Journal Sonntag, 1. März 2020 – Familien-Cocido und Marieluise Fleißer, Der starke Stamm

Montag, 2. März 2020 um 6:32

Weckerwecken, da ich vor dem Mittagessen bei Familie in Ingolstadt noch Kartoffelbrot backen wollte. Zwischen die einzelnen Schritte schob ich Bloggen, Rumpftraining, Yoga.

Durch die sonnige Holledau fuhr ich mit Herrn Kaltmamsell und Mitbringseln für Eltern und Bruderfamilie nach Ingolstadt.

Dort tischten meine Eltern das klassische Madrilenische Sonntagsessen auf: Cocido.

Erst mal die Brühe des Eintopfs mit Nudeln.

Dann (von vorne): Kartoffeln und Karotten aus dem Eintopf, separat gebratenes Weißkraut mit Paprika und Knoblauch / Kichererbsen / allerlei Fleisch von Rind, Schwein, Huhn, Lamm, außerdem Chorizo.

Meine Eltern haben über mehrere Spanienurlaube in Kastilien so viel Tongeschirr mitgebracht, dass sie für neun Personen damit eindecken konnten.

Wir fuhren recht früh zurück nach München, weil Herr Kaltmamsell noch arbeiten musste und ich für den Abend eine Theaterverabredung hatte:
Marieluise Fleißer, Der starke Stamm im Residenztheater.

Eine geradlinige Inszenierung, in der die Regie (Julia Hölscher) keinen Drang vordergründiger eigener Handschrift erkennen ließ, sondern ganz hinter den Text zurück trat. So wurde mir nach vielen Jahren mal wieder einfach (einfach?) eine Geschichte erzählt, eine kleine, erbärmliche Geschichte kleiner, erbärmlicher Menschen. Das Bühnenbild aus Brettern wie eine Scheunenwand, ein schräger Boden, auf dem die Schauspielerinnen und Schauspieler wie auf Tableaus gesetzt waren. Wie in Fleißers Erzählungen, die ich gerade lese, kämpfen in Der starke Stamm in bayerischer Kleinstadt-Nachkriegszeit (Ingolstadt ist als Schauplatz an vereinzelten Orts- und Straßennamen erkennbar) jeder und jede ums kleinstbürgerliche Existenzminimum, die Grenze zur Kleinkriminalität wird mit nur wenig Zögern gerissen. Alles ist darauf ausgerichtet, irgendwie zu Geld zu kommen, praktisch jedes Mittel ist recht. In dieser Welt ist kein Platz für Schönheit, Liebe oder Kunst. Und doch ist alles Mühen immer und immer wieder vergeblich: Erlösung bietet am Ende erst ein Erbonkel ex machina, der die scheinbar taktisch klugen und hart erkämpften Verhältnisse im Handstreich zunichte macht.

Eine starke Besetzung – von der zwei Rollen wegen Krankheit kurzfristig gewechselt werden mussten: Cathrin Störmer sprang in der Hauptrolle Balbina ein und zeigte überzeugend die verbissen Schwägerin, die mit Einsatz aller Mittel um ein besseres Leben kämpft und dabei durchaus die Findigkeit einer modernen Unternehmerin zeigt, Steffen Höld als Bitterwolfs Schwager hingegen musste wenig mehr als Stichwortgeber sein. Herausragend Robert Dölle als zentraler Sattlermeister Bitterwolf, dessen immer wieder sogar sanftes Spiel jemanden durchscheinen ließ, der in anderen Umständen ein guter Mensch hätte werden können.

Für mich immer wieder auffallend: Wie Ingolstädterisch Fleißers Sprache ist. Sie schreibt ja Mundart, ohne Dialekt zu werwenden; wie auch in ihren Erzählungen sind es Vokabular und Grammatik, die eine bestimmte Sprache eines bestimmten oberbayerischen Menschenschlags präziser zeichnen als jede lustige Wirtshausspeisekarte. Immer wieder hörte ich Wendungen, die bei mir ein „Ah, das sagt nicht nur meine Ingolstädter Mutter?“ auslösten. Zwei Vokabeln fielen mir besonders auf. Von einer wusste ich bereits, dass sie nur in Ingolstadt verwendet wird, allerdings als andere Wortart: „Zepfat“ kannte ich bislang nur als Adjektiv zur Bezeichnung einer schwächlichen, kränklichen Person. In der ersten Szene von Der starke Stamm hieß es nun:
„Lang hats rumzepft, aber zum Schluß ists geschwind gangen mit meiner Zenta.“
(Dank an F. fürs Nachschlagen.)

Den zweiten Ausdruck hatte ich schon lange vergessen: „Bleckn“ für weinen, in Ingolstadt wurde ich angeranzt: „Bleck ned“. Erst als ich ihn gestern hörte, wurde mir klar, dass das wohl nicht Standard-Bayerisch ist.

Die Sonntagsvorstellung hatte früh begonnen, ich war noch vor neun wieder daheim, nach einem Spaziergang nach Hause in milder Luft.

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal Sonntag, 1. März 2020 – Familien-Cocido und Marieluise Fleißer, Der starke Stamm

  1. Frau brüllen meint:

    oh, „zepfen“ kenne ich auch, gehört zum Standardausdruck bei uns (freisinger Gegend mit Wurzeln in der Oberpfalz).

  2. die Kaltmamsell meint:

    HOCHinteressant, Frau brüllen!

  3. Katharina meint:

    Zepfat kenne ich (aus dem Altmühltal stammend) auch, allerdings ein bisschen mehr in die Richtung, dass jemand (insbesondere ein Kind) groß und dünn ist. Genauso das blecken für weinen, schön die beiden mal wieder gehört zu haben.

  4. Eine Leserin meint:

    ‘Ziepfen‘ in Mainfranken, für kränkeln, auch rumziepfen…

  5. Defne meint:

    „Bleckn“ für weinen, war in München vor vielen Jahrzehnten durchaus gebräuchlich.

  6. wuslon8 meint:

    Nördliche Oberpfalz hier. Zepfat verwendet meine Mutter oft, allerdings mehr als Bestandteil einer Beschimpfung, z.B. adressiert an Katze, die gerade Teppich anfrißt: Mistviech, zepfats!

  7. berit meint:

    Das ist interessant, rumbläken (mit langem Vokal gesprochen) ist bei uns (Ostsachsen) ein Ausdruck, der vornehmlich für kleine schreiende Kinder verwendet werden kann:

    „Orrr, das Wanst draußen bläkt schon die ganze Zeit rum“.

  8. Nina meint:

    Kenne ich auch noch aus meiner Münchner 80er Jahre-Kindheit.

  9. Rina meint:

    Genau, ich kenne «blägen» auch aus Thueringen und Sachsen, im Sinn von kreischen, heulen oder auch laut sprechen.

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