Bücher

Journal Dienstag, 30. Januar 2018 – Berlin, die wacklige Heimreise

Mittwoch, 31. Januar 2018

Frau Kaltmamsell, fühlen Sie sich nach der Prämierung bei den Goldenen Bloggern besonders unter Druck beim Tagebuchbloggen?

Och. Ich bin seinerzeit mit dem Druck nach dem Klarnamen-Outing klargekommen und mit dem nach der schriftlichen Androhung einer Abmahnung. Mich entspannt der Grundgedanke, dass man eigentlich hier nur freiwillig mitliest.

Mittlerweile stehen auf der Website Goldene Blogger alle Gewinne und einige Fotos der montäglichen Gala. Und Mademoiselle Read on hat dem RBB ein schönes Interview gegeben, in dem sie erklärt, dass das Web auch gut sein kann.

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Viele Follower-Anfragen zu meinem auf privat gestellten Twitter-Account: Das Abarbeiten dauert, da ich aus guten Gründen nicht öffentlich twittere und ich mir die Anfragenden erst mal genau ansehe. Wenn ich keine Möglichkeit dazu habe – selbst auf privat gestellt, gar kein Tweet oder ausschließlich Retweets – und bei Schwanken klicke ich eher „Decline“. Anhaltende Verwunderung über Twitterer, die in der Biografie als erstes die berufliche Stellung nennen, „hier privat“ betonen, aber dann ausschließlich Berufliches twittern.
(Und dann gibt’s noch die Anfragen, die ich akzeptiere, weil ich denke: Die entfolgen eh nach zwei bis drei Tagen, weil sie etwas Anderes erwartet haben.)

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Morgens war ich sehr durch den Wind: All die bezaubernde Aufmerksamkeit kann Kater erzeugen. Außerdem hatte sich mein Gedärm ausgerechnet die Nacht nach der Gala für Kapriolen ausgesucht – es hatte bereits am Nachmittag gegrummelt.

Vor dem Berliner Hauptbanhof saßen und hüpften Stare an Stellen, an denen ich sonst Tauben oder Spatzen gewohnt bin – sehr eigenartig. Ich suchte in diesem Einkaufszentrum mit Gleisanschluss ziemlich lange nach einer Bäckerei, die mir Kaffee und Reiseproviant verkaufte, das scheint nicht vorgesehen.

Ich sah zum ersten Mal deutsche Außenwerbung mit einer Hijabi – es wurde Zeit.

Meine müde und kränkliche Benebelung führte dazu, dass ich auf der Bahnfahrt (pünktlich, problemlos) vor allem aus dem Fenster sah, hin und wieder die Gratulationen auf allen Online-Kanälen checkte, aber dann zum Glück zumindest genug Aufmerksamkeit hatte, um Zoë Becks Die Lieferantin auszulesen: Ein richtig gut gemachter Krimi („Thriller“ wie auf dem Buchtitel hätte ich den Roman nicht genannt), Handlung und Sprache sauber gearbeitet. Die Geschichte (kein who done it, wir wissen immer, wer was gemacht hat – vielleicht deshalb die Einordnung als „Thriller?) handelt in einer nahen Zukunft in London, es geht um Drogengeschäfte und -politik, um Nationalismus, organisierte Kriminalität und wunderbar viel Technik. Angenehmerweise stören keine Liebesgeschichten. Die Charaktere sind genau genug gezeichnet, dass ich sie glaubte und mich hineindenken konnte.

Daheim in München ging ich nach dem Auspacken eine Runde Einkaufen: Ich hatte große Lust auf Salat zum Abendessen und besorgte die Zutaten: Radiccio, Thymian, Gorgonzola.

Minimale Veränderungen auf den Abendbrottisch, ahem.

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Katrin Scheib, unser aller Moskau-Korrespondentin, hat schon vor einiger Zeit einen berühmten Hersteller von Ballettschuhen besichtigt, Grishko. Jetzt steht ihr bebilderter Bericht dazu online:
„So viel rohe Gewalt steckt in einem Spitzenschuh“.

Journal Dienstag, 9. Januar 2018 – Robert Menasse, Die Hauptstadt

Mittwoch, 10. Januar 2018

Gestern traf sich unser kleiner Lesekreis, um über Robert Menasses Roman Die Hauptstadt zu sprechen. Ergebnis: Alle mochten ihn. Mich hatte bereits der Prolog begeistert, in dem wir wie in einer Filmfahrt einem entflohenen Schwein durch Brüssel folgen, das uns von Schauplatz zu Schauplatz und damit zu den handelnden Personen bringt: Da versteht jemand sein schriftstellerisches Handwerk, und in der deutschsprachigen Literatur unserer Zeit erleichtert ja bereits das und ist höchstes Lob wert.

Die Hauptstadt setzt sich aus vielen Personen und vielen Handlungssträngen zusammen; ich verlor schnell den Überblick und sehnte mich nach einer Seite mit Dramatis personae – doch gerade das langsame Entwickeln der Figuren macht die Handlung aus. Wir lernen Brüssel und damit den Maschinenraum der Europäischen Union kennen, und zwar anhand von verschiedenen Projekten: Die Feier zum Gründungsjubiläum der Europäischen Komission (nein, nicht Gründung der EU), ein Think-Tank-Treffen, Verhandlungen um Schweineexport. Und das mit einer wilden Mischung an Menschen, wie sie vermutlich nur Brüssel zusammenbringen kann, vom italienischen Adligen über die hochgearbeitete cypriotische Griechin bis zum schwarzen Schaf einer österreichischen Schweinebauernfamilie. Dazwischen als weiterer Handlungsstrang ein Mordfall, der uns als tatsächlichen Bürger Brüssels einen Kommissar nahebringt, und der Auschwitzüberlebende pensionierte Lehrer David de Vriend.

Viele dieser Handlungsstränge bleiben bis zum Schluss offen, so erfahren wir nie, was aus dem polnischen Auftragskiller der katholischen Kirche wird (Sie müssen wissen, dass die katholische Kirche den am besten funkionierenden Geheimdienst Europas unterhält) oder wie die Jubiläumsfeier nun aussehen wird. Doch sie alle zeichnen das Wimmelbild des heutigen Europa, inklusive eingestreuten Zitaten in den Sprachen möglicherweise aller Mitgliedsländer.

Das ist mit Leichtigkeit und souverän erzählt, das Sujet selbst macht den Roman für deutschsprachige Literatur exotisch. Ein Mitlesender unserer Runde fand sich an den britischen Universitätsroman erinnert, auch ich assoziierte streckenweise David Lodges Small World – Arbeitsumgebungen (außer der eines Schriftstellers) kommen nicht oft in deutschsprachigen Romanen vor. Ich kann die Auszeichnung mit dem deutschen Buchpreis gut verstehen und empfehle die Lektüre.

Gestern Abend entspann sich aus dem Gespräch über das Buch eine Diskussion über die Legitimation der EU-Regierung – ich verweise hiermit wieder auf die Zusammenfassung der Strukturen von novemberregen.

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Früh morgens war ich beim Langhanteltraining gewesen: Neues Programm, Hot Iron 2. Ich reduzierte vorsichtshalber die Gewichte, um mich zunächst auf Technik und saubere Ausführung konzentrieren zu können, wäre aber nicht nötig gewesen. Das Programm enthält enge Liegestütz – wie immer kommt mein ROM (range of motion) da nicht über wenige Zentimeter hinaus, Nackennerv-bedingt. Ich hatte Spaß, musst das Stretching aber wieder ausfallen lassen, um rechtzeitig zu meinem 9-Uhr-Termin zu kommen.

Wetter gemischt mit bunten Wolken, nach Feierabend spazierte ich in wundebar milder Luft heim. Ich genieße die Temperaturen, fühle mich damit in der ersten Januarhälfte aber unwohl: Nicht dass wieder alles grünt und blüht, um dann von einem späten Frost im April getötet zu werden.

Bücher 2017

Samstag, 30. Dezember 2017

* markiert meine Empfehlungen
() In Klammern gesetzt habe ich aktives Abraten.
Unmarkiert sind Bücher, die mir genug zum freiwilligen Auslesen gefielen.

1 – Salman Rushdie, Two Years Eight Months and Twenty-Eight Nights

2 – Richard Rauch, Katharina Seiser, Die Jahreszeiten Kochschule Winter

3 – Rudyard Kipling, Stalky & Co.*
Ein Kurzgeschichtenzyklus (einzeln erstveröffentlicht Ende der 1890er) aus einem englischen Bubeninternat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird ohne Rücksicht auf Verluste im Schuljargon und in dieser Schulwelt, erklärt wird nichts. Die ersten beiden Geschichten verstand ich praktisch überhaupt nicht, es hätte gradsogut Lyrik sein können. Wie zu Zeiten, als mein Englisch noch nicht so flüssig war, las ich einfach mal mit Schwung weiter, bis ich in den Fluss kam. Nach und nach erschlossen sich Handlung und Sprache fast ganz. Mit dem durchs Lesen erworbenen Wissen las ich dann nochmal den Anfang.

Die Geschichten der drei Freunde Stalky, M’Turk und Beetle gefielen mir ganz ausgezeichnet: die Lausbuben mit ihrer alterstypischen Mischung aus Schlitzohrigkeit, Coolness, verquastem Ehrgefühl und echter Wissbegier, die exotische Schulwelt vor historischen Hintergrund. Schnell wurde mir klar, dass diese Schule viel mehr Vorbild für Rowlings Hogwarts ist als alle Internate, die Enid Blyton schilderte: Bewohnt von einer spezielle Bevölkerungsgruppe (Kinder von Militärs in den Kolonien), ein hermetischer Kosmos, die Aufteilung in Häuser und deren Konkurrenz untereinander, die Prefects, alte Gebäude mit geheimen Gängen, ein weiser und pragmatischer Head, die Sonderwelt des Hauspersonals, die Rolle von Sport.

Ich empfehle die Lektüre. Es gibt Übersetzungen ins Deutsche, doch da es in Deutschland nicht entfernt ein historisches Pendant zu der erzählten Welt gibt, klingen sie arg angestrengt.

4 – Penelope Fitzgerald, The Bookshop

5 – Hillary Mantel, Beyond Black*
Hier ausführlich besprochen.

6 – Granta 138, Journeys

7 – Edmund de Waal, The Hare with the Amber Eyes*
Anhand einer Sammlung antiker japanischer Handschmeichler, Netsuke, erzählt der Autor hundert Jahre seiner Familiengeschichte, die der jüdischen Familie Ephrussi. Mir gefiel besonders, wie er seine Motivation der zweijährigen Recherche und des Aufschreibens begründet: Wie damals im dritten Reich das Hausmädchen Anne in Wien diese Sammlung rettete, indem sie Stück für Stück in ihrer Schürzentasche schmuggelte, ist eine Standard-Familienanekdote. Als Edmund de Waal sie mal wieder erzählt, schämt er sich seiner Oberflächlichkeit: Die Geschichte ist zu ernst, zu groß und wichtig, als dass sie zur unreflektierten Anekdote verkommen dürfte. Und so beginnt er zu recherchieren, zunächst anhand der Schriftstücke, die sein Vater hervor kramt. Er reist nach Odessa, nach Paris, nach Wien, nach Japan, schildert die Pracht des Lebens einer Familie, die mit den Rothschilds auf Augenhöhe verkehrte, die als Kunstmäzene Werke von Renoir und Monet besaßen, heute Weltkultur. In Wien (dorthin kommt die Netsuke-Sammlung als Hochzeitsgeschenk) befindet sich die Familie auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands und Einflusses, bevor die Nazis Hab und Gut und Leben rauben.

De Waal schildert all das sehr persönlich, eng verbunden mit seinem Erleben der Recherche, dennoch immer mit der Distanz des Forschers. Die Erzählung ist reich an historischen und beschreibenden Details (das mag die erste Hälfte ein wenig langatmig machen), mit dem roten Faden von Antisemitismus zu jeder Zeit und von Kunstsinn. Der eigene unreflektierte Kolonialismus und Standesdünkel der Familie wird dabei ebenso nüchtern geschildert wie der Lichteinfall im Schlafzimmer des Charles Ephrussi, der Einfluss des Japonisme auf den Jugendstil, das Verhalten österreichischer Behörden nach dem Krieg beim Thema Restitution. Ich habe eine Menge gelernt, bekam so manches Fragment meiner Viertelbildung in größere Zusammenhänge gestellt (z.B. die Dreyfus-Affäre oder Japan nach dem 2. Weltkrieg).

8 – Friedrich Dürrenmatt, Der Verdacht

9 – Fotoarbeitsgemeinschaft der VHS Ingolstadt (Hrsg.), Die Schutter

10 – Ursula Poznanski, Erebos

11 – Philip K. Dick, Do androids dream of electric sheep?*
Bekannt ist ja die sehr freie Verfilmung als Blade Runner, doch der Roman ist ein ganz eigenes Kunstwerk, das eigentlich nur durch die Grundstimmung und das Set-up mit dem Film verbunden ist.

Auf einer postapokalyptischen, verwüsteten Erde sind fast alle Tiere ausgestorben, der Besitz der verbleibenden ist das ultimative Statussymbol. Als Ersatz gibt es künstliche Tiere, auch die sehr teuer. Die Vereinten Nationen propagieren die Auswanderung der Menschen auf andere Planeten; ein Lockmittel ist, dass sie dort durch die Unterstützung von Androiden völlig sorgenfrei leben können. Auf der Erde haben Androiden allerdings nichts verloren, Hauptfigur Deckert’s Job ist es, diejenigen Androiden auszuschalten, die trotzdem auftauchen.
Mir gefielen die ruhige Erzählung, die dichte Handlung, die noir-Elemente und viele Science-fiction-Details wie die mood organ, also eine Stimmungsorgel, auf der man einstellen kann, wie man sich fühlen möchte.

12 – Willy Vlautin, Lean on Pete

13 – Margaret Atwood, The handmaid’s tale*
Hier ausführlich besprochen.

14 – Ursula K. Le Guin, The Left Hand of Darkness*
Das Buch, das mich in diesem Lesejahr am meisten beeindruckt hat – und ausgerechnet darüber habe ich noch nicht geschrieben. Das möchte ich auf keinen Fall hastig nachholen; für ein Blogprojekt werde ich es eh noch ausführlich besprechen, dann auch hier verlinken.

15 – (Christian Kracht, Faserland)
Nach 70 Seiten hatte ich die Hoffnung aufgegeben, dass diese Platzierung von Markennamen im pubertärer Partyleben eines Wohlstandsverwahrlosten irgendwie literarisch gebrochen werden könnte oder ich gar eine Geschichte bekomme. Kracht ist etwa in meinem Alter – dennoch hätten unsere 90er nicht verschiedener sein können, selbst wo ich den Erzähler nicht mit dem Autor gleich setze.

16 – (Eduardo Mendoza, Peter Schwaar (Übers.), Katzenkrieg)
Einerseits seitenweise ermüdende Darlegungen der politischen Lage in Madrid kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs (verbrämt als Unterhaltung zwischen den Beteiligten oder gleich als Reden in politischen Versammlung), andererseits eine Handlung, deren Melodramatik mit Gefühlen nur in Extremen den englischen Romancen des 18. Jahrhunderts Konkurrenz macht.

17 – Philip K. Dick, Time Out of Joint

18 – Granta 139, The best of young American novelists 3*
Spektakulär, welches Stil- und Themenspektrum die Geschichten umfassen, und alle ganz ausgezeichnet. Das ging von einer phantastischen Geschichte, die mit Typografie spielte, über dunkelgrauen Selbstbetrug (von einer Autorin, deren erster Roman „was called the ‚feeld-bad book of the year‘ by the Chicago Tribune˝) oder manieriertes Englisch wie aus dem 19. Jahrhundert (passte zur zentralen Hochstapler-Figur) bis zum Gedankenstrom über den Tod des Ex-Freunds, den die Erzählerin auf Myspace erfährt. Manche gefielen mir besser als andere, manche strengten mehr an als andere, doch alle waren sie sehr, sehr gut ausgedacht und geschrieben. Zumindest in der englischsprachigen Welt mache ich mir überhaupt keine Sorgen um die Zukunft der erzählenden Literatur.

19 – Angela Carter, The Magic Toyshop*
Ich hatte etwas ganz Anderes erwartet – wahrscheinlich mehr klassisches zeitgenössisches Märchen. Doch schon der erste Teil der Geschichte, in der das junge Mädchen Melanie nachts im Hochzeitskleid ihrer Mutter im Garten tanzt, das Kleid beim Zurückklettern in ihr Zimmer an Hecken zerreißt, ist von unheilvoller und böser Erotik. Als Waise kommt Melanie kurz darauf mit ihren beiden kleinen Geschwistern bei seltsamen Verwandten in London unter: Ein tyrannischer Onkel, eine schweigende Tante und deren beiden erwachsene Brüder. Alles bleibt düster, die sexuelle Komponente vieler Grenzüberschreitungen trägt zur unheilvollen Stimmung bei.

20 – Thomas Pynchon, The crying of lot 49

21 – (MargaretAtwood, The Heart Goes Last)
Planlose Handlung, platte und uninteressante Charaktere, unbeholfene Sprache, dilettantische Brüche in der Erzählstimme.

22 – A.L. Kennedy, Paradise*
Hier ausführlich besprochen.

23 – Terry Pratchett, Thud!

24 – Granta 140, State of Mind

25 – Oliver Sacks, On the move

26 – (Thomas Lehr, 42)
Hier unten ausführlich verrissen.

27 – Per Petterson, Ina Kronenberger (Übers.), Nicht mit mir

28 – Karen Russell, Vampires in the Lemon Grove

29 – Naomi Alderman, The Power*
Hier ausführlich besprochen.

30 – Jaqueline Susann, Valley of the dolls
Hatte ich davor mehrfach auf Deutsch gelesen, immer als meinen Lieblingsschund bezeichnet. Jetzt nach vielen Jahren mal auf Englisch, kann man immer noch gut machen.

(Jürgen Roth, Thomas Roth, Kritik der Vögel – abgebrochen nach 50 Seiten. Die Grundidee finde ich charmant, doch sie reicht nicht, mein Interesse ein paar hundert Seiten zu halten.)

31 – Stephen King, It*
Ausgezeichnet konstruierter und vielschichtig erzählter Roman. Es geht um sehr viel mehr als Grusel: Außenseiter, Kindheit, Gruppendynamik, freier Wille. Mir war auf den 1100 Seiten nie langweilig geworden; zwar hätte man die eine oder andere Detailausschmückung streichen können, doch vielleicht hätte das Gesamtwerk darunter gelitten. Leider gibt es typischerweise nur eine weibliche Figur, Beverly, die in der Kindergruppe der sieben „Losers“ halt „the girl“ ist.

32 – Kazuo Ishiguro, The Remains of the Day*
Bei diesem zweiten Lesen war ich noch mehr angetan von Ishiguros Meisterwerk als beim ersten Lesen vor über 20 Jahren: Paradebeispiel für unreliable narrator, der Ich-Erzähler ist ein ohnehin reichhaltiger Vordergrund, der dahinter ganz Anderes verrät.

33 – Mary Beard, Women & Power. A manifesto*
Die Altphilologie-Professorin zeichnet in zwei Vorträgen nach, wie Frauen seit Beginn unserer Kultur zum Schweigen gebracht wurden und wie sich das auf die heutige Zeit auswirkt.

34 – Lion Feuchtwanger, Die häßliche Herzogin

35 – Marc-Uwe Kling, Qualityland

36 – Granta 141, Canada

37 – Per Olov Enquist , Wolfgang Butt (Übers.), Der Besuch des Leibarztes

38 – Robert Menasse, Die Hauptstadt*

Naomi Alderman, The Power

Freitag, 29. Dezember 2017

Was wäre, wenn die eine Hälfte der Menschheit qua Geburt deutlich mehr Macht hätte als die andere? Duh, werden Sie sagen, so ist es doch bereits. Doch wie so oft werden die bestehenden Verhältnisse plötzlich deutlicher, wenn man sie spekulativ umkehrt. Naomi Alderman macht das in ihrem bedrückend meisterlichen Roman The Power von 2016: In einer Zeit, die sehr wie unsere Gegenwart aussieht, entdecken junge Mädchen und erwachsene Frauen, dass sie elektrische Stromstöße aussenden können und machen das schnell zur Waffe. Die Geschichte führt vor, wie sich die Gesellschaft dadurch verändert, wie sich die bestehenden Machtverhältnisse in immer größeren Schritten umkehren – und zwar keineswegs zum Besseren.

—– ab hier Spoiler, die dem Leseerlebnis schaden könnten —-

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Journal Sonntag, 17. Dezember 2017 – Adventspaziergang 2017

Montag, 18. Dezember 2017

An einem der vier Adventsonntage treffen sich jedes Jahr mein Bruder mit Familie sowie ich mit Partner bei meinen Eltern zum Adventspaziergang. Meine Eltern haben dann ein Lokal ausgesucht, zu dem wir einen kleinen Spaziergang machen und in dem sie uns zum Mittagessen einladen.

Dieser Brauch entstand Anfang der 90er, als ich anfing, zu Weihnachten nicht mehr unbedingt zuhause zu sein. Ich war das erste mal aushäusig während meines Studienjahrs in Wales, als ich Weihnachen 1991 bei der Familie einer Freundin in bei Manchester verbrachte. Und in den folgenden Jahren verbrachte ich Weihnachten mal bei einem Freund in USA oder UK, mal ganz woanders, mal in Deutschland. Damit wir uns dennoch alle vor weihnachtlicher Deko sahen und Weihnachtsgeschenke austauschen konnten, führte meine Mutter eben diesen Adventspaziergang ein.

Heuer trafen wir uns beim Haus meines Bruders und spazierten nach Wettstetten, einem der vielen Wohndörfer für Audi-Angestellte. Vorher hatte ich die Elterngeschenke bei Mama und Papa abgeliefert und sah auf der elterlichen Terrasse ganz viele Distelfinken ums Vogelhäuschen (waren wohl bloß kurz auf Besuch, überwintern vielleicht).

In Wettstetten gab es gutes Essen beim Griechen.

Heimweg zwischen unentschlossenen Schneeflocken.

Bei Elterns noch eine Runde Plätzchen, Mohnstollen und weißer Glühwein. Zu spät erfahren, dass jemand aus meiner Chorvergangenheit gestorben war; ich wäre gerne bei der Beerdigung dabei gewesen.

Bepackt mit eigenen Geschenken im vollen Regionalzug zurück nach München.

Journal Freitag/Samstag, 24./25. November 2017 – Halsstarrigkeiten

Sonntag, 26. November 2017

Freitagmorgen heftiger Regen, Freitagnachmittag bis -abend lange Bahnfahrt zurück nach München.

Auf der Hinfahrt hatte vor mir ein altes Paar minutenlang darüber gestritten, wie es kam, dass sie von der ICE-Kellnerin Cappuccino bekommen hatte statt eines Kaffees. Sie hatte darauf beharrt, dass sie „Kaffee“ gesagt habe („ich mag ja gar keinen Cappuccino“), er beharrte darauf („ganz sicher“, „eindeutig“), sie habe „Cappuccino“ gesagt. Aufgefallen war mir die Absolutheit und Halsstarrigkeit beider Aussagen. Kann es sein, dass man mit dem Alter immer mehr ausschließt, man könnte sich irren? Oder ist das Folge der Angst, die eigene Erinnerung könnte tatsächlich unzuverlässig werden? Oder ist diese Halsstarrigkeit altersunabhängig und Charaktersache? Selbst bilde ich mir ja ein, immer vorsichtiger gegenüber meinen Erinnerungen zu werden. Außer bei solchen, bei denen ich mir ganz sicher bin, weil sie erst wenige Minuten alt sind. Oh wait…
(Als Zeugin des Kaffee-Cappuccino-Kaufs hatte ich übrigens eine dritte Variante gehört. Die ICE-Kellnerin hatte angeboten: „Großer Kaffee oder kleiner Cappuccino?“ Die Kundin hatte geordert: „Klein, ohne alles.“ Ein beiderseitiges Missverständnis also.)

Ich las auf der Rückfahrt Lion Feuchtwangers Die häßliche Herzogin aus, mochte es so mittel. Einerseits anregend dicht in Handlung und Hintergrund, andererseits stießen mir wie schon in Erfolg die Epiteton-artig wiederholten Beschreibungen der Figuren auf.

In München Freude über das Wiedersehen mit Herrn Kaltmamsell, ein entspannendes Glas Rotwein zu Rind aus der Pfanne. Der Wein rächte sich nachts mit Migräne.

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Samstagmorgen folgte ich meinem Impuls, das Thema „Wie bekomme ich mehr Frauen auf Veranstaltungspodien?“ zu recherchieren und zu verbloggen. Mir war bewusst, dass am Samstag niemand Blogs liest und das der schlechtest mögliche Zeitpunkt fürs Veröffentlichen war – doch was raus muss, muss raus. Weise ich halt nächste Woche nochmal über Twitter und Facebook darauf hin.

Ich machte mich auf zu einem Isarlauf ab Thalkirchen – obwohl sich der Himmel dunkelst bewölkte: Kopf und Herz brauchten dringend eine Laufrunde, um die vergangenen drei Lauf-losen Wochen zu verarbeiten. Tatsächlich begann es nach 30 Minuten zu regnen, erst sacht, dann immer heftiger. Ich genoss das gedankenverlorene Traben dennoch und wurde langsam nass – nur in der letzten Viertelstunde kalt und unangenehm. Ohne Stopp gelaufen (keine Fotos, keine Pokémon), mich munter und schnell gefühlt – dennoch war ich laut Bewegungsapp Moves so langsam wie fast nie.

Daheim nahm ich ein Vollbad, erledigte nach kurzem Frühstück (Honigbrote) Lebensmitteleinkäufe.

Das Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell – er hatte trotz dichter Wochenendarbeit mehr Lust zu kochen als ich. Es gab Kürbislasagne, die Herr Kaltmamsell leicht abgewandelt hatte: Chilli-Schärfe in die Kürbismasse, statt Schnittlauch (den ich nicht bekommen hatte) oben über den Sauerrahm Zatar – sehr gut.

Zum abendlichen Internetlesen lief im Fernsehen Don Camillo kehrt zurück – wohligste Erinnerungen an gemeinsames Lachen mit meinem Vater.

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„An artist is pasting images of paintings from museums on Indian street corners“.

via @MlleReadOn

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Blogs der Marke „Everybody has a voice“: Jawl erklärt fachkundig, wie es zur Übernahme der Blogbewegung durch Agenturen und Unternehmen kam.
„Wie sich die Blogszene kommerzialisierte und warum heute alle Blogs gleich sind.“

Allerdings finde ich nicht, dass alle Blogs gleich sind. Auch unter den Purse-Blogs gibt es Binnendifferenzierung – und sie werden ja offensichtlich von ganz vielen Menschen gemocht und gelesen. Zu denen ich halt nicht gehöre. Ich wiederhole: Im Internet ist Platz genug für uns alle.

Mir macht das Bloggen weiterhin Spaß (ja mei, andere Leute gucken als Hobby TV-Serien), ich bekomme Infos und menschlichen Austausch zurück – das ist mein return on invest. Dasnuf persifliert sehr schön und gewohnt überzeichnet, wie sich eine Purse-Bloggerin angegriffen fühlt, weil sie lieber PR-Geld als ROI haben möchte: Wenn man in etwas Geld hineinsteckt und andere auch etwas davon haben, möchte man doch schließlich auch Geld dafür zurück.

Journal Samstag/Sonntag, 4./5. November 2017 – Wieder wahlgeholfen

Montag, 6. November 2017

Am Samstag waren wir bei meinen Schwiegereltern in Augsburg zum Mittagessen eingeladen. Nach Ausschlafen, Bloggen, Zugfahrt durch sonnige Landschaft gab es köstlichen Lammbraten in anregender Gesellschaft (neben Schwiegers auch meine Eltern und eine liebe alte Freundin der Schwiegereltern).

Zurück in München ging ich am frühen Abend mit Herrn Kaltmamsell in den nächstgelegenen Einrichtungsladen. Wir hätten nämlich gerne ein Sofa, auf dem wir aneinander gekuschelt lesen und fernsehen können (das vorhandene Sofa ist dafür nicht geeignet), das aber kein Möbel der Sorte Sitzelement ist. Im Internet hatte ich mich bereits umgesehen, fühlte mich aber unterinspiriert. Im Möbelladen war zwar auch nichts perfekt, aber das Probesitzen auf Exponaten machte uns den einen oder anderen Wunsch klar.

Daheim It von Stephen King ausgelesen: Ausgezeichnet konstruierter und vielschichtig erzählter Roman. Es geht um sehr viel mehr als Grusel: Außenseiter, Kindheit, Gruppendynamik, freier Wille. Mir war auf den 1100 Seiten nie langweilig geworden; zwar hätte man die eine oder andere Detailausschmückung streichen können, doch vielleicht hätte das Gesamtwerk darunter gelitten. Leider gibt es typischerweise nur eine weibliche Figur, Beverly, die in der Kindergruppe der sieben „Losers“ halt „the girl“ ist.
Große Leseempfehlung.

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Am Sonntag früh aufgestanden, weil ich als Wahlhelferin des Bürgerentscheids „Raus aus der Steinkohle“ fungierte, diesmal als Schriftführerin. Auch diesmal hatte ich es nicht weit, zur Einsatzschule ging ich morgens nur zehn Minuten.

Bürgerentscheide sind vermutlich immer eher ruhig, der Abstimmungsanlass war zudem auch kein sehr emotionales Thema. Daher blieb viel Zeit zum Ratsch mit Mitwahlhelfenden, wieder lernte ich sympathische und interessante Menschen kennen. Von einer, einer Erzieherin, erfuhr ich unter anderem, dass es YouTube-Stars mittlerweile zu einem eigenen Panini-Sammelalbum geschafft haben, das unter den von ihr betreuten Schulkindern heiß umkämpft ist. (Falls ein Feuilletonautor weitere Belege für den Untergang unserer Zivilisation durch das Internet braucht. Und als Hinweis für uns Rest, welchen Stellenwert Webstars heute bei der Jugend (TM) haben.)

Als Sonntagsessen hatte ich mir wieder etwas von Herrn Kaltmamsell gewünscht: Rindergulasch mit Böhmischem Knödel.

Es war köstlich.
Ruhiger Nachmittag mit Siesta und Lesen, im kräftigen Regen der zweiten Tageshälfte ging ich zum Stimmauszählen.

Abendessen war eine Quitte aus dem Ofen (hätte in ihrer Alufolie ruhig noch länger als die 60 Minuten garen können, war noch ziemlich knackig) mit Sahne und Honig.


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