Bücher

Journal Freitag, 22. Mai 2020 – Offizieller Start der Balkonsaison

Samstag, 23. Mai 2020

Letzter Urlaubstag, St. Brück. Eigentlich hätte ich mich morgens in einen Zug ins Rheinhessische gesetzt, um eine große Liebe zu feiern. Aber Corona.

Ausgedehnte Kräftigung Bauch/Rücken, dann eine gute Stunde Crosstrainer mit Filmmusik.

Ich trippelhinkte zum Einkaufen: Beim Kustermann Rotweingläser (unsere Standard-Rotweingläser DiVino Bordeaux sind bis auf vier Stück zerdeppert, damit kann ich keine Gästetafel mehr decken), zwei Pfund Erdbeeren. Ich wechselte aufs Rad und holte im Buchladen am Josephsplatz ein Buch ab, auf das ich mich sehr freue (wenn ich bei einem Autoren oder einer Autorin mal auf Papier angefangen habe, fällt es mir schwer, auf eBook umzusteigen – nein, in keiner Weise logisch).

Johnny Häusler fand gleich mal den ersten Fehler, der jede positive Amazon-Bewertung ruiniert:

Hier ein schönes Interview des verlegenden Verlags rowohlt mit Kathrin und Aleks:

Man kann Ihr Buch nicht lesen, ohne auf zentrale Topics der Corona-Pandemie zu stoßen: Infektionsrisiko, Hygiene, Abstandhalten, Reisewarnung, Sterberate. Im «Handbuch für Zeitreisende» werden wir daran erinnert, dass es in der Menschheitsgeschichte immer wieder katastrophale Seuchen gab. Wie sollte man sich ihnen nähern, falls man das als zeitreisender Katastrophentourist unbedingt möchte – 1,5 Meter Mindestabstand reichen da wohl nicht?
Das wird in der aktuellen Diskussion zu wenig erwähnt: Zeitlicher Abstand zu einer Seuche ist sogar noch sicherer als räumlicher. Unsere erste Empfehlung wäre daher, den Epidemien der Vergangenheit zeitlich fernzubleiben. Zum Beispiel, indem man in eine Zeit verreist, in der Menschen noch nicht existieren, oder eine, in der diese Menschen weit verteilt sind und auf Ackerbau und Viehzucht verzichten. Alles, was länger als etwa 10000 Jahre zurückliegt, ist in dieser Hinsicht relativ sicher. Falls es unbedingt eine jüngere Vergangenheit sein muss, gilt im Grunde dasselbe wie in der Gegenwart: Trinkwasser abkochen oder mit Tabletten behandeln (Flaschenwasser ist in der Vergangenheit keine Option), alle Lebensmittel kochen oder schälen, möglichst keine Körperflüssigkeiten mit Einheimischen austauschen, Hände häufig und gründlich waschen, Mückenschutz verwenden, alle empfohlenen Impfungen mitbringen. Achtung: Sie brauchen unbedingt zeitspezifische Impfungen. Krankheitserreger verändern sich im Laufe der Zeit, und Impfungen gegen eine moderne Version einer Krankheit nutzen in der Vergangenheit wenig. Lassen Sie sich in einem zeitreisemedizinischen Zentrum beraten.

Den Heimweg legte ich über den Bahnhof, um nach dem Baustellenzustand zu gucken. Ergebnis: Vorm Bahnhof ist alles gesperrt, alles – ich musst mein Fahrrad auf einem schmalen Fußweg vorm Hertie schieben, um zur Schillerstraße zu kommen. Im gesamten südlichen Bahnhofsviertel gibt es derzeit keine Straße ohne massive Baustelle. Mir scheint, als hätte die Planung auf „alles auf einmal, dann sind wir schneller durch“ gesetzt, statt sich für jeden Teilabschnitt nacheinander Umfahrungen auszudenken.

Frühstück mit den Semmeln, die ich unterwegs geholt hatte. Zeitunglesen auf dem Balkon, erschwert durch Wind. Dann Granta 151, Membranes ausgelesen – die schwächste Ausgabe seit Langem mit vielen ermüdenden Besinnlichkeitstexten.

Dabei Symptom für definitiven Nichtwinter: Ich trug meine Sommerhausschlappen für nackte Füße.

Erstes Abendessen der Saison auf dem Balkon. Wie es die von mir festgesetzte Tradition will, gab es Salade niçoise.

Wir plauderten auf dem Balkon bis in die Dunkelheit.

Vielen, vielen Dank für all Ihre Glückwünsche zum Rosentag, sie haben uns das Herz gewärmt.

§

Lila, deren Blog fast so alt ist wie das Mitmach-Web, bloggt wieder aus ihrer Wahlheimat Israel. Sie hat eine Stelle in einem Kibbuz-Kindergarten angefangen (qualifiziert durch eine ihrer vielen Ausbildungen), und ich freue mich sehr darüber, dass sie ganz viele Details vom Alltag dort erzählt:
„Alte Ente paddelt sich warm“.

Journal Samstag, 2. Mai 2020 – Compliance durch Schabernack

Sonntag, 3. Mai 2020

Gut geschlafen, auch wenn mich die schlechte Pizza im Magen etwas drückte. Es regnete den Tag über immer wieder, auch mal ein paar Minuten energisch, doch das reichte nicht mal, um den Boden unter den großen Eiben im Hinterhof nass werden zu lassen. Am Ende des Tags dann auch Gewitter.

Plan für nach dem Bloggen und Twitterlesen war gewesen: Ausführliches Gesundheits-Krafttraining, Staubwischen & Möbelpflege, Crosstrainer. Doch dann dauerte das Staubwischen so lange (ich entdeckte schon wieder Ecken, an denen offensichtliche seit vielen Jahren niemand war, und machte mich darüber her), dass es halb eins und zu spät für Crosstrainer war. Ich duschte gleich und ging kurz Einkaufen in den Drogeriemarkt (mit Anstehen an der Tür), brachte auf dem Rückweg Semmeln mit.

Beim Staubwischen in den Buchregalen war ich auf eines meiner Kinderbücher gestoßen, das ich für schon lange weggegeben gehalten hatte – was ich bedauerte, denn ich dachte oft daran. Aber da war es!

Polly Hobson, Katharina Boje (Übers.), Fünf Kugeln im Kamin. Ich weiß nicht, wie es in meinen Besitz kan, ich war bei der Erstlektüre 11 oder 12. In diesem Alter besaß ich kaum Bücher, und das ist eine alte Ausgabe. Es war mir auch durch seine Illustrationen stark in Erinnerung geblieben, ich muss es oft gelesen haben.

Ich hatte dieses Rezept für den ersten Einsatz des Lievito Madre ausgesucht. Doch es wurde bereits schwierig bei: „Die Schüssel abdecken und für 8-10 Stunden an einen Ort mit durchgehend 27-28°C stellen. Bei mir ist das der Backofen mit eingeschaltetem Licht und einem Kochlöffel in der Tür.“ Denn mein Backofen hat keinen Modus „mit eingeschaltetem Licht“. Das Licht funktioniert nur bei Beheizung, die niedrigste Temperatur beträgt 30 Grad, bei Öffnen der Ofentür (z.B. für einen Spalt) schaltet die Heizung aus. Ab acht Uhr morgens schaltete ich über den Tag also die 30-Grad-Beheizung alle halbe bis ganze Stunde an oder aus, je nachdem was mein Wecker mit Thermometer anzeigte, den ich neben die Schüssel gestellt hatte. Um 18 Uhr war es Zeit für den nächsten Schritt: Teig kneten, dann immer wieder falten.

Für Herrn Kaltmamsell war ein „Lehrer/innenkatalog“ in der Post. Ich blödelte umgehend los, ob man sich darin Lehrpersonal aussuchen könne? Jeder und jede sich darin per Profil vorstelle mit Fertigkeiten in den verschiedenen pädagogischen und fachlichen Bereichen, dafür jeweils Schülerreferenzen angebend? Herr Kaltmamsell führte den Gedanken sofort aus: dass das bei konsequentem Unterrichten über Internet ja tatsächlich umzusetzen sei, dass man auf diesem Weg Klassen bilden könne. Wir spielten das auf Twitter weiter, wo die Idee entstand, dass sich besonders beliebte Lehrerinnen und Lehrer in der Folge die Schülerinnen und Schüler aussuchen würden, man sich also bei ihnen bewerben müsste.

Für mich in der Post war das hier:

Die Idee entsprang ebenfalls einer Blödelei auf Twitter – aber Pia, aka Frau Mutti, hat sie dann tatsächlich auch umgesetzt – große Freude! (Jajaja ich weiß, es handelt sich um eine kollektive Fehlerinnerung: Tatsächlich sagt er „Waf für eine Mafke?“) Ist es überzogen, wenn ich mir einbilde, dass man durch solch einen spielerischen Umgang mit der Maskenpflicht elegant andeuten kann, dass man fürs Gemeinwohl zu Verzicht auf Annehmlichkeiten bereit ist?

Das Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell: Risotto mit Radicchio und Ziegenfrischkäse, aufgegossen mit Spargelbrühe.

(War das nicht die Modefarbe des vergangenen Winters? Radicchiorisotto?)

Journal Dienstag, 14. April 2020 – Matt Ruff, Lovecraft Country

Mittwoch, 15. April 2020

Trotz frühem Weckerklingeln munter aufgewacht. Frühsport: Rumpfkräftigung, Dehnen, eine Runde Mady-Yoga.

Überraschung beim Radeln in die Arbeit durch Sonne: Es war saukalt geworden, ich hätte Mütze und Handschuhe vertragen.

Im Westend sah ich auffallend viele parkende Autos, die laut Kennzeichen von weit (Paderborn) bis sehr weit her (Slovakei) kamen, geschätzt 20 Prozent. Gar nicht quarantänig.

Emsiger Tag mit interessanter Recherche. Vormittags aß ich gegen den großen Hunger eine Hand voll Nüsse, mittags gab es eine Scheibe selbst gebackenes Brot, ein Ei, ein wenig Schinken, Nachmittagssnack war eine Birne.

Beim Heimradeln kurz vor sechs war es immer noch sehr kalt – aber sonnig: Wenn schon, hätte es doch bitte auch gleich regnen können, es ist viel zu trocken.

Ich machte uns Sahnecocktails Green Monkey, zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell gebratene Nudeln und Waldorf Salad.

Im Bett las in ich hinein in Mark Holt, Munich ’72. The Visual Output of Otl Aicher’s Dept. XI. Ich hatte das Buch durch Beteiligung an der Kickstarter-Finanzierung mitermöglicht, vor ein paar Wochen war der 536-Seiten-Prügel geliefert worden (nach einer Ehrenrunde, weil der Paketdienst GLS behauptet hatte, das sei nicht meine Adresse). Mark Holt hat das Werk im Alleingang recherchiert, geschrieben, gestaltet und drucken lassen, selbst die Versendung organisiert er selbst – der erste Blick ins Ergebnis von vier Jahren Arbeit beeindruckte mich sehr. Gleich mal gelernt: Die Symbole für die Sportarten, die ja bis heute verwendet werden, stammen von Gerhard Joksch. Hier die Website zum Buch, man kann es auch ohne Kickstarter-Beteiligung kaufen.

Am Montag hatte ich ja Matt Ruff, Lovecraft Country ausgelesen, bis zuletzt sehr angetan.

Das „Lovecraft“ im Titel hatte mich ursprünglich abgeschreckt, aber vielleicht hätte ich dem Lovecraft-Experten an meiner Seite genauer zuhören sollen, als er sich enttäuscht von dem Roman äußerte – weil er eben fast nichts mit Lovecraft zu tun habe. Dann hätte ich das Vergnügen der Lektüre nämlich schon früher gehabt. Lovecraft Country erinnert mich wie keine anderes von Matt Ruffs Bücher an seinen legendären Erstling Fool on the hill (anders gesagt: Wenn Sie zu den vielen Menschen gehören, die mit Fool on the hill nichts anfangen können, ist Lovecraft Country sehr wahrscheinlich auch nichts für Sie): Wir haben viel Mythologie im Hintergrund, aber ein ganz neuzeitliches Setting, in dem sie durchgespielt wird.

Verkauft wurde der Roman im Genre Horror – das konnte ich nicht nachvollziehen. Wir haben das klassische Set-up einer Gruppe von Helden und Heldinnen (!), die sich in einer feindlichen Umgebung durchschlagen müssen. Und ich fand es einen großartigen Kunstgriff von Ruff, dass er das mit einer Gruppe von Schwarzen in den rassistischen USA der 1950er durchspielt: Für sie ist praktisch jeder Schritt lebensbedrohlich, wenn Weiße beteiligt sind. Sie können sich nicht frei bewegen, sie sind konstant der Willkür von Behörden und weißen Nachbarn oder Passanten ausgesetzt – selbst im Hauptort der Handlung Chicago.

Übernatürliches spielt schon auch eine Rolle, doch charmanterweise sind es die weißen Freimaurerlogen, von denen die bösartige magische Gefahr ausgeht (im Kontrast zum rassistischen Stereotyp, das POC mit Aberglauben, Voodoo und Magie besetzt).

Ich hatte großen Spaß an dem vielfältigen Hintergrund der Protagonisten-Familien, von denen eine den Verlag führt, der den Safe Negro Travel Guide herausgibt (dank des gleichnamigen Films kannte ich das reale Vorbild Green Book), in der es einen jugendlichen Comic-Zeichner gibt, eine sehr ernsthafte Hobby-Astronomin – und den unehelichen Nachkommen eines großen weißen Logenvorsitzenden. Es gibt mehrere und sehr verschiedene Frauenfiguren, auf der ersten Abenteuerreise rettet eine davon den Männern der Gruppe mehrfach den Arsch.

Rassismus ist dominantes Thema: Die USA sind aufgeteilt in Jim Crow-Gegenden und andere, Farbige werden strukturell und individuell von Bildung und Wohlstand ferngehalten. Ich wünschte, das wäre heute anders, doch heute beträgt dort das durchschnittliche Einkommen afroamerikanischer Familien ganze 61 Prozent des mittleren Einkommens weißer Familien (Quelle), und bis heute kommt es regelmäßig vor, dass Schwarze in den USA ohne Grund von der Polizei getötet werden und ohne wirkliche Konsequenzen (-> Black Lives Matter). Als Weiße in einem dominant weißen Land kann ich mir das nicht vorstellen.

Ich empfand es als geschickten Kunstgriff, wie Matt Ruff die grotesken Details des US-Rassismus‘ als Antriebskraft für einen klassischen Gruselroman nutzt. Oder wie es auf der Buchausgabe heißt, die mir Herr Kaltmamsell geliegen hatte und die das Aussehen eines Pulp-Heftchens imitiert: „America’s demons exposed!“

§

Die taz über den zusammenbrechenden Altkleidermarkt und stillstehende Fabriken in Bangladesch und Indien:
„Bekleidungsindustrie leidet unter Corona:
Das Elend der vollen Schränke“.

Ich fühle mich bereits überfordert von all den Meldungen über die negativen Auswirkungen, die die Corona-Krise schon jetzt hat – weswegen ich alle Spekulationen über künftige wirtschaftliche Schäden ignoriere.

Journal Karfreitag, 10. April 2020 – Carolin Emcke, Wie wir begehren auf dem Balkon

Samstag, 11. April 2020

Unruhige Nacht wegen Kopfweh, das mich schon am Donnerstagnachmittag geplagt hatte und das eindeutig keine Migräne war. Ein Aspririn am Morgen half.

Beim Aufstehen bemerkte ich Muskelkater am gesamten Rücken. Ich war sehr verwundert, denn die 20 Minuten Yoga am Donnerstag hatten doch nur aus Dehnenübung bestanden. Erst später fiel mir die ausgiebige Brücken-Position ein, die durchaus angestrengt hatte. Die sollte ich wohl öfter machen.

Gestern, an diesem weiteren strahlenden und warmen Frühlingstag, war nach ausgiebiger Kräftigung und Dehnung wieder Crosstrainerstrampeln dran. Ich fand interessant, das mich dabei ganz andere Musik ansprach als während meiner Strampelrunden davor.

Nach Duschen und Anziehen ging ich raus in den wundervollen Tag. Ich verband das Semmelholen mit einem kleinen Umweg über den Südfriedhof.

Einsamer Spielplatz im Nußbaumpark.

Alter Südfriedhof.

Die Kastanie vorm Haus legt sich ins Zeug.

Auf meinem Gang hatte ich in den Straßen aus offenen Fenstern gehört: einmal Balalaika, einmal Klarinette, einmal Klavier – jeweils auf hohem Niveau. Brav daheim geblieben.

Mit dem mittäglichen Frühstück verspielete ich jegliche Chance auf Auswanderung nach Hessen: Die übrigen Grie Soß vom Vorabend streckte ich mit dem Saft einer halben Zitrone und verwendete sie als Dressing für den ersten Salatkopf aus Ernteanteil der Saison.

Den Nachmittag verbrachte ich, unterbrochen von einem Stündchen Siesta, lesend auf dem Balkon.

Die frischen Kastanienblätter leuchteten wie hunderte kleine Lampions.

Zum Nachtmahl hatte ich mir Kalbsleber mit Äpfel und Zwiebeln auf Feldsalat gewünscht – und bekam das Gericht.

Meine Balkonlektüre war Carolin Emcke, Wie wir begehren. Ich mag ihre Stimme ohnehin, in diesem Buch faszinierte mich, wie verschieden unser Heranwachsen gewesen ist, auch wenn wir im selben Jahr im selben Land geboren sind und unser Abitur auf derselben Schulart gemacht haben. Tochter aus gutem Hause in Norddeutschland ist halt eine andere Ausgangsbasis als Gastarbeiterkind in oberbayerischer Provinzstadt (wobei ich bezeichnenderweise die Herkunftsausnahme bin, die sich Emcke explizit im altsprachlichen Zweig eines humanistischen Gymnasiums nicht vorstellen konnte).

Eine große Gemeinsamkeit: Wir wurde beide von guten Lehrerinnen und Lehrern geprägt, ziehen bis heute von ihnen erlerntes heran. In Carolin Emckes Fall nahm ein Musiklehrer die zentrale Rolle ein: Die Schilderung des Unterrichts bei ihm zieht sich als roter Faden durch das Buch, und die verschiedenen Aspekte von Musik, die sie dadurch und selbst entdeckte. (Bei mir war das ja der Griechischunterricht bei Herrn Nusser in meinen letzten drei Schuljahren.) Doch sehr unterschiedlich wieder unsere Sexualität, wobei noch der unbedeutendste Unterschied ist, dass Caroline Emcke seit ihrem 26. Lebensjahr Frauen begehrt: Schon ihre Beschreibung der Rolle von Sexualität in ihrer Jugend war mir komplett fremd, das kannte ich alles nur aus viel späteren Erzählungen.

Wichtig und erhellend fand ich die Beschreibung, was Schweigen über Sexualität von klein auf anrichtet: Auch ich kämpfe bis heute damit, dass zwar Fortpflanzung thematisiert wurde, nicht aber Sex – der in meiner repressiv katholischen Umgebung zusätzlich mit einem erbarmungslosen Moralkorsett verbunden war.

Auf erfreulichste Weise überholt war der letzte Abschnitt des Buchs: Das leidenschaftliche Plädoyer für eine Gleichstellung der schwulen und lesbischen Ehe mit der heterosexuellen. Es bleibt als Argumentationshilfe nützlich, wenn rechte und grundgesetzfeindliche Kräfte eine Aufhebung fordern.

§

Mich erreichen fast keine Corona-Märchen (ich mag den verwässerten und missbrauchten Begriff „Fake News“ nicht), Beweis für die Vernunft meiner Familie und Freunde sowie für die sorgfältige Zusammenstellung meiner Twitter-Timeline. Alle paar Tage schaue ich allerdings in Kanäle, die sich mit dem Faktencheck solcher Märchen beschäftigten, z.B. in den von AP-Associated Press:
„NOT REAL NEWS: A week of false news around the coronavirus“.

Journal Dienstag, 7. April 2020 – Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten

Mittwoch, 8. April 2020

Eigentlich gut geschlafen, aber dann doch mit Angst vor dem Arbeitstag um fünf aufgewacht.

Nach der Runde Kraftübung doch nochmal ein Yoga-Versuch mit Adriene: Leider waren das Übungen im Stehen – ich konnte fast 90 Prozent nur auf einer Seite mitspielen, weil mein rechtes Bein durch die wehe Hüfte nicht trägt. Und so nervte mich plötzlich auch das pausenlose Geschnatter.

Herrliche Radfahrt in die Arbeit durch einen milden Frühlingsmorgen (und wie so oft erwies sich, dass frisch aufgepumpte Reifen das Treten deutlich erleichtern).

Mittelhöllischer Arbeitstag, in der jetzigen personellen Situation kann ich halt nicht ungestraft zwei Tage frei nehmen. Ich war emsig bis Feierabend, nahm mir aber die Zeit für eine Mittagspause mit Käse, zwei Birnen und einer Tageszeitung.

Nach Feierabend brauchte ich nicht mal eine Jacke. Ich radelte zur Hofbräuhausmühle und kaufte Kuchenmehl nach (Type 405).

Daheim servierte Herr Kaltmamsell Flammkuchen mit Ernteanteil-Lauch, ich hatte zur Nachspeise Quarkfein gemacht.

Familien-Osterfrühstück findet heuter über Jitsi statt, erfolgreicher Testlauf mit meinem Bruder.

Zur gewohnten Stunde Treffen unserer Leserunde, diesmal über Google Hangout (ich bin die Plattform seit Jahren so gewohnt, dass ich nicht mal mehr wusste, dass man zur Teilnahme einen Google Account braucht). Allen geht’s gut, die einen genießen das Arbeiten von daheim aus, die anderen sind dadurch sehr angestrengt.

Wir sprachen über Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten, eine Sammlung von Kurz- und Kürzesttexten, non-fiction aus dem Leben des Autors. Sehr nett und anregend zu lesende Geschichten und Gedanken, darüber waren wir uns einig. Auseinander ging die Rezeption des lakonischen und gutbürgerlich-distinguierten Duktus‘: Manche mochten ihn und seinen aus der Zeit gefallenen Zauberberg-Hauch sehr, andere – darunter ich – verspürten Unbehagen bei diesem personifizierten Zeit-Feuilleton im maßgeschneiderten Dreiteiler mit rahmengenähten Schuhen. Zum einen fehlten mir die Brüche an dieser Persona (die andere Mitlesende durchaus sahen), zum anderen, das wird mir erst jetzt klar, ein wenigstens manchmal spielerischer Umgang mit all der Bildung und all dem privilegierten Hintergrund, der für mich immer von Reflexion zeugt und den Gebildeten in Verhältnis zum Erlebten und Gelernten gesetzt hätte. Der Duktus ist quasi prä-modern.

Am Ende diesmal also kein Heimweg, der in der lauen Abendluft sicher wunderschön gewesen wäre, sondern nach dem Abschied lediglich ein Ausschalten.

§

Die Rechten hört man zur Corona-Epidemie praktisch nicht. Nein, die Medien ignorieren sie keineswegs: die Öffentlich Rechtlichen lassen auch sie in der Riege aller gewählten Parteien zu aktuellen Aspekten dieses Themas in die Kamera hineninmeinen. Aber sie melden sich nicht von selbst zu Wort, es ist geradezu brüllend still. Faschismus-Expertin Natascha Strobl hat sich also dorthin begeben, wo die Rechten miteinander reden und hat ihre Haltung zur Epidemie herausgefunden, hier der Twitter-Thread. (Zusammenfassung: Sie haben nichts dagegen, wenn „das Schwache“ durch eine Seuche ausgemerzt wird.)

Journal Mittwoch, 1. April 2020 – Pandemie bremst Postverkehr

Donnerstag, 2. April 2020

Tief und gut geschlafen, es war so schön.

Gemütliche Runde auf dem Crosstrainer. Ich versank so tief in Nachdenken über Brave New World, dass es mir schwerfiel, nach 30 Minuten aufzuhören.

Beim Radeln in die Arbeit war es in der Sonne nicht mehr ganz so kalt.

Im Büro sehr kurzgetaktete Emsigkeit. Sie kennen das, wenn Sie sich alle zehn Minuten neu sammeln müssen: Wo war ich?

Mittags Quark und Hüttenkäse mit Orange, nachmittags eine Hand voll Nüsse. Ich vermisse den guten Arbeits-Cappuccino.

Unerwartete Pandemie-Folgen: Ein ganzer Stapel Aussendungen nach Indien kam mit diesen Aufklebern zurück.

Ohne Umwege heimgeradelt, in der Sonne waren Bavariapark und Theresienwiese weiterhin gut besucht.

Fürs Abendessen war ich zuständig: Es gab Kaiserschmarrn, der mir besonders gut weil fluffig geriet.

Aus der Tagesschau erfuhr ich unter anderem, dass die Beschränkungen des öffentlichen Lebens deutschlandweit bis 19. April verlängert werden.

Abendunterhaltung Kultur: Arte zeigte Das Mädchen Wadjda – jetzt weiß ich also auch, wie dieser hochgerühmte Film aussieht. (Und musste sehr an den cinephilen Studienfreund denken, der diese Sorte ungelenker, aber ungemein gut gemeinter Filme mit „usbekische Autorenfilme mit Untertiteln“ zusammenfasste.)

§

Margaret Atwood schreibt als Literaturwissenschaftlerin (denn das ist die Kanadierin ja auch – möglicherweise habe ich noch nicht oft genug erwähnt, dass einer meiner Uni-Kollegen an der Universität von Toronto ein Büro mit ihr teilte, wir also über nur ein Eck praktisch Kolleginnen waren) 2007 zum 75. Jahrestag im Guardian ein wundervolles Essay über Brave New World:
„‚Everybody is happy now'“.

Und hier wurde ich auf der Suche nach Rezeptionsgeschichte zu Brave New World fündig:
„Brave New World at 75“.
Kurzfassung: Die intellektuelle Welt war bei Erscheinung überwiegend empört.

Wells’s friend and fellow writer Wyndham Lewis called it “an unforgivable offense to Progress.”

Journal Dienstag, 31. März 2020 – Aldous Huxley, Brave New World

Mittwoch, 1. April 2020

Diesmal wieder sehr guter Schlaf (in der Endphase sang mir Christopher Lee etwas auf Deutsch vor, die Melodie verfolgte mich als Ohrwurm bis zum Kaffeetrinken). Nachdem ich Montag ein halbes Stündchen auf dem Crosstrainer verbracht hatte, war gestern wieder Yoga dran – diesmal wundervollerweise eine Runde, die ich durchgehend und ohne Aufjaulen mitmachen konnte.

Frostiges Radeln in die Arbeit. Mittags Rote-Bete-Mus mit einer Scheibe Brot, nachmittags zwei Orangen. Viel zu recherchieren und Korrektur zu lesen.

Nach Feierabend direkt nach Hause geradelt, im Bavariapark Schlagenlinien um die vielen Spaziergängerinnen und -gänger.

Das Nachtmahl bestellten wir beim benachbarten indischen Restaurant, Herr Kaltmamsell holte es ab und wir aßen gut.

Im Bett Aldous Huxley, Brave New World von 1932 ausgelesen. Nachdem ich in den ersten beiden sehr plakativen Kapiteln noch gedacht hatte, dass das Buch möglicherweise nicht gut gealtert ist, gefiel es mir schließlich doch. Die Vision einer Welt, in der niemand leiden muss (Motto: „Community, Identity, Stability“), ist zwar dystopisch angelegt, doch ja grundsätzlich eine Überlegung wert – Huxley hat versucht, sie verhältnismäßig unpolemisch durchzuspielen. Als Gegensatz dazu zeigt er ein wildes Urvolk, als Bindeglied einen jungen Mann, „Savage“, dessen Mutter aus der Zivilisation durch ein Unglück zu den „Wilden“ verschlagen wurde, der bei ihnen aufwuchs – und dessen Versuch eines alternatives Lebens in der wundervollen schmerzfreien Zivilisation schmetternd scheitert.

Ich hatte Brave New World nicht so ausgewogen in Erinnerung. In einem Vorwort bedauert Huxley zwar 15 Jahre später, dass er Savage keinen dritten Weg hat gehen lassen, kommt aber zur Erkenntnis, dass das Gesamtkonstrukt des Romans dann nicht aufrecht zu erhalten gewesen wäre. (Dabei wird ja eine Alternative angedeutet: Die Inseln, auf die Dissidenten geschickt werden, klingen für mich wirklich verlockend – hat vielleicht jemand später einen Roman geschrieben, der dort spielt?) Besonders interessant fand ich, welche gesellschaftlichen Haltungen der Entstehungszeit durch die Betonung ihres Gegenteils sichtbar werden, zum Beispiel rigide Sexualmoral. Kompositorisch schön: Die vielen markierten Shakespeare-Zitate – das einzige Buch, das Savage im Dschungel zur Verfügung stand, war eine Gesamtausgabe, die er jetzt auswendig kann.

Aus heutiger Sicht auffallend: Der Rassismus, der selbstverständlich einen gebürtig weißen Menschen als Bindeglied braucht, um seine Überlegungen ernst nehmen zu können. Und wieder mal: Alles kann sich der Autor vorstellen, jeder hat einen Privathubschrauber, man reist mit Interkontinentalraketen, moderne Kleidung aus nicht schmutzendem Synthetikmaterial, die Hautfarbe bestimmt nicht die Position in der Gesellschaft, medizinischer Fortschritt verhindert physische Alterung, Menschen sind pränatal vorherbestimmbar und beliebig konditionierbar – aber seine Phantasie reicht nicht mal ansatzweise, sich eine Welt vorzustellen, in der nicht die Machtpositionen von Männern besetzt sind.

§

Viel Liebe für Peter Wittkamp (aka @diktator) und seinen Artikel:
„Kommt kein Mann in eine Bar: Scherze in der Corona-Krise“.

Man könnte Stadien füllen, wenn man nur dürfte.

§

Randall Munroe hat sich einen xkcd zu Corona ausgedacht – in dem die Viren sich Gedanken machen.
„Pathogen Resistance“.


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