmer, der gerade seinen eigenen Tabakladen eröffnet hat. Der Frieda Geier kennenlernt, eine selbständige junge Frau, die als Handelsvertreterin nicht nur für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgt, sondern auch die Schulbildung ihrer jüngeren Schwester finanziert. Die karge und wortarme Romanze zwischen den beiden geht nicht gut.

Sperrig und eigentümlich erzählt Fleißer ihre Geschichte und ihre Figuren, unrund und überhaupt nicht gefällig – doch gehört das genau so. Die Bilder, die Fleißer mit Wörtern erzeugt (deren Schreibung sie oft wider orthografische Regeln verändert), erinnerten mich immer wieder an expressionistische Malerei (nicht an expressionistische Literatur): Die zugefrorene Donau, über deren tauende Schollen ein Bub springt / wie ein paar Schwimmvereinsburschen nachts den Pionieren am Künettegraben Balken vom Brückenbau stehlen / der Tabakhändler, der an einem Wintermorgen hinter den Eisblumen seines Schaufensters verschwindet.
Wie viel sie immer miterzählt! Bücher aus lang vergangenen Zeiten transportieren ja immer sehr viel Hintergrundinfo, weil sie aus einer anderen Welt kommen, doch das ist meist eine unbeabsichtigte Nebenwirkung. Fleißer aber will ganz viel miterzählen: Straßen, Häuser, Landschaft, wie es auf dem Wochenmarkt zugeht, wo der Zug nach Passau entlang fährt. Scharfsichtig wie eine Magnum-Fotografin hält sie bedeutsame Momente fest, die für eine Zeit und eine Gesellschaft stehen.

46 – John le Carré, Tinker Tailor Soldier Spy

47 – Alina Bronsky, Der Zopf meiner Großmutter

48 – Eva Meijer, Hanni Ehlers (Übers.), Das Vogelhaus

49 – Granta 153, Second Nature

50 – Éric Vuillard, Nicola Denis (Übers.), Die Tagesordnung

Journal Freitag, 25. Dezember 2020 – Bewegende Grüße aus der Vergangenheit

Samstag, 26. Dezember 2020

Ist es nur in meinem Kopf seltsam, dass ein Tag ein Freitag sein kann UND Weihnachtsfeiertag? (Nicht antworten.)

Noch vor elf hatte ich dreimal Tränen in den Augen wegen freundlicher Worte (nicht an mich gerichtet). „Furiously kind“ ist doch mal ein Ziel für zwischenmenschlichen Umgang (Empfehlung von Laurie Penny in ihrem Patreon-Newsletter).

Ehepaare auf Twitter:

Obwohl eigentlich Rundum-Rehagymnastik drangewesen wäre und ich mangels Reise zu Familienweihnacht mehr als genug Zeit dafür gehabt hätte, ließ ich mich nach nur wenig Hadern in die Lethargie fallen, zu der graues Wetter (die fünfeinhalb Schneeflocken zählten nicht) und stillster Feiertag des Jahres lockten. Wegen eines Tags Untätigkeit würden meine Muskeln schon nicht verkümmern.

Herr Kaltmamsell brütete über Möbel- und Dingeverteilung in der neuen Wohnung, schob auf seinem Bildschirm Rechtecke herum, maß Teile unserer vielen, vielen Bücherregale aus. Wir besprachen Möglichkeiten der neuen Aufteilung unserer Bibliothek. Eine Folge: Ich mistete nachmittags den einen oder anderen Meter Bücher aus, u.a. alles von Luise Rinser, Hermann Hesse, Minette Walters, Nick Hornby, Sujata Massey, Fred Vargas, Esther Vilar. Wenn ich das jemals nochmal lesen möchte, komme ich wirklich leicht ran. (Sollten Sie Interesse haben: Ganz oder in Teilen gegen Porto zu verschenken – an mitlesende Familie natürlich auch ohne Porto. Nur kenne ich deutlich mehr Menschen, die Bücher loswerden wollen, als Menschen, die darauf erpicht sind.)

Ausgemusterte Bücher, Herr Kaltmamsell hatte sich über die vergangenen Tage von DVDs befreit.

Buchregal mit wundervollen Löchern.

Frühstück war ein ordentliches Stück Schinken mit ordentlich Brotteig drumrum.

Nach reichlich Internetlesen wollte ich raus, auch wenn es unwirtlich aussah. Zur Feier des Tages in Capa (und weil ich keine Tasche mitnehmen musste und den Hausschlüssel in eine Kleidtasche stecken konnte).

Aufgenommen von #boyfriendofinstagramm Herr Kaltmamsell.

Ich spazierte die Theresienwiese entlang über KVR ins Schlachthofviertel, übers Dreimühlenviertel an die Isar, übers Glockenbachviertel zurück. Es schneeregnete und schneite mal leichter, mal stärker.

Neuer Street-Art-Liebling am Bahnwärter Thiel.

Beim Heimkommen hatte ich Hunger (dieses Weihnachten ist ernsthaft kaputt: HUNGER!), ich aß Mandarinen und das Scherzl des In-Brotteig-Brots mit Butter und Marmelade.

Zum Abendessen war Käsefondue geplant, das gab es dann auch. Brot eben nicht am selben Tag eigens gebacken, sondern Brothülle vom Schinken. Ich hatte seit Tagen Lust auf Schaumwein gehabt, wir öffneten unsere letzte Flasche Rieslingsekt von Buhl. (Der uns so gut schmeckte, dass ich umgehend ein Kistlein vom nächsten Jahrgang nachbestellte.)

Ein Mitabiturient (einer von den vielen, die sich als Erwachsene als völlig andere Menschen herausstellten, als ich sie als Jugendliche eingeschätzt hatte – schon damals war ich offensichtlich gefangen in Stereotypen) mailt seit vielen Jahren Weihnachtsgrüße an den Abitreffen-Verteiler – schon seit Zeiten, als E-Mail als Medium exotisch war. Doch dieses Jahr gab es erstmals Reaktionen darauf: Ein Blick in meinen „Unbekannt“-Ordner überraschte mich damit, dass viele ehemalige Mitschüler*innen an den Gesamtverteiler geantwortet hatten, mit ebenfalls guten Wünschen, aber auch mit ein paar Stichpunkten zu ihrer aktuellen Lebenssituation 35 Jahre nach dem Abitur – oder noch länger nach unserer gemeinsamten Schulzeit, in diesem Verteiler sind auch Menschen, die vor diesem Abitur 1986 die Schule gewechselt hatten. Im Lauf des Tages meldeten sich immer mehr (auch ich hatte ein paar Zeilen geschrieben und ein aktuelles Bild angehängt), darunter Menschen, an die ich oft gedacht hatte, von denen ich aber seit fast 40 Jahren nichts wusste. Sehr bewegend.
(Nachtrag weil vermutlich nützliches Detail: Unser Abi-Jahrgang, humanistisches Gymnasium, zählte nur 49 Köpfe.)

§

Ein Tagebuchtext von Landwirt James Rebanks im Spectator (der Mann kann halt wirklich schreiben):
„A farmer’s notebook: why I’m not dreaming of a white Christmas“.

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Auf Twitter hinterfragt @pete_lectro das Wort „Plätzchen“ und zieht Konsequenzen. (Unbedingt die Antworten lesen.)


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