Konsequenzen

Montag, 11. Februar 2008 um 9:54

Als ich um die Ecke zum Hauseingang biege, erschrecke ich: Die liebe, alte Frau vom Erdgeschoss geht ganz langsam, sie hinkt, hat die Hand an der Hauswand, setzt mühsam einen Fuß vor den anderen. Ich grüße freundlich, sehe ihr suchend in das wie immer von einer monströsen rothaarigen Perücke umrahmte Gesicht: „Kann ich… wie geht es… alles in Ordnung?“ Sie wehrt ab: „Nein, nein, es geht schon.“ Ich verlangsame auf ihr Tempo, bleibe nahe genug, dass sie jederzeit nach meinem Arm greifen könnte.

„Wissen Sie,“ hebt sie schließlich an, „mein Knie.“ Ich mache mitfühlende Geräusche. „Vor zwei Jahren wurde ich operiert, am Meniskus, von einem Professor.“ Sie macht eine Pause, deutet auf ihr linkes Bein und atmet durch. „Und ich habe dem Arzt, dem Anästhesisten noch gesagt: Ich habe nie geraucht, nie Kaffee, keine Gifte. Er soll also ganz vorsichtig. Und dann hat er doch. Eine Spritze, ich war sofort weg.“ Sie blickt mich eindringlich an: „Vier Stunden war ich weg. Wie tot!“ Betrübt lässt sie den Kopf hängen und schüttelt ihn dann langsam. „Das ganze Gift! Und das hat,“ hier macht sie eine verscheuchende Handbewegung an sich herunter, „natürlich Konsequenzen.“

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Konsequenzen“

  1. walküre meint:

    In meiner Familie gibt es eine Frau, die steif und fest behauptet, ihre zeitweiligen Atemprobleme stünden in keinerlei Zusammenhang mit der Tatsache, dass sie bereits weit über 90 Jahre alt ist, sondern rührten davon her, dass sie vor 50 Jahren einmal eine schwere Lungenentzündung hatte. Ähnliches habe ich bei alten Menschen bereits öfter beobachtet; was wirklich hinter diesem Verhalten steckt, werde ich wohl erst erfahren, wenn ich selber alt bin – sofern ich dieses Verhalten dann noch zu objektivieren in der Lage bin.

  2. Indica meint:

    Klar, mein linkes Knie schmerzt nur, weil die Rückengymnastik mit ihren Hock-Übungen ist nur so anstrengend. Nicht weil ich das eine oder andere Kilo mehr auf die Waage bringe. Ursache und Wirkung sind sonnenklar.

  3. Indica meint:

    Oh Pardon, erst rechtschreiben, dann abschicken. Das sollte natürlich „weil… so anstrengend ist“ heißen!

  4. saxanasnotizen meint:

    ALso das mit der Lungenentzündung mit 50 könnte schon stimmen. Manchmal erholen sich die Menschen nach so schweren Krankheiten nicht mehr, vor allem dann, wenn sie Ärzten in die Hände fallen.

  5. walküre meint:

    Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, wenn es darum geht, dass auch überstandene Krankheiten sich später noch bemerkbar machen können (Mein Schwiegervater steckte sich nach dem Krieg als junger Assistenzarzt mit Tbc an und litt zeit seines Lebens unter Spätfolgen in Gestalt einer eingeschränkten Lungenfunktion.), was ich aber bei der von mir zitierten alten Dame ausschließen kann, weil sie sich bis zum Alter von ca. 90 einer ausgezeichneten und stabilen Gesundheit erfreute.

  6. pepa meint:

    Ja nee, das liegt alles nur daran, dass wir Anästhesisten eigentlich immer an allem schuld sind:
    „Bei der Narkose ist etwas schief gelaufen!“
    Wenn der Patient während der Op blutet wie die berühmte Wildsau, weil der Chirurg ’ne Arterie angefetzt hat, und wenn er dann hinterher auf der Intensiv landet, obwohl er da eigentlich gar nicht hin sollte:
    „Bei der Narkose ist etwas schief gelaufen!“
    Wenn alte multimorbide Menschen auf den Op-Tisch gezerrt werden, auf dass man ihnen ihre letzten Minuten auf eben jenem mit einem neuen Hüftgelenk versüße:
    „Bei der Narkose ist etwas schief gelaufen!“
    Ich weiß nicht, wie oft ich das im Narkosevorgespräch schon gehört habe und bei näherem Nachfragen hatten etwa 98% aller Ereignisse einen anderen Ursprung.

    Hier treffen Ressentiments meiner Fachrichtung gegenüber (sowas hat doch früher die Schwester gemacht – oder: Anästhesistin? Das ist doch fast schon so etwas wie „Arzt“) und allgemeines, tief in der menschlichen Seele verankertes Kausalitätsbedürfnis auf die, gerade bei den älteren Semestern stark ausgeprägte Vergötterung der Kollegen in den weißen Kitteln (der „Professor“ hat aber gesagt) und der elementaren Angst das Bewusstsein abzugeben und ausgeliefert zu sein. Und nicht zu vergessen: Das GIFT!

    Diese schiefe Bild muss man einfach kennen und es energisch-sanft und verständnisvoll wieder gerade rücken (wenn man manchen Menschen die Angst vor der (nächsten) Narkose nehmen will).
    Womit ich nicht in Abrede stellen will, dass es bei einer Narkose tatsächlich zu Komplikationen kommen kann. Wahrhaftig nicht. Aber sie sind viel seltener, als es das kollektive Bewußtsein wähnt, diese Komplikationen.

    So das war jetzt die fachspezifische Seite, nun wieder zur allgemein psychologischen:

    ÄRZTE!!! ALLES PFUSCHER!!! ALLES SCHARLATANE!!!!
    ;-)))

  7. die Kaltmamsell meint:

    Ich wusste, dir würde die Geschichte gefallen, liebe pepa, mich hat die überraschende Pointe sofort begeistert.
    Ist ja auch eine Kausalität, die auf der Hand liegt: Die meisten Menschen gehen aufrecht und halbwegs ganz ins Krankenhaus, haben halt so ein bisschen Beschwerden. Dann geraten sie Ärzten in die Hand, werden betäubt und aufgeschnitten – und DANN geht es ihnen richtig dreckig. Womit bewiesen wäre, dass Ärzte die Gesundheit ruinieren.

    (Seit ich allerdings im Lexikon des Unwissens gelesen habe, dass man im Grunde bis heute nicht weiß, wie Narkose genau funktioniert, lediglich DASS sie funktioniert – enger Zusammenhang mit dem Unwissen über Schlaf – habe ich den Verdacht, dass Anästhesistinnen vielleicht doch der Künstlersozialkasse unterstehen sollten?)

  8. creezy meint:

    Liebe pepa,

    für das Wort «multimorbide» muss icke Dir jetzt mal knutschen! *lol*

    @kaltmamsell
    pfff künstlersozialkasse, was ist denn an einem Schlag mit dem Holzhammer nicht zu verstehen? ,-)

  9. pepa meint:

    Ja, genau so ist das mit der Narkose.
    Narkose kann man im Grunde mit fast jedem Medikament machen – es ist alles nur eine Frage der Dosierung und ja, dummerweise der Nebenwirkungen.
    Also haben wir mittlerweile ein paar Pharmaka, die sich einfach besser dafür eignen als andere – grob vereinfachend gesagt.

    Und was den Holzhammer angeht: so sanft wir möglich und so gehämmert wie nötig (und so geschickt, dass man die Beule hinterher nicht sieht.)
    Auch ’ne Kunst, dochdoch.

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