Verbesserungsvorschlag: Outsourcing für Lehrer

Dienstag, 17. Januar 2006 um 10:43

Selbst Lehrer, denen ihr Job riesig Freude bereitet (und das sind erheblich mehr als Nichtlehrer vermuten), hassen einen Teil ihrer Aufgaben ganz besonders: das Korrigieren und Benoten. Es kostet viel Zeit, strengt an und beansprucht gleichzeitig keine Kernkompetenz des Lehrertums.

So lebt an meiner Seite ein derzeit besonders geplagter Lehrer, der einen Heidenspaß daran hat, Lernweisen zu planen, Unterricht vorzubereiten, Material zu recherchieren, Schüler gezielt zu fördern, Projekte aufzusetzen und durchzuziehen, mit Kollegen klassen- und fächerübergreifend zu arbeiten, zu unterrichten und zu lehren. Und ich beobachte, wie er die meisten seiner vielen Arbeitsstunden damit verbringt, das zu tun, was ihm am wenigsten Freude bereitet: korrigieren und benoten.

Jetzt bin ja ich eine von diesen bösen Karrierefrauen in der bösen freien Wirtschaft, und damit darauf gepolt, solutions für pain factors zu finden, gell.
Mein Vorschlag: Subunternehmer einsetzen, das Korrigieren outsourcen. Fürs Korrigieren von Englischschulaufgaben reichen sehr gutes Englisch und ein Lehramts-Grundstudium, das können Studenten und Studentinnen auch. Das Korrigieren von Deutscharbeiten braucht zwar ein genaueres briefing: Welcher Stoff, welche Techniken wurden abgefragt, welche Übungsaufsätze hat die Klasse vorher geschrieben, welcher Schüler hat eine zertifizierte Rechtschreibschwäche. Aber dann kann auch das ein Lehramtsstudent gegen Ende seines Studiums übernehmen. Qualitätskontrolle, Notenschlüssel und die Benotung macht dann wieder der hauptamtliche Lehrer, hat sich aber sicher insgesamt 70 Prozent des Korrigieraufwands gespart. Früher hätte ich als Subunternehmer neben Studenten arbeitslose Lehrer vorgeschlagen, aber die gibt’s ja nicht mehr.

Erste to dos: Aushang ans Schwarze Brett der universitären Didaktik-Lehrstühle, Pauschallohn für einen Klassensatz Arbeiten vereinbaren (ich schlage vor 50 bis 100 Euro, je nach Jahrgangsstufe und Schülerzahl). Und schon hat der Lehrer wieder Energien frei, sich ums Lehren zu kümmern.

Vielleicht könnten die Lehrer und Lehrerinnen das sogar von der Steuer absetzen.

die Kaltmamsell

24 Kommentare zu “Verbesserungsvorschlag: Outsourcing für Lehrer”

  1. Lyssa meint:

    Völlig logisch, in der Uni setzt man schließlich auch Korrekturassistenten ein.

  2. Christian Merz meint:

    Angesichts des aktuellen Medizinerprotestes: Outsourcen der Bürokratie. Kaum jammert der Mediziner in die Fernsehkamera, dass er den Menschen helfen will und nicht nächtelang Formulare für Steuer, Statistik, KVs, usw. ausfüllen will, denke ich immer: Mönsch, warum macht das der Mann denn selber. Outsourcen. An den Bachalor-Mediziner, den abgebrochenen Medizinstudenten, der im Anschluß zum Fachwirt für Medizinbürokratie (VAW) ausgebildet wurde, oder ähnliche neue Berufe. Die machen das. Und der Doc hilft Menschen.

  3. kid37 meint:

    Zuerst dachte ich, für 50 Euro korrigiert doch niemand einen Klassensatz Englischaufsätze. Dann wiederum, wenn die Alternative heißt, Regaleinräumen für 5,20 Euro die Stunde… verlockende Idee jedenfalls. Ich träume auch hin und wieder von einem plietschen Praktikanten.

  4. Pernod meint:

    Es hätte obendrein den Vorteil, daß de „Nasenfaktor“ ausgeschaltet wäre. Dieses ewige hadern mit dem Gewissen ob man dem Lieblingsschüler/in jetzt doch noch eine Note besser gibt oder nicht kann einen echt fertig machen.

  5. Stephan meint:

    Schon verdammt schade, daß Bismarck so europafixiert war, sonst stände diesem Spitzenvorschlag die ganze Welt offen. So müssen wir uns bescheiden mit Korrekturen aus Kamerun, Testaten aus Togo und Vokabeltests aus Deutsch-Südwest!

  6. croco meint:

    Ich habe keine Lieblingsschüler , bräuchte aber auch jemanden, der mir die lästige Arbeit abnimmt. Dringend! Heute?
    Leider passen die Klausuren nicht in das CD-Fach des Rechners.Aber ich freue mich auf de Tag, an dem es Korrekturprogramme gibt.
    Sowas von Marktlücke wäre das…..

  7. Aufpasser meint:

    Ein Problem, das ich dabei sehe, ist die fehlende Rückmeldung an den Lehrer, welche Dinge von welchem Schüler wie gut verstanden wurden (NICHT als Gesamtnote, sondern als: der hat Probleme mit den Zeitformen, jene mit der Rechtschreibung, letzterer mit dem aktiven Wortschatz). Da müssten die assistierenden Korrekteure jeweils eine ausführliche Analyse dazupacken, mit den vorhergehenden Arbeiten abgleichen und den sonstigen Eindrücken des Lehrers abgleichen.

    Andererseits kann man so etwas dann nach dem Modell der Assistenzärzte verpflichtend in das Studium mit einbauen und praktisch ohne Entlohnung die Studenten machen lassen (vor Zulassung zum Referendariat sind 500 Stunden praktisches Korrigieren nachzuweisen). So ein Vorschlag würde natürlich sofort genutzt, um die Anzahl der Lehrer zu reduzieren („Sie müssen ja jetzt nicht mehr korrigieren, da können wir ja ihre Stundenzahl raufsetzen und müssen die in den nächsten Jahren ausscheidenden Lehrer nicht durch Neuanstellungen ersetzen“).

  8. Lila meint:

    Allerdings braucht man dafür ein wesentlich ausgefeilteres Bewertungssystem als das oft noch in Deutschland bestehende (mit seinen sechs Noten). In Israel wird nach Punkten bewertet, 100 Punkte ist das selten erreichte Maximum. Unter 55 ist ungenügend. Zwischen diesen beiden Extremen kann man sehr differenziert bewerten. Natürlich ist es auch ein Unterschied für den Durchgefallenen, ob er mit 53 Punkten knapp vorbeigeschrammt ist oder aber mit 20 Punkten abgrundtiefes Nichtwissen bewiesen hat. Dieses System gilt für Schule und Universität gleichermaßen.

    Ich nutze zur Bewertung sog. rubrics (http://www.adifferentplace.org/rubrics.htm), ich war nämlich mal ein glückliches, lehrreiches Jahr lang Assistentin bei einer Spezialistin für Bewertung und Selbstbewertung. (http://www.uib.no/iuh/ansatte/smith/) Die Kriterien für eine spätere Bewertung gehören ja schon zur Vorbereitung einer Unterrichtsreihe dazu, man muß sich ja Rechenschaft ablegen, was gelernt und gelehrt werden soll. Für jedes Kriterium lege ich auch qualitative Bewertungsmaßstäbe fest, in einer Tabelle.

    Diese rubrics-Tabelle teile ich schon vor der Arbeit aus, zusammen mit den genauen Anweisungen. Und ich fülle dann genau nach allen Kriterien aus, wie viele Punkte in jeder Rubrik erreicht wurden, und dann addiere ich einfach alles. Da ich Lehramtskandidaten unterrichte, sehe ich in der exakten und transparenten Bewertung eine wichtige Vorbildfunktion. Es besteht kein Grund, es nicht in der Schule ähnlich zu halten und den Kindern Frust durch „Instinkt“- oder eben „Nasen“beurteilung zu ersparen. Das erfordert viel Arbeit und Vorbereitung VOR Erstellen der Arbeit, macht aber das Korrigieren delegierbar.

    So wie ich die Arbeiten von Karis StudentInnen korrigiert habe.

    (Sorry for the rant.)

  9. van fonsing meint:

    Imitiert das Leben nun bereits die Blogs oder umgekehrt .. ?

    Auf haargenau die selbe Idee (bis in alle Einzelheiten) ist vor kurzem auch eine Lehrerin aus Köln gekommen. Und hat’s auch durchgezogen. Leider fand sich die Korrektorin nach einer Weile zu schlecht bezahlt und führte dann moralische Gründe an, um sie anzuzeigen.

    Die Lehrerin war froh, Ihren Job behalten zu dürfen, wird sich wohl aber nicht mehr allzuviel leisten dürfen bis zu ihrer Frühpensionierung Anfang 50 …

    Leider gibt das Online Archiv des KStA nicht viel her, sonst gäb’s noch den passenden Link dazu.

    Diesen Businessplan wirst Du also wohl gar nicht erst anfangen müssen zu formulieren …

  10. roman meint:

    gute idee

  11. die Kaltmamsell meint:

    van fonsing, was war der Strafbestand, der zur Anzeige führte? Wogegen hat die Lehrerin verstoßen?

  12. Stefan meint:

    So schön diese Idee ist: Aber es geht doch ganz klar um personenbezogene Daten der Schüler. Der Lehrer steht in einem Dienstverhältnis und ist natürlich an die entsprechenden Vorschriften gebunden. Der privat bezahlte „Bewertungsassistent“ ist das nicht. Der Lehrer hat auch nicht das Recht, die Hilfskraft verbindlich auf das Datengeheimnis zu verpflichten. Das wäre einer der Gründe, die juristisch dagegen sprächen …

    Ich finde aber eine ganz andere Methode überdenkenswert: Es sollte eine der Pflichten im Lehramtsstudium sein, ein Praktikum im Fach „Bewertung schriftlicher Arbeiten“ abzulegen. Und zumindest in den Universitätsstädten könnten die Lehrer dadurch etwas entlastet werden :-)

  13. die Kaltmamsell meint:

    Na, die Anonymisierung der Arbeiten sollte doch das Leichteste sein.

    Meine Anregung ist ja auch nur Symptombekämpfung, grundsätzlich bezweifle ich, dass die zahlreichen schriftlichen Prüfungen in der Schule überhaupt nützlich sind: Sie sorgen lediglich dafür, dass das zentrale Ziel von Lernen und Lehren die bestmögliche Erledigung schriftlicher Prüfungen ist.

  14. Stefan meint:

    Gut, meinetwegen könnte man die Klassenarbeiten anonymisieren (zum Beispiel über eine Matrikelnummer). Aber es kommen Anforderungen wie Fairness und Transparenz hinzu. Würden Sie sich im Gymnasium vor die versammelten Eltern stellen und diesen Vorschlag vortragen? Die Bedeutung der Klassenarbeiten ist (zumindest in Sachsen) ziemlich hoch. Welche anderen Bewertungsmöglichkeiten wären denn besser?

  15. die Kaltmamsell meint:

    Oh, Stefan, ich bin keine Expertin, sehe allerdings, dass es in fast jedem anderen europäischen Land lediglich am Jahresende schriftliche Prüfungen gibt.
    Diese Länder haben eben andere und erheblich flexiblere Formen der so genannten „Leistungserhebung“. Da in Deutschland allerdings bereits zwei Mal Eltern erfolgreich sogar gegen die (höchst formalisierte und objektivierte) schriftliche Benotung vor Gericht gegangen sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass das in Deutschland eine Chance hat.

  16. Stefan meint:

    Bei schriftlichen Prüfungen am Jahresende ist der Druck aber noch höher. Wenn mein Sohn im Jahr z.B. vier Klassenarbeiten in Mathe schreibt, dann besteht eine gewisse Chance, dass er drei davon mit relativ guten Ergebnissen bewältigt. Eine „vergeigt“ er fast jedes Jahr. Hätte er seinen schlechten Tag am Prüfungstermin …

    Was könnte man ändern? Ich weiß es auch nicht! Aber mir fällt auf, dass die Leistungsanforderungen in einigen Fächern schon im Vergleich mit meiner eigenen Abiturzeit zurückgenommen wurden. Und das kann nicht gut sein.

  17. die Kaltmamsell meint:

    Stefan, fast jedes andere europäische Land hat erheblich flexiblere Formen der so genannten „Leistungserhebung“. Schauen Sie sich doch dort mal um, wofür es da Noten und Beurteilungen gibt.

  18. ninscha meint:

    M.E. eine Idee, die neben der Motivation der Lehrerinnen und Lehrer noch andere positive Effekte hat. So weit entfernt davon sind wir nicht, wenn man sich aktuelle Trends im Bildunswesen ansieht: Zentralarbeiten, Assessments und Feedback online über das Internet, verbindliche Standards und Kriterien, die sowohl für Bewertung als auch für Rückmeldung eingesetzt werden könnten. Bis sich solche Errungenschaften von den höheren Ebenen – sprich Bildungspolitik und Bildungsforschung – in den Schulalltag durchschlagen, wird es wohl leider noch etwas dauern. Auch weil in vielen Schulen die Grundlagen für eine Umsetzung fehlen, welcher Lehrer, welche Lehrerin ist schon für einen Umgang mit standardisierten Bewertungsschlüsseln vorbereitet?
    Meine Literaturempfehlung für solche, die stärker an diesem Thema interessiert sind:
    Eikenbusch/Leuders (Hrsg.) (2004). Lehrer-Kursbuch Statistik. Berlin: Cornelsen

  19. Das Blog-Heinzelmännchen meint:

    Datenschutz ist ein Problem, aber ein leicht lösbares, richtig.
    Wir kriegen vom Kultusministerium ohnehin Tests, die zentral gestellt werden und bei deren Auswertung wir wenig Spielraum haben. Die kann auch jemand anderer korrigieren.
    Bei selbst erstellten Tests geht das doch genauso.
    Vielleicht schaffe ich es dieses Schuljahr, einen solchen Test zu entwerfen. Nur um zu schauen, ob das geht. Ich korrigiere ihn dann allein. Ganz allein. Bestimmt. Ehrlich.

  20. Tanja meint:

    Ich weiss nicht, ob es ein allgemeiner Trend ist, aber in der Schweiz geht es vermehrt darum, auch Handlungskompetenz zu prüfen, selbst die Sprachfächer kommen weg vom „Aufsatz“. Damit verändert sich auch das Korrigieren, aber ich bin noch nicht schlüssig, ob es damit delegierbarer oder weniger delegierbar wird.

    Beispiele sind Gruppenarbeiten über längere Zeit mit glasklaren Zielen. Die Lehrperson vergibt nur die Punktzahl für die ganze Gruppe und deren „Solutions“, die Punkte verteilen die Lernenden untereinander, indem sie sich einigen, wem wie viel zusteht. Damit ist auch das „Abgucken/Abschreiben“ gelöst. Auch Korrekturen in Partnerarbeit (zwischen den Lernenden) fassen vermehrt Fuss, vor allem in sozialen Berufen und Studienfächern. Beides spart sehr viel Korrekturarbeit und bis jetzt ist mir kein Niveauverlust dadurch aufgefallen, im Gegenteil.

    Die Leistungsziele sind vermehrt so genau definiert ( Beispiel aus der Berufsschule) und den verschiedenen K-Stufen zugeordnet, dass die Korrektur eine gute Übung für Lehrerinnen und Lehrer in Ausbildung wäre.

    Ich würde gerne die Zusammenarbeit zwischen Newbies und Oldies noch besser institutionalisieren. Konkrete Ziele setzen und nicht „nur“ beim Kollegen reinsitzen. Aber ich denke, das kommt schon (gut).

    @Lila: Du kannst jede Punktzahl auf 6 Noten umrechnen. Gibt meiner Meinung nach ein klares Bild für alle Beteiligten, darf aber bei Kindern nicht die einzige Beurteilung sein.

  21. Lila meint:

    Natürlich nicht. An der Schule meiner Kinder wird sowieso ganz anders bewertet – die Kinder schreiben einen Teil ihrer Zeugnisse selbst etc. Hier wird auch viel mit Portfolios gearbeitet, die den Lernprozess, nicht das Ergebnis bewerten. In jedem Fall ist Bewertung an unserer Hochschule Pflichtfach, und alle Studierenden lernen verschiedene Arten, Aufgaben zu stellen und diese zu bewerten. Ich bin überhaupt dafür, die Betonung der Noten aufzugeben und diesen ganzen Stress. Ich weiss nicht mal, wann meine Kinder einen Test schreiben, so selbstverstaendlich und stressfrei ist das bei uns integriert!

  22. Stefan meint:

    Die Frage ist natürlich, ob (und ab wann) in der Schule überhaupt bewertet werden sollte. Aber auf welche Weise soll denn die Hochschulreife (oder die Reife für eine Berufsausbildung) sonst gemessen werden? In welchem Alter muten wir unserem Nachwuchs die erste echte Prüfung zu? Erst am Tag des schriftlichen Abiturs? Oder in der Diplomvorprüfung an der Hochschule?

    Von gut ausgebildeten und geprüften Ärztinnen und Ärzten möchten wir aber dann doch behandelt werden? Und gute Anwälte, Buchhalterinnen oder Manager möchten wir auch gern haben?

    Wenn die Lernenden die Punkte untereinander verteilen, indem sie sich einigen, wem wieviele Punkte zustehen: besteht dann nicht die Gefahr einer Nivellierung der Leistungen? Mein älterer Sohn ist jetzt in der zehnten Klasse. Wenn ich mir die Gymnasiasten (Alter: 16) im Umkreis so anschaue, dann kann ich wirklich gute Teamarbeit beobachten. Aber dass bei dem oben genannten Verfahren eine leistungsgerechte Bewertung stattfinden kann, glaube ich wirklich nicht. Das wird immer zum Nachteil der besseren Schüler sein –> vgl. (obwohl nicht 1:1 passend): das Bild von der „Tragik der Allmende“.

  23. Lila meint:

    Ach Stefan, was meinst Du denn mit der Unterscheidung einer „echten“ von einer unechten Prüfung? Wofür ist denn Bewertung eigentlich da? Bewertung hat drei Aspekte:
    1. der Lehrer erkennt, ob er das Ziel seines Unterrichts erreicht hat, bestimmte Sachverhalte verständlich zu machen
    2. der Schüler erkennt, wo er seine Lernstrategien verbessern muß und was er verstanden hat
    3. die Schüler untereinander werden vergleichbar.

    Die Vergleichbarkeit ist nur einer unter vielen Gesichtspunkten. Ihn zum goldenen Kalb zu erheben, ist in meinen Augen einer der Gründe für die deutsche Bildungsmisere, wenn es sie denn so gibt, wie die Studien sie darstellen.

    Die Fähigkeit des Lernenden, seit der ersten Klasse gefördert, sich hinzusetzen und ehrlich sagen zu können: was mache ich gern? worin bin ich gut? wo kann ich mich noch verbessern? (das sind die Fragen, die jedes Kind auf seinem Zeugnis beantwortet, das Zeugnis besteht aus einem Heft, und das Kind schreibt die erste Seite davon selbst) – das ist ein wertvolles Können, das ich auch bei einem guten Arzt voraussetzen möchte. Die Fähigkeit zur ehrlichen reflexiven Einschätzung der eigenen Fähigkeiten! Wieso soll das eine denn das andere ausschließen? Ich sehe bei meinem Sohn in der 10. Klasse, daß jeder genau weiß, wo er steht, aber das Leben dreht sich eben nicht um die nächste Mathearbeit und wie man da durchkommt.

    Hat Dein Sohn schon mal ein Portfolio erstellt? Das ist eine ganz andere Art des Lernens und Bewertens, und ich glaube einfach nicht, daß es weniger wert ist als die typische Klassenarbeit. Auch an der Uni sind schließlich die wirklich aussagefähigen Arbeiten keine Ankreuztests, sondern Dissertationen. Und was man braucht, um eine Diss. oder eine andere lange Arbeit zu schreiben – das sind alles Fähigkeiten, die vom Portfoliolernen viel eher gefördert werden als von der typischen Mathe- oder Englischarbeit, deren Inhalt dann schnell vergessen werden kann.

    Ein Portfolio, das dann auch noch ausgestellt wird, vergißt der Schüler aber nicht mehr. Das kann ich Dir als Lehrerin und Mutter von vier Schulkindern versichern.

    Was nennst Du denn eine leistungsgerechte Beurteilung?

    Arme Kaltmamsell, tut mir leid…

  24. Stefan meint:

    Ich hoffe, dass eine sinnvolle und sachliche Diskussion zum Thema hier hineinpasst, sonst könnten wir es auch auf Deinem Blog weiterdiskutieren :-)
    Natürlich habe ich die anderen beiden Zwecke einer Prüfung nicht vergessen. Aber der (bei Dir) dritte Zweck ist nun mal der Hauptzweck — oder es wird zumindest von den meisten Leuten so aufgefasst.

    Ich komme aus dem polytechnischen Schulsystem der DDR und habe dann nach der Berufsausbildung mit Abitur ein Ingenieurstudium an der TU Dresden absolviert (vorher kurz in Weimar). Während des ganzen Studiums habe ich keinen einzigen „Ankreuztest“ absolviert! Dafür viele Klausuren, in denen ziemlich heftige Berechnungen gefragt waren und viele Belegarbeiten, in denen praktisches Wissen anwendungsbereit gefragt war [das ist übrigens auch heute nicht anders]. Nebenbei war ich schon auf dem Gebiet der Programmierung freiberuflich tätig. Aber auf keinem der beiden Gebiete (Berechnungen, Programmierung) könnte ich mir vorstellen, wie man ohne ein Bewertungssystem mit Punkten auskommt. Eine Berechnung kann nur vollständig richtig, bis zu einem gewissen Grad richtig oder falsch sein. Bei einem Programm ist es ähnlich. Entsprechend wird die Leistung bewertet und benotet …

    Ich will nicht beurteilen, ob wir im deutschen Bildungswesen eine Misere haben (das Bildungswesen ist ja ohnehin föderal organisiert). Aber wenn man die PISA-Studien nun schon heranzieht: Was ist das denn anderes als eine große Klassenarbeit zur Ermittlung des Leistungsstands im anwendungsbereiten Wissen, im verstehenden Lesen, […]?

    Wenn man gute und geprüfte Ingenieure, Ärztinnen […] haben will, geht das am Ende auch nur mit fairen, angemessenen und aussagekräftigen Leistungstests. Wenn sich ein Mensch über die Stationen Schule, Berufsausbildung und Weiterbildung zur Buchhalterin oder zum Techniker weiterbildet, dann zählen keine Portfolios, sondern schriftliche Prüfungen plus Abschlussarbeit (in einigen Fällen) und Fachgespräch(e).

    Die Lernmethoden müssen ständig weiterentwickelt werden, das ist natürlich unumstritten. Die Teamarbeit soll auch ihre Rolle spielen. Die „Teambewertung“ kann ich nicht sinnvoll finden (wie oben begründet). Das lebenslange Lernen muss während der Schulzeit quasi initialisiert werden. In den Punkten des Lernens haben wir sicher keine so großen Differenzen. Bei der Bewertung kann ich Deiner Argumentation leider nicht folgen.

    Trotzdem einen schönen Gruß aus Dresden und noch einen schönen Tag :-)

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