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Journal Freitag, 24. Juni 2022 – Bachmannpreislesen, Tag 2

Samstag, 25. Juni 2022

Tag der Akzente, Tag der Performances.

Ich ließ mir morgens mehr Zeit, und auch an diesem zweiten, schon früh heißen Lesetag war der Publikumsbereich im ORF-Studio nur locker besetzt.

Zwei meiner Fragen vom Donnerstag wurden durch die Lesungen des Vormittags beantwortet:
1. Wie lange wird es wohl dauern, bis Eingewanderte erster Generation in Klagenfurt mit anderen Themen als ihrem Eingewandertsein auftauchen?
Bis gestern, als Ana Marwan mit ihrem extremen slowenischen Akzent meinen bislangen Favoritentext vorlas: “Wechselkröte”.
2. Wird das seit zweieinhalb Jahren real dominierende Thema Corona in irgendeinem Text auftauchen?
Ja, nämlich in genau diesem Text, durch die Erwähnung einer FFP2-Maske und Nachdenken über die Frage, ob man noch ein Gesicht hat, wenn es keiner sieht.

Schon Marwans Vorstellungsfilm hatte den Ton gesetzt mit seinem wirklich witzigen Sarkasmus, jetzt hörten wir die Gedanken einer jungen Frau in einem abgelegenen Haus. Ich mochte die Beobachtungen, Reflexionen, das Changieren von Erlebtem und Ausgedachtem – auch die Sprache unter anderem wegen ihrer Austriazismen wir “Gelsen” und “Müllsackerl”. (Liebevolle Erinnerung an meinen Vater, der Bayrisch mit spanischem Akzent spricht. Wäre eine schöner Forschungsgegenstand: Der Einfluss des Lokalen auf Einwanderer- und Exilliteratur.)

Delius hatte ein feinsinniges Portrait einer Außenseiterin gelesen, sah das klassisch feministische Motiv einer Frau, die sich zurückzieht, um sich selbst denken hören zu können. Sie fand den zweiten Teil mit dem imaginierten Leben eines potenziellen Kinds allerdings weniger gut gearbeitet. Um diese verschiedenen Teile des Texts (manche sahen zwei, andere drei) und ihr Verhältnis zueinander drehte sich dann der Hauptteil der Jury-Diskussion: Für Kastberger erzeugten diese Teile Spannungen, Tingler sah sie disparat und unverbunden sowie mit Niveaugefälle, Wilke aber diagnostizierte eine “Sogwirkung”.

Als nächstes bekamen wir eine Art Text, der möglicherweise in Klagenfurt immer dabeisein muss: Einen Männertext, und zwar vom Berliner Behzad Karim Khani, “Vae victis”.

Gleich Insa Wilkes Eingangskommentar entsprach meiner Wahrnehmung: Die Geschichte aus der Perspektive eines Mannes, der seine Haft antritt, und seiner ersten Monate im Gefängnis, also eine “Knastgeschichte”, war ein Genrestück. Zwar assoziierte ich nicht wie sie TV-Serien (die kenne ich alle nicht), auch fand ich sie nicht wirklich “gut erzählt”. Aber sie verlief erwartbar, sobald man das Thema erkannte. Viele Jury-Mitglieder kritisierten, was auch mir sofort als Technikfehler aufgefallen war: Den Perspektivenwechsel (Gefängnischef, kleiner Bruder), der nicht zur sonst konsequenten Innensicht des Protagonisten passte.

Später glich ich mit der Mitbewohnerin unser Wissen über Gefängnisleben ab: Bei mir basierend auf der Besuch des Gefängnisses in Landsberg als Teil der Schöffenschulung samt Gesprächen mit dem dortigen Personal, bei ihr basierend auf Kursen, die sie eine Zeit lang für Inhaftierte gegeben hatte. Wir waren uns einig: Das tatsächliche Gefängnisleben mit seinem sozialen Geflecht hätte viel interessantere Episoden und Details geliefert als die Klischees in Khanis Text.

Die Jury hatte viel über die Glaubwürdigkeit des Texts gesprochen und hatte dabei unterschiedliche Ansichten – ich sah sie nicht.

Nochmal ein starker Akzent, der wie bei Marwan auf mich einen intensiven V-Effekt hatte: Usama Al Shahmani und sein “Porträt des Verschwindens”. Eine Kinderperspektive im Irak von 1979, dagegengeschnitten dieses Kind als Erwachsener im Exil – durchaus anregend anzuhören (mit schönen Helvitismen wie “Stube” für Wohnzimmer), aber halt nichts Neues.

Die Jury (Kastberger und Schwens-Harrant) lobte zunächst die Behandlung der Themen Heimat und Exil, auch die Kinderperspektive, doch Tingler ließ das platzen mit dem Hinweis, der Text habe “alles, was man erwarten würde”, er sei schlicht konventionell. Dem pflichteten Delius und Kaiser bei. Die Diskussion endete in Zank darüber, ob es für verschiedene Erzählkulturen verschiedene literarische Wertungssysteme geben könne – der genau in dem Moment ausbrach, als Moderator Christian Ankowitsch zum Abmoderieren ansetzte; er tat es dann halt über den Zank hinweg, ein zauberhafter Moment.

In der Mittagspause hatte ich wieder keinen Appetit, holte mir nur einen schlechten Cappuccino (bekam aber einen guten Tipp für Samstag). Im Studio war es angenehm kühl im Gegensatz zum heißen Garten, nicht nur deshalb setzte ich mich für den Nachmittag wieder hinein.

Barbara Zeman las “Sand”, der fast komplett an mir vorbei ging – das mag aber durchaus an meiner (irrationalen) Aversion gegen solche zarten Empfindlichkeitspflänzchen liegen, wie es hier im Mittelpunkt der Venedig-Geschichte (also auch Genre) steht und deren Empfindsamkeit ich als tyrannisch empfinde (ich muss an Friedrich Torbergs Begriff “Filigrantrampel” denken).

Denn im Gegensatz zu mir war die Jury ausgesprochen angetan, sah Zeichen und Symbole (Kaiser), einen Reichtum an literarischen Referenzen, dramaturgische Spannung (Kastberger), eine ganze feministische Geschichte (Wilke – die gestern nicht nur in diesem Text Feminismus aus allem und jedem konstruierte), dahinter etwas Dämonisches (Schwens-Harrant), “über- und unterspült” (Wiederstein). Nur Tingler äußerte sich erleichtert, dass diese Art von Geschichten mit ihrem “assoziativen Befindlichkeitsstil” aus der Mode gekommen sei.

Mara Genschel las ihr “Das Fenster zum Hof” mit aufgeklebtem Schnurrbart und mit einem amerikanischen Akzent, wie ihn Harald Juhnke nicht besser hinbekommen hätte, einen Text über die Erstellung eines Textes und über die anderen Bachmannpreis-Kandidat*innen. Und genau das ist für mich Klagenfurt: Ich krümmte mich zwar fast durchgehend vor Peinlichkeit, begrüßte aber sehr, dass es auch sowas im Rennen auf den Bachmannpreis gibt. Das Publikum im Garten vor der Lesebühne war begeistert und lachte sich schepps.

Die Jury tat in der Diskussion, was sie muss: Sie spielte das Spiel der Performance als Jury weiter und stritt, ob das nun gut oder schlecht war, hielt fest, dass es solche Versuche der Thematisierung des Bachmannpreisgeschehens in Texten immer wieder gebe. Erstes Mal: Die Autorin schaltete sich in die Diskussion ein. Sie betonte, dass nicht sie eine Performance behauptet habe, “ich habe mich nur schick gemacht”.

Gestern verschob ich die Zusammenfassung des Gesehenen fürs Blog, ich wollte an den See zum Baden. Auf dem Weg zur Ferienwohnung aß ich die mitgenommene Brotzeit in Form eines Apfels und eines Kantens Brot, zog mich in der Wohnung aus, sonnencremte mich, zog Badesachen an. Und schritt zum ersten Mal zum Ausleihen eines Nextbikes für die Fahrt zum Strandbad! Aber: Alles ging glatt (mit App QR-Code einscannen, aus der App vierstelligen Code am Rad eingeben, losfahren), keine Geschichte zu erzählen.

Im Bad Maria Loretto traf ich auf vertraute Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen, kühlte mich im See, plauderte, schwamm, saß in der Sonne – und merkte, dass mein letzter Schwimmwasserkontakt außerhalb von künstlichen Becken viele Jahre her war. Gegen sieben radelte ich zurück, begegnete einem weiteren lieben Internetmenschen beim Entgegenradeln, stieg zu einer Umarmung und einem Austausch von Neuigkeiten ab.

Zurück in der Ferienwohnung war ich sehr hungrig. Es gab selbstgebackenes Brot mit dick Butter, rote Paprika und Käsewürfel, Joghurt mit Zucker, weiße Mozartkugeln. Jetzt machte ich mich an die Zusammenfassung des Lesetags fürs Blog.

Niederschmetternde Nachricht des Tages: Der Supreme Court der USA hat das Recht auf Abtreibung gekippt (in einem Land, das nicht mal Mutterschutz hat).

Journal Donnerstag, 23. Juni 2022 – Bachmannpreislesen, Tag 1, Bürgermeisterempfang auf Maria Loretto

Freitag, 24. Juni 2022

Guter und ausreichender Schlaf in der Klagenfurter Ferienwohnung. Nach Duschen, Anziehen und nötigsten Reha-Übungen setzte ich mich mit Milchkaffee auf den Balkon (die Mitbewohnerin war so aufmerksam gewesen, eine Ferienwohnung mit dieser Möglichkeit auszuwählen) und machte den Blogpost fertig, las noch ein wenig Twitter nach. Auf der Tonspur ein Gemisch aus Spatzen-Tschilpen und Mauersegler-Schrillen.

Die Ferienwohnung rumpelt und klappert. Was auch immer man anfasst, vor allem Türen und Möbel, macht Lärm. Erst dadurch wurde mir bewusst, wie sorgfältig wohl alles in meiner eigenen Wohnung mit Dichtungen und Stoppern etc. gedämpft ist.

Zum ORF-Theater brach ich früh durch den milden Morgen auf, um mir durch eine vordere Position in der Schlange vorm Fernsehstudio möglichst einen Platz darin zu sichern. Doch alles war anders: Vor dem Eingang zum ORF-Theater wartete gar keine Schlange, und als wir paar Leute eingelassen wurden, musste ich mir zum ersten Mal unter vielen freien Stühlen einen aussuchen.

Beim Start der Lesungen war immer noch ein Viertel leer, ich nutzte die Sitzfläche neben mir zur Ablagen von Zeugs.

Die erste Geschichte von Hannes Stein, “Die königliche Republik”, war für mich eine New Yorker Matt-Ruff-Fanfiction, vielleicht ein wenig Michael Chabon drin – insgesamt aber ein müder Abklatsch.

Die Jury, aus der ich live bislang nur Klaus Kastberger kannte, urteilte wohlwollender, sah “Schrägheit” (Mara Delius), außereuropäische Nuancen (Kastberger), die Flucht eines einsamen in Ausgedachtes (Vea Kaiser), bemängelte aber dramaturgische Ungenauigkeit (Insa Wilke), störende Informationsvermittlung (Brigitte Schwens-Harrant), die alt-onklig bräsige Erzählstimme mit angestaubten Wörtern (Philipp Tingler – auch mich hatte der Ausdruck “Anno Schnee” in KuhlemkampKulenkampff-Zeiten versetzt, auf unangenehme Weise).

Es folgte mein Tages-Favorit: “Der Körper meiner Großmutter” von Eva Sichelschmidt. Ein präziser, durchkomponiert rhythmischer Text aus der Sicht einer Enkelin über das Sterben ihrer über 100-jährigen Großmutter und gleichzeitig über ein einfaches Frauenleben.

Die Diskussion der Jury drehte sich viel um die Strukturiertheit des Textes, das Michael Wiederstein allerdings als “hohles Konstrukt” sah. Auch die Rolle des Körpers als rotem Faden des Texts wurde viel Raum gegeben. Längere Uneinigkeit über die Funktion der Plattitüden übers Sterben, die immer wieder auftauchen.

Leon Engler las “Liste der Dinge, die nicht so sind, wie sie sein sollten”, den Gedankenstrom eines jungen Schauspielers, der nur aus Unsicherheit besteht und sich an der Enttäuschung über sich selbst entlang hangelt (ich konnte Vieles nachvollziehen). Wilke sah einen “furchtbar simplen Text”, der gleichzeitig aber eine ganze Sprachlandschaft an Anspielungen transportiere, die folgende Diskussion war uneins, was überwog – und ob die Selbstironie des Texts manche Themen verschone.

In der Mittagspause hatte ich keinen Appetit auf das mitgebrachte Brot, also gab’s nur einen Cappuccino (den ich nicht wiederholen werde, uiuiui).

Zu den Nachmittagslesungen waren die Publikumsstühle im Studio dann nur noch zur Hälfte besetzt. Ich ließ mich auf der anderen Seite der Jury nieder.

Es startete Alexandru Bulucz mit “Einige Landesgrenzen weiter östlich, von hier aus gesehen”, praktisch ohne jede Handlung, aber dicht und poetisch mit Erinnerungen. Nebengedanke: Wie lange wird es wohl dauern, bis Eingewanderte erster Generation in Klagenfurt mit anderen Themen als ihrem Eingewandertsein auftauchen? Und bei denen nicht als erstes über die “Sprachgenauigkeit” gesprochen wird, vor allem für jemanden, dessen Muttersprache nicht Deutsch sei?

Kastberger erwähnte, dass für die Rezeption des Textes ein “Sinn für Lyrik” förderlich sei, Wiederstein arbeitete als roten Faden die “Kreismetapher” heraus, Tingler mäkelte, dass sich ihm nicht erschlossen habe, warum in dieser Innerlichkeit immer noch eine Ebene hinzugekommen sei, Schwens-Harrant mochte die ständigen Schwingungen des Nachdenkens.

Den Abschluss bildete “Der Silberriese” von Andreas Moster, die Geschichte eines alleinerziehenden Baby-Vaters und Leistungssportlers. In der Diskussion fragte sich die Jury von Anfang an, wie dieselbe Geschichte aus Muttersicht rezipiert worden wäre, und war sich (mit Ausnahme der Einreicherin Vea Kaiser: “Große politische Bedeutung!”) einig: Dann wäre sie konventionell, platt und an vielen Stellen kitschig (Wilke: “Holzschnittartig.”). Uneinigkeit herrschte aber über die Glaubwürdigkeit der Leistungssportlerfigur (Kastberger: “Ich glaub dem Text kein Wort.”).

Fragen, die der erste Lesetag unter anderem offen ließ: Warum waren so wenige Menschen ins (schön kühle) TV-Studio gekommen, wo doch die Magic happens? Waren mehr der Ansicht, dass die Magic draußen bei den Lesenden happens? Sind tatsächlich einfach so viel weniger Bachmannpreisinteressierte angereist? Und: Wird das seit zweieinhalb Jahren real dominierende Thema Corona in irgendeinem Text auftauchen?

Ich spazierte durch trübe, schwüle Sonne rüber zum Lendhafen, wo die Internet-Leute meiner Bekanntschaft Lesungen und Jury-Diskussion verfolgt hatten, traf auf einen besonders lieben Internet-Menschen, den ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Nun brauchte ich aber wirklich etwas zu essen. Ich holte mir in der Innenstadt ein großes Eis.

Und schob die Brotzeit-Scheibe Brot hinterher.

Ausruhen in der Ferienwohnung, Aufarbeitung des Gesehenen mit der Mitbewohnerin (die am Lendhafen gesessen hatte), Zusammenfassung hier im Blog. In meinem Internet überwog Enttäuschung über den ersten Tag der Lesungen – wie immer, an dieser Stelle war alles in Ordnung. Vor dem Fertigmachen für die abendliche Einladung (ich trug reichlich Mückenspray statt Parfum auf) war sogar noch Zeit für eine Einheit Yoga.

Klagenfurts Bürgermeister Christian Scheider hatte ins Schloss Maria Loretto zum Empfang eingeladen. Ich nutzte den Shuttle-Service vom Neuen Platz und ließ mich im Sonderbus rausfahren.

Die traumhafte Kulisse kannte ich ja schon, und es waren wohl wirklich weniger Menschen angereist. Bürgermeister Scheider reagierte in seiner Begrüßung ausführlich auf die Rede zur Literatur von Anna Baar vom Eröffnungsabend und zählte auf, welche Initiativen Klagenfurt in den vergangenen Jahrzehnten zur Verarbeitung von grausamer Vergangenheit ergriffen habe inklusive dem Umgang mit Straßenbenennungen nach Nazi-Größen.

Reichliches warmes Buffet, ich aß große Mengen Braten, Serviettenknödel, Beilagengemüse, dann einen ausführlichen Teller vom Dessertbuffet (Kaiserschmarrn, Apfelkuchen, Eaton Mess mit roten Johannisbeeren – letzteres schmeckte so gut, dass ich es nachbauen möchte). Dazu Hugo, Weißweinschorle, Plaudern mit lang nicht getroffenen Internetmenschen.

Als sich der Garten leerte, ging ich gegen elf wie geplant zu Fuß zurück: Auf dieses Stündchen entlang dem nächtlichen Lendkanal hatte ich mich nach dem Bewegungsmangel des Tages sehr gefreut. Es war dann auch sehr schön; am Hotel Seepark blieb ich mit einer eben per Rad überholenden Internetfreundin stehen und lauschte eine Weile einem überraschend vielstimmigen Froschkonzert.

Journal Donnerstag, Fronleichnam, 16. Juni 2022 – Mühlenwanderung mit Familie im Schuttertal

Freitag, 17. Juni 2022

Doofe Nacht, diese hatte nach Langem sogar wieder ein Loch, in dem ich halt Roman las.

Wegen Plänen hatte ich mir den Wecker gestellt. Zum ersten Mal war es warm genug für Balkonkaffee.

Die Pläne: Eine Mühlenwanderung im Schuttertal mit Familie, zwischen Wolkertshofen und Nassenfels. Nach Hitzesicherung der Wohnung (Rollläden runter, Fenster zu bis auf die in den kühlen Lichthof) nahm ich mit Herrn Kaltmamsell eine Regionalbahn nach Ingolstadt (so früh war sie schön leer und ohne Personen im Gleis auch pünktlich), meine Eltern holten uns ab. Auf dem Weg nach Wolkertshofen kam ich erstmals durch das riesige neue Einkaufsviertel im Westen der Stadt, wohin Ingolstadt mittlerweile all die Geschäfte und Gastronomie ausgelagert hat, zu denen die Bürger*innen vor 20 Jahren noch in die Innenstadt fuhren. Die Folge (wie im Vorbild USA und Einkaufs-Mall): Ausgestorbene Innenstadt mit viel Leerstand, allgemeine Freude über die Möglichkeit, endlich direkt vor allen Einkaufs- und Essgelegenheiten parken zu können.

Start und Endpunkt der Wanderung war das Gasthaus Stark, daran gleich der erste historische Hinweis.

Das Anfangs sommerlich sonnige Wetter wurde sehr wacklig, immer wieder spürten wir Tropfen, einmal mussten wir uns vor einem energischen Regenschauer unterstellen. Die zweistündige Runde selbst war ganz zauberhaft, neben schönen Mühlen sahen wir weite Ausblicke auf Felder (Kartoffeln, Saubohnen, Zuckerrüben, Gerste) und viele spannende Vögel: Bussard, Falken, Schwalben, Lerchen, Störche, Mauersegler.

Schutter bei der Kunstmühle Husterer.

Alte Grenzmarkierung der früheren Regierungsbezirksgrenze Oberbayern/Schwaben/Mittelfranken.

Unterhaidmühle, Egweil (Aussprache “Öhwe”).

Neben Wegkreuzen und Marterl trafen wir auch einen säkularen Ort für Halt und Besinnung an – Volksbesinnlichkeit? (Andererseits haben ja viele Orte mit Fremdenverkehr mittlerweile offizielle “Philosophen”- oder “Achtsamkeits-“Wege angelegt, wohl als unreligiöse Alternativen zu Kreuzwegen und katholischen Andachtsorten.)

Wasserschloss Nassenfels mit Storchennest und Storch, kurz nachdem uns ein Regenschauer unter ein Vordach der stilistisch sehr international diversen Einfamilienhaus-Neubausiedlung von Nassenfels getrieben hatte.

Wolkertshofen.

Einkehren im Gasthof Stark.

Ganz hervorragendes Essen, der Gasthof nennt nicht nur alle (Bio-)lieferanten sowie den Jäger dieser Rehkeule, sondern macht eindeutig wirklich alles selbst: Der Wirsing knackig und mit leichter Sahesoße, die Birne bewies allein schon durch ihre intensive Nelken-Note, dass sie nicht aus der Dose kam. Dazu gab es zwei alkoholfreie dunkle Weizen vom Lammsbräu.

Auf dem Rückweg machten wir einen Abstecher in den Brudergarten: Am Kirschbaum, den ich im März hatte blühen sehen, waren Kirschen reif. Jetzt schien die Sonne ziemlich heftig, aber Kirschbrocksonnenbrand Ehrensonnenbrand.

Auf der Rückfahrt Fabio Geda, Verena von Koskull (Übers.), Ein Sonntag mit Elena ausgelesen. Mir gefiel das Undramatische der einfachen Geschichte: Ein Witwer hat für die Familie seiner erwachsenen Tochter gekocht, doch diese muss kurzfristig absagen. Er ist enttäuscht und geht raus auf einen Spaziergang, lernt am Skaterpark eine Frau mit Teenagersohn kennen, lädt die beiden zum ausgefallenen Familienessen ein. Für einen Nachmittag lassen diese Fremden sich aufeinander ein.

Besonders wird diese einfache Geschichte, weil sie ist technisch liebevoll erzählt wird, nämlich mit der Stimme der zweiten erwachsenen Tochter aus einigen Jahren Abstand. Sie erzählt ihre Sicht auf ihren Vater mit, auf die ganze Familie, auf ihr eigenes Heranwachsen, ihr jetziges Leben. Ich mochte es, für einige Stunden von Übersetzerin Verena von Koskull nach Norditalien mitgenommen zu werden.

Daheim war die Wohnung angenehm kühl, ich nahm mir Zeit für ausführliche Pediküre. Und richtete meine Nägel mit dem Lack nach Langem mal wieder wie ein Kindergartenkind zu.

Mich ereilte ein ungewohnter Fressflash, der mich Flachpfirsiche (gut!) und Salzmandeln verschlingen ließ.

Eine Runde Yoga, bevor Herr Kaltmamsell das Nachtmahl servierte: Pak Choi aus Ernteanteil asiatisch aus der Pfanne mit restlichen Kartoffeln vom Vorabend, reichlich Schokolade.

Journal Sonntag, 12. Juni 2022 – #12von12 mit Familientreffen

Montag, 13. Juni 2022

Ein 12. des Monats, arbeitsfreier Sonntag, Zeit für ein #12von12 mit zwölf Fotos, die den Tag dokumentieren.

Während ich noch den Vortag wegbloggte, schlug ich meinen eigenen Rekord in der Corona-Warn-App: Es lief eine sechste Risikobegegnung ein.

1 – Selbsttest zu Glück weiter negativ, Bahn frei für ein lange befreutes Familientreffen – schließlich war Familienostern wegen Corona-Erkrankungen ausgefallen.

Ich hatte mir einen Wecker gestellt, um vor Abfahrt zur Familienfeier noch eine Runde Laufen gehen zu können. Dazu nahm ich das Fahrrad zur Isar und lief wirklich nur ein knappes Stündchen.

2 – Blick von der Wittelsbacherbrücke Richtung Süden. Isar gut gefüllt.

3 – Braunauer Eisenbahnbrücke.

Wunderbare Düfte, die Linden haben ihre Blüte gestartet. Die Temperatur war ideal, ich lief leicht und mit Genuss.

Komplikationen bei der Abfahrt am Münchner Hauptbahnhof: Der Bahnsteig für den Regionalzug nach Nürnberg war bereits sehr voll Menschen, als eine Durchsage ertönte, dass wegen Personen im Gleis der gesamte Zugverkehr zwischen Hauptbahnhof und Hackerbrücke (der nächste S-Bahnhof nach dem Hauptbahnhof) gestoppt worden war. Herr Kaltmamsell an meiner Seite, erfahrener und geprüfter S-Bahn-Fahrer, raunte mir zu, dass sowas normalerweise eine Verzögerung von lediglich 10 bis 12 Minuten bedeute. Und da hatte er recht, dennoch brachte dieser Stopp natürlich alle Abläufe durcheinander. (Wieder mal hätte mich sehr die Umplanung dahinter interessiert, inklusive technischer Hilfsmittel.) Als er aufgehoben werden konnte, lotste uns eine weitere Durchsage zu einem weit enfernten Gleis, Völkerwanderung mit Kinderwagen, Koffern und Kegel. Da wir gut zu Fuß sind, gingen wir bis ganz vor zum ersten Wagen, ließen die Plätze in den hinteren Wagen den langsameren Reisenden.

4 – Ruhige Fahrt, der Zug musste unterwegs nur einmal für eine Zugüberholung durch Fernverkehr warten. Unterm Strich kamen wir in Ingolstadt mit nicht mal einer halben Stunde Verzögerung an.

Im elterlichen Garten herzerfrischendes Wiedersehen mit vielen vermissten Familienteilen. Einige Stunden erzählen (Berlin, re:publica), lachen, zuhören (Gardasee-Urlaub, Aktivismus, Abitur), mehr lachen, rumblödeln, diskutieren (Schlaf, Ally-tum), planen – und viel köstliches Essen. Die Sonne brannte heiß.

5 – Der Grillmeister.

6 – Bester Gazpacho aus Mutters Küche. Im Becher davor war eine “leichte Sangria” zur Begrüßung gewesen, also limonada.

7 – Der Garten meiner Eltern barst schier vor Blüten.

8 – Herrlichkeiten vom Grill: Schweinebauch, Aubergine, Zucchini, dazu Spargel – davor hatte es gegrillte Garnelen gegeben, danach wurden Lammkottelets, Kartoffelsalat, Tomatenhälften, Röstbrot, Hähnchenflügel serviert.

9 – Meine Mutter wies mehrfach betont dezent darauf hin, wie fotogen ihre Erdbeertorte sei. Hier vor Bruderbauch. (Ich war zu voll und musste bei Torte passen, nahm statt dessen Espresso und hundertjährigen spanischen Brandy.)

Irgendwann dann doch Aufbruch.

10 – Regionalbahnhofsästhetik. Ereignislose Rückfahrt.

Am Hauptbahnhof hatte ich wieder Automatenfotos für meine Serie aufnehmen wollen – doch beide Automaten waren ausgeschaltet. Zu Hause ein wenig Aufräumen.

11 – Ausgewogenes Abendessen. (Die Brausetrüffel von Sawade – unten – sind sehr super.)

12 – Bettblick mit fast vollem Mond. Neue Lektüre begonnen: Fabio Geda, Verena von Koskull (Übers.), Ein Sonntag mit Elena, mich davon nach Norditalien mitnehmen lassen.

§

Die frühere US-amerikanische Botschafterin in Dänemark, Carla Sands, twittert Blödsinn – und fängt sich sehr lustige Drukos ein.

Journal Pfingstmontag, 6. Juni 2022: Berlin Tag 2 in Stichworten Luisenstadt-Friedhof, Liebermann-Villa, Verwandtschaft

Dienstag, 7. Juni 2022
    • Etwas schwierige Suche nach akzeptablem Morgenkaffee, weil Feiertag auch in Berlin bedeutet, dass Cafés tendenziell erst um zehn öffnen. Frühstück für Herrn Kaltmamsell, über uns Mauersegler, Geräuschkulisse aber dominiert von Spatzen.

Fledermaus!

    • Wetter: gemischte Wolken, warm, richtig für ein langärmliges Sommerkleid.
    • U-Bahn zum Alten Luisenstädtischen Friedhof, ausgedehnter Spaziergang durch das wunderschöne Gelände mit vielen interessanten Grabmälern (allerdings deutlich weniger Informationen über die Verstorbenen darauf als auf dem Alten Südfriedhof in München), abschließendes Bankerlsitzen.
    • U- und S-Bahn zum Wannsee: Die Fahrt zog sich länger als geplant wegen S-Bahn-Ausfalls. Viele Leute unterwegs, aber nicht in beängstigendem Maß. (Wie immer in Berlin freue ich mich an all dem Platz: Straßen und Gehwege sind im Schnitt doppelt so breit wie in München – Radwege bezeichnenderweise nicht -, ich kann immer besser nachvollziehen, warum sich Besuch aus Berlin in der Münchner Innenstadt umgehend überrannt und eingeengt fühlt.)
    • Spaziergang vom Bahnhof Wannsee zur Liebermann-Villa. Sie hatte auf meiner ewigen Liste “in Berlin mal machen” gestanden, bei einem Check hatte ich zu meiner freudigen Überraschung entdeckt, dass sie dienstags und nicht wie sonst Museen montags geschlossen ist.
    • Bewunderung der Gartenanlage Liebermann-Villa und der kleinen Ausstellung, Kaffeepause auf der Terrasse mit Kakao. Auf dem Rückweg zum Bahnhof aß ich vernünftig auch einen mitgebrachten Apfel.
    • S-Bahn-Fahrt zur Berliner Verwandtschaft von Herrn Kaltmamsell, die in der Nähe wohnt, nämlich in Zehlendorf. Fröhliches Zusammentreffen mit ausgesprochen angenehmen Menschen, eine Verwandte aus dieser Generation war nach vielen Jahren Pause dabei. Währenddessen ging ein ausgedehnter Wolkenbruch nieder, der sich bereits einige Zeit lang mit dunklen Wolken angekündigt hatte.

Bahnhof Schlachtensee. In dieser Gegend denke ich immer mit schwerem Herzen an das Fräulein.

  • Öffi-Fahrt zurück nach Friedrichshain, Abendessen bei einem veganen Vietnamesen, ich hatte einen Limette-Zitronengras-Eistee (sehr super, die Kombi mal merken), Mangosalat als Vorspeise, gedämpfte Udon-Nudeln mit Gemüse und gebratenem Tofu als Hauptgericht (gut!).
  • Tagesabschluss sehr satt nahezu direkt ins Bett. Befinden weiterhin angespannt und belastet.

Schon am Vortag hatte ich die Ausgabe 158 des Literaturmagazins Granta ausgelesen – erstmals in diesem Jahrzehnte dauernden Abo hatte ich eine Ausgabe nicht gelesen, als die nächste eintraf. Recht gemischte Texte, aber einer hatte das ganze Buch gelohnt:
“The Picnic Pavilion” von Debbie Urbanski.
(Zu meiner großen Freude ganz online zur Verfügung.)

Eine Ich-Erzählerin stellt sich vor, wie sie sich mit drei verstorbenen Ahninnen trifft: Sie hat von ihnen die Veranlagung zu tödlichem Gebärmutterkrebs geerbt, an dem diese drei recht jung gestorben sind, hat bereits eine Totaloperation hinter sich, lässt sich bald die Brüste präventiv entfernen. Das Faszinierende an der Erzählung aber ist, dass die Stimme den Prozess des Erfindens und des Schreibens transparent macht, woher sie das Aussehen der Personen nimmt, warum sie ihr Verhalten genau so erfunden hat – ohne dass das die eigentliche Geschichte überlagert. Eine ungemein zur Zeit passende Technik, in der Unschuld und Naivität in Kreation und Kunst ihr Glaubwürdigkeit verloren hat.

Journal Donnerstag, 26. Mai 2022 – Christi Himmelfahrt mit Isarlauf und Chiemseeausflug

Freitag, 27. Mai 2022

Zerhackte Nacht mit einer Stunde Aufstehen und Buchlesen, jetzt bin ich mit Mareike Fallwickls Die Wut, die bleibt durch. Also ein Roman über das vielfältige Unglück der Mutterschaft, über Männer, die es vertiefen und über Frauen, die sich genau das wünschen. Als Alternative haben wir 3rd-wave-feministische Teenagerinnen, die Gewalt für eine Lösung halten. Die ersten Aspekte sind sehr weit weg von meinem Leben (wobei ich durchaus Mitleid empfinde, ich bedaure ja auch Menschen, die bei Formel-1-Rennen verunglücken oder sich bei Risiko-Sportarten verletzen), die letzteren fand ich arg melodramatisch geschrieben.

Nicht lang genug geschlafen, um mich frisch zu fühlen, erst mal bloggte ich kurz den Vortag weg.

Die Kirchturmuhr von St. Matthäus geht mittlerweile zwei Minuten vor und ich bin kurz vor Recherchieren, wo ich das melden kann, weil sonst direkter Weg in den Wahnsinn. (Zumal das 20-Uhr-Geläut immer zum hektischen Griff nach der TV-Fernbedienung führt, um Tagesschau einzuschalten. Mittlerweile kenne ich den gesamten Werbeblock davor auswendig.) (Wolle Verschwörungstheorie?)

Früh zu einer kurzen Laufrunde aufgebrochen. Das Wetter hatte sich beruhigt, Ergebnis waren ideale Lauftemperaturen und wundervolles Licht.

Am Westermühlbach lockte mich das Licht am Ende des Tunnels auf einen kleinen Umweg.

Die Isar nach den Regenfällen beruhigend hoch.

Die gute Stunde Laufen trabte ich beschwerdefrei und leicht. Ich kam mit Semmeln vom Wimmer heim (so früh, nämlich um zehn, hatte ich Schlangestehen müssen). Der Besuch war inzwischen aufgestanden, während ich mich duschte und ankleidete, bereitete Herr Kaltmamsell Frühstück für die Frühstückenden.

Tagesprogramm war ein Ausflug an den Chiemsee. Wir nahmen einen Zug kurz vor eins, der randvoll Ausflüger*innen war, zum Glück aber wie auch der Rest des Tags frei von Vatertaglern. Der leichte Wind und der Wechsel von Sonne und Wolken waren perfektes Ausflugswetter.

Diesmal nahmen wir vom Bahnhof Prien zur Schiffsanlegestelle die historische Chiemseebahn – ich wusste doch, dass mein Besuch großer Bahnfan, Pufferküsserin und regelmäßiger Gast in Bahnmuseen ist.

Sie fotografierte mich beim Kauf unserer Fahrkarten.

Und ich sie beim Fotografieren der Chiemseebahn.

Schifferlfahrt nach Herrenchiemsee, ich frühstückte unterwegs Apfel und Breze. Diesmal konnte man die Tickets für die Schlossführung nur auf der Herreninsel an der Schiffsanlagestelle kaufen (vor einem Jahr hätte man sie vorher online kaufen müssen). Wir spazierten zum Schloss.

Blick rüber zur Fraueninsel.

Schloss Herrenchiemsee. Am Anfang der Führung gab es ein wenig Verwirrung bei der Zuteilung (man kauft Tickets für bestimmte Uhrzeiten, es gibt Fünf-Minuten-Slots), wir landeten in unterschiedlichen Gruppen. Ich bekam interessante Einblicke, doch unterm Strich blieb bei mir hängen, dass dieses Gebäude und seine Ausstattung wenig über die Zeit der Entstehung aussagen (Ende 19. Jahrhundert, das lediglich in mancher technischen Ausstattung Spuren hinterließ) und viel über den gequälten Erbauer (Ludwig II., der sich als Fanboy des französischen Sonnenkönigs Louis XIV. austobte, indem er Versailles nachbauen ließ). Ein bizarres Baudenkmal.

Kurzer Cappuccino und Kaltgetränk im Schlosscafé. Die Rückfahrt wurde anstrengend und lang, denn: Wir standen fast eine Stunde am Schiffsanleger Herreninsel, zwei Schiffsverbindungen nach Prien fielen aus (eine weil das Ausflugsboot bereits mit Passagieren von der Fraueninsel voll war). Als wir endlich in Prien landeten, fuhr die Chiemseebahn zurück zum Bahnhof nicht mehr, aber selbst mit ihr hätten wir den passenden Zug zurück nach München verpasst. Jetzt hatten wir viel Zeit, den nächsten nach acht zu bekommen. Mittlerweile hatten wir beide ordentlich Hunger, wir überbrückten mit einem Steckerleis von einem Kiosk.

Fußweg zum Bahnhof mit Zwischenhalt an einem Bankerl, die Besuchsbeine brauchten Pause. Unser Zug zurück nach München kam pünktlich, war so spät dann auch nicht mehr voll.

Bei uns daheim in München waren wir so aber erst kurz vor zehn. Herr Kaltmamsell sorgte fürs späte Nachtmahl, er hatte Maibowle und köstliches Chicken Tikka mit indischen Broten vorbereitet.

Journal Donnerstag, 19. Mai 2022 – Kinderwunschwut

Freitag, 20. Mai 2022

Die Nacht wurde nach schlechtem Einschlafen (heftiges Frieren trotz Maienmilde, abgelöst von Glutattacke) zerschnitten von einer brutalen Krampfattacke im rechten Unterschenkel und Fuß, die mich mehrfach laut quer über die Nachbarschaft jaulen ließ. Erst ausdauernde LWS-Dehnung auf dem Teppich (auf dem Rücken liegend Knie anziehen abgewechselt mit Vorbeuge) löste sie. Zefix.

Ich ging in die Arbeit in herrlichem Sonnenschein, kombiniert mit Morgenkühle, trug ein Sommerkleid.

Tag der besonders unangenehmen Glutattacken, pro Stunde mindestens eine. Bis die Hormonmedikamente wirken, werde ich mich noch gedulden müssen. (Jeder einzelne Anfall erzeugt als Gefühl wilden HASSHASSHASSHASSHASS! Der mindestens so erschöpft wie die Glutattacke selbst.)

Mittags Pumpernickel mit Butter, eine riesige Orange.

Auf dem Heimweg nach Feierabend war es heiß, viel zu heiß für die Jahreszeit. Bei der Essensplanung denke ich an kalte Suppen wie Gazpacho oder Okroschka – doch die Zutaten dafür wären hier bezeichnenderweise erst in Monaten reif. Ich suchte Schattenschutz, litt beim Queren der Theresienwiese.

Zu Hause (schön kühl, wir lassen bereits wieder tagsüber die Rollläden runter und schließen alle Fenster außer die zum kühlen Lichthof) erstmal Yoga (anstrengendes Dehnen), dann gab’s zum Abendessen den eben geholten Salat aus Ernteanteil mit Tahini-Dressing, Erdbeeren mit Sahne, Schokolade.

Es waren Gewitter angekündigt, doch es zog lediglich der Himmel zu.

Schon Mittwochabend hatte ich Mareike Fallwickls Roman Die Wut, die bleibt angefangen, um mich herum vielfältig und durchgehend empfohlen. Mal sehen, ob ich über den massiv trennenden Umstand hinweg komme, dass ich noch nie Fortpflanzungssehnsucht verspürte, dass ich einen persönlichen Beitrag zur globalen Überbevölkerung nicht den Bruchteil einer Sekunde in Erwägung zog – und deshalb wohl schon von Kindesalter an all die Beschwernisse und Selbstaufgaben des Mutterlebens registrierte, weil so sind Babys nun mal und so sind Kinder nun mal – “Sie fressen dich mit Haut und Haar” heißt das im Roman -, für die viele Frauen mit Fortpflanzungssehnsucht zumindest teilweise blind zu sein scheinen, doch nur im besten Fall gibt’s zum Ausgleich Glückshormone, Stichwort: “Aber wenn’s dich EINMAL anlacht!”

Bislang, bis zum ersten Drittel des Romans, identifiziere ich auf dieser Basis reflexartig als Ursache des ganzen beschriebenen Unglücks exakt diese Fortpflanzungssehnsucht, die nie hinterfragt wird, deshalb ist diese Ziel meiner Wut. Was falsch sein muss, sonst wäre ich nicht die Einzige mit dieser Analyse. Und der Roman ist sicher nicht als Plädoyer für konsequentere Verhütung geschrieben, wir haben ja eine Protagonistin, die ihre Freundin an der Mutterschaft hat zugrundegehen sehen, selbst bereits nach einem Tag Kinderhüten komplett am Boden ist – ohne dass das im mindesten ihren eigenen Kinderwunsch mindert. Tragisch.

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Prodesse et delectare ist ja der Sinn meines Bloggens (vor allem mich, bilden Sie sich da nichts ein). Hier erklärt Lars Winkelsdorf in einem Twitter-Thread, “wieso die jetzt in Berlin für ihre Exportpolitik einen ‘Beauftragten’ brauchen und wieso das mit den Ausfuhren aktuell beim Ukraine-Krieg nicht funktioniert”.

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Kluge Gedanken von Schriftstellerin und Fotografin Taiye Selasi zum Konstrukt “Nation” und zu Herkunft:
“Don’t Ask Where I’m From, Ask Where I’m a Local”.

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https://youtu.be/LYCKzpXEW6E

via Swissmiss

Mein Ergebnis der three Rs, wo bin ich ein Local?
Rituals: München (plus ein wenig Kastilien und Südengland)
Relationsships, “people who shape your emotional experience”: (Auch wenn Selasi Facebook explizit ausnimmt – was nur bedeutet, dass sie anders oder gar nicht online lebt) mein Mann, das Web, meine Eltern, Schwiegereltern, die Bruderfamilie sind Zuhause
Restricions: Europa, Frausein


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