Journal Freitag, 5. April 2019 – Giesinger Freitagabend, Philip K. Dick, The Man in the High Castle

Samstag, 6. April 2019 um 9:38

Dafür, dass ich lang nicht eingeschlafen war, immer wieder wegen Schmerzen aufgewacht und kurz nach fünf vom Wecker geweckt worden, fühlte ich mich morgens in der Arbeit überraschend munter.

Der frühe Wecker sollte mir Zeit für eine Runde Sport vor der Arbeit verschaffen, tat er auch.

Zapfig frisch auf dem Weg in die Arbeit, den ganzen Tag blieb es bedeckt.

Ich machte früh Feierabend (also: wirklich früh), spazierte über den Hauptbahnhof nach Hause, holte mir im Hertie den gewohnten Lidstrich von Artdeco (keine Experimente mehr, das waren dann halt 13 Euro Lehrgeld), im Lindt-Laden unterm Stachus große Mengen Lindor-Kugeln.

Abends Verabredung mit Freundin im Giesinger, zu dem ich radelte (Notiz an mich: das dauert wirklich nur eine knappe Viertelstunde).

Es gab gemischtes Herz für sie (sie schickte sofort ein Foto an die Tochter, um sich diebisch über das erwartete Abscheu-Emoticon zu freuen), Wadengulasch mit gebratenen Semmelknödelscheiben und Gurkensalat für mich (sehr gut). Die Gesprächsthemen, typischer Mädelsabend halt: Schiffsantriebe (sie hat ähnliche Gründe wie ich, nach Unglücken sofort den Motorenhersteller zu recherchieren) und mögliche Gefahren bzw. Gründe für den Ausfall, die Rolle von Software im Passagierflugverkehr, Softwareprojekte in Großunternehmen und das Gewicht persönlicher Befindlichkeiten dabei, Urlaube in Zeiten des Klimawandels, jüngere Geschichte des Wäschwaschens Dorf vs. Stadt, Kinder und die veränderte Rolle von Eltern bei deren Gewissensentscheidungen, Sportsehnsucht und Sportmöglichkeiten, städtische Mobilität, Revolution.

Über zahlreichen Bieren (für mich eher Radler) wurde es fast Mitternacht, bis ich den Giesinger Berg nach Hause rollte.

§

Am Donnerstagabend hatte ich The Man in the High Castle von Philip K. Dick ausgelesen. Auch wenn die letzten beiden Kapitel belegten, dass Dick wirklich keine Romanenden kann, mochte ich das Buch insgesamt sehr.

Es gehört zum Genre alternative history und spielt in San Francisco Anfang der 1960er – allerdings in einer Welt, in der das Deutsche Reich und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Der Alltag ist japanisch geprägt, die wörtlichen Gedanken und die Dialoge imitieren im erzählten Englisch die japanische Diktion (zumindest das, was ich als Stereotyp davon im Kopf habe), Machtpositionen sind durchwegs von Japanern besetzt.

Wir lernen den erfolgreichen Antiquitätenhändler Robert Childan kennen, der gerade darüber nachdenkt, was aus seinem Sortiment amerikanischer Artefakte er einem wichtigen japanischen Kunden anbietet, dem Firmenmanager Nobusuke Tagomi. Childan stellt sich im Lauf Handlung als durch und durch loyal den neuen Machthabern gegenüber und in die Wolle gefärbter Faschist heraus, großer Fan auch des Deutschen Reichs (Reichskanzler ist mittlerweile Martin Bormann).

Weitere Protagonisten sind Frank Frink, ein jüdisch-amerikanischer Veteran des Zweiten Weltkriegs, der gerade seinen Fabrikjob verloren hat und sich mit einem Kollegen mit der Herstellung von Metallschmuck selbständig macht, Frinks Ex-Frau Juliana, die als Judo-Lehrerin in der neutralen Zone Colorado lebt, und ihr Liebhaber Joe Cinnadella, ein italienischer Fernfahrer, der sich als etwas anderes herausstellt. Praktisch alle Personen befragen für Alltagsentscheidungen ihr I Ging, aus dessen Sprüchen dann auch wörtlich zitiert wird.

Dick schildert viele Alltagsdetails unter diesen Machtverhältnissen, Hintergrund bildet auch technischer Fortschritt, den die Deutschen angetrieben haben (u.a. wird interkontinental mit Raketen gereist). Der interessante Twist, auf den auch der Titel des Romans anspielt: In vielen Regionen verboten ist in dieser Zeit der Bestseller-Roman The Grasshopper Lies Heavy, eine alternative history, in der Japan und die Nazis den Zweiten Weltkrieg verloren haben – allerdings ganz anders als in unserer wirklichen Historie. Der Reiz liegt darin, dass Dick sich ausgedacht hat, wie jemand in seiner alternativen Welt sich eine alternative Welt zusammenreimen würde. Vom Autor heißt es, er lebe in einer festungsartigen Anlage namens „High Castle“ in Wyoming.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Freitag, 5. April 2019 – Giesinger Freitagabend, Philip K. Dick, The Man in the High Castle

  1. Modeste meint:

    Bei Dick überzeugen ja selten die Plots, aber fast immer die Szenarien

  2. vered meint:

    Gerne gelesen – so entspannt und mit frühlingshafter Lebensfreude!

  3. Marlies meint:

    Die Serie dazu ist auch sehr empfehlenswert.

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